Dennoch ist der Ton auch hier schon nachtsichtig geworden. Gewiß und

absichtlich nicht allenthalben, Melot, Brangäne und Kurwenal, auch

Marke singen in einer anderen Weise. Brangäne bleibt töricht und

trivial, ohne zu ahnen, was geschieht, Melot, der Gegenspieler, wird

zum kurzsichtig urteilenden Verräter, und nur Kurwenal und Marke, die

beiden guten Menschen, stehen zurückhaltend, demütig geworden vor dem

ganz und gar Undurchdringlichen, Kurwenal sogar ohne zu fragen oder

die neugierige Frage des Hirten zu verstatten, vor dem unerforschlich

tief geheimnisvollen Grund, der Tristan zum Verbrecher macht und der

sich selbst im Sehnsuchtsmotiv nur sehr unzureichend ausdrückt. Es

ist fühlbar, welch ein anderer Ton erklingt, wenn die Tagmenschen,

diese blöde Wachen und Erwachsenen überhaupt, und wenn die beiden

Nachtgeweihten sprechen. Weniger zuerst, wo es noch, zackig oder starr

rhythmisiert, Isoldens Schmach und Tristans Ehre zu hören gibt; aber

wie unendlich stark im zweiten Akt: der Anker ist los, das Steuer ist

dem Strom, den Winden Segel und Mast übergeben, Welt, Macht, Ruhm,

Glanz, Ehre, Ritterlichkeit, Freundschaft, alle Güter des Tags sind

wie wesenloser Traum zerstoben: es bereitet sich zur Fahrt in das

geheimnisvollste Land, und das grelle Tagmotiv, auf das Melot, der

Verruchte, zuerst singt, harmonisch dem:»Wer wagt mich zu höhnen?«des

Anfangs verwandt, und das den zweiten Akt eröffnet, schneidet mit

seinem jähen Intervall und seinem aufpeitschenden, harten, auch stark

hervortretend plastischen Rhythmus fühlbar in den langsamen Zug, in

das überwiegend akkordische, rhythmisch zögernde Adagio der Nacht.

