Freilich blieben die Rechtschaffenen nicht aus. Sie lebten bis vor

kurzem noch in den musikalischen Bildungsanstalten fort, als eine

unwürdige, wenn auch nicht ganz unverdiente Nachfolge des bösartigen

Durchschnitts hinter seinem Brahms. Nun liebt dieser gewiß alles

andere eher als zu säuseln oder auch nur verschwärmt zu sein. Brahms

zeichnet eher zu viel als zu wenig, aber auch dieses ist nicht die

Beethovensche Spur. Es wiederholt sich hier das gewöhnliche Schicksal,

daß Nachfolger und Mischtypen entstehen, die die fortzeugende Kraft

des Originals in der Nachahmung seiner kleinen, nicht seiner inneren,

wenn auch romantisch zurechtgemachten Form festhalten wollen. Wir

lassen dabei die bloßen geschlossenen Liedersänger des Biedermaier

und zweiten Rokoko beiseite. Vor allem den letzten Schubert, der hier

aus allem herausfällt, der seine homophone Liedvergangenheit haßte,

und der fast genau in dem Augenblick starb, als er seine eigentliche

Begabung begriff, das Schwelgen in Längen und den Aufbau zugleich,

die ihm seinen Platz bei Bruckner anweist. Aber die anderen, so

verschieden sie auch unter sich sein mögen, der armselige Mendelssohn,

immerdar heiter und gewandt, Schumann, dieser unglückliche Möchtegern,

Chopin, der brillant gewordene Klavierist des ancien régime, und

der männliche, unvergleichlich viel großartigere Brahms, ein Riese

dagegen, -- so einheitlich ist ihnen doch jener fatal sittige und

subaltern gemäßigte Zug, der nur Chopin hier und da freiläßt, so in

seiner höchst interessanten, Wagner verwandten Chromatik, um ihn

dafür an anderen Orten in den leeren Gegensatz des Salonglanzes,

edler, aber zumeist nichtssagender Fioriturenkunst einzustellen; und

der Brahms, den heißen, dunklen, tiefen Brahms, immer wieder zum

Sprecher und Parteihaupt einer züchtigen mitteldeutschen Bourgeoisie

herabsetzt. Damals war die Musik ernsthaft in Gefahr, weiblich zu

werden, aus einer Weltsache zur Angelegenheit der deutschen Bürgerstube

und Sentimentalität zu werden. Es ist sehr zu beklagen, daß sich

gerade Brahms so kanapeehaft in die Scheu vor allem Feuer zurückzog.

