Es ist, als ob das Blut vertauscht wäre. Mahler ist deutsch oder will

wenigstens durchaus als deutscher Meister gelten, was ihm freilich

nicht gelingt, denn das ist wahrhaftig Judentum in der Musik, jüdisches

Weh und jüdische Inbrunst; und der Andere muß es sich gefallen

lassen, mit Meyerbeer verglichen zu werden. Es hält sehr schwer,

über Strauß ins Reine zu kommen. Er ist gewöhnlich und man sieht in

ihm einen neuen Künstlertyp, der Schiller entsetzt hätte und dem er

die Würde der Menschheit nicht in die Hand gegeben hätte. Aber dafür

und trotzdem ist Strauß im höchsten Grad gute Gesellschaft. Er ist

auch dort, wo er nichts als schlau ist und Modeerfolge komponiert,

mitten im entsetzlichsten Kitsch, durchaus Oberschicht mit freien,

spielenden, souveränen, weltläufigen Manieren, aus denen jede Spur des

alten deutschen Kleinbürgertums verschwunden ist. Er ist weiterhin

gesinnungslos und nimmt es, wo er es findet; aber zu Zeiten findet er

auch etwas Gutes, in dem Vertrauen auf seine mühelose, unbedenkliche

und an sich völlig naive Freude am Musizieren; hier einen neuen weichen

Gesang, dort die intervallreichsten Bögen, hier die neue Art, klein

geschlagene Motive wie Metallstaub einzumischen (wobei Strauß durch

Liszts Vorbild vor dem bloßen knochenlosen Klangvibrato Debussys

geschützt bleibt), dort die Kraft und den Glanz einer thematischen

Geprägtheit, eines Sturmwinds um die thematischen Blöcke herum und

eines rhythmischen Aufschwungs, die selbst bei seinem Lehrer Liszt

nicht ihresgleichen finden. Dadurch gewinnt Strauß, wie gemein,

gehetzt und reißerisch, wie lüstern, süßlich und eudämonistisch auch

immer sein feuerwerkendes Orchester spielen mag, eine Fügsamkeit des

Ausdrucks, die ohne Zweifel ein künstlerisches Plus gegen die Sucht

des ewigen Feiertons und die Pilotysche Erhabenheit der drohenden

Wagnerschule bedeutet. Strauß überrascht freilich zum großen Teil nur

deshalb, weil er sich im Grund nicht entwickelt und immer wieder auf

andere Art stehen bleibt. Er hat keinen Kern, der anders reifen müßte

als vom Ständchen beliebig hinauf bis zur Elektra und dann wieder

herunter, für die Bedürfnisse des neuen Geldadels nach geschlossener

Melodie, zum Rosenkavalier, um zuletzt, wie es scheint, das Heil in

einer sehr wohlklingenden, sehr erotischen Märchenmystik zu versuchen.

