Wer leben will, muß sich irgendwie stets belügen. Es gibt keinen

Menschen, der ohne die wohltätigen Folgen des Träumens auch nur einen

Schritt gehen könnte oder gar imstande wäre, sich zu seiner Tagesarbeit

zu erheben. Zunächst daher übertreibt sich Don Quixote. Er gibt

sich vornehm und unerschütterlich gleich drei Grafen übereinander,

sofern ihn nicht der geringste Zweifel an sich selber plagt. Trotzdem

sucht er sich dauernd an anderen zu messen und an Hindernissen zu

bewähren, nicht als ob er sich erst noch beweisen müßte, sondern

weil er handeln muß, weil seine ebenso heftige als monomanische Art

darin besteht, beständig sich selbst und anderen fühlbar ins Leben

eingesetzt zu werden. So konnte er nicht anders als ausreiten, sobald

der närrische Punkt in seinem Gehirn zu glühen anfing, und so mußte

er sterben, als er dem Ritter vom blanken Mond, der ihn aus dem

Sattel gehoben hatte, das Gelübde gab, die Waffen abzulegen und sich

auf ein Jahr wieder auf sein Dorf zurückzuziehen. Des weiteren aber

hat Don Quixote endlos gelesen und erschöpft sich deshalb auch in

den fremdesten Nachahmungen. So überlegt er sich, als ihm in einem

Tal die gute Gelegenheit einfiel, sich gleich Amadis für seine

Geliebte zu kasteien, ob es besser sei, Amadis in seiner Schwermut

oder Roland in seiner Raserei als Vorbild zu nehmen, und beschließt

zuletzt nach den spitzfindigsten Unterscheidungen, doch Amadis und

seine elegische Einsamkeit zu wählen. Aber das endlose Lesen allein

würde nicht ausreichen, wenn es nicht bei dem Junker auf dauerndes

Träumen aufgetroffen wäre und nun lediglich dazu diente, dieses an

sich kahle Feld mit anschaulichen, niemals begreiflichen Bildern zu

bevölkern. Man muß annehmen, daß in Don Quixote mit fünfzig Jahren,

nach dem erbärmlichen und entbehrungsreichen Leben eines kleinen

Landjunkers, plötzlich eine späte, bisher verdrängte, furchtbare,

verzweifelte Jugend erwachte: so empfand er mit einem Male den

Schrecken des zu Ende gehenden Daseins, ja tiefer noch, das nicht

Begreifenkönnen, daß dieses sein Dasein gewesen sei, und unternimmt nun

mit ähnlichen Gefühlen wie Cäsar in Gades den phantastischen Austritt

in seinen Wachtraum von Welt. Quixotes Blick ist von dem süßen und

gefährlichen Gift der Ritterbücher getrübt worden, sein Verstand ging

in den Fehden, Bezauberungen, Schlachten, Herausforderungen, Wunden,

Zärtlichkeiten, Liebeshändeln, Seestürmen und anderen Tollheiten

der unendlichen Lektüre verloren, und was er in seinem bisherigen

Leben als Wirklichkeit erfahren hatte, blieb hinter der geahnten,

bessergewußten Wirklichkeit derart zurück, daß sie erlosch und, wie

bei allen Schwärmern aus dem Affekt des nicht Entsagenkönnens, jedes

Eindruckswerts entkleidet wurde. So werden die Esel zu Rappen und die

Wolken zu Bergen. Die Maultiere der Geistlichen werden Dromedare, und

ein halbes Barbierbecken glänzt dauernd als der Helm des Mambrin. So