Er hat Farbe, wie man denn auch sein Klangbild nicht übel mit der

norddeutschen Heide verglichen hat, die aus der Ferne wie eine weite,

eintönige Fläche erscheint, aber wir treten in sie hinein und mit

einem Male löst sich das Grau in ein Vielerlei von kleinen Blüten und

Farbigkeiten auf. Freilich will Brahms nicht malen oder Stimmungsmusik

schreiben, sondern, er will und kann es durchaus, den melismatischen

Gehalt zusammen zu drängen mit der Lust am organischen Bilden, mit

den sorgfältigeren alten polyphonischen Mitteln und der organisch

plastischen Gliederung als Ziel, erschwert durch ein dichtes Kreuz- und

Quergeflecht tonleiterlicher Linien. Aber es geht nicht an, noch so

hoch im Gedanken drin die Disposition zu spannen und dort in Plastik

zu schwelgen, wo doch selbst das gut Geformtsein unwichtiger wird

als das rhythmisch emotionale gut Gestelltsein. Nichts kann darum

uneigentlicher und Beethoven gegenüber eine schlechtere Nachfolge

sein, als so wie es dem Brahmsschen Konservatoriumstrieb entspricht,

den Meister, den Weltgeist der Musik, der die Klaviere zertrümmert,

bei dem es Mühlsteine regnet und der das stärkste Orchester noch zu

einem schwachen Bettelkram vor der apriorischen Übermäßigkeit seiner

Partituren verwandelt, zur wohlerzogenen Klavier- und Kammerkunst

zu verkleinern. Wir haben sie deshalb schon vor allen Ernst als

teppichhaft herausgesetzt. Man sieht daran, was einer kann oder

gelernt hat, und die paar Stimmen bringen alles an den Tag. Vieles

mag hier außerdem schwankend sein und stark nach Übergängen zum

Wirklichen suchen. Es ist möglich, daß es einen eigenen vier-, fünf-

und sechsstimmigen Satz gibt, der nicht nach mehr Stimmen verlangt,

und der jene Selbstständigkeit für sich behauptet, die er anderen,

deutlich ins Symphonische gleitenden Gebilden, wie etwa dem Oktett,

selber abspricht. Aber das alles ist nichts für sich und in sich,

bevor es nicht die Verwendung seiner Sauberkeit und Durchsichtigkeit

im größeren Zusammenhang erfährt. Es gibt keine guten Zuhörer, die

dem Streichquartett eine eigene Seele in einem seine aufdringliche

Geformtheit wie immer erleuchtenden Ausdruck zubilligen wollen oder

können. Wo es sich anders verhält, wie in den letzten Beethovenschen

Quartetten, ist es ein Kleines, das Licht nicht mehr davor, sondern

dahinter zu stellen, wie es die ganze nach innen, nach rückwärts

ausgedehnte, hintergründige Struktur der großen Tongestaltung

überhaupt verlangt. Man darf hier die bemalte Fensterscheibe nicht

bei Tag beleuchten, wobei sie freilich vor den echten, den bildenden

Formkünsten überhaupt nicht bestehen kann, sondern Beethoven stellt

nach dem ausgezeichneten Wagnerschen Gleichnis das magische Glasgemälde

in das Schweige der Nacht, zwischen die Welt der Erscheinung und die

tiefinnere, verschlossen leuchtende des Wesens aller Dinge, wodurch

sich erst das verschlossene Bildnis belebt und von einer Welt Kunde

gibt, zu der nicht die angeordnete, sondern nur die geprägte Form,

die lebend sich entwickelt, also die organisch abstrakte Transparenz

der Musik Zugang hat. Aber überall sonst bleibt nichts als das kalte,

schulmäßige Vergnügen an der Verflechtung der Themen, an ihrem

Eintreten, Treffen, sich Grüßen, Abschwächen, Steigern, mit einander

Gehen und Vereinigen, als ob und nicht einmal als ob sie wirkliche

Menschen wären, die sich begegnen und dadurch die Schicksale des

Dramas anheben lassen. Wenn sie überhaupt bestehen dürfen, alle

diese Freuden und Selbstbestätigungen des Kenners, der ja allzu oft

schon snobistische oder pedantische Mittelstandspolitik getrieben

hat, dann doch nur insofern, als sich die Kammermusik völlig auf den

Ort der reinen Form zurückzieht, des Reservoirs der Sauberkeit und

melismatischen Schönheit des Einzelnen, des einfallsreichen, blühenden

Solospiels aller Instrumente, aus dem dann nach Beethoven Bruckners

wahrhafte, sich ins Tätige,»Effektvolle«, Wirkliche hinauswagende

Symphonie die Nahrung ihrer Einzelheiten gezogen hat. Insofern also

ist, wie hier nachtragend spruchreif wurde, der Quartettstil ein

Teppich und Korrektiv; zwar nicht bei den schlechteren Stücken,

die einfach nur Rückstand sind, aber desto mehr bei den besseren,

kontrapunktisch neu aufgeblühten Kammermusiken, an denen fast alles

Durchsichtige einzuholen bleibt, um ihre Sophrosyne dem ebensowohl

demokratischeren wie transzendentaleren Gebilde der Symphonie

mitzuteilen.

* * * * *

[Sidenote: Beethoven, seine Form, sein Gegenstand und der Geist der

Sonate.]

Aber nun fällt völlig alles Falsche und Muffige ab. Das Blei entweicht,

das Zerrbild verfliegt und Beethoven folgt bis ans unbekannte Ende.

