C. P.

Hoffentlich komme ich endlich nach ~Dar-es-Salaam~! Ich glaube, daß sich

durch Vorbeugungsmittel und vernünftige Vorsichtsmaßregeln viel Unheil

verhüten läßt. Das ist wieder einmal ein schwerer Verlust und wir haben

das Vorwärtsschreiten so nötig! --

Lindi, an Bord der Barawa.

d. 19. August 1887.

In den ersten Tagen dieses Monats schon erfuhren wir, daß die Möwe bei

ihrer, Mitte August anzutretenden Reise ~Dar-es-Salaam~ nicht berühren

würde. Dagegen hatte Seine Hoheit der Sultan seinen Dampfer Barawa

Herrn Dr. Peters abermals zur Verfügung gestellt und zwar zu einer

Besichtigungsfahrt nach den von ihm und Dr. Peters ins Auge gefaßten

zukünftigen Vertragshäfen, von Zanzibar südwärts bis zum Rowuma und

Cap Delgado. Ich war froh, als Herr Dr. Peters sich bereit erklärte,

uns mitsamt unseren Sachen mitzunehmen, um uns auf der Heimreise in

~Dar-es-Salaam~ abzusetzen. Es interessierte mich sehr, die für die

Zukunft unserer Kolonie gewiß in erster Linie wichtigen und auch für

meine besondere Aufgabe in Frage kommenden Hafenorte kennen zu lernen.

Daneben durfte ich von der Ozonluft auf offener See für meine Gefährtin

Bertha eine sehr wünschenswerte Auffrischung ihrer Lebensgeister erwarten.

Wir konnten mit ziemlicher Sicherheit darauf rechnen, bis zu unserem auf

Tag und Stunde voraus bestimmten Eintreffen in ~Dar-es-Salaam~ Quartier

für uns bereit zu finden.

Am Abend des 5. August begaben wir uns begleitet von Baron Gravenreuth und

Herrn Schröder beim Glanz der Sterne nach der Barawa, die am 6. in aller

Frühe abdampfen sollte. Bei unserem ansehnlichen Gepäck befand sich auch

unser Äffchen Hassan, ein langgeschwänzter Nachtaffe Mukki, den ich von

Herrn O'Swald zum Geschenk erhalten, und ein meiner Bertha gehörendes

junges Hündchen, namens August. Auf der Barawa fanden wir den goanesischen

Küchenmeister Seiner Hoheit, mit seinem ganzen Rüstzeug an Eßvorrat,

Silber, Porzellan und braunschwarzen Goa-Kellnern unserer harrend. Außer

uns Deutschen war der Statthalter (Wali) von Kiloa mit drei Frauen und zwei

Sklavinnen an Bord.

Nach etwa sechsunddreißigstündiger ununterbrochener Fahrt, während

welcher der weibliche Teil der Passagiere, Deutsche, Araberinnen und

Suahelidamen unterschiedslos an heftiger Seekrankheit festlag, fuhr die

Barawa in Kiloa Kisuindji ein. Der Wali von Kiloa, ein auffallend großer

Araber mit schönen Zügen und langem, braunen, in zwei Zipfeln bis auf den

Gürtel herabhängenden Bart, hatte während dieser Fahrt nicht nur sehr

eifrig für seine in die, der unseren gegenüber befindlichen Kabine

gepferchten Frauen gesorgt, sondern er bot auch mir und Bertha, sobald wir

uns sehen ließen, Orangen und Konfekt an und versäumte keine Gelegenheit

sich teilnehmend nach meinem Befinden zu erkundigen. Auch seine Hauptfrau,

die Araberin, rief uns »~jambo Bibi, jambo!~« zu und wagte sogar einen

Moment in der offenen Thür meiner Kabine zu erscheinen, um mich zu

begrüßen. Bertha, die sich eher als ich erholte, stattete dafür den

Nachbarinnen einen Besuch ab.

In ~Kiloa Kisuindje~ hatte der Wali sein, Reiseziel erreicht und fuhr mit

unseren Herren, die er im Auftrag des Sultans geleiten mußte, ans Land.

Herr Dr. Peters war begleitet von den Herren Flemming und Baron St. Paul.

Auch hatte sich ihnen Herr Dr. Kling, ein junger deutscher Gelehrter, der

aus dem uneigennützigsten Interesse für die Entwickelung unserer Kolonie

hier einen Aufenthalt macht, angeschlossen. Herr von St. Paul hat die zwei

Jahre seines Hierseins ausgenützt, um die Suahelisprache gründlich zu

studieren. Er gehört zu den wenigen Europäern, die dieses weichklingende

und an Formen reiche Idiom nicht nur verständlich, sondern auch

grammatikalisch richtig sprechen, »ein klassisches Suaheli,« wie Herr

Dr. Peters sich ausdrückt. Baron von St. Paul macht bei wichtigen

Auseinandersetzungen den Dolmetscher bis auf die Fälle, wo zum äußersten

Erstaunen der Bevölkerung Herr Flemming für ihn eintritt. Letzterer hat

sich zwanzig Jahre lang in Indien mit Baumwolle beschäftigt, und ist in

Folge dessen des Hindostanischen mächtig. Da nun an dieser Küste der

Handel in den Händen der Indier und Banjanen ist, so kann es sich unter

Umständen als sehr günstig erweisen, die Sprache dieser Erzschwindler zu

kennen.

Während die Herren am Lande hohe Politik trieben, wurden an Bord

der Barawa in umständlicher Weise die Frauen des Wali sammt ihren

geschmückten Sclavinnen auf eine Dau gebracht, um ans Land zu segeln. Den

besten Platz auf der Dau erhielt die Araberin, die mit ihrer Maske in

feine schwarze Schleier gehüllt zart und vornehm aussah. Sie nickte mir im

Fortfahren immer wieder freundlich zu. Sehr verschieden von ihr waren die

beiden reichgekleideten aber unmaskierten Suahelifrauen. Den schwarzen

Schönen geht es wie unseren Landmädchen. Sie sehen am besten aus in ihrer

Volkstracht, bestehend aus einem oft in malerische Falten drapierten bunten

Tuch, das dicht unter den Schultern befestigt, Hals und Arme freiläßt,

während es den Körper eng umschließt und bis auf die Knöchel

herabfällt. Ein trauriges Verdienst haben sich dabei freilich die

Engländer erworben, indem sie als speculative Kaufleute, um dem

ungebildeten Geschmack der Negerinnen möglichst entgegenzukommen, die

denkbar geschmacklosesten, haarsträubend häßlichen Muster für deren

Kleiderstoffe eingeführt haben. Sind die Suahelifrauen dagegen europäisch

gekleidet, oder wie die Weiber des Wali von ~Kiloa~ in arabischem Putz, so

sind sie meist ein lächerlicher Anblick.

Da Wind und Strömung dem Landen ungünstig waren, verzichtete ich auf

Herrn Elson's, des Kapitäns, Rat darauf, die Barawa zu verlassen. Am

Morgen des zehnten August dampften wir weiter, und fuhren schon gegen

Mittag in die reizende Bucht von ~Kiloa Kisuani~. Baron St. Paul,

Dr. Kling und ich versuchten vom Schiffe aus die Küste, deren waldige

Ufer sich rechts und links wie Kulissen voreinander schoben, zu scizzieren;

aber da der Wind unser Schiff an der Ankerkette in fortwährender Drehung

erhielt, unser Modell sich also beständig verschob, wollte das Zeichnen

nicht recht gelingen. Daß der Mitwelt dadurch ein bedeutender Verlust

geworden, glaube ich nicht, unbeschadet der Achtung, die ich vor den

Talenten meiner verehrten Reisegefährten habe, denn unmöglich kann die

beste Bleistiftzeichnung eine Landschaft wiedergeben, deren Zauber fast

ausschließlich in Farbe und Licht besteht. Das Meer im Vordergrunde,

kleine Inselchen mit blendend grünem Mangrovedickicht bewachsen, waldige

Landzungen, ferne Berge und darüber der reine Himmel, alles blau in blau

harmonisch abgestimmt, vor uns im Sonnenglanz blitzend die beständige

Bewegung des ruhelosen Wassers, das war ein ebenso eigenartiges als

entzückendes Landschaftsbild. Herr Dr. Peters hatte sich, sowie wir vor

Anker lagen mit Herrn Flemming an Land begeben, um das Terrain dort auf

seine Brauchbarkeit für Tabacks- und Baumwollenplantagen zu prüfen. Wir

Anderen fuhren erst später an Land, um uns umzusehen. Wir landeten an

einer halbzerfallenen Burgfeste aus der Portugiesenzeit, die mit ihren

Türmen und Thoren ganz mittelalterlich auf einem Felsen am Meere

steht. Während wir die malerische Ruine von allen Seiten betrachteten,

photographierten und scizzierten, versammelten sich die Dorfbewohner um

uns, und ich fand mich plötzlich ganz umringt von den Mädchen des Ortes.

Ich hatte eine gelbe Blume abgepflückt. Die jungen Mädchen, die sich

ersichtlich bewogen fühlten die ~Honeurs~ ihrer Küste zu machen,

bedeuteten mir durch Worte und Zeichen, ich möchte die Blume fortwerfen.

Dieselbe sei nichts wert, denn sie habe keinen Duft. Sie gaben mir dafür

einige süßduftende aber stiellose Jasminblüten.

