So zu urteilen, wie es bisher geschehen ist, heißt freilich nichts als

für sich bestehend anzuerkennen. Es ist seit Riegl allerdings üblich

geworden, das wertgemäß eingeordnete Nacheinander völlig auszuschalten.

Das ist in vielem Einzelnen gewiß berechtigt. Selbstverständlich ist

das kleine, schmale Verwerfen und Anerkennen der später Gekommenen

nach dem, was ihnen gerade in den Gesichtskreis paßt, das beste

Mittel, sich um den geschichtlich vorliegenden Reichtum zu betrügen.

Aber ganz läßt sich das Auf und Ab nicht austilgen, wenn man nicht

aus lauter Nachfühlung, aus lauter geschichtsloser Absolutheit in

den skurrilsten Relativismus fallen will. Man weiß, wie häufig sich

schon bei Kindern ein nicht anders Können als ein nicht anders Wollen

verkleidet. Aber auch abgesehen von dem Fuchs und den Trauben braucht

man hier durchaus nicht alles schön oder bedeutend zu finden, ja

es ist sogar ein Zeichen, daß man von der wahrhaften Größe bisher

fremder Zonen wenig verspürt hat, wenn man den Begriff des Verfalls

und überhaupt jede Wertabfolge unterschiedslos aus dem neuentdeckten

Gebiet verbannen will. Selbstverständlich ist das Kunstwollen

nicht leicht durchschaubar, und die alten Robinsonaden oder die

aufklärerischen Fiktionen der erwachenden Bildsäule, des sprachlosen

Alalus oder des bewußt eingegangenen Staatsvertrags, überhaupt die

fatalen Kategorien des Allmählich mit der genetischen Aufreihung in

Vorstufen und klassische Muster werden von einem gewissen, aber nur

von einem sehr hohen, als irrational hervorspringenden Punkt ab zur

Banalität. Daß es aber nicht immer so ist, läßt sich beispielsweise

sehr deutlich an den afrikanischen Schnitzwerken fühlen. Sie sind

schön, sonderbar, bizarr, tief, aber doch zumeist nur so, daß man

diese Schnitzwerke noch irgendwie begreifen kann, daß man genau so,

wie man lebt und ist, all dieser Fremdartigkeiten sprunglos teilhaftig

werden kann. Sie sind irgendwie gleitend, irgendwie untere Stufe

und irgendwie einem afrikanischen Geist zugehörig, der, mag auch

noch so viel Uneingeholtes zurückbleiben, doch im arabischen und

ägyptischen Nordafrika nicht weniger laut geworden ist. Das läßt

sich jedoch von den australischen Schnitzwerken nicht behaupten;

