Das Weitere wurde durch Tanz und synkopische Wirkung erleichtert.

Sie ist von Beethoven wesentlich erfunden und von Wagner so sehr

zur vollen Ausbildung gebracht worden, daß man bei ihm, so in dem

fast durchgehends synkopierten Tristan, alle ihre Fälle erlernen

kann. Es ist ein Schleppen oder Vorwärtsdrängen, ein Retardieren

oder Antezipieren des melodischen Zugs; oder wie Grunsky die Synkope

gegen Riemann zum ersten Mal richtig bestimmt hat, ein neuartiges

Herausholen und Neubetonen taktmäßig unbetonter Stellen, ein Neues

im Takt, ein Spannen und sich Messen des Betonten am Unbetonten wie

des Unbetonten am Betonten, wodurch es vermittelst der Reibungen,

die durch das Nebenher verschieden geteilter Zeiten entstehen,

möglich wird, mehrere Rhythmen, wenn auch nur am Stoß beim Taktende

fühlbar, gleichzeitig durchzuführen. Dadurch, freilich nicht dadurch

allein, wird der Takt vielhaltig und gestopft, ja man kann mit

lehrreicher Übertreibung sagen, jetzt wandelt sich ein Takt in

tausend Takte, und der Platz für jede Mehrstimmigkeit ist mit der

unstabilen, synkopenreichen Polyrhythmik bereitet. Jede der vielen

zugleich erklingenden Stimmen hat wieder etwas zu spielen, ihr Solo

zu spielen; das Melisma bindet sich an die Harmonie, die Harmonie an

den Rhythmus, und dieser an das Insgesamt des jetzt nicht mehr nur

leer, unverschmolzen, außerharmonisch, sondern rein harmonisch und

darüber noch musikdramatisch gehörten neuen Kontrapunkts der Synkope.

Darunter ist also nicht mehr das leichte Schweben zu verstehen. Eher

noch dürfte hier der Bauerntanz die kräftigere Bewegung erhalten haben.

Noch heute gibt es bei allen wilden Völkerschaften ein furchtbares,

geheimnisvolles Wirbeln, und von da zum Tanz der Derwische und Davids

Tanz vor der Bundeslade ist es vielleicht nicht einmal ein Schritt.

Aber das alles ist von den frühchristlichen Gemeinden als heidnisch

abgelehnt worden. Das heißt, der Gesang, der den Tanz begleitete,

blieb als religiöses Erregungsmittel, aber wie der buhlerische Klang

der Instrumente verabscheut wurde, so schienen auch die lebhaft und

wechselvoll geteilten Zeitmaße des alten Tanzes der Meeresstille

des Gemüts zu widersprechen. Derart entstand der bloß harmonisch

angedeutete Taktwechsel des Chorals. Er ist frei von jeder Spannung,

wenn man nicht schon in der ruhigsten Bewegung zur Tonika eine Spannung

sehen will. Wahrscheinlich ist auch, so wenig wir jetzt darum herum

können, die Auffassung der betonten Note vor dem Atemzeichen als einer

rhythmisch gliedernden Fermate geschichtlich unhaltbar. Anders wurde

erst das Bild, als die italienischen und französischen Meister der

galanten Musik erschienen. Sie griffen jedoch in ihrer Sucht nach

lebhafterer Bewegung nicht zu den alten Bauerntänzen zurück. Sondern

wie die steif gewordenen Menschen auch heute noch nichts anderes als

den Walzer tanzen können, so machte man sich damals (es war zwar

ein graziöses Geschlecht und, wie die Gigue beweist, bedeutete der

Sprung von der Kirmes zum Ball nicht unbedingt den Verlust aller

raffinierteren Zeitmaße) eine gewisse leichte, federnde und doch

wieder höchst reizvoll gehemmte Schwebung in Gleichmäßigkeit zurecht,

die den Tonschritt ebensosehr im Schwung erhält wie sie die weitere

Konsequenz, das mehrstimmige Durcheinander der Synkope verbietet.