Ja selbst in dieser hat man den zwingenden Eindruck, es gäbe nicht

einmal solche stillste Art von Musik, wenn Isolde und Tristan sterben

könnten, wenn sie nicht die Sehnsucht doch noch an diese Welt in jener

bände, weswegen ja Wagner im ersten Entwurf den wandernden Parsifal,

ein anderer, tieferer Heilssucher, an das Sterbelager des todwunden

Tristan gelangen lassen wollte. Noch losch das Licht nicht aus, noch

ward's nicht Nacht im Haus: sonst wäre nichts mehr zu vernehmen, aber

der Drang, die Liebeslust, der sich ewig neu ausgebärende Wille,

wenn auch nicht mehr der zur irdischen Fortpflanzung, nicht mehr der

Gattungswille, die krampfhafte Mutter, die nicht sterben will, was sie

müßte, damit das geistliche Kind leben kann, -- sind geblieben, und

die alte ernste Weise des Hirten ertönt, sich zu sehnen, im Sterben

sich zu sehnen, vor Sehnsucht nicht zu sterben: nach Isolde, die noch

im Tag lebt, nach Tristan, der in dem Reich, vor dem er erschauert,

Isolden nicht begegnen konnte, weil ihn die Nacht dem Tag wieder

zuwirft, und so auch jene allertiefste, aber immer noch exoterische

Musik wieder an unser Ohr dringt, die an dieser letzten Übergangsstelle

wohnt. Das müßte freilich nicht so sein, denn der Ton hat keine

Grenzen. Es ist sonderbar genug, daß uns Tristan und Isolde überhaupt

entschwinden können, daß sie uns auch im Ton, bei so tiefer Zurüstung,

nichts mehr zu sagen haben. Denn niemals sonst war die Musik so sehr

dazu geschaffen, die ganze Nacht zu tragen, als einen Zustand und

Begriff, wie er sich durch das ganze Werk hinzieht und die eigentliche

Terminologie Tristans bildet. Aber so scheint es doch nur die

Dämmerung, freilich eine weitabliegende, und nicht die Nacht zu sein,

auf die sich die Tristanmusik, die immer noch irdische, prozeßhafte,

bezieht. So fühlbar auch hie und da das Ende des Wahns aufzuleuchten

scheint, lautlose, buntschattige Träume, ein geistliches Leben, der

Liebesraum, die lyrisch überdauernde, metadramatische Glorie, so

unzulänglich zieht es sich doch wieder in der weiten und unscharfen

Perspektive des Allgemeinen, der Liebe überhaupt und ähnlicher

gestaltloser Zentren zurück. Gewiß, niemals wurde das Ich gründlicher

gesprengt und entschiedener zum Anderen übergeführt.»Du tratst aus

meinem Traume, aus deinem trat ich hervor«: um so in dem Anderen,

ausgetauscht und mit seinem Bild im Herzen, die Lyrik der Fremdgefühle,

der im Anderen lebenden Selbstgefühle zu gewinnen. Aber das Wörtchen:

Und, das Tristans und Isoldes Liebe bindet, vermag diese doch nicht

zugleich zu distanzieren; es führt die Seelen ineinander über, macht

ihre Gesichter und Gestalten letzthin unkenntlich und treibt derart

entsprechend der indisch Schopenhauerianischen Gegenstandslehre der

Musik alles Selbstische, Luziferische nur um den Preis aus den

Subjekten aus, daß sich statt dessen, in des Weltatems wehendem All,

ertrinkend, versinkend, unbewußt, die heidnische, die subjektfremde

und asiatische Allgemeinheit des Brahm ausbreitet. Deshalb bleibt auch

der nachtsichtige Ton bei Wagner zuletzt mit leeren Händen stehen,

deshalb geben uns Tristan und auch Parsifal zwar den vollen lyrischen

Glanz, die volle, überdramatische Entbrennung des luziferischen Ichs,

folglich die gegenständliche, ontologische Erfüllung der Mozartschen

Märchenoper, ja sogar der Bachschen Passionen und ihrer dort erst

adamitisch-christlich entbrannten Lyrismen, aber so durchdringend

auch allenthalben bereits der stillere, tiefer christliche Glanz des

Adagio darüber liegt: das, was hinter dem Prozeß des Sehnens ist,

die Ruhe, die völlige Seele, die Bachsche Fuge als musica sacra, das

metaphysische Adagio, die Musik als»Raum«, die Musik des parakletischen

Ich, der architektonische Kontrapunkt oberster Ordnung, das alles

bleibt wegen der zutiefst unchristlichen Mystik des Wagnerschen

Allgemeinen und Überhaupt unerreicht.

Wer einmal wahrhaft drüben war, kehrt nicht mehr heil zurück. Er ist

abgetrieben, als hätte er Blut in den Schuhen, oder aber, je nachdem,

er hat den langen Blick. Auch Tristan hat alles vergessen und ist

völlig fremd geworden, in den fünfhunderttausend Jahren, da er in die

Nacht geblickt hat.»Welcher König?«fragt er Kurwenal, der über Bord

auf Marke deuten muß, als ob es für Tristan überhaupt jemals einen

anderen König gegeben hätte. »Bin ich in Kornwall?«fragt er zuletzt,

da er Kareol, die Burg seiner Väter, nicht mehr erkennt. Und wiederum:

»O König, das kann ich dir nicht sagen, und was du frägst, das kannst

du nie erfahren«; ja, als er jäh erweckt, fassungslos auf Melot und

die eindringenden Männer starrend, die Worte Markes, seine eigene,

unermeßbare Schmach und Todsünde langsam zu verstehen scheint, will

sich Tristan doch kein anderes Verstehen mehr zeigen, als das des

Mitleids und der zunehmenden Trauer um Marke. Hier ist der Schein, in

dem die anderen leben, so unverständlich geworden wie diesen seine

Nacht. Es sind Taggespenster, Morgenträume, täuschend, wüst und völlig

sinnlos in ihrer schneidenden Banalität. Hier brennt kein Licht mehr,

das lösen kann, mit Weite und chromatisch mythologischer Geschichte;

der Erste, der ins Unsichtbare, Wahrhaftige ging, sah nichts, der

Zweite wurde wahnsinnnig, und Rabbi Akiba ist niemand als sich selbst

begegnet; auch die Nacht, in der Tristan war, hat keinen Morgen mehr

auf dieser Welt.

