Zum Dritten gibt es ein abstraktes Umsetzen tapetenhafter Ar

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ERNST BLOCH

GEIST DER UTOPIE

[Illustration]

MÜNCHEN UND LEIPZIG

VERLAG VON DUNCKER & HUMBLOT

1918

By

Alle Rechte vorbehalten.

Altenburg

Pierersche Hofbuchdruckerei

Stephan Geibel & Co.

Else Bloch-von Stritzky

zugeeignet

begonnen April 1915, abgeschlossen Mai 1917.

Inhalt

Seite

Absicht 9

~Die Selbstbegegnung~

1. Ein alter Krug 13

2. Die Erzeugung des Ornaments 17

3. Der komische Held 53

4. Philosophie der Musik 79

5. Über die Gedankenatmosphäre dieser Zeit 235

6. Die Gestalt der unkonstruierbaren Frage 343

Karl Marx, der Tod und die Apokalypse 391

Absicht.

Wie nun?

Es ist genug. Nun haben wir zu beginnen. In unsere Hände ist das Leben

gegeben. Für sich selber ist es längst schon leer geworden. Es taumelt

sinnlos hin und her, aber wir stehen fest, und so wollen wir ihm seine

Faust und seine Ziele werden.

Was jetzt war, wird wahrscheinlich bald vergessen sein. Nur eine leere,

grausige Erinnerung bleibt in der Luft stehen. Wer wurde verteidigt?

Die Faulen, die Elenden, die Wucherer wurden verteidigt. Was jung war,

mußte fallen, aber die Erbärmlichen sind gerettet und sitzen in der

warmen Stube. Von ihnen ist keiner verloren gegangen, aber die andere

Fahnen geschwungen haben, sind tot. Die Maler haben die Zwischenhändler

verteidigt und den Seßhaften das Hinterland warm gehalten. Es

lohnt sich nicht mehr, darüber zu reden. Ein stickiger Zwang, von

Mittelmäßigen verhängt, von Mittelmäßigen ertragen; der Triumph der

Dummheit, beschützt vom Gendarm, bejubelt von den Intellektuellen, die

nicht Gehirn genug auftreiben konnten, um Phrasen zu liefern.

Und dieses allein ist wichtig. Wes Brot ich eß, des Lied ich sing. Aber

dieses Versagen vor dem Kalbsfell war doch überraschend. Das macht,

wir haben keinen sozialistischen Gedanken. Sondern wir sind ärmer als

die warmen Tiere geworden; wem nicht der Bauch, dem ist der Staat sein

Gott, alles andere ist zum Spaß und zur Unterhaltung herabgesunken. Wir

bringen der Gemeinde nicht mit, weswegen sie sein soll, und deshalb

können wir sie nicht bilden. Wir haben Sehnsucht und kurzes Wissen,

aber wenig Tat und was deren Fehlen mit erklärt, keine Weite, keine

Aussicht, keine Enden, keine innere Schwelle, geahnt überschritten,

keinen utopisch prinzipiellen Begriff. Diesen zu finden, das Rechte zu

finden, um dessentwillen es sich ziemt, zu leben, organisiert zu sein,

Zeit zu haben, dazu gehen wir, hauen wir die phantastisch konstitutiven

Wege, rufen was nicht ist, bauen ins Blaue hinein, bauen uns ins Blaue

hinein und suchen dort das Wahre, Wirkliche, wo das bloß Tatsächliche

verschwindet -- incipit vita nova.

DIE SELBSTBEGEGNUNG

EIN ALTER KRUG

Ich sehe ihm gerne zu.

Fremd führt er hinein. Die Wand ist grün, der Spiegel golden, das

Fenster schwarz, die Lampe brennt hell. Aber er ist nicht nur einfach

warm oder gar so fraglos schön wie die anderen edlen alten Dinge.

Man hat ihn jetzt vielfach nachgeahmt. Das ist ungefährlich, aber es

gibt auch kostbare antike Exemplare, glänzend erhalten, enghalsig,

bewußt modelliert, mit vielen Rillen, schön frisiertem Kopf auf

dem Hals und einem Wappen auf dem Bauch, und diese stellen den

einfachen Krug in den Schatten. Doch wer ihn liebt, der erkennt, wie

oberflächlich die kostbaren Krüge sind, und er zieht das braune,

ungeschlachte Gerät, fast ohne Hals, mit wildem Männergesicht und einem

bedeutenden, schneckenartigen, sonnenhaften Zeichen auf der Wölbung,

diesen Brüdern vor.

Sie stammen zumeist aus der rheinfränkischen Gegend. Vielleicht sind

sie schon römisch. Wenigstens erinnert der Ton, aus dem sie gebrannt

sind, an billige römische Stücke. Auch klingt irgendwie eine italische

Form in ihnen an, wenn auch noch so kräftig, zuerst soldatenhaft und

dann nordisch vergröbert. Und nun sind sie weiter gewandert, aus

der Taverne in die reichsstädtische Schenke, weingefüllt ringsum

auf Regalen stehend, die Teniersschen Bauern mit den großen Nasen

halten sie noch hie und da in den Fäusten, bis sie mit dem anderen

verschwinden mußten, als alle gute bodenständige Handarbeit verschwand.

Was an ihnen am meisten auffällt, das ist der Mann, der wilde Bartmann

auf dem Bauch des soliden nordischen Gebildes. Damit spinnt sich

ein seltsames Garn zu uns herüber. Denn die Toten sind trocken und

müde, das mitgegebene Krüglein im Grab ist bald versiegt. Aber drüben

verwahren wilde Männer neue Krüge, magische Krüge mit Lebenswasser.