Strauß triumphiert überwiegend nur mit Schmiß und Sinnlichkeit, den

Erbschaften eines frühen, kräftigen Überbrettlstils, die er mit einem

außerordentlichen Verstand in seiner Art fruchtbar gemacht hat. Dadurch

klingt alles ganz vortrefflich und es jubelt oft wundervoll in dieser

Musik auf; der Schmiß steigert sich zum kontrastierenden Humor, und wie

Eulenspiegel schellt, wie das Licht in der Sendlingergasse erlischt,

wie die Tänze im Zarathustra pfeifen, wie der taumelnde Narraboth

verführt wird, wie die silberne Rose aufglüht, wie die dunklen

Akkorde des Orestes aller vorhergehenden Unruhe der Weiberstimmen

entgegengestellt sind, wie die Wiedererkennungsszene der Elektra aus

dem Motiv des Trauerboten emporsteigt, wie sich der Gott auf Ariadne

niederläßt, wie überhaupt im ganzen aus der Straußschen Sinnlichkeit

eine zwar niedere und eudämonistische, aber doch immerhin eine

gewisse soi disant-Mystik anhebt, das will gemacht sein, auch noch

übertechnisch gemacht sein, und es gehört ein außerordentlich kräftig

aufpeitschender, ausnützender Kunstverstand dazu, so mit seinem Pfund

zu wuchern. Aber was hier ausgenützt wird, sind doch wesentlich

nur nervöse Gaben; die Seele fehlt, so lyrisch-erotisch auch alles

durchwegs gestimmt ist, allein schon das elende, Mendelssohnsche

Jochanaan-Motiv spricht Bände, und die Straußische Musik hat an ihren

tiefsten Stellen bestenfalls die Melancholie genialer Hohlheit in den

Augen. Sie ist bewegt genug, um Kampf und nervösesten Gegensatz zu

tragen, aber doch nicht so mit Ernst bewegt, daß daraus auch wirkliche

Weite und mehrsätziges Geschehen entstehen könnte. Das alles wagt

sich nicht vor, trotz der gewaltigen, jubelnden Geste, es bleibt ein

farbiger Schatten, der allen, auch den undramatischen Einzelheiten des

Programms, ja diesen am eindringlichsten nachfolgt, und wo es gilt,

dramatisch zu schreiben, zehren die Straußischen Räucherkerzen jede

wahrhafte Wirklichkeit in ihrem Wohlgeruch und in der bloß spiegelnden

Phantasie untiefer Charakteristik auf. Was also dauernd wirkt, werkhaft

prinzipiell, und überdies das Blut ist, aus dem bei Strauß System und

Methode quellen, das liegt in der außerordentlichen deskriptiven Kraft

dieser Musik, die den malenden Ausdruck auch des Kleinsten, hier und

da sogar der Fassade des Tieferen, fördert und überdies mit einem alle

Einzelheiten wieder zusammenschmelzenden Schwung das Wunder einer rein

lyrisch,»heidnisch«lyrisch deskriptiven, undramatischen Symphonik

erzeugt. Es ist derart nicht zufällig, daß Strauß die einsätzige,

die Berlioz-Lisztsche Form bevorzugt, während nicht nur Schumann

und Brahms, sondern was wesentlicher ist, auch Schubert, Mahler und

Bruckner als echte Erben des Beethovenschen Geistes die mehrsätzige

Form der Symphonie, die Form der dramatischen Weite, die Beethovensche

Urform beibehalten haben. Mag dieses, das so snobhaft und gemischt

ist, bleiben? Oder wird es, wie alles bloß Interessante, bald dessen

ermüdeten, sich auskennenden Gegenschlag, die Langeweile groß ziehen?

Es kann jetzt schon scheinen, als ob aus Strauß vieles entwichen wäre,

das beim ersten Hören anders, kräftiger, weniger artistisch schien,

und zwar nicht infolge einer veränderten Beurteilung, sondern eben

vermöge des fließenden, kurzdauernden, an die Zeit gebundenen Inhalts.

Man denkt an Simmel, und Rodin oder Bergson sind die genialischen

Reagenten dieses Zustands. So liegt es nahe, Strauß mit diesen beiden

anderen Verkündern einer aufgeregten und dissoziierten Zeit den Platz

zu geben, den die drei widerlegten arabischen Philosophen in dem

Fresko der spanischen Kapelle zu Florenz zu den Füßen des hl. Thomas

innehaben, wobei es freisteht, Bruckner, der seine neunte Symphonie dem

lieben Gott gewidmet hat, zumindestens als den praecursor S. Thomae zu

verehren.

Endlich ist mit Bruckner wieder Gesang in die Welt gekommen, und ein

gutes Gewissen dazu. Er ist so sorgsam als er wechselreich und tief

ist. Was wir an ihm lieben, das ist seine Wärme, Wohligkeit und die

ganze verloren gewesene Freude am Unterwegs. Freilich geht dabei die

äußerliche, bloß nervöse Erhitzung verloren. Aber wir haben genug an

überheizter Spielart, an Bluff und falsch verstandenem faustischen

Wesen, das nur deshalb die wilde Gebärde absolut machen möchte, weil

sie die am leichtesten kopierbare Außenseite des Könnens ist. Man

kann auch zu kurz werden oder zu leer in den Spalten und hat nicht

Wagner selbst das Adagio als spezifisch deutsches Tempo gepriesen?