Freilich war schon früher durch die Einführung der mensurierten

Notenschrift der Weg zum geteilteren Takt frei geworden. Aber das

alles hing maßlos ins Unausführbare, klanglich und künstlerisch

Gleichgültige, in die Schaupartitur und bloße Theorie herüber. Darum

konnte es erst anders werden, als vor allem durch Bach der alte

Volkstanz mit rezipiert wurde, der ja weit zurückreicht, vieles

Primitive treu bewahrt hat und, wie noch jede ungarische Zigeunermusik

bezeugt, dem vielfältigeren Rhythmus polyphonischer Musik nicht allzu

fern steht. So hat Bach in einer Weise rhythmisiert -- wir erinnern

hier nur an die Arie»Erbarme dich mein«aus der Matthäuspassion oder

an die zahlreichen»Umarbeitungen«der französischen Tanzformen in den

Partiten --, die völlig wie die wiedergewonnene, selbstverständlich

ungewollt und ungewußt wiedergewonnene primitive, heidnisch-kultische

Steinschlag- und Trommelrhythmik wirkt. Aber nun zieht gerade dieses

ein sonderbares, ungerufenes sich Berauschen mit herüber, das nicht

nur seelisch ist. Man weiß, wie zutreffend Wagner Beethoven durch den

Tanz, durch das Packen, Atmen, Pulskurve erläutert hat. Das hindert ihn

freilich nicht, inkonsequenterweise, die Tanzform, weil er sich nur

an ihr gesellschaftliches, banal eurhythmisches Vorkommen hält, aus

dem Tonzusammenhang letzthin herauszudenken. Es ist merkwürdig genug,

daß Wagner, nachdem er das bekannte Wort von der achten Beethovenschen

Symphonie als der Apotheose des Tanzes geprägt hat, nun doch wieder der

Beethovenschen Kunst, und zwar eben wegen dieser ihrer Tanzgebundenheit

das Vermögen abspricht, gewisse Grenzen des musikalischen Ausdrucks

zu überschreiten. Denn der Tanz zieht nach Wagner herunter und stimmt

demgemäß auch die leidenschaftliche und tragische Tendenz so tief

herab, daß die Frage nach einem Warum, nach einem dem Tongeschehen an

sich vollkommen fremden empirischen Kausalzusammenhang unvermeidlich

wird. So war Wagner nie geneigt, das rhythmische Moment besonders

hoch einzuschätzen, in dem er, selbst unermüdlich in der Aufstellung

rhythmischer Probleme und dazu noch der erklärte Liebhaber der tönenden

Gebärde und aller theatralischen Versinnbildlichung, dennoch nur eine

Berührung, ein Tertium comparationis mit der anschaulichen plastischen

Welt sah, wodurch, wie das Licht am Körper, so auch die Musik gemäß

dem niederen Sinn einer empirischen Realität erst wahrnehmbar würde.

Jedoch wichtig ist hier nur das Eine, Ausschlaggebende, daß Wagner

im Grunde gegen den Tanz und sein Warum nichts einzuwenden hat, ja

daß er sich selber widerspruchslos als den Beschwörer und Erneuerer

des orgiastischen Dionysos definieren ließ, sobald dieser nur in

einer völlig idealischen Form als dramatische Aktion erscheint und

demgemäß auch der Beziehung auf die leidenschaftlichen, tragischen

und transzendenten Tendenzen der Musik fähig wird. So ist also

zugleich mit dem vor sich Hinsingen, mit der Rezeption des Tanzes

und mit der kammermusikalischen Feinheit, die in Wagner ihr Vorbild

und Urbild fand, der ganze erste, noch namenlose, echte Teppich

des primitiven und des korrekten Reichtums eingeholt. Aber gerade

indem die synkopische Wirkung von dem neualten Tanz Unterstützung

erfährt, bleibt dieser feurige Rhythmus nicht nur wie ein Teppich mit

sachlich und gegenständlich zu nichts verpflichtendem Korrektivwert

zu den Füßen der Wagnerschen Polyphonie liegen, sondern irgendwie

geht das uralt darin inkarnierte Heidentum mit, sowohl um seinen

dionysischen Charakter mitzuteilen, als auch um der Musik allerlei

rauschhafte Selbstvernichtungen, Diktatur des Unterleibs, physiologisch

erdgebundene,»allgemeine«, subjektlose, molochartige, brahmahafte

Transzendenzen vorzuschreiben.

