So war es ihr nicht wünschenswert, sich sogleich bewegt und offen zu

geben. Auch bei Bach geschieht das Erzählen überwiegend gleichbleibend

rezitativisch. Erst dort, wo die Stimme gleichsam erstickt und

vor Tränen nicht weiter kann in dem sich Vorerzählen der heiligen

Ereignisse, werden die erregteren Töne lyrischer Einkehr frei.

Diese lyrischen Gebilde werden jedoch, statt bewegt und wie es bei

Keiser und der gleichzeitigen Hamburger Schule üblich war, ins

Opernhafte auszuschweifen, durchgehends unter die Herrschaft des alten

evangelischen Chorals gestellt. Derart schlägt also das Meiste wieder

in einen geschlossenen lyrischen, mithin undramatischen Zusammenhang

zurück, freilich mit dem letzten Zweck, bereits zu diesem als dem

auch überdramatischen, hinüber zu schlagen. Wenn Jesus sagt:»Einer

unter euch wird mich verraten«, und die Jünger im heftigsten Allegro

aufgeregt durcheinander schreien:»Herr, bin ich's?«, und nun nach

einer wunderbaren Pause die Gemeinde den Choral singt:»Ich bin's,

ich sollte büßen«, so hallt das Innerste in diesem Augenblick der

Matthäuspassion wieder, und Kierkegaard selber könnte für das von

mir Gesprochenwerden, für das christliche Tun und Subjektivieren des

Christlichen keine gewaltigere Predigt finden. So überschlägt das

lyrische Gestimmtsein des Chorals sowohl die bloß private Lyrik der

Personen wie auch die sogleich zu besprechende äußere Dramatik der

eigentlichen Chöre. Denn gleich einigen, der Betrachtung geweihten

Arien ist der Choral wesentlich die Ausdrucksform einer oberen oder

Zionsgemeinde, die gleichsam jenseits des Geschehens wohnt und in dem

überschlagenden Teppich ihres nicht mehr privaten oder, was ja an sich

unmöglich ist, bewegten, prozessualen, dramatischen, sondern wahrhaft

~ontologischen~ Lyrismus jener obersten Bühne entspricht, die die

mittelalterlichen Mysterien über der Erde und der Hölle als Himmel

aufgebaut hatten. Ganz anders stellen allerdings sich die Chöre dar, in

denen nun, wie der kräftige epische Händel, so auch Bach nicht mehr in

der, wenn auch vierstimmig gegliederten, so doch homophonen Gestalt des

alten evangelischen Chorals, sondern wild, zackig und mit aufgeteiltem

Rhythmus kontrapunktiert. Hier wird zumindesten gehandelt und wir sehen

in eine leidenschaftliche Bewegung hinein. So bei dem»Kreuzige!«, bei

dem wütend herausgestoßenen Verlangen nach Barabbas, bei dem rasenden

Chor:»Sind Blitze, sind Donner in Wolken verschwunden«, überhaupt bei

allen Juden- und irdischen Gemeindechören, in denen die Menge fordert

oder anklagt, um derart ganz anders als das erzählende Rezitativ

in die Handlung einzugreifen, ja eine leidenschaftlichere als die

biblische Handlung selbst zu erzeugen. Damit wird jedoch zugleich

ebenso das Wort verlassen wie der stille und geschlossene Formtyp im

engeren Sinn gesprengt. Die menschliche Stimme kann sich im Chor nur

noch als musikalisches Instrument verwenden lassen, wie ja auch die

ausgebildetere Vokalmusik von selbst danach drängte, ihr Bewegtwerden

auf das zugleich reichere wie festere Kolorit der Instrumente zu

übertragen, ja sich dorthin aufzulösen oder wenigstens nur noch als

der oberste, ausdrucksmächtigste Teil des Orchesters zu figurieren. Es

war die selbstverständliche Folge, als Bach den alten Vokalismus auf

die Orgel und das Orchester übertrug, daß hier wirklich die»Stimmen«,

die schon vorher im verwickelter chorischen Gebrauch alles spezifisch

Lyrische verloren hatten, unter den Rhythmus eines neuen, aus ihrer

Vereinigung und kontrapunktischen Entwicklung resultierenden Stils

gebeugt wurden. Dieser mußte freilich als melodische oder besser

gesagt melismatische Erfindung unter erschwerten Bedingungen das

ungestörte, geschlossene, vordem nur begleitete, wenn auch mehr oder

minder durchbrochen begleitete Solo der Melodie erheblich schwächen, so

kräftig sich auch bei Bach die Fuge und bald nach Bach das Ungeahnte,

die Sonate, aus dem Zerbrechen der geschlossenen Melodie ergeben hat.