Sie sind zumeist an einsamen Hügeln zu treffen; noch heute heißen,

verrufenerweise, einige solcher Stellen, vor allem in niederdeutschen

Gegenden, Nobiskrug, und das Totenwirtshaus soll nicht weit davon

gelegen sein. Die Männer weiden eine Herde, unfern dem Brunnen der Urd,

dem das goldene Wasser entspringt, und geben auch wohl dem fragenden

Toten Bescheid, damit er den Weg zur Heimat nicht verfehle. Derart

ist der wilde Mann mit dem entwurzelten Tannenbaum in der Hand noch

auf Gasthausschildern, desgleichen, da er die Geheimnisse des ewigen

Schatzes behütet und kennt, auf Münzen und Geldscheinen, vor allem aber

als Schildhalter niederdeutscher Fürstenwappen, auch des preußischen,

allegorisch sichtbar geblieben. Doch hier, auf unserem Krug, blickt

das Bärtige der Waldschratte noch unmittelbar heraus, die feuchten

und dunklen Urwälder ältester Zeiten sind ganz nahe herangerückt, der

Kopf des riesigen Troll spendet seinen faunischen, amuletthaften,

alchimistischen Anblick. Sie sprechen aus der Zeit, die alten Krüge, da

noch der Schlappohr und der feurige Mann auf den abendlichen Feldern

der rheinfränkischen Gegend gesehen worden sein sollen und haben das

Alte bäurisch, buchstäblich, unallegorisch bewahrt.

Es ist schwer zu ergründen, wie es im dunklen, weiträumigen Bauch

dieser Krüge aussieht. Das möchte man hier wohl gerne inne haben. Die

dauernde, neugierige Kinderfrage geht wieder auf. Denn der Krug ist

dem Kindlichen nahe verwandt. Und zudem, hier geht das Innere mit,

der Krug faßt und hat sein Maß. Aber nur noch der Geruch vermag einen

feinen Duft von längst vergessenen Getränken mehr zu erraten als zu

empfinden. Und dennoch, wer den alten Krug lange genug ansieht, trägt

seine Farbe und Form mit sich herum. Ich werde nicht mit jeder Pfütze

grau und nicht von jeder Schiene mitgebogen, um die Ecke gebogen. Wohl

aber kann ich krugmäßig geformt werden, sehe mir als einem Braunen,

sonderbar Gewachsenen, nordisch Amphorahaften entgegen, und dieses

nicht nur nachahmend oder einfach einfühlend, sondern so, daß ich darum

als mein Teil reicher, gegenwärtiger werde, weiter zu mir erzogen an

diesem mir teilhaftigen Gebilde. Das ist bei allen Dingen so, die

gewachsen sind, und hier hat das Volk daran gearbeitet, seine Lust

und tiefere Behaglichkeit in einem Trinkkrug auszuprägen, sich auf

dieses Haus- und Schenkengerät aufzutragen. Alles, was derart jemals

liebevoll und notwendig gemacht wurde, führt sein eigenes Leben, ragt

in ein fremdes, neues Gebiet hinein und kommt mit uns, wie wir lebend

nicht sein könnten, geformt zurück, beladen mit einem gewissen, wenn

auch noch so schwachen Symbolwert. Auch hier fühlt man sich, in einen

langen sonnenbeschienenen Gang mit einer Tür am Ende hineinzusehen,

wie bei einem Kunstwerk. Das ist keines, der alte Krug hat nichts

Künstlerisches an sich, aber mindestens so müßte ein Kunstwerk

aussehen, um eines zu sein, und das wäre allerdings schon viel.

DIE ERZEUGUNG DES ORNAMENTS.

Wir sind plötzlich streng geworden.

Jetzt mehr als je. Aber wichtiger bleibt es zu spielen. Wir hatten

es verlernt, von unten herauf, die Hand hat das Basteln verlernt. So

ungefähr wurde auch der Feuerstein geglättet. Niemand wagt sich vor,

von allen diesen trocken gewordenen, einfallslosen Menschen. Es wird um

uns gehämmert, gehobelt und geschnitzt, als ob niemals etwas gewerblich

gekonnt und zu vererben gewesen wäre. Aber dafür malen wir auch wieder

wie die Wilden, im besten Sinn des Frühen, Unruhigen und Barbarischen

genommen. So ungefähr wurde auch die Tanzmaske geschnitzt, so ungefähr

baute sich der primitive Mensch seinen Fetisch zurecht, sollte auch

nichts als die Not des Aussprechenmüssens wieder dieselbe geworden

sein. Derart fällt beides merkwürdig zusammen, der hoffnungslose

Verlust alles dessen, was früher am kleinsten Stück gewerblicher Arbeit

selbstverständlich war, und der ebenso hoffnungsvolle Verlust des

Geschmacks, des Stilwollens in dem, was die Hand bildet und ausdrückt.

* * * * *

Nur ist das Erstere, das bloß Strenge, fast bedingungslos schlecht.

Hier ist alles gleich erkältend und langweilig geworden. Wie könnte es

freilich auch anders sein, nachdem niemand mehr das dauernde Wohnen

kennt, sein Haus warm und stark zu machen.

Aber das ist nicht allein an dem Niedergang schuld. Er ist nicht nur

darin begründet, daß der Auftraggeber unbekannt oder namenlos geworden

ist. Denn wenn wir etwa das Arbeitszimmer als Aufgabe nehmen, so ist

in dem erwerbstätigen Mann, der nur abends zum Ausruhen, Lesen oder

Empfang der Gäste männlichen Geschlechts sein Zimmer betritt, und in

dem Schriftsteller oder Gelehrten als dem angestammten, sozusagen

faustisch vorstellbaren Bewohner des Arbeits- und Bibliothekszimmers

zum mindesten eine Doppelreihe des Bedürfnisses, Auftrags und

zeichnerischen Problems gegeben. Aber was nun zum Verkauf angeboten

wird, bleibt unrettbar in dem Generalnenner des sogenannten

Herrenzimmers befangen. Man kann daher durchaus behaupten, daß es

eine viel breitere Bereitwilligkeit im Einkauf gibt, als sie die

Geistlosigkeit der Angebote und Auswahl gestattet. Es ist danach nicht

so sehr der Verbraucher als der Erzeuger, auf den all das leblose,

unansehnliche Zeug zurückfällt, und auch nicht dieser, sondern die

Maschine, die er beschäftigt, hat das Elend und den durchdringenden

Phantasiemord auf dem Gewissen, der den kunstgewerblichen Bestand jedes

Museums mit den vierziger Jahren des vorigen Jahrhunderts abzuschließen

zwingt.