Wie erhebt sich das Herz, wenn es dich, Unendlicher, denkt! Wir ahnen

gewiß, daß noch Herrlicheres erscheinen wird, aber das ist Wunsch und

nicht Werk und so lassen wir widerstandslos dieses sprechende Meer über

uns zusammen schlagen.

Es zerteilt, was geschieht. Mit dem Singen ist es freilich zu Ende.

Auch in seiner thematischen Verkürzung, wenigstens bei den großen

Sätzen. Ausgenommen ist nur die Art des Variierens. Selbstverständlich

auch das langgezogene Adagio, das freilich schon nicht mehr leidet oder

ruht, sondern überredend sentimental wird. Das Variieren ist, wie es

Bekker gut bestimmt hat, die Zerfaserung oder innere, widerspruchslose

Entfaltung, mithin die überwiegend passive Ausbreitung des hier noch

als Lied und Melodie gegebenen, als Gefühlsreihe auseinandergelegten

Themas. Durch die grundsätzliche Aufstellung mehrerer Einfälle

unterschieden, schließt sich ihm das Rondo an. Es ist so gearbeitet,

daß sich in ihm das lose Aneinander der Variationen unter Vermeidung

der strengeren Sonatenform zu einer fast rhapsodischen Mannigfaltigkeit

von Stimmungen steigert, gewissermaßen als der Mittelglieder

zwischen Gefühl und thematischen Gedanken. So stellt das Rondo

eine Mischform aus Variations- und Sonatenelementen dar. Strenger

wird die Anknüpfung schon im Scherzo. Es ist die eigentümlichste

Beethovensche Form, sofern es das alte Menuett rezipiert, im Schein

einer rätselvollen, aus Lachen und Verachtung gemischten Freude, ihrer

wütend ausgelassenen oder ironisch leichtschwebenden Tanzrhythmen.

Dementsprechend rückt es auch sonatentechnisch an die Stelle des

alten Menuetts. Leidenschaft, Schmerz, Heiterkeit und Gelöstheit sind

und bleiben die Teile der Sonate, der eigentlichen und sammelnden

Beethovenschen Form. Ihnen entsprechen, freilich gelegentlich mit

starkem Bedeutungswechsel, im Allgemeinen die Vortragsbezeichnungen

des Allegro, Adagio, Scherzo und Finale. Gerade der erste Satz ist

zumeist alles andere als ein Allegro und der letzte, das Finale, nimmt

auch das Rondo, ja selbst die Variation gelegentlich mit herein,

die doch sonst der strengen, gegensätzlichen Durchführung durchaus

entgegengesetzt ist, und die sich trotzdem, eben weil sie beliebig,

locker, gelöster expandiert, neben dem ersten Satz zum bedeutendsten

Glied der Sonate am Ort des Schlußsatzes ausbildet. Vielleicht

bleibt das Beethovensche Klavierkonzert noch als eigene Form zu

erwähnen. Es spiegelt gewissermaßen die übliche Ordnung von dumpferen

Irrgängen und befreitem, leichtem Spiel auf der Hochebene wieder.

Denn bei Mozart war das Klavier noch eingeordnet, das wohl das Thema

anschlägt, aber sonst nur unterhalb des Orchestersatzes figuriert.

Dagegen Beethoven kennt keine Bewegung, die nicht vom Klavier

wieder aufgenommen würde und keinen Weg, der nicht das Orchester am

Ende verlassen müßte, um im Klavier, in dem wieder aufrauschenden,

prachtvoll krönenden Instrument, seine volle Herrlichkeit zu finden.

Der übrige, vor allem spätere sonatentechnische Klaviersatz ist nicht

ganz eindeutig. Es liegt nahe, einzelne Sonaten, wie vor allem die für

das Hammerklavier, zu instrumentieren und man hätte eine Symphonie.

