Denn im ganzen ist das alles erloschenes Gut. Nicht viel anders steht

es mit der späteren mehrstimmigen Musik des Mittelalters. Nur die

fahrenden Sänger beginnen neu zu erfinden. Sie sind ungelehrt, auch

darin, daß sie zuerst von allen mehrstimmig zu setzen wagen. Es war

wenigstens ein Harfenschlag, der dem Troubadour auch in den Zeiten

der strengsten Einstimmigkeit zur erlaubten Verfügung stand. Dazu

kommt, daß die Harfe, die zum freien Umspielen als einem gesondert

hörbaren Figurieren der Melodie nicht tauglich ist, von selber zu

akkordlichen Verschmelzungen hinleitet. So lebt hier nicht nur die

freiere Bewegung und das Bedürfnis des Ausdrucks, sondern auch

unabhängig und weit entschiedener als bei den bloß verständigen

Versuchen der damaligen Harmonisten, die die Troubadours aus der

Schule verbannten, eine deutlich erkennbare Annäherung an die Dur- und

Molltonarten und Ausweichungen der späteren Zeit. Aber das Gute daran

ist verloren gegangen oder durch die späteren, verwandten, durchaus

großartigeren Meister der italienischen Cantilene überflüssig geworden.

Was andererseits die gleichzeitigen Versuche der Mehrstimmigkeit

angeht, so kommen sie im wesentlichen, auch in der Musik des späteren

Mittelalters, über den Zustand der bloß theoretischen Vorarbeit

außerhalb aller künstlerischen Werkgesinnung nicht hinaus. Wenn die

gelehrteren Mönche auch allerlei gefunden haben; Hucbald und die erste

Ahnung des Zusammenklingenlassens der Töne, Guido von Arezzo und die

Anfänge der genaueren Notenbezeichnung, Franco von Köln und die aus

der Gewohnheit, mehrere Töne beim Diskantus gegen einen zu singen,

stammende Mensuralnotenschrift; so bleibt dies alles doch bloßer

Schulkram, dessen innere Verdienste nicht mehr recht zu ermessen sind,

sofern die Einfühlung in die damaligen sachlichen Schwierigkeiten nicht

mehr zu leisten ist, und die eigentliche Kunstfertigkeit, auch im Sinn

der Theorie genommen, durch die nachfolgende, bereits neuzeitliche

Epoche der Niederländer weit überboten wird.

Aber auch bei ihnen ist der Blick noch leer. Man denkt hier vor allem

an den bedeutenden Josquin. Es gibt von ihm gewiß kleinere Stücke

voll überraschend inniger, durchaus auf das Beseeltsein der Stimme

gestellter Wirkung. Aber wie trocken wird überall dort das Brot, wo

es anspruchsvoller zugeht, wie hart bleibt die Stimmführung, wie

unsangbar, ausdruckslos und melodienlos ist noch Dufays oder Ockenheims

künstliche und bewunderungswürdige Satzkunst; einflußlos steht der Text

da und fruchtlos bleibt die ungeheure Verstandesarbeit in sich selbst

verschlossen. Es ist der Bleistift, der selbst rechnen möchte, und der

verschlungene Achter, der nichts trifft. Es ist eine Schaupartitur von

unerhörtem Rang, die beim Anhören einer gewissen schwierigen Macht

nicht entbehrt haben mag, die aber im wesentlichen nur die technische

Zurüstung zu einem ganz andersartigen Barock bedeutet. Hier mußte

ein Stoß von unten kommen, der einfach werden ließ und den eitlen

Kalkül der Partituren auf die Orte der seelischen und textlichen

Notwendigkeit zurückführte. Erst dadurch konnte Luthers Wort:»Die

anderen Sangesmeister müssen's machen, wie es die Noten wollen haben,

aber Josquin ist der Noten Meister, die haben's müssen machen, wie er

wollt«-- in dem schönen, gegenabstrakten Sinn dieses Satzes erfüllt

werden.

