Denn eines trennt. Und zwar gerade das, was uns sonstwie, seinem

Unmittelbaren nach, primitives und gotisches Empfinden nahebringt.

Wir sind ichhafter geworden, fühlender, ungenauer formend,

weiter»räumlich«dahinter gehend, das Selbst steigt auf. So strömt

das Blut der neuen Werke bewußt aus ganz anderen Quellen als denen

des Formlebens. Gewiß, was nicht geformt ist, ist nicht da. Das

bleibt richtig, aber das Formen ist nicht mehr das, was allein

herbeibringt oder gar allein wesentlich ist. Darum ist selbst die

Farbe, der eigentliche Ehrgeiz des Malens, gut in Farbe zu erzeugen,

umzusetzen, zu modellieren, irgendwie gleichgültig geworden. Man

liebt zwar wieder mehr als zuvor die ganz reine Palette. Aber das

ist nicht ausschlaggebend, Kokoschka malt grau, braun, trübviolett,

mit allen Erdfarben, und ist doch ein Expressionist. Und wenn Marc

und Kandinsky zu lauteren Farben greifen, ja der letztere sogar auf

eine Harmonielehre der Malerei ausgeht, und im ganzen anstelle des

atmosphärischen Verschwommenseins ein Schwelgen in blanken, hautlosen

Lokalfarben zur Mode wird, so freut man sich hier doch nicht mehr

an der Farbe an sich und an den eigentlichen Malerfragen, etwa an

dem alten Breughelproblem: bunt und doch unteppichhaft, dinglich

schwer zu malen, sondern es ist der Erregungsgehalt, um dessen

willen hier allein die reinste, krasseste Leuchtkraft gewählt und

zusammengestellt ist, jener eigentümliche, sowohl der einzelnen Farbe

wie ihren Kompositionen zukommende Emotionswert: Haß, Glut, Zorn,

Liebe, Geheimnis, um die ganze Aura, in der die Seelenlandschaft

liegt, wiederzugeben.»Ausfälle aus Heftiggelb langen in blaue

Unabwendbarkeiten.«Das ist die farbige Kraft und zugleich die Grenze

ihres Erwähltseins; denn hier muß die Farbe dienen wie noch nie, sie

kann beliebig oft in ihrer eigenen Lust, in ihrem eigenen Formleben

gebrochen werden, und das rein Malerische, das wiedergefunden zu haben,

den Stolz des Impressionismus bildet, tritt im Expressionistischen mit

Notwendigkeit zurück. -- Zwar sehen wir andererseits, daß mehr noch als

die Farbe die Zeichnung vorzuherrschen beginnt. Aber was allein darin

wiedergegeben werden soll, ist das, was ich fühle, wenn ich ein Ding

ansehe und als Gesehenes zeichne, wobei entschieden das innere Gesicht

und sein Umriß das Prius der Zeichnung ist. Das Malen gegen sich,

wie es den Impressionismus auszeichnete, ist vorüber. Oder vielmehr

Kandinsky, den man den intensiven, Pechstein, den man den extensiven

Expressionisten genannt hat, und Marc, der große, allersubjektivste

und zugleich allerobjektivste Künstler des»Begriffs«der Sache, ihrer

nicht natürlichen, sondern durch mich geschehenen, wie sie sich in

mir sehen kann, metapsychischen Abstraktheit, -- alle diese malen nur

insoweit gegen sich, als es notwendig ist, das Flüchtige des Gefühls

zu verankern und in fester Zeichnung, fester Raumbeziehung rein

ökonomisch zu verkörperlichen. Es ist freilich nicht zu leugnen, daß

seit Marées das Denken in Zeichnung, das neue Gedachtwerden in Fläche

weiterzustreben scheint. So wenn es bei Rousseau oder Kandinsky das

Zittern oder das Reiten auf eine kurze, eindrucksvolle Kurve führt oder

das Rachegefühl als zackiges pfeilartiges Gebilde oder das Wohlwollen

als eine sich öffnende Blume »symbolisiert«. Nicht minder bei Archipenko

oder wie Däubler Boccionis schreitenden Menschen sprachlich übersetzt,

also nicht mehr den ruhenden Menschen, der zufällig ausschreiten kann,

sondern das Schreiten als solches, das den Leib beherrscht, sich selbst

als Leiblichkeit einnimmt:»Knöchel möchten hervorbrechen, Sohlen

schleppen Raum mit sich, Brüste symbolisieren ein Sichschmiegen des

Mikrokosmus Menschen zwischen Sternenbildern, im Haupt wälzen wir eine

ganze Welt durch unsere Bahnen: ein Vielzuviel ist der Mensch, aber

mit unseren Bewegungen brechen wir unaufhaltsam in beseelte Geometrien

ein, auf Schulter und Schenkel tragen wir noch nicht ausgesprochene

Raumkristallisierungen in unsere Schreitungsrhythmik hinein.«Überdies

geht das Denken in Fläche nicht nur für das Einzelne weiter, derart,

daß so wie die Farbe den verborgenen Schein um die Dinge wiedergibt, so

auch die Zeichnung die räumlichen Gebärden im Odlicht zurückspiegelt.