Man soll gewiß lange genug bewegt und industriell denken. Aber

das hat eben seine Grenze und seinen Umschlag, nicht ohne die

alten Arbeitsformen wieder zu beleben. Man irrt, wenn man

sozialistischerseits das Industrievolk als allein wesentlich festsetzt

und gleichsam verewigt. Das mag dort erwünscht, ja taktisch notwendig

sein, wo alles noch agrarisch zurechtgeschnitten ist, und der Arbeiter

mehr als zu kurz kommt. Es mag auch insofern einen unleugbaren Sinn

besitzen, als die alten Meister kaum noch aufzufinden sind und der

schmutzigste kleinbürgerliche Schuft mit dem Wasser am Hals und allen

Eigenschaften des sinkenden Mittelstands, dazu ohne eine Spur der

alten Sauberkeit, Bedächtigkeit und Frömmigkeit des alten Meisters,

den Handwerkerstand oder, wie man zutreffender sagt, den Stand der

Kleingewerbetreibenden besetzt hält. Aber man darf nicht vergessen,

die Maschine ist eine kapitalistische Erfindung. Sie ist, wenigstens

im gewerblichen Gebrauch, durchaus nur zu den Zwecken billiger

Massenproduktion mit hohem Umsatz und großem Gewinn und wahrhaftig

nicht zur Erleichterung der menschlichen Arbeit oder gar zur Veredlung

ihrer Resultate konstruiert. Wir wüßten nicht, was so erleichternd

wirkte an dem Rasseln der Webstühle, an der Nachtschicht, an dem

furchtbaren Zwang der gleichmäßigen Tourenzahl, an der verhinderten

Werklust des Mannes, der immer nur Teile zu bearbeiten hat und niemals

das Glück der ganzen und Fertigproduktion genießen kann --, wir wüßten

nicht, was hier erleichternd wirkte gegenüber der früheren gemächlichen

Herstellung (hier Haus, dort Werkstatt daneben) eines kleinen Quantums

ehrlich gefertigter, kunsthafter Handgewirke. Sicherlich, der Bauer

und der Handwerker sind fest vorgezeichnete, im Werkwesen selbst

vorgedachte Typen der menschlichen Arbeit, und sie werden sich

in ihrem Apriori wieder herstellen, wenn erst die kapitalistische

Abirrung vorüber ist. Den großen Schwung in allen Ehren, aber alles,

was er an Ergebnissen gebracht hat, die nicht selbst wieder wie die

Lokomotive oder die Stahlproduktion dienend, funktionell und technisch

sind, wird sich eines Morgens wieder einpacken lassen, und der

mechanische Webstuhl wird mit der Kanone in dem gleichen sonderbaren

Museum verderblicher Sagazitäten zu stehen haben. Wir wiederholen,

man muß bewegt und industriell denken, um nicht nur einfach das Alte

zu kopieren; denn hier, in diesem eratmenden Schritt, in dieser

Beschleunigung, Unruhe und Vergrößerung unseres Aktionskreises liegen

große seelische und gedankliche Werte verborgen; aber das bezieht sich

nur auf die Maschine als einer äußeren Erleichterung und Willensform

und nicht auf den feigen Massenkram der Fabriken oder gar auf die

letzthinigen Typen und Resultate der heraufkommenden Welt von neuem

bäuerlicher, frommer, ritterlicher Menschen.

Sie verstand es, die Maschine, alles so leblos, technisch und

untermenschlich im einzelnen zu machen, wie es die Straßen des Berliner

Westens im ganzen sind. Ihr eigentliches Ziel ist das Badezimmer und

Klosett, die fraglosesten und originalsten Leistungen dieser Zeit,

genau so wie die Möbel im Rokoko und die Architektur in der Gotik die

eingeborenen Kunstarten dieser Epochen darstellen. Hier regiert die

Abwaschbarkeit, irgendwie fließt überall das Wasser von den Wänden

herab, und der Zauber der modernen sanitären Anlagen mischt sich als

das Apriori der Maschinenware unmerklich noch in die entferntesten

und kostbarsten Architekturgebilde dieser Zeit. Daran ist auch durch

die vorübergehende Hoffnung einer Wiedergeburt der Form, sei es durch

die neuen Stoffe des Glases, Stahls und Betons, sei es vor allem

durch die neuen Form- und Konstruktionsmöglichkeiten auf Grund dieser

Materialien, nichts gebessert worden. Denn alles, was die modernen

Stoffe und Zweckkonstruktionen gebracht haben, um das, wie Ruskin sagt,

mit Abkürzung zu tun, dessen Ehre gerade in seiner Schwierigkeit liegt,

geht am Stil, dieser höchst schmuckfreudigen, fast nur aus Schmucksinn

symmetrischen und»konstruierten«, luxuriös symmetrischen Angelegenheit

vorbei, um bestenfalls in jener technischen Ähnlichkeit zu landen, die

der Wolkenkratzer mit dem Birs Nimrud und die feierliche Kinofassade

mit der ältesten, freilich aus einer anderen Geometrie heraus

geometrischen Baukunst aufweist.

Nun ist dieses Versagen freilich nicht an allen Orten bedenklich; es

gibt Gelegenheiten, wo man einer geschmackfremden Abstraktheit den

expressionistischen Dank abstatten möchte.

Denn einmal ist das Auszieren trotz allem wieder erwacht. Man sucht mit

Gewalt aus dem Trockenen heraus zu kommen. Man sieht allmählich ein,

eine Geburtszange muß glatt sein, aber eine Zuckerzange mit nichten. So

sucht man wieder farbig aufzulockern, man drängt auch bewußter als je

auf das Zeichnen und das Leben der organischen Linie.