Aber es gibt noch einen anderen Helden und seinen Zug. Es gibt noch

eine andere Sonne, nicht gegen, sondern hinter der Nacht zu finden.

Zu ihr hin sind die vier Menschen im Parsifal voll anderer Sehnsucht

unterwegs. Noch jetzt lebt Kundry märchenhaft als die verschlagen

gutmütige Frau des Menschenfressers oder auch Elternmutter des Teufels

weiter. Noch jetzt hat uns das Märchen»Tischlein deck dich«den ganzen

Gralsmythus bewahrt, den diebischen Wirt, den Knüppel aus dem Sack

oder die heilige Lanze, den Esel Bricklebrit oder den Mondgral und das

Tischlein deck dich, den eigentlichen, höchsten Sonnengral selber. Man

weiß auch, daß Klingsor und Amfortas ursprünglich eine einzige Person,

nämlich der Wolkendämon waren, der das Licht verbirgt. Nicht ganz so

deutlich ist Parsifal zu entwirren, der zuerst befruchtende und dann

völlig entsagende Held. Er tritt schon frühe an die Stelle Thors,

des Gewittergottes, der den Göttern immer wieder den Sonnenkessel

aus der Gewalt des Riesen Hymir entwenden muß, als welcher im Osten

der Urgewässer wohnt. So ist auch Parsifal in den indischen und

mittelalterlichen Sagen, die, worauf Schröder zuerst und mit Glück

aufmerksam machte, allesamt auf diese uralten Astralmotive zurückgehen,

wesentlich der kesselraubende, gralsuchende, sonnenerobernde Held,

der Meister des Regens und vor allem des Lichtzaubers geblieben. Nur

das völlig Reine, die Unschuld des Herzens ist als christlicher Zug

hinzugekommen, aber sonst schimmert der ursprüngliche Astralmythos

immer noch soweit durch, daß Parsifal die Lanze entweder erst suchen

muß, oder aber sogleich mit der Lanze als dem Gewitterinstrument den

Wolkenriesen tötet, um den Mondtau als den Trank Soma oder das Nektar,

vor allem aber den Lichtkrug, das Ambrosia, das heißt eben den Gral

mit der Sonnenspeise, die spätere Schale, in der Josef von Arimathia

das Sonnenblut, das Heilandsblut aufgefangen hat, zu gewinnen. Hier

hat Wagner in allem verstärkt und vertieft, die Einweihung durch Liebe

hinzubringen. Kundry, sündig, verworren, doppellebig, vom Guten zum

Schlechten durch einen totenähnlichen Schlaf getrennt, der Schoß der

Wollust und endlosen Geburt, ewig verlachend, ewig ungläubig, aber

auch die heilende, kräutersuchende, demutvollste Dienerin. Klingsor,

der Dieb, der Zauberer des falschen Tags, Amfortas, der Unterliegende,

krank an seinem grenzenlos begehrlichen Herzen, ein ins Undenkliche

gesteigerter sterbenwollender Tristan, in seiner Weise Dieb, aber voll

heiliger Begierde nach dem Verhießenen, nach dem orphischen Erneuerer

des Heiltums. Parsifal, arm, unerfahren, der reine Tor, durch Mitleid

wissend der reine Tor, welthellsichtig, in dem das ungeheure Leid

die Augen aufschlägt, der den Drachen überwindet, dieses Symbol des

Weibes und der Wiedergeburt, und nun, ein anderer, höherer Siegfried,

nicht so sehr die Sprache der Vögel als das, was keine Sprache hat,

das ängstliche Harren der Kreatur nach der Offenbarung der Kinder

Gottes versteht. Bei ihm ist das Keusche und Reine absolut geworden;