[Sidenote: Die akkordische Polyphonie.]

Das Dritte und Wichtigste, das zum bunten, vielstimmigen, dabei

dramatischen Gewebe unendlicher Melodie führte, ist die Harmonie.

Schon im Gesang ist jeder Ton bewegt und tätig. Das heißt, schon

in der einstimmigen Reihe ist der Ton auf den Akkord hin tätig.

Überall stammt der Tonschritt aus dem Dominant- und Kadenzgefühl,

und wenn auch die Homophonie den weiteren Zug zu Akkorden schwächt,

so nimmt sie doch nachträglich nichts hinweg, was nicht schon eben

in der kurzen Melodie auf sie hin schwach gewesen wäre. Solange

man daher auch ohne alle harmonischen Kenntnisse gesungen haben

mag, so entschieden ist doch von jeher die Tonleiter und dann die

überspringenden Verwandtschaften in ihr, also zuletzt die Harmonie,

treibende und verborgene Ursache gewesen.»Die überraschende Wirkung,

welche viele nur dem Naturgenie des Komponisten zuschreiben, erzielt

man oft genug ganz leicht durch richtige Anwendung und Auflösung der

verminderten Septimakkorde.«Das ist von Beethoven selbst gesagt und,

wie noch zu zeigen sein wird, zweifelsohne wohl imstande, im Bund

einer anders rhythmischen Harmonie, weite Strecken seiner Praxis, so

den ganzen Hauptsatz seiner letzten Sonate zu erleuchten. Jedenfalls

gehen und bewegen sich alle Töne, es ist ein Schreiten in ihnen,

ein Leiten und Geleitetwerden, die Terz will aufwärts, die Septime

will abwärts gehen, bis sich der Wille der Tonart durchsetzt und die

schlußförmige Konsonanz erscheint. Aber auch sie ist nicht eigentlich

da: wo sie zuerst noch ohne harmonische Vorbereitung klingt, ist sie

das denkbar Gleichgültigste, und wo sie zuletzt, und sei es selbst

nach den Schauern der grandiosesten Generalpause, wahrhaft»erscheint«,

sind doch, wie Bruckner am glänzendsten gezeigt hat, vor allem im

ersten Satz seiner siebenten Symphonie, immer noch solche unendliche

Spannungswirkungen, solche unendliche Steigerungen auf der Dominant

und den Dominantwirkungen vor der Konsonanz möglich, daß Halm mit

Recht sagen kann: sie geschieht nicht, die Konsonanz, sie lebt nicht

denn als Forderung, die Geschichte der Musik ist die Geschichte der

Dissonanz. Wo sollte sich also sonst noch ein Anlaß, ein Zwang oder

eine Leitregel des Findens aufzeigen lassen als im Akkord und der

Harmonik? Bach ist groß und die Fuge ist eine unvergeßliche Mahnung.