[Sidenote: Bach, seine Form und sein Gegenstand.]

Das Lied wird weit, unendlich, aber gleichsam nur intern unendlich in

der Fuge. Hier ist alles durchaus sangvoll zu spielen und deutlich

durchbrochen. Aber ist Bach deshalb rein tonleiterisch anzusehen,

mit Scheu vor der klanglichen Mischung überhaupt? Es ist freilich

dieses, was dem oberflächlichen, schulbeflissenen Kopf am leichtesten

zugänglich ist. Darum gibt es auch keinen besseren Vikar, der sich

nicht als Bachtrompete fühlte und nicht bemüht wäre, die unbegreiflich

hohen Werke zur rechten Küstermusik zu verwandeln. Man hat mit Recht

gesagt, daß der spitze kurze Ton des Kielflügels keine einzige der

Bachschen Voraussetzungen erfüllte. Es ist auch keineswegs im ganzen

Umfang wahr, daß für Bach immer nur die Orgel, die Stimmenorgel,

die Orchesterorgel das entsprechende Klangbild bedeutet hätte. Und

es unterliegt keinem Zweifel, daß uns erst unsere Flügel, und die

unvergleichlichen, für den neuen Bach geborenen Steinway-Flügel,

die klaren, dröhnenden, silbernen, an der Spitze, darauf gebracht

haben, wie der Meister zu spielen sei, was man von den vielen

Verzierungen, aber auch, was man von der scheinbar unentwegten

Stimmigkeit halten müsse, und wohin, zu welcher sangvollen, also

nicht einfach harmonischen, aber auch nicht der Harmonie fremden

Blüte das Wohltemperierte Klavier aufzugehen habe. Bach hat sowohl

das endlose Singen wie den alten, rhythmisch vielfach geteilten Tanz

aufgegriffen; der früheste Teppich beginnt damit eingeholt zu werden.

Was dem Meister des inneren Auflebens aber am Herzen liegt, ist der

thematische Keim dieses singenden Geteiltseins; er liebt sein Thema,

in dem er wie keiner sonst das Kommende, Spannung und schärfsten Umriß

der Spannung, verdichtet hat, und er sieht das Thema mit dieser Liebe

so lange von allen Seiten und Hoffnungen her an, bis es aufblüht und

in den großen Abwandlungen der Fuge zu einem aufgeschlossenen Schrein,

zu einer intern, das heißt eben vom Lebenskreis des Themas begrenzt,

zu einer intern unendlichen Melodie, zu einem melismatischen Universum

hinsichtlich der entwickelten Individualität seines Themas geworden

ist. Deshalb gerade ist Bach nicht rein tonleiterisch angelegt, so

deutlich auch alles durchbrochen ist. Selbstverständlich wird bei

Bach, wie übrigens auch bei Beethoven und Wagner, wenngleich in

geringerem Grade, das Harmonische an sich gleichgültig, sofern es als

zufällige Gleichgültigkeit der Stimmen am Kontrapunkt erscheint; aber

doch nicht in dem Sinne gleichgültig, daß die Bewegungen dazu und

ihr Ganzes, also eben der Kontrapunkt, nun auch das Überragende und

schlechthin Pointierte wäre. Er ist, sofern er die völlige horizontale

Durchsichtigkeit bedeutet, gewiß das Bachische Wesen. Und doch gibt es

hie und da schon ein Wollen und die hindurchströmende, beziehungsreiche

Flut eines thematischen Nacheinander, einer zweifachen, unter sich

schon spannungsreichen Thematik, die sich auf die Durchgangs-, Wende-

und Eckpunkte, vor allem aber auf die rhythmisch betonten Haltepunkte

der Harmonie: wie man sieht, keiner einfältigen, homophonen, sondern

einer anderen, erwählten, unterstreichenden, mit ihrer Masse

pointierenden Harmonie, -- weitaus kräftiger angewiesen sieht als

auf die entscheidungslose Stimmigkeit der beständigen Polyphonie.