hat der Junker auch sein Mädchen, das namenlos verklärte, niemals zu

sehen gewünscht. Er reitet sogar in dem tiefem Wahn, von ihr verbannt

und ihrer Schönheit noch nicht würdig zu sein, von ihr fort und

läßt nicht nur den gräulichen Anblick der wirklichen Dulcinea in

Toboso selbst, sondern auch die glänzende Erscheinung unter Schleiern

und im Fackellicht, die ihm in den Wäldern des Herzogs vorgespielt

wurde, gänzlich außer acht, während ihm die bloß gehörte, und seinen

Wachtraum treffende Lüge von Dulcineas Verzauberung zur Häßlichkeit

und Niedrigkeit sofort zum tiefsten Erlebnis wird. Hier wohnt alles im

Inneren; und wenn man hört, wie Tieck den Troubadour Jeoffroy sprechen

läßt, dann vernimmt man Don Quixotes Bekenntnis: daß er seine Geliebte

nie gesehen hat, aber wenn er sie sehen wird, dann muß die Wirklichkeit

seine Ahnung noch übertreffen, wie es mit aller Schönheit sein wird,

wenn sie sich einst schleierlos unserem entkörperten Auge zeigt. Was

hier allein in Don Quixote glüht, ist eine schmerzliche, unreife und

reflexive Liebe zu dem Weib, das er sich denkt, ein halluzinatorisches

Meinen von schauerlicher Irrealität, und eine unermeßliche Kraft,

dieses apriorische Gewerbe mit all seiner empirischen Idealität und

transzendentalen Realität unverrückt, monomanisch, unabgewandelt, in

ein leeres Unendliches rasend und ohne jedes sich Schicken ins irdisch

Wahre zu betreiben. Das ist der Unterschied zwischen Quixote und dem

scheinbar kalten Sammler Don Juan, der als der weniger protestantische

und trotzdem nicht weniger idealisch gesinnte Typus nur deshalb so

viele Jungfrauen verführte, weil er keiner erlaubte, sich ihrer

Liebespflicht zu entziehen, und weil er sich aus den vielen einzelnen

Frauen erst synthetisch die Gattung zusammenlesen mußte, statt in einem

einzigen Weib, wie es von den Engeln berichtet wird, das Individuum und

die Kategorie zusammenfallen zu sehen. Deshalb aber zum weiteren, weil

in Don Quixotes vollendeten Wachtraum jede Einsprache von der Welt her

ausgeschaltet ist, wird auch die übrige Welt so phantastisch verbrannt

und verwandelt, so daß kein einziges Element in diesem Gemenge an

sein freies, natürliches Vorkommen erinnert oder in die alten Geleise

zurückkehren kann. Einmal wurde dermaßen der Junker aufs Übelste

zugerichtet. Kaum noch, daß er sich vor ein Haus schleppen konnte, wo

er am ganzen Leib mit Pflastern bedeckt werden mußte, so daß er sich in

dem armseligen Bett auf der Dachkammer der Herberge vor Lendenweh kaum

rühren konnte. Es war aber dieselbe Schenke, die er tags zuvor als ein

Schloß mit vier Türmen und silberstrahlenden Zinnen angesehen hatte,

dem auch die Zugbrücke und die tiefen Gräben und all der Zubehör nicht

fehlten, mit dem man dergleichen Burgen immer darstellt. Nun erschien

in der Dachkammer eine Viehmagd, die zu einem Eseltreiber schlich, mit

dem sie sich nächtlicherweile der gewohnten Kurzweil ergeben wollte.