Der neue Einfluß kam vom Volkslied. Wurde es drei- bis sechsstimmig

gesungen, so erschien es als Madrigal. Da auch dieses leichten,

meist erotischen Inhalts blieb, so wurde das ursprünglich Liedmäßige

daran stark in die sangvolle Oberstimme getrieben. Bald darauf

werden auch die alten Tonarten chromatisch durchbrochen. Es war der

Niederländer Willaert, der bezeichnenderweise unter italienischem

Einfluß zuerst chromatisch und in der neuen Teilung des Dur- und

Mollakkords schrieb. Er setzte an die Stelle des bisherigen, feinen,

vielfach sich verschlingenden Stimmengewebes den deutlich als

gleichzeitig fixierten Akkord und entdeckte so, wie die Venezianer

sagten, das»aurum potabile«, also die neuen Möglichkeiten einer

harmonischen Musik mitten in der noch rein kontrapunktischen Zeit.

Nicht viel später brachte Haßler den neuen harmonischen Ton mit

nach Deutschland, um seinen Glanz in die mehrstimmige Bearbeitung

des protestantischen Kirchenliedes einzufügen. Hier trat der

Gesang endgültig an die Oberfläche, das heißt, der cantus firmus,

der früher im Tenor, also in einer Mittelstimme stand, wurde in

die Oberstimme gesetzt, um so die übrigen Stimmen, die nun zu

Füllstimmen wurden, immer entschiedener dem Diskant als dem Träger

der sangvollen Hauptmelodie unterzuordnen. Das geschah vorerst am

zweckmäßigsten, indem die begleitenden Stimmen möglichst gleichmäßig

mit der Oberstimme in einer gleichzeitigen Harmonie weiterschritten,

anstatt daß jede Stimme ex cantus firmi una voce plures faciens

ihre selbständigen, durch Nachahmung, Umkehrung, Krebsgang oder die

anderen kanonischen und kontrapunktischen Vorschriften geforderten

Wege ging. Und nun, von Orlando ab, ist die volle Freiheit gewonnen.

Er beherrscht das Trinklied nicht weniger meisterlich wie den Ernst

seiner erschütternden Bußpsalmen, alles ist in größter Breite zum

Ausdruck bereit geworden, das tonale Haus ist gebaut, die einzelnen

italienisch melodischen und niederländisch kontrapunktischen Stilweisen

verschmelzen miteinander und geben dem dadurch erst mit Leidenschaft

und absichtlicher Subjektivität erreichten Ausdruck die erwünschten

Mittel an die Hand. Von hier ab ist jede Härte, Einseitigkeit und

Alternative vorüber: der Kampf des trouver mit dem construer ist auf

lange Zeit ausgekämpft, so völlig und entscheidend, daß von nun ab

alle Stimmen singen und Troubadour und Schule vereinigt sind. Dadurch

können sowohl das Erste, das Melodische, das hier noch überwiegend

aus der Tonleiter und nicht aus dem Akkordleben stammt und deshalb

wieder weniger nach der Harmonie als nach der vielfachen Einreihigkeit

des Kontrapunktierens verlangt, wie das Zweite, der Kontrapunkt

selber, dieser alte, ehemals um die Schönheit seines melismatischen

und thematischen Materials so unbekümmerte Kombinationskalkül, ihre

völlige Vereinigung in der Freude des Musizierens erleben. War Orlando

eine Rembrandtsche, so ist Palestrina eine Rafaelsche Natur. Bei ihm

sind die Töne stiller geworden und mit der herrlichsten Neigung zum

mehr akkordischen Zusammentreffen und Ausruhen geführt. Wie hier die

wenigen Menschenstimmen gruppiert werden, bald, wie in den römischen

Chorälen, zur innigsten harmonischen Schlichtheit zurückführend, bald

wieder, wie sein Stabat Mater und noch mehr die berühmte Missa Papae

Marcelli beweisen, in die unendlichste Raumgewalt der Tongänge, der

sich selbst homophon kolorierenden Tongänge hineinführend: das ist

bereits so außerordentlich harmonisch, nicht harmonisch dramatisch,

sondern harmonisch im Sinn des noch rhythmuslosen Seraphischen gedacht

(ein Teppich für Bruckner und Wagner), daß nur mehr das akkordische

Hören, also das unten vertikale und allein nach oben, wo sich der

Gesamteindruck des Melodischen zuträgt, horizontale Vereinheitlichen

als die adäquate Erfassung dieser Kompositionen gelten kann. Damit

haben Orlando di Lasso und Palestrina als die ersten musikalischen

Genies den Aufbau der Schule als Selbstzweck widerlegt. Der melodische

Ausdruck, die Melodie ist zum einzigen Inhalt, bei Orlando der

leidenschaftlicheren, überwiegend linear schreitenden, bei Palestrina

der frömmeren, überwiegend akkordisch zusammengehaltenen Kontrapunktik

erhoben.