Und dieses scheint in das andere herein, auch wenn Bach der Meister

der einen Stimme bleibt, der Verdoppler oder Verfünffacher der alten

Einstimmigkeit. Es hat seinen Einfluß und verhindert das Schwelgen im

Apparatlichen und Formalen, auch dort bei Bach, wo die weite Entfernung

der Stimmen voneinander wesentlich dazu beiträgt, die vertikale

Verschmelzung, also das Dasein und den Wandel von ganzen, wie immer

rhythmisch verkleinerten oder dominanthaft verschlungenen und wieder

losgelösten Tonsäulen zu verhindern. Dadurch, daß nichts als das

Lied, das Thema weit, unendlich werden will innerhalb der gleichsam

intern unendlichen Melodie der Fuge, sinkt das Kontrapunktische zum

bloßen Mittel herab, zu einem Reflexiven, das nur deshalb zugelassen

wird, weil sich die Tonleitermelismen am Nebeneinander schärfer

profilieren, und weil sie ihr bewahrtes, unzerrissenes Zugleichdasein,

ihre nichts Einzelnes mehr betreffende, sondern einfach Seele,

entwickelte Seele bedeutende Lyrik -- das trotz aller dramatischen

Gemeindechöre Zentrale der Bachischen Kirchenmusik -- am besten im

kontrapunktischen Gleichgewichtssystem darstellen können. Wo sich

dieses Gleichgewicht verselbständigt, ist es ein Leichtes, gleichwie

sich in der unebenen Fläche des Reliefgrundes Luft, Anordnung der

Figuren in der Landschaft, ja die ganze, im Auf und Ab des unebenen

Grundes untergegangene Landschaft selbst verspüren läßt, so auch im

Gefüge des Bachischen Kontrapunkts die untergegangene, zusammengebaute,

übereinandergebaute, in die Nischen der dreidimensionalen Kontrapunktik

eingebaute Lyrik der Passionen zu erkennen. Wenn man also will, ist

auch die lebendig, melismatisch gespielte Fuge ein Teppich oder ein

Korrektiv. Sie läßt sich als der Teppich ~vor~ allen Wirningen der

aufgeregten, chaotischen, melodisch gestörten Symphonie, mithin als der

zugleich mit der Spieloper und den Chorälen der Zionsgemeinde dritte

Teppich der Vollendung, der noch»primitiven«Vollendung bezeichnen. Es

scheint hier jedoch angemessen, um nicht, unserem Grundsatz entgegen,

zum Übergleiten gezwungen zu werden, bei zweierlei Halt zu machen

und zweierlei bei Bach als prototypisch zu betonen; zunächst die

~innere~ Seele (nur mit dem Unterschied, daß sich jetzt, in den

Klavier- und Orchesterwerken, die Gestalt wie die Grenze dieser Lyrik

durch die Anlehnung an das wesentlich architektonisch kontrapunktische

Gebirge deutlicher macht als in den Passionen) und dann den Körper

des Lyrischen, also die Mischung und das Gleichgewicht des Lyrischen

und Gestalteten in einer wesentlich ~architektonischen~ Harmonie

und Kontrapunktik, die das eigene Haus, das gewissermaßen räumlich

konstitutive System dieser Lyrik darzustellen scheint. Es darf danach

sehr wohl von einer auftreffenden Beziehung innerhalb dieses Kreises

gesprochen werden, wenn auch die lyrische Geschlossenheit, in der sich

letzthin bei Bach das Ganze seines Zusammenklangs, seiner Symphonie

aufbaut oder einbaut, den konstitutiven Gegenstand dieses Kreises

deutlich zum leichter vollendbaren Teppich oder Korrektiv eines

Schwierigeren, Wirklicheren, Absoluteren einschränkt.