Aber worin er fort wirkt, das ist bei Beethoven wie bei Wagner

wesentlich Bach als reich durchbrochener Harmonist. Er mußte sich

trotz des erstaunlichen Vergessens seiner Werke in dem Maße selber

wieder in Erinnerung bringen, als man die homophon melodische Satzweise

aufgab und wieder zum polyphonen Geschehen überging, das von neuem

streng wurde und alle Stimmen brauchte, um polyphones Akkordleben zu

erlangen. Es ist ja, wie wir bei Beethoven gesehen haben, gar nicht der

oben oder auch nur der innerlich blühende Gesang, der nach der kurzen,

unverständlichen Bachperiode von neuem zum Sieg gelangt wäre. Stünde es

so und könnte Beethoven mit Recht als der Musiker betrachtet werden,

bei dem alles, sogar die Pause zur befreiten »Melodie«wurde, dann müßte

Bach allerdings als der verspätete Erbe und unwiderruflich letzte

Summist des strengen Stils bezeichnet werden. Gewiß sind die homophon

melodiösen Meister von der außerordentlich reich gestuften Stimmführung

der alten Zeit weit entfernt, aber wenn man einzelne Gebilde Haydns

betrachtet, der oft rätselhaft ernst und tief werden kann, etwa den

Chor des Höllengeistersturzes oder die Ouvertüre zur Schöpfung, dann

zeigt sich eine so überraschend kühne, durchaus schon romantische und

gleichzeitig restlos aus Bachs harmonischen»Zufälligkeiten«gezogene

Harmonik, daß man geneigt wird, alles, was nachher kam, die ganze

romantisch-klassische Chromatik und Polyphonie als das bewegliche,

interessant gewordene Arbeitenlassen der bei Bach auf kleineren Raum

gespannten Feder und als den bloß scheinbaren Fortschritt seiner

Desintegration zu betrachten. Das wäre gewiß zu viel behauptet; aber

das Eine ist daran unverkennbar richtig, daß sich eher noch zu wenig

als zu viel innerliches Solospielen, innerlich-einzelnes Musizieren und

Melisma in Haydn-Beethovens Sonatensatz ausgebildet hat, und daß der,

wohlverstanden: harmonisch-rhythmisch mit dem Akkordziel gebrauchte

Bachsche Kontrapunkt deutlich in der Wagnerschen Polyphonie, in einer

Polyphonie höherer Ordnung als der nicht mehr architektonischen,

sondern dramatischen Kontrapunktik fortwirkt. Nicht nur, daß die neue

orchestrale Farbe abhebt, abstuft und wieder von selbst schon sinnlich

kontrapunktiert, auch die Durchführung rückt bei Wagner an die oberste

Stelle und erlangt in ihrer rastlosen Harmonie -- über allem nur mehr

vorübergehend und keineswegs als Ziel fixierten Motiv oder Thema erbaut

-- eine Bachs verschwiegenen Vertikalismus rezipierende, das heißt

dem Akkord mehr zu- als abgewandte Form aufsteigender dramatischer

Polyphonie. Mithin: das akkordische Leben ist kein Produkt, sondern

ein Prius, und zwar keineswegs nur eines theoretischer Art. Gegen

das Harmonische gehalten, ist der Kontrapunkt, wenigstens der auf

das Lesen und Komponieren der Fuge eingestellte, eine Arbeitsweise

zweiter Ordnung, die in der getrennten Stockwerkbildung ihrer Melodien

auf Schritt und Tritt die akkordischen»Resultate«, Dissonanzen und

Ähnliches, berücksichtigen muß. So mag es auch dasselbe bedeuten, nur

in einer anderen Ausdrucksweise, ob man den Bau eines Wagnerschen

Gebildes unter dem Gesichtspunkt der harmonischen Ökonomie betrachtet,

die freilich noch sehr der Ergänzung durch eine Rhythmik bedürfte,

oder ob man die noch völlig ausstehende Bautheorie des Wagnerstils

unter dem Gesichtspunkt eines neuen, nicht sowohl nebeneinander,

das heißt übereinander als ~nacheinander~ entwickelten

Kontrapunkts zu entwerfen sucht, der alles nur»zufällig«Harmonische

der Fuge abgestreift und eben das Plus der harmonischen Spannungen,

rhythmischen Kontraste, thematischen Durchführungen und breiten

melismatisch gestützten Geschehnisse der»Symphonie«hinzugewonnen