Aber kaum war sie zur Tür herein, so bemerkte sie auch schon Don

Quixote und zog sie auf sein Bett. Er bekam sogleich ihr Hemd in die

Hand, das ihm, obgleich es von Packleinen war, doch als der feinste

und weichste Battist erschien. Ihre Haare, die Pferdemähnen nur wenig

nachgaben, waren ihm Fäden des feinsten arabischen Goldes, deren Glanz

die Sonne verdunkelte, und ihr Atem, der nach altem übernächtigen Salat

roch, brachte ihm Gewürzduft und Wohlgerüche in die Nase. Kurz, seine

Vorstellung malte sie ihm gerade so wie jene Prinzessin in seinen

Büchern, die von Liebe überwältigt in eben dem Schmuck und Aufzug ihren

verwundeten Ritter zu besuchen kam. Da er nun dort am scharfsinnigsten

wird, wo er am meisten unrecht hat, geht Don Quixote auch nachher, als

die erneuerte, furchtbare und unendliche Prügelfolge seine Verwechslung

offenbar genug machte, von den Phantasien nicht ab, sondern erfindet

die Gestalt eines verzauberten Mohren zu dem verzauberten Kastell und

dem weitgespannten, alles einbeziehenden Wahnsystem hinzu. Man erinnert

sich weiterhin, wie glanzvoll die Kämpfer der beiden fremdländischen

Kriegsheere ausgestattet werden, zu denen sich die Schöpsenherde in

dem weithin erleuchtenden Raum seiner Phantastik verwandelt, und wie

souverän ihnen die Wappen, Farben, Sinnbilder und Wahlsprüche ihrer

Herrlichkeit zuerteilt werden. Hier zeigt sich nun der Wahn des

Junkers, das Apriori dieser synthetisch erweiternden Urteile, im ganzen

Umfang seiner logisch höchst interessanten Verkehrtheit erhellt. Denn

als Sancho nichts als das Blöken von Schafen und Hammeln hört, setzt

dafür Quixote die Furcht als ein Mittel ein, das die Sinne betäubt und

die Dinge nie so erscheinen läßt, wie sie wirklich sind. Als aber der

Ritter selbst im ärgsten Zustand auf der Erde liegt und dergestalt

auf die unangenehmste Weise von der Existenz des Nicht-Ich, von der

Unhomogeneität des Wirklichen zu dem Gedachten überzeugt wird, setzt

dafür Quixote wiederum einen Zauberer als Trübungsfunktion ein, der

neidisch ist und die feindlichen Geschwader in Schafherden verwandelt

hat, der aber trotzdem nicht verhindern kann, daß sie nicht weit

von hier wieder ihre vorige, wahre, wirkliche Menschengestalt, ihre

mit dem Wachtraum übereinstimmende Existenz erhalten. Was also den

Träumen widerspricht, darf nicht einmal als Entzauberung, sondern

nur, mit unerschütterlicher, durch nichts zu enttäuschender, völlig

problemloser Monomanie des Guten, als Verzauberung der einzig wahren,

durchaus seienden Vollkommenheit und ihrer nur durch die anormalsten

Dämoneneinbrüche vorübergehend zu störenden Allexistenz betrachtet

werden. Wenn mithin jeder der leben will, sich irgendwie belügen

muß, so hat Don Quixote zwischen der Monomanie seiner Tapferkeit und

gänzlicher Hingegebenheit an die Sache einerseits und der zweiten,

aus der gotisch-transzendenten Zeitepoche herübergeretteten Monomanie

des überall bereits durchschimmernden, dem Helden mystisch zugetanen

Himmelreichs andererseits eine Wachtraum-Beziehung hergestellt, die

nichts lernt und nichts anerkennt, die nirgends vermittelt ist, die

übersieht, daß sich die Zeiten verschoben haben, sofern unterdessen

die Neuzeit und mit ihr ein anderer Himmel, eine trübere, festere

Erde gekommen sind, und die deshalb, wegen ihres völlig abstrakten

Apriori, nur die Karikatur eines phantasma bene fundatum und seines

konstitutiven Geistes darstellt.

* * * * *

Das Ich und die Situation, in die es gerät, ergeben das Geschick.

Daraus, aus diesem Zusammenstoß eines wegelosen, rücksichtslosen

Ich- und Weltbilds mit einer dagegen mehr als je unempfindlichen

geschichtsphilosophischen Situation der Umwelt und Überwelt, stammt

auch Don Quixotes Versagen, sodann sein Irrsinn und zuletzt vor allem

sein traurig-komisches Schicksal.

* * * * *

Denn für sich selber will er nichts. Sondern wir sehen, er verschwendet

sich und gibt sich ohne Gegengabe aus. Er ist voll verzerrter Güte,

die nicht mehr fordert, sondern die die anderen von sich fordern läßt.

Was ihm das Leben verspricht, das will er, der Aktive, Vornehme, dem

Leben halten. Hier ist ein Mensch von dem Lesen nicht satt geworden.