Während wir uns noch lebhaft unterhielten, traten aus einem

geschlängelten, in Gesträuch versteckten Seitenpfad Herr Dr. Peters und

Herr Flemming, gefolgt von schwarzen Jünglingen und Knaben, die in Körben

oder auf den Köpfen Proben von Gestein und Erde trugen. Nachdem wir uns

lachend begrüßt, gingen wir jedoch wieder in verschiedenen Richtungen

auseinander. Während Herr Dr. Peters und Herr Flemming mit ihren Gefolgen

ihren Rundgang im Geschwindschritt fortsetzten, durchschritten wir Anderen,

nämlich Herr Kapitän Elson, Herr Dr. Kling, Baron v. St. Paul, meine

Gefährtin und ich das Negerdorf. Dabei gaben uns die gesamten schwarzen

Jungfrauen, sowie eine Menge Knaben und kleiner Mädchen das Geleite. Ein

junges Mädchen hatte sich mir besonders angeschlossen und wich mir von

Anfang an nicht von der Seite. Wir sahen wilde Baumwollstauden und Bananen,

vor allem aber freute uns der Viehreichtum. Auf einer schlammbedeckten

Niederung am Meere, die zur Regenzeit jedenfalls unter Wasser steht,

weidete eine große Rinderherde. Auf den Ruinen kletterten Ziegen wie

Gemsen zwischen Felsblöcken und Trümmern und in den bambusumzäunten

Höfen trieben Büffelkälber und Schafe ihr Wesen, nicht zu vergessen des

Federviehs.

Überaus befriedigt von unseren Entdeckungen kehrten wir nach

Sonnenuntergang auf unsere Barawa zurück, wohin auch eine halbe Stunde

später die unermüdlichen Herren Dr. Peters und Flemming gerudert kamen.

Man hatte »rote Erde mit Humus vermischt auf Kalk lagernd« vorgefunden,

der Mtama und Baumwolle trug.

Am folgenden Morgen in aller Frühe segelten Herr Dr. Peters und Herr

Flemming in die kanalartigen Arme eines in den Hafen von Kiloa Kisuani

(= Kiloa auf der Insel) mündenden Flusses, um das Bergland nach Norden zu

besichtigen. Auch hofften sie dabei Nilpferde zu erlegen.

Uns ging es indessen wie gestern. Schon am Strande begrüßte uns die Schar

der Mädchen und Frauen, die heute noch vollzähliger erschienen waren.

Meine besondere Freundin, sie nannte mir als ihren Namen »Mawua«,

entfernte sich eilends und kam zurück mit einem an Zwirn aufgenähten

dichten Kranz von Jasminblüten, den sie mir mit einem wirklich reizenden

Lächeln einhändigte. Das Mädchen interessierte mich und gefiel mir. Sie

schien im Dorfe eine Rolle zu spielen, grade wie man es überall findet,

wo ein hervorragend selbstbewußtes und eigenartiges Individuum auftritt.

Mawua hatte etwas Überlegenes, im Verkehr mit den Männern geradezu

Stolzes an sich. Dabei war sie, obwohl sie mir auch heute beharrlich zur

Seite blieb, weder zudringlich noch geräuschvoll. Sie bewachte meine

Bewegungen mit der Aufmerksamkeit eines klugen Hundes und gab sich

sichtlich große Mühe mein gebrochenes Suaheli zu verstehen. Übrigens ist

dies der einzige Fall, in dem mir wirkliche Intelligenz bei einer Negerin

in diesem Landstrich bis jetzt vorgekommen ist.

In dem grünüberwucherten Burghof einer riesigen portugiesischen

Schloßruine lagerten wir uns um den Rand einer Cisterne. Baron

St. Pauls Diener, Mbaruku, dessen stolze Livree in einem zerrissenen

Winterüberzieher seines Herrn besteht, hatte Mundvorräte mitgebracht und

wir ließen uns das Frühstück schmecken. Die Schwarzen, die uns in immer

größer werdenden Haufen umstanden und stillvergnügt zusahen, erhielten

die leeren Bierflaschen zum Geschenk. Meiner liebenswürdigen Freundin

versprach ich aber ein »~sawadi nsuri~« (schönes Geschenk), und brachte

ihr, als wir uns Nachmittags wieder ans Land begaben, einen mir aus

Berlin geschickten Fächer mit, der eine komplizierte Mechanik zum

Auseinanderklappen und lange rosa Atlasschleifen hatte. Die schwarze Dame

nahm nach Art ihres Volkes diesen in Kiloa noch nie dagewesenen Gegenstand

mit feierlichem Ernst entgegen und blieb, während die Gefährtinnen sie

neugierig umringten, den ganzen Nachmittag in ernst gehobener Stimmung.

Während ich in den gestrüppüberwucherten Hallen einer uralten Moschee

zeichnete, von andächtigen Zuschauern, die übrigens von der wackeren

Mawua stets in einer gemessenen Entfernung gehalten wurden, umstanden,

ging Bertha mit der gleichfalls intelligenten Schwester der Mawua nach der

Lagune und ließ dort eine der Büffelkühe melken. Triumphierend brachte

sie dann die frische, fette Milch in einer Porzellanschale. Das schmeckte

einmal! Lange hatte uns kein Trunk gemundet wie dieser.

Später als gestern begaben wir uns auf das Schiff zurück. Es dunkelte

bereits und die Sterne flammten auf, aber von dem Segel unserer

Kibokojäger ließ sich nichts sehen. Statt wie sonst um sieben Uhr zu

dinieren, setzten wir uns in den kleinen Schiffssalon, und einer unserer

Schwarzen hockte auf dem Fußboden vor uns und drehte unausgesetzt

den mitgenommenen schadhaften Leierkasten, während Herr von St. Paul

erbauliche Betrachtungen über das Gemütsleben einiger über unseren

Häuptern balancierenden Kockerutschen anstellte. Es wurde darüber acht

und halb neun. Wir mußten in Rücksicht auf unseren gediegenen Hunger

das Warten aufgegeben und begaben uns schließlich, um unsere Touristen

ernstlich besorgt, zur Ruhe. Gegen zwei Uhr Nachts jedoch wurden wir durch

die kräftige Stimme des Herrn Dr. Peters aus dem Schlaf gerüttelt.

Er war dabei, den verschlafenen Goanesen Anordnungen in Betreff eines

Nachtessens zu erteilen. Beruhigt und froh versammelten wir uns noch einmal

in dem Eßzimmer und nahmen den Bericht der Herumstreicher entgegen. Die

Herren waren erschöpft und hungrig. Dr. Peters hatte seit zwölf Stunden

ununterbrochen das Steuer in der Hand gehabt, aber das Segeln und Kreuzen

in den mangroveumstandenen, sumpfigen Flußarmen war äußerst beschwerlich

gewesen.

Am frühen Morgen dampften wir weiter. Ich bin leider immer krank so lange

wir fahren und verlasse meine Koje erst, wenn der Anker geworfen wird. Wir

langten übrigens schon Mittags in Kiswere an, dessen schöne Bucht von

mehreren größeren Dörfern umgeben ist. Als ich an Deck kam, waren

die Herren alle schon fort, doch hatte uns Herr Dr. Peters zu etwaiger

Bedeckung zwei Diener dagelassen. Wir begaben uns unter dem Schutze des

Ober-Ingenieurs, Herrn Ungemach, an das Ufer, und kletterten durch wilde

Waldung und Steppengras den Hügel hinan, der sich dicht am Meer ziemlich

steil erhebt. Obwohl wir durch Gras von mehr als zweifacher Mannshöhe

schritten, und uns oft nur mühsam aus der Umklammerung der Dornen und

Lianen befreiten, kam uns weder eine Schlange noch sonstiges tropisches

Ungeziefer in den Weg. Wir erfreuten uns dagegen an dem Gurren wilder

Tauben und dem Zirpen der Grillen, Laute, die an die Heimat erinnerten. Um

uns her wucherten die baumhohen Ähren der Negerhirse, dazwischen blühende

Baumwollsträucher, kandelaberähnliche Kakteen, Ricinus mit seinen

eleganten Blättern, feingefiederte Akazien, Gummibäume und dichte

Aloegruppen. Hier und da starrte uns auch der elephantenähnliche Koloß

eines tausendjährigen Affenbrodbaums entgegen. Die Sonne war noch hoch und

die Hitze machte sich sehr bemerklich. Dafür trugen die Diener kühlendes

Bier sowie Brot, Büchsenbutter und Metwurst hinter uns her. Bei den

nächsten Hütten, die wir erreichten, machten wir Halt. Der Herr der

kleinen Niederlassung, ein Araber, ließ uns sofort eine Kitanda*)

herbeitragen und seine beste Matte darüber breiten. So setzten wir uns in

den Schatten seines Vordachs und freuten uns des köstlichen Mahles. Unter

dem Vordach des Frauenhauses standen die schwarzen Gemahlinnen mit den

Kleinen auf den Armen. Uns dicht gegenüber hatte der Herr des Hauses Platz

genommen nebst seinem Freunde, einem Kleiderkünstler; hinter ihnen standen

die Sklaven. Alle sahen uns schweigend zu und wir versuchten mit dem

Gastfreund eine Unterhaltung in Suaheli zu führen, was auch ziemlich

gelang. Der erwähnte Kleiderkünstler bestickte eine rot und weiß

karrierte Jacke mit kunstreichen Stichen in weißer Baumwolle. Als wir

aufbrachen, gaben uns die Schwarzen, wie gewöhnlich, das Geleit bis zu

dem Boot. Unsere Ruderer waren diesmal Herrn Ungemach's Maschinisten,

ein indisches Brüderpaar, mit weichlichen Zügen und den feuchten,

schmachtenden Augen dieses Volkes. Sie trugen uns zu Ehren ihre besten

weißen Anzüge und golddurchwirkte Käppchen auf dem dunklen Haar. Die

beiden schwarzen Diener, die uns Dr. Peters zur Verfügung gestellt,

bildeten in ihren hellblauen silberverschnürten Jacken und roten Mützen

zu jenen den vollendetsten Gegensatz.

*)Kitanden sind die geflochtenen Negerbettstellen, die gelegentlich

auch zum Sitz oder Feldtisch der Europäer dienen müssen.

Am folgenden Tage hielten wir in der Mchinga-Bay. Herr Dr. Peters fragte,

ob es mich nicht interessieren würde, einmal mit anzusehen, wie die

angesessenen Araber die Ankündigung der deutschen Verwaltung aufnähmen.