Sondern die Beziehung, die Trunkenheit der Beziehung geht auch

weiter, auf das Ganze, auf die restlose Auftragung der Dingseele,

Menschenseele zur Geheimnisdistanz ihrer innersten Sternbilder, und

der Kubismus ist der konsequente Ausdruck dieser neuen, neualten

Raummagie. Er begann mit dem einfachen Zerlegen der Dinge und dem

Aufklappen ihrer nicht sichtbaren Flächen in die Bildebene. So führt

noch ein frühes Gemälde Picassos den verräterischen Titel:»Zerlegte

Geige«; aber bald ging das, was bloß gespielt und versucht war, in

ein wirkliches Erlebnis über, es zeigte sich der seltsame Reiz,

wie er der geteilten Fläche an sich zukommt, wie er sogar schon an

Lage- und Bebauungsplänen zu verspüren ist, der Reiz des tätigen,

hintergründigen Geteiltseins, der sich gewichtsmäßig ausgleichenden

Wagverhältnisse und des nackten, aktiven Lineargeschöpfs an sich, der

bewußte Wille, sogar noch gegen die leicht ertötete Flächenarabeske

die Kenntnis von Maß, Volumen und Gewicht, die Kenntnis der geheimen

Anziehung, Ordnung und Statik wiederherzustellen, die den Raum als ein

Zusammengesetztes von quadratischen und kubistischen Equilibrierungen

regelt. Die Spuren solcher Darstellungsart führen weit zurück und

zeigen überraschende Verbindungen: nicht nur Marées, nicht nur, worauf

ja schon sein berühmtes Wort vom Kegel, dem Zylinder und der Kugel

im Bildaufbau hindeutet, Cézanne sind raumdenkende Maler; auch die

sixtinische Madonna, wie sie von fernher klingenden Raumbeziehungen

und gleichsam mitgenommenen, mit zu uns her überführten himmlischen

Raumhaftigkeiten umgeben scheint, ist ein kubistisches Bild oder

enthält wenigstens nach Fechters richtigem Hinweis manches Wesentliche

aus dem kubistischen Darstellungsprinzip; und zwar ist es nicht etwa

das bloße gut Gestelltsein, das kubistisch macht, wonach allerdings

jedes Bild der Vergangenheit und das der absoluten Stilepochen erst

recht als kubistisch auszugeben wäre, sondern der merkwürdig gemischte

Rafael macht das Meiste in dieser Richtung klarer als es selbst bei

dem so sehr viel bedeutenderen Lionardo zu studieren ist, bei dem

alles nur eben räumlich geklärt ist, bei dem die Dinge im Raum, aber

der Raum nicht in den Dingen steht, bei dem der Raum nur ausgefüllt,

aber nicht tätig ist, nur geschaffen zwischen der Decke hängt wie

in der Peterskirche und der gesamten Renaissancearchitektur, aber

nicht selbsttätig schwingt und arbeitet wie im römischen Pantheon

oder gar in den gotischen Kathedralen. Aber nun freilich, vieles

steht dahinter zurück, denn die Gefaßtheit und Strenge kann sehr

wohl gar nichts bedeuten und nur ein Zeichen der geringen Reihe

des zu Ordnenden, des leichthin gelegenen Formens sein. Zudem, wie