Er hat sich mit dem Blick durchs Schlüsselloch und dem Lauschen an der

Domestikentür nicht zufrieden gegeben, sondern brach aus, es selbst

zu sein und zu bringen, das Gute, Strahlende, Reine, die Welt ohne

Enttäuschung, den strahlenden Sonnenriß des Seinsollenden und überall

Wiederherzustellenden. So sah sich Don Quixote gezwungen, in der immer

motorischer werdenden Fülle seiner Wachträume die bloß kontemplative

Sperre zu überschreiten. Damit hat er nun draußen freilich wenig

zustande gebracht. Er setzte Tun für Dichten und Dichten für Tun, er

blieb der nutzlos Reine, der keinem helfen konnte, obwohl er auch

die schmutzigste Sache mit dem siebenarmigen Leuchter bestrahlte.

Nicht nur, daß er kein Maß, auch keinen Kompromiß kennt, er hat in

dem Überschäumen seiner Unbedingtheit auch keine Grade und kein

Relief, er raste sich an den kleinsten Hindernissen mit viel zu großem

Kraftaufwand unnüanciert zu Tode.

Freilich ist dieser Irrsinn außerordentlich tief in dem Gegensatz zu

seiner Zeit begründet. Es soll unbeachtet bleiben, daß der Junker ein

halbgescheiter Narr mit lichten Zwischenräumen ist. Ebenso, daß viele

Fähigkeiten seines klugen Geistes völlig ungestört funktionieren und

nur eine einzige Insel von der Monomanie des erneuerten Löwenrittertums

besetzt gehalten ist. Denn wichtiger ist die Tatsache, daß Quixotes

Narrheit gegen die lächerlichen und törichten Maskeraden gehalten,

mit denen sich die Liebenden oder die Fürsten, denen er begegnet, die

Leere ihres Inneren vertreiben, tiefsinnig erscheint, von dem Tiefsinn

der vollen Seele inmitten der sie lächerlich findenden, lächerlich

machenden, unpassenden Welt. Man steht derart -- und tatsächlich

bekommt des Cervantes Sprache an vielen Stellen, gemäß den bald kalt,

bald heiß übereinanderliegenden Schichten dieses Lebens, etwas von dem

wehmütig ironischen Tonfall der Hauptmannschen Chronik Emanuel Quints

-- man steht derart bei Don Quixote sehr oft einem rätselvollen nil

relativum der Psychopathie gegenüber. Wenn ein Affe bedauert wird, weil

er in den Käfig eingesperrt ist, dann schiebt sich alles so deutlich

auf den diskutierbaren Vorteil der größeren, äußeren Ebene und der

konvexen Krümmung der sie begrenzenden Stäbe oder der kleineren,

inneren Käfigebene und der konkaven Krümmung der sie begrenzenden

Stäbe, mithin auf einen solch ausgeprägten Relativitätscharakter der

Wertungen zusammen, daß man genau so gut die Beschauer als eingesperrt

und den Affen als frei betrachten könnte. Zudem gibt es zwei Sorten

von Irrsinn: den des bloßen Verfalls, in dem nichts anderes als die

lückenhaften und durcheinandergeworfenen Inhalte des vorhergehenden

gesunden Lebens vorkommen, und den des neuen Glanzes, wie ihn alle

Naturvölker, auch die spätantiken und mittelalterlichen Menschen

verehrten. Er ist schwer vom anderen zu unterscheiden; es ist auch

nur sehr schwankend festzustellen, ob etwa die Flagellanten oder die

späteren erotisch-mystischen Sekten der»Züchtiger des Heilands«mehr

zur einen oder zur anderen Reihe gehören; vielleicht jedoch dürfte

hier das Geöffnetsein zu vollkommen neuen, dem bisherigen gesunden

Leben völlig unzugänglichen Inhalten, vor allem religiöser und