Zum andern ist das Abhandenkommen aller gewerblichen Fähigkeiten

vielleicht doch nicht ohne positive Tiefe. Darauf hat Marc zuerst und

mit Glück hingewiesen. Es kann dieselbe Göttin sein, die hier Not und

dort Überfluß schenkt, hier die völlige Unfähigkeit zur schönheitsvoll

geschlossenen Form und einen Organzerfall, der in der Geschichte nicht

seinesgleichen findet, dort das Aufblitzen feuriger und rätselvoller

Zeichen jenseits alles Stilwollens, aller luxuriösen Kunstindustrie und

aller bloß eudämonistischen Ausgeglichenheit, Eurythmie und Symmetrik

des Stilbegriffs. Man hat gesagt, daß ein russischer Bauer ein

Heiliger sein müßte, um überhaupt nur ein anständiger Mensch werden zu

können. Oder nach Lukács, daß ein moderner Architekt, der die Begabung

Michelangelos besäße, gerade ausreichte, um einen schönen Tisch zu

konstruieren. Aber es läßt sich diesem Satz auch hinzufügen, daß,

wie stets die Kinder oder die Bauern, so jetzt auch ein bedürftiger,

von Lebensmühe bedrängter Dilettant, der an Geschicklichkeit nicht

mit dem kleinsten alter Maler zu vergleichen ist, trotzdem in der

merkwürdigen Luft dieser Zeit Gebilde, unwerkhafte, stillose, aber

ausdrucksharte und symbolische Gebilde erzeugen kann, die keinen

letzthinigen Vergleich mit den großartigsten Aussagen der griechischen

oder neuzeitlichen Stilepochen zu scheuen brauchen. Das ist der Weg,

den der Blaue Reiter ziehen wollte, ein verwachsener, unscheinbarer

Seitenweg, der die Hauptstraße der Menschheitsentwicklung bildet. Das

ist weiterhin, trotz alles Feindlichen, Bösartigen, Negativen, das sich

ebenfalls aus dem Stilsterben der Mitte des neunzehnten Jahrhunderts

ablesen läßt, der funktionelle Zusammenhang dieser Stilepidemie mit den

positiven Kräften des Expressionismus.

Zum Dritten gibt es ein abstraktes Umsetzen tapetenhafter Art. -- Man

übt es zwar falsch und dürftig genug. Das macht, hier wird die Treppe

von unten nach oben gekehrt. Darum bleibt alles so unaufgeblüht,

daß sich trotz Farbe und Sehnsucht nach dem Schnörkel, nach der

spielenden, überschüssigen, organischen kapriziösen Linie sämtliche

Rippen des Grundrisses zählen lassen. Wer aber den Zierrat will,

darf nicht kunstgewerblich auf seine Gewinnung ausgehen. Hier hält

sich kein eigenes Leben, es ist durchaus eine Frucht von unterwegs,

das Rudern und Kriechen in einem abgeschnittenen Teich, nachdem sich

die Flut verlaufen hat, und im ganzen der unmögliche Versuch einer

in die Hände des bewußtesten, immanentesten Kunstwollens gelegten

Schönheit von unten. Es gibt keine Fruchtbarkeit aus der reinen Form

heraus oder mit ihr, diesem bloß Reflexiven des Stilcharakters, als

Ziel. Man kann also sagen, daß weder der organische Zierrat, noch

der halb organische, halb anorganische Symmetrieumriß, wie ihn die

Stilmanieren zeigen, irgendwie sind, im Sinn des Bestandes; sie

geschehen, und zwar als der Zustand einer unechten Beruhigung, das

heißt als Kunstgewerbe und im Größeren als Stil, wie er lediglich

als Ausmünzung eines außerhalb alles Schönheitswollens gelegenen

Fonds von vordem hellseherischen und nunmehr expressionistischen

Beschreibungen exekutierbar wird. Darum hilft hier nur, sich von oben

her bescheinen zu lassen, erst im Oberen das Ungewollte, Unbedenkliche,

Organische, Irrationale aufblühen zu lassen, um derart, wie es zu

allen, sogar den ausgeprägtesten Stilzeiten geschah, die unwillige

Beziehung zum Ornament von dem Bilder-, Formen- und Ausdrucksreichtum

der unangewandten Kunst unterstützt zu erhalten. Denn wenn auch das

Kunstgewerbe Geschmack und ruhevollen Abschluß braucht, so ist es doch

mit Ausnahme des sogleich zu erwähnenden Barock-Kunstgewerbes nicht

dazu verpflichtet, diese freilich letzthin nur ihm eigentümlichen

Stil- und Wertkategorien in seinem eigenen Bereiche zu entwickeln. Es

genügt und ist allein durchführbar, sofern der stets abgeleitete Stil

zwar nicht zum Ausdruck steigen, wohl aber der Ausdruck jederzeit zum

eudämonistischen Stilgebrauch fallen kann, die Formen, das sich in der

hohen Kunst ergebende Unterwegs der Formvermittlung, von dieser auf

das Kunstgewerbe zu übertragen. -- Das ist nun freilich nicht für alle

Fälle richtig. Irgendwo gibt es durchaus eine lehrreiche Abstraktheit

aus dem Geist der Tapete. Denn es lebt noch etwas zwischen Stuhl und

Statue, nämlich der Teppich, das Allegoriehafte, die echte, nicht

abgestandene, sondern probierende, wenn auch ebenfalls nur»versetzte«,

abgeleitete reine Form. Und diese kann allerdings direkt von unten an

auf die Ausdruckskunst einwirken, ohne anzuhalten und dürftig oder

streng zu machen. Ein Stuhl selbst ist freilich nur dazu da, um besetzt

zu werden, er weist sichtbar auf den ruhenden Menschen hin. Und eine

Statue ist dazu da, um besehen zu werden, oder vielmehr, da ihr auch

dieses, wie alle familiäre Beziehung gleichgültig ist, sie ruht in

sich, ihrer eigenen Herrlichkeit zugewendet. Es ist sehr leicht, die

derart bestehende, einfache Grenze zwischen der kunstgewerblichen und

der künstlerischen Form zu bestimmen. Sie läßt sich am schlagendsten

dadurch demonstrieren, daß man den Drehungsprozeß des Beschauers

als unterscheidendes Merkmal einsetzt. Dann wird sich alles, was

gebraucht wird, was Boden und Sessel bleibt, also durch ein sich

~erlebendes~ Ich beherrscht wird, dem Kunstgewerbe zurechnen

lassen; während alles, was den Aufblick hervorruft, was sich zum

Gebälk und über uns gezogenen Bildwerk erhebt, mithin zum Stuhl oder

Schrein für den Leib Gottes übergeht, auch lediglich durch das darin

~gesehene~, sich optisch entgegenkommende Subjekt eines zweiten

Stockwerkes beherrscht wird und insofern der hohen Kunst zugehört.