hat. Was darum bei Beethoven zuerst auflebt und bei Wagner bis

jetzt wenigstens kulminiert, das ist in erster Linie Bach als reich

durchbrochener, polyphoner Vertikaler, während allerdings letzthin

die kontrapunktische Arbeit mittelst des kammermusikalischen Teppichs

immer noch weit kräftiger, und das Ontologische mittelst des

Palestrinensischen, seraphischen ~Akkordteppichs~ bei Wagner

immer noch weit sinnfälliger einwirkt als mittelst des Teppichs der

Bachschen Fuge, des lyrisch kontrapunktischen Gleichgewichts oder

der schlechthinigen Gegenwart, sofern deren Erfüllung nicht mit der

bloßen Kopie verwechselt werden darf, sondern als letzte musikalisch

mögliche und postulierbare Rezeption erst an dem noch unsichtbaren

Ende der Musik steht. Es gibt ein doppeltes Singen und Stürmen, das

in der Tonleiter und das im Akkordleben, also das des linearen

Bach, der kräftigen Landluft, und das des übergreifenden, vertikalen

Bach, hineingeführt in die Gegensatzreihen der Symphonie; und Wagner

hat, so vehement oder feierlich er auch die Tonleiter meistert, doch

vorab der durchbrochenen akkordischen Vitalität zum Vorrang vor dem

linearen Kontrapunkt verhelfen, insoweit sie am meisten das Feuer der

Melismen gegenseitig steigert, verschmilzt und behütet und derart

zugleich das ~beziehungsreiche Nacheinander des neuen harmonischen

Kontrapunkts~ am fruchtbarsten gliedern läßt.

So ist das sonatenhafte Stürmen auch wieder schwer und düftereich

geworden. So haben also die drei Kräfte: Schrei oder eingeholter

Teppich des vor sich Hinsingens, Synkope oder eingeholter Teppich des

primitiven Tanzes, dramatisch verwendete Harmonie oder eingeholte

Teppiche kammermusikalischer Feinheit und seraphischen Akkordscheins

-- die Melismatik, das heißt die menschliche Seele, die unendliche

Melodie im symphonisch-dramatischen Gebrauch letzthin sichergestellt.

Es ist erstaunlich, wie sehr das Symphonische dazu neigt, zuerst zu

morden und dann zu beschenken; wie überraschend sich Blüte, Schwäche

und dann wieder Lorbeer als die verschiedenen Zustände der Melodie in

den verschiedenen Mozartschen, Beethovenschen und Bruckner-Wagnerschen

Stadien der Symphonie erwiesen haben; und wie kräftig erst die Lust

am Melisma zur wahrhaft handelnden Musik, zur wahrhaften Beseelung

und Menschwerdung ihres Mechanismus geführt haben. Erst indem Wagner

keinen Ton schrieb, der nicht auch als Zeichen eines Bachschen Lyrismus

inmitten seiner dramatischen, metadramatischen Sonatenform hätte gelten

können, ist, wie Nietzsche sagt, begonnen worden, das unbewußte Gebiet

nicht nur mit Ethos, sondern auch mit transzendentalem Pathos, also mit

mystischem Gewinn zu erschließen.

Die transzendente Oper und ihr Objekt.

Noch aber steht Mozarts Erfüllung aus.

Auch er, der Linde, zart Bewegende, schäumt hier fertig auf. Wir

sprechen dabei nicht vom Holländer, Tannhäuser oder Lohengrin,

auch nicht von dem Wunderbau der Meistersinger, die trotz mancher

Übergänge allesamt Handlungsopern auf dem von Beethoven im Fidelio

beschrittenen Weg darstellen. Noch weniger ist hier der Ring gemeint,

der dem heidnischen Tanz unterliegt und derart vielfach ins Leere und

trübgeworden Tierische hineintreibt. Sondern dafür kommen vor allem

Tristan und Parsifal als Erfüllungen der Mozartschen Märchenoper in

Betracht, als Steigerungen des Linden, zart Bewegenden, das typisch ist

und keine Schicksal fordernden Menschen braucht, zum großen weltlichen

Ich und zu seinem Umschlag in dem Akt der Erlösung. In dieser aber

treten die Menschen aus dem Schicksal wieder hervor, um im heimat-,

mythosbildenden musikalischen Raum die Erlösung als den Gegenstand der

transzendenten Oper zu gewinnen.