hier sind Messergriffe, Trinkhörner und kleine, unendlich verkrümmte

Schiffsgötzen zu sehen, dazu riesige, mehrere Meter hohe, zu den

furchtbarsten Verkrampfungen ausgeschnitzte Gruppen, die die Begattung

zwischen Menschen und Insekten darstellen, und die selbstverständlich

jede Erklärung aus unserem Begriffskreis wie auch jedes Landenlassen

oder Mediatisiertwerden durch China, durch den übrigen lemurischen

Kulturkreis unmöglich machen. Man sieht, nur hier geht es echt zu, nur

hier ist ein geistig Irrationales gegeben, das nicht in den Wechsel des

Könnerischen, jederzeit Diskutierbaren in den Formen, in der Technik

der Vermittlung fällt, das nicht zeitlich ist mit dem anderen, was

zeitlich ist, sondern das unverwechselbar, einmalig, sprunghaft in

sich vollendet vorliegt und so auch eine feste Grenze um jenes ganz

eigentlich erst ungenetische Gebiet zu ziehen erlaubt, in dem allein

die geschichtslose Absolutheit herrscht und sinnvoll ist. Hier erst

hat man das unabweisliche Gefühl, dem Wesentlichen der primitiven

Plastik gegenüber zu stehen. Jedenfalls aber lassen sich viele andere

Gebilde bestimmten Anfangs- und Verfallszeiten zuordnen, wie sie in der

Stümperei oder Schülerschaft ganzer Epochen, in verloren gegangenen

Techniken und dem höchst genetischen Ringen mit dem Material deutlich

zu verfolgen sind, gerade vom Standpunkt der immanentesten Kritik aus

zu verfolgen sind, wenn anders nicht das Kunstwollen atomisiert und mit

einem laxen Psychologismus und Positivismus sondergleichen von jeder

kategorialen Gliederung, von jedem Bezug auf die ihm vorgesteckten

phänomenologischen Spezies, von jedem Herrschaftsrecht immanenter,

wenn auch unter sich unvergleichbarer Wertsysteme ferngehalten werden

soll. Ja es ist sogar letzthin unmöglich, dem, was über dem Können und

Technischen liegt, also dem jeweils Geistigen und Gegenständlichen

der Kunst seine Geschichtslosigkeit zu garantieren. Auch das Feste

wird wechselnd beleuchtet. Denn nicht nur vor, sondern auch in den

Bildern bewegt sich das Licht. Gewiß, es ist richtig, was Kandinsky

bemerkt: das Sprechenmüssen, das alles Unnötige, Äußerliche verwirft,

gibt allenthalben den unveränderlichen Maßstab, um ein objet d'art,

also eine Fälschung, auch wenn sie das Original, ihr eigenes Original

ist, um dieses Errechnete, Untervisionäre, Ciceronianische oder

auch Akribiehafte, wie es sich freilich dem nichts fühlenden, bloß

denkerischen Ich empfehlen mag, von einem Kunstwerk zu unterscheiden;

ganz gleich, ob das Bild noch naß auf der Staffelei steht oder ob

es als jahrtausendalte Wandmalerei ausgegraben worden ist. Aber das

hindert nicht, daß die großen Formen ein Nacheinander zeitlicher Art

haben, jenseits dieses an sich noch künstlerisch leeren, zumindesten

gegenständlich undeutlichen Bauhorizonts. Sie könnten aber nicht

zeitlich sein, wenn es wirklich zeitlose Werte gäbe, wenn also ihre

Gegenstände, jenseits der Formvermittlung, ein gänzlich zeitloses,

weltüberlegenes Oben innehätten. So jedoch ist das Höchste, das zu

erreichen ist, immer noch nicht das Letzte und bewegt sich deshalb

auf dieses Letzte zu, trotz des Schopenhauerischen Satzes, daß die

Kunst überall am Ziel sei. Dazu gibt es sogar in dem gegenständlich

überlegenen religiösen Gebiet eine Parallele: ich wollte, es

brennte schon, sagte Jesus; aber statt dessen konnte und mußte

die Lehre Christi in die Zeit eingehen, Geschichte haben und in

der Geschichte leben, entsprechend dem ebenfalls noch Zeitlichen,

Prozessualen und Undefinitiven ihrer Verkündigung und ihrer nur erst

relativen,»theogonischen«Apriorität. Hier spiegelt sich also durchaus

eine obere Geschichte in der niederen Geschichte, sofern eben der alte

Gegensatz zwischen dem Werden und dem Sein, zwischen der genetischen

und der transzendentalen Methode, zwischen der Sinnenwelt und der

Ideenwelt, zwischen der Geschichte und dem Apriori unhaltbar in seinem

Panlogismus geworden ist, und die Geschichte selbst in die Metaphysik

als Stellungswert des Nacheinander und Geschichtsphilosophie des

Apriori eingeführt zu werden fordert.

* * * * *

[Sidenote: System des Kunstwollens.]

Dieses aber läßt auf andere Weise teilen.

Es gibt ein Eingedenken, das jedem Abschluß hinderlich ist. Derart

kommt aber auch in das einfach nur Abstrakte, wie es als Wertbegriff

des gebundenen, geistig abgezielten Kunstwollens eingeführt worden

ist, eine deutliche Bewegung. Und zwar gemäß dem Unstarren und doch

Abstrakten der Gotik wesentlich mit dem Ergebnis einer Doppelform,

eines ägyptischen und eines gotischen Inhalts dieser Abstraktheit.

Denn es gibt nicht nur entweder das Auszieren oder das Umreißen zu

wollen. Sondern es sind mindestens vier Dinge, die der Wille zum

Kunstwerk in sich trägt, und das Vierte ist das Wichtigste, wenn man

auch im Bild die Tiefe sucht.