Parsifal ist nicht mehr der sich überschwänglich ergießende Jüngling,

der die Wolken zerspaltet und rein naturhafte Fruchtbarkeit bringt,

sondern umgekehrt, er verwandelt den Zaubergarten in eine Einöde,

und das Brachland im Gralsgebiet wird mit einer durchaus anderen als

der Tagessonne und einem durchaus tieferen Lichtanbruch als dem des

bloß naturhaften Weltensommers gesegnet. Aber immerhin, es geht von

neuem der Sonne entgegen; der geheime Fußpfad ist deutlich da, auf

dem sie die Berge ihres Aufgangs wiederfindet. Was der Liebesnacht

nicht gelang, ist der heiligen Nacht gelungen: auf dem Grunde ihres

Brunnens die schöne Wiese, das rätselvolle Licht des Karfreitagmorgens

zu gewinnen. Schon die äußere Helle verläßt den Tag:»Wie die Sonne

froh sich scheidet aus des Tages leerem Schein«, dichtet die Freundin

im dritten der fünf Gedichte mit sonderbarer Dialektik, zugleich

nachtmystisch sein zu können und doch das Tagesgestirn zu retten; und

die Musik des Parsifal, wenigstens dort, wo sie nicht bloße Handlung

ist, also der Irrnis und des Leidens Pfade dramatisch mit durchmißt,

sondern still wird und dem himmlischen Morgenglühen seine unbewegte,

metadramatische, ontologische Deutung zu schulden sich bemüht: beim

letzten Mittag, bei den Exequien, bei der zunehmenden Dämmerung in der

Tiefe und dem wachsenden Lichtschein aus der Höhe, bei der frommen,

rätselhaften Blasphemie des:»Erlösung dem Erlöser«, -- die gesamte

ontologische Musik des Parsifal will nichts als in jenen innersten Tag,

in das Wort»Seele«hineinführen, das nicht mehr von dieser und kaum noch

von jener Welt ist, kaum noch dem äonenhaften Lichtprunk der alten

Throne, Herrschaften und Mächte zugetan. Das ist ein Licht, von neuem

über alle verhallenden Worte hinaus oder nur noch jenem einen Wort

entgegen, das die Riegel sprengt, dem nichts so nahe kommen kann als

das neue sich Vernehmen und Eingedenken der Musik, das Hebbel in den

unvergeßlichen Versen ahnte vom Tauben und vom Stummen und Gott hat ihm

ein Wort vertraut --

»das kann er nicht ergründen,

Nur einem darf ers verkünden,

Den er noch nie geschaut.

Dann wird der Stumme reden,

Der Taube vernimmt das Wort,

Er wird sie gleich entziffern,

Die dunklen göttlichen Chiffren,

Dann ziehn sie gen Morgen fort.

Daß sich die Beiden finden,

Ihr Menschen betet viel.

Wenn, die jetzt einsam wandern.