Kokoschka oder Picasso den vorhergehenden Glauben an die Farbe

durchbrechen, so stört die futuristische Bewegung, also die Sucht

nach Rausch, Dynamik und alldurchströmender Zeitlichkeit, oft auch

im kubistischen Werk die Kreise der Kontemplation und setzt damit,

als vielsagende Gegenwirkung gegen alle transzendentalen Kontrapunkte

der Malerei auch den Kubismus nur zu einem Glied in der Reihe der

expressionistischen Ichgestaltungen, Ichprojektionen herab. Überdies,

wenn man sonst den Eindruck hat, daß gewisse bekannte Reste, ein Auge,

ein Violinschlüssel oder auch nur eine Zahl, gleichsam wider Willen in

dem kubistischen Bild stehen geblieben sind, so scheinen gerade Braque,

Derain und andere, jüngere Maler aus der Picassoschule zu zeigen,

daß man diese gegenständlichen Bezüge auch durch alle Entführungen

des Kubismus hindurch, also nicht nur im Anfang, als letzte Zeugen

eines gerührten Weltvalets, nicht nur im Subjekt, sondern gerade im

abstraktesten Prädikat des Kunstwerks anzutreffen wünscht, derart

also, daß sich diese sonderbaren Bilder wie Übungen im Mittel, wie

gewaltige qualvollste Hilfskonstruktionen begreifen lassen, deren rein

formale Spannung sich in einer neu erlangten Gegenstandsbeziehung

und Gegenstandssymbolik wieder lösen wird. Wenn man daher aus dem

Malen in sich hinein, in die räumliche Stille hinein, wie es die

Kubisten gegen die Aufregung und Naturhaftigkeit des Impressionismus

kultivieren, eine übergehende, chiffrehafte Form machen will, so ist

dies im Buchstäblichen, als reiner Bildbau aus Flächen und Gewichten,

völlig unmöglich und im ganzen nur insofern denkbar, als sich die

Beschwichtigung, Abstraktheit und Raummystik des Kubismus nur mehr

lückenhaft und intermittierend zu jenem anderen Raum hinüberstreckt,

der sich über allen Werken der Kunst als Heimkehr und Einordnung,

als Zimmer der Seele, als logischer und metaphysischer Ort des

Geistigen, als Einbauung der Welt in die Weite der objektiv gemachten

Subjektivität ausspannt. Auch hier läßt sich also beschwören, es ist

das rezeptive Gefühl und nicht die Form, die derart hinübergreift;

denn die eigentlich malerische Sorgfalt geht zu Ende, und über allem

bloß vermittelnden, pädagogischen, heuristischen Formleben steht das

gleichsam werklose Dasein einer ekstatischen Gesamtanschauung, die mit

der Formverwirklichung nur anhebt, ohne sich mit ihr zu decken oder

auch nur einigermaßen lückenlos von ihrer Stilhaftigkeit, von der noch

im Impressionismus vorhandenen, neuzeitlich transzendentalen Sorgfalt

ihrer Stilistik begleitet zu werden.

Aber läßt sich dann überhaupt noch»bauen«? Hier muß sich endgültig

die Einfügung eines oberen kunstgewerblichen Denkens bewähren.