Ich bejahte natürlich und kletterte schleunigst die schwankende

Schiffstreppe hinab in den bereits gefüllten Kahn, um die Herren über

die hochgehenden Wogen an's Ufer zu begleiten. Der Himmel war mit schwarzem

Gewölk umzogen, die Landschaft erschien fahl und düster. Geleitet von dem

arabischen Offizier der Barawa, begaben wir uns ungesäumt nach dem Hause

des Wali. Zu beschaulichen Reflexionen und gemütlichen Unterhaltungen

kommt es nicht, wenn Dr. Peters führt. Dieser geniale Mann scheint nur

rastlos vorwärts eilen zu können, ohne Rücksicht auf das, was rechts und

links vom Wege sich bieten mag:

»Der eignen Bahn

nachgehend grad' und unverrückt.«

Der Wali von Mchinga, ein ehrwürdiger Greis mit langem weißen Barte und

edlen Zügen, empfing uns mit den üblichen Begrüßungsformen und ließ

Kitanden in seine Vorhalle bringen, auf denen wir mit ernster Würde

Platz nahmen. Dann begann das Pourparler. Herr Dr. Peters, dessen Gesicht

während der ganzen Verhandlung unerschütterlichsten Ernst zur Schau trug,

wandte sich in deutscher Sprache mit ungefähr folgenden Worten an Baron

St. Paul: »Unser Freund, der Sultan Bargash ben Said wird uns laut

Vertrag seine Rechte und Befugnisse, was die Verwaltung dieses Hafens

anbetrifft, überlassen. Du wirst in Zukunft also mir und denen, die ich

Dir hierher sende, zu gehorchen haben.«

Baron St. Paul übertrug diese Worte in's Kisuaheli und der Offizier des

Sultans wiederum in's Arabische. Der alte Herr folgte den Sprechern der

Reihe nach mit aufmerksamen Blicken. Dabei nahmen die großen Augen unter

den geschwungenen Brauen mehr und mehr den Ausdruck der Angst an. Die

arabische Übertragung des Barawa-Offiziers nahm, verziert durch die

gebräuchlichen Redeblumen, mindestens dreimal die Zeit des deutschen

Wortlauts in Anspruch. Dann sagte der ehrwürdige Wali: »Hast Du

ausgeredet?« Der Offizier antwortete: »Ich habe geredet.« Nun begann

erst der Alte seine Erwiderung: »Sage Deinem Herrn, ich sei der _Mann_ des

Sejid, nicht sein Sklave. Die Freunde des Sejid seien auch meine Freunde

und ich werde ihre Worte so hoch halten, wie die des Sejid selbst.«

Herr Dr. Peters ließ ihm versichern, er sei ein Freund aller Araber, also

auch der seinige. Er würde ihn deshalb in keiner Weise schädigen, oder

sich Rechte nehmen, die ihm nicht zukämen. Er sei weit davon entfernt,

in ihm, dem Wali, einem Sklaven zu sehen, mit dessen Eigentum man nach

Belieben schalten könne, vielmehr achte er in ihm einen treuen Beamten des

Sejid (Seyd = Herrscher) Bargash bin Said, seines Freundes, und er hoffe

nur, daß der Wali ihm und den deutschen Herren ebenso redlich dienen

werde, wie er es dem Sultan gethan.

Der Alte sah tief ergriffen aus. Das Neue der Situation schien ihn zu

überwältigen. Indessen erneuerte er die Versicherungen seiner gänzlichen

Ergebenheit und war sofort bereit, der Aufforderung des Herrn Dr. Peters

Folge zu leisten und uns das umliegende Ackerland zu zeigen. Wir erhoben

uns also und zogen geleitet von dem Wali und von seinen Leuten gefolgt

in langem Zuge nach den Feldern. Die freundlich gesinnten, zutraulichen

Schwarzen beeiferten sich mir die nach _ihrem_ Geschmack schönsten Blumen

abzubrechen, während wir im Geschwindschritt eine Niederung am Fuße

bewaldeter Hügel durchwanderten. Die Herren ließen hier und da Erde

umgraben, um Proben mitzunehmen. Dies Vornehmen umstanden die Schwarzen

stets mit ehrerbietiger Scheu. Sie mochten eine symbolische Handlung

darin sehen. Dem alten Wali traten Thränen in die Augen, so daß Herr

Dr. Peters sich veranlaßt sah, ihm wieder und wieder zu versichern, falls

die Deutschen sich hier anbauen sollten, würden sie kein Stückchen Land

in Besitz nehmen, das der betreffende Eigentümer nicht herzugeben willig

sei. Herr Flemming untersuchte die Qualität der in zahlreichen Büschen

wild wachsenden Baumwolle, die sich wie feine weiße Watte aus den

abgewelkten Blüten ziehen ließ. Dabei regnete es.

Als wir endlich, die meisten von uns recht ermüdet, an den Strand

zurückkehrten, hatten sich die Wolken zerteilt, und die sinkende Sonne

zauberte Farben von ganz eigentümlicher Schönheit an den westlichen

Himmel, über welchem in seinem stillen und reinen Glanze der Abendstern

erschien. Eine ganze Weile standen wir in Anschauen versunken schweigend am

Strande, während das von der Barawa für uns ausgesandte Boot sich

mühsam durch die Sturzwellen der Brandung arbeitete. Auf den Schultern der

Schwarzen gelangten wir endlich in das schwankende Fahrzeug und es dunkelte

stark, als wir die Schiffstreppe hinanstiegen.

Am folgenden Tage gelangten wir in den vielgepriesenen Hafen von Lindi. Die

Formen der Küste und der waldigen Berge rings um die tiefeinschneidende

Bucht bieten allerdings ein schönes Landschaftsbild. Es ist nur tot, denn

»das Gebild von Menschenhand« fehlt. Dem Menschen hat es Gott verliehen,

der schönen Natur den Stempel seines bewußt strebenden Geistes

aufzudrücken; das drängt sich dem Beschauer dieser ostafrikanischen

Landschaften immer wieder auf. Sie tragen Reichtum und blühendes Leben

in sich verschlossen und scheinen erwartungsvoll dem Herrn der Erde

entgegenzusehen, daß er die edlen Keime aus dem lange Schlaf erwecke und

an's Licht ziehe.

In die Bucht mündet ein breiter Fluß, der Lindi oder Mtale, der

zahlreiche Arme in die Wildnis an seinen Ufern entsendet und in schön

gewundener Linie eine Reihe waldiger Bergkuppen durchbricht. Man erinnert

sich an den Rhein zwischen Bonn und Koblenz, an das Siebengebirge. Aber es

fehlen eben die Städte und Burgen, die Kirchlein und freundlichen Villen.

Hier herrscht noch die Einsamkeit. Weißköpfige Flußadler sitzen auf

den knorrigen Strünken am Ufer und der gellende Schrei eines wilden Affen

tönt von Zeit zu Zeit durch die Wildnis.

Der Wali von Lindi, ein Greis mit blöden Augen und einem

Spitzbubengesicht, bewohnt die Ruine eines portugiesischen Forts. Ein

Kanonenrohr aus alter Zeit steht dräuend vor dem Portale aufgepflanzt.

Der Salon des Alten in den halbverfallenen Bogenhallen schien mir direkt

in einen der mittelalterlichen Romane Walter Scott's zu gehören. Kostbare

Waffen schmücken die Wände. Auf den Gesimsen der Wandpfeiler lag der

Koran und der sonstige Bücherschatz des Hausherrn. Auf der Erde hockten

junge Asikari, (= Soldaten des Sultans), malerisch gekleidet, reich

bewaffnet und von meist edlem Gesichtsschnitt. In der dunklen Halle, die

durch Säulen und Bogen von dem luftigeren Hauptraume getrennt war, brannte

ein Holzfeuerchen, um welches einige Schwarze beschäftigt waren. Der

listig dreinschauende Wali ließ uns Kokosnüsse bringen, »Madafu«,

deren Saft wir austranken. Er ließ uns dann durch einen jungen Sohn in dem

weiten Gemäuer, das übrigens nichts Interessantes mehr bot, umherführen.

Auf der dem Orte Lindi gegenüberliegenden Seite der Bucht gehen wir mit

Vorliebe spazieren. Zerrissene Felsblöcke von den barocksten Formen, in

die das Wasser tausende von Rinnen und Becken gewaschen hat, bedecken den

Strand. Unmittelbar hinter ihnen steigt der bewaldete Hügel auf. Herr

Dr. Kling scizzierte, und Bertha machte, während sie zwischen dem wilden

Gestein Muscheln suchte, zum erstenmal die Bekanntschaft einer Schlange,

die sich indessen in ihrem Felsloch in Gesellschaft kleinerer Eidechsen

liegend, ganz passiv verhielt. Herr von St. Paul und ich klommen,

begleitet von Mbaruku den Hügel hinan. Wir arbeiteten uns tapfer durch

das Gestrüpp, den Spuren der Nilpferde nachgehend, die durch das mannshohe

Gras ganz gangbare Pfade getrampelt hatten. Auch Raubtierspuren zeigte mir

der Baron und Löcher, die eine Hyäne gescharrt hatte. Wir kletterten

in eine tiefe und enge Schlucht hinunter, durch welche den wilden

Gesteinmassen nach, zur Regenzeit ein starkes Wasser in Kaskaden stürzen

muß. Hier herrschte erquickende Kühle und tiefer Waldesschatten. Die

Schlucht war von uralten Bäumen und Schlingpflanzen völlig überdacht.

