Hier gibt es, sagt man, überhaupt nichts, das zeitlich geschieht. Nur

der Zuschauer braucht Vorbereitung, ein Vorbereiten seiner Seele für

den Sprung der großen Umkehrung, und auch diese Vorbereitung wird

nur unter der Beschränkung auf die Einheit der Zeit und des Ortes

als dem Ausdruck des Stehengebliebenseins inmitten des immerwährend

wechselnden Lebens technisch erlaubt. Selbst das Sterben, das scheinbar

heroische Untergehen ist lediglich für die menschlich-psychologische

Betrachtung da, das tragische Erwachen selber, das sich Selbstenthüllen

und wesentlich Werden ist nur ein Augenblick, ohne jede erlebbare

Dauer. Nun läßt sich zweifellos das alles, die Schuld wie der Tod wie

das Schicksal, nur als von hier gesehen, gleichsam formal-ethisch

entwickeln. Der Held wird schuldig. Das bedeutet, er empfindet in sich

hinein, nichts kommt ihm von außen, er erlebt seine Tat als etwas,

das ihm geschehen mußte. Er sagt Ja zu allem, was ihm geschehen ist,

und weil er es als seine Tat und Schuld empfindet, so erobert er es,

so weiß er um sein Schicksal und umreißt mit starker Kontur alles

in sich, was zufällig in den fließenden Umkreis seines zufälligen

Lebenskomplexes geraten ist. Weiter, der Held muß sterben, er

zerschellt am Ausgang seines Kampfes und seiner Anspannung und erleidet

den Tod. Aber alles ist ja schon vorher auf das Ende gerichtet gewesen,

nicht als Unglück oder Strafe, denn Gunther kann bei Paul Ernst leben

bleiben, wo Brunhild und Siegfried untergehen, und noch weniger als

etwas schreckenhaft Drohendes, Sinnloses, den Lebensfluß plötzlich

Abschneidendes. Sondern das tragische Sterben ist das Vorrecht der

Größe, sofern es dasselbe ist wie die Form des tragischen Wunders,

und zwar indem es das Leben fertig macht, die Form des diesseitigsten

aller Leben und Wunder. Daß man stirbt, bildet die Sichtbarmachung

des Wesens, das formell geöffnete Tor zum Saal des Richters, des

Selbstgerichts als der platonischen Idee des Menschen. So kann der

tragische Tod nach dieser Betrachtung nicht anders definiert werden

als der durchaus von hier geschehende, zurückkehrende, immanente,

durchaus unmystische Zwang zur Form, zum Horos, zur Gestalt und dem

endgültigen Terminus des Ichs, wie denn die tragische Psychologie

von vornherein nur eine Kunde von Todesaugenblicken ist, und ihre

Ethik das bis in den Tod-Treiben alles Begonnenen als kategorischen

Imperativ besitzt. Endlich, argumentiert Lukács, der Held erlangt sein

Schicksal. Er nimmt alles äußerlich Niederdrückende und Unklare an,

schweigend und ehrfürchtig, als das, was ihm geworden ist, worin ihm

Recht geschieht, worin er sich erfüllt, am sichtbarsten in dem deutlich

zweistoffigen Geschehen des»geschichtlichen«Dramas. Man sieht, hier

wird wesentlich, daß letzthin doch nur die Menschen ihr Schicksal

bestimmen, so fremd und eigengesetzlich es ihnen auch zu nahen scheint;

und nicht wie noch in Shakespeares Macbeth verkündende Hexen und

erwartete Wunder, nicht wie im alten indischen, spätgriechischen oder

spanischen Märchen- und Gnadendrama, Gott selbst, der die Hände im

Spiel hat und so die Menschen wie die Schicksale lenkt. Sondern nackte

Seelen halten hier mit nackten Schicksalen einsame Zwiesprache.