Es ist wahrscheinlich, daß gemäß dem außerordentlichen Suchen

nach Ausdruck gewisse kunstgewerbliche und dann plastische und

architektonische Umsetzungen über das bisher Malerische als einer

dagegen überwiegend naturalistischen Beziehung triumphieren. Wonach

also, unter zukünftigem Aspekt, jenseits des Kunstgewerbes im engeren,

gesellschaftlich dominierten und Stilsinn, also auch jenseits des

Ornaments im einlinearen, untranszendentalen Sinn, ein Sheratonstuhl

mehr Ästhetisches enthalten kann als der süßeste Perugino oder noch

berühmtere Illusionismen der Kunstgeschichte. Vieles weist schon in

diese Richtung, und längst Vergangenes oder nie Verstandenes taucht

auf: die Tanzmasken, die Totems, die ausgeschnitzten Hausbalken, die

Bandornamente, die Sakramentshäuschen, der Begriff einer auch von

innen her ausgeschnitzten Plastik negroider, nordischer, gotischer,

barocker Art, der namenlose Leib einer Plastik als Architektur, mithin

der Begriff eines Dritten, Abstrakteren jenseits des Reliefs und der

verschiedenen Formen der Rundplastik, das nicht nur das Gehäuse oder

undeutliche Antichambre des Leiblichen, Menschlichen, Seelischen,

sondern den besten Ort seiner paradox ähnlichen, metapsychischen

Abstraktheit darstellt. Es ist uns also möglich, dem Bauen das Seine

zu geben, ohne ihm zugleich alles Seelische zu opfern. Freilich, die

Gefahr des kleinen, behaglich nachfahrbaren Geschlossenseins liegt

aller raumrhythmischen Begabung nahe. Jedoch es ist eigentümlich,

gerade in das Bauen vermag sich noch ein Anderes einzumischen, das

nichts mit dem bloß modellhaften Konstruieren gemeinsam hat. Darum

stehen alle alten Schränke da wie Helden, darum läßt sich aber auch

unter dem Alten jene Unterscheidung, jene einerseits griechische,

ja sogar, wenigstens gemäß dem abgelaufenen äußeren Raumglauben,

ägyptische, und andererseits barocke oder gotische Einteilung treffen,

wonach ein verkleinerter Tempel von Pästum immer noch genießbar bleibt,

während ein verkleinerter Dom von Regensburg, um parallele Ausmaße

zu wählen, überhaupt jede Beziehung zu seinem Urbild aufgegeben hat.