Und weil uns die kunstgewerblichen Dinge nur umgeben, so ist es ihnen

eigentümlich, behaglich zu sein, die elegante Vollkommenheit vor

allem zu halten und den Stil anzuziehen. Oder genauer gesagt, aus

einer darüber hinausschießenden Ausdrucksbewegung gewisse Elemente

des Schmucks und der Konstruktion anzuhalten und als Takt oder Maß

zu stabilisieren, wie sich denn das ganze mittlere Griechenland und

die halbe, das heißt, abgesehen vom Barock, die durch Renaissance

und Empire»klassisch«eingerahmte Neuzeit die Kunst wesentlich nur

als freundliche, ungeistliche Lebensbegleitung, aber nicht als die

Beschwichtigung seelischer Notzustände, nicht als den Trostgesang

einer um Hässlichkeit und Schönheit unbekümmerten Ichexpression,

nicht als die zu den Menschen heruntergestellte, sinnlich religiöse

Abschilderung oberer Erlösungsgeschichte, mithin wesentlich als

maßvolles, eudämonistisches Derivat zubereitet haben. Aber schon das

gebrauchende Ich sitzt an verschiedenen Orten. Den Sessel, den ein

Bauer von ferne bewundert, wird der Edelmann unbedenklich benutzen.

Denn die Kraft, die sich das Ich zur gebrauchenden Pointierung

erlesener Gegenstände zutraut, bringt die Entscheidung, und vieles, was

der Sonnenkönig als Kunstgewerbe empfinden konnte, ist späteren Zeiten,

denen der sozial, gleichsam schon aktuell theologisch pointierende

Ichpunkt gesunken ist, durchaus zur hohen Kunst geworden. Das mag

gleichgültig sein, sofern der unterdessen über uns gedrehte Sessel doch

seinen anfänglich wohllebig pointiert gewesenen Begleitungscharakter

nunmehr geschichtslos beibehält. Aber, wie wir sagten, tertium datur;

es gibt Stühle, die aus dem Sichhineinsetzen, aus der sonderbaren

Haltung, aus der gleichsam abgenommenen Maske des sich Setzens ein

Neues machen. Es gibt Stühle, die daraus etwas abstrakt Lebendiges

entnehmen, bemalt, als ob auf ihnen die Haut, und ausgeschnitzt, als

ob auf ihnen das Gestell eines Gespenstes, eines Geistigen abgezogen

wäre, wie dieses an dem ganzen rätselvollen holländisch-englischen

Barock-Kunstgewerbe mit seinen indisch-chinesischen Reminiszenzen zu

studieren ist. Denn es lebt noch etwas zwischen Stuhl und Statue,

ein Kunstgewerbe zweiter Ordnung, in dem sich statt des behaglichen,

gleichsam abgestandenen, aus Rückständen zusammengesetzten Gewebes,

statt der formhaften Geschlossenheit, transzendentalen Heimatlosigkeit

und dem in sich bleibenden reflexiven Modellcharakter der unechten

reinen Form, der echte, hinüberweisende Teppich der probierenden

Allegorie ausstreckt. Hier ist keine Gefahr, daß das abstrakte Umsetzen

tapetenhafter Art stilhaft macht, daß also die bewußte Qual der

kunstgewerblichen Erfindungslosigkeit, wie sie sich in der sprödesten

Strenge ihren Ausweg sucht, auf die ganz andersartige, unbewußte

Qual des künstlerischen Expressionsdrangs einwirkt und dergestalt

den Architekturwillen der Expression auf den ägyptischen Weg der

abstrakten Strenge und des Raumes, des unterdessen ausgeglühten

Raumes, statt auf den gotischen und barocken Weg der Seele und ihres

Ortes hindrängt. Darum: indem man kräftiger als je auf das Zeichnen,

auf das Leben der organischen Linie drängt, zieht von dem modernen,

verzweifelten, barock sucherischen Kunstgewerbe cum grano salis ein

Verändern und Umbiegen, eine neue Betonung des Umsatzmediums, ja sogar

eine neue Betonung des Ruhezustands, der erschwerten, transzendental

organischen Abstraktheit zur hohen Kunst herüber, die dem Schmuckwollen

eben dieses Kunstgewerbes zweiter Ordnung einen gewissen heuristischen

Anteil an der expressionistischen»Begriffsmalerei«zuerkennen läßt.

Kunstgeschichtlicher Exkurs.

Das ist wenig und viel zugleich.

Man will nichts als sich unabgelenkt sehen. Hier hilft aber nur

schnitzwerkhaft zu denken.

[Sidenote: Das Aussagen.]

Dazu braucht man durchaus nicht geschickt zu sein. Das ist wohl dort

nötig, wo man geschmackvoll, stilvoll, griechisch formt. Aber hier muß

man mehr sein, und das andere, wie es ausgleicht und berechnet, wird

statt des Zwecks zur Beigabe und zur bequemen Sicherheit, jedesmal

das kräftigste Mittel zur Aussage finden. Nichts ist dienender,

abgeleiteter als das Wie, nichts ist zeugender als das Wer und das

Was, die letzthin dasselbe sind. Man muß von hier ab innerlich üppig

sein und so weit als möglich zur Woge werden. Das scheinbar Wirre,

das Winklige, Wunderliche und Schnörkelhafte ist ihr klarster,

schlichtester Ausdruck.

[Sidenote: Der griechische Stil.]