Man will sich selbst bezeichnen. Das ist das erste Streben. Aber

dazu muß man sich von sich abhalten. Man will so wenigstens in der

von uns abgehaltenen Form dorthin gelangen, wo wir nie hingekommen

sind und alles Unerlebbare, wenngleich unserer allein Würdige auf

uns wartet. Das ist das ~zweite~ Streben, der Wille zur Form.

Aber der schwache Leib kann allein nicht leben und greift nach einer

Schale. Was der Einsiedlerkrebs begonnen hat, führt der bauende Mensch

in der Technik und in der dynamischen Komponente der bildenden Kunst

weiter. Denn das bloß Lebendige zehrt und ist der geprägten Form nicht

günstig. Es war niemals möglich, den Umweg über den Stein als das

dem menschlichen Gegenstand fremdeste Material zu vermeiden. Nicht

nur, weil es kein lebendiges Gewebe gibt, das als dauernder Träger

dienen könnte, sondern weil der Träger, wie an jedem Bronzeschwert

oder jedem Dialog zu sehen ist, um so mühevoller stilisiert werden

muß, je näher sein praktisch reales Vorkommen dem künstlerisch realen

Vorkommen steht, je weniger also schon das artfremde Material als

Isolierschicht zwischen der wirklichen und der ästhetisch gereinigten

Realität zu verwenden ist. Aber diese erste Mühe des Umbildens ist

doch nur um den Preis erspart, daß sich dahinter die eigene Sprache

des gegenstandsfremden Materials zu regen beginnt, um nun gerade

das Blut und die Seele, diese dem Stein wesensfremdesten Inhalte,

der Welt und den Formprinzipien des Steines zu unterwerfen. Alles,

was man getan hat, um Blühen und Auftrieb hineinzubringen, die

Pfeiler, die Wölbungen und die gesamte Reihe der geistigen Lösung des

Baustoffs nach Kraftrichtungen kann zwar die Plumpheit der homogenen

Mauermasse rechnerisch, aber unendlich viel schwerer auch metaphysisch

durchdringen oder, genauer gesagt, so durchdringen, daß in der

vollendeten Kunst das Heimweh und das von Jesus angezündete Feuer

bewahrt bleibt. Nach außen geht hier der geheimnisvolle Weg, zu den

Steinen oder in den Tod hinein, und es ist furchtbar zu sehen, auf wie

weite Strecken hin das benutzte, emporgedrehte Material die Formen

färbt, in die es mündet. Dabei zeigt sich letzthin in völlig eklatanter

Weise, daß die Form, die kunstgewerblich zunächst nur dürftig streng

macht, die in der Dichtung überwiegend nur den Stilcharakter, das

untere Künstliche, Unwesentliche, selber Unfruchtbare, Unvisionäre,

Hilfskonstruktive bezeichnet, und die nur in der Musik hie und da die

Gefahren einer fremden, vergangenen Zahlenmystik, diesseits des sich

selbst Zählens der Seele heraufbeschworen hat --, daß diese lückenlose

Formhaftigkeit in den bildenden Künsten gerade den Stein wiedergebärt,

ihn also nicht nur als Stoff bearbeitet, sondern vermittelst der

Blockeinheit, konstitutiven Strenge und Konstruktions-»Wahrheit«dieses

transzendental geladene Material auch als Gegenstand rezipiert. In

keinem anderen Gebiet ist die Form so enge und bedenklich mit ihrem

Material als dessen transzendentale Dingspezies, als Chiffre für seine

Menschenleere oder für die architektonisch wiedergeborene Physis

verbunden. Wo es lebendig zugeht, wird der Weg von dem Menschen bis zu

dem, was des Menschen ist, unabgelenkt begangen. Wo es aber anorganisch

zugeht (und es ist leichter im Stein bis zum Ende anorganisch zu

bleiben), wird das mathematische Wesen zuletzt zu einer heiligen

Mathematik emporgedreht, die die Sprache des Granits und Lichtes

und aller dem physischen Material eingeschriebenen Ordnung überhaupt

enthält und daher letzthin in dem Astralmythos landet. Hier schlägt

der Stoff über die ziehenden Geschlechter einen Bogen, um letzthin

eben mittelst dieses seines dauernden, toten Materialcharakters die