Zudem verlangt ja Bruckner gar kein Opfer des echten Temperaments

oder gar der echten, gehaltvollen, objektiven Steigerung. Ganz im

Gegenteil, sie ist dafür viel zu kräftig in seinem gläubigen Trieb

nach oben und zudem, allen sichtbar, in dem glühenden, süddeutsch

barocken Prunk seiner Orchestersprache begründet. Was hier getan wird,

das ist nur Sorgfalt und Sauberkeit. Damit ist also einer der ersten,

der kammermusikalische Teppich, eingeholt. Was Bruckner leistet, das

ist, kurz gesagt, daß er wieder melismatische, kammermusikalische

Kultur des Einzelnen eingeführt und damit allerdings den symphonischen

Körper entgiftet, das heißt, von aller äußerlichen, bloß mit dem

Willen und nicht mit dem Werk aufsteigenden Fiebertemperatur befreit

hat. Hier ist, wie Grunsky richtig hervorhebt, jede klangliche

Steigerung der rechtmäßige Ausdruck musikalisch streng vorbereiteter

und festgehaltener Spannungen, nicht nur, wie bei Beethoven in

überwiegend rhythmischer, sondern in der ausgearbeiteten, modulatorisch

und kontrapunktisch durchdachten Form. Man hat freilich gerade

deshalb Bruckner allerlei Bösartiges, schwerfällige und disparate

Diktion, Längen und dann wieder Sprünge und Risse mindestens in

den Ecksätzen zum Vorwurf gemacht. Wo das nicht einfach an den

Ohren liegt (denn Brahms hat es freilich leichter, zusammenhängend

zu sein, und die Lisztschule nicht minder, denen allzuhäufig die

stimmungsmäßig oder einfach deskriptiv leitende Kraft des Programms

jede strenger musikalische Entwicklung ersetzt), dort wird sich

dieser Vorwurf, abgesehen von einigen wenigen unerheblichen, mehr

auf Auslassungen beruhenden Verstößen, mühelos auf das Brucknersche

Finale beschränken lassen. -- Hier webt es sich allerdings oft

merkwürdig weit und formlos, lückenhaft zusammen. Aber der Ausgang

ist an sich schon, auch bei Beethoven, ein sehr schwieriges Kapitel.

Während die Einfalle im ersten Satz durchaus gezügelt und ihre

Aufeinanderfolge nach genau eingehaltenen Regeln geschieht, ist das

Ende der Symphonie, der alte fröhliche Kehraus, die überlieferte Form

der Ungebundenheit, weit lockerer gestaltet, auf Sprung und Flug

bedacht, mit beliebig prallenden Gegensätzen und ausschweifender

Phantasie in der Durchführung, die durch nichts als die Forderung

einer möglichst glänzenden oder niederschmetternden Sieghaftigkeit

des ersten Themas irgendwie geregelt wird. Das war so bei Beethoven

und ist bei Bruckner vermehrt geblieben, der das Finale unbewältigt

und wie eine nur extensiv vollzogene Synthese bestehen läßt. Denn

dieses ist zumeist so gearbeitet, daß es den Zuhörer lärmend, wieder

auflockernd, formlos entläßt. Mag er nun wieder vors Tor gehen, das

Steigern selber hat sich vor der Welt draußen verbeugt, die allem

letzthin das Konzert beendet. Hier wird der Abschluß zwar äußerlich an

den Schluß des Adagio angeknüpft, aber er bestätigt nur das Scherzo,

dieses wiedergefundene Gleichgewicht und den weltlichsten Teil der

Symphonie. Es ist furchtbar, wie hetzend und fast absichtlich das

Finale in Mozarts sechster Symphonie den kühnen Traum des Adagios

zerstört. Dadurch, daß der Sieg am Schluß steht, erweckt selbst das

Finale von Beethovens c-moll-Symphonie den Eindruck, als ob die

Wetter, die einherfuhren, die Süßigkeiten, ja der unersättlich genug

ausgekostete Sieg selber nicht ganz als wirklich zu nehmen wären;