Beide sind sich nahe verwandt; es lebt in Sonate wie in Symphonie

die gleiche organisch gegliederte Handlung, mit genau disponierter

Szenenfolge und streng begründetem Auftreten der Charaktere, von der

ja auch die Zeitgenossen glaubten, es seien verkappte Opern, wie denn

eine dramatische Aufbauregel Beethovenscher Symphonien in der Tat

nicht zu leugnen ist. Wir wollen freilich hier schon dem beliebigen

Ausdeuten dieser Dinge entgegentreten. Es ist besser, wenn man es

nicht anders versteht, handwerklich zu bleiben, also sich an das

nur allgemein»stimmungsmäßige«Es des Tongeschehens zu halten, statt

seinem imaginären Helden läppische Geschichte zuzudichten. Was da

ist und wirkt, zunächst, das sind Themen und Gegenthemen, im ersten

Satz, dem sogenannten Allegro, dann das Adagio, dann das Scherzo und

am Ende die erneute Entladung, die Wiederkehr der alten Thematik im

scheinbaren Spiel des Finales, die Kuppel oder bunte, polyphonische

Abrundung, das Ganze der Symphonie, mit dem schließlichen Sieg des

hellsten Themas dazu. Es kracht zwar in allen Fugen und muß sich

im einzelnen viele Umgestaltungen gefallen lassen, aber im ganzen

hält dieses alte Sonatenschema dem Beethovenschen Ansturm stand.