Treffen, Einer den Andern,

Ist alle Welt am Ziel.«

Freilich auch nur den fernsten Schein dieses Tages zu geben, mag

vorläufig noch weniger gelingen als die Musik der Nacht; wenn auch

der Ton im Parsifal durchaus nach oben weist, also das Allgemeine

nicht so sehr in die breite, meerestiefe Mystik herabzieht wie im

Tristan, so konnte er doch nicht sonnensichtig werden, so vermag hier

doch die Musik noch weniger zu»sprechen«oder gar deutliche, nicht nur

stimmungsmäßige, formal mythische, sondern inhaltliche, konstitutiv

mythische Berührungen mit der oberen Welt zu geben; und daß sie

dieses nicht vermag, daß sie nicht ausspricht, sondern bestenfalls nur

aufschließt, daß das metaphysische Adagio immer noch bloße, undeutlich

feierliche Musik~sphäre~ bleibt ohne alle Kategorien, erweist

von neuem, in dieser aufsteigenden Polemik aus Bewunderung, aus dem

Maß des absoluten, wiefern die Wagnersche Musik doch von dem letzten

heiligen Stand, von der Erfüllung der Musik als Verkündigung, als über

alle Worte hinaus beginnender Lösung unserer geheimen Natur, noch durch

einen Sprung geschieden ist. --

Nun aber läßt sich nicht verheimlichen, daß Wagners Werk auch andere

Kreise gestreift hat, als sie musikhaft tieferhin erwünscht sein

können. Wie ein verrufener Ring allen seinen Besitzern das gleiche

Verderben bringen soll, so hat auch statt Mozart die allzu weitgehende

Wiederaufnahme der alten heidnisch-kultischen Aktion den übrigen

Wagner, vor allem dem der Nibelungentrilogie, rettungslos dem Traum des

bloßen Naturwillens als Gegenstand ihrer Musik ausgeliefert.

Denn keiner handelt hier, wie er selber möchte und könnte. Ist der

Eine, so prahlerisch, ein Held? ist der Andere ein Gott? Sie sind beide

nicht das, wofür sie sich wortreich genug ausgeben. Siegfried leidet

und folgt mit Gefühl und possenhaftem Hornruf seinen unbedeutenden

Trieben. Wotan ist schon bühnenmäßig durch sein eingeschlagenes Auge

und den Lampenschirm davor verhindert, ein Gott zu sein, und nichts

Übermächtiges, Geheimnisvolles ist an dieser langweiligen Gestalt.