So gehen wir hier leise in uns selber. Die anderen sind bewegt und

führen nach außen. Tristan und Isolde handeln nicht. Es ist unser

eigenes tiefinneres Träumen, dort zu finden, wo die Worte und die

Schritte nicht mehr eilen. Wir sind es, die mitgehen, wir trüben uns

chromatisch. Wir bewegen uns in Sehnsucht und schwimmen dem Traum

entgegen, der in der vorrückenden Nacht sich bildet.

Das ist schon am Vorspiel zu ersehen. Denn dieses spinnt nur das eine

geschichtslose, außerzeitliche Sehnsuchtsmotiv, völlig berührungslos,

freischwebend, jedoch bereit, zu fallen und sich zu verkörpern. Aber

auch dann bleibt alles fern und ruhig. Nur der erste Akt ladet, er

führt die beiden Menschen vom Tag hinweg. Hier geht es schrill und

höhnend zu, allzubewußt, und der Todestrank bringt vor das falsche

Tor. Aber weder Isolde noch auch Tristan bedürfen dieses Tranks, um

sich zu finden. Sie gehen nur scheinbar aneinander vorüber, äußerlich,

im Ungewissen Schimmer des Tages, der ihnen, den Nachtsichtigen, das

allbereits Erschienene noch verschleiert. Isolde glaubt zu hassen,

wo nichts als verratene Liebe durchbricht, und Tristan ist so starr,

so ungemäß auf Sitte bedacht, so sonderbar weich, dabei ungelenk und

verstellt, daß den Beiden der Trank nur das gibt, was sie längst

besaßen, was Schicksal ist und nun auch in die Zeit einbricht, Geschick

wird, vermittelt durch ein Symbol des Sprungs. Hier biegt sich nichts

nur wieder zusammen wie im Ring, wo Hagen für Siegfried den umgekehrten

Trank würzt, damit ihm Fernes nicht entfalle; als ein Fernes, das

in der Handlung liegt, das wiederholt werden kann und nur deshalb

Wiedererinnerung ist, weil der Siegfried der Handlung die Stelle kennt,

wo Waldvöglein, Brünhildenstein und Feuerzauber wirken. Aber das, was

an oder hinter dem irischen Trunk geschieht, ist niemals Handlung; er

ist nicht einmal ein Schlüssel, nicht einmal ein Katalysator, nicht

einmal jener Zufall, der keiner ist und den die tragische Notwendigkeit

als Helfershelfer des Schicksals einbezieht, sondern, wenn anders

auch dieses, wo man niemals war, Heimat sein kann, nur ein zeitlicher

Anblick, eine zeitliche Distrahierung dessen, was ewig geschieht, im

Überzeitlichen, Mythischen der Liebe geschieht. Zwei Menschen schreiten

hier in die Nacht; sie gehen von einer Welt in die andere über,

sonst begibt sich nichts, schließlich auch im ersten und vollkommen

in den beiden letzten Akten erkennbar, und nichts erklingt als die

Musik dieses Schreitens und schließlichen Entschwindens. Das wollte

Wagner zu erkennen geben, als er Tristan eine bloße»Handlung«nannte;

es ist ein namenloser Zug, ein ungeheures Adagio, in das kaum ein

Gegensätzliches von außen in der Weise hereindringt, daß es Tristan und

Isolde überhaupt als Konflikt, als Katastrophe bewußt werden könnte;

und dieses eben ist der Sinn der»Handlung«auf dem Titelblatt, nicht

als ob sie eine wäre, sondern nur zum Unterschied von der eigentlich

dramatischen Bewegtheit und Wichtigkeit, von den Tagesgeschicken des

antithetischen, symphonischen Satzes oder auch Musikdramas. Nur die

letzten Bilder sind noch bewegt, sich äußerlich sichtbar beendend.