So wurde von früh an durchwegs geschnitzt. -- Man fing überall zuerst

an in Holz zu arbeiten. Aber bald kam der Stein, und die Stämme wurden

materialgerecht zu Säulen. Freilich, das griechische Lächeln geht um

den Stein gleichsam herum. Denn hier sind wir lebendig und gebändigt

zugleich geworden, allerdings um den Preis, sowohl im einen wie im

anderen untief zu sein. Darum läßt sich hier eben nur ein Stück mehr

oder minder ruhevollen Lebens auf den Sockel stellen. Darum ist es

ebenso gleichgültig, ob die griechische Gestalt in Elfenbein, Silber,

Bronze oder Marmor gearbeitet wird wie es der leichten, das Lächeln und

das Wohlabgewogensein zugleich verherrlichenden Kunstart unwesentlich

ist, auf die Wünsche des Stoffes zu hören und den Materialgeist zu

treffen oder ihm fremdgesetzlich zu erliegen. Hier wird noch zwischen

Säule und Gebälk das federnde, jonische Kissen gelegt; die Ranke, der

Akanthus, das Fleisch triumphieren, und wenn auch der Eierstab oder

der Mäander eine anorganische Linie vorzutäuschen scheinen, so ist

dies alles schon von innen her so sehr gedämpft und gerade nach eigner

maßvoller Wahl so konfliktslos rechtwinklig beschlossen, daß weder

das Leben gegen den Stein, noch der Stein gegen das Leben in diesem

ebensowohl organischen wie»anorganisch«, aus Sophrosyne konstruktiven

Stil einzuschreiten brauchen. Denn was bestimmt, ist ein kleines

Leben, das nichts gegen rechtwinklige Ordnung einzuwenden hat, mit

Baumstümpfen und ähnlichen zweifelhaften Stützen oder Bildsäulen,

bei denen die Torsi besser wirken als die Originale, an denen eben

erst alles abzuschlagen war, was abgeschlagen werden mußte, um die

Blockeinheit der Statue zu erlangen. So hat der griechische Bildner

weniger dem Stein als der weltlichen Gesellschaft einen bösen Zoll

bezahlt. Indem hier nämlich der Künstler sein Werk völlig bewußt

zum Genuß hin entwickelte, mischte sich das zwar Lebendige, aber

auch nichtssagend Konstruierte in einer Weise, die es als vorzüglich

zum»Stil«, zum familiären und luxuriösen Kunstgewerbe einer Nation

geeignet machte. Es ist durchaus notwendig, die griechische Kunstweise

so weit zu spannen, gemäß der übergreifenden, allein und absolut

stilerzeugenden Grunderfassung dieser Kunst als eines Genußvollen,

Geschmackvollen, das Leben Schmückenden und zugleich Symmetrischen,

um derart in der griechischen Kunst das unumgängliche Muster der

Neuzeit, der griechischen und auch europäischen Neuzeit, das heißt

eben, mit einziger Ausnahme des Barock, der Stilzeit par excellence

zu begreifen. Dreifach ist so das Stilwollen als solches bestimmt:

einmal als Rücksicht auf die schönheitsvolle Wirkung, dann als bewußtes

Arbeiten am Mittel, am Werk, an der Konstruktion und zuletzt als

die Verdrängung der nur auf den Ichausdruck gehenden Vision durch

ein selbstgerechtes Formleben, entweder der bloßen Symmetrie oder

der reinen, homogenen, für sich ruhenden, abgeschlossenen, streng

immanenten Formexistenz des Kunstwerks überhaupt. Freilich, das alles

schlägt irgendwo einmal um, man kann nicht, auch im Kunstwerk nicht,

aus dem wirklichen Prozeß der Dinge und ihren Zielen heraustreten, und

da im bewußten Kunstwollen vor allem das Konstruieren herrschend ist,

so droht auch am Ende jedes Stils die ägyptische Erstarrung als die

transzendentale Gefahr des materialgemäßen Konstruiertseins überhaupt.

[Sidenote: Ägypten und die Immanenz.]

Nun muß man freilich jederzeit bauen. Das Bild braucht eine Wand,

die Gemeinde ein Haus und eine tektonische Einheit. Es will jedoch

kaum gelingen, warm zu wirken und zugleich lückenlos geformt zu sein.

Dagegen scheint nichts leichter erreichbar als biedermaierliche

Klarheit. Nichts scheint schon dem Gips, besonders wenn er sich zum

Rang des Beton erhebt, so unverlierbar in die Seele geschrieben zu

sein, als die Kraft seine Welten ägyptisch zu machen. Auch dort, wo

man nur entlasten will, wo Glas, Stahl und Beton zusammenwirken und

derart die reine Zweckform diesseits alles Stoffzwangs wie diesseits

aller Auszierung ihr nüchternes Wesen treibt, drängt sich der Raum ein

oder vielmehr, wenn auch noch so abgeschwächt und ohne die porphyrene

Dichte, seine ägyptische Reminiszenz. Das ist erstaunlich; denn an

sich könnte der Raum auch gotisch werden, und der englische Gruß im

Chor der Nürnberger Lorenzkirche ist gerade dazu geschaffen worden,

um den Raum zu singen, in dem er hängt, um den Raum singen zu lassen

und in sich, gerade durch sein Hängen in der Mitte, den inneren Gesang

seines Raumkörpers zu konzentrieren. Aber was die Glaswände angeht,

die Stahlpfeiler, Betonvertikalen und die gleichfalls in der Mitte

hängenden Bahnhofsuhren, so können sie über die bloße Atemfreude, die

bloß angenehme Weite und völlig leblos bleibende, der Straßenreinigung

verwandte Raumklärung nicht anders als vermittelst der Lüge der

abstraktesten Konstruiertheit gegen Ägypten zu hinausgelangen.