wenigstens läßt die Musik allzudeutlich das Ende merken und führt

eigenhändig durch ihr eindringlich verkündetes Fertigsein von sich

ab. Immerhin kommt Bruckner in Einem weiter als Beethoven und das

klassische Kapitel des Abgesangs. Bei ihm soll das Finale die Menschen

nicht auseinandertreiben, es wird vielmehr als Entrücktwerden zur Musik

entwickelt, als ein Eintritt in den räumlichsten und objektivsten

Teil der Musik überhaupt. Man sieht den Bildern der Erinnerung zu

und ist vom Drang des Zeitlichen befreit, im kontemplativen Zug über

die Leidenschaften, Länder und die erklärte Grundfarbe des ganzen

gespielten Werks hinweg, mit der Erwartung visionärer Ausblicke

und im Ganzen mit dem Bewußtsein, an dem geborenen Ort für lyrisch

Ontologisches in der Symphonie zu stehen. Das ist gewiß nicht mehr

dramatisch, nachdem es so stark ins Epische zurücksinkt, aber es

ist wahrscheinlich in der Ordnung, daß sich das Dramatische nur im

ersten Satz ausgebärt, und daß der letzte Satz, das Finale, nun

keine neuen Entladungen mehr einführt, für die ja vorher Zeit und

Exposition genug war, sondern andere Erhöhung, ein neues Adagio (das

ja bekanntlich schon in der lyrischen Form die am schwersten zu

schreibende Musik ist, nur jenseits von Schnell und Langsam, also

auch nicht dezidiert langsam, überhaupt jenseits aller Alternativen

der Zeitfrage gedacht), mithin geistliche, Brucknersche Epik in der

höchsten Gelöstheit und eucharistischen Beendigung hinzubringt. Dazu

kommt noch die tiefere und bei dem gegenwärtigen Stand der Tonkraft

nicht aufzuhebende Schwierigkeit des musikalischen Abgesangs als eines

freudigen Schlußkapitels überhaupt. Es ist notwendig zu steigern

und aufzuhören, aber sehr oft steht deshalb das Jubeln einfach nur

gutvermittelt da. Das ist so bei Beethoven und freilich auch bei

Bruckner, ein einfach nur formelles, nicht bewiesenes Streifen der

Himmelsnähe. Der Jubel kommt gewiß aus dem letzten Erlebnis Beethovens

und ist hier kein bloßes Appendix der Steigerung, keine herkömmlich

verbürgte Klimax. Aber er kommt nicht aus dem Musizieren selbst oder

vielmehr dieses spricht nur einfach aus, was den auch ohne Musik

bestehenden Menschen Beethoven wechselnd bewegt, in dem jähen, maßlos

vergrößerten Auf und Ab einer gewiß bedeutenden, jedoch für dieses

Ethische nichts bedeutenden Existenz. So kann das angehängte Jubeln

rein musikalisch gar nichts besagen, und wenn man sich nicht mit den

Redensarten zufrieden gibt: wie sollte es anders sein? Durch Nacht zum

Licht! oder Beethoven sei nicht der Mann, der --, nun, der es lange

im Düsteren, unheroisch Gedrückten aushielte, wenn man derart nicht

zu den heiteren Panlogisten zählt, bei denen es unter allen Umständen

gut ausgehen muß, und für die das Leiden nur eine Würze, eine prächtig

spannende Zeremonie des verlängerten Unterwegs bedeutet: dann kann