Denn hinter allem schicklichen Maß und auch hinter aller überholten,

ungöttlich gewordenen Strenge steht noch die Seele, ihr Ornament

und ihr lebendiger, ewig konstitutiver Ort, und dieses Jenseits von

Stil, von lückenloser Form und stereotropischer Konstruktionsmystik

läßt uns eben die Architektur als das bildnerisch wohlzubestellende,

wohlanzunähernde Innere des Heimatsraumes, mithin der eigentlichen,

selbst bei Plato deutlich dem gähnenden Weltraum entgegengestellten

Sphaira der Ideen weiter erforschen. So wird es zur reinen

Fähigkeitsfrage, nachdem das beherrschende Dasein der Architektur

gerade in den stillosen Zeiten Ägyptens und vor allem der Gotik

entschieden ist, ob man den Bautrieb, das Ornament als Konstruktion und

noch hinter der Konstruktion, als Pointe der bildenden Kunst festhalten

kann. Denn die Malerei braucht die Fläche und die Bildhauerei die

Nische, ganz außerhalb des schlechten, ungebundenen Wucherns im Rahmen

oder auf dem Sockel; und die gesamte Bewegung zum Bauen gegen die

Erde, zur Verschmähung und Vernichtung der Welt und aller irdischen

und vergänglichen Scheinherrlichkeit, zur Einbauung unserer innersten

Umgänge, unserer reinsten Durchblicke und Wölbungen mitten in den

vielfältig beschmutzten Weltraum, -- all dieses, das mit dem maßvollen,

abgestandenen Sowohl-als auch der Manier und des klassischen Baustils

nicht das Geringste gemein hat, findet erst in der Architektur die

Krone seines Gegenkönigtums gegen den Naturalismus und seiner erhabenen

metapsychischen Abstraktheit. Wir sagten freilich, daß uns eines trennt

von allem, was war, und zwar gerade die innere, unmittelbar sich

gebende Gebärde und Direktheit, wie sie uns sonstwie primitives und

gotisches Empfinden nahebringt. Aber nun sehen wir noch gründlicher

zurück und erkennen, womit in der großen geschichtlichen Arbeit nichts

vertan bleibt, auch dieser neue expressionistische Gedanke läßt sich

historisch definieren, sofern man nur der gegen die bisherige Neuzeit

veränderten Einstellung des Weitersehens, der Übersichtigkeit des

Kunstwollens als eines eigentlichen nicht-Kunstwollens, und dann der

gegen die religiös gebundenen Zeiten total veränderten Einstellung

des erzeugenden Lebens, der Unruhe und Aktivität im Begriff der

unvollendeten, menschlich zu vollendenden Welt, der bevorstehenden,

über allem Neuen schwebenden Ichmetaphysik, schließlich, der nur mehr

subjektiv, aber nicht mehr objektiv transzendenten Gegenstandsreihe

das Ihre an Ehrlichkeit und Notwendigkeit gegeben hat. Dann besitzt

gerade die neue Kunst eine unerwartete Kraft wiederzugebären, im

ganzen Umkreis der Architektur wiederzugebären: und zwar das Barocke

unmittelbar, in geradliniger Erbschaft, das Gotische entfernter,

in wesentlicher Entfernung von seinem befriedenden Welt- und

Himmelsbild; nämlich das Barocke in seiner Buntheit, Bewegungsfülle und

Plastizität, jedoch ohne seine bewußte, noch stilhafte Virtuosität,

und das Gotische in seinem völligen Gemüt, in seiner noch tieferen

subjekthaften Bewegung als Gegenstand, in seinem nicht nur unteren,

weltlichen, sondern transzendentalen Espressivo, jedoch ohne die

ihm bekannte Welthierarchie, die in der Seele nur einen Übergang

der untersten, noch materiell inhärierenden Form zur obersten, rein

geisterhaft oder ideell separierten Form erblickt und darüber hinaus

den Abgrund des Unbekannten mit der seitdem erloschenen Kontinuität

unmenschlicher, übermenschlicher Stufenfolgen ausfüllt. --

So suchen wir den magischen Bildner, der uns uns selbst entgegenkommen,

uns uns selbst begegnen läßt. Nur an ihm geht es hier noch weiter.

Gewiß, wir haben das Hören und vieles zieht darin herauf. Aber

dieses, und wenn es noch so gewaltig ansteigt, ist doch, wenigstens

in der Art, wie es bis jetzt vorliegt, noch unglaubwürdig gleich dem

Gedanken. Dagegen das Sehen wendet sich an den alten Sinn und an die

alte, vertrauenerweckende Gewohnheit, daß das Gesehene auch wirklich

ist. Nur eines stört darin: der neue Blick knetet unkenntlich um und

fährt wie ein Schwimmer, wie ein Zyklon durch das Gegebene. Es war

und bleibt zwar erfreulich, benennen zu können und deutliche Dinge

um sich zu haben. Es ist eine schöne Sache um fließendes Wasser, um

einen alten Baum oder gar um einen dunklen hochgelegenen Bergsee.