Allerdings, das Erstaunen hebt sich, sobald man erkennt, daß eben das

Konstruiertsein das Tertium comparationis zwischen der Zweckform,

Stilistik und Ägypten bildet, wenn auch im höchst verschiedenen Ausmaß

der transzendentalen Beziehung. Beides, Zweck und Strenge, liegt dem

griechischen Stil beständig nahe. Oder vielmehr, um homogen zu reden,

wenn auch nicht die Zweckform als ein noch völlig unkünstlerisches,

rein negatives Zufallsgebilde der Sauberkeit, so liegt doch sowohl

das Nächste, das nach der Zweckform kommt und sie mit einem Sprung

im Kunstgemäßen vertritt: das Biedermaier, wie das Oberste, das nach

der konstruktiven Stilistik kommt, die Strenge und Kubik Ägyptens,

dem griechischen Stil, dem Stil überhaupt, beständig nahe. Das eine,

das Biedermaierliche, ist schon an den frühesten Steinwerkzeugen zu

bemerken, es zieht seine reinlichen, praktischen Linien in Renaissance,

Regence, Louis XVI. und Empire, um zuletzt, nach dem Abbau der Stile

am Beginn des neunzehnten Jahrhunderts gleichsam auf dem Boden

zurückzubleiben, als stilistisches Minimum überhaupt. Das andere, das

Ägyptische, hat sich zuerst bei den Ägineten und zuletzt beim Empire,

bei der formalen Möglichkeit eines Einflusses der Pyramidenexpedition

auf das Empire, hereingedrängt und bildet, so wie das Biedermaier die

untere Grenze gegen den amusischen Zustand darstellt, den obersten Raum

der transzendentalen Beziehung des griechischen Stils und damit der

Stilistik überhaupt. Aber, was sich dahinter auftut, ist das weitere

Verratenwerden an Ägypten, das nur solange zu vermeiden ist, als das

Leben beibehalten, und das kühle Dreieck des Giebels, das reine, gewiß

nur aus Weltfrömmigkeit gewählte, aber auch von der Todesstrenge

mitgeformte Rund des Bogens, überhaupt die ganze zwiespältige

Symmetrie des griechischen und klassischen Stils in jener unscharfen,

heimatlosen, untiefen, ungegenständlichen Immanenz festgehalten wird,

die nur aus Entscheidungslosigkeit nicht zu Ägypten, dem Winterland,

Totenland, Weltwinter, wie es in den alten okkulten Schriften genannt

wird, und dem Ort der rein anorganischen Wertsphäre übertritt. Nun

ist allerdings auch nicht unbedingt zu begrüßen was warm und deutsch

gebaut wurde. Denn dieses ist zweifellos, schon soweit hier das kleine

Leben, Sprossen und Blüte, eingemischt ist, die schlechtere Form. Wie

sich hier, was auf den merkwürdigen Grabplatten im Wormser Dom klar

zu sehen ist, das Gestrüpp der Baumzweige unmittelbar zum Maßwerk

verschlingen kann, so ist alles Deutsche zunächst bloß lebendig, es ist

scheinbar insgesamt eine kleine, an das Mittelgebirge erinnernde, noch

organische Landschaft der Gotik. Anders steht es in Italien und zum

Teil auch in Frankreich, wo sich das Gotische gerade in der Breite, im

kristallinischen Maßwerk, in den Türmen ohne Helme und der kräftigsten,

dabei höchst mystischen Horizontale objektiviert. Man hat zwar bisher

diese dahingelagerte Bauart nicht besonders geschätzt. Auch wir sehen

etwas Tieferes, aber wir dürfen es uns nicht zu leicht machen, dieses

nicht nur über dem Stil, sondern gerade über der Form Tiefere zu

lieben. Indem man freilich die befreiten Gemütszustände des Betrachters

in das Werk selbst verlegte, wurde entweder der Tanz und die schöne

Heiterkeit Griechenlands oder die andersartige Leichtigkeit der nach

oben weisenden, der dreifach unterstrichenen und mit allem möglichen

rezeptiv-organischen Espressivo versehenen Transzendenz der deutschen

Gotik zu der obersten künstlerischen Werkkategorie erhoben. Ganz anders

liegt der Fall, sobald die Schwere als der wesentliche Zustand der

anima figurata erscheint. Seitdem es die französischen Maler verstanden

haben, wieder mit Farbe zu modellieren, überhaupt gesinnungsmäßig auf

Giotto zurückzugehen und das kräftig zurechtgesetzte Insichruhen zu

gestalten, ist das kleine, leichte Leben schlecht oder als eine im

vollen Schwanken des Geästs dahinrollende Welt zum Rätsel geworden und

Phidias wird so dunkel, wie es früher Mykene, Ravenna oder Assissi war.

Hier muß sich selbst die scheinbar durchgehends abstrakte orientalische

gleich der gotischen Kunst eine Unterordnung ihrer verwirrten, also

japanisch-malayisch-chinesischen, rokokohaft rezipierbaren Elemente

unter die große Horizontale von Ägypten, Babylon, Byzanz und der

romanischen Gotik gefallen lassen. Die breite Gliederung ist demgemäß

durchaus nicht, wie dies noch in den griechischen Bauten und dem

völligen Equilibre der Renaissance ja sogar, um nichts zu verwischen,

gewiß auch in zahlreichen gotischen Möbeln, vor allem tirolischer und

rheinischer Herkunft, und in den weltlichen Bauten der flandrischen

Gotik scheinen mag, der Ausdruck der Diesseitigkeit, sondern ganz im

Gegenteil, der Ausdruck der vollendeten Ruhe und reinen, fertigen,

unendlich endlichen Immanenz. Und zwar einer Ruhe, die selbst die

herniederfahrende, segenspendende Madonna der byzantinischen Apsis

noch als Abstandsbewegung und umgekehrtes Barock ablehnen könnte, und

die als vollendetes, das heißt als ein im Schillerschen Sinn naives

Besitzen der Transzendenz dem Nu der letzten Gegenwart der Mystik zu

vergleichen ist. Derart also gibt die horizontale Bauart gewiß den

einleuchtendsten Begriff der großen vollendeten Kunst wieder. Daraus

erklärt sich auch die Geringschätzung, mit der noch Schelling von

der deutschen Gotik als der bloßen rohen,»naturalistischen«Abbildung

der Äste, Zweige, des Laubwerks und der unermeßlichen Krone eines

gleichsam zur Stadt gewordenen Baumes spricht. Das liegt nicht nur an

der klassizistischen Gesinnung, sondern es ziemt hier völlig ehrlich

zu werden und zu bekennen, daß die organische Linie und der vertikale

germanisch gotische Baugedanke zwar nicht dem Bauen als Äußerung, wohl

aber jeder Begrenzung der Vision auf ihre Versinnlichung widerspricht

und wie jeder Stilisierung, so auch jedem lückenlosen Formalismus,

jeder Kunstdefinition der geschlossenen, material-formalen Immanenz,

freilich nur dieser, zum Ärgernis und zur Torheit werden muß. --

[Sidenote: Die Sehnsucht als Substanz.]

Aber man will nichts anderes als sich selber unabgelenkt sehen. Und

dazu hilft, wie wir sagten, aufs Kräftigste schnitzwerkhaft zu denken.