Mbaruku im langen Winterpaletot, der stets den photographischen Apparat

hinter seinem Herrn herträgt, mußte denselben aufstellen, und Baron von

St. Paul versuchte zu photographieren. Aber es fehlte an Licht, und war

ein gar zu wildes Durcheinander von Laubwerk und Gestein. Mbaruku entstammt

dem Innern. Als Baron St. Paul seine Station Madimola verließ, lief ihm

dieser Schwarze nebst einem Dutzend seiner Stammesgenossen nach Bagamoyo

nach und sie flehten ihn an, sie in seinen Diensten zu behalten. »Bana

St. Paul« steht bei den Schwarzen in dem Ruf ein »sehr guter Herr«

zu sein. Mbaruku folgt ihm wie ein treuer Hund und sein grundhäßliches

Angesicht strahlt beständig im Glanze inniger Glückseligkeit. Nebenbei

gesagt, ist Herr von St. Paul auch unter den Europäern rühmlichst

bekannt durch seinen unverwüstlichen Humor und seine unerschütterliche

Gemütsruhe.

Wir versuchten in unserer Schlucht weiter zu gehen, aber die Lianen

umklammerten uns, Dornen hakten sich in mein dünnes Kleid und Äste

verbarrikadierten uns den Weg, so daß wir wieder die ziemlich steile

Wand zum Tageslicht emporkletterten. Als wir den Gipfel des Berghanges

erreichten, lagen Hafen und Flußthal als herrliches Panorama uns zu

Füßen. Freilich strahlte dort oben auch die Mittagssonne eine solche

Glut aus, daß meine Phantasie sich lebhaft mit der Eventualität eines

Hitzschlags zu beschäftigen begann. Eilends suchten wir trotz der schönen

Aussicht wieder den Schutz des Dickichts.

Am Abend desselben Tages entdeckten wir während des gemeinsamen

Spaziergangs eine Quelle, die in einer dichten Wildnis von Papyrus

glucksend und murmelnd zu Thale lief und ganz nahe dem Meere von den

Landleuten in einer gemauerten Rinne gefaßt und in ein größeres

Steinbecken geleitet worden war. Wir tranken aus Kokosnußschalen von dem

Wasser und fanden es zwar sehr weich aber rein von Geschmack. Schwarze

Männer waren, auf dem Rande des Bassins stehend, mit Waschen ihrer

Kleidungsstücke beschäftigt. Vor uns stand ein kleines Steinhaus, umgeben

von einer Gruppe hoher Kokosnußpalmen. Vom Meere war es nur durch eine mit

leuchtend grünen Mangroven bedeckte Lagune getrennt.

Wir hatten uns vorgenommen dem Lauf der Quelle nachzugehen und führten

dies am Nachmittag des folgenden Tages aus. Auf schmalen Waldpfaden

gingen wir bergan, immer dem Quell entlang und kamen an ein noch im Bau

begriffenes Dorf in einem prachtvollen Hain uralter Kokospalmen auf der

Berghalde gelegen. Die Dorfbewohner schleppten uns sogleich ihre Kitanden

herbei, dann wurde eine der Palmen erstiegen und wir erhielten frisch vom

Baum gepflückte Nüsse, die wir mit Behagen austranken. Die Leute dieses

Dorfes, dessen Hütten zum Teil erst als geschickt geflochtenes Gerüst

standen, waren eifrig bei der Arbeit und unterbrachen diese nicht einmal,

um uns anzugaffen. Ein Mann spann Baumwolle. Er ging dabei umher und drehte

die Spindel, wie man es auf Bildwerken der alten Griechen sieht. Andere

schnitzten oder schälten Stäbe zum Hüttenbau, oder banden das lange

strohartige Gras, das sie zum Dachdecken brauchen, in Garben.

Ich bin überzeugt, daß die vielbeklagte Trägheit der Schwarzen nicht

Anlage ist, sondern Gewohnheit. Dafür spricht einmal ihre Beweglichkeit,

die Geschmeidigkeit der Gliedmaßen und die geschickten Bewegungen, dann

auch der allgemein anerkannte Umstand, daß die _Kinder_ fleißig und

tüchtig sind. Die Schwarzen arbeiten eben nicht, so lange sie es

nicht nötig haben, und das ist einfach gesunder Menschenverstand. Der

Naturanlage nach scheinen mir die weichlichen, zur Fettsucht neigenden

Indier weit träger zu sein als die Schwarzen.

Herr Dr. Peters hat mit Herrn Flemming, den Dienern und einigen Pagazi

eine Expedition den Fluß hinauf unternommen, zur Besichtigung des

Hinterlandes. Vorgestern sind die Herren in einer gemieteten Dau den Mtale

hinaufgesegelt. Baron von St. Paul und Herr Dr. Kling, die sich gern

der Expedition angeschlossen hätten, durften aus Rücksicht auf ihre

angegriffene Gesundheit gegenwärtig nicht wagen, sich den unvermeidlichen

Strapazen einer solchen Tour auszusetzen. Während gestern unsere

Barawa-Bote den ganzen Tag damit zu thun hatten, Quellwasser an Bord zu

schaffen, mietete Herr Dr. Kling in Lindi eine Dau und wir segelten mit

vollem Winde in die Flußmündung hinein. Nachdem wir so etwa eine Stunde

lang gefahren waren, landeten wir bei der schloßartigen Besitzung eines

reichen Arabers. Dieser hat seinen Komplex von hübschen Steinhäusern mit

einem undurchdringlichen Dornenwall umgeben auf den drei nicht durch den

Fluß geschützten Seiten. An den äußersten Ecken dieses Walles hat er

(oder einer seiner Ahnen) mit Zinnen gekrönte Türme gebaut, teils rund,

teil viereckig. Durch diese führen Thorwege. Vor dem Wohnhause

befindet sich ein schöner sauberer Platz, eine Art Gartenterrasse

mit schattenspendenden Bäumen bestanden. Unter den Bäumen steht eine

überdachte Gartenhalle, zu deren etwas erhöhtem Boden Treppenstufen

führen. Dort saß der Burgherr mit gekreuzten Beinen. Vor ihm lag auf

perlmuttereingelegtem Gestell ein Foliant in rotem Ledereinband,

vermutlich der Koran. Neben sich auf der Matte hatte er einen mit indischem

Schnitzwerk verzierten Kasten stehen mit Schreibtischeinrichtung; den

Schlüssel dazu trug er an einer Kette um den Hals. Während er uns, -- wir

waren auf Sitze in selbiger Halle genötigt worden, -- nach Landesbrauch

Kokosnuswasser reichen ließ, schloß er seine Schatulle mehrmals auf, nahm

zusammengefaltete Papiere heraus, die er auseinanderbreitete, mit wichtiger

Miene betrachtete und an ihren Platz zurücklegte. Wahrscheinlich waren

es Briefe und der Burgherr wollte uns durch das Lesen derselben auf seine

Bildung aufmerksam machen.

Eigentlich hatte es garnicht in unserer Absicht gelegen, den alten Herrn zu

besuchen, aber er kam uns, sobald wir landeten, an das Ufer entgegengeeilt

und nötigte uns zu sich hinauf. Auch bei der Abfahrt gab er uns mit seinem

ganzen Gefolge das Geleit. Stattlich sah er aus, unter seinen zahlreichen

Kindern, Sklavinnen und Dienern stehend mit langem weißen Gewande,

gelblichweißem wallenden Bart, buntem Turban und den Herrscherstab in der

Hand -- ein ostafrikanischer Landedelmann.

Unsere Rückfahrt dauerte, da wir diesmal keinen Wind zum Segeln hatten,

volle drei Stunden. Vier Schwarze aus Lindi, die außer dem Schurz nicht

durch Kleidung beschwert waren, ruderten, begleitet und angefeuert von

dem rhythmischen Geheul ihrer originellen Wechselgesänge; die ganze Fahrt

über plärrten sie ohne Unterbrechung, so daß ich die Leistungsfähigkeit

ihrer Lungen anstaunte. Ich durfte steuern, saß oben auf dem erhöhten

Hinterdeck der Dau und konnte mir einbilden, das schwerfällige Fahrzeug

mit seinen vierzehn Insassen nach meinem Belieben zu lenken. Dabei geriet

ich aber bald rechts bald links den Mangroven zu nahe und fuhr schließlich

im Hafen auf eine der heimtückisch lauernden Korallenbänke. Zum Glück

kamen wir, ohne Schiffbruch zu erleiden, wieder los. Schön war es, als

bei einbrechender Nacht das Meerwasser am Kiel und unter den Rudern

phosphoreszierte.

Rowuma-Bai, d. 23. August 1887.

Wir sind am Ziel der Fahrt nach Süden angelangt. Rasch will ich diesem

Bericht noch einige Zeilen hinzufügen, denn so lange das Schiff in

Bewegung ist, vermag ich nicht einmal zu lesen, geschweige denn zu

schreiben. Morgen früh aber werden die Anker gelichtet und wir fahren vor

dem Winde direkt nach ~Dar-es-Salaam~.

Sobald Herr Dr. Peters von seiner Expedition landeinwärts zurückgekehrt,

verließen wir die liebliche Bucht von Lindi. Am Morgen vor unserer

Abfahrt kam ein kranker Indier an Bord und bat uns ihn zu heilen, denn die

Nachricht, daß wir uns hiermit befaßten, war mit bekannter Schnelligkeit

uns vorausgeeilt. Kaum hatte ich den Fuß auf festen Grund gesetzt, so

brachte man mir Patienten. Am lebhaftesten war der Andrang in dem schönen

Hafenorte Mikindani, vor dem wir vorgestern ankerten. Wir hatten dort

in Gesellschaft der Herren einen weiten Weg durch parkartige, in der

üppigsten Vegetation prangende Landschaft gemacht, hatten aber vor jenen

an den Landungsplatz zurückkehren müssen, da wir sehr müde geworden

waren. Während wir nun in der Nähe unseres Bootes unter dem Schutz zweier

Diener die Herren erwarteten, brachte man kranke Kinder herbeigeschleppt;

Männer mit schlimmen Fußübeln kamen gehinkt und gekrochen, ein älterer

Araber wollte sogar von seinem Magenleiden befreit werden. Wir gaben

allen Rat, den wir wußten und verordneten nach der Schwierigkeit feuchte

Umschläge, Waschungen und Abreibungen. Man kann hier wirklich sagen:

»Es ist ihr ewig Weh und ach,

So tausendfach,

Aus einem Punkte zu kurieren.«

Der eine Punkt ist: Wasser. Diejenigen, die untersucht und verbunden werden

konnten, bestellten wir nach der Barawa. Da kam denn am andern Morgen in

aller Frühe eine ganze Bootsladung voll Patienten, so daß wir in dem

kleinen Schiffssalon eine Art Klinik einrichteten, allerdings zum geringen

Vergnügen der Herren. Bertha war so beglückt, einmal wieder nach

Herzenslust ihres Amtes walten zu können, daß sie es mir beinahe

verargte, wenn ich die Behandlung des einen oder anderen Patienten für

mich beanspruchte. Hoffentlich hilft den Leuten ihr Glaube. Unsere stets

wiederholten Ermahnungen, sich etwas mehr der Reinlichkeit zu befleißigen,

werden der Macht der Gewohnheit gegenüber kaum von Wirkung sein.