Das Verfahren.

Man darf von hier ab nicht mehr gelehrt tun wollen. Denn alles, was

handwerklich ist, rückt jetzt in die zweite Reihe. Der Ton steht fest,

der Herd ist gegründet. Was nunmehr kommt, ist nicht damit erledigt,

daß man es technisch beherrscht. Es kann einer ein tüchtiger Musikant

sein, und alles bleibt trotzdem tot, weil der bloße Handwerker gerade

vor dem konfus wird, was das Handwerk erst lohnt.

[Sidenote: Das handwerkliche Nacheinander.]

Dazu kommt ein anderes. Es ist klar, daß es auch bedeutenderen

Künstlern gegenüber nichts geben kann, das so sehr abschwächt als

das Einlegen oder Hineinrichten in irgend ein Nacheinander der

handwerklichen Entwicklung. Wie endlos langweilig ist dem, der das

nicht kennt und vielleicht noch mehr dem, der es kennt, jetzt die

Hoffmannsche Undine geworden, nachdem Weber dieses alles, mag er

noch so viel von dem früheren Werk instrumental gelernt haben, im

Freischütz so sehr viel besser macht. Wie unangenehm können aber

auch bei Weber selber die damals neuartigsten Harmonisierungen

klingen, vor allem in der Euryanthe, sofern man nicht beim Anhören

den aufdringlichen, sinnlosen Gedanken an ein Plagiat aus Lohengrin

unterdrücken kann. Es nützt hier wenig, gerecht sein zu wollen und

an das Verdienst des Früheren zu denken. Denn daraus entsteht gerade

ein Umgekehrtes, das Frühere wird gerade in der geschichtlichen

Betrachtung mit Notwendigkeit zu einer gleichgültigen Vorstufe

mediatisiert, die am wenigsten durch das Bestätigtwerden in der

weiteren Entwicklung an Würde und eigener Bedeutung gewinnen kann.

Die bloßen Mohren können gehen. Sie sind so reizlos geworden, wie

die Dampfmaschine mit Schieber und Schwungrad, deren Modell in der

Newcombschen Zeit von allen Akademien Europas gesucht wurde, und das

jetzt für wenige Pfennige in jedem Spielwarengeschäft zu kaufen ist.

Was einmal erfunden ist, hat für spätere Zeiten jedes Interesse und

jede Nacherlebbarkeit des ursprünglichen Interesses im Problemzustand

oder frischen Geburtszustand verloren, sofern es nicht mehr als ein

technisches Problem war. Denn der Weg von fünf zu fünfzehn ist weiter

und geisterfüllter als der umgekehrte Weg, den die geschichtliche

Betrachtung der Nachgeborenen als Nacherleben oder als begriffliche

Anordnung des historischen Nacheinander der Entwicklung zurücklegt.

Soll man erst eigens sagen, daß Mozart ohne die Mannheimer und die

opera buffa nicht denkbar ist? Ist es die Regel oder nicht vielmehr

dies, was er daraus machte, wodurch Gluck der altflorentinischen und

altfranzösischen Oper überlegen ist? Muß man noch gesondert hinzufügen,

wie sehr gerade Bach am Alten hing, wie deutlich er sich von der immer

weicher gearteten Harmonie der neapolitanischen Schule nur abkehrt, um

statt Scarlatti die alten Niederländer und Italiener zu rezipieren?

Auch dieses geschah übrigens durchaus mit Bewahrung eines gewissen bel

canto, die Tänze und Chansons spielen formell eine große Rolle, und was

das andere, das Satztechnische angeht, in dem Bach mit einer fast an

Brahms erinnernden Reaktion auf die Vergangenheit zurückgreift, so ist

er nur der Art der Verwendung und nicht der Satztechnik nach irgendwie

der kontrapunktischen Gelehrsamkeit der alten Meister überlegen. Noch

sonderbarer sieht es bei Beethoven aus, dessen neue Art durchaus nicht

technisch neu ist. Denn es sind viele Flüsse gewesen, aus denen die

Sonate zusammenfloß, und mag auch Haydn zuerst dieses mehrthematische

Gebilde als Werk geschaffen haben, so ist es doch ein lehrreicher Witz,

daß gerade dieser objektiv stillste Meister als Vater des Umsturzes

weiterlebt, genau so wie er weit mehr als Beethoven die technischen

Experimente liebte. Es ist bekannt genug, daß Beethoven selber, der

Schüler Haydns, überhaupt nichts Technisches vorfand, gegen das er aus

Gründen seiner bestimmten musikalischen Art zu revolutionieren gehabt

hätte.