auch rein musikalisch nichts gleichgültiger sein, als dieser einfach

nur biographisch vorhandene Jubel, der dadurch, daß er formell gut

plaziert und mit Tonikawirkung am Ende steht, nichts an eigentlich

musik-metaphysisch überzeugender Würde hinzugewinnt. Die Freude ist

stets paradox in allem Großen; sie wird auch musikalisch durch die

Durchführung, Dominantsteigerung nicht eigentlich erzeugt, das heißt,

in einem tieferen Sinn herbeigeführt, notwendig herbeigeführt, sondern

es müßte hier ein eigenes Sprechen, eine»produktive«Durchführung, eine

Musik des Sehnens, Rufens, Glaubens, eine Geburt des Glaubens aus der

Musik geben, die irgendwie von der leisesten, innersten, fernsten Tiefe

der Musikseele her zuletzt das»sed signifer sanctus Michael«anstimmen

könnte -- ein Ziel, das auch den bislang größten Musikern nur selten zu

erreichen gelungen ist und dann zumeist derart, daß sich die produktive

Vision lieber im Adagio als im Finale mit seiner phantastisch epischen

Gestaltung einzustellen pflegte, sofern diese dem brennenden seelischen

Kern, der auf einen einzigen Punkt hinwirkenden reinen Selbstvision,

dem eigentlich lyrischen Ontologismus zu fern liegt. -- Seit kurzem

hat Bruckner in Halm einen hingebungsvollen und bedeutenden Apostel

gefunden. Er hat gezeigt, daß Bruckner leistet, was Beethoven nicht

mitleisten konnte, bei dem der Gesang in dem großen Wurf, in dem

energieerfüllten Motiv und in der Kraft, über Massen zu herrschen,

verloren ging. Dadurch, daß Bruckner solches leistet, wird zugleich

der unreine Stachel poetischer Anlässe für immer überflüssig;

vielmehr, es ist dieses Meisters Tat, den Gewinn des Wagnerstils,

die»sprechende«Musik, vom Erziehungszoll des Programms oder Musikdramas

endgültig losgelöst und derart die Musik als Tatsächlichkeit, als Form

und Stoff zugleich, als Weg zu anderen Meeren als denen der Poesie

begründet zu haben. So bezieht sich Bruckner, der Erbe Schuberts,

gleichmäßig auf Bach und Beethoven, die er beide wiederum aufeinander

bezieht, sofern hier die wohlausgebildete Individualität des Einzelnen

und des Bachschen Themas In der Form der Beethovenschen Strategie und

sozialen Organisation zugleich und aufs Liebevollste aufrechterhalten

wird.

Wagner.

Niemand kann schlechter als er begonnen haben. Er war bedenklich und

geschmacklos, und manches davon ist nicht ganz gewichen. Und nun: was

vor ihm war, ist durch Wagner fast völlig eingeholt. Er wühlt und

schäumt alles bisher Gestaltete zusammen, und hinter ihm oder über ihm

leuchtet fast nur mehr ein ferner, letzter Traum von Tönen. Aber wir

schwimmen hier zuviel; die Hand, die Faust ist zu vermissen, die uns

die innerste Tür öffnet, wo nicht gar einschlägt.

[Sidenote: Vorgänger.]

Kurz vorher herrschte öffentlich durchaus noch das geschlossene Lied.