Oder: erst wenn wir ganz gottlos geworden sind, werden wir wieder

eine Tragödie haben. Sie ist ein Gottwerden, eine Enthüllung des nur

noch im Menschen lebendigen, schlafenden Gottes, ein Monologisieren

Gottes in der Kreatur, eine Enthüllung Gottes vor sich selbst, aber

der immanente Gott erweckt darin den transzendenten zum Leben. Und

weil, wie Lukács mit erkennt, nie die Seelen der Menschen so allein

ihre verlassenen Wege betraten, weil die Natur und das Schicksal nie so

schreckenhaft seelenlos waren wie heute, darum ist für uns wieder die

Geburt einer Tragödie zu erhoffen. Anders gesagt, Gott muß die Bühne

verlassen (denn, so fügen wir hinzu, er ist nicht, er gilt, es soll

nichts als Gott sein), doch Zuschauer muß er noch bleiben: das ist wie

die noch einzig mögliche neue Frömmigkeit, so auch die historische,

die utopische Möglichkeit tragischer Zeitalter. -- Wir haben es mit

Absicht und Verneigung ausführlicher dargestellt, dieses uns letzthin,

aber auch nur letzthin wohlentsprechende Begründen. Man sieht, wie

kräftig sich darin Lukács, in seiner»Metaphysik der Tragödie«,

aller Fragen von Schuld und Gerechtigkeit, aller zum Schulbegriff

vergangenen aristotelischen Begriffe, leider auch aller transzendierend

metaphysischen Gedankenformen entschlägt, mindestens im Zusammenhang

der klassischen Tragödie, wie sie von Ernst zu Hebbel, zu Alfieri,

Corneille und Racine bis zu Sophokles als ihrem apriorischen Höhepunkt

hinaufreicht. Es ist freilich auffallend, daß in dieser Zeichnung des

Untergangs sämtliche dunklen Farben fehlen. Sie sind an das Leben

vorher abgegeben, dort geht alles durcheinander, nie blüht etwas zum

wirklichen Leben, aber das Drama läßt zur Fülle kommen, es gestaltet

endlich»wirkliche«Menschen und die Anarchie des Helldunkels hat ein

Ende. Das Dämmern teilt sich auf, nicht indem der Zufall ausgeschlossen

wird, was nur das platteste und aufschwungloseste Leben ergäbe, sondern

die Tragödie braucht keinen Zufall mehr, nirgends oder überall ist er

in ihr da, und sie hat ihn ihrer Welt, der Welt der freischwebenden

Homogeneität, des notwendigen sich Begegnens am Anderen, des notwendig

aus und zu den Charakteren hinrollenden Schicksals, für immer

einverleibt.