Hier gibt es nichts einzuordnen und irgendwie» fortschreitend«

aufzubauen. Die großen Ichs sind unvergleichlich und wahrhaft zu

anderem als der technischen Schnur geboren. Man braucht nur an das

hämische Geschwätz Hanslicks zu erinnern, etwa über Gluck, gegen den

Mozart, oder über Mozart, gegen den Rossini, oder über Rossini, gegen

den Meyerbeer ausgespielt wird. Dann wird man begreifen, wie in diesem

immer nur technisch gehaltenen gegeneinander Ausspielen der Musiker die

einfachste Formel der Gemeinheit und der flachsten Respektlosigkeit

gegeben ist, vor allem dann, wenn, wie hier, der Kritiker an dem

Punkt, wo es am entschiedensten modern zugeht, plötzlich den Wagen

anhält, den Grundsatz des banalen Fortschritts bricht und in seiner

allein konsequent gebliebenen Gemeinheit zu dem Ausspielen aus der

Geschichte greift. Wenn niemals ihrer zwei zugleich singen, so hat das

im Rheingold seine Gründe, die nur hier vorkommen; und Tristan geht so

wenig in dem, was er wesentlich ist, auf die altflorentinische Monodie

zurück, wie umgekehrt Don Juan ein mäßiges Musikdrama ist. Denn die

Anderen, gegen Hanslick, waren nicht viel besser, und wenn man sieht,

auf welche Weise die ärmlicheren Wagnerianer alle alten Meister der

rezitativischen und ariosen Oper nur als mehr oder minder unbegabte

Vorgänger des Wagnerstils zu rangieren beliebten, der selbst und gerade

die neunte Symphonie überflüssig gemacht haben soll, dann wird man

aus seinem Widerwillen erkennen, daß das geschichtlich handwerkliche

Einreihen vor allem Wesentlichen der Musikgeschichte versagt, ja sogar

das Unvergleichliche der sich vermittelnden individuellen Lebendigkeit

noch eindringlicher sichtbar macht, als dies ohne den Versuch dieser

niedrigen Art historischer Kontinuität möglich gewesen wäre.

[Sidenote: Der soziologische Zusammenhang.]

Es gilt hier vielmehr, jedem wahrhaft großen Meister ein ichhaftes

Haus zu bauen, in dem er für sich als bestimmter »Zustand«noch

jenseits seiner Talente wohnen kann. Hierin ist er frei. So ist

das selbstredend auch etwas anderes als das, was gerade unter den

Menschen lebt und woran sie zeitgenössisch teilnehmen. Es ist

aussichtslos, hier etwa, nachdem das Handwerkliche versagt, mit

Kettenbildungen, mit dem, was einmal ähnlich war oder anderen

vergleichenden Hilfsmitteln vorwärts kommen zu wollen. Wir wollen

dabei noch ganz davon absehen, daß das späte Auftauchen der Musiker

an sich schon alle geschichtlichen Verbindungen verwirrt. Denn gerade

hier geht fast nichts mit den Anderen zusammen. Nur die kleinen

und mittleren Meister haben gewisse malerische oder dichterische

Kollegen. Vielleicht ist Nicola Piccini rokokohaft, aber es wäre

oberflächlich zu sagen, daß Gluck dem Louis seize oder Mozart dem

österreichischen Rokoko oder Beethoven dem Empire oder Wagner --

nun, wem oder was könnte Wagner mitfolgen oder nachfolgen? Es bleibt

sonderbar genug und die universalhistorische Anomalie überhaupt, daß

die Griechen und mittelalterlichen Menschen fast stumm geblieben

sind, daß plötzlich Bach in den Tagen Watteaus oder auch Tiepolos

als der Erbe einer siebenhundert jährigen Vergangenheit erscheint,

ein dunkler, üppiger, verwirrender, ganz und gar gotischer Meister,

und daß die so sehr junge Musik, die fortdauernde Synkope selbst der

neuzeitlichen Geschichte, ganz sichtbar einem andern Rhythmus als dem

des Gesamtgeschehens des menschlichen Geistes zu gehorchen scheint.