Heute haben Herr Dr. Peters und Herr v. St. Paul ein gefährliches

Experiment gemacht, nämlich die Einfahrt in den Rowuma »forciert«, noch

dazu mit dem kleinen Barawa-Boot, das einen ganz flachen Kiel hat. Der

jähe Übergang von einer bedeutenden Meerestiefe unmittelbar vor der

Flußmündung zu der geringen Tiefe des durch Schutt und Sandbänke

verbarrikadierten Flusses verursacht, wie der »African Pilot« sagt, sehr

gefährliche Brecher und dadurch eine Brandung, die einem Boote nur unter

bestimmten günstigen Bedingungen von Wind und Strömung die Durchfahrt

möglich machen. Da wir das tragische Ende des Lieutenant Günther in

der Jub-Mündung noch in frischer Erinnerung hatten, sahen wir

Zurückbleibenden die kühnen Männer nicht ohne die ernsteste Besorgnis

hinausfahren. Als das kleine weiße Boot in dem dunstigen Morgen

verschwand, fürchteten wir schon, seine Insassen zum letzten Mal gesehen

zu haben. Um so größer war die Freude, als sie schon gegen ein Uhr

Mittags wohlbehalten und in bester Stimmung zurückkehrten. Sie hatten

die gefährliche Brandung beide Male sehr glücklich überwunden und waren

fünf Seemeilen landeinwärts gesegelt. Dabei hatten sie zahlreiche Kibokos

getroffen und Baron St. Paul konnte garnicht genug die Schönheit der

durchfahrenen Landschaft rühmen.

~Dar-es-Salaam~, d. 27. August 1887.

Gestern Abend um elf Uhr nahmen Bertha und ich auf der Barawa Abschied von

den Reisegefährten und begaben uns unter des Stationschefs Schutz an Land.

Hier begrüßte uns ein fürchterlicher Lärm, denn auf Anregung Herrn

Leues hatten die Einwohner zu Ehren des deutschen Besuchs eine große

»~ngoma~« (Musik und Tanz) veranstaltet. Solch eine ~ngoma~ organisirt

sich folgendermaßen: Wer ein Musikinstrument spielt, sei es Trommel,

Pfeife, Kuhhorn oder auch nur eine Art von Castagnetten, der stellt sich

irgendwo auf der Gemeindewiese hin, allein oder mit seinem Freund und

beginnt seine lockende Weise. So sehr primitiv diese ist, so zieht sie doch

die Bevölkerung an wie die Flöte des Rattenfängers von Hameln. Es dauert

nicht zehn Minuten, so hat sich um den Künstler ein Kreis gebildet, der

lavinenartig anwächst. Wird er stattlich genug befunden, so

beginnen einzelne den volkstümlichen Tanz, der mit seinem Vor- und

Rückwärtshüpfen, Chassieren, ~compliments aux dames~ etc. entfernte

Verwandtschaft mit unserer Française zu haben scheint. Wir blieben

bei einem jeden solchen Tanzkreis, an welchem unser Weg vorbeiführte,

pflichtschuldig stehen, um unsere wohlwollende Anerkennung kund zu geben.

Dadurch fühlten sich Tänzer, Musiker und Publikum sehr geehrt und der

Volkshaufe wuchs während unserer Anwesenheit noch mehr. Es ist nicht zu

beschreiben, wie eitel, kokett und lächerlich die schwarzen Tänzerinnen

herumschwänzeln. Das beste aber erwartete uns noch. Vor dem Hause des

Wali hatten die Araber einen Schwertertanz veranstaltet, den sie mit

entsetzlicher Musik und Flintengeknatter begleiteten. Dazu leuchteten ihnen

Magnesiafackeln, die Herr Leue zu ihrer großen Erbauung gestiftet

hatte. Ich war so ermüdet von all dem Toben und Schreien, daß ich ganz

bescheiden anfragte, ob ich mich nunmehr nicht zurückziehen dürfe?

Aber da kam ich bei unserem verehrten Stationschef schön an! Ein solcher

Verstoß gegen die Etikette! Der Wali ließ ja eben Sessel auf die Straße

tragen und zog sein Schwert aus der Scheide, um in höchst eigener

Person vor uns zu tanzen! Wir setzten uns also andachtsvoll auf die

rohrgeflochtenen Armstühle vor das mit Marmorplatten ausgelegte Palais

des verstorbenen Sejid Madjid und bestaunten die immer wilder werdenden

Bewegungen der über ihre blanken Schwerter springenden Wüstensöhne. Etwa

zehn, Seite an Seite gedrängte, beständig sich in den Hüften wiegende

Araber mit hochgehobenen Schwertern übten einen überaus einförmigen,

aber desto gellenderen Gesang aus. Vor den Sängern schlugen zwei Musiker

wie besessen auf große Trommeln, bald stehend, bald kniend, bald gar am

Boden liegend. Diese regsamen Trommler dirigieren seltsamer Weise sowohl

Gesang als Tanz. Die Übrigen, die um die Schwertertänzer in weitem

Halbkreis Spalier bildeten, trugen durch fleißiges Abfeuern ihrer Gewehre

das ihrige zu der Feier bei. Bertha war trotz des Höllenlärmes in ihrem

Sessel eingeschlafen. Freilich war die Mitternachtsstunde auch bereits

vorüber.

Als ich heute gegen acht Uhr aus schwerem Schlaf erwachte, war das

erste, was ich zu meinem Schrecken hörte, die gräuliche Tanzmusik mit

begleitendem Gekreische. Ich frug etwas kleinlaut, ob heute eine Nachfeier

stattfände; aber man belehrte mich, daß die Tänzer noch von gestern her

beisammen seien.

d. 28. August.

Am Strande unter prächtigen Mangobäumen liegt das Grab des

Regierungsbaumeisters Wolf, von Palmzweigen überdeckt. Bertha liebt es,

gegen Sonnenuntergang dorthin zu pilgern und einen Kranz von frischgrünen

Ranken auf dem Hügel niederzulegen in treuem Gedenken an den freundlichen

Reisegefährten.

Die bösen, bösen Zelte! Sämtliche Herren haben das Wohnen in ihnen teuer

bezahlen müssen. Mein Bruder liegt schwer krank in Zanzibar. Es ist

mir hart angekommen, nicht gleich dorthin zu fahren, um bei ihm sein zu

können; denn er ist in Lebensgefahr. Nur die Überlegung, daß er im

Hospital der Schwestern vom heiligen Geist die beste Pflege hat und daß

sich für mich vielleicht nicht sobald wieder eine Reisegelegenheit nach

~Dar-es-Salaam~ finden würde, hat mich bewogen, hier zu bleiben. Ich bin

in Angst um Albrecht und weiß nicht, ob ich recht gethan habe. Nun, wir

stehen Alle in Gottes Hand! --

~Dar-es-Salaam~ ist eine Ruinenstadt. Von den durch Sejid Madjid

errichteten Steinpalästen sind zwei noch bewohnbar, der eine ist des Wali

Residenz, den anderen hat Herr Dr. Peters für die Gesellschaftsbeamten

gemietet. Eine schöne breite Steintreppe führt von der Hausthüre

den Uferhang zum Meere hinab. Die Herren glauben durch geringe

Ausbesserungsarbeiten hier die bequemste Landungsstelle schaffen zu

können.

Die Stadt besteht aus drei Quartieren. Im Halbkreis um den Hafen stehn die

arabischen Ruinen, unter welchen der zum Harem bestimmte schloßartige Bau

noch immer sehr stattlich aussieht. Er ist leider innen so verfallen, daß

man ihn nicht einmal ohne Lebensgefahr besehen kann. Nach dem Lande zu

haben die speculativen Indier ihre Handelsstraßen angelegt und in jedem

ihrer aneinanderklebenden kleinen Häuser einen Kramladen errichtet. Hier

kaufen die Europäer für schweres Geld, was sie unter der aufgestapelten

Lumpenware etwa brauchbares finden; in den meisten Fällen freilich finden

sie überhaupt nichts. Rechts und links vom Hafen schließen sich die

Negervorstädte an, die sich, wie fast überall durch Sauberkeit und

Geräumigkeit (was Wege und Plätze anbelangt,) auszeichnen.

Der Hafen gleicht fast einem Landsee, da die schmale Verbindung mit dem

Meere durch die mit Palmen, Bananen und Affenbrotbäumen bestandenen

Landvorsprünge dem Auge meist entzogen ist. Dagegen schneidet er tief in

das Land ein. Unser mit vier Ruderern bemanntes Boot brauchte anderthalb

Stunden, um bis dahin zu kommen, wo ein seichtes Flüßchen seine Gewässer

mit der Salzflut vermischt. Dort hausen zahlreiche Nilpferde. Auch Affen

und Papageien amüsieren sich an den waldigen Hängen, die den Hafen

umschließen.

~Dar-es-Salaam~, d. 29. August.