Aber, so muß man fragen, wo sind hier Mord, Tod und tragische

Finsternis geblieben? Und damit ist der Punkt getroffen, an dem sich

Lukács oder der immanente Weg von der transzendenten Fragestellung

unvereinbar scheiden. Keiner bliebe uns noch sichtbar, der sich völlig

selbst begegnete. Der Mensch kann nicht diesseitig zu Ende leben,

wenn anders die Bühne ein Ernstfall ist. Er kann sich nicht innerlich

vollenden oder die äußeren Umstände, sei es auch nur als das, was der

Held mit ihnen anfängt, zum peripheren Gerüst seiner Gestalt gutheißen

oder gar das Elend zu einer Selbstvermittlung, zum Schicksal, zur

Lebensäußerung oder sichtbaren Lebensmöglichkeit umformen, bloß um

der Bühne ihre diesseitige Art zu halten und der Kunst die Definition

des reingewordenen, des Lebens ohne Enttäuschung in völlig immanenten

Formen zu bewahren. Gewiß geschieht, wenn ich tragisch untergehe,

meine Stunde, ich kann sie mir einbeziehen, der tiefe Mensch hat

diesen begrenzenden, besiegelnden Tod als seine Gerichtsstunde. Danach

käme das Ich mit dem Schicksal in Deckung: hat man Charakter, so hat

man auch ein Ereignis, das immer wiederkommt, heißt ein tiefer Satz

von Nietzsche, und nach Hegel pflückt das tragische Individuum immer

nur die Früchte seiner eigenen Taten. Aber wenn man das alles nun

wirklich denkt, außerhalb des feinen, tiefen Einbeziehens, außerhalb

auch der sonderbaren Bühnenimmanenz, geschichtlich und religiös

zugleich eingestellt, wozu ja Lukács dadurch, daß er mindestens

sittlich transzendiert, daß bei ihm die Probleme der Selbstvollendung

und der äußeren Gottferne von der als Chiffre benutzten Form der

Tragödie überhaupt ablesbar sind, selber intendiert: dann wird der

weitere Zusammenhang aller Möglichkeit des bedeutsamen Sterbens, des

Tods als sublimer innerer Zeremonie des Abschließens, der immanenten

Selbstvollendbarkeit überhaupt merkwürdigerweise nur als eine Art

von Karmalehre denkbar, wonach dann allerdings jedes Leben immanent

sinnvoll und homogen gemacht werden kann, sofern hier eben der gesamte

gleichgültige, sinnfremde Kausalnexus des Schicksals auf unseren

präexistenziellen Kern hin sinnhaft vertieft und bezogen werden kann.

Das ist sicher nirgends so gemeint; aber das Eine bleibt unbestreitbar,

daß der tragische Mensch nur dann festbleiben kann, ohne in die

Welt, die ihn umgibt, überzugleiten, wenn ihm diese Welt, die ihn,

nach der Lukácsschen Definition von formal-ethischer Immanenz des

Tragischen, so ganz in sich, in seine enthüllte, strenge, statuarische

Geschlossenheit und Selbstheit zurücktreibt, im Grunde nichts zu tun

vermag, sofern sie blind und gleichgültig ist, sofern sie ihre Sonne

über Gerechte wie Ungerechte scheinen läßt und über die Gerechten

nicht weniger. Das Freigelassenwerden zum Selbstgericht ist so

ungeheuer viel, daß es an sich schon, eben durch die fehlende Macht

der äußeren oder oberen Welt: unkonvergent zum tragischen Schicksal

zu sein, diese Welt als leise positiv gottgeladen voraussetzt,

daß also, was unausweichlich ist, die geschichtlich und religiös

gesprengte Lukácssche Immanenz der Tragödie in eben dieser scheinbaren

Selbstvollendungsform irgendwie zu einer ihr ganz unadäquaten

Transzendentalphilosophie der Freundlichkeit und Gottfülle des Daseins

hinausführt. Aber der, der Gott geschaut hat, kann nicht nur nicht

leben, sondern er kann auch nicht sterben, sichtbar untergehen, sich

sichtbar vollenden. Könnte er dieses, handelnd, sich erreichend,

moralisch, als der, der er ist, also nicht nur wie in der bildenden

Kunst oder in der Musik, als von ferne geformt, noch ~vor~ dem

Sprung, symbolisch: dann wäre nicht nur er, sondern die ganze Welt am

Ziel, und die Frage, die Schopenhauer so viel Besorgnis hätte machen

müssen, die Frage der Gesamterlösung bei einer einzigen, moralisch

real gelungenen Selbsterlösung, wäre aktuell. Denn das handelnde,

tragische Spiel ist nach allen Seiten offen. Es ist keine hermetische

Retorte, in der sich die Essenzen des Lebens ungestört ordnen und

Metaphysik auf Abschlag bilden können, nichts durchdringende Enklave

von reinlichster Metaphysik mitten im Weltprozeß. Sondern man erkennt

in der Tragödie jene gleichsam sauerstoffreichste, verdichtete, wohl

gedichtete Stelle im Prozeß, die das wirkliche, äußerlich-innerliche

Leben, die verwirklichende Moral, den apokalyptischen Kern selber und

nicht nur sein virtuelles Symbolbild stärker aufglühen läßt, weshalb

eben die Tragödie völlig im Gegensatz zur übrigen Kunst nicht so sehr

die Ichbegegnung als die Hemmnisbegegnung, die Satansbegegnung aus den

Gründen der drohenden ~realen~, ~absoluten~ Ichbegegnung

darstellen kann.

Darum: der Tod muß als das Furchtbare und Finstere bestehen bleiben.