Diese besonderen Ausnahmen verstärken jedoch nur die generelle

Ausnahme, in der sich jede geschichtlich-soziologische Darstellung

der Wertreihung überhaupt befindet. Denn was geschichtlich und noch

mehr soziologisch, also in den Überblicken und Sammlungsabschnitten

eines Zeitalters überhaupt erscheint, ist entweder die Reihe der

ökonomischen Bedingungszusammenhänge, unter denen dieses oder jenes

Gebilde allein eintreten kann, oder aber der Abdruck, in dem die

menschlich gesellschaftliche Umwelt eine Wertrealisation übersozialer

Art aufnimmt, verändert, einordnet und bewahrt. Aber das Zahlen und

danach Bestellen hört irgendwo auf zu wirken. Es ist nicht leicht,

das, worin etwa Haydn er selber ist, aus seiner Stellung zu entnehmen.

Sie erläutert weithin und ungebrochen; so hängen das ritterliche

Leben und die Minnesänger, die Vorherrschaft der Kirche und Bach, die

Hauskapellen der Adelsfamilien (erhalten im Hoftheater) und Haydn

oder Mozart, schließlich auch die bürgerlichen Konzertgesellschaften

(erhalten im Leipziger Gewandhaus) der Mendelsohn- und Schumannzeit

mit diesen ihren einzelnen Musikern stofflich wie formell unleugbar

zusammen. Aber es ist doch letzthin nur scheinbar der Wille der

dergestalt herausgehobenen Gruppe, der über das Schaffen des Musikers

entscheidet. Es ist uns wenigstens nicht möglich gewesen, das, worin

gerade Haydn haydnisch ist und nachwirkt, aus der Bedientenrolle beim

Fürsten Esterhazy abzuleiten. Vielleicht mag es noch gleichgültig

sein, wenn es beispielsweise als notwendig erkannt wird, Mozart

gerade strukturell und in seinem Gegenstand vor statt nach Bach zu

behandeln. Wichtig und als Tatsache selber sprechend ist jedenfalls die

Beobachtung, daß Wagner ebenfalls in der bürgerlichen, ja sogar in der

Epoche protzigster und unduldsamster Bourgeoisie lebte und trotzdem

so wenig davon determiniert wurde, daß man ihn nicht einmal in einen

asketischen Gegensatz zum Geschmack der großen Oper bringen kann; etwa

gemäß dem Grundsatz, daß man eine Sache noch mehr anerkennt, wenn man

sie bekämpft, als wenn man sie mitmacht. Wie Beethoven nur aus sich

rollt, wie Mahler schon äußerlich seine achte Symphonie für eine andere

Gesellschaft gewissermaßen vorausgeschaffen hat, so erdenkt sich auch

Wagner Evchen und das Volk auf der Festwiese, ein selbstgewähltes, sich

vom Künstler selbst als inspirativ gesetztes, utopisches Bayreuth,

fernab von aller zeitgenössischen Soziologie, ihren Inhalten und ihrem

Formwillen. Wenn sich aber ein Musiker von dem Willen seiner Zeit

derart unabhängig fühlen konnte (und es ist etwas Großartiges und

Geheimnisvolles, daß gerade die beiden größten Musiker des neunzehnten

Jahrhunderts Sozialisten waren), dann ist es sicherlich auch nicht

das Wesentliche, das, was über Mendelssohn, Schumann und das bloß

Formelle hinausliegt, welches an der Musik ökonomisch und soziologisch

eingeordnet werden kann. Der irrt also, der die in allem Anderen so

wohltätige wirtschaftliche Betrachtungsweise auch nach dieser Seite

hin festhalten möchte. Was dem Wasser nützt, muß dem Feuer schaden, ja

es kann sogar dieselbe Kraft sein, die im wirtschaftlichen Staatsleben

alles zur Höhe treibt und in dem reinen Werkleben Unheil über Unheil

stiftet. Wer es anders meint, wer das Verschiedenste in den einen

historisch-soziologischen Fluß einschmelzen möchte, um zwanzigspännig

zu fahren und das Ungleichzeitige, ja sphärisch Unvergleichbare dennoch