Wir sagten nun, Beethoven zerteile das Geschehen. Und von hier

aus greift Bach entscheidend, wenn auch noch nicht rettend, das

Einzelne völlig melismatisch erwärmend, in dieses freie Getriebe

ein. Er bringt innere Fülle, Stimmigkeit und vor allem beim späteren

Beethoven gewaltige, wieder reich durchbrochene Polyphonie, hinleitend

zu kammermusikalischer Feinheit, unbeschadet des ganz anderen, um

thematisches Leben unbekümmerten Zuges zum Sturm. Aber der geschlossene

Gesang stirbt, ohne daß der offene auflebt. Nun wird es allerdings zur

Frage, was denn in die Tiefe des Ganzen hineinführt, wenn es nicht

das entfaltete Thema ist. Das ist insgesamt seit dem Augenblick, da

Beethoven seiner führerischen, kommandierenden, hinwegreissenden

Begabung inne ward, dem Brausen gewichen, dem Drang nach Überredung,

dem Zug eines innern Rhythmus, der Ereignisform und der unhörbaren,

abstrakteren Musik. So ist das Thema weit davon entfernt, als

Individualität zu gelten. Es gibt keinen größeren Abstand in seinen

symphonischen Werken als den zwischen der Haltlosigkeit des Einzelnen

und der gewaltigen Standhaftigkeit des Ganzen. Darum geht es auch nicht

an, hier alles Heil aus der oft gerühmten Schärfe der Beethovenschen

Themen herzuleiten, die, wie Halm gerade an der bilderreichen

d-moll-Sonate gezeigt hat, wo ein Doppelschlag die Oberstimme, eine

Tonleiter das Allegrothema und ein Akkord das Largothema bildet,

häufig nur auf den ungepflegten Urtatsachen von Dreiklang, Dominant

und Tonika beruhen. Und diese stellen sich tausendmal im musikalischen

Verlauf von selber ein. Daß sie so scharf umrissen sind, liegt am

~Rhythmus~, der sie überhaupt erst thematisch kenntlich macht,

und dann, nach den langen Irrgängen der Durchführung, am Jetzt, am

plötzlichen wieder-Da des alten, zusammenhaltenden Grundtons und

Gesichts. Hier wird der Nebel in das Feuer gegossen, es gibt dunkle

Schächte, man fährt in der Durchführung wie in einem Bergwerk und aus

diesem heraus, dem Schein des ersten Themas entgegen, das zuerst wie

eine ferne Bogenlampe aussieht, bis es sich plötzlich zum vollen

Tageslicht des Freien weitet, der sehnsuchtsvoll erstrebten und nun

erst, nachdem sie genommen war, mit Gewinn wieder erreichten Tonika

dieses ersten Themas. Aber das alles keimt aus einem anderen als dem

Thema; es stammt aus weniger oder mehr, aus dem An- und Abschwellen der

Erregung, aus Schwanken und Zaudern, Nachlassen, Erlöschen, Zweifeln,

Aufsteigen und all den anderen dynamischen Ausdrucksmitteln eines wild

hinstürzenden, sich rückhaltlos hingebenden, hinauswagenden Affekts,

seiner Beleuchtungswechsel und dem weltlichen Spektakulum seiner

Durchführung; es stammt aus dem harmonisch-rhythmischen Denken, aus dem

richtig gesetzten, wohlvorbereiteten, zur rechten Zeit eingetroffenen

Akkord, aus der begriffenen Kraft der Kadenz, aus dem Jetzt, dem wieder

erlangten Grundton und der ~Organisation~ seines Eintritts, die

als Machtfrage ebenfalls eine Rhythmusfrage ist. Es stammt aus der

abstrakten Spannung der zwei Themen als der beiden verschiedenen Zeugen

eines dynamischen Zustands, als der zwei entgegengesetzten Prinzipe,

und so werden bei Beethoven sowohl die Schätze der Durchführung wie

die Mächtigkeit der Höhepunkte von einem neuen, beziehungsreichen

~Nacheinander~, mithin von einem Vertikalismus des ~Ganzen~

und seinem dazu ausgeprägt ~dramatisch formbildenden Kontrapunkt~

geboren. Derart sieht man hier völlig in das bewegte und zeugende,

weltlich ausbrechende Innere herein. Der Durchblick auf das Geschehen

wird frei, so sehr, daß man sogar jene Art des fast-Nichts, des

vierundfünfzigmal im mählich veränderten Zeitmaß angeschlagenen e

der siebenten Symphonie und anderer Zeiten der bald losbrechenden,

endlos in sich brütenden Sammlung antreffen kann, die die Sonate oder

Symphonie braucht, um gleichsam in einem Stoß aus dieser mit Kristallen

trächtigen Lösung das Ereignis und seine dann freilich vollendete

Durchführung anheben zu lassen. Es ist noch nicht das höchste Schaffen,

vieles bleibt abstrakt, nicht als Zusammengehöriges respektiert,

sondern aufgelöst, analysiert und wieder zusammengefügt, als ob trotz

aller leidenschaftlichster Hingebung nur ein Modell der Welt bewegt

würde, als ob man, wie Halm sagt, dem Weltengott zuhörte, -- dem

Demiurgen, nicht dem höchsten Gott, nicht dem Logos --, wie er seinen

Engeln den Plan der Schöpfung klarmacht, also die ganze, abstrakte,

noch vorweltliche, vor dem konkreten Kosmos liegende Metamorphose

der an sich seienden Logik entwickelt. Aber eben derart sieht man