Das Geheimnis ist auf die Nornen und auf Erda zurückgeschoben, und

sein Walten wirkt nicht überzeugend. Hier drängt sich, wie wir

sagten, der Ton fast völlig ins Leere und trübgeworden Tierische

herüber. Es gibt in diesem Werk keinen Durchblick, der anders aus der

Enge der Person herausführen könnte als dadurch, daß er eine Welt

von Pappe, Schminke und heilloser Heldenpose auftut. Die fühlenden

und agierenden Menschen sind angemalte Marionetten geworden, an

denen sich das Vergewaltigende, Unwürdige, Ichfremde, äußerlichst

Allgemeine und Abstrakte dieses Wahns abspielt. Das alles wirkt

mit wallender, portièrenhafter Aufmachung, mit totem Sprechgesang,

peinlichen Jordanschen und Felix Dahnschen Reminiszenzen und einer

Lyrik, die trotz vieler herrlicher und seelenvoller Einzelheiten,

wie man sie nur gern am anderen Ort sehen möchte, das Gequälte,

lange Liegengebliebene und dann wieder Aufgenommene, das Künstliche,

Gelehrtenhafte und nur mit der Lampe Zusammengeschweißte dieses

Sagenwerkes nicht vergessen machen kann. Gewiß ist hier der Ton an

sich unvergleichlich viel reiner als das Neue, das dann aus Ton und

Wort, aus dem sich allzu selbstgerecht vordrängenden und doch bei

keiner Aufführung verstehbaren Wort gemischt ist. Wagner erfindet

nicht nur viele Einzelheiten, ja ganze Gestalten aus dem Klang, --

man denke etwa an Loge, der mit dem Flackern überhaupt erst anhebt

oder an das uns unheimlich mit versinken lassende Vergessenheitsmotiv

oder an die düstere Größe und Einsamkeit, an die wahrhafte Endes-

und Todesmusik in Brünhildens Schlußgesang, -- sondern der Meister

entdeckt auch in seinem quer durch die Bewußtseinswelt und noch quer

unter die Bewußtseinswelt gelegten Orchester wesentliche Bewegungs- und

Begründungsmittel, also Leitmotive im mehrdeutigen Wortsinn, die das

wachende Textbuch nicht enthalten kann. Vielmehr ist hier oftmals ein

hellseherisch vorauseilendes Tun am Werk, das die namen-und begrifflose

Dämmerung der agierenden Willensmächte sehr wohl in der gewaltigen

Bewußtseinsausdehnung, in der Mehrstöckigkeit melismatischer Polyphonie

zu erhellen vermag, nachdem die Willensantriebe in ihren Verkettungen

fast niemals in das vollständigere Bewußtsein der oberen Stimme, also

in das ausgesprochene Motivieren der Menschen fallen können. Aber das

alles reicht nicht aus: immer wieder stockt der Fluß, nirgends wirkt

trotz des Kochens der Musik und trotz der unendlich vielen Bühnenbilder

eine Handlung, und der Ton schlägt so oft in seinen halbmilitärischen

Tamtamschlag oder auch in sein weites, niedrig, niederstehend

allgemeines Espressivo zurück, als sich nur ein schicklicher Ort für

diese sonderbar subjektlose Tierlyrik auffinden läßt. Man sieht,

der Klang erzeugt hier bei allem Toben nur Leidenschaft, aber keine

echte Handlung, und noch weniger persönlich zwingendes, metaphysisch

bedeutsames Schicksal. Es ist zufällig, daß mit Brünhilde dieses und

mit Siegfried jenes vorgeht, ihr Schicksal ist traurig, aber nicht

notwendig, nicht tragisch, und die Götter, die es verhängen, werden

Götter genannt, ohne es zu sein. Wie man mit Recht bemerkte, daß die

Wagnerschen Liebesheldinnen nie Mütter werden, die eine Sieglinde

ausgenommen und auch die nur, damit sich der brünstige Liebesglanz ohne

weitere Korrektur bei Brünhilde und Siegfried wiederhole, so hat auch

das Ganze trotz aller Breite, trotzdem hier Menschen und Götter sich

begegnen, trotz aller letzten Weichheit, phantastisch beseelten Natur,

Riesenhaftigkeit der Geschicke, Eschatologismen des Hintergrunds,

des Ragnarök -- doch kein Gesicht, keine Fortsetzung nach vorn hin

und nach oben hinauf, keine echte Handlung dramatischer oder gar

metadramatischer Art. Das ist insgesamt und durchaus Untermenschliches

und kann seine magischen Springwurzeln nur benutzen, um statt der

Erlösung eine hilflose, rein naturhafte Narkose zu geben und statt des

weitgebauschten menschlichen Herzens, statt des endlich erklärten,

als Musik erklärten, dauernd bei den Menschen wohnenden Barocks,