Unsere Wohnung besteht, wie ich schon in meinem Tagebuch erwähnt, aus

einer Reihe kleiner Inderhäuser, deren Wände durchbrochen und mit Thüren

versehen sind, die auf die Veranda führen, welche also die einzelnen

Wohnungen (je ein Zimmer) verbindet. In dem ersten dieser Zimmer wohnt und

schläft Herr Greiner mit seiner Frau, das zweite, welches Herrn Leue's

Dominium ist, dient zugleich als Salon und Eßzimmer. No. 3, Herrn

Tschepe's Gemach, gleicht einer Werkstatt und Rüstkammer. Dann kommt

viertens ein Zimmer, in dem die deutsche Haushälterin mit der Nichte

des Missionars schläft, und endlich dasjenige, welches Bertha und mir

überlassen worden. Glasfenster, verschließbare Thüren, Schränke etc.

sind Luxusgegenstände, die ~Dar-es-Salaam~ vorläufig nicht kennt. Ich

kann aber in Wahrheit versichern, daß ich mich, so weit meine Erinnerung

reicht, noch nie so frisch und geistig wohl befunden habe, wie hier

in diesen ganz primitiven Verhältnissen. Frei und leicht wird es

dem geplagten Kulturmenschen zu Mute, wenn er einige Dutzende der

Sclavenketten, die wir »Bedürfnisse« nennen, abzuwerfen genötigt ist.

d. 30. August. 1887.

Wir haben ein zwölfjähriges Negermädchen in Dienst genommen, eine von

der englischen Mission getaufte Christin. Die Engländer nannten sie Alice,

ich habe aber als gute Deutsche »Liese« daraus gemacht. Die kleine

Liese bringt mir Morgens ein Glas frischer Kuhmilch ans Bett, die herrlich

mundet. Dann stehe ich auf und finde die Hausgenossen gewöhnlich schon

auf der Veranda. Dort steht auch der Frühstückstisch und darauf, was

des verwöhnten Menschen Herz begehren kann: einheimischer Honig, Eier,

hausbackenes Schwarzbrot und englische Zwiebacke. Sowie ich meinen Platz

einnehme, erscheint der aufmerksame Mandoa und schenkt aus indischer

Porzellankanne den Kaffee ein. Mandoa ist ein ehrgeiziger und strebsamer

Jüngling, der ungeachtet seiner schwarzen Hautfarbe errötet, wenn er in

spöttischer Weise auf eine Ungeschicklichkeit aufmerksam gemacht wird. Er

ist sogar stolz und trotzig und weint Thränen bitteren Ärgers, wenn er

sich gekränkt fühlt, oder ungerecht behandelt glaubt. Mandoa ist der

Diener des Stationschefs und thut sich auf diesen Vorzug viel zu gute.

Während ich frühstücke, wartet auf mich gewöhnlich schon mein

Lieblingspatient, ein Sultanssklave, der vor kurzem in sein Messer gefallen

ist, wodurch er sich eine tiefe Wunde in der Seite zugezogen hat. Herr Leue

hat ihn vor dem Verbluten gerettet. Hätte er nur krumme Nadeln gehabt

und antiseptischen Faden, um die Wunde zu nähen, so würde sie nicht mehr

klaffen, wie sie es thut. Im übrigen scheint Faradi, so heißt der junge

Mann, eine gesunde Heilhaut zu haben. Heute Morgen brachte er mir als

Zeichen seiner Dankbarkeit fünf Kokosnüsse.

d. 31. August.

Jetzt haben die Schwarzen ihr Neujahrsfest gehabt, ein ~sikukuu~ (~siku~

= Tag, ~kuu~ = groß, im Sinne von vornehm) oder vielmehr zwei solche nach

einander. Der Wali schickte einen Botschafter zu Herrn Leue, der das Fest

feierlich ankündigte, und die sämtlichen auf der Station beschäftigten

Arbeiter und Diener zu einem Festmahle einlud. Herr Leue nahm diese

Nachricht in der landesüblichen Weise, nämlich mit ernster Würde und

höflichen Phrasen entgegen und kündigte dem Wali an, er würde am

zweiten Feiertage seinerseits die Leute desselben bewirten. Das ist das

verhängnisvolle der arabischen Ehrengeschenke etc., daß sie stets eine

gleichwertige Gegengabe erfordern. Es ist des Landes Brauch. -- Am ersten

Morgen des Festes kamen die sämtlichen Arbeiter der Station um sich ihr

»~Sikukuu~«, d. h. diesmal »Festagstrinkgeld«, zu erbitten. Herr

Leue ließ sie der Reihe nach zur Musterung antreten: die Garten-

und Feldarbeiter, die Maurer, den Schneider, den Wäscher, die

Wasserträgerinnen und den Viehhirten, der den klangvollen Namen Marindila

führt. Herr Leue, der sehr auf adrettes Aussehen seiner Leute hält,

tadelte mit spöttischen Bemerkungen diejenigen, deren Aufzug zerlumpt oder

unsauber war. Die Schwarzen, die bekanntlich durchweg eitel sind, zeigen

eine große Empfänglichkeit für derartige Auszeichnungen. -- Tagsüber

wurde geschossen und getanzt. Am zweiten Festtag fanden Tanz und Spiel mit

besonderem Pomp vor unsern Fenstern statt. Die Araberjünglinge sprangen

wieder wie die Rasenden durcheinander. Dazu wurde unablässig getrommelt

und gesungen. Da unsere Zimmer keine Glasscheiben in den Fenstern haben,

waren sie bald von dem Pulverdampf der knatternden Gewehrsalven erfüllt.

Leider hatte die Nichte des Missionars einen, wenn auch an sich leichten

Fieberanfall, der indessen bei diesem barbarischen Lärm bösartiger zu

werden drohte. Ich bat daher den Chef sehr dringend, die Herrn Araber zu

veranlassen, ihre Spiele in einiger Entfernung fortzusetzen. Herr Leue

meinte, eine derartige Verletzung der Sitte könne von den Arabern sehr

übel aufgefaßt werden, da sie gerade uns zu Ehren hier tanzten. Ein

Abbrechen unsererseits müsse daher unterbleiben. Ich beharrte nichts

destoweniger auf meinen Wunsch, da mir Leben und Gesundheit der Unseren

ungleich wichtiger erscheint, als die mehr oder minder gnädige Gesinnung

der Araber. Diese müssen sich ja doch schließlich nach _uns_ richten.

Herr Leue ließ sich, wenn auch ungern, herbei, einen Parlamentär

hinunterzuschicken. Herr Missionar Greiner, der des Arabischen mächtig

ist, bot sich an, den heiklen Auftrag zu übernehmen. Er sprach den

Anführern in schönen Phrasen den Dank des Stationschefs für die uns

gewordene Aufmerksamkeit aus, was sofort richtig aufgefaßt wurde, nämlich

als Verabschiedung. Zu meiner großen Befriedigung zog die Horde ohne

weiteres ab, und das kranke Mädchen, dessen Temperatur mit beängstigender

Geschwindigkeit stieg, fühlte sich ungemein erleichtert.

d. 1. September 1887.

Wir haben Besuch gehabt von dem Bischof von Zanzibar, Monseigneur de

Courmont, und dem berühmten Père Étienne Baur aus Bagamoyo. Die Herren

brachten mir Nachrichten von meinem Bruder. Derselbe war totkrank nach

Bagamoyo gebracht worden. Dort lag grade ein östreichisches Kriegsschiff,

und der Arzt desselben übernahm die Behandlung. Als indessen nach den

angewandten Mitteln das Fieber sich ungeschwächt wieder einstellte, sagte

der Marinearzt zum Pater Baur, nun könne er nichts mehr machen und wolle

ihm den seiner Ansicht nach hoffnungslosen Patienten überlassen. Père

Étienne hat seine bewährten Kraftmittel angewandt, nämlich riesige

Gaben Chinin, denen aber jedesmal entsprechende Brechmittel vorausgeschickt

werden, um den Magen auszufegen und dem Chinin volle Wirksamkeit zu geben.

Es gehört allerdings eine kräftige Konstitution dazu, um eine solche Kur

des öfteren durchzumachen. Albrecht hat einen derartigen schweren Anfall

von Gallenfieber jetzt bereits zum drittenmale überstanden. Sobald er

transportfähig war, hat man ihn nach Zanzibar geschickt, wo er nun im

Hospital liegt; doch versicherten mir beide Herren, er sei jetzt außer

Gefahr, ich möchte mich seinetwegen völlig beruhigen. Père Étienne

kennt meinen Bruder, seit er hier ist, was nun bald drei Jahre sind,

und mag ihn sehr gern. Vornehmlich bewundert er aufrichtig Albrecht's

spartanische Härte gegen sich selbst, wovon er mir manches zu erzählen

wußte. Père Étienne steht seit 26 Jahren der Missionsniederlassung in

Bagamoyo vor und gilt als der erfahrenste und sicherste Berater in allen

möglichen Dingen. Er ist Elsässer und spricht mit uns nur deutsch.

Monseigneur de Courmont, der ein vornehmer Franzose ist und seinen Manieren

nach mehr im Salon zu Hause ist, als in der afrikanischen Einöde, versteht

dagegen kein Wort deutsch. Wir (die Haushälterin und ich) haben ein für

afrikanische Verhältnisse recht annehmbares Diner zu stande gebracht;

beim Kaffee freilich fungierte als Sahnengießer ein alter Tassenkopf,

doch nimmt man das bei uns nicht so genau. Übernachten mußten die

liebenswürdigen Gäste auf ihrer Missionsdau, deren Segel durch ein

aufgenähtes großes schwarzes Kreuz schon von weitem kenntlich ist.

Herr Leue läßt soeben seine Asikari vor dem Hause Übungen machen, was

schon recht gut geht. Wie bei uns zu Hause, sind die Rekruten auch hier

stets von Neugierigen umringt. Anfangs haben die Leute von ~Dar-es-Salaam~

gelacht; seitdem Herr Leue aber die Spötter mit einigem Nachdruck hat

weitergehen heißen, steht alles andachtsvoll in ehrerbietiger Entfernung.

Fräulein Marie, die Nichte des Missionars, ist wieder wohlauf und singt

wie ein Vogel.

d. 3. September 1887.

Es regnet täglich einige Stunden, die kleine Regenzeit (September,

October) scheint also pünktlich einzutreten. Die Veranda, auf der ich

schreibe, steht augenblicklich unter Wasser, da etliche Dachrinnen sich auf

sie ergießen. Der Himmel ist ein grauer Sack. Die Veranda beherbergt

neben uns eine ganze Menagerie. Da wohnen auf Ständern, die Herr Tschepe

angefertigt hat, vier zahme grüne Papageien, Moses, Heraklit, Männchen

und Elias geheißen. Männchen ist so zahm, daß er auf Herrn Leue's Ruf

anspaziert kommt und allerhand Kunststückchen macht, z. B. sich auf der

flachen Hand seines Herrn »tot« stellt. Die Vögel sprechen nicht, noch

schreien sie, was für unsere jeweiligen Fieberpatienten sehr vorteilhaft

ist. Die ausgelassensten der Tierbande sind zwei Freunde sehr verschiedener

Abstammung, der junge Hund »Kescho« und die Manguste. Letztere, bei

uns unter dem Namen Ichneumon bekannt, erscheint mir wie ein Mittelding

zwischen Affe und Ratte. Das Tierchen ist so unschön als möglich, aber

zahm und zutraulich. Es liegt wie ein Schooßhund am liebsten auf dem Ende

meines Kleides, und so oft es von diesem Platz fortgejagt wird, so

oft kommt es wieder. Furcht kennt es gar nicht. Neulich stand unsere

Tischglocke auf dem Fußboden. Da ging die Manguste hin und untersuchte den

unbekannten Gegenstand mit den Pfötchen. Ich dachte: warte nur, wenn es

klingelt, wirst Du schon Reißaus nehmen! Aber keineswegs! Das Klingeln

schien ihr vielmehr Vergnügen zu machen und sie bewegte fröhlich den

Metallklöppel, bis ich die Glocke ihren unbefugten Pfötchen entriß. Die

eigentlichen Clowns der Gesellschaft sind aber auch hier die kleinen Affen.

Morgen ist Sonntag. Da räumen wir unsere Veranda zur Kirche um

und versammeln Alles, was sich zum Christentum bekennt, zu einem

Morgengottesdienst. Der Kawaß Abdallah, der Araber und Mohamedaner ist,

aber bedingungslos thut, was sein Herr von ihm verlangt, wird von diesem

auch zur Kirche kommandiert. Abdallah freut sich über das Ceremonielle und

Feierliche des Vorgangs, das Übrige ist ihm, da er nichts versteht, ganz

gleichgültig.

~Dar-es-Salaam~, d. 5. Sept.

Vieles entbehre ich gern, aber ungern das Wasser. Unser gutes deutsches

Mineralwasser ist am Ende, und der Wein geht auf die Neige. Was ist aber

auch Wein für einen wirklich Durstigen! Das hiesige Wasser giebt Fieber,

darf also nicht getrunken werden. Nach zweimaliger Abkochung ist es zwar

unschädlich, hat aber einen so widerlichen Geruch, daß ich dann doch das

weichliche Kokosnuswasser vorziehe.

~Dar-es-Salaam~, d. 7. Sept.

Herr Tschepe leidet an einer Entzündung der Augen, die ihn zu momentaner

Untätigkeit verurteilt. Darüber ist der Arme ganz melancholisch. Wir

müssen ihn gewaltsam nötigen, im verdunkelten Zimmer zu verweilen. Ich

lese ihm jetzt aus Keller's ›Leuten von Seldwyla‹ vor; aber sonderbarer

Weise wirkt hier diese Lectüre gar nicht erheiternd, wahrscheinlich weil

man sich von den Vorgängen und Anschauungen der deutschen Kleinstadt

zu sehr abgetrennt fühlt. Daheim habe ich Thränen gelacht über diese

Geschichten.

~Dar-es-Salaam~, d. 8. Sept.

Die Station besitzt vier Esel, von denen drei zum Lasttragen benutzt

werden; der vierte, ein weißer Maskatesel, dient als Reitpferd.

Eines der hübschesten Negerdörfer von Zanzibar bis zum Rowuma ist das

zwanzig Minuten von ~Dar-es-Salaam~ entfernte Bagamoyo (nicht die bekannte

Stadt gleichen Namens). Der Weg dorthin ist wie ein Parkweg, breit und

ziemlich gradlinig mit einer Einfassung von Ananasstauden umgeben, führt

er durch Wiesen, auf denen die Rinderherden der reichen Indier friedlich

grasen. Aus schilfumgebenen Wassertümpeln, dem idyllischen Wohnort

giftiger Schlangen, tönt das Quaken des Ochsenfrosches und vereint sich

zur friedlichen Abendsymphonie mit dem tausendfachen Gezirpe der Grillen.

Rechts und links vom Wege ist die Wiese geschmückt mit prachtvollen

Mangobäumen, deren compakte Laubkronen fast den Rasen berühren. Gelbe

Blüten umspinnen das dunkle Grün jetzt wie mit Goldfiligran und ein Duft

entsteigt ihnen ähnlich dem unserer Lindenblüte. Aus kleinen Vertiefungen

ragen die riesigen Sammetblätter saftgrüner Bananen. Blühende

Baumwollsträucher, Granaten, Orangen und über diese ragend Gruppen

schlanker Kokospalmen vervollständigen das Bild dieser wilden

Parklandschaft, wie ich sie ähnlich nur in Mikindani gesehen.

Hier reite ich zuweilen gegen Sonnenuntergang auf dem Maskatesel. Ich

belausche dabei gewöhnlich einen frommen Muselmann, der in wallendem,

weißen Gewand auf dem Dach seines Hauses steht und unter vielen

Verneigungen Koranverse absingt. Dann bildet der rotgoldene Abendhimmel mit

den scharfen Silhouetten einzelner Palmen und dem Aufblitzen des hier und

da durchschimmernden Meeres einen Hintergrund, der an die Heiligenbilder

auf den bunten Glasfenstern der Kathedralen erinnert. Es ist wirklich

märchenhaft.

~Dar-es-Salaam~, d. 10. Sept.

Ich habe auf der Station den regelmäßigen Gebrauch von Eno's Fruchtsalz

eingeführt, als Vorbeugungsmittel gegen die Gallenbeschwerden, mit denen

wir hier beständig zu kämpfen haben. Das Schwierige ist auch hier

der Mangel an Trinkwasser. Wir helfen uns mit dem wasserklaren Saft der

Kokosnüsse, von denen Herr Leue anfangs zwar nichts wissen wollte, aber

Not lehrt beten. Er hat sich rasch bekehrt. Der Kokosnußsaft schmeckt wie

Zuckerwasser mit einem Nußbeigeschmack, anfangs fade, aber erfrischend,

wenn man daran gewöhnt und durstig ist.

~Dar-es-Salaam~, d. 12. Sept. 1887.

Eben kam einer dieser schwarzen Hanswurste zu mir und bat mit jämmerlicher

Miene um »Daua«. Er war in dem leichten Kostüm erschienen, das wir

»~blouse au naturel~« nennen, zeigte auf seine Brust und seufzte

kläglich, dieselbe sei »~hawesi sana!~« (sehr krank). Voll Mitleid ging

ich nach der Apotheke, um ihm ein Dover'sches Pulver zu holen. Als ich aber

wieder kam, wahrscheinlich früher als der Schwerkranke vermutete, fand

ich meinen Ali mit der Dienerschaft lachend und Witze machend, daß der

Schlingel sich mit den weißen Zähnen in beide Ohren zu beißen schien.

Sowie er mich bemerkte, wurde höchst naiv und ohne jeden Übergang wieder

die Duldermiene aufgesetzt.

Gestern trat ein langer, sorgfältig gekleideter Schwarzer bei mir an und

überreichte mir einen Brief von meinem Bruder. Albrecht schrieb:

»Ich werde morgen per Sultansdampfer Nyanza nach Bombay fahren und dann

in die Berge; denn man hat mir Klimawechsel und Bergluft verordnet. In drei

Monaten komme ich wieder. Wird man hier nicht blasiert? Heute hatte ich

etwa folgende Unterhaltung mit dem italienischen Consul Filonardi: »Guten

Morgen«. -- »Wie geht es Ihnen? Besser?« -- »Danke; fahre morgen

ein bischen nach dem Himalaya.« -- »Wollen Sie vorher bei mir

frühstücken?« -- »Gern; wieviel Uhr?« -- »Elf.« -- »Werde kommen,

adieu.« Ich will Dir Abdallah während meiner Abwesenheit lassen, wenn

Du ihn brauchen kannst. Ich habe ihn über ein Jahr in meinem Dienste, und

möchte ihn nicht gern verlieren etc.«

Abdallah, der mit seinem äußerst ehrbaren Gesicht wartend vor mir stehen

geblieben war, mußte mir von der Abreise seines Herrn erzählen. Er hatte

die letzte Nacht an Bord der Nyanza zugebracht; Abdallah wird, so lange er

bei mir ist, Carl Schmidt heißen, denn er ist die schwarze Ausgabe eines

Jünglings dieses Namens aus meinem Heimatsdorfe Ingersleben. Abdallahs und

Abdullahs laufen hier schon zu viel herum.

~Dar-es-Salaam~, d. 14. Sept.

Täglich kommen Araber, Indier und Schwarze mit allerlei Krankheit behaftet

und verlangen Heilung, vor allem aber »Daua« d. h. Medicin. Mit den

einfachen Hülfsmitteln von Diät, Luft und Wasser (äußerlich angewandt!)

ist bei diesen Leuten nichts zu machen. Sie bringen Glauben und verlangen

Wunder. Ein von Unreinlichkeit strotzendes und darum mit Ausschlag

behaftetes Indierkind wusch ich vor den Augen des zärtlichen Vaters

mit warmem Wasser und in Ermangelung von anderer, mit meiner eigenen

Waschseife. Darauf empfahl ich dem Vater dringend, diese Waschungen mit

beliebiger Seife täglich, womöglich zweimal vorzunehmen. Der gute Mann

ließ sich aber nicht davon abbringen, die Heilkraft allein in der von mir

gebrauchten Seife zu suchen und ließ mir keine Ruhe, so daß ich endlich,

um ihn nur los zu werden, ein Stück von meiner armen Seife abschnitt und

ihm mitgab.

Ich gehe fast alle Tage nach dem neuen Haus hinüber, in dem uns ein

fünffenstriges, gesund gelegenes Zimmer zum Krankenzimmer und ein

Turmstübchen zur Apotheke überlassen worden ist. Leider gehen die

Reparaturen nur langsam vorwärts. Viel zu thun ist hier nicht für

uns; denn seit wir hier sind, ist bis auf leichte, sich regelmäßig

wiederholende Fieberfälle, Gott sei Dank Alles gesund. Eine Pflegerin

wird, solange Frau und Nichte des Missionars zu gelegentlicher Aushülfe

bereit sind, in ~Dar-es-Salaam~ völlig ausreichend sein.

~Dar-es-Salaam~, d. 16. Sept.

Gestern ließ Herr Leue durch Ali Amadi, den gebildeten Diener, der mit

Herrn Paul Reichardt in Berlin gewesen ist, den Wali nebst seinem Secretär

Abdullah zum Abendessen einladen. Die Herrn Araber, die das Ehrende

einer solchen Einladung voll zu würdigen wußten, erschienen im vollen

Waffenschmuck ihrer malerischen Tracht, fühlten sich aber nichts weniger

als behaglich. Herr Leue bat Herrn Missionar Greiner, den Herren auf

arabisch zu sagen, sie möchten thun, als ob sie zu Hause wären, und sich

nicht um Gabel und Messer kümmern. Da lächelten die Gäste würdevoll und

griffen mit den Fingern in das Hühnerragout. Während wir Wein tranken,

wurde ihnen Kokosnußwasser eingeschenkt. Herr Leue sprach ihnen sein

Bedauern darüber aus, daß sie sich einen so herzerfreuenden Genuß, wie

den des Weines, entgehen lassen müßten, und fragte, warum ihnen dies

Verbot gegeben worden sei? Der Wali antwortete: »Wein in Mäßigkeit

genossen erheitert zwar des Menschen Gemüt; aber der Prophet, dessen Name

gelobt sei, wußte, daß wir zu schwach sind, um Maß zu halten und daß

wir in der Unmäßigkeit den Tieren gleich werden.«

Da Abdullah, ein intelligenter junger Mann, noch in derselben Nacht nach

Zanzibar abreist, gaben wir ihm Briefe und Grüße mit. Abdullah hat uns

häufig abends besucht, teils mit, teils ohne Freund, um sich Daua zu

erbitten. Merkwürdiger Weise sind die Bewohner von ~Dar-es-Salaam~

vielfach brustleidend. Der Wali und sein Secretär husten um die Wette.

Sobald wir Kaffee getrunken hatten, baten die Herren Araber sich empfehlen

zu dürfen. Das Souper war für sie eine beschwerliche Ceremonie gewesen

und sie dankten gewiß ihrem Gott, als sie es überstanden hatten.

Heute kam ein Araber aus Bagamoyo (der Stadt), und reclamierte einen der

Feldarbeiter der Station als seinen Sclaven. Derselbe sei ihm vor drei

Jahren entlaufen und nun auf einmal hier aufgetaucht. Herr Leue ließ den

Burschen holen und fragte ihn, ob sich die Sache so verhielte, wie der

Araber behauptete. Der junge Mann, ein bescheidener anständiger Mensch und

guter Arbeiter, gab zu unserem Bedauern ohne weiteres alles zu. Herr Leue

hatte wenig Lust, den armen Burschen auszuliefern und entschied sich dahin,

den Fall vor den Wali zu bringen. Der Wali ließ sagen, er werde sich

sofort einfinden und erschien, während wir beim Essen saßen, mit

seinem Begleiter. Der Entlaufene, der bis dahin bewacht worden war, wurde

vorgeführt. Der Wali unterzog ihn einem kurzen Verhör. Mir gefiel die

natürliche Würde des Arabers, der seine Fragen in leisem, sanften Ton

stellte und dabei, ohne streng zu thun, durch seine Unbeweglichkeit Respect

hervorrief. Er erkundigte sich nach des Burschen Herkunft, seiner Heimat,

seinen Verwandten etc. Der junge Mann antwortete präcis und wie Einer,

der nichts zu verheimlichen sucht. Er erlaubte sich sogar einmal eine

scherzhafte Bemerkung, die den Wali und seinen Begleiter zu wohlwollendem

Lächeln veranlaßte. Darauf wurde der Angeklagte wieder abgeführt und

Herr Leue frug den Wali, was er zu diesem Fall denke? Dieser sagte, da

Vater und Mutter des Burschen freie Leute seien, so könne auch er nicht

Sclave von Geburt sein, sondern wahrscheinlich sei er geraubt worden, was

er auch selbst sage. Herr Leue antwortete, es sei natürlich seine Absicht

Gerechtigkeit walten zu lassen und er wolle Niemand sein rechtmäßiges

Eigentum vorenthalten. Wenn aber der Wali feststellen könne, daß der

in Frage stehende Jüngling nicht Sclave sei, so geschähe ihm damit ein

großer Gefallen etc. Da meinte der Wali, der Ausgang dieser Angelegenheit

würde wesentlich von dem klugen Verhalten des Burschen selbst abhängen.

Er werde sofort Leute ausschicken, um die Verwandten aus deren Dorf Mtoni

kommen zu lassen und morgen Gerichtssitzung halten.

d. 17. September.

Die Verwandten des Jünglings waren bereits heute Morgen zur Stelle, also

muß der Wali seine Boten in der Nacht geschickt haben. Herr Leue hat der

großen Gerichtssitzung etwa eine Stunde lang beigewohnt. Er erzählte

dann, der Vater sei ein Schafskopf; aber da sei ein Oheim mitgekommen,

der habe sich für den Neffen gewaltig ins Zeug gelegt. Der Besitzer des

Entflohenen und dessen Freund hätten auf der anderen Seite einen heillosen

Lärm gemacht, um zu ihrem Rechte zu gelangen. Der Wali hat die Sache

vertagt. Er will zunächst nach Bagamoyo schicken und den Händler

herbeischaffen, von dem der Kläger den Burschen gekauft haben will.

~Dar-es-Salaam~, d. 20. Sept.

Sejid Madjid hat, als er diesen Hafen zu seiner Residenz erkor, hier einen

Wald von Kokosnußpalmen anpflanzen lassen, der sich etwa eine Stunde weit

in der Ebene hinzieht. Wenn ich in dem mäßigen Waldesschatten auf dem

weichen Sandboden gehe, rings um mich her Baumstämme und nichts als

Baumstämme, so fühle ich mich in den Grunewald versetzt. Hat unser

Maskatesel nichts für die Station zu thun, so reite ich vor dem

Morgenkaffee mitunter durch den Wald nach der Schamba. Dies ist eine

Oase. Um den durch einen Quell gebildeten, mit Schilfpflanzen und

Papyrus angefüllten Weiher, den Lieblingssitz der von den Schwarzen sehr

gefürchteten kleinen Giftschlangen, bedeckt üppiges Grün den Sandboden.

Ein Stacket umgiebt Weiher und Wiese. Hier weiden die Rinder und Schafe der

Station, sowie auch die Eselin »Johanna«.

Heute Morgen machte ich die Erfahrung, daß man das Naturell der Maskatesel

nicht unterschätzen darf. Da ein Damensattel selbstverständlich zu den

hier unbekannten Gegenständen gehört, reiten wir auf einer Decke, ohne

Steigbügel, also ohne jeden Halt. Das ging bis heute ganz vortrefflich

und ich hatte nie die geringste Sorge. Heute Morgen nun, als ich von

der Schamba zurückkehrend, im Begriff war, in die erste Indergasse

~Dar-es-Salaam's~ einzulenken, fing es an zu regnen. Ich ließ den Zügel

fallen und machte mir mit beiden Händen an meinem Schirm zu schaffen.

Als dieser aber beim raschen Aufspannen etwas krachte, wurde mein Reittier

plötzlich wild und that einen jähen Sprung zur Seite. Da ich auf ein

derartiges Manöver gänzlich unvorbereitet war, fiel ich sofort hinten

über. Es gelang mir eben noch, dieser unfreiwilligen Beugung nach

rückwärts so weit nachzuhelfen, daß ich, den aufgespannten Schirm in den

Händen, der ganzen Länge nach zwar, aber doch unbeschadet auf die Erde zu

liegen kam. Der feurige weiße Renner sauste unterdessen über die Ebene,

dem Walde zu, denn sein Herz trieb ihn nach der Schamba, wo Johanna,

seine Freundin, graste. Questenberg, der schwarze Stallknecht, der uns auf

unseren Spazierritten zu Fuß begleitet, lief, was er laufen konnte, hinter

dem Ausreißer her und war, als ich mich aufrichtete, schon in weiter

Ferne. Das Schicksal seines Pflegebefohlenen beunruhigte ihn natürlich

ungleich mehr, als das meine. Bald verschwanden Beide im Palmenwald.

Ich mußte, beschämt über meinen Leichtsinn, mit dem zum Glück

unzerbrochenen Übelthäter von Schirm zu Fuß nach Hause pilgern, gelobte

aber im Stillen, in Zukunft dem Temperament einer edlen Rasse etwas mehr

Rechnung zu tragen.

Zwei Stunden später erst führte Questenberg den endlich eingefangenen

Ausreißer in den Stall zurück.

~Dar-es-Salaam~, d. 22. Sept.

Reisescizzen und Tagebuchblätter aus Deutsch-Ostafrika · 第 5 / 7 题