Es ist bei Mozart das weltliche, bei Bach das geistliche Ich, das

gegenständlich wird. Wie Mozart auf eine bewegte Art, leicht, frei,

beschwingt, gelöst und glänzend die Gefühle klingend machte, so zeigt

Bach auf eine gemessenere Art, schwer, eindringlich, gebunden, hart

rhythmisierend, glanzlos tief das Ich und sein emotionales Inventar.

Es ist mithin bei Mozart das (noch kleine) weltlich luziferische;

bei Bach das (ebenfalls noch kleine) geistlich christliche Ich,

das durch die sich nähere, subjektivere, protestantische Gesinnung

erreichbare Ich der Güte oder des gelösten Adams, mithin noch nicht

das hinter einer ganz anderen Dynamik verborgene Ich des Blicks der

Versammlung, der Glorie oder des gelösten Luzifer. Es ist das von innen

her erleuchtete Gehäuse des christlichen Tunwollens, in dem Sinn, daß

die Bachsche Musik das Ringen um das Heil der Seele zum Ausdruck hat,

das vierte Leben im siebenfachen Aufbau des inneren Menschen, die

Stufe des Hoffens und der Liebe, hinter der sich -- Bach parallel,

aber unzugänglich -- die drei oberen Lebendigkeiten: die Stufen

des Glaubens, der Erleuchtung und der Apokalypse, innerhalb einer

nicht erhabeneren, aber schwierigeren und endgültigeren religiösen

Phänomenologie erheben.

* * * * *

Was aber sei zuletzt? Nun, bald wird uns freier zumute. Denn der Ton

will sich auch zum Handeln drängen.

Er kürzt sich ab und sitzt lockerer. Das Dritte, sich völlig

Hinauswagende zieht herauf. Das frühe Kloster bricht, die wirre Welt

vor dem echten Kloster scheint herein.

[Sidenote: Carmen.]

Nun treibt es weiter zu atmen. Das heißt noch nicht, daß die einzelnen

Gesänge strichlos, abschnittslos in die Ferne schweifen. Wenn wir

etwa Carmen nehmen, so sind die jeweiligen Lieder noch geschlossen.

Aber ist es für sie bezeichnend, daß sie nicht einfach nur aneinander

gereiht sind, sondern sich, ohne gebrochen zu sein, insoweit wenigstens

geöffnet und bereit zum Zuge zeigen, als sie dem Gang der Handlung,

statt ihn lyrisch auszuzieren und aufzuhalten, blitzschnell zu

folgen imstande sind. Derart geht der Ton ins Weite, um nicht nur

dem schwärmenden, spielenden Menschen, sondern auch dem Helden Platz

zu geben, wie er sich im raschen Abenteuer verliert und bewährt,

freilich noch nicht eigentlich »findet«. Man braucht sich hier nur an

die vorbildliche Veränderung zu erinnern, die das wechselnde Tempo

des Carmenmotivs in dessen Ausdruck hervorbringt. Auch wie Escamillo

und Don José vor und nach dem Zweikampf zu einander singen, gibt in

seiner glühend wechselnden Folge, die sich wegen der einfachen Melodien

trotzdem in runden, kurz, kupiert gerundeten Formen abzielen kann, ein

gutes Beispiel bewegt geschlossener Einfälle.

[Sidenote: Offenes Lied und Fidelio.]