hier völlig in das bewegte und zeugende, weltlich ausbrechende

Innere herein. Es spannt sich hinüber, es schlägt durch die rohe,

taube, gleichgültige Stille des Lebens hindurch, das Ich bricht die

kleinen Zelte ab. Der Held treibt hinüber in der vollen Kraft seines

synthetisch erweiterten Wesens, seine Stimme wird an sich schon zu

Hilfe- und Empörungsrufen mitten in eine Nacht hinaus, in der sich

kaum mehr die ertrinkende Seele erleuchtet sieht, ja in der allmählich

alle noch so weiten Sternen- und Engelsräume in Vergessenheit gesunken

sind. Laut und rücksichtslos hebt sich der Schrei des Beethovenschen

Subjekts heraus, dem nichts in dem scheinbaren Leben Genüge tut, das

noch über dem höchsten Niveau jeder weltlich realen Umschließung

steht, das gleich dem Genius der Musik selber nirgends in der Welt

vorgebildet ist oder empfangen wird, das durch alle Skalen der

Leidenschaft und Phantastik hindurchfährt und doch stets wieder am

Ende auf sich, auf die Sehnsucht nach dem Bruder und dem visionären

Vater zurückgetrieben wird. Es ist hier eine Leidenschaft, das bloß

innere Leben, die geschlossene Stille der Innerlichkeit zu verlassen,

die das Ich zu einem wahrhaft kosmischen, überkosmischen Gebilde

verwandelt, so hoch und tief, daß in ihm, ohne sich anzustoßen, Sonne,

Mond und Sterne auf- und untergehen könnten, und der ganze Umkreis

der Menschlichkeit seinen Platz findet. Mag auch noch Herrlicheres

kommen müssen, dieses sind die Wogen des äußeren mystischen Meeres,

bis über die Sterne brandend, und dieses ist das große römische Reich,

der Hellenismus mit seiner Entdeckung des Geschehens, des Magiertums

und der Geschichtsphilosophie, in dem Wagner und Bruckner geboren

sind und allein dereinst der Prophet der Musik erscheinen kann. Oder

anders gesagt: mag Beethoven auch wesentlich nur Umriß sein, noch

ohne Fülle; mag man allein schon beim Anhören der nach wie vor ganz

unwahrscheinlichen Tannhäuser-Ouvertüre, wenn das Ohr in das glühende

Nebelreich der Unterirdischen hineinblickt und zuletzt baut sich

dagegen, darüber, aus den riesigen Säulenschäften des Pilgerchors der

siegreiche Tempel der Kirche auf --, mag man dann auch versucht sein zu

glauben, Beethoven sei wesentlich nur ein sterbender Moses, Strategie,

Staatsgründung ohne Kultur, und hier winke von ferne das gelobte

Land, das lyrische Melisma im trotzdem dramatischen Kontrapunkt: so

ist dieses doch alles bereits übersehbar, aber Beethoven ist nicht

übersehbar, und er liegt nicht weniger über Wagner, wie Kant über

Hegel liegt, und wie das unruhvolle Apriori im Menschen über jeder

Art von allzu früh erfülltem Objektivismus. Denn das Ich schreitet

allein bei Beethoven weiter in der Entdeckung jenes sicheren Grundes,

der sich vielleicht bis in den letzten Gott hineinerstreckt, und

die Beethovensche Symphonie, das Händeringen, das in ihr, durch sie

erlebte Wühlen von Urgefühlen, der Makanthropos, dieses sprechende

Meer, dieses in einem einzigen distrahierten Gebilde eingefaßte Meer

der Menschlichkeit, wirft den kräftigsten Lichtschein des heroischen

Atheismus, aus Verzweiflung und nicht in Permanenz, gegen den zögernden

Himmel. Hier wird in dem: sich zu vermindern, damit Er wachse, nicht

mehr das vernichtende Allgemeine des Begriffs gesehen. Sondern endlich

treffen das Wir und das Überhaupt im Geiste der Musik zusammen; ein

Gedränge von Gesichtern, wie es sich auf den Schnitzwerken der majestas

Christi darstellt, und jener wahrhaft symphonisch ausgeweitete Raum, in

dem sich das Wir vernimmt, in dem der zur Brüderlichkeit aufgeteilte

Weltgrund wiederklingt und das Es dieses musikalischen Geschehens

zum individuellen Multiversum definierbar wird. Das alles erscheint

freilich bei Beethoven, diesem größten Erwählten des dynamischen,

luziferischen Geistes, noch durchaus im Abstand, als bloße gespannte,

heroische, synthetische, geistlich luziferische Vision und nicht in

gesicherter christlicher Ontologie. Aber während Bach nur erst von

dem lyrisch gewonnenen Ich des Hoffens aus redet, wenn auch vollendet

redet und als ewiges Korrektiv für alles Jenseits der Ereignisform,

rührt Beethoven ganz anders den Schutt und Zauber des Endes auf, mit

einer Gewalt, die die drei oberen Stufen, den Glauben, die Erleuchtung

und die Apokalypse als die Stufen des vollständigen Ichs, wohl

betreten kann, genau in demselben Maße, als hier Beethoven nicht mehr

den ersten und noch nicht den zweiten Jesus, sondern Luzifer, den

Vorkämpfer, den ~Keim~ des Parakleten, die aktive menschliche

Wesenheit selber, zum Schutzherrn und Gegenstand hat.