unterirdische Falltüren, Allgemeinheiten, Verrätereien und Naturmythen

aufzuschließen. Das ist nicht wahr und bleibt»Kunst«im schlechten

Sinn, ohne geschichtsphilosophischen und metaphysischen Ort; dekadente

Barbaren und dekadente Götter sind hier dramatis personae, und nicht

die Sehnsucht nach Siegfried, dem germanischen Messias, nicht der

ferne, letzte, von ontologischer Musik beschworene Gott der Apokalypse

und des apokalyptischen »Gnadendramas«. -- So ist hier alles bewußte

Wollen aufgegeben, ohne ein anderes zu gewinnen. Es rauscht, es blitzt,

der Nebel spricht und spricht doch nicht, denn alles schwimmt zusammen,

und das Wort redete drein. Es ist aber zu gewinnen, das andere Wollen,

Beethoven war auf diesem Weg, mit männlicher, ungeheuer naiver,

gegenständlicher, dynamischer Kraft, und diese allein kann wieder

mystisch, erlaubt mystisch machen. Man muß dazu indes auch warten

können; der Musiker muß letzthin imstande sein, völlig rein, losgelöst,

absolut zu bleiben und zuzusehen, wohin ihn die Formgesetze seiner

Kunst führen, ohne jeden eigenen Einfluß des Poetischen, das vielmehr

auch in der transzendenten Oper nur eine Variable sein darf, und am

Schlusse sogar ohne jedes poetische Korrelat. Sonst zerrt sich alles

soweit herunter, daß wir überhaupt nicht mehr in Betracht kommen und

allein noch der unbewußte, pathologische Wille regiert. Der eingeengte

Ton rächt sich, indem er sich, schon ohnedies dionysisch, nun auch

noch zurückstaut und derart, nachdem hier die ihn nicht zu Ende

redenlassende Poesie vorgelagert ist, die dramatischen Menschen in eine

Region zurückverlegt, wo sie nur mehr Blüten an einem Baum sein können,

der kaum der Baum der Seele ist, ja sogar nur tauzende Schiffe, die

widerstandslos das Leid, den Kampf, die Liebe und Erlösungssehnsucht

ihres untermenschlichen Meeres mitmachen und über die in jedem

entscheidenden Augenblick nicht ihr Charakter und ihr musikalisch

aufglühender Subjektkern, sondern die Weltwoge des Schopenhauerschen

Willens hinweggeht. Gewiß leisten die Einzelseelen einen bestimmten

Widerstand, aber nicht den des principium individuationis, sondern mehr

den dienstbaren Anhalt, wie er zur Versinnlichung in Bühnenhaftigkeit

schlechthin, auch undramatisch, notwendig ist. Das ist nicht das neue

einsame Ich, das nur von sich reden kann und es den anderen freistellen

muß, ob sie sich darin finden, noch auch das Ich des Volkslieds oder

Minnesangs, das von dem Liebenden, dem Alternden schlechthin als einem

kollektiven Typus spricht. Ja, die Einzelseelen können nicht einmal

mehr als bloße Schauplätze betrachtet werden, auf denen die abstrakten,

aber doch noch auf die Menschen zurückweisenden Mächte der Sinnlichkeit

und Vernunft ihre Kämpfe ausfechten, sondern die unteren Spalten sind

geöffnet, das Untere tritt an die Stelle des Oberen, das Meer tritt die

Erbschaft des Himmels an und das Ich schlägt sich, hie und da sogar

in den Meistersingern, derart in Drang, Wahn und Glühwurmgleichnis,

in Johannisnacht, Johannistag und Unbewußtsein überhaupt, in Wogen,

Dampfgewölk und niedrigen Hochschlaf zurück, daß es nicht mehr aus sich

und erst recht nicht aus dem Beethoven-Comteschen Grand être als der

sozial mystischen Entität der Menschheit redet, sondern aus dem Bauch

des alten Naturgottes, nur ohne dessen siderische Klarheit und alte

plastische Mathematik. Damit ist eine willenlose Hingabe an die Stelle

des kräftigen Einstehens, der Härte, Strenge, des Sündenbewußtseins

und der streng individuellen Postulate des christlichen Glaubens

gesetzt. Es ist alles heidnisch, was die Wagnersche Nibelungenmusik,

diese sonderbar mit Schmutz, Gold und Narkose durchwachsene Musik,

an Breite, falscher Entrückung und anonymer Glorie zum Dienst

ihres christlich erschütterten, aber nicht christlich gesprengten

Naturprinzips bereit gestellt hat. Daß es so gekommen ist und daß die

Aufzeigung des Objekts der transzendenten Oper, an ihrem gefährlichsten

und wenigsten gelungenen Typus gemessen, so überraschend ins überhitzt