spekulativer Art als Kriterium dienen. Außerdem kann sich nach der

anderen Seite der fruchtbare Irrsinn, besonders oft in Paranoiafällen,

auffallend formal und inhaltlich mit Philosophischem berühren, wenn

er auch, was die langanhaltenden, durchgearbeiteten Zusammenhänge,

sowie vor allem die letzte kanonische Durchschlagskraft der Evidenzen

angeht, den großen Gedankenwelten der Philosophie noch so entschieden

fernsteht. Doch sei dem, wie ihm sein wolle, Quixotes Irrwahn ist

ganz entschieden höchst relativ, mit deutlichen Relationen zu seiner

Zeit, ein anzeigender Irrsinn mit großem, geschichtsphilosophischem

Hintergrund. Der Ritter muß überholen und endlos vergolden; doch

früher wäre dieses nicht aufgefallen, als der Held noch von drübenher

sicher geführt wurde. Quixote ist nur deshalb problematisch, weil er

übriggeblieben ist und nicht weiß, wo er steht; nicht, wie dieses

Jensen einmal ausdrückte, die Brüder sind weitergezogen und roden in

Connecticut und Rhode Island Wälder aus, und nur Don Quixote ist einsam

und ohne die alte hochgemute Umwelt als letzter Gote zurückgeblieben;

sondern gerade, daß die Brüder Wälder ausroden und mehr auf die

Kalkulationen als auf die transzendentalen Wege vertrauen, macht

Quixote einsam und problematisch, wahrhaft zum letzten»Gotiker«. Der

Ritter ist irrsinnig im Vergleich zu seiner Zeit, irrsinnig geworden an

der Gottleere seiner Zeit und freilich deshalb in letzter Hinsicht,

sofern in Quixote der objektive Geist, der Standindex des Geistes

nicht begriffen wurde und sicher steht, auch real, absolut irrsinnig

im Sinn des»Exzentrischen«seiner Wege. Man erinnert sich an den trägen

Ritter Zendelwald, dessen innere Ausmalungen ebenfalls alles Schöne

überholen und vollkommener darstellen, als es sich in der zähen und

ungefügen Masse der Welt ausprägen könnte. Aber nun läßt Keller diesem

Träumer, als er zu spät am Hof der schönen Gräfin zum Turnier und zur

Hochzeit erscheint, durch Maria helfen, die unterdessen sein bloßes

Phantasieren in den Verlauf der Realität eingebildet hat. Was jedoch

Quixote angeht, so fehlen in seinen Gesichten die himmlischen Kräfte;

auch hat Cervantes, wie bereits Lukács einleuchtend gezeigt hat,

nur deshalb Ritterromane zu parodieren vermocht, weil genau damals,

in Quixotes Zeitalter, der beantwortete, also drüben wohlbegründete

Idealismus aus der Welt verschwand. Es fehlt dem Ritter die helfende

Kraft des Wunders, es fehlen die sonst jederzeit frisch vorhandenen

magischen Steine zum Abschluß des schadhaften Bogens halluzinierter

Vollkommenheit, es fehlen alle die transzendenten Nachhilfen und

halben, abkürzenden Vorwegnahmen des tausendjährigen Reichs, sofern Don

Quixote in der beginnenden Neuzeit lebt, sofern also die transzendenten

Wege ungangbar und die bisherigen transzendentalen Bedingungen eines

von drüben her konkret gehaltenen Idealismus aufgehoben, von einer

geheimnisvollen Realdialektik aufgehoben worden sind, ohne daß es dem

späten Ritter gegeben gewesen wäre, mit all seiner innerlich festen,

aber draußen haltlos, antiquarisch, abstrakt gewordenen Monomanie des

Guten den neuen Gott, seine Entferntheit und seinen Realitätsgrad zu

erkennen.