Anders steht es freilich mit dem offenen Lied. Es ist vom letzten

Schubert ab vor allem begonnen. Nichts bleibt herkömmlich, an die

Strophe gebunden, die unteren Stimmen sind reich gelöst, schmiegsam

und zu jeder Untermalung bereit, die Gesangslinie ist ausdrucksvoll

sinngemäß und der Fluß der Steigerung wird zur wesentlichen Art des

Ganzen. Das gilt vor allem für Wolf, weniger für Strauß, der überall

dort, wo er mit weichen Tönen rühren will, seicht, biedermaierlich und

trivial geworden ist, aber dort, wo es gilt, herb zu schreiben und

glühende, ernste, groß geschwungene Texte, Klopstock und ähnliches,

zu vertonen, wird Strauß sogar zum größeren Meister. Aber auch, wo

es zu handeln gilt, rettet das offene Lied. Besonders nachdem es

steigend begann, reich, durchbrochen, voll gefüllter Sorgfalt zu

werden. Der Ton war rezitativisch zu farblos, und er war zu langatmig

im Lyrischen. Jetzt gehen die klingenden Ausrufe mit und verwandeln

den Gesang zu einem kürzer gehaltenen melodischen Geschehen, das

wechselnd genug ist, um auch die Empfindungen und Ausbrüche handelnder

Personen, das ganze Geladensein der Luft mit Raschheit, Schicksal,

Entscheidung wiedergeben zu können. Darum wird es überall dort, wo

sich die Person in die Handlung und diese wiederum in die Person

ernsthafter einmischt, notwendig, die gesangvolle Form entschiedener

zu brechen und aufzulassen. So schon bei Weber und mehr noch bei dem

höchst bedeutsamen Marschner des Hans Heiling, mit der herrlichen Arie

und dem einzigartigen Melodram, vor allem aber beim Beethovenschen

Fidelio und dem Rätsel seiner Melodie. Das hat sich freilich allmählich

so sehr verbreitet und ist so sehr das Mittel geworden, Kleines

aufzudonnern und statt melodisch geschlossener Einfälle melismatisch

zusammengerührten Ersatz zu bieten, daß es überhaupt keine Spieloper

mehr gibt, sondern alles auf ein Gebiet herübergezogen wird, das nur

für die heftigste Leidenschaft und Handlung reserviert bleiben sollte.

Denn hier allein ist diese Bewegung erlaubt; formell immer noch

Handlungsoper, aber irgendwie bereits mystisch gesteigert und von dem

Carmentypus deutlich durch den symphonischen Charakter unterschieden:

so bei den kostbaren Werken des späten Verdi, ja selbst der Holländer,

Tannhäuser, Lohengrin und vor allem die Meistersinger, die überdies

einen vollkommenen Opernaufbau wahren, sowie große Teile des Rings

zählen zu den Handlungsopern, als welche die ichauflösende dramatische

Bewegtheit und nicht etwa bereits die darüber wieder hervorbrechende

persönlich lyrische Tiefe zum wesentlichen Ziel haben. Wie bei

Beethoven alles Gesangvolle überhaupt gleichsam trächtig wird mit

einer endlosen, ausbrechenden Bewegung, so bleibt auch im Fidelio,

als dem apriorischen Muster der symphonisch dramatischen Gattung,

kein einziges Lied und erst recht nicht die tobenden Ensembleszenen

in dem festen Raum der wie immer bewegten Melodie beschlossen. Der

ausschweifend gehandhabte Ton, das Gewoge der Töne und der andauernde

Zuschuß aus Spannung, Chaos und Schicksal schäumt zu einer überwiegend

unmelodischen, rezitativisch melismatischen, motivisch thematischen

und sich im ganzen rein symphonisch entwickelnden Musikart über,

die von selber schon jedem überlegten Text zum Spott, nicht nur der

Handlung folgt, sondern selber Handlung, noch unbestimmte, namenlose

Handlung erzeugt, in die nun die bühnensinnliche Anwendung und

textliche»Begründung«einzusetzen ist.

[Sidenote: Missa solemnis.]

Das alles steigert sich noch in dem Beethovenschen Chorgebrauch.

Gemeinsam zu singen, das war früher das Bedürfnis, sich in Gemeinschaft

zu bekennen. Es waren einsame Stimmen, die im Dunkeln riefen, die

sich antworteten und so zum Einklang im tieferen Sinn gelangten. Wir

sahen freilich, wie sich die menschliche Stimme chorisch nur mehr

instrumental verwenden läßt, aber wir stellten zugleich fest, daß

sie auch dann immer noch als der oberste, ausdrucksmächtigste Teil

des Orchesters gerettet bleibt. Das vordem so wichtige Wort tritt

allerdings zurück; es wird zum Netz und Stramin, in das die Töne

hineingestickt werden, und das in deren Verschlingungen natürlich

durchaus nicht mehr gemeint, angedeutet oder nachgezeichnet ist.

Gewiß hindern die vier, äußerstenfalls acht Stimmen eine allzu

große Beweglichkeit, aber es sind menschliche Stimmen, die nicht

nur verstehen, vor allem seit Beethoven, alle Steigerungen mit dem

furchtbarsten Ernst herauszuarbeiten, sondern die erst recht dort, wo

es auf Wucht, Ruhe, Geistigkeit, Geheimnis, also um die Erholung, die

Höhepunkte und das Fazit des dramatisch symphonischen Stils ankommt,

den vollen überdramatischen Rätselschimmer des Rufes, wenn nicht schon

der Erhörung einer anbetenden Gemeinschaft auszubreiten in der Lage

sind. Nun, die alte Gemeinde ist zersprungen und wir können den Chor,

ihr Werk, nicht mehr als daseiende, sondern nur mehr als ersehnte

Glaubensmacht und Glaubenseinheit genießen oder gar schaffen. Es ist

ein anderes sich Versammeln gekommen, ein anderes Suchen und Finden

der darin fest zusammenstehenden Seelen, eine andere Sehnsucht nach

Organisation und vor allem nach dem Gehalt einer Organisation, die

die Menschen zusammenführt, die ihnen im Chorwerk tausend Stimmen

schenkt, um nach dem Einen zu verlangen, um nach oben hin von dem

Wachen zu verkünden, um mit einem tausendfältigen, musikalisch

transzendent gewordenen Schrei den Messias zu rufen. Dazu ist der Chor

ein Mittel, er bietet sich dazu dar, stürmisch und kathedralisch,

mit der steigenden Linie der neuen Gläubigkeit, die sich von der

Bachschen h-moll-Messe über die Schubertsche es-dur-Messe, dieser

leuchtenden, gewölbten, mit den weiten Hallen der Jesuitenkirche,

bis zum»pater omnipotens«der Missa solemnis und zuletzt zur

Brucknerschen Kirchenmusik, vor allem zu dessen f-moll-Messe, in immer

leidenschaftlicherem Barock hinzieht, in immer entschiedenerem und

nicht minder philosophisch zu verfolgendem Bewußtsein, daß die Gemeinde

den heiligen Geist weniger zu preisen als zu bekennen hat.

[Sidenote: Die Geburt der Sonate.]