Es regt sich gefährlich um uns herum. Gewiß, man braucht das nicht

alles plakathaft zu malen. Es mag sich jetzt stiller verkörpern als in

früheren, prächtig großen Zeiten. Wir sind uns näher geworden, es regt

sich ineinander, was innerlich und drüben ist. Denn auch das Andere

rückt näher, wird stiller, unplakathafter und ist doch genau dieses,

was man stets unter den Namen des Bösen und des Gottes verstanden

hat. Ein Tonfall, ein Gespräch, eine angehaltene Stockuhr läßt uns

den Donner des jüngsten Gerichts vernehmen. Oder es macht so müde zu

leben, und das klappernde Fenster, der immer wieder rauchende Ofen, der

sonst sehr schöne Schreibtisch, der aber jeden Morgen eine Korkscheibe

unter den Fuß braucht, um gerade zu stehen, die furchtbare Feindes- und

Vampyrgestalt der Köchin aus Strindbergs»Gespenstersonate«, alle diese

kleinen, peripheren und deshalb in nichts zu erschlagenden, uns total

unhomogenen Gifte sind imstande, die Quintessenz des Blutenmüssens, das

Ermordetwerden alles Lichts in diesem Zuchthaus, Irrenhaus, Leichenhaus

Erde an sich zu ziehen. Aber dafür schließt sich auch das Erhabene,

der über Wolken thronende Christus enger zusammen; und die Worte, mit

denen man uns die Augen zudrückt:»Schlafe ohne Träume und wenn du

wieder erwachst, möge dich eine Sonne grüßen, die nicht brennt, mögen

dich Verwandte ohne Schmach, eine Liebe ohne Gebrechen grüßen«--,

dieser unscheinbare Todesgesang kann uns dasselbe Wachstum des Himmels

vor die Seele führen, wie er sich sonst nur in der prächtig größten,

uneingesenktesten Abstraktheit des Hintergrundes auftat, gemäß der

neuen, tieferen, endgültig ins Moralische eingerückten Transzendenz

des Endes. So wirft jetzt also auch das Wort den vollen innerlichen

Schein vor sich hin. Es gräbt sich die Kanäle des ungehemmten Ausdrucks

vor sich zurecht und trifft so gleich der Malerei allmählich an jenem

Punkt ein, wo die Musik schon seit vierhundert Jahren steht. Wir

brauchen keine formale Ferne mehr, keine blühende Vermittlung oder

auch strenge Statuarik des Horos, um das Seltsame, Ichenthüllende, von

weither Hineinscheinende, den völligen Symbolwert des Menschenlebens

geschehen zu lassen. So verwirrt und unscharf es auch noch eingestellt

ist, so geht hier doch gerade das Strindbergsche Todesdrama einen

tiefen, expressionistischen, rein ausdruckshaft gegenständlichen Weg,

jenseits aller veralteten Stilalternativen zwischen Shakespearescher

Lebensfülle oder Sophokleischer Abstraktheit, freilich auch jenseits

aller inhaltlichen Ferne, aller inhaltlichen»Abstraktheit«und

Objektivität des Jenseitigen in der gotischen Gnadendramatik. Und wenn

auch das Wort dem Letzten des Ausdrucks nicht benachbarter ist als der

Klang, so kann es doch vielleicht verständlicher als die Musik eine

Brücke zur anderen Gegenstandsreihe der Philosophie und vielleicht

sogar der wiedergeborenen Mystik bilden. Es regt sich gefährlich um uns

herum. Der Held steht in einem geladenen Raum, es gibt ein Dahinter und