Der Junker bleibt darum zu fliehen und zu vermeiden. Nicht als ob er

uns so fremd und feindlich wäre. Im Gegenteil, er ist unser ärmerer

Bruder, dieser mutig ausgreifende Mann, weiter als alles, was ihn

umgibt. Es ist leicht zu sehen, wie die meisten noch viel zu still für

seine Geschicke sind. Sie haben nicht einmal den Aufruf zum Handeln

verstanden, den ihre vermeintlichen Gesichte enthalten. Darum bleiben

sie so enge, so leer feurig, so übel gehalten oder so unangemessen

alles begreifend in Ruhe. Aber dafür folgt jeder, der überschlägt, um

dadurch schneller zur letzten Seite zu kommen, dem so übel sinnreichen

Junker nach. Hierin berühren sich allerdings die stillen Selbstpfleger

mit den Quixote-Naturen. Dafür also folgen alle jene, die das Hohe in

das Niedere zerren, um derart moralisch zu heilen oder umzustürzen,

was nur wirtschaftlich, im vollen homogenen Schmutz der Sache selbst,

anzugreifen ist, Don Quixotes abschreckenden sozial-dilettantischen

Spuren. Es ist gleichgültig, ob die edlen Inhalte Rittertum oder

wie anders sonst heißen: sie sind immer veraltet, wenn sie nicht an

jene rechte obere Stelle gesetzt werden, wo sie erleuchten, statt zu

taumeln und beliebig oft durch die anders reale Welt»widerlegt«zu

werden. Wenn das Wort Balzacs von den großen Männern gilt, in deren

Kopf sich die Brüste des Weibes der Kraft eines Gottes einen, dann

kann dieser Kraft des Annehmens, Ernährens, Erfüllens und dieser

Kraft des zeugenden Sohnestums oder Logostums nichts ferner stehen

als die unreif phantasierende Abstraktheit. Auch Faust war ruhelos,

überdrüssig und voll unsicherer Ahnungen. Aber er suchte sich vorher

zu erfassen, mit den Gegenden auszugleichen, an ihnen zu kräftigen,

zu bilden und dann erst, um vieles aus seiner eigenen Geschichte in

der Welt belehrt, wieder aufzutauchen. Er kommt immer nur zu sich,

um wieder in neuen Bezirken zu verschwinden, um gänzlich die Welt

über sich zu drehen und derart nochmals, beschleunigend, von sich aus

das Ganze bereichernd, die begonnene Reise des Ich und Wir durch die

Welt zu wiederholen. Gewiß bleibt auch Faust zuletzt unaufgenommen

und unerlöst übrig, denn seine Frage, so voll sie auch von Anweisung

auf das»Seiende«und die diesseits sachliche Figur war, hält länger

an als die Beantwortungen des Daseins, die vorzeitig ausgehen. Aber

dadurch, gerade insofern nichts verwischt wird, und jeder Stelle das

Ihrige an Hilfe, Erlernung und fehlendem Ortsgeist geschieht, bringt

es Faust zustande, daß die Würde des Sollens gerettet, und daß --

ein»vermittelter«Don Quixote -- das Apriori genau dort gesucht wird,

wohin es der nach allen Standindexen des weltlichen Geistes erst

folgende Standindex des Überhaupt und der Glorie verweist. Hier wird

trotzdem niemals nachgegeben, niemals der Geist mit seinen Fußspuren

im Schmutz, ja nicht einmal mit seiner Kathedrale verwechselt, und

doch ist das Geheimnis konkret geworden. Hier wird, wie zu fürchten

wäre, durchaus nicht das Wirkliche dazu benutzt, um die Utopie zu

begraben, und niemals, obwohl der faustische Kreis, das vermittelte,

konkret-abstrakte, marxistische Land Fausts und der Propheten und

dann erst, aber dann erst recht der Propheten, weiter ist als

Quixotes Parabel -- niemals bei der Einstellung jedes Gegenstands

in seine Sphäre auch die Idee in Rationen aufgeteilt, sondern das

Apriori strahlt stärker als je, und die bodenlose Wunschgeographie