Vielleicht ist das bühnentechnisch notwendig, aber man kann sich

mit Pfitzner des Eindrucks nicht erwehren, daß damit wieder Tag

hereinfällt, und zwar gerade dort, wo man am empfindlichsten dagegen

geworden ist. Es ist überdies nach dem Gesagten klar, daß hier

die Wiederholung nicht diejenige Wirkung ausübt, die ihr sonstwie

symphonisch sicher ist. Man fühlt, wie es hier zu sinken beginnt, wie

hier der reine Seelenweg verlassen wird, der nichts wiederkehren lassen

kann, und daß man dieses alles im großen Schlußduett des zweiten Aktes

schon um so vieles schöner gehört hat wie im Orchestersatz am Schluß

des dritten Aktes, der eben unterwegs nichts erlebt haben ~kann~,

sofern jedes eigentliche Fortschreiten fehlte, und der deshalb auch

nicht als das wiedererreichte Jetzt, als Reprise und Schlußstück einer

symphonischen Durchführung zu figurieren vermag. Wie denn überhaupt

bei aller Verehrung gesagt werden muß, daß das so sehr bewußt und

finalehaft, gleichsam transportierbar eingefügte Orchesterstück

»Isoldens Liebestod«in ein unleidlich Weiches, in ein amystisch Süßes

zu sinken beginnt, das ähnlich wie bei den aufgelösten Dreiklängen, bei

der sechzigfachen, nicht endenwollenden Feierlichkeit am Schluß des

Parsifal um so jäher von der ungeheuren Höhe herabzufallen droht, je

schwieriger sich der gute Theaterschluß mit dem ganz anders Definitiven

einer Geburt der Erlösung aus dem Geist der Musik verbinden will.

Es wurde so wenig mehr gesprochen, und die Nacht der Liebe ist im

zweiten Akt so welterlösend tief über uns hereingebrochen, daß wir

nicht mehr das Sterben selber auf der Bühne zu sehen wünschen, als

welches uns dort die Leichen und Umstehende und gerührte Einsegnung

zu bewundern gibt, wo das freilich undarstellbarere sich Begegnen in

der Weltennacht seinen Ort hätte. Wenn Siegfried stirbt und die Mannen

seine Leiche über die Felsenhöhen langsam davon tragen, dann klingt

solange Trauermusik, als der Zug noch sichtbar ist. Aber bald steigen

Nebel auf, aus dem Rhein, die uns die Szene verhüllen, und nun erklingt

der merkwürdige, überschwängliche Jubel eines Zwischenspiels, das mit

dem Herkömmlichen eines Trostgesangs oder sonstiger Trauerkategorien

nicht das Geringste gemein hat. Erst wenn sich die Nebel wieder

verteilen, wenn es zu uns, den Zurückgebliebenen, zu unserer Welt

wieder zurückgeht, kehrt auch die Trauermusik wieder, furchtbarer

und drückender als zuvor, sofern eben die bloße untere sichtbare,

Welt um Siegfrieds Leiche statt des undarstellbaren, schlechthin nur

musikalisch zu wahrenden Paradoxes erscheint. Gewiß steigen die Nebel

nur deshalb auf, damit der Akt nicht durch Szenenwechsel unterbrochen

werde; aber gerade indem Wagner daraus einen Schleier gestaltet, der

unseren Augen, jedoch nicht unserem Ohr und Herzen vor dem Jubel hängt,

ist eine Keuschheit am Werk, die gerade dem Wagnerschen Verlangen nach

einer steigenden Depotenzierung des Gesichtssinns gemäß der Steigerung

der Musik besser als am Tristanende entspricht.

Geist der Utopie · 第 11 / 39 段