in einem einzigen epochalen Zügelgriff zu vereinigen, der wird desto

oberflächlicher werden müssen, je energischer sich die Sache anläßt

und je überraschender sich jene Bewegungen gegenseitig zu erläutern

scheinen, die so homogen in den genetisch polyhistorischen, in den

universalhistorischen Begriff eingegangen sind. Wir sagen also, daß

weder das Erste, die einzelnen negativen, das heißt nichts zwingenden,

inhaltlich kausal unkräftigen Bedingungszusammenhänge ökonomischer

Art, noch das Zweite, die zwischenmenschliche Beziehung mit dem

Staatsleben als der einzigen Objektivität und der deutlichen inneren

Kompetenzbeschränkung ihrer ewigen»Soziologie des --«, irgendwie die

Geschichtsabschnitte und Soziologien der Musik so geben kann, daß darin

etwas aus der eigentlichen Entwicklung und Sachlichkeit dieser Kunst,

als eigener Sphäre genommen, ausgesagt wird. Es ist nur dort möglich,

sozial herzuleiten oder gar einzuschließen, wo die zwischenmenschlich,

das heißt sozial interessierte Betrachtungsweise mit ihrem Gegenstand,

also etwa der Sitte als einer geschehenden zwischenmenschlichen

Beziehung oder der Wirtschaft, dem Recht und dem Staat als einer

Form der zwischenmenschlichen Beziehung, zusammenfällt. Wo es nicht

so steht, wo es unmöglich ist, mit dem Staat zu schließen und die

anderen Werte, wie Kunst, Religion, Wissenschaft und Philosophie als

die höchsten Blüten des Staatslebens zu homogeneisieren, bleibt das

wesentlich Intendierte daran außer Spiel, um gleichsam nur vor einem

apriorischen Zuschauer zu leben, und so für seine großen Vertreter,

Stoffe und Werke, die einsame, geschichtlich völlig exzentrische

Typisierung nach apriorischen Wirkungs- und Sachproblemen zu fordern.

-- Gewiß ist auch das einzelne geniale Tun nicht völlig unableitbar.

Der große Mann ist oft genug als der Führer entwicklungsgeschichtlich

nahe gelegten Zielen gefeiert worden, und der Bismarcksche Satz, daß

unda fert, non regitur, bleibt auch der tieferen Manier großer Werke

gegenüber in Richtigkeit. Aber was daran gilt, läßt sich nicht aus

jener Geschichtsschreibung erweisen, die in ihren Zusammenfassungen

von wirtschaftlichen oder staatlichen Komplexen her diktiert worden

ist, um dann mühsam und nachträglich genug das ewig Außerstaatliche der

Werke trotzdem als Variable in diese subalternen Kollektiva einzufügen.

Es ist etwas anderes als das Kaufenwollen oder Nichtkaufenwollen,

ja sogar etwas anderes als die Gesinnung einer mehr als gegenwärtig

vereinheitlichten Menschengruppe, wenn, wie hie und da in Griechenland

und im Mittelalter, der Zeitwille und der Geniewille wie durch

geheime Verabredung zusammenstimmen; wenn sich die großen Individuen

plötzlich in einem sonderbaren Auf und Ab der gleichen Linie befinden;

wenn sich über ihnen Einflüsterungen vernehmen lassen, denen ihr

Ich gehorcht, und überindividuelle Botschaften, die die Formung

ihres Werkes determinieren; wenn sich die geniale Sobestimmtheit zu

einer Chiffre für einen übergeschichtlichen kanonischen Diapason

verwandelt; wenn sich also eine aller geschichtlichen Pragmatik weit

entlegene,»geschichtsphilosophische«Beziehungsreihe auftut, in der die

großen Individuen zu Kategorien werden und die ganze Geniefolge, vorab

die der Musik, zu einem das Bewußtsein unser, das Bewußtsein Gottes von

sich selbst betreffenden Kategorialsystem überzugehen beginnt.

* * * * *

[Sidenote: Die sprengende Jugend der Musik.]

Geist der Utopie · 第 6 / 39 段