Denn das griechische Leben ist flach und das ägyptische, der begriffene

Stein, ist tot. Aber das innere Leben glüht und stampft. Es treibt

hinüber und macht seine Gestalten verschlungen, winklig, voreinander,

übereinander gestellt und aufgetürmt. Es ist dieselbe Kraft, die sich

in der Lava, dem Bleisturz im kalten Wasser, der Holzmaserung und

zuhöchst in der zuckenden, blutenden, fetzenartigen oder sonderbar

geballten Gestaltung der inneren Organe ausgewirkt hat. Man kennt die

Verschlingungen, Schlangenleiber, Seepferde und einander zugeneigten

Drachenköpfe in der nordischen Linienführung. Sie lassen sich an

Stuhllehnen, friesischen Schranktüren und anderen Bauernmöbeln noch

bis zum Anfang des neunzehnten Jahrhunderts verfolgen, und es gibt

nichts, das sich diesem unheimlichen, fälschlich aus der Verlebendigung

des Anorganischen abgeleiteten Pathos vergleichen ließe. Wenn jetzt

überhaupt noch eine Rettung möglich ist, dann kann sie nicht anders als

durch eine Wiederaufnahme dieser fast völlig vergessenen nordischen

Linien geschehen. Alles, was blühen und üppig werden soll, muß bei den

nordischen Gebilden in die Lehre gehen, und es gibt keinen Wirbel,

keine Ausschweifung und keine baumeisterliche Gewalt mit den tief

organischen Gesetzen dieser Ausschweifung, die nicht mit ihrem Haupt

in der wilden, wolkengesättigten, mit allem Wehenden, musikalisch

Ahnungsvollen und Unendlichen erfüllten Luft dieser nordischen

Organik atmete. Zudem unterliegt es seit Worringers glücklichen und

beziehungsreichen Darstellungen keinem Zweifel, daß hier, in dieser

Bandgeflechts- und Tierornamentik, die nordische Seele, der Weg

und die Heimat der primitiven, expressiven Seele zugleich, ja die

deutsche Renaissance, Barock und Gotik, die heimliche Gotik zugleich

gegeben sind. Darin aber schlägt erst recht das Laubwerk zusammen, der

wunderlichste Zierrat überzieht alle Flächen und beseitigt, überkraust

die Wände, die leere, einfach nur raumschließende Kraft der Wände.

Die griechische Linie traf nichts als das Lebendige in seiner äußeren

Erscheinung, als die jedem sichtbare, geheimnislose, epidermale Organik

und ihren leichten, geschmackvollen, vom inneren beseelten Gleichmaß

her bestimmten Rhythmus. Die ägyptische Linie kennt überhaupt nur

Strenge, und die Sophrosyne wird danach im Umschlag zur Geometrie,

sofern hier im Stein nicht das Fleisch, sondern durchaus nur der

Stein gedacht wird, gemäß dem Geist des Materials, der der Geist der

Wüste oder der alpinen Landschaft und des ungeheuren Totentempels der

anorganischen Natur ist. Dagegen die gotische Linie hat den Herd in

sich; sie ist ruhelos und unheimlich wie ihre Gestalten; die Wülste,

die Schlangen, die Tierköpfe, die Wasserläufe, ein wirres Sich-kreuzen

und Zucken, in dem das Fruchtwasser und die Brutwänne stehen und der

Schoß aller Schmerzen, Wollüste, Geburten und organischen Bilder

zu reden beginnt; nur die nordisch-gotische Linie trägt so das

Zentralfeuer in sich, auf dem sich das tiefste organische und das

tiefste geistliche Wesen zugleich zur Reife bringen. Das ist aber

dem schwachen griechischen Leben so fremd als möglich, und zugleich

das äußerste Gegenspiel zu den Ägyptern als den Meistern des Todes,

als dem Blick, dem Gott noch mehr als Mauer wie als Hand erschien,

als dem Land, in das Josef verkauft worden ist, als dem Geist des

menschenleeren Astralmythos, den die Juden verlassen haben, um die

große Traube aus Kanaan zu sehen. Also nicht die griechische, sondern

die nordisch-gotische Linie ist das vollkommene organische Wesen,

und nur mit ihr im Bunde konnte in allen überstilistischen Zeiten

Ägypten, der konstruierte Stein durchgeschlagen werden, wobei das

Romanische, Byzantinische, Gotische und vielleicht auch, von seiner ihm

ja uneigentlichen Stilhaftigkeit abgesehen, das Barock den steigenden

Triumph dieses organischen Überschäumens über den Kristall darstellt.

Oder vielmehr, wenn man es nur an sich sieht, so ist das Barocke nichts

als der neuzeitlich sentimentale Versuch zum Gotischen, aber wenn man

es als ein noch nicht zu Ende Geführtes, Vorbehaltenes und Apriorisches

wertet, so bildet das Barock eine neue, der Gotik überlegene, gegen

den unbekannten, rein innerlichen Gott, gegen die Sehnsucht als

Substanz und Ziel geöffnete Gegenstandsreihe und Objektivität. --

Mithin: wir können nichts anderes als die endlose Linie wollen, ohne

uns um uns selbst zu betrügen. Der Wald wandert an ihr in die Wüste,

in den Kristall hinein und setzt diesen herab zu einem bloßen, längst

schon ausgeglühten Hilfsmittel. Sie war als nordische Linie ein wirres

Blühen und Drängen aus allem heraus, ohne zu wissen wohin; und ist

erst als gotische Linie insofern zur echten, nicht nur organischen,

sondern organisch-geistlichen Transzendenz abstrakt geworden, als über

ihrer wild aufschwellenden Flut das große, sie ganz determinierende

Gestirn des Menschensohns aufgehen konnte. So scheint uns hier

über allem das Menschengesicht entgegen, Ornament und absoluteste

Abstraktheit zugleich, sofern hier endlich das Ornament und nicht

die Konstruktion transzendental wird, und der Geist des Schnitzwerks

dergestalt statt des bloß Klaren endlich das Warme und Reine, statt

des rein astralischen, von Mensch und Seele entblößten Sonnenumrisses

endlich den Retter, Jesus, den Menschensohn, den Herrn und Führer

des Seelenreichs, zum Prinzip seiner Deduktion gewinnt. In Summa:

der Stoff ist gesprengt, das absolut Formmäßige, Konstruktive ist

abgesetzt, der tiefste, freilich nur der tiefste Gegenstand regiert;

und wenn man nicht dem Holz und der Holzkonstruktion des gotischen

Steins, diesem ganz äußeren, nur erleichternden Vehikel, das nichts

als bequem ist und auf dem nicht mehr wie bei der Steinkonstruktion

Ägyptens der ganze Astralmythos fährt, eine völlig ungebührliche

Bedeutung geben will, noch jenseits der geistreichen, schwierigen, aber

durchaus nur heuristischen Anti-Steinlogik der gotischen Konstruktion:

so wird nicht nur die stilistische, sondern auch die transzendentale

Freude am Werk, an den auch gegenständlich brauchbaren Werkchiffern,

als der prästabilierten Harmonie von Erlebnis, Stoff, Form und

Dingmaterialität verschwinden müssen. Die Sucht nach dem Ausdruck

erläutert gerade die wuchernde, vergewaltigende Ornamentkunst als die

angemessenste Methode, den Menschen, diesen apriorisch aufgegebenen

Gegenstand der gesamten Kunstgeschichte, zu treffen.

* * * * *

[Sidenote: Methodisches.]

Geist der Utopie · 第 1 / 39 段