Aber nun kam von neuem wieder das vor sich Hinsingen zu Ehren. Wagner

brachte eine völlig neue Art von Melodie, oder richtiger gesagt,

einen neuen Weg in Wald und lange vergessenes Gebirge. Bis zu ihm war

nur mehr die einfache homophon gesetzte Liedweise mit bescheidenem

Taktschlag als Melodie bekannt. Die minderen italienischen Gesänge

oder noch besser, denn wir reden hier von deutscher Linie, die

Mendelsohnschen Lieder ohne Worte und die Meyerbeerschen Arien machen

diese verarmte Art völlig klar, die die homophone Begleitung unter

sich hält und deren stabiler, synkopenarmer Rhythmus fast jede anders

geschlossene Mehrstimmigkeit unterdrückt. So auch, obwohl es hier zum

leichten Ernst der lyrischen Spieloper notwendig war, bei Mozart als

dem größten Meister der überwiegend homophon umspielten Lyrik. Nur bei

Einem, bei Schubert, scheint der Fall anders zu liegen. Hier ist es

scheinbar möglich geworden, daß die alte geschlossene Gesangsmelodie

auch im symphonischen Gebrauch bestehen bleibt. Aber wenn man genauer

hinsieht, so ist, wie übrigens hier und da auch in den begabteren

Liedern Schumanns, zum Beispiel in dem erstaunlichen»Zwielicht«, --

so ist bei Schubert, dem Zeitgenossen des übelsten Liederfanatismus,

ein Doppeltes zu bemerken. Es ist ein weiter Weg vom»Wohin?«bis

zum»Erlkönig«oder zur»Nonne«, überhaupt von seinen nur auf eine

Stimme angewiesenen und jenen anderen, nicht minder schwelgerischen

und langgezogenen Melodien der Instrumentalwerke, die nichts mehr

mit der allzu weich gearteten, sentimental melodiösen Homophonie zu

tun haben. Das ist alles durchaus melismatisch und polyphon gedacht,

mag ihm auch noch, wie selbst bei Weber, dem Vorahmer, oder dem

phantastischen Berlioz und dem frühen Wagner selber, Kraft und Kampf

der Gegenstimmen fehlen. Bald darauf kam das Neue, Sonderbare und doch

nur für den damaligen elenden öffentlichen Musikzustand Unerwartete:

der Sprechgesang und die unendliche Melodie.

[Sidenote: Falsche Polemik.]