seine blitzartige Tätigkeit entscheidet. Das ist ja der schon formal

sichtbare Grund, weshalb Don Quixote als der bedeutendste komische

Held nicht von Molière, sondern von Cervantes gedichtet ist, ganz im

Gegensatz zu den tragischen Helden, die nicht im Roman, sondern im

Drama am adäquatesten zu gestalten sind. Denn wo es komisch zugeht,

darf freilich alles gefahrlos zerfallend und episodisch werden. So kann

des Cervantes Witz dort aufs Angenehmste über Einzelzügen spielen, wo

im Drama das Episodische zu aneinandergereihten Possenszenen entarten

könnte. Überdies darf es der komische Held allmählich, gegen Schluß und

ohne Sprung, selber merken, daß er komisch ist: nicht nur, weil das

Komische ein Zustand und das Tragische ein Augenblick ist, sondern weil

der tragische Held grundsätzlich unbewußt-notwendig einem letzten Akt

als Nische oder Apsis entgegenschreitet, in der der einmalige Blitz des

dunklen Gottes wartet; einem dramatisch verdichtet zusammengezogenen

Hintergrund entgegen, an dem gemessen überhaupt erst Komisches als

Reflexives, Tragisches als Konstitutives und auch Gnaden-dramatisches,

das möglicherweise noch zu findende untragische Drama beginnender

religiöser Ordnung, formal-ethisch wie transzendental möglich werden.

So zu beziehen, bedeutet durchaus nicht, daß sich das Sterben zum

wesenlosen Übergang zwischen Hier und Dort verwandelt, um übertragisch

das Dort schon in das Hier hereinscheinen zu lassen. Deshalb kann man

auch durchaus zugeben, daß die große Tragödie in diesem Zeitalter der

Gottferne und des darin wirksamen heroischen Atheismus am echtesten

erwachsen kann; nur bedeutet das nicht zugleich, wie bei Lukács,

daß die Leere des äußeren Lebens kraftlos sein müsse, daß also das

Menschenfeindliche, zum mindesten aber das Schlammartige, Gallertige,

Unberechenbare, beliebig Steckenbleibende, falsch Komplizierte,

launisch, bösartig Fortunahafte und Intermittierende des äußeren

Kausalnexus schlechterdings als einfach und wahllos Alogisches

übersehen werden dürfe. Vielmehr, das Nichts der gottleeren Welt kann

sehr wohl zum real mitspielenden Hintergrund werden; dergestalt,

daß all dieses verzweifelte Schlagen in den um uns rinnenden Sand,

all dieses dunkel sich Sperrende im Umsatz, in den Prinzipien der

Menschenbegegnung, in der Kruste des innerlich-überinnerlichen Lichts

zu jenem tragischen Kampf und Prozeß um die Herrschaft verdeutlicht

wird, wie er zwischen Mensch und dem Ersten, das nicht vergangen ist,

zwischen Luzifer und dem Demiurgen seit Seelenbeginn anhängig ist.

* * * * *

Freilich, irgendwo werden wir auch darin schon frei. Und solcherart

erscheint hier noch einmal die ganze weitumspannte Reihe. Denn wir

können lachen, allein von allen Geschöpfen, wir werden im Humor

gelöst als der ebensowohl leichtesten wie, wenn er überwindend genug

einbezieht, erhabensten künstlerischen Gesinnung. Ganz unten steht

der Witz, der oberflächlich ist und nichts meint, der feucht und

scharfsinnig und nicht aus Tiefe Fremdes spielerisch zusammenbringt.