Aber es genügt eben, dies alles zu sehen, wobei man ja auch das nicht

Wiederzugebende von Luft, abschätzbarer räumlicher Weite und anderes

genießen kann, besser als alle Kunstwartfreuden jemals vermitteln

können. Zudem haben hier Lichtbild und Kino in vortrefflicher Weise

ersetzt, ja man kann sagen, für den, der den Natureindruck ohne

jede deformierende Störung durch das Bildmedium wünscht, ist der

Kinematograph die beste Gemäldegalerie, der Ersatz für sämtliche große

allgemeine Kunstausstellungen der Welt. Das sollten sich alle diese

vor Augen halten, die bei jedem expressionistischen Bild zu fragen

haben, was es darstellt, durch welche Mittel also ihrem Auge, das

einer bloßen photographischen Platte gleicht, eine Hölle nun wieder

zu einer Straßenecke zurückschrumpfen kann. Denn bereits seit van

Gogh wird es deutlich anders; wir sind plötzlich mit darin und gerade

dieses wird gemalt; es ist zwar immer noch sichtbares Gewühl, immer

noch Geländer, Unterführung, Eisenbalken, ziegelsteinerne Mauer,

aber das überschneidet sich plötzlich sonderbar, der verworfene

Eckstein schlägt mit einem Male Funken und das Gezeichnete in allen

Erscheinungen, das unbegreiflich uns Verwandte, uns Verlorene, Nahe,

Ferne, Saishafte der Welt tritt in van Goghs Bildern, wie sonst nur

noch bei Strindberg ans Licht. Aber auch bei Cézanne, verborgener

und durch die kräftige, rein malerische Fassade etwas überdeckt, die

Cézanne zu dem letzten großen neuzeitlichen Stilistiker macht, jedoch

vielleicht noch tiefer als bei van Gogh, ist der expressionistische

Umschwung deutlich: denn das sind keine Früchte mehr, auch keine aus

der Farbe heraus modellierte Früchte, sondern hier ist alles nur

denkbare Leben darin, und wenn sie herunterfallen würden, müßte ein

Weltbrand entstehen, so sehr sind diese Stilleben bereits heroische

Landschaften, mehr noch, so sehr sind diese Bilder mit mystischer

Schwere geladen und einer noch unbekannten, namenlosen Mythologie. Und

nun geht es an ihm weiter, sich selbst entgegenzusehen, umbrennend

weiter. Gras ist nicht mehr Gras, das Vielfältige verschwindet und

das Gesichthafte siegt. Das Ding wird zur Maske, zum»Begriff«, zum

Fetisch, zur völlig deformierten, denaturalisierten Formel geheimer

Zielerregungen, das menschliche Innere und das Innere der Welt rücken

zusammen, Eckehartisch, Kantisch, und das Sinken, sich Entäußern vom

malenden Ich zum malerisch dargestellten Ding geht vorüber. Plötzlich

sehe ich meine Augen, meinen Ort, meinen Stand: ich selbst bin diese

Schublade und diese Fische, diese Art Fische in der Schublade zu

liegen; denn das Gefalle verschwindet, die Strecke hebt sich zwischen

dem malerischen Subjekt und dem malerisch dargestellten Objekt, das nun

zu einer anderen als zu seiner bloßen Dingmaterialität wiedergeboren

werden soll; meine Morgensterne singen, und alles derart transparent

Geformte erlangt wie den gleichen ichhaften Bauhorizont, so auch das

gleiche subjekthafte,»ornamentale«Deduktionsprinzip seiner Entelechie:

eine Spur, ein Teil des Makanthropos zu sein. Hier gibt es nichts mehr

von außen zu leihen, die Seele braucht sich nichts mehr von außen

vorschreiben zu lassen. Sondern die eigene Not ist stark genug, um

sich anzuziehen, was sie an Rinden und Merkpunkten zu ihrer Vision

gebraucht. Wies van Gogh noch aus uns heraus, sprechen bei ihm noch die

Dinge, so heftig sie auch sprechen, doch scheinbar nur von sich und

nicht als Echo des Menschen, so hallen wir plötzlich von ihnen zurück,

so ist umgekehrt von dem neuen Expressionismus ab allein noch der

Mensch eine Kaspar Hauser-Natur, wie sie die Gegenstände lediglich als

Erinnerungszeichen ihrer verstockten Abkunft oder als Schriftzeichen

zum Behalten und Aufbewahren ihrer fortschreitenden Wiedererinnerung

verwendet. Die Dinge werden so zu den Bewohnern des eigenen Inneren,

und wenn sich die sichtbare Welt ohnedies schon an eigener Seele

zunehmend zu entleeren scheint, unkategoriell zu werden beginnt,

so wollen danach in ihr und an ihr die Klänge der unsichtbaren zur

Bildhaftigkeit werden; verschwindende Vorderseite, Füllesteigerung, ein

Waldwerden, ein Einfluß und Rückfluß der Dinge in den Ichkristallwald,

wobei der äußere Gegenstand in dem Maße verschwindet, als er gleich

einem der fünfhundert Götter im Tempel des verborgenen inneren Kanton

wiederkehrt. Hier können uns die Bildwerke, fremdartig bekannt,

wie Erdspiegel erscheinen, in denen wir unsere Zukunft erblicken,

wie die vermummten Ornamente unserer innersten Gestalt, wie die

endlich wahrgenommene, adäquate Erfüllung, Selbstgegenwart des ewig

Gemeinten, des Ichs, des tat twam asi, unserer im Geheimen schwingenden

Herrlichkeit, unseres verborgenen Götterdaseins. Das ist dasselbe

wie die Sehnsucht, endlich das Menschengesicht zu sehen; und so kann

es auch für das magische Bildwerk keine anderen Traumstraßen mehr

geben als solche, auf denen das Sesenheimer Erlebnis des sich selbst

Entgegenreitens geschehen kann, und keine andere Gegenstandsbeziehung

als eine solche, die den geheimen Umriß des Menschengesichts in

aller Welt widerspiegelt und derart die abstrakteste Organik mit

der Sehnsucht nach unserem Herzen, nach der Fülle des sich selbst

Erscheinens verbindet.

DER KOMISCHE HELD

Es ist sonderbar, jung zu sein. Der eine träumt nur und bleibt in sich.

Der Bessere handelt, schafft, schlägt um sich und geht nach außen.

Aber wenn er gut handelt, hat er ebenfalls seinen Traum. Er setzt, was

innen gewonnen ist, seine Wünsche, sein Geheimnis, naiv nach außen

um, nach außen ein. Das schlägt oft ins Leere, weil wir nicht allein

sind, weil es mit uns nicht anfängt, und weil wir nicht das Alter, das

Ausgeglichensein mit dem, was ist und werden will, in den Kräften der

Jugend besitzen.

Darum mag hier ein sehr eindringlicher Blick auf Don Quixote geworfen

werden.

Was dieser nur angreift, fällt um. Er schläft nicht, er steht Wache,

auch dort, wo niemand als die Hähne kämpfen. Er sieht überall,

unterschiedslos und ob es Galeerensträflinge sind, die dann nachher

das ganze Land unsicher machen, Bedrängte, die zu befreien sind und

seines Beistands bedürfen. Freilich, er steigt dadurch auch auf, der

Junker. Er reitet ruhelos an den heißesten Sommertagen in seiner

schweren, rostigen Rüstung umher, um Witwen und Waisen beizustehen und

um den Jungfrauen seinen mächtigen, mitleidsreichen Schutz angedeihen

zu lassen. Aber sonst bleibt der Ritter den Frauen gegenüber blind.

Nur eine einzige ist ihm erwählt, die er aber ernsthaft nie zu sehen

wünscht, Dulcinea, die Herrin seines Herzens, die seiner allein würdige

große Dame und Beschützerin seines Rittertums.

Geist der Utopie · 第 3 / 39 段