der kräftigen Salzluft uns gegen das Fieber widerstandsfähiger zu machen.
Mit Kreuzen jeden Windstoß ausnutzend, gelangen wir meist, ohne die
Riemen in Bewegung zu setzen, durch die enge Öffnung des Hafens. Schon der
Anblick der weiten leuchtenden Wasserfläche wirkt nervenstärkend. Dann
schäumen die vom Kiel durchschnittenen Wellen zischend um das Boot, wie
Champagner, und die salzigen Wassertropfen fallen wie ein Sprühregen auf
uns nieder. Neben Herrn Leue, dem »~bana mkubua~« von ~Dar-es-Salaam~,
der den Sonnenschirm in der einen, das Steuer in der anderen Hand hält,
sitzt der zierliche Mandoa, die geladene Büchse schußbereit. Regt sich
etwas im Gestrüpp am Strande, oder blinkt zwischen dem Gezweig die weiße
Brust eines Wasservogels, so gerät Mandoa in Aufregung wie ein guter
Jagdhund und sieht seinen Herrn herausfordernd an, bis dieser zum Gewehr
greift. Dann knattert ein Schuß oder zwei und von den Hügeln schallt das
Echo zurück, oder wenn der Schuß einem Tümmler galt, springt die Kugel
wie ein Gummiball wieder und wieder aufschlagend auf dem Wasser
hin. Sämtliche Asikari, die, während Segel und Wind sie vom Rudern
dispensieren, plaudernd umhersitzen, verfolgen mit lebhafter Teilnahme den
Vorgang.
Am Horizont sieht man als eine Zackenlinie die schaumgekrönte Dünung der
hohen See. Zuweilen erscheint dort ein schneeweißer Punkt, der langsam
größer wird und endlich als leuchtendes Segel sich scharf vom Himmel
abhebt. Dann fragen wir jedesmal: »Kommt die Dau von Zanzibar?«, worauf
die Asikari antworten: »von Zanzibar« (~suaheli~ = ~ja Ungudja~). Oder
sie sagen: »Es ist ein Fischerboot.« In Zweifel sind sie eigentümlicher
Weise nie. Das Fischerboot läßt uns gleichgültig; ist es aber eine Dau
von Zanzibar, so segeln wir ihr entgegen, weit hinaus, wenn Wind und Wellen
es erlauben. Bald hört man ein dumpfes Trommeln, das ist die »~ngoma~«,
mit der sich die Schifffahrer die Zeit vertreiben. Der Trommelwirbel
ist schon aus weiter Ferne vernehmlich und klingt fast unheimlich; die
begleitende Pfeife hört man erst viel später. Haben wir die Dau erreicht,
so rufen wir dem Kapitän zu, ob er eine »Post« für uns habe? Zuweilen
reicht man dann ein mit Bindfaden umwickeltes Packetchen ins Boot hinüber,
über dessen Inhalt wir uns gierig hermachen. Ist nichts für uns da, so
verachten wir die Dau und fahren resigniert weiter. Dann geht die Sonne
unter. Wir nehmen die Flagge ab und wickeln sie zusammen. Das Rot am
westlichen Himmel erlischt rasch und der Wind legt sich vollständig. Das
Segel wird gerefft und die Ruder, die in sicherem Takt das Wasser teilen,
wirbeln mit jedem Schlage tausend diamantgleiche Funken auf. Zuweilen
springt in unserer Nähe ein Delphin hoch in die Luft und senkrecht
ins Meer zurück. Diese Tiere scheinen die Zeit nach Sonnenuntergang
gymnastischen Übungen zu widmen.
Zanzibar, d. 1. Okt. 1887.
Da mir die Herren der Deutsch-Ostafrikanischen Gesellschaft in der
zuvorkommendsten Weise geholfen haben, ist es mir gelungen, ein nicht
weit von der Stadt am Meere gelegenes Haus zu mieten. Es ist umgeben
von herrlichen Bäumen, schattig und still, also für Kranke und
Erholungsbedürftige der geeignetste Aufenthalt. Ich werde dort, wenn
ich von Deutschland aus genügende Unterstützung erhalte, eine Apotheke
einrichten, um die einzelnen Stationen stets mit den notwendigen
Medicamenten etc. versorgen zu können. Nach und nach können wir
hoffentlich auf jede der Küstenstationen eine oder zwei Pflegerinnen
setzen und ihnen die Ausrüstung für ein den sanitären Anforderungen
nach Möglichkeit entsprechendes Krankenzimmer mitgeben. Auch hier sollen
mehrere Zimmer für Kranke oder Reconvalescenten bereit gehalten werden.
Unsere Östreicherin hat inzwischen einen kleinen Jungen bekommen und
befindet sich unter der Obhut der Hospitalschwestern ganz wohl. Es ist ein
anmuthiges Bild, wenn die kleine, zarte »~mère supérieure~« das winzige
Wickelkind auf den Armen hält und mit zärtlichem Stolz in den großen
Augen auf das dumme Gesichtchen niedersieht. Ein so junger Pflegling mag
selten ihrer Hut vertraut werden! Der Naturforscher ist auf einige Wochen
hier gewesen, um seinen Sohn kennen zu lernen; aber zum Leidwesen der
jungen Frau ist er wieder auf den Continent zurück. Er hat sie freilich
samt dem Kindchen in die Wildnis mitnehmen wollen; -- man weiß nicht,
soll man solchen absoluten Idealismus bewundern oder ihn belächeln!
Die Missionen, beide, die katholische und die englische, haben diesen
zuversichtlichen Jünger der Wissenschaft fast mit Gewalt von diesem
Vorhaben abgebracht. Die hiesigen Damen sind übrigens ganz erstaunt,
daß ich bei dem wiederholten Küstenwechsel doch noch nicht den üblichen
Tribut an Fieber gezahlt habe. Sie meinen, innerhalb elf Tagen solle ich
mit Bestimmtheit auf einen Anfall rechnen. Ich glaube aber nach allem, was
ich bis jetzt unangefochten durchgemacht habe, daß ich außerordentlich
wenig zum Fieber disponiere.
d. 5. October 1887.
