Der neue Ton ist an sich schon der bessere. Er ist fertig und alt,

sobald er gebildet ist. Er wird auch nicht edler durch das Altwerden,

weder fühlbar ferner noch von dem fatalen Kalkgeruch des Neuen befreit,

sofern dieser ja schon von vornherein fehlte. Man ist hier seit langem

immer wieder jünger geworden, aber es ist nicht das Können und die

Reife, sondern nur die Schule, die dabei verschwunden ist. So scheint

es, als ob das gewöhnliche, vor allem handwerkliche Lobpreisen der

alten Zeit in allen musikalischen Angelegenheiten zuschanden gehen

müßte. Zwar pflegen selbst die neuartigsten Bilder nachsichtiger

beurteilt zu werden als die jeweils modernsten Satzarten. Aber das

Entsetzen ging bald vorüber, die Ohren, die man sich beim ersten

Anhören des Figaro allen Ernstes mit Eisenblech gefüttert wünschte,

fanden bald die neue Gewöhnung, und der Streit um die Grundsätze des

Schönen und Melodischen war rasch geschlichtet, sobald man der eigenen

Spur vergessen erst einmal die Regeln des neuen Gebildes aufgesucht

und verstanden hatte. Das Handwerk ging weiter und der Ausdruck stieg,

so deutlich, daß etwa der Verfall und der dann kräftig einsetzende

Aufschwung des Malenkönnens im neunzehnten Jahrhundert für die Musik

überhaupt nicht gilt. Wie wenig hier das bloß Alte bedeutet, läßt sich

an zwei Fällen genügend erkennen. Wenn ein junger Mann den Zauber

finden soll, der ihn von dem Selbstmord abbringt und alle verlorenen

Lebenskräfte zurückgibt, dann braucht Balzac als Umgebung dieses

wunderwirkenden Chagrinleders einen ganzen Antiquitätenladen mit dem

endlosen Gewoge von Moden, Erfindungen, Möbeln, Gebilden und Trümmern

der Vergangenheit. Wenn es sich dagegen um drei Wüstlinge handelt,

die sich mit einer Menge verwegenen Gesindels zusammengetan haben, um

die Nonnen zu schänden und daneben Bilderstürmerei zu treiben, und

nun die heilige Cäcilie selber zur Rettung ihres Klosters erscheint,

so wirkt es ziemlich sinnlos, ja eigentlich musikalisch laienhaft,

wenn Kleist dort eine uralte italienische Messe aufführen läßt, wo

ein zeitgenössisches Stück von Palestrina besser genügt hätte, ja

sogar, falls man das Anachronistische ausschaltet, ein Satz aus

einer Brucknerschen Symphonie noch magischere Dienste geleistet

hätte. Dies eben ist das Wesentliche: daß man alles, was gegenwärtig

bildnerisch gestaltet ist, verlassen oder wenigstens ins Atemlose,

Unkenntliche überstürzen muß, soll es als Folie zu bedeutenden Dingen

fungieren, während die tönende, musikalisch gegebene Gegenwart jedem

nur denkbaren Abenteuer und Wundergeschehen beliebig nahe verwandt

sein kann. Insofern fließt hier nicht nur im selbstverständlichen

Handwerk, sondern auch in der Kraft des persönlichen Ausdrucks ein

einziger Strom von Ebenbürtigkeiten, der unberührt von allem Auf und

Ab bleibt, der Bach und noch in ganz anderer, erstaunlicherer Weise

Wagner unzeitgemäß macht, und der im Ganzen der Musik mindestens den

gleichen hohen, sonst nur in der Vergangenheit auffindbaren Grad der

Phantastik bewahrt. Aber geht dieses bessere Neue an Ton richtungslos

weiter? Ist das blühende Klangleben, wie man vielfach glauben möchte,

nicht gerade der Ausdruck dafür, daß man das obere, das sich ans

Objektive knüpfende Band verloren hat, dessen flatternde und fallende

Enden nun freilich in der Subjektivität noch einige Zeit zu sehen

sind? Und zwar desto deutlicher zu sehen sind, je näher sie zum Boden

kommen, je enger sich also der Fall, Lebhaftigkeit und Ende benachbart

sind? Liegt vor allem in der ganz rätselhaften Tatsache, daß die

Musik immer jünger, immer ungebundener und weiträumiger geworden ist,

eine Garantie für ihre Unerschöpflichkeit und zeitgeistige Immunität?

Vieles scheint sich zu vereinigen, um gerade diese letzte Frage zu

bejahen, aber freilich nur um den Preis, daß damit auch zugleich eine

Reihe von Bedenken eingeführt wird, die, wenn sie auch keineswegs

das gewöhnliche Lobpreisen der alten Zeit in den musikalischen

Angelegenheiten rechtfertigen, so doch das bloße leere Jungsein der

Musik problematisch macht. Es geht nicht an, daß jeder immer wieder von

vorne beginnt, ohne mit den geerbten Mitteln über sich hinweg zu bauen.

Wir sagten schon, das Können des Schöpfers nimmt durchgehends an der

hier selbstverständlichen Sorgfalt des Handwerklichen teil, ja man kann

sogar behaupten, daß die Kraft der melodischen Erfindung und die Liebe

zum Einzelnen in der kammermusikalischen Stimmführung seit Beethoven

gestiegen ist. Aber das alles steht immer wieder nur auf zwei Augen,

auf zwei bildlosen Augen, es gibt weder eine Schule, noch die feste

geistige Schönheit eines musikalischen Stils, des einzigen uns noch

möglichen Stils, und die Musik will keinen letzten Anfang nehmen. Es

gibt hier nur Künstler und keine Kunst, was entschieden etwas anderes

und methodisch weniger Fruchtbares ist als der Fiedlersche Satz: es

gibt keine Kunst, es gibt nur Künste, der die Einschränkung der schönen

Künste auf einen einzigen Grundsatz schon deshalb unmöglich macht,

weil das Prinzip der Gartenbaukunst ersichtlich nicht zugleich das

Prinzip einer Metaphysik der Tragödie sein kann. Jedoch die einzelnen

Künstler selber haben nicht ohne weiteres das Recht, für sich schon

kategoriell zu sein oder wenn auch, so doch nur in der Weise, daß

die dagewesenen und als Kategorien stehenden großen Individuen einen

kategorialen Zusammenhang gebildet haben, der den Spätergeborenen

unerachtet all ihrer herrlicheren Jugendlichkeit den Druck und Halt

einer das Jungsein, Zukünftigsein, Subjektivsein erst substanziell

fundierenden Sphäre vermittelt. Weil sie tiefer gehen, besitzen die

Tongebilde das Jungsein nicht einfach als Eigenschaft, sondern sie

werden jünger, indem sie älter werden und auf sich ruhen und das

Neualte des Verborgenen dieser Ruhe erlangen. Sie schreiten also als

Künstler wie als Kunstwerke nicht sinnlos fort im leeren, formalen

Marsch der Zeit, sondern das Neue rundet sich, um daran sein Maß und

seine Strenge zu finden, es wird eine Würde, zuletzt eine Heimkehr und

am Ende ist es gerade das Waghalsigste, Schmerzlichste, sich am meisten

Loslösende und Paradoxe, das dem Alten, urältest zugrunde Liegenden,

Einfachsten, Gegebenen, vorweltlich Ersehnten und in der erwachsenden

Welt Verlorenen am nächsten steht. So bringt hier der nicht sterbende,

nicht entsagende Jüngling, der sich unaufhörlich erneuernde Jüngling

im Genie erst die Reife mit sich, und das Zerbrechen der Tonalität,

das Schweifen der Dissonanzen, das Anwachsenlassen der Steigerungen,

mithin die ganze Fülle des musikalischen Impressionismus bildet

allerdings und in Wahrheit nur die untere Gegenbewegung eines oberen,

darin sich durchsetzenden Expressionismus und der freilich kaum erst

in den Anfängen erreichten Wesenschau seines gotischen Überschwangs.

Aber das alles ist das, was es ist, eben nur vermöge seiner Richtung.

Wenn der neue Ton an sich schon der bessere ist, so ist er es gewiß

nicht wegen seines glatten Gesichts oder wegen seiner nur die

Abwechslungsbedürftigen reizenden Überraschung, sondern weil die Zeit,

die sich entwickelnde Neuzeit als Begriff gefaßt, den Musiker braucht

und liebt.

* * * * *

[Sidenote: Das Problem einer Geschichtsphilosophie der Musik.]

Deshalb muß um alle ein Bogen geschlagen werden. Er ist wohl ziehend,

zielend, fortschrittlich gearbeitet, aber nicht nur zeitlich, sondern

mehr noch räumlich gefaßt. Er ist so gearbeitet, daß die einzelnen

Punkte, die er als Form berührt, durchaus als seiend fixiert werden.

So kommt es hier darauf an, bestimmte geniale Ichzustände zu fassen,

die für jeden, der mozartisch, bachisch oder beethovenisch begabt

ist, kanonisch werden. Aber dazu muß hier alles bloß geschichtlich

Zusammengefügte aufs gründlichste zugunsten eines neuen Ganzen des

Überblicks getrennt werden. Das Gegebene und scheinbar so different

Gegebene ist umfangreich genug geworden, um genau so, wie sich die

großen Meister der verschiedenen Formen des Lieds, der Fuge oder

der Sonate nach Belieben bedient haben, sofern es der»Geist«der

einschlägigen Stelle forderte, um genau so auch Mozart vor Bach zu

setzen oder aus den Mozartschen, Bachschen, Wagnerschen Formen eine

zeitlich unüberholbare, jeweils wieder zu postulierende Reihe der

Komposition und ihrer Gegenstände zu bereiten. Rein zeitlich, also

dem totschlägerischen Nacheinander gemäß genommen, sind freilich die

Unterschiede ganz ungeheuer. Nirgends ist der Wechsel so eindringlich

und vor allem der Zeitraum, in dem dieser Wechsel geschieht, von

einer solch vehementen Schnelligkeit und Kürze als in der Musik,

und nirgends ist die Straße so hoffnungslos, oder wenn man will,

so endlos hoffnungsvoll geradlinig als in dieser Kunst. Überall

sonst gibt es Bögen, das weithin, zerstreut Verwandte überwölbend,

einmalige Erfassungen des Absoluten und Rezeptiven. Die griechische

Säule, aber auch die gotische Säule, das homerische Epos, aber auch

das alte Testament sind solche Bögen, nicht minder die platonische

Philosophie, aber auch die kantische Philosophie; das heißt, es genügt

hier als Erster das Gebiet mit Bedeutung betreten zu haben, um damit

in dem ersten zugleich ein unzerstörbares, mindestens teppichhaft

erschöpfendes Muster, einen gewissen Ring oder eine erste Umzirklung

und Inventarisierung gegeben zu haben. Erst seit kurzem vollzieht

sich, ohne daß dadurch das große, eigene Können untergraben würde,

dieses neue Ganze des besseren Überblicks auch in der Musik. Der

Meister kann sich nach wie vor als das aus sich rollende Rad fühlen,

aber die sinnlose Turbulenz des Fortschrittsmäßigen ist verschwunden,

aus der Eitelkeit und der möglichst anarchischen Konkurrenz mit dem

Vorhergehenden hebt sich ein Bau und eine Stelle aus dem Bau heraus,

so daß jeder Gedanke im geschichtlich gegebenen Formkomplex seinen

bestimmten Ort erlangen kann, der ja an der Stelle seines historischen

Vorkommens selbst durchaus noch nicht erledigt zu sein braucht und

sehr wohl das noch Bessermachen, die glühendere Phantastik und das

utopische Weiterdenken seines Gehalts verträgt. Erst seit kurzem, seit

Brahms und noch viel mehr seit Bruckner, scheint der letzte Anfang

gemacht zu sein, scheint die rastlose Neuheit mitsamt der schlechten

Unendlichkeit ihrer geraden Linie zum Bogen, zum prototypischen

Ort, zum offenen System und den besetzten oder, wenn das Genie neu

wie ein metaphysischer Einbruch ist, zu den projektierten Feldern

in diesem periodischen System von Formen der Musik übergehen zu

wollen. Es gibt hier ein deutliches Meinen. Für das, was sich darin

gestaltet, führe ich den von Lukács zuerst gebrauchten Hilfsbegriff

des Teppichs als der reinen Form und der Wirklichkeit als der

erfüllten, auftreffenden, konstitutiven Form ein. So lassen sich, halb

verdeutlichend, halb eingedenkend ergänzt, je nach dem Schwung der

angewandten Kraft drei Schemen unterscheiden. Das Erste ist das endlose

vor sich Hinsingen, der Tanz und die Kammermusik, herabgesunken,

unecht teppichhaft geworden. Das Zweite nimmt einen größeren Anlauf.

Es ist das geschlossene Lied, Mozart oder die Spieloper, weltlich

klein bewegt, das Oratorium, Bach oder die Passionen, geistlich

klein bewegt, und zuoberst die Fuge, die freilich hinsichtlich ihrer

unendlichen Melodie schon in die Ereignisform übergeht, von der sie

aber andererseits durch ihren rein architektonischen, undramatischen

Kontrapunkt entscheidend getrennt ist; mithin durchgehends die

Gebilde der geschlossenen oder wenigstens ungestört erblühenden,

einthematischen Melodie. Das alles ist nicht irgendwie von obenher ins

Gegenstandslose herabgesunken, sondern es hat seinen Gegenstand in

einer gewissermaßen leichteren, leichter erreichbaren, tiefer gelegenen

Region des Ich, jedoch nur so, daß es jeder gewaltigeren Bewegung,

also der entsprechenden Ereignisform gegenüber wie ein Vorspiel, wie

ein allerdings echter Teppich, wie reine Form und wie ein Korrektiv

erscheint, das nun mit seiner schönen, stillstehenden, das heißt rein

lyrisch bewegten und sonst nur zusammengefügten Geschlossenheit in

den Aufruhr der schwereren, chaotischeren, dynamisch symbolischen

Symphonie hineinleuchten soll. Das Dritte ist das offene Lied, die

Handlungsoper, Wagner oder die transzendente Oper, das große Chorwerk

und Beethoven-Bruckner oder die Symphonie als den losgebrochenen,

weltlich, wenn auch noch nicht geistlich großen, durchaus dramatisch

bewegten, durchaus transzendental gegenständlichen Ereignisformen, die

alles unecht und echt Teppichhafte rezipieren und im Hinziehen auf das

Tempo, auf das Brausen und Leuchten in den oberen Regionen des Ich

erfüllen. Es liegt nahe, hier an den dreifachen, syllogistischen Aufbau

der Form in den anderen Künsten zu denken. Das Stilleben, das Porträt

und die große Landschaft; die Novelle, die Lyrik und darüber die große

Epik und Dramatik; ja, wenn man den Syllogismus der bloßen Komposition

noch weiter ziehen will, auch die eigentümliche religiöse Formenfolge

der schwärmerischen Wundersucht, des Protestantismus und des gebauten,

vermittelten Kirchenglaubens -- alle diese abstrakten Anfänge,

individuellen Mitten und konkreten Erfüllungen der Abstraktheit

gehorchen einem Rhythmus, der dem der musikalischen Formen ähnlich

ist, und einem verwandten Syllogismus vom behaglich schönen Spiel, als

der Stufe des Gemüts, zur vollen, in sich wandernden Individualität,

als der Stufe der Wärme und der Seele, bis zur leuchtenden Härte

des Systems als der Stufe der Macht, der Tiefe und des Geistes sich

zugeordnet zeigt. Das ist, im Ganzen genommen, der dialektische

Stufenbau, ja (und dabei kann der Teppich der Übung weggelassen werden,

ebenso wie die Tatsache, daß auch der an sich unteppichhafte, reale

Untersatz Mozarts und Bachs relationell wieder zum Teppich, Obersatz

und Korrektiv werden kann) --, ja die Ähnlichkeit ist insofern noch

gesteigert, als der Untersatz auch in der Musik das kleine, entweder,

bei Mozart, das natürliche oder, bei Bach, das bloß lyrisch christliche

Ich aufzeigt, während es der symphonischen Ereignisform vorbehalten

ist, bei Beethoven, Wagner und Bruckner das dramatische und zuoberst,

weiter Bach rezipierend, in einem utopischen Gebilde das ontologisch

christliche Ich klanglich zu objektivieren. Was noch tiefer geht und

darin allerdings das bloß formelle Spiel der dialektischen Anordnung

sprengt, das ist eine hier nur anzudeutende Beziehung des griechischen

Mozart, des gotischen Bach, des barocken Beethoven und Wagner und des

unbekannten seraphischen Musikers zu den entsprechenden Standindexen

einer Geschichtsphilosophie der Innerlichkeit.

Die Fülle und ihr Schema.

Was aber war zuerst?

Das endlose vor sich Hinsingen und der Tanz.

Diese beiden sind noch namenlos. Sie leben nicht an sich und niemand

hat hier persönlich geformt. Sie besitzen, wo man sie vorfindet, den

Reiz des ursprünglichen Anfangens. Aber wir können sie erst dort

eigentlich sehen, wo sich ein Künstler auf sie besinnt.

Es sind Rückstände, Hoffnungen, gleichviel. Sie mögen hier noch liegen

bleiben, mitsamt der Kammermusik, die halb abgestandenste Übungsform

sein kann, halb fruchtbarste kontrapunktische Feinheit und Erretten der

Sonate vor ihrem allzu schludrigen, allzu schmißhaften Dahinstürzen. So

wird auch noch rückwirkend zu erkennen sein, welche Bedeutung bei Bach

und Wagner das endlose vor sich Hinsingen und dann vor allem der Tanz

erlangen.

* * * * *

Aber noch ist alles still.

[Sidenote: Das Lied.]

Man liebt darum gleich fertig zu singen. Das müssen die Jungfrauen,

Schulknaben und Männerchöre wissen. Es klingt im Freien echt, aber

bei Silcher wird es falsch. Es ist die totgeborene Art des falschen

Volkslieds oder Bürgerlieds. Das so Gesungene ist leider früh aus

Schrei, Tanz und Zauberweisen herausgetreten. Wenigstens scheinen

bereits die Minnesänger aus einem anderen heraus erfunden zu haben.

Aber erstaunlich ist, daß selbst so späte Künstler wie Schumann, der

frühe Schubert, ja noch Brahms an diesem Ort Bedeutendes gewirkt haben.

Durch sie ist das geschlossene Lied als weiche, homophon melodiöse

Form mit einfachstem Zeitmaß fixiert worden. Sie schwelgen, man fährt

auf diesen Liedern, sie klingen überhaupt nicht anders aus als in

Stimmungen, sie sind deutsch und dennoch widerspruchsvollerweise

endlich, manierlich, wenn nicht gar strophenhaft melodisch geschlossen.

Es mag sein, daß die stille und bald so sehr verdorbene, so sehr

liedertafelhaft gewordene Sangeslust des Biedermaier viel zu diesem

Sieg des Bürgerlichen beigetragen hat, mitten in einer Zeit, die

zwar nicht bei Zelter, wohl aber bei Schubert nach ganz anderen

Zielen aussah. Klar ist nur die Arie, die leicht nachsingbare, wohlig

geschlossene, wahrhaft volksmäßige und noch ungebrochen auf die Laute

gestimmte italienische Cantilene. Alles darin ist leicht, angenehm

klingend und oberflächlich. Sie lebt in der Oper, lebt davon, daß jedes

Kabinettsstück einen Anfang und ein Ende nimmt, und hat insofern von

Pergolese bis Offenbach ihre runde, ebensowohl vom Sänger wie von der

Oper aus wohlverständliche, teppichhafte Formung.

[Sidenote: Mozart]

Mozart ist das Haupt dieser glänzenden Reihe. Er vermag am

berückendsten zu singen, geschlossen zu singen. Aber er ist ein

deutscher Meister und leistet insofern das Wunder, hier wirklich

von sich, von uns, soweit wir darin erreichbar sind, gediegener zu

sprechen. Bei ihm wird es still, die Nacht geht auf und holde Gestalten

ziehen uns in ihre Reihen. Aber es ist nicht jene Nacht, in der es

sich verwandelt, in der das Licht auslöscht und die Bergfee erscheint

und ein Schimmer wie Morgenrot, wenn die Sonne nicht mehr fern ist,

überzieht alle Wände. Vielmehr, die Kerzen brennen weiter, alles

bleibt von ihnen beschienen, liebenswürdiger, verklärender als es dem

Tageslicht gelingt, hier und da rokokohaft dem Drüben benachbart,

aber sonst perlmuttern und nur von außen her beleuchtend. Es gibt

keinen Taumel und keine Sprengung, nicht einmal in den bewegteren

Ensembleszenen des Figaro, es gibt überhaupt keine andere als die

lediglich rezitativisch gemeinte und erreichte Handlung. Die Lieder

sind ruhig und plastisch, so sehr, daß die reizvoll an- und absetzende,

reinlich antwortende, sich in reinlichen Antworten verschlingende

Melodie zwischen dem heiteren Gastmahl und dem mystischen Untergang

Don Juans keinen Unterschied zu machen wünscht, im Hinblick auf die

gleichbleibende Geschlossenheit und Plastik ihrer Linie und Form.

Es ist der lebendige, sprunglos gelöste Mensch, der sich hier mit

schöner, in sich herrlich bewegter und doch maßvoller, melodisch

lyrischer Gebärde gibt. Alles bleibt freilich irgendwie porzellanhaft;

und wie sich das Rezitativ teppichhaft genug verschließt, so geht

auch die Zeichnung des inneren Lebens, seiner allein rezitativisch

dargestellten Handlungen und der Ergießungen seiner lyrisch

ausgeschöpften Fülle nicht so tief ins aufgewühltere, wirklichere Ich,

ins dramatisch ausbrechende oder gar mystisch erkannte Ich herein,

daß die Mozartsche Oper den Kreis des Puppenspiels, der Spieloper,

Märchenoper, oberstenfalls des Teppichs zum musikalischen Gnadendrama

verlassen könnte. Freilich, es gibt Stellen, die man nicht vergißt:

das Zwiegespräch mit dem Priester und der plötzlich einbrechende Ernst

der priesterlichen a-moll-Melodie, oder der fugierte Satz und wie sich

darüber der steinerne cantus firmus der beiden geharnischten Männer vor

dem Tempeltor gleich einem Tauf- und Prägesiegel aufgerichtet erhebt;

diese beiden gewaltigen Tongestalten aus der Zauberflöte sind wie ein

zweites Gesicht, sie zerreißen den Teppich gleich einer ungeheuren

starrenden, gorgonischen Vision aus der Mozartschen Präexistenz,

die sich ihrer erinnert über allem Spielerischen, Spielmäßigen und

flacher Paradiesischen der sonstigen reinen Form. Aber auch dieses

ist Kindheit und im Grunde unbewährter Traum, es ist siebzehnjährige

Musik, hinter der sogleich das Sinken des Erwachsenseins droht, und die

diese teppichhaft immanente Kunst an anderen Stellen nicht entscheidend

wirklich, zum Ernstfall machen konnte. Es ist klar, wie wenig daher

Mozart melodisch gestört und rauschend werden wollte. Hier ruht

auch symphonisch alles in der kleinen, untereinander bewegungslosen

Stimmungsfolge. Es wird so verständlich, wie rasch sich bei Mozart

selbst in dem breiten und atmosphärenhaften Werk der Sonate die Seele

zusammenfaßt. Man erlebt diese Gebilde mit melodischem, oft, wie in

der unvergleichlichen Ouvertüre zur Zauberflöte oder im Finale der

Jupitersymphonie mit kammermusikalischem, aber selten oder niemals

mit symphonischem Gewinn. Sie sind durchaus anmutig erfunden, oft

mit einem unerhört großartigen Bogen edelster Intervalle, und in

allem Einzelnen so blühend und reich, daß nur noch Schubert diesem

melodischen Reichtum nahekommt; aber es ist nichts geschehen, wenn das

Thema wieder auftaucht, es ladet sich nichts und entladet sich nichts,

es gibt keine verschneiten Wege, keinen Nebel, keinen Wald, kein

Verirrtsein und kein warmes Licht in der Ferne, es ist ein liebliches

Sichergehen und perlenartig gereihtes Vorüberziehen, und der Gegensatz

zeugt weder Licht noch Wärme, noch jene Musik des Durcheinander, die

doch selbst die italienische opera buffa meisterlich beherrschte.

So hat die Durchführung keine Spannung und keinen Willen zur großen

Linie, wie sie aus dem expansiven, mit Notwendigkeit expansiven Feuer

ihrer thematischen Gegensätze hervorgehen müßte. Das Ganze weist bei

Mozart einen toten, unleidlich arithmetischen Zug auf, der der bewegten

Beethovenschen Symphonie als einer gewählten, sich sichtbar und

organisch zusammenfügenden Bildung prinzipiell widerspricht. Das ist

dasselbe, was Wagner zu der richtigen Bemerkung veranlaßte, daß sich

bei Mozart die empfindlichste Grazie mit einer erstaunlichen Begabung

für Arithmetik verbunden hat, und daß sich aus dem naiv bleibenden

Zusammenstoß dieser idealen Extreme der Musik auch manches bis zur

Banalität Regelmäßige, oder, wie anders zu sagen wäre, bloß Gemachte,

Unentwickelte und hart, ja leblos Hingestellte im Umriß seiner

melodisch so außerordentlichen Sonaten und Symphonien erklären läßt.

Man wünschte auch sonst nicht sogleich bewegt zu werden.

Die Sehnsucht war bei Bach kein hinausbrennendes Feuer, sondern in sich

bleibende seelische Tiefe.

[Sidenote: Die Passionen.]

Geist der Utopie · 第 7 / 39 段