Natur einzumischen oder herbeizutragen und sie, die darin gehobene

anorganische Natur, als das Vehikel und Symbol der Ewigkeit oder des

in sich ruhenden Weltkreises zu gestalten. Wenn wir zuerst, solange

wir uns wollten, frei waren, so sind wir im ~Zweiten~, sobald wir

das Werk wollen, Knechte geworden, und zwar die Knechte des Materials,

das wir erst recht wollen müssen, wenn überhaupt feste Abszissen und

Ordinaten für das Bild entstehen sollen. Damit werden wir aber nicht

nur in eine öde, verrufene und durchaus nicht gesuchte Gegend gelockt,

sondern die ganze erste oder auch zweite Absicht unseres Auszugs ist

zugunsten eines aufgezwungenen Schalenziels, Stoffziels vergessen.

Die ursprünglich organische Wegrichtung wird fast ohne die Spur einer

Erinnerung aufgegeben oder vielmehr zugunsten des fremdgesetzlichen,

uns strikt entgegengeltenden Ziels eines ~Dritten~, einer

anorganisch abstrakten Konstruktion verlassen. Es lastet überdies noch

etwas in den menschlichen Gestalten und in der darzustellenden Welt,

das nach unten sieht und mit dem Kopf in der Erde steckt, das von

selber dem Stein entgegenkommt und ihm Recht gibt, ohne sich zu wehren,

ja das in der baulichen, letzthin astralmythisch deduzierten Mathematik

seinen viele Blätter zurückschlagenden, sich selbst gleichsam

aufrollenden Glauben besitzt. Wo es also rein konstruktiv zugeht, wie

in Ägypten, diesem ewigen Muster aller absoluten Formarchitektur,

steigt ein längst vergessenes Grundwasser wieder auf, so daß sich, weit

gründlicher als in dem leeren Ruhm der sogenannten Naturschönheit,

eine Art Mineralogie höherer Ordnung, eine Art zweiter, über alles

hinausgehobenen Naturphilosophie in der Sphäre der Ästhetik zu

instituieren droht.

Aber das Ich treibt weiter. Denn es besitzt den Wechsel auf das

Ende. Das ist freilich nicht aus den griechischen und italienischen

Einfühlungen zu gewinnen. Hier ist, wie deutlich genug zu erkennen war,

alles gedämpft oder aus beidem zugleich pflanzlich und symmetrisch

solange gemischt, bis das ruhige Wetter der begleitenden Schönheit,

der Schönheit als Ordonnanz entstand. Daher sind überall dort, wo

man den eigentlich organischen Zug sucht, Griechenland und die

Renaissance als die bloß auf Freude, Takt, Maß gestellten Stile

zu überschlagen. Das Gesetz hat noch keinen großen Mann gebildet,

aber die Freiheit brütet Kolosse und Extremitäten aus. Und darum

muß der Zierrat als Umriß, der erreichte organische Sättigungsgrad,

die Bereitschaft zur organisch-dynamischen Funktion, die bewahrte

organische Bindungskraft oder Valenz in oder vielmehr jenseits der

Konstruktion -- im Nordischen, Gotischen und Barocken als den reinen

Aussagen der Subjektivität an ihr selbst gesucht werden. Es gibt also

noch ein anderes Zieren zu wollen. Es treibt und gärt hier in den

Steinen, mit uns zu blühen, unser Leben zu haben. Denn es geht nicht

an, sich auszulassen, wenn man mit den Kräften des Menschensohns in

sich baut. Und es gibt nichts, das krankhafter und unseliger wirken

könnte, als das bewegungslos Typische in den ägyptischen Gesichtern

und Statuen. Wenn uns auch die ägyptische Form noch so beruhigt und

streng erscheinen mag, so ist es doch ein Leichtes, das Furchtsame

und Nervöse aus ihr herauszufühlen, das aus dem sich verschweigen

Müssen der Seele und aus dem namenlosen Schrecken Ägyptens vor dem

breiten, erdrückenden, in der Quantität verschlossenen Gott des

Weltalls spricht. Denn von einem völligen Opfer des inneren Buchs

konnte keine Rede sein; man war schon dadurch, daß man Pyramiden

baute, weil man noch keine Menschengeschichte besaß, auf dem Wege zu

einem Aufstand, zum Ausspielen gegen den unendlichen Druck der Natur.