Unwesentliche und zutiefst Undramatische geht, liegt aber, immer wieder

ersichtlich, durchaus nicht nur an der nach dem falschen Gegenstand

hin bewegten, dionysischen Tanzrhythmik, sondern auch an der Invasion

des Poetischen, sofern dieses die Tonkräfte herunterdrücken wollte,

zum Malen der Nachtseite und der abgewendeten Mondhälfte der Natur,

und solches nun die abgesetzte, aber im Wagnerschen Genie unabsetzbare

Musik dazu zwingt, sich im Traumartigen, Unbewußten so mächtig

und mit solch voller, ihr eingeborenen Absolutheit auszubreiten,

daß ihr die Augen und das noch nicht Bewußte, Überbewußte, das

heroisch-mystische Phantom Mensch und die wahrhafte Unendlichkeit des

innerlich Wirklichen und Ontologischen verloren gehen. Freilich, es

gibt Forderungen, die geschichtlich, dem Stand der oberen Uhr nach,

nicht erfüllbar sind. Aber Wagner hat sich zu einem gewissen Teil um

seine Stunde gebracht, die eine große und heilige Stunde war, und in

der die ungeheuren Impulse seines Tristan- und Parsifalmysteriums

wirksam wurden. Was derart nicht erreicht worden ist, das sind jene

immer noch ausstehenden Erfüllungen der Bachschen ontologischen

Lyrik und der Fuge, des Bachschen melismatisch kontrapunktischen

Gleichgewichts, das Ziel der Reinigung, der schlechthinigen Gegenwart,

der unzerblätterten Rose der Jungfrau, des unzerrissenen Herzens des

Sohns, der Überwindung jedes Agens zum Raum und der Heimkehr müder,

namenloser Kaspar Hauser-Natur in den Thronsaal ihrer himmlischen

Herrlichkeit. Insofern kann man sagen, hat Wagner allerdings von der

eingeborenen luziferischen Zielrichtung auf das Selbst abgelenkt; und

der Wagnersche Tongang, der geborene Erheller des Mana, Buddhi und

Atma als der drei oberen Reiche der Seele, ist dort mit auf Grund der

erzfalschen indisch-Schopenhauerschen Musikdefinition ins Verblendende

und vergiftet, pathologisch Mysterische umgeschlagen, wo bei völliger

Freiheit und Konsequenz der Musik das keimende Zungenreden, also das

luziferisch-parakletische Wollen des menschenhaften Musikgeistes selber

vom Geheimnis des intelligiblen Reichs hätte verkündigen können.

* * * * *

Damit ist eine lange Reihe zu Ende. Sie hat unermeßlich Herrliches

gebracht, und doch bleibt das bittere Gefühl, das Mozart, Schubert

und Beethoven vor dem Sterben quälte, nämlich, daß es ihnen sei,

als ob sie jetzt erst anfangen müßten, als ob sie noch keine Note

geschrieben hätten, auch für den Begriff in Kraft, nur mit dem

Unterschied, daß sich die Bitterkeit in Jubel und Hoffnung verwandelt.

Der Ton»spricht«noch nicht, er ist überdeutlich genug, aber niemand

kann es ganz verstehen, es ist ein heißes Stammeln, wie bei einem Kind,

und die supponierende, von sich aus vorschreibende oder auch nur auf

fallende»Poesie«stört mindestens im Musikdrama sowohl den Ton wie sich

selber, ihre eigene, ebenfalls untergeordnete, ja erschlagene Potenz.

Fertig sind nur die Teppiche, diese Stakes und Zukunftskorrektive,

und dann, minus der Bachschen Fuge, ihre Erfüllungen in der realeren

Sphäre, während gerade die durch Wagner zur höchsten expressiven

Bestimmtheit erzogene Symphonie noch immer auf ihren durch sie selbst

absolut musikalisch geborenen Gegenstand, eben auf das erfüllte

Plus der angelangten»Bachschen«, Musik als Raum, auf den aus der

unabgebrauchtesten Sprache, aus der unermüdetsten Jugendlichkeit und

unenttäuschbarsten Phantastik geborenen Gegenstand wartet. Zu hoffen

bleibt vieles, und eine große Situation wird reif; die Tage stehen vor

der Tür, in denen sich das beständig zuquellende innere Leben überhaupt

nicht mehr anders als im Musikalischen, Ethischen und Metaphysischen

ausdrücken kann, wobei es auch wahrscheinlich nicht mehr länger

notwendig sein wird, sich bei dem Satz des Areopagiten: das göttliche

Dunkel sei das unzugängliche Licht, in dem Gott wohnt, als der obersten

Fassung aller assoziativen oder indirekten Faktoren der Kunst zu

bescheiden.

Zur Theorie der Musik.

Die Kunstrichter.

Wir hören aber nur uns selber.

Geist der Utopie · 第 12 / 39 段