Die Neuen.

Noch ist hierzu alles frühe daran. Aber es träumt und brütet darüber,

anders zu sprechen.

Vielleicht nicht so sehr bei denen, die jetzt leben. Pfitzner, eine

feine, bunte Blume, Reger, ein leeres, gefährliches Können und eine

Lüge dazu. Er weiß nicht recht, ungebildet wie er schon ist, ob er

Walzer oder Passacaglien schreiben soll, ob er die Toteninsel oder den

hundertsten Psalm zu vertonen hat. So sehen Ton und Sprache nicht aus,

wenn man morgens an ihrer Quelle sitzt. Wie leer bleibt alles, wenn

sich Reger, die unbachischste aller nur denkbaren Erscheinungen, auch

noch gläubig gibt, weil der geborene Anlehner und Variationenkünstler

gerade formal in diesem Geleise läuft. Er ist nichts, er hat nichts als

eine Fingerfertigkeit höherer Ordnung, und das Empörende daran bleibt,

daß er doch nicht nur nichts ist, ein Quell der beständigen fruchtlosen

Irritierung.

Ganz anders wird uns bei Mahler zumute, diesem heftigen, strengen,

jüdischen Mann. Noch immer reichen die Ohren nicht aus, um mit

diesem Großen zu fühlen und ihn zu verstehen. Er gilt immer noch

wesentlich nur als der bedeutende Dirigent, und mancher elende

Zeitungsschreiber wagt durchaus ohne Schamröte zu fragen, ob Mahler

überhaupt dazu berufen war, zu komponieren, als ob es sich hier um

die fünf oder sechs schwankenden Leistungen eines Harmonieschülers

handelte. Fast keines der symphonischen Werke wird aufgeführt; und

wenn es geschieht, dann bleibt das Ergebnis zumeist ein verlegenes

Schweigen oder aber jenes bodenlos gemeine Geschwätz vom Mahlerschen

Jüdeln oder Scheintitanentum, mit dem sich die sonst alles genießenden

Strohwische vor der ihnen freilich artfremden Reinheit des Ernstfalls

zurechtfinden. Gewiß, er ist nicht mühelos, auch wollen wir nicht

sagen, daß der gesucht simple und deutschtümelnd sentimentale Kram

vieler Mahlerscher Lieder, vor allem die aus des Knaben Wunderhorn,

erfreulich oder leicht erträglich wäre. Aber das ist eine Sache, eine

kleine Sache für sich und ganz ohne Zusammenhang mit dem übrigen

Mahler, mit der ausschlaggebenden Mehrzahl der Mahlerschen Art. Man

höre nur die Kindertotenlieder, den letzten Gesang aus dem Lied von

der Erde, die zweite, dritte, siebente Symphonie oder auch nur die

kleine Einleitungsmusik zum Schlußteil des Faust, die keiner vergißt,

den sie irgendwie nur zu der hochgelegenen und terrassenförmig

gebauten Berglandschaft der Eremiten mit hinaufgeführt hat. Wie oft

auch die Achse am Wagen, die bloße Talentgabe, bei dieser ungeheuren

Belastung brechen mag: niemand ist bisher in der Gewalt seelenvollster,

rauschendster, visionärster Musik dem Himmel nähergetragen worden als

dieser sehnsuchtsvolle, heilige, hymnenhafte Mann. Wie ein ferner Bote

kam dieser Künstler in seine leere, matte, skeptische Zeit, erhaben in

der Gesinnung, unerhört in der Kraft und männlichen Glut seines Pathos

und wahrhaft nahe daran, das letzte Geheimnis der Musik zu spenden.

Geist der Utopie · 第 9 / 39 段