Das war freilich nicht mehr so leicht zu behalten. Es war weder

mitsummbar noch überhaupt irgendwie transportabel. Der damalige

Bourgeois war allerdings gewohnt, sich an dem gerne und gründlich

trivialisierbaren Zeug der damaligen homophonen Liedmacherei als

der»Melodie«schlechthin zu vergnügen. Nur so war es möglich, daß

die Beziehungen zu Bach so bösartig verkannt werden konnten, die

sich schon in der Romerzählung hinüberspannten, mitten in dem noch

so unleidlich homophon gehaltenen Tannhäuser. Was wurde nicht alles

dagegen vorgebracht und an Gemeinheit ausgegraben! Und heute ist man

wieder dabei angelangt, daß sich die verlogensten Schwätzer dort

zu moralästhetischen Richtern erheben, wo selbst Beethoven nur mit

dem Hut in der Hand getadelt hätte. Was wurde nicht alles dagegen

vorgebracht, zuerst von den kleinsüchtigen, blicklosen Schuften, die

an allem Bedeutenden, das ihnen erscheint, immer nur ihre eigene

Gemeinheit erlernen, und dann von den Liebhabern der florentinischen

Landschaft und alles dessen, was den Garten statt des gotischen Waldes

erwählt, -- gegen das fortwährende Modulieren, gegen die Wagnersche

Erfindungslosigkeit und Gestaltungsschwäche, gegen die sich in ewigen

Trugschlüssen aufreibende Melodie, gegen die extreme Irritabilität

ohne Komma und das langweilig nüchterne Psalmodieren, zu dem die

Sänger über einem gestaltlos wogenden, bestenfalls realistisch

malenden Orchester gezwungen werden. Wahrlich, wenn je etwas einfach

und alt war und das angestammte Erbe bewahrte und mehrte, so ist

es dieser Sturz der geschlossenen und die Geburt der unendlichen

Melodie gewesen. Und zwar nicht als ob hier bloß verbunden worden

wäre. Denn was könnte darin vorher zerbrochen gewesen sein? Sollen

es, etwa weil er sie nicht anfertigen»konnte«, die alten Opernpiècen

sein? Die hat Wagner sicherlich nicht zerschlagen, um sie dann

mit kalt berechnetem pêle mêle, mit ängstlicher Vermeidung aller

Halb- und Ganzkadenzen ins Endlose wieder zusammenzusetzen. Wie

oder wo könnte sich hier, wie es bei Weber wohl noch scheinen mag,

ein bloßes Konglomerat bemerkbar machen, nachdem es keinen Ton in

diesen gerade Bach so nahen»Präludien«gibt, der aus der andauernden

Dominantspannung herausfallen könnte oder möchte? Es ist die reinste

melismatisch-polyphone Form überhaupt, so sehr, daß der Meister

nur mit Gewalt nach dem Auftreten Webers, nach der Erscheinung der

Beethovenschen Symphonie und der Rezeption der Bachschen Polyphonie vor

dieser immanenten Entwicklungslogik hätte Halt machen können. Gewiß

ist das alles, wie wir sagten, nicht mehr so leicht zu behalten und in

der oberen Stimme, vor allem wenn es sich um das einfach erzählende

Rezitativ handelte, auch nicht immer mit Gewinn gelungen. Ferner ist

die Form der hinausgeschobenen Entscheidung ihrem buchstäblichen Sinn

nach immer nur am Ende als Gestalt, Überblickbarkeit und»Form«zu

erkennen, mit der ganzen Tugend ihrer riesigen Bögen, ihrer sparsamen

Kadenz und der Dominantspannung eines ganzen, selbstverständlich

nur poetisch gegebenen Aktes. Aber daraus ergibt sich noch nicht

das Recht, die weiten und berechtigten Bewegungen der unendlichen

Melodie mit der davon völlig verschiedenen und allerdings sachlich

bedenklichen Verschmelzung des Gesamtkunstwerks in einem einzigen

Atemzug zu nennen und mit zu verwerfen. Es ist ersichtlich etwas

anderes, ob die kleinen Formen des alten Opernschemas mittelst einer

neuen großen Form aus ganz anderen Reihen abgelöst werden oder ob

etwas halb verwandt nebeneinander bestehen bleibt, um gegenseitig

seiner Struktur und Sphäre abzuschwören und so in dem Austausch

musikalischer und poetischer Bestandteile dieses Mischgebilde des

Gesamtkunstwerks zu erzeugen, wie es nur durch Wagners Genie zu einer

lebensfähigen, wenngleich prinzipiell unkanonischen Kategorie werden

konnte. Zudem brauchte Wagner Beides, sowohl die offene Zuordnung

des Sprechgesangs und arios gewordenen Rezitativs wie die ungeheure,

problematische Hilfskonstruktion des Gesamtkunstwerks wider alle

Sphäre und Plastizität, -- um so, mittelst dieser trüben, unendlich

dahinziehenden, unruhigen, maßlosen, von allem Spieltrieb befreiten

Schicksalsmusik die nur in ihr möglichen transzendenten Gegenstände:

Kraft, Liebe und Erlösung zu gewinnen.

* * * * *

Wir gehen hier in uns selber.

[Sidenote: Der Sprechgesang.]

Schon der Sprechgesang stammt aus dem Schrei. Nun wird das Singen nur

zur einen Stimme unter vielen. Das kann bei Loge schmiegsam, kurz

und bloß erzählend sein. Der Gesang kann auch arios aufblühen, mit

Breite und aller nur wünschenswerten Ausladung, erhoben, klangvoll und

pathetisch genug. Freilich, es ist oft schwerfällig und ermüdend, wie

Wagner oben durchkomponiert; es fehlt ein Ab- und Zugeben, zuweilen

wünscht man wieder die Trennung zwischen Teig und Füllung, Gespräch und

Gesang zurück. Immerhin, jetzt klingen alle Stimmen, und der Gesang

taucht beliebig oft unter, von den anderen Stimmen, wenn sie mehr zu

geben haben, reich überflutet im wechselseitig verflochtenen Spiel.

Man kann derart sagen, bei Wagner verzichtet die menschliche Stimme,

die vorher alles trug und nun ihre ganze Entwicklung zur vokalen

Mehrstimmigkeit dem Orchester abgegeben hat, auf den dürftigen Rest,

dem Gange allein noch melodisch zu präsidieren und zieht sich, völlig

frei geworden und unbelastet, wieder auf das vor sich Hinsingen, auf

ihren Ausgang und ersten schweifenden, psalmodierenden Zustand zurück.

[Sidenote: Tanz und synkopischer Rhythmus.]

Geist der Utopie · 第 10 / 39 段