Dazu kommt, daß schon damals die Seele den astrologischen Ring zu

sprengen suchte, daß Nebel, Feuer, Wanderungen, Luzifer, Totenrichter

und Moralprobleme in fernen, fremdartigen Zirkeln heraufkamen, ja

daß das Leben der Gestirngötter allein schon durch das Bewußtsein

seiner als eines Vorgangs vor der Erschaffung des Menschen und eines

astralischen Mythos bereits als geschehen, durchschritten, unwahr

oder wenigstens als keineswegs endgültig wahr erscheinen mußte. So

führt dies hin auf die Gebilde, in denen endlich das ~Vierte~,

wieder Organische, ~organisch Abstrakte~ geschieht. Ob das ein

Auszieren oder ein Umreißen ist, wird hier, wo beides zusammen in

einem geschieht, belanglos. Es ist der endlich frei gewordene Zierrat,

das geschehende Ornament mit seinem ihm eingeborenen organischen Wesen

als Konstruktion zugleich, wie es allen Umriß einverleibt, überflügelt

und sich wie die Konstruktion aus dem sich selber Sehenwollen als

dem rezipierten Ersten im Vierten deduziert. Wenn man also dennoch

namentlich entscheiden soll, ob hier das Auszieren oder das Umreißen

vorherrscht, so wird man sich an das Überwiegende in diesem Zusammen

zu halten haben und dann allerdings sehen müssen, es ist noch mehr

Ornament als Konstruktion darin, es ist die Einfühlung auf einer ganz

neuen Stufe, es ist die Herabsetzung der gegenstandslos gewordenen

Konstruktion zum bloßen Hilfsmittel der Äußerung und Werkäußerlichkeit

überhaupt, es ist die Erzeugung der Konstruktion aus dem Ornament

und die Erzeugung des Ornaments aus dem sich selber Sehenwollen als

jenem letzthin organischen Konstruktionsprinzip, von dem alles Formen

vor der materialen Ablenkung ausging. So kann damit das nach außen

gebrachte Innere, mithin das Organische höherer Stufe, das Organische

in Abstraktheit und das leise Wiedersehen des Ich mit dem Ich, der

Ich sein werde, als gotische Entelechie der ganzen bildenden Kunst

geschehen. Die Steine blühen hier und tragen Früchte, der Atem der

Lebendigkeit, lange verschwiegen, reicht bis an das Ende und darüber

hinaus. Hier wird endlich der Mensch, in seinen Toten noch, wie Jean

Paul sagt, das eingelegte und in seinen Lebendigen das erhabene

Bildwerk der Erde, als Pointe des Alls gepriesen. Hier herrscht jene

schöne Wärme, in der die lebendige Seele nicht erstickt, die Wärme der

Geliebten und das Licht, das von der Blume, von aller Mägde Luzerne

ausgeht, die schöne Wärme, in der die lebendige Seele durch Demut und

Andacht die beiden Hüter der Schwelle besiegt und gleich dem Jesuskind

selber von der gotischen Maria in die Arme genommen wird. Denn es jagt

und wuchert in diesen Steinen, nirgends werden wir verleugnet, nirgends

wird der einschließenden Kraft des Materials ein mehr als reflexiver

Tribut gegeben, die Mauer ist geschlagen, die bunten Fenster führen in

endlose Landschaften hinein, wir stehen mitten in der Liebe, von den

Heerscharen umstellt, ja die Gewänder und Mienen der Heiligen nehmen

selber alle raumschließende Kraft an sich, es ist ein steinernes

Schiff, eine zweite Arche Noah, die Gott entgegenfliegt, die Spitze

des Turmes verwandelt sich zur Kreuzesblume als dem mystischen

Kehlkopf, der das Wort des Sohnes empfängt und über all diesen Wundern

--»wie führt mich jeder Schritt so weit!«»Das ist ein tief Geheimnis,

zum Raum ward hier die Zeit«--, über all dieser unendlichen Verwirrung

der Linie lächelt Maria so süß und weise, daß sich die Gräber

erhellen, daß sich die fernen mystischen Kammern bereiten und auch dem

niedrigsten der Brüder die restitutio in integrum erleuchtet steht.