Dann folgen der humoristische Roman und die noch uneigentliche

Komödie; das heißt, alles ist nicht so schlimm, aber es wird uns hier

nicht deshalb leicht ums Herz, weil irgend etwas darin böses Leben,

Gericht und Obrigkeit überschlägt, sondern weil der Amtsvorsteher

eben kein König ist, obwohl er es sagt, ja noch nicht einmal ein

guter Amtsvorsteher; denn es ist die Komödie der Verkleinerung, der

bloß quantitativen Erleichterung, der Herabsetzung des Sinnlosen

oder gar des offen ausgebrochenen Tragischen zur Bagatelle. Von ihr

wesentlich unterschieden, auch schon durch gewisse humorlose Züge (da

man das Humoristische durchaus nicht ohne weiteres mit dem Komischen

verwechseln darf), ist die eigentliche Komödie, das komische Drama und

vor allem der große komische Roman. Hier ist der Held dazu gehalten,

nichts als sich vor sich zu haben, er lebt durchaus in seiner

falschen, unkräftigen, für sein Können wenigstens und an Ort und

Stelle unrealen, unkonstitutiven Illusion, wobei er freilich mittelst

dieser möglicherweise edlen, ja erhabenen, aber niemals konstitutiven

Monomanie Versagen über Versagen, Unglück über Unglück, jedoch

klanglos, vermeidbar, resonanzlos, Blamage über Blamage in der Welt

wie Überwelt selber erfährt. Das schlägt um, sobald der Held kanonisch

wird, also im Sterbenmüssen der echten Tragödie, wie sie trotzdem jedem

ihrer zerschmetterten Heroen den Schimmer des Prometheus gibt, der

irgendwann einmal gegen Zeus triumphieren wird; oder die Erinnerung

an den Moses der kabbalistischen Sage, der sterben soll wider seinen

Willen, aber nun, nachdem er noch den Engel des Todes mittelst des

großen Gottesnamens zurücktreiben konnte und Jehova selber erscheinen

muß, diesem erst noch, unbegreifend, nicht begreifen wollend, ins

Gesicht schlägt und dann erst statt ins gelobte Land ins Schattenreich

zurückkehrt. Damit wäre das dargestellte Menschenleben zu Ende, wenn

sich nicht noch eine höchst bedeutsame ironische Spur von unten

heraufschmiegte, die als Humor in der echten Komödie langsam entwich

und in der Tragödie überhaupt keine Stelle hatte. Aber in ihm ist

alles, was auch den untergehenden Menschen erhält. Daß er möglich ist,

der Humor, bedeutet nicht, unter Tränen zu lächeln, in dem Sinn, daß

man, jederzeit aufs Neue in Träumen eingesperrt, sein Leben glücklich

und vornehm führen könne, indes der Grund der Welt unverändert, real

traurig sei. Sondern sein Leichtmachen, Hinausheben bedeutet gerade

-- und hier blitzt ein feiner, rätselhafter Lichtstrahl, ein nur von

innen genährtes, unerklärliches, in nichts gestütztes, mystisches

Wissen ins Leben herein --, daß darin etwas nicht stimmt, daß die

Tränen nicht ganz ernst zu nehmen sind gegen unsere unsterbliche

Seele, so entsetzlich real sie auch mitsamt dem Weltgrund erscheinen

mögen, dem sie entstammen; daß der Goethesche Satz: gut Gedicht

wie Regenbogen ist auf dunklen Grund gezogen, wohl für die tiefen,

aber nicht für die wesenhaftesten Äußerungen gilt; daß mithin das

Träumen, das scheinbar so völlig illusionshafte Hoffenkönnen, das

bedeutsame, zwar beantwortete, aber in nichts garantierte Leichtsein,

das unbegreifliche sich Freuen an sich, -- der Wahrheit und Realität,

die ja nicht der Weltgrund zu sein braucht, näher steht als all das

Drückende, Belegbare, Unzweifelhafte der faktischen Umstände mit

ihrer gesamten sinnlich realsten Brutalität. Und nun, der bloße Wahn

kann zur Ahnung übergehen, der große komische Held kann geliebt und

der große tragische Held begriffen werden. Dann regt sich wieder ein

Lächeln, aber das namenlose Lächeln einer neuen Ergriffenheit. Es

kann sich sogar leise mit dem Komischen berühren, das Humoristische

kann an diesem Punkte in eine neue Komik hineinstrahlen, aber im ganz

anderen Sinn, sofern nämlich das geschundene, verkannte Ich die Dinge

und Menschen fühllos durch sich hindurch passieren läßt und dergestalt