Quixotes hat nur Länder, Hierarchie und System dazu bekommen. Gewiß

brennt bei Quixote stärker als bei Faust das eine, erschütterte und

vollkommen religiöse Gewissen, daß dieses, was es gibt, nicht die

Wahrheit sein kann, und daß es über der vorliegenden Tatsachenlogik

noch eine verschollene und verschüttete Logik geben muß, in der erst

die Wahrheit wohnt. Aber es brennt bei ihm falsch, es brennt zu

frühe, zu überschlagend, also frivol in seiner Reinheit. Denn hier

wird der letzte Sprung, der dabei gar keiner ist, dem kein Gott der

Paradoxie beisteht, bereits an allen Ecken und Enden probiert; und

indem Don Quixote das Leid, die Krankheit der Welt nicht eigentlich

kennt, bleiben auch seine Messiasgedanken reflexiv, fehlt auch seinen

Vollkommenheitsträumen die eigentlich erst wirklichkeitshaltige

~Paradoxie~ des Panlogismus. -- Niemals kam daher Quixote dazu,

die anderen das Auftauchen seiner Fahnen erleben zu lassen. Sein Leben

blieb fruchtlos, sein Opfer wurde verschmäht, und die Leidenschaft

der Reinheit, die sich eine ihr angemessene Welt erschaffen wollte,

sank unaufhörlich wieder ins Harmlose, Aufgespreizte, Unwesentliche

und Reflexive zurück. Aber um sein Sterben liegen alle Schrecken

des inneren Vergehens ausgebreitet. Da die wohltätige Narrheit

verschwunden ist, sieht Don Quixote, wie er schutzlos allen Quälern und

Enttäuschungen preisgegeben war, doch auch er selbst steht in vollem

Dunkel, obwohl er sich wehmütig wiedererkennt als Alonzo Quixano, den

Guten; nirgends scheint eine das vergebliche Leid fruchtbarmachende

Substanz, nirgends lassen sich die Widersacher zu den Henkersknechten

eines Gottes umlügen, dem zum Schimpf der Tod mit dem Sieg verflochten

ist, und dem zum Trotz das große umschlagende Schicksal des tragischen

Helden vor der ungereinigten Transzendenz vollzogen werden kann. Man

sieht sich bei Don Quixotes traurig-komischem Geschick vergebens nach

solchen theologischen Ornamenten um. Er kann, da er zu ersetzen ist

und alles anders gemacht werden kann, ja durch die früheren echten

Ritter im Einklang mit der damaligen Weltsituation alles bereits besser

gemacht worden ist, irgendwie fallen gelassen werden; zweifellos ist

dabei nur trüb zu lachen, angesichts dieser gemischten und sonderbaren

Erscheinung, auch ist kein Anlaß vorhanden, um die Tierstimmen der

Hämischkeit und der Schadenfreude beim Unglück und Untergang eines

problematisch bedeutsamen Typus ästhetisch mit herüberzunehmen, aber

sofern alles, was Don Quixote verfehlt hat, nicht von einer schlechthin

unersetzbaren, repräsentierenden, kanonischen Gestalt und darin von

der Menschheit überhaupt verfehlt wurde, wird hier doch die Komik als

ein sittlich bedenklicher, jedoch logisch einwandfreier Fanatismus

des»Erfolges«oder der Objektivität berechtigt.

* * * * *

So muß man hier weinen und lachen zugleich. Und zwar derart, daß

das Lachen darüber steht. Gewiß, es ist schön, mutig und edel sein

zu wollen, wo man zurückhaltend oder vorsichtig sein müßte. Hier

sieht man mit wehmütigem Respekt auf diese traurig erhabene Gestalt.

Gewiß, es ist erschütternd und bis zu Tränen qualvoll, wie hier

am Ende der Wahn abfällt, und Don Quixote vor sich selber ruhmlos

verendet. Aber man ist das, was man für sich am Ende ist, und der

phantastische Streiter steht nicht nur deshalb zuletzt im Dunkel, weil

ihn die Welt geschlagen. Sondern er geht aus und ist zu ersetzen.