Gewiß ist vieles unförmlich an diesen Domen, an diesen Dombildungen aus

menschlicher Gestalt, aber es ist die Unförmlichkeit zwischen unserem

Herzen und unserer Welt. Was sich zuerst so dunkel gab, die ganze

Unruhe, Mischung und Unentschiedenheit der normannisch-germanischen

Bauweise, jene Sucht, in der sich das Niedere erhöht sehen will und

eine aus dem organischen Gestaltungsprinzip stammende Ornamentreihe

gegen die aus dem kristallinischen Gestaltungsprinzip stammende

Konstruktionsreihe rebellierte: dieses ganze große Überschäumen des

Klangs über das Licht und des Geistes über die Welt besitzt, wenn

nicht in der geschlossenen Werkkategorie, so doch in der nach oben

offenen, ichhaften Ausdruckskategorie ein unkündbares Dasein und

Recht. Damit ist der Durchbruch gelungen; hier wirkt das künstlerische

Eingedenken, das jedem Abschluß feindlich ist, und die Kraft zum Formen

enthüllt sich als die bloße Kraft zum von sich Abhalten, zum Aussagen

und Werkmachen, zu einer letzthin nichts Fremdes mehr einmischenden

Indirektheit der Vermittlung. Das Wollen des Stils, ja sogar das

Kunstwollen der Kunst als eines schönen, geschickten oder gar in sich

weiterzeugenden Formkomplexes verschwindet in allen künstlerisch

relevanten Gebilden gegenüber der Treffkraft des inneren Eindrucks,

der Vision auf die verborgene, noch innerweltlich enthüllbare Seele

als dem allein weiterzeugenden ästhetischen Gegenstand, wonach also

auch jene Einheitlichkeit Ägyptens oder der Gotik, die man wohl auch

noch»Stil«, Stilprinzip zu nennen pflegt, nicht in diesem als einer

formalen Konvention und Bewußtheit, sondern im Gegenstand, im jeweils

geschichtsphilosophisch herrschenden Prinzip begründet liegt. Wenn

aber selbst die ägyptische Gestalt nicht aus formalem, sondern ganz

eigentlich nur aus gegenständlichem, deskriptivem Anlaß geschlossen

ist, so erhellt, wie viel mehr erst die Bildsäule und das Haus des

menschlichen Herzens, als welches die Gotik und mehr noch das Barock

erscheint, den formalen Schluß verabschiedet und ungeschlossen, völlig

ohne formale Immanenz, Stilimmanenz als Fragment aus Christi Gnaden

besteht. Die Sucht nach dem Ausdruck erläutert damit gerade die

Gotik und das Barock, als einen bilderstürmerischen Weg, der nicht

stilistisch und deshalb auch nicht formend, nicht formal, sondern

wesentlich was-be-stimmt und deskriptiv ist, der seinen Reichtum aus

keinem technischen Mittelwollen, sondern aus dem allein intendierten

»Was«des Werkes, aus der gegenständlichen Winkligkeit des Ziels

gewinnt, der mittelst der direktesten, um alle Material-, aber auch

Form-, Werks- und Konstruktionspoesie unbekümmertsten Ichsymbolik zu

dem eigenen Anblick gelangen läßt und derart unter und erst recht über

allen Konstruktionen die Lebensformeln des Ornaments bewahrt.

* * * * *

Dorthin mag es also nach Hause gehen, und darum scheint es uns sehr

wünschenswert, daß der Punkt nicht verschleiert wird, auf den die neue

Strenge wirkt. Vor allem nicht dadurch, daß man alles, was zuletzt

gebildet wurde, das Unruhige und Nervöse der impressionistischen

Art, völlig verwirft, um sowohl aus der Abstraktheit der Strenge

einen Selbstzweck zu machen, als auch, um wieder auf eine rettungslos

vergangene Weise fromm und gebunden zu werden.

Geist der Utopie · 第 2 / 39 段