am Ende nicht mehr, wie in der Komödie, das Ich zur Welt, sondern die

Welt zum Ich in die komische Spannung, in die Komik der sich in den Weg

stellenden Wesenlosigkeit gerät. Irgendwann geschieht es, daß gerade

um diesen belustigenden Helden das Lachen jäh verstummt, das Lachen

der Verfolgung, aber nicht das Lachen der Freiheit; und vom Narren bis

zu dem armseligen alten Mann, den keiner von allen bemerkt, obwohl

er jahrelang in der Stadt gelebt hat, aber der furchtbare Meister

des Schwerts kniet vor ihm nieder, denn siehe, es ist der verborgene

Meister des Gebets, -- von hier bis zu Jesus zieht sich eine einzige,

uns erschauernd bewegende Reihe von Paradoxie. Irgendwie steht der

so verstandene»komische«Held, mit neuer, bald umgekehrter Komik, dem

Erhabensten näher als der tragische, der untergehende Heros mit dem

Leiden des allzu ernst Genommenhabens von Welt und demiurgischem

Weltgeist und seiner anschlußlos, bloß mittelst einer punktuell

trostreichen reservatio mentalis siegenden, wenn auch metaphysisch

eingestellten Subjektivität. Wie es denn bei aller Einfachheit einen

großen scholastischen Tiefsinn bedeutet, daß Dantes Werk, weil es

nicht gut beginnt und schlecht ausgeht, sondern von der Hölle zu

einem allerdings noch garantierten, »unkomisch«, ohne Daseinsironie

gegebenen Himmel führt, eine Komödie genannt wurde, eine wiedergeborene

Komödie gleich allen Gnadenepen und Gnadendramen, wodurch eben der

Humor als ein schöpferischer und realitätssetzender Pragmatismus des

Seelenhaften endlich objektiv, ja absolut erhoben werden kann. --

Was gedichtet ist, ist wirklich, die poetischen Menschen sind wir,

im Abstand des Gestaltetseins, Herausgeführtseins zu sehen. Sie

bewegen sich nicht nur über die Bretter oder im Begriff oder in dem

künstlerischen Blendwerk einer immanenten Formvollkommenheit, die

keine andere Dissonanz mehr kennt als eine klingende, ästhetisch

fruchtbare, sondern in einem merkwürdigen, gegenstandstheoretischen

Zug des Soseins durch die Geschichte, über der Geschichte, auf der

wirklich unwirklichen, verdichtet, utopisch wirklichen Ebene des von

uns als wesenhaft Gesehenen überhaupt. Das ist nicht weniger, nicht

anders real als die Heiligenlegende, wenn auch durch charakteristische

utopische Gegenstands- und Sphärengrade von dieser verschieden, und

so wird die letzthinige Beziehung des tragischen Problems auf den

Tod Christi als dem Inhalt der paulinischen»Gnadendramatik«in der

religiösen Sphäre unausweichlich. Denn der Held geht nicht unter,

weil er wesenhaft geworden ist, sondern weil er wesenhaft geworden

ist, geht er unter; erst dieses macht das ernsthafte zu sich selber

Gekommensein zum Heroismus, zur Kategorie des gewaltigen Schicksals

und der Tragödie, die den Menschen erhebt, den sie zermalmt, indem

sie ihn zermalmt; und erst dieses übersubjektiv Bezogene stellt das

Tragische in unvollendet-vollendete Zusammenhänge, in die auf halbem

Weg vernichtete Selbstvollendung, Selbstinvention, als der, alten

gnadenlosen Prometheusspannung zu dem Erhalter der Welt und dem bösen

Gewissen des Endes.

PHILOSOPHIE DER MUSIK

Inhalt.

Seite

I. Traum 81

II. Zur Geschichte der Musik 82

1. Anfänge 82

2. Das Verfahren 86

Das handwerkliche Nacheinander. -- Der soziologische

Zusammenhang. -- Die sprengende Jugend der Musik.

-- Das Problem einer Geschichtsphilosophie der Musik.

3. Die Fülle und ihr Schema 99

Das Lied. -- Mozart. -- Die Passionen. -- Bach, seine

Form und sein Gegenstand. -- Carmen. -- Offenes

Lied und Fidelio. -- Missa solemnis. -- Die Geburt

der Sonate. -- Brahms und die Kammermusik. --

Beethoven, seine Form, sein Gegenstand und der Geist

der Sonate. -- Die Neuen (Reger, Mahler, Strauß,

Bruckner und das Finale). -- ~Wagner~: Vorgänger. --

Falsche Polemik. -- Der Sprechgesang. -- Tanz und

synkopischer Rhythmus. -- Die akkordische Polyphonie.