Er ist lächerlich, aber nur das ist lächerlich, das sich auf einen

bedeutenden Hintergrund zu bewegt und zurückbleibt. Deshalb sind etwa

Äpfel nicht zu karrikieren, wohl aber schon Tiere und erst recht halb

heroische Menschen. Das sich Bewegen und schließliche in sich Zergehen

vor dem unbewegten Hintergrund ist das Entscheidende. Darüber lacht

man, es lacht ein gemeiner, letzthin freilich auch ein sich anders

sicher fühlender, wenn man will, ein frommer Zug in uns. Denn die

Träume an sich können nichts bedeuten, sondern es kommt darauf an,

daß sie rufend, zeugend sind und dem Weltlauf, der geht, ohne zu

wissen, wohin es geht, tätige, vertretende, pragmatistisch wahre,

konstitutive Phantasie einverleiben. Das heißt, wenn es gestattet ist,

eine Reihe zu bilden, die sich unter Absehung der sehr verschiedenen

Werte ihrer Glieder etwa von Beckmesser über Don Quixote zu Niels

Lyhne hinzieht, so ist Beckmesser zufällig und durchaus reparierbar,

er kann fallen gelassen werden, denn es läßt sich besser machen

und sein Untergang hat keine Schwere, denn dahinter leistet ja der

frische Stolzing sogleich das Verfehlte; aber Niels Lyhne ist schon

ein typischeres Versagen des ernsten Menschen überhaupt, und wenn

er untergeht, im vollen Zusammenbruch seiner höchst»vertretenden«,

höchst realen Weltanschauung, so brennt das eigene Haus, nicht nur,

daß keinem Menschen das Lachen dabei ankommt, sondern auch das wie

immer überlegene, mitleidsvoll, nur zum Teil selbstbetroffene gütig

Komische steht still, alle leichten Vorzeichen kehren um, der Mensch

sieht sich als Menschheit selber ins Gesicht, wie sie versagt, und so

tritt am Ende statt des unschädlichen Spiels der deutliche tragische

Augenblick und mit ihm der sittliche Erkenntnisernst der Kunst in

Funktion. Wir sehen, Don Quixote steht beliebig in der Mitte; und die

gemeinen oder wenn man eben will, die transzendenten Anlässe, aus denen

sich künstlerisches Wohlgefallen erheben kann, erlauben so, daß sich

lachen läßt, wenn ein Mensch zugrunde geht, mit jenem zu ästhetischem

Glanz erhobenen Lachen der Schadenfreude oder des Vergnügens, nicht

selber in dieser Haut zu stecken, oder auch mit dem Lachen jener

bürgerlichen Empörung über ein Individuum, das seine Ungewohntheit

nicht sogleich durch»Bedeutung«entschuldigen und dadurch auf der Stelle

mit einem kanonischen Index versehen kann, -- mithin, daß sich auch

Don Quixote nur komisch und nicht tragisch fassen läßt, im vollen

lieblosen Messungsvergnügen des Kontrastes zwischen Wollen und Können,

der hier einen sich herrlich, heroisch gebärdenden Menschen in der

Blamage seiner Transzendenz, seiner allzu reflexiv und unkanonisch

gebliebenen Transzendenz zugrunde gehen läßt. Indem es der hilfreiche

Junker also treibt, indem Don Quixote nichts beherrscht, von den

kleinsten Bagatellen zermahlen wird und trotzdem zuletzt nichts anderes

erfährt, als daß sein übertriebenes Ich in der bloßen Wahrheit seiner

Leere, seiner bloß punktuellen Abstraktheit untergeht, vermag dieser

zurückbleibende, von der Erde wie dem Himmel zurückgestoßene Charakter

nichts anderes als ein ungefährliches, niemand vertretendes, komisches

und darin beschämend geschontes Agieren vor dem unbewegten Nichts, vor

dem nicht einmal blinzelnden Löwen des Schicksals vorzuführen.

Zur Theorie des Dramas.

Aber, so könnte man fragen, wird denn der ernste Held jedesmal

zerrissen? Oder, anders gesprochen, ist es denn wesentlich zum

Ernstwerden, daß er sichtbar zerrissen wird?

Ja, es ist wesentlich. Einige sagen zwar nein. Sie leugnen das

Blutenmüssen. Auch Lukács schließt sich dem in gewisser Weise an.

Wir stehen anders, uns ist der Held der Blutende und erst in ganz

anderem Sinn der Vollendete, der bedingt Vollendete. Es ist ein

bitteres Spiel, das Tragische. Man hat zwar gesagt, die tragischen

Menschen seien schon lange tot, bevor sie sterben. Denn hier begegnen

sich Menschen und jeder kann dem anderen sein Schicksal werden. Nur

derjenige Augenblick ihres Lebens wird, wie es Lukács dargestellt

hat, aus dem Ganzen herausgerissen, welcher Schicksal geworden ist,

und nur derjenige knappe, strenge und atmosphärenlose Dialog wird aus

der Fülle der Sprechbarkeit herausgelesen, der die lyrische Reife des

Schicksalsbewußtseins seiner Menschen wiedergibt.

Geist der Utopie · 第 4 / 39 段