Vieles andere hat sich schon gezeigt, das neues Leben bringt. Nun

trägt das bewegte opernhafte Denken auch seine eigenste Frucht,

die Sonate herbei. Es war kurz nach Bach fast selbstverständlich,

so weiterzuarbeiten, als ob die Fuge nie gewesen wäre. Sie ist uns

seitdem völlig fremd geworden. Sie ist fern und alt und doch möchte

man so gerne wünschen, sie wollte morgen wieder sein. Wie sehr viel

anders, lockerer, haltloser ist alles geworden! Zieht sich von ihr

zu uns überhaupt noch ein Weg oder gar derselbe Weg? Soll überhaupt

noch einer sein? Darf man sich aber, wenn einer ist, seinem gleichviel

bedenklichen Zug entziehen? Man weiß, wie entscheidend sich kurz

nach Bach die Schreibweise geändert hat. Er selber stand ja nur

wie ein fremdartiger, waldmäßiger Riese mitten unter den übrigen

galanten Meistern. Schon sein Sohn Emanuel half die neue Spielweise zu

begründen; und Haydn ist dessen größerer Nachfolger im Sonatensatz,

wie er in Scarlattis dreisätzigem Opernvorspiel sein bezeichnendes

Vorbild hat. Hier läuft der Gesang, wenigstens anfänglich, endlich

wieder seinen freien, die ganze Sonate beherrschenden Gang. Alles

ist ungezwungen, blumenhaft, guirlandenmäßig geworden. Die anderen

Stimmen sind dazu da, die Melodie von allen Seiten zu umgeben, sie in

sich unterzutauchen und scheinbar auflösen zu lassen, um dann desto

bereitwilliger wieder in den untergeordneten, bloß ausschmückenden,

durchführenden Stand zurückzutreten. Es gibt also nicht mehr

ausschließlich durchgeführte Stimmen, sondern Haydn verwendet

Füllstimmen und besonders Gruppen von Instrumenten, die beliebige

Massenwirkung und ein beliebiges harmonisches Kolorit ermöglichen. So

wird, schon äußerlich angesehen, das Thema gleichgültiger; es will

die Entwicklung nicht mehr erzeugen, sondern umgekehrt durch die

Entwicklung zu immer größerem Leben und Glanz erzogen werden, -- ein

leichteres Gewebe mit der bei der Fuge ganz unmöglichen Ungeduld im

Einschlag, derart, daß man mit Recht gesagt hat, ein schlechter Takt

verderbe die Fuge, aber ein einziger guter Takt rette die Sonate.

Trotzdem gibt es hier kein Zurück, nachdem der freie Eintritt der

Stimme endlich zum Ereignis geworden ist, und es geht nicht an,

nach so viel teuer erkauftem Positiven die neuen, leider am Ende

sehr»poetisch«gewordenen Blätter zurückzuschlagen oder auch nur zu

überschlagen, um wieder die bedächtig, schwunglos gute Satzarbeit der

Fuge Takt für Takt zu gewinnen. Hier bleibt es so, durchaus so, auch

für den, der das neue Überrumpeltwerden nicht liebt, daß man nach

dem Dasein der Eroica seine feste Marschroute, den unwiderrufbaren

Befehl des Perserkönigs zu dieser Marschroute erhalten hat, wobei es

übrigens auch dem sorgfältigeren Geschmack ein Leichtes werden mag,

sich Beethoven, der ja ebenso voll von demagogischen Mitteln wie von

Verheißungen, von wahrhaften Höhepunkten und weithinschwingenden

Dominantspannungen ist, anders, aber so stark wie der Bachschen Fuge,

bis ans Ende hinzugeben. Es ist also zunächst die Farbe, die gegen die

Zeichnung siegt. Was uns daran so sehr erschüttert: die blitzartig

wechselnden Tonstärken, das Wunder der Hörner, dieser blühenden,

sättigenden, hallenden, dem Pedal vergleichbaren Füllungen des Klangs,

bittere Kälte -- Schlaf -- Schritt der Nachtwachen -- Glaube und

Unglaube -- der Stern -- und nun erscheint's, das Gespenst oder der

Geist, mit allen Mitteln des Schlagzeugs, der Posaunen, der Orgel und

des vollen, im äußersten Fortissimo ausgehaltenen Orchesters: es ist

eine neue Daseinsweise des instrumentalen und dynamischen Ausdrucks,

die gleichsam aus der Farbe und Beleuchtung heraus die neue Zeichnung

erfinden, harmonisch dramatisch erfinden läßt und so venezianische

Glut in das zuerst so dünne und volumenarme Wesen des thematischen

Wandels hereintreibt. Freilich benutzt Haydn nur erst insofern das

reißende Nacheinander der Farbe, als hier nicht mehr einfach gesungen

wird, sondern im oberen, von unten her so vielfach melismatisch

durchbrochenen Gesang etwas geschieht, als mithin eine zweite Melodie,

ein Gegensatz und der Durchführungs- wie Vereinigungsreiz dieses

Gegensatzes hinzukommt. Das scheint wenig, zumal da die zweithematische

Form von Haydn nicht eigentlich erfunden wurde. Auch Bach läßt bereits

deutlich, vor allem in den Einleitungssätzen seiner Partiten, das in

einem zweiten Thema ausgedrückte Prinzip des Gegensatzes als Urbild der

Sonatenform erkennen. Aber was hier nur gelegentlich auftauchte, wird

von Haydn immerwährend behauptet und einer förmlichen satztechnischen

Weltanschauung von Polythematik zugrunde gelegt, die unmittelbar zu

der Abenteuerwelt des gelockerten, dramatisch symphonischen Stils der

Sonate prädestinierte.

[Sidenote: Brahms und die Kammermusik.]

Geist der Utopie · 第 8 / 39 段