-- Die transzendente Oper und ihr Objekt

(Tristan, Parsifal, Der Ring der Nibelungen).

III. Zur Theorie der Musik 156

1. Die Kunstrichter 156

2. Der Gebrauch und die Tondichtung 158

Das sich Hören. -- Der Anschlag. -- Die schöpferische

Vertonung. -- Die Deutung oder über das Verhältnis

der absoluten und der spekulativen Musik: Grundlage

der Ästhetik überhaupt. -- Die Form in der Musik.

3. Mittel, Formel und Form der transzendentalen

Musiktheorie 188

Der freie Ton.-- Die beliebige Harmonielehre. -- Beziehungen

des Rhythmus. -- ~Indirekte Beziehungen

des Kontrapunkts~: Das

Bachsche und das Beethovensche Kontrapunktieren.

-- Nochmals der frei vorkommende Ton. -- Die astronomische

Musiktheorie. -- Der transzendentale Kontrapunkt.

IV. Das Geheimnis 228

Traum.

Wir hören uns nur selber.

Denn wir werden allmählich blind für das um uns herum.

Was wir sonst auch gestalten, führt wieder nach außen. Es ist nicht

genau so ohne weiteres ichhaft, nicht genau so dunstig, schwebend,

warm, dunkel und unkörperlich wie das Gefühl, immer nur bei mir, immer

nur bewußt zu sein. Es ist Stoff und fremd gebundenes Erlebnis. Aber

wir gehen im Wald und fühlen, wir sind oder könnten sein, was der

Wald träumt. Wir gehen zwischen den Pfeilern seiner Stämme, klein,

seelenhaft und uns selber unsichtbar, als ihr Ton, als das, was nicht

wieder Wald werden könnte oder Stoff und Sichtbarkeit. Wir haben es

nicht, das, was dies alles um uns an Moos, sonderbaren Blumen, Wurzeln,

Stämmen und Lichtstreifen ist oder bedeutet, weil wir es selbst sind

und ihm zu nahe stehen, dem Gespenstischen und noch so Namenlosen des

Bewußtseins oder Innerlichwerdens. Aber der Ton brennt aus uns heraus,

der gehörte Ton, nicht er selbst oder seine Formen. Dieser aber zeigt

uns ohne fremde Mittel unsern Weg, unseren geschichtlich inneren Weg,

als ein Feuer, in dem nicht die schwingende Luft, sondern wir selber

anfangen zu zittern und den Mantel abzuwerfen.

Zur Geschichte der Musik.

Anfänge.

Was war zuerst?

Davon ist uns nur wenig noch bekannt. Nicht einmal die griechischen

Lieder sind umfänglicher erhalten geblieben.

Was uns hier vor Augen kam, ist zumeist reizlos und leer. Ebensowenig

kann man sich von dem Klang der griechischen und frühmittelalterlichen

Kapellen eine besonders günstige Vorstellung machen. Alle Spieler

mußten sich auf den einen Gesang beschränken. Höchstens daß es

erlaubt war, unten den Grundton und die Quinte, die Dudelsackquinte,

zu der Tonart anzuschlagen und weiterklingen zu lassen. Auch der

Kirchengesang verharrte in der Enge der Einstimmigkeit. Er wurde zwar

schon frühe durch die Responsorien der Gemeinde gegliedert. So mag er,

in dem eindringlichen Psalmodieren, in den zahlreichen Vokalisen und

Jubilationen des ambrosianischen und gregorianischen Melodienbuchs,

in der Verzierung seiner einfachen, feinen melodischen Linie, nicht

zuletzt in der wahrhaft basilikenhaften Festigkeit dieser Choräle, für

die Gemeinde mehr bedeutet haben als dies außerhalb der religiösen

Verzückung noch nachzuerleben ist.

Geist der Utopie · 第 5 / 39 段