Bei dem hier stets nur zwölf Stunden dauernden Tag und der Hitze während
desselben ist es ratsam, die Morgenstunden zu benutzen, was die Freunde
auch stets thun. Es ist vorgekommen, daß Ramassan um sechs Uhr morgens
schon an meine Thüre klopft mit der Meldung, die Herren säßen unten im
Boot und ließen fragen, ob ich nicht Lust hätte, mich an der Fahrt
zu beteiligen. Diese Botschaft weckt mich aus tiefem Schlaf; das
Frühaufstehen war immer meine schwächste Seite. Ich halte indessen Fahren
auf dem Meer für das beste Vorbeugungsmittel gegen Fieberzustände und
versäume deshalb nicht gern eine Gelegenheit dazu, trotzdem ich selbst
im Boot nicht vor Anwandelungen des leidigen Seeübels sicher bin. Am
angenehmsten ist die Fahrt, wenn Herr Consul O'Swald den Kapitän macht;
denn er ist ein halber Seemann, kennt jeden Fleck im Hafen und ist ebenso
gewandt wie ruhig und besonnen. Regiert dagegen Herr Dr. Peters das
Segel, so mache ich mich jedesmal auf ein unfreiwilliges Wellenbad mit
zweifelhaftem Ausgang gefaßt. Dann pflegt unser kleines Boot ganz auf der
Seite zu liegen und macht bei Wendungen und beim Manövrieren mit dem Segel
bedenkenerregende Bewegungen. Vor dem Ertrinken fürchte ich mich nicht
sehr, ich kann sogar ein wenig schwimmen, dagegen denke ich es mir sehr
unangenehm, von Haifischen aufgefressen zu werden. Die Offiziere des
Nautilus behaupten allerdings, es befänden sich zur Zeit nur zwei
Haifische im Hafen, Karl und Anton geheißen. Die seien mit dem letzten von
Arabien heimkehrenden Pilgerschiff hereingekommen. Anton sei gutartig, Karl
habe dagegen erst vor Kurzem einen Neger aufgefressen.
Thatsache ist, daß die Haifische sich den von Norden kommenden
Pilgerschiffen anschließen. Der fromme Sultan Bargasch ben Said giebt so
viel Pilgern, wie das Schiff aufnehmen kann, freie Überfahrt nach Arabien
und läßt an Reis und Kokosnüssen so viel an Bord schaffen, daß die
Gläubigen eine ganze Weile davon leben können. Da der Sultan bis
auf einen Araber lauter deutsche Kapitäne hat, so werden auch diese
Pilgerschiffe meist von einem Deutschen commandiert. Herr Kapitän
Jürgensen erzählte mir Schauerliches von der Rückfahrt eines solchen
Schiffes. Die Gläubigen, die sich als Deckpassagiere durch hervorragende
Unsauberkeit auszeichnen sollen, haben auf der Reise vom Hafen nach Mecca
und zurück gewöhnlich, was sie an Geld und Mundvorrat noch besaßen,
aufgezehrt. Dann entstehen an Bord Hunger und Epidemien. Die über Bord
geworfenen Leichen ziehen die Haifische an, und diese ungemütlichen Tiere
halten mit den überlebenden Pilgern ihren Einzug im Hafen von Zanzibar.
d. 12. October.
Fieber habe ich bis jetzt nach Ablauf der kritischen elf Tage noch nicht
bekommen, obwol ich den Rat der Hospitalschwestern, am neunten und zehnten
Tage nach meinem Eintreffen hier Chinin zu nehmen, in dem allmälig
gewonnenen Gefühl der Sicherheit nicht befolgte. Heute aber habe ich vor
Ungeduld und Ärger geweint. Man braucht nur etwas Dringendes vorzuhaben,
wobei man auf hiesige Zwischenhändler angewiesen ist, so lernt man
ein Lied von der Unzuverlässigkeit und unbesiegbaren Indolenz dieser
Orientalen singen! Mir liegt so viel daran, bald in die gemietete Schamba
überzusiedeln und ich komme nicht mit den vorbereitenden Arbeiten von der
Stelle.
d. 15. October.
Mohamed ben Salim ist gestorben. Dieser Premierminister des Sultans war
erst ein Dreißiger und sein plötzliches Ende giebt zu allerhand dunklen
Mutmaßungen Anlaß. Er soll sich die Ungnade seines Herrn zugezogen
haben. Er hat einen Tag vor seinem Ende an Herrn Dr. Peters eine Botschaft
geschickt mit der Bitte, dieser möge sich persönlich zu ihm bemühen, er
habe ihm etwas mitzuteilen. Herr Dr. Peters verschob den Besuch auf den
nächsten Tag; inzwischen war aber der Araber gestorben. Im Volke war der
Verstorbene gefürchtet und beliebt. Der lange Abdallah (Karl Schmidt), ein
Juwel von einem Diener, der sonst kein überflüssiges Wort redet, blieb
heute beim Spaziergang plötzlich vor mir stehen, wandte sich nach mir um
und sagte mit düsterem Ernst: »~Bibi! Mohamed ben Salim kaputto~«. Das
letzte Wort haben sich die Schwarzen von uns angeeignet und gebrauchen es
mit Vorliebe. Auch unser »ja« gefällt ihnen so gut, daß sie es nicht
nur im Verkehr mit uns, sondern auch unter einander anwenden.
Insel Zanzibar. Schamba,
d. 25. October.
Gott sei Dank, ich bin in meinem Hause und mit der Einrichtung desselben
so ziemlich fertig! Die neugeflochtenen Matten liegen auf den Stubenböden,
die Möbel stehen an ihrem Ort, Wäsche und Verbandzeug, säuberlich
geordnet, füllt in großen Haufen die Schränke; sogar die
Fenstervorhänge sind genäht und aufgesteckt. Das an sich sehr hübsche
Haus sieht nun so sauber und freundlich aus, daß es eine Freude ist,
darin umherzugehen. Die vielen großen Kisten mit Wäschegegenständen und
Küchenutensilien, die mit dem letzten Schiff von Berlin geschickt worden,
sind auf den Schultern schwarzer Pagazi zu mir hinausgewandert; man hörte
den tactmäßigen Gesang schon von weiter Ferne und bald unterschied ich
an der Art des Atemholens zwischen dem Singen, sowie am Tempo, ob eine
schwerere Last zu erwarten war, oder eine leichtere. Je schwerer die Last,
desto schneller und abgebrochener tönte der Gesang. Hier angekommen,
speculierten die meist nur mit dem Lendentuch bekleideten Jünglinge auf
meine Gutmütigkeit und stellten sich, als ob sie heftige Leibschmerzen
hätten. Ich hatte nämlich einem unter ihnen, der wirklich Magenschmerzen
zu haben schien, etwas Cognac verabreicht. Auf eine sofort ausgebrochene
Epidemie konnte ich mich natürlich nicht einlassen, ich gab jedoch den
Hanswursten, um sie zu trösten, pro Mann zwei der aus Berlin erhaltenen
Pfeffernüsse, und das befriedigte sie auch.
Beim Auspacken der Kisten, was auf der unteren Veranda vorgenommen wurde,
umstanden uns die Diener voll Neugierde und äußerten naive Bewunderung
für jeden unbekannten Gegenstand aus »~Uleija~« (Europa). Auch das
Füllen der Bettkissen mit Kokosnusfasern haben wir auf der zu ebener Erde
gelegenen Veranda besorgt.
Mit dem Kisuaheli, das hier überall die vermittelnde Sprache bildet,
komme ich freilich noch nicht weit. Die feuchte Hitze, diese wahre
Treibhaustemperatur, wirkt so erschlaffend, daß man sich wenig zu
Sprachstudien aufgelegt fühlt. Freilich würde mich die Notwendigkeit
zwingen, endlich ernsthaft zu lernen, wenn ich nicht eine Haushälterin
hätte, die nach jeder Richtung hin ein Wertobject ist. Ich habe sie
sowol wie den Diener Boheti und den Küchenjungen Hamed der Station
~Dar-es-Salaam~ ausgeführt. Frau Glühmann ist von Geburt Griechin. In dem
deutschen Waisenhaus der Kaiserswerther Diakonissen in Jerusalem »~Talitha
Kumi~« hat sie ihre Erziehung erhalten und ist dann in Kairo als Köchin
bei dem dortigen evangelischen Geistlichen gewesen. Dort und wol auch schon
in Jerusalem hat sie arabisch gelernt, was sie fließend spricht, wenn auch
in anderem Dialect als die Araber hier. In Kairo hat sie ein Deutscher,
Namens Glühmann, der als Krankenwärter am dortigen deutschen Hospital
angestellt war, geheiratet. Das junge Paar hörte von der hiesigen Kolonie,
und von dieser alles Heil erwartend, verließen sie Kairo und kamen mit
ihren Ersparnissen nach Zanzibar. Hier wollte sich indessen eine ihren
Wünschen entsprechende Stellung nicht finden, vielmehr mußten sie dem
ungewohnten Klima, das ebenso feucht ist, wie Ägypten trocken, reichlichen
Tribut zahlen. Die deutsch-ostafrikanische Gesellschaft nahm sich ihrer an,
soweit sie konnte. Ich kaufte ihnen zur Einrichtung unserer Pflegestation
in ~Dar-es-Salaam~ ab, was sie an Hausgerät und Betten besaßen. Da mir
sowol Baron Gravenreuth wie auch Herr Missionar Greiner die Leute warm
empfahlen, habe ich sie immer im Auge behalten. Jetzt haben sie sich in
den Parterre-Zimmern meines Hauses wohnlich eingerichtet und die Frau
unterstützt mich aufs Beste. Sie führt die Wirtschaft, beaufsichtigt
das Kochen, wobei sie den als Küchenjungen fungierenden Schwarzen,
Namens Hamed, zum Koch anlernt, und da sie sich mittlerweile auch mit der
Suaheli-Sprache vertraut gemacht hat, vermittelt sie den Verkehr zwischen
mir und der hiesigen Bevölkerung. Sie hat alle vierzehn Tage Fieber,
welches jedoch selten länger als einen Tag dauert und nicht mit Heftigkeit
auftritt. Ihren Mann hat Herr Dr. Peters zunächst als Krankenwärter
für die deutsch-ostafrikanische Gesellschaft angestellt, doch soll er hier
wohnen. Er kann auf diese Weise mit seiner Frau zusammensein und wir haben
in unserer einsam gelegenen Schamba den Schutz eines Europäers. Glühmann
ist nach Pangani gereist, um den dort schwer erkrankten Dr. Spuhn zu
holen.
d. 1. Nov. 1887.
Glühmann ist zu unserem Schmerz allein zurückgekehrt. Als er nach Pangani
kam, war Herr Dr. Spuhn bereits seinen Leiden erlegen. Der Kranke hatte,
wie das grade bei den Deutschen öfters vorkommt, hartnäckig das
ihm gebotene Chinin zurückgewiesen, grade wie seinerzeit Herr
Regierungsbaumeister Wolff. Neulich besuchte mich der Vorsteher der
hiesigen katholischen Mission, Père Acker, und ihm sprach ich über die
Bedenken, die von deutscher Seite so häufig gegen das Chinin erhoben
werden. Er teilte sie nicht und meinte, die organischen Veränderungen, die
wir dem Chiningenuß zuschreiben, seien eine Folge des Fiebers, nicht des
Chinins. »Ich habe schon Manchen am Fieber sterben sehen,« sagte er,
»aber noch Keinen am Chinin.«
Ein Herr Julius Hensel, »Lehrer der angewandten, organischen Chemie«, hat
mir eine Kiste mit Salzen geschickt (~biammonium phosphat~, Hämolin-Eisen
und ~calcium magnesium~) und dieselben in einem ausführlichen
Begleitschreiben als bewährtes, dem Chinin weit vorzuziehendes Mittel
gegen das Malariafieber empfohlen.
Bis jetzt habe ich mit diesen Henselschen Salzen bei den Europäern
freilich nichts ausgerichtet. Herr Missionar Greiner, dem ich in
~Dar-es-Salaam~ während eines mit Schüttelfrost verbundenen Fieberanfalls
anriet, das jedenfalls unschädliche »Nervensalz« (~biammonium phosphat~)
einmal zu probieren, wies diese Zumutung mit Entrüstung zurück! »Hebe
Dich von mir, Satanas!« Hier, wo es sich so oft um Leben und Tod handelt,
fühlt man sich im Allgemeinen zum Experimentieren nicht aufgelegt. Die in
unserem an Gedankenarbeit reichen Vaterland gemachten Entdeckungen in die
Praxis zu übertragen, das müssen wir einem vertrauenswürdigen deutschen
Arzt überlassen. Hoffentlich schickt man uns bald einen solchen.
Meine leichten Fieberfälle behandle ich so: der Patient muß schwitzen,
je mehr, desto besser. Dabei sinkt die Temperatur fast immer und er erhält
ein Gramm Chinin. Am nächsten Tag, wenn die Blutwärme normal ist, erhält
er noch ein halbes Gramm. Wer die Anfälle regelmäßig bekommt, wie Frau
Glühmann und die Familie Greiner, muß, solange er meiner Obhut anvertraut
ist, täglich ein Glas Chinawein trinken. Bei Galligkeit ist Eno's
Fruchtsalz das Universalmittel.
d. 2. Nov. 1887.
Ich habe hier von allen Seiten den Blick ins Grüne. Eine wahre Wildnis von
Mangobäumen und Palmen umgiebt mich. Rechts vom Hause ist der Hühnerhof,
in welchem zur Zeit siebenunddreißig Hühner des Gebraten-, bez.
Gekochtwerdens warten. Wir essen selten ein anderes als Hühnerfleisch und
nur seine Zubereitung bietet Variationen. Daneben haben wir rohen
Schinken, der sich zu meiner Verwunderung recht gut hält. Links liegt der
Gemüsegarten, in den wir bereits Salat und Radieschen ausgesäet haben.
Dort wachsen Melonen und Gurken, Papaïs und rote Pfefferschoten. Sogar ein
Weinstock schlingt seine Reben um ein Gelände. Wenn die Regenzeit vorüber
ist, will ich den von Berlin erhaltenen Blumen- und Gemüsesamen aussäen.
Garten und Hof sind auf drei Seiten von dem Ackerland der Schamba umgeben,
welches mit Maniok bestanden ist. Ananasstauden bilden die Einfassung des
Ackers und der Beete, während eine Reihe dicht nebeneinanderstehender
Bananen das Gartenland von den angrenzenden Wiesen trennt. Im Garten und
auf dem Felde wachsen zahlreiche junge Orangenbäume, deren gelbgrünes
Laub gegen das dunkle der riesigen Mangobäume und das saftgrüne der
Bananen lebhaft kontrastiert. Die dichte, niedrige Hecke trennt meine
Schamba von einem lang gedehnten Wiesenstreifen, der sich zwischen dem Meer
und der Mnasimodja bis nach Zanzibar erstreckt. Vor der Stadt liegt die
große Kaserne. Auf der erwähnten Wiese hält General Mathew Truppenrevue
ab. Fast allmorgendlich werden dort militärische Übungen vorgenommen,
und wenn ich noch halb im Schlafe liege, glaube ich mich beim Hören der
kriegerischen Musik und der energischen Kommandorufe nach Berlin versetzt.
Hinter meinem Haus wirft das Meer seine Schaumwellen gegen zackige
Korallenklippen. Auf einem vorspringenden Riff liegt so malerisch als
möglich eine Station der englischen Mission, Kiungani. Es ist dies meine
nächste europäische Nachbarschaft. Morgens, mittags und abends läßt das
Glöckchen der dortigen Kapelle sein helles Läuten zu uns herüberklingen.
Am Fuße des Kiungani-Felsens unmittelbar am Meere, das hier ziemlich
starke Brandung hat, steht ein eigentümlicher langgestreckter Steinbau.
Das ist Sr. Hoheit des Sultans Pulvermagazin.
Mein kleiner, zahmer Nachtaffe, Mucki, springt känguruhartig, die
lächerlichen Händchen mit den langen Fingern in die Luft streckend, durch
die Zimmer. Klapp, klapp, geht es immer, wenn die Hinterfüßchen nach
weitem Luftsprung den Boden berühren. Mucki ist sehr zutraulich. Am
liebsten klettert er mir auf die Schulter und jetzt beißt er grade ganz
frech am Federhalter, mit dem ich schreibe.
d. 4. November 1887.
Heute besuchten mich zwölf Banjaninnen mit etlichen Kindern. Der etwa
fünfzehnjährige Sohn meines Hauswirtes, Djeta Vali, geleitete die Damen
hierher. Bei solchen Visiten macht Frau Glühmann den Dragoman. Mein
großes Empfangszimmer füllt sich an mit zierlichen gelbbraunen
Indierinnen. Es dauert eine geraume Weile, bis ich Allen in Erwiderung des
schmeichelnden »~Jambo, bibi, jambo!~« die Hand gegeben habe. Abdallah
und Boheti schleppen Stühle herbei und Alle nehmen Platz. Nun beginnt die
Unterhaltung. Die anmutigste der jungen Frauen erzählt mir in harmloser
Anschaulichkeit eine Krankheitsgeschichte, deren Details von Frau Glühmann
übersetzt werden. Dabei hilft der junge Sohn des Djeta, der ein bischen
englisch versteht. Dinge, über die bei uns der wohlerzogene Arzt seine
Patientin im Flüsterton befragt, werden hier laut im Salon verhandelt,
ohne daß es jemandem einfiele, verlegen zu werden. Diese naive Offenheit
erinnert wirklich an das Altgriechische. -- Ich hole der schönen Dame
Arznei und gebe ihr nach meinem besten Verstehen Rat. In Wirklichkeit weiß
ich gar nicht Bescheid bei ihrem Leiden, was mich sehr verdrießt, was ich
aber nicht merken lassen darf. Die Patientin nimmt voll Dankbarkeit meine
Hand und führt sie an Stirn und Augen. Um mein Gewissen zu erleichtern,
empfehle ich ihr, den als sehr tüchtig geltenden persischen Arzt zu
consultieren; aber sie schüttelt traurig den Kopf. Von einem Mann läßt
sie sich nicht behandeln.
Die Banjaninnen tragen kurze, mit handbreiten, glatt anliegenden Ärmelchen
versehene Jäckchen in den leuchtendsten Seidenstoffen, die sich der Form
des Körpers eng anschließen. Die Oberarme sind mit schweren Goldreifen
geziert, davon einige wol zwölf Centimeter breit sind. Sie tragen ferner,
wie die Araberinnen, enge, bis auf die Knöchel reichende Beinkleider und
um die Fußgelenke ebenfalls schweren Silber- und Goldschmuck. Über diesen
unteren Kleidungsstücken befindet sich ein mehr oder minder geschmackvoll
drappierter Überwurf von rotbuntem, persischen Muster, der schleierartig
den Hinterkopf bedeckt, wie bei der sixtinischen Madonna. Das Vorschieben
und Zurückwerfen dieser Umhüllung scheint zu den Lieblingsgesten zu
gehören; es wird dabei viel Schalkhaftigkeit und Anmut entwickelt. Die
Gesichter, deren Schönheit in den überaus sanften, träumerischen Augen
besteht, haben die Damen nach Art der Schönheitspflästerchen aus der
Rococcozeit mit Gold- und Silbersternchen beklebt; zwischen den Augenbrauen
malen sie einen kreisrunden, zinnoberroten Fleck. Auf meine Frage, was
dieser zu bedeuten habe, sagten sie: »~dasturi~«, d. h. es ist Brauch
oder Sitte.
d. 7. November 1887.
Djeta Vali, der Besitzer meiner Schamba, ein reicher Indier,
mohamedanischen Glaubens, besucht mich häufig. Er hält das ersichtlich
für seine Pflicht als mein Hauswirt. Der würdige Herr, der, wenn er sich
zu mir bemüht, stets sein wallendes Staatsgewand trägt, -- (er besitzt
deren zwei, ein burgunderrotes und ein königsblaues) -- schreitet mit
feierlichem Gesicht durch alle Zimmer und betrachtet die Einrichtung
genau. Dann sagt er: »~ah! ngema sana!~« und seufzt dazu, denn er denkt
wahrscheinlich, für diese jetzt »sehr gut« aussehende Wohnung hätte
er mehr Mietgeld verlangen können. Im Empfangszimmer, wo Herr Djeta Platz
nimmt, hängen zwei vorzügliche Bilder des Kaisers und des Kronprinzen.
Während dem Gast der übliche Scherbet gereicht wird, fühlt er sich
veranlaßt, die über diese Bilder erhaltene Lection zu recapitulieren. Er
sagt dann: »Dies ist der Sultan der Deutschen und dies ist sein einziger
Sohn. Euer Sultan ist 91 Jahre alt und sein Sohn 54.« Ich freue mich, daß
er sich Alles gut gemerkt hat und füge als stehende Redewendung hinzu:
»unser Sultan ist ein sehr guter Mann.« Darauf sagt Djeta: »Das hast
Du gar nicht nötig noch zu sagen. Wenn er 91 Jahre alt ist, kann er gar
nichts anderes sein; denn nur einen _sehr_ guten Mann läßt Gott so alt
werden.«
Dies ist einmal ausnahmsweise keine Phrase, sondern bei den Mohamedanern
innigste Überzeugung. Der Sultan Bargasch ben Said machte vor Kurzem ganz
dieselbe Bemerkung in einem Gespräch mit Herrn Dr. Peters.
d. 10. November 1887.
Unser geräumigstes im ersten Stock gelegenes Krankenzimmer ist zum Lazaret
umgewandelt. Die Fellachen, die von Ägypten aus herbeigeschafft wurden,
um den Tabaksbau auf den deutschen Stationen zu leiten, haben sich als dem
Klima viel weniger gewachsen herausgestellt als unsere deutschen Herren,
während man gerade das Gegenteil erwartet hatte. Jetzt liegen die armen
Menschen hier vom Fieber geschüttelt. Ihr Führer, ein wohlhabender Araber
und Tabakspflanzer aus ~Ismaïla~, leidet schon seit Monaten an Dyssenterie
und sein Zustand scheint hoffnungslos. Leider habe ich ihn zu spät in die
Hände bekommen. Die anderen drei Kranken befinden sich in den fieberfreien
Stunden sehr wohl hier. In ihren feuerroten, von unseren Berliner Damen
genähten Hemden, sitzen sie mit kreuzweise untergeschlagenen Beinen auf
ihren Betten und lachen mich so freundlich an, wenn ich mich nach ihnen
umsehe. Sprechen kann ich nicht zu ihnen, denn sie verstehen nur arabisch.
Nachdem aber, was ich durch Frau Glühmann höre, ist ihre Ausdrucksweise
echt orientalisch. Einer beschwerte sich unwillig, als ihm während des
Fiebers kein Brot verabreicht wurde. Als aber der Anfall vorüber war,
dankte er in überschwenglichen Redewendungen für die gegen ihn ausgeübte
Strenge und gipfelte in den Worten: »wenn Du mir nun sagst, Du wollest mir
die Kehle durchschneiden, so soll es mir auch recht sein.«
d. 16. November.
Eben fuhr seine Hoheit der Sultan Bargasch ben Said an dem geöffnet
stehenden Thor meines Gartens vorbei. Das ist immer ein glänzender
Zug. Voran vier Paar rotuniformierte Vorreiter, dann zwei Offiziere der
Leibwache in Schwarz und Gold, alle auf prachtvollen arabischen Pferden.
Darauf folgt die geschlossene Equipage des Fürsten von vier schneeweißen
Rossen gezogen, dann eine zweite Equipage, in welcher sich vermutlich
einige Sultaninnen befinden. Den Schluß machen wieder zwei Paar feuerrote
Reiter. Der ganze Zug bewegt sich in sausendem Galopp und ist verschwunden,
kaum daß man einen Blick darauf geworfen hat. Der Sultan soll in letzter
Zeit sehr alt geworden sein.
Vor Kurzem habe ich mit den Herren Baron Gravenreuth und Baron St. Paul
einige reiche Indierinnen besucht, deren Ehemänner sehr darum gebeten
hatten. Man tritt von der engen Straße aus in den Laden dieser
Großhändler und Millionäre, in einen engen, düsteren Raum. In einer
Ecke liegt ein Haufen gewaltiger Elephantenzähne, der nach wenig aussieht,
denn die Zähne sind schwärzlich und unsauber, der aber einen ansehnlichen
Wert repräsentiert. Die Comptoiristen hocken auf dem Fußboden und haben
vor sich auf niederen, in Indien geschnitzten Holzschemeln die Kontobücher
liegen, Folianten, in rotem, dem Aussehen nach kostbaren Stoff gebunden.
Der Hausherr, der sich jedesmal sehr geehrt fühlte, führte uns dunkle
und steile Treppen hinauf nach seinem Salon, der ungefähr aussah wie der
Warenraum eines unserer kleinen Kaufleute. Glasschränke mit indischen
Luxusartikeln rings an den Wänden; in den Nischen eine Menge Porcellan auf
Wandbrettern, meist ein aus deutscher Fabrik stammendes blumiges Muster,
wie man es bei uns auf den Dörfern findet. Nun wurden die »Bibis«
herbeigerufen. Die Frauen des Djeta Wali kamen auch; aber die des Sewa
Hadchi konnten sich nicht entschließen. Sewa, ein höchst intelligenter
aber ebenso intriganter Herr, der für europäische Reisende die Karavanen
auszurüsten pflegt, hielt uns in Folge dessen einen erbaulichen Vortrag
über den himmelweiten Unterschied zwischen europäischen Frauen und
Orientalinnen. Eine derartige Visite bietet im Allgemeinen nichts
Interessantes, giebt aber den Indiern den Eindruck, daß wir Deutschen es
gut mit ihnen meinen.
d. 18. Nov. 1887.
Gute Nachrichten von Dar-es-Salaam. Bertha hat meine Sendung erhalten.
Sie hat täglich schwarze, arabische und indische Patienten; daneben
beaufsichtigt sie die Küche der Station. Die Herren Leue und Tschepe sowie
Herr Missionar Greiner und seine Damen sind Gott sei Dank alle wohlauf.
Herr Dr. Bley aus Usungula und Herr Schroeder von der
Plantagengesellschaft sind auf kurzen Urlaub in Zanzibar gewesen.
Beide arbeiten mit wahrem Fanatismus daran, ihre Niederlassungen zu
Musterstationen zu machen.
Herr Dr. Bley hat von Usungula einen Baumstamm mitgebracht, dessen
ebenholzschwarzes, festes Holz ihm der Beachtung wert scheint. Mein Bruder
ist auf dem Rückweg von Indien hierher begriffen, hat aber in Magadoxa
den Dampfer gewechselt, um die dem Sultan tributpflichtigen Häfen der
Somaliküste zu besichtigen.
Es ist eine wahre Genugthuung für deutsches Nationalgefühl, das
einmütige Schaffen und das energische, ernste Vorwärtsstreben unserer
Kolonialbeamten zu beobachten. Man sagt im Allgemeinen: wo drei Deutsche
sind, da sind auch drei auseinandergehende Meinungen. Die Beamtenschaft
unserer Deutsch-Ostafrikanischen Gesellschaft bietet gegenwärtig, Gott sei
Dank, ein entgegengesetztes Bild. Es sind da ja so ziemlich alle deutschen
Gaue vertreten: Lauenburger und Hamburger, Ostpreußen, Mecklenburger,
Schlesier, Berliner, Sachsen, Thüringer, Baiern und Würtemberger.
Alle stehen aber für einen Mann. Dieser musterhafte Corpsgeist erweckt
begründeter Weise bei den Außenstehenden ein Gefühl von Unbehagen, das
bei den uns auf Schritt und Tritt mit Argusaugen bewachenden Engländern
täglich zu wachsen scheint.
d. 20. Nov. 1887.
Ardili Effendi ist gestorben. Ich habe nichts versäumt, um den armen
Mann seiner in Ismaïla zurückgelassenen Familie zu erhalten und der
gute Dr. Marseille hat, obwol er wußte, daß die Mühe vergeblich war,
täglich den weiten Weg zu uns hinaus gemacht. Glühmann hat sich während
der sehr schweren Pflege musterhaft benommen.
Ardili Effendi hat während seiner dreimonatlichen Krankheit nach Aussage
seiner Untergebenen alles gegessen, was ihm in den Weg kam, insonderheit
Mangos und andere, schon Gesunden nicht sehr heilsame Früchte. Mit etwas
mehr Vorsicht hätte die eiserne Natur des Ägypters ohne Zweifel über die
Krankheit den Sieg davongetragen. Sein Grab ist am Strande des Meeres, in
der Nähe meines Gartens.
d. 22. November.
Wenn mich des Nachts die Hitze einmal nicht schlafen läßt, habe ich, wie
das in letzter Nacht der Fall war, eine Reihe von eigenartigen Concerten.
Um Mitternacht ungefähr erhebt ein frommer Muselmann, der eine Hütte am
Ende meines Gartens bewohnt, seine Stimme zu lautem Gesang. In eintöniger,
mir bereits vertrauter Melodie sendet er seine Koranverse in die Nacht
hinaus. Es ist eine junge, klangvolle Stimme. Leise secundiert ein
anderer Gläubiger aus der Entfernung. Sein Organ klingt greisenhaft.
Die mitternächtige Andacht dauert vielleicht eine Viertelstunde. -- Dann
ertönt das heisere Gebell eines Hundes; einer seiner Freunde beantwortet
es, und nach wenig Minuten hallt es ringsum wieder von wehmütigem,
vielstimmigen Geheul der schakalartigen wilden Hunde. Es ist, als suche
immer einer den anderen an Jammer zu überbieten -- eine schauerliche Fuge!
Aber auch diese Sänger verstummen wieder, »ihren Gram begrabend in der
untersten Tiefe.« Ich freue mich darüber und schlafe endlich ein. -- In
wundervollem rötlichen Gold sieht mir durch die offenen Fenster der Himmel
entgegen, wenn ich morgens erwache. Das erste Aufleuchten des Tages ist von
wunderbarer Schönheit hier. Die Papaïs und Palmenwedel schimmern feucht
in dem von den ersten Sonnenstrahlen berührten Nachttau und auf der
Schlucht am Kiungani-Felsen lagern blauweiße Nebel. Plötzlich erschallt
vielstimmiger Männergesang, so frisch und kräftig und so melodisch dabei,
daß ich mir sofort sage: da marschieren Deutsche und singen ein deutsches
Lied. Und so ist es auch. Die fröhlichen Sänger sind die Matrosen des
»Nautilus«, die in der Morgenkühle am Meeresstrand Übungen machen.
Eben kommen Herr Konsul O'Swald und Herr Dr. Peters durch das Thor
gefahren.
d. 23. Nov. 1887.
Als ich gestern Abend mit Herrn Dr. Peters und Herrn Konsul O'Swald
beim Abendessen in der Halle saß, meldete Abdallah einen Boten aus der
Tabaksplantage »Olga«. Dieser brachte für Herrn O'Swald ein Briefchen.
Mein Herr Nachbar durchlas es und machte ein bedenkliches Gesicht. Sein
Vertreter auf der Plantage schrieb, der Aufseher (ein Thüringer, namens
Frey) sei plötzlich schwer am Fieber erkrankt. Er habe eine Temperatur
von 40 Grad, sei äußerst deprimiert und glaube sein Ende gekommen. Herr
O'Swald möchte doch so gut sein, den Kranken so rasch als möglich per
Wagen nach Zanzibar schaffen zu lassen.
Soweit der Inhalt des Briefes, mit dem der Bote natürlich zuerst in
Zanzibar gewesen, mithin schon eine geraume Zeit unterwegs war. Ich schlug
Herrn O'Swald vor, den Kranken hierher zu bringen und mir zu überlassen.
Dies war eine wesentliche Kürzung der in keinem Falle einem Fieberkranken
förderlichen Nachtfahrt, denn meine Schamba liegt gerade auf halbem
Wege zwischen Zanzibar und der Plantage »Olga«. Herr O'Swald, dem die
bedeutende Vereinfachung der Sache auch einleuchtete, ging sehr gerne auf
diesen Vorschlag ein. Wir trugen rasch Decken und Plaids herbei und, da der
Wagen unten stand, konnte er ungesäumt nach der Plantage fahren.
Frau Glühmann und ich ließen es uns unterdessen angelegen sein, das
Krankenzimmer im oberen Stock in Bereitschaft zu setzen. Herr und Frau
Glühmann liefen geschäftig treppauf, treppab. Sie überboten einander an
Eifer, denn diesmal galt es, einem Landsmann Hülfe zu schaffen. Als ich
im befriedigenden Bewußtsein, daß Alles in Ordnung, zu meinem allein
gebliebenen Gast in die Halle zurückkehrte, sagte Herr Dr. Peters mit
ironischem Lächeln: »Sie freuen sich wol ordentlich, wenn jemand wieder
krank geworden ist?« Herr Dr. Peters denkt über das Krankwerden wie die
~mère supérieure~ vom Hospital vom heiligen Geist und vom heiligen Herzen
Mariä. Auch er meint, daß man in den meisten Fällen im Stande sei, durch
Kraft des Willens eine Krankheit im Entstehen niederzukämpfen.
Nach kaum dreiviertelstündigem Ausbleiben kam mein wackerer Nachbar mit
seinem Kranken, den er nach Möglichkeit eingepackt hatte und mit einem
Arm festhielt, während er den anderen zum Handhaben der Zügel brauchte,
zurück. Der Kranke klapperte trotzdem in heftigem Schüttelfrost und wurde
schleunigst zu Bett gebracht. Glühmann hat nachts bei ihm gewacht.
Heute Morgen kam, von Herrn Konsul O'Swald geschickt, der gute
Dr. Marseille, der den Kranken bat, sich vollständig zu beruhigen und im
übrigen mit unseren Einrichtungen sehr einverstanden war. Ich habe nach
dem Muster derjenigen im Augusta-Hospital Temperaturbögen angefertigt.
Diese befestige ich an der Wand, so daß der Arzt sie bequem übersehen
kann, und bezeichne mit Rotstift dreimal täglich die Blutwärme des
Patienten, solange sie nicht normal ist. »~Voilà ce qui est bien!~«
sagte Dr. Marseille, als er dies bei dem verstorbenen Ardili Effendi zum
ersten Mal sah, »~on voit ce qui se passe~!«
d. 24. Nov. 1887.
Gestern ist mein Bruder angekommen. Körperlich und geistig erfrischt durch
die ihm in Indien und auf der Reise gewordenen heiteren Eindrücke. Er ist
in Bombay von Sr. Königl. Hoheit dem Herzog von Connaught sowie von dem
Gouverneur der Hauptstadt, Lord Ray, sehr freundlich empfangen worden, hat
überhaupt weit mehr gesellige Vergnügungen gefunden, als er erwartete.
Während seines vorübergehenden Aufenthalts in Zanzibar wohnt er bei mir
auf der Schamba, was meinem Haus für mich eine ganz heimatliche Färbung
verleiht. Herrn Frey's Fieber scheint normal zu verlaufen. Heute haben wir
auch Omar Abdallah, den letzten unserer Ägypter, als geheilt entlassen
können.
d. 28. Nov. 1887
Die Regenzeit ist in diesem Jahre spät eingetreten und dauert lang. Dabei
herrscht eine Hitze, die selbst für Zanzibar ungewöhnlich sein soll.
Dr. Marseille erzählt, es sei in der Stadt jetzt fast in jedem Hause
Fieber. --
Aus Berlin schreibt man mir, ich solle meinen Haushalt hier sofort
auflösen, mich mit den Sachen direkt nach Pangani begeben und dort an die
Einrichtung einer Pflegestation gehen. In Zanzibar werde die evangelische
Missionsgesellschaft ein Krankenhaus einrichten und ich solle ihr die
Thätigkeit hier allein überlassen.
Ich sprach mit den hiesigen Autoritäten über eine eventuelle Reise
per Dau nach Pangani und über die Quartierverhältnisse dort. Da der
herrschende Nordostmonsum das Segeln nach dem nördlich von Zanzibar
gelegenen Pangani äußerst schwierig macht, und da in Pangani überdies
gegenwärtig nicht der bescheidenste Raum für uns vorhanden ist, muß ich
die Reise dorthin bis zum April oder Mai aufschieben. Vorderhand bin ich
auch durch meinen Kranken ans Haus gefesselt.
d. 2. Dec. 1887
Wir haben wieder einen Kranken aufgenommen, und es ist diesmal ein ernster
Fall. Herr Stephens, ein junger Hamburger, der in Angelegenheiten des
Hauses Ww. O'Swald und Comp. die Somaliküste bereist hat und auf
demselben Schiff wie mein Bruder hierher zurückgekehrt ist, erkrankte
bereits unterwegs, ohne daß der Kapitän, ein Graf Pfeil, oder mein Bruder
die Ursache seines Leidens zu erkennen vermochten. Heute Morgen ist er
auf einer Krankentrage hierher gebracht worden. Da die evangelische
Missionsgesellschaft noch kein Haus gemietet hat, also ihre Thätigkeit
hier noch nicht beginnen kann, durfte ich ruhig den Patienten aufnehmen,
ohne mir den Vorwurf zuzuziehen, in die Rechte jener eingegriffen zu haben.
Herr Dr. Marseille erklärt das Leiden für ein bösartiges Geschwür im
Unterleib. Der Kranke hat Tag und Nacht heftige Schmerzen und kann es in
liegender Stellung kaum aushalten. Dabei ist er ein Muster an Geduld und
Sanftmut. Ich habe noch kein Wort der Klage aus seinem Mund gehört.
d. 4. Dec. 1887
Herr Dr. Peters ist mit dem Nautilus nach Norden gefahren, um den
Stationen Pangani, Deutschenhof u. s. w. einen Besuch zu machen.
Ich werde dann wol auch die erwünschten Details über die
Quartierverhältnisse in Pangani zu hören bekommen. Herr Stephens ist sehr
krank. Er hat ununterbrochenes langsam, aber stetig steigendes Fieber, eine
Folge der örtlichen Entzündung. Heute habe ich den Marinearzt auf der
Möwe, Herrn Dr. Koch, bitten lassen, Herrn Dr. Marseille mit seiner
Meinung zu unterstützen, da es sich um Leben und Tod handelt. Beide Herren
Ärzte kamen in dem O'Swald'schen Wagen bei strömendem Regen angefahren,
so daß, als sie eintraten, die langen Mäntel trieften. Herr Dr. Koch
fragte den Kranken aus und besprach sich längere Zeit mit dem Pariser. Er
ist der Ansicht, daß nur eine Operation den Patienten retten kann. Herr
Dr. Marseille stimmte bei, gab aber zu bedenken, daß diese Operation
selbst gefährlich sei. Herr Dr. Koch, der ebenso entschieden ist, wie der
Andere vorsichtig, zuckte die Achseln und sagte: »wir haben keine Wahl.«
Nachmittags kam Herr Dr. Koch noch einmal allein, untersuchte den Kranken
aufmerksam und ersuchte mich, einige ihm wichtig scheinende Änderungen in
betreff der Behandlung vorzunehmen.
Herr Frey ist sein Fieber glücklich los und durfte schon im Garten
umherspazieren zu seiner großen Freude. Wir glaubten ihn bald entlassen
zu können, statt dem stellte sich ein anderes Leiden bei ihm ein, was
ihn vermutlich noch einige Wochen ans Bett fesseln wird. Es ist eine
Leistengeschwulst, unter der die Europäer hier vielfach zu leiden haben,
und die, wie ich glaube, durch zu rasches Gehen verursacht wird. Ohne
bedenklich zu sein, kann das Leiden recht schmerzhaft werden und erfordert
meist einen operativen Eingriff. Herr von St. Paul, mein Bruder, Herr
Lieutnant Giese und Andere haben viel damit zu thun gehabt.
d. 8. December 1887
Erfreulicher Weise ist von dem Moment an, daß Herr Dr. Koch sich
meines Kranken annahm, eine ganz auffallende Besserung in dessen Zustand
eingetreten, was niemand freudiger anerkennt als der arme Herr Stephens
selbst. Das Fieber sinkt allmählich und die Schmerzen haben unter den
verordneten Eiscompressen ebenfalls abgenommen. Der Patient, der heute
seine Hühnersuppe mit Appetit verzehrte, sagte mir ganz erfreut: »Sowie
ich das Gesicht von Herrn Dr. Koch vor mir sah, ist mir Hoffnung und
Lebensmut zurückgekommen!« Der Kranke ist so geduldig und liebenswürdig,
daß er auch meines Bruders Teilnahme in hohem Grade erweckt hat. Herr
Consul O'Swald läßt übrigens auch keinen Tag vergehen, ohne sich
nach ihm umzusehen und ihm Mut zuzusprechen. Herr Dr. Koch, der leider
demnächst mit der Möwe fortfährt, meint, mit der ins Auge gefaßten
Operation könne in Folge dieser unerwartet günstigen Wendung gewartet
werden.
Mein Bruder und Baron Gravenreuth machen mir ernstliche Vorstellungen
darüber, daß ich mir nicht genügend Bewegung schaffe und gar nicht
mehr in's Freie komme. Ich gehe dafür im Haus treppauf, treppab; das muß
genügen. Abends, wenn ich mit meinem Bruder in der Halle beim Essen sitze,
treiben wir Insectologie. Jeder Teller und der ganze Eßtisch wimmelt
von kleinen, größeren und ganz großen geflügelten und ungeflügelten
Ameisen. Zwischen diesen flinken Gästen spazieren Käfer von mancherlei
Gestalt und Farbe. Laut brummend und mit den Flügeln klappernd,
umschwirren »langbeinige Cikaden« unsere Lampen; andere drehen sich wie
ein Brummkreisel auf dem Tisch und summen dazu wie ein Kessel, der Dampf
ausläßt. Neulich fing Abdallah auf dem Büffet ein Fledermäuschen und
brachte es uns. Er hielt das Tierchen an den Enden der ausgespannten,
durchsichtig weißen Flügel, der Körper war mit einem weißen Fellchen
bekleidet, das Köpfchen hellbraun. Unter den nach vorne gerichteten
braunen Öhrchen hervor sahen uns ein paar erschrockene Äuglein an. Wenn
ich das niedliche Tierchen streichelnd berührte, zuckte es ängstlich
zusammen. Wir ließen es bald wieder in die Dunkelheit hinausfliegen.
Zuweilen hören wir ein lautes Aufklopfen, einmal auf dem Stubenboden,
einmal auf dem Tisch in rascher Folge. Dann bemerken wir einen hüpfenden
braunen Körper, der sich bei näherem Hinsehen als Maulwurfsgrille
kennzeichnet. Es hilft nun nichts, wir müssen uns schon mit diesem
zudringlichen Volk befreunden.
Unangenehmer ist es, daß hier Rost und Schimmel ihr Wesen mit einer
geradezu unheimlichen Geschäftigkeit treiben. Jedes Stückchen Leder,
jeder Schuh, jedes Futteral, jedes Buch präsentiert sich, wenn man es
drei oder vier Tage vertrauensvoll sich selbst überlassen hat, mit dichten
grünen Schimmelwaldungen überwachsen. Jedes Stückchen Metall hüllt sich
in Rostbraun. Erfolglos hantiere ich mit Öl, Vasseline und Abwischtüchern
herum, die Natur arbeitet hier gar zu eifrig. Man ist zuweilen versucht,
die Hände zusammenzulegen und sich für überwunden zu erklären.
»Hoffnungslos
Weicht der Mensch der Götterstärke!
Hilflos sieht er seine Werke,
Und bewundernd, untergeh'n.«
d. 9. Dezember 1887.
Heute mußte sich nun auch mein Bruder legen. Die Leistenanschwellung, die
er bis jetzt mit Gewalt ignoriert hat, ist sehr schmerzhaft geworden und
wird demnächst geschnitten werden müssen. Ich selbst kann ein Gefühl
des Unbehagens nicht recht abschütteln und fange an, zu glauben, daß die
Herren Recht haben, wenn sie mich drängen, spazieren zu gehen. Ich werde
mich auch dazu aufraffen. Heute habe ich mich den Herren Flemming und
Baron Gravenreuth zu einem schönen Spaziergang durch Wiesen und Reisfelder
angeschlossen. Auf den Korallenklippen längs des Meeres hin unterhalb des
~Kiungani~-Felsens und am Pulvermagazin vorbei, kehrten wir zurück. Den
Kranken geht es verhältnißmäßig gut.
d. 11. Dez. 1887.
Den Nachmittagskaffee oder Thee nehmen wir jetzt in dem kleinen Zimmer
meines Bruders, an dessen Bett, ein, und das ist stets die heiterste Stunde
des Tages. Heute, als wir eben beim Theetrinken waren, meldete Abdallah
Herrn Dr. Koch. Dieser hatte sich bereits meine anderen Kranken angesehen
und trat nun bei uns ein. Meinen Bruder (den ich mit feuchten Umschlägen
behandelt hatte) sehen, ihn untersuchen und nach einem scharfen Messer
verlangen, war eins. Ich hatte mein chirurgisches Besteck zur Hand. Im
Handumdrehen verschwand das Theeservice und die Bisquitkiste. An
deren Platz wurden die Schalen mit Karbollösung etc., Jodoformpulver,
Holzwollwatte und was sich sonst gehört, auf das Tischchen gestellt. Der
Doktor schnitt, wusch sich die Hände und verabschiedete sich, während ich
Verband anlegte. Der ganze Vorgang ging so unbeschreiblich schnell und kam
so unvorbereitet, daß mein Bruder und ich, als wir uns besannen, laut und
herzlich zu lachen anfingen.
d. 21. Dez. 1887.
So, nun bin endlich auch ich an die Reihe gekommen. Es ging mir wirklich
mit dem Fieber wie jener bekannten alten Dame mit dem Diebe, das heißt,
nachdem ich es nun seit sechs Monaten erwartet hatte, empfing ich es mit
dem Gefühl: »na endlich!« Am zwölften, Abends, bemerkte mein Bruder,
als ich nicht essen mochte und etwas aufgeregt sprach, er vermute stark,
daß ich Fieber habe. Daraufhin holte ich nicht ohne Neugierde den
Fiebermesser, welcher eine Temperatur von 38,5 ergab, also leichtes Fieber.
Ich konstatierte dies erstmalige Eintreten desselben mit einer gewissen
moralischen Genugthuung, denn warum sollte
»ich allein
unter Leiden glücklich sein?«
Am nächsten Morgen wollte ich nach einer ruhig verschlafenen Nacht wie
gewöhnlich aufstehen, aber kaum hatte ich mich aufgerichtet, so erfolgte
zu meinem Erstaunen überaus heftiges Gallenerbrechen. Taumelnd legte ich
mich zurück und merkte, daß ich liegen bleiben mußte. Die Temperatur
schwankte vier Tage lang zwischen 39,5 und 40,5; Pausen gab es gar nicht.
Die Gemütsdepression, die ich am meisten fürchtete, trat indessen
nicht ein; das objektive Interesse an den Krankheitserscheinungen blieb
vorherrschend. Während der drei ersten Tage hatte ich das eigentümliche
Gefühl, aus lauter einzelnen, lose aneinander gelegten Stückchen zu
bestehen; auch zogen in bunter Reihe unzählige Bilder an mir vorüber,
immer mit Musikbegleitung, und ich wunderte mich dabei, daß Bilder und
Musik stets überaus anmutig waren, während den Berichten Anderer zufolge
Fieberfantasien mehr beunruhigender Natur zu sein pflegen. Mein Bruder, dem
ich dies mitteilte, sagte lächelnd: »Du fantasierst ja!«, ich habe aber
nicht einen Moment das Bewußtsein verloren.
Viel schlimmer als das Fieber selbst finde ich die nachfolgende Schwäche.
Von einem so hohen Grad von Kraftlosigkeit habe ich mir in der That nie
einen Begriff gemacht! Ich besinne mich fünf Minuten, ob ich es wagen
soll, einmal an's andere Ende des Zimmers zu gehen, denn diese
Anstrengung bringt eine Erschöpfung hervor, daß die Knie zittern und
der Angstschweiß von der Stirne läuft. Auch jetzt, während ich die
Buchstaben langsam male, zittert meine Hand so sehr, daß alles krumm und
zackig wird.
d. 23. Dez. 1887.
Herrn Stephens geht es zu meiner nicht geringen Freude von Tag zu Tag
besser. Herr Dr. Marseille, der selbst ganz verwundert darüber ist, sagte
ihm gestern, als er ihn besuchte: »~On peut féliciter, monsieur, vous
êtes revenu de bien loin.~«
Ich bin übrigens tief gerührt durch die nur von Zanzibar aus gewordene
Teilnahme. Während ich noch lag, haben mich sowol die Schwestern vom
katholischen Hospital, Albrechts besondere Freundinnen, als auch die von
der evangelischen Mission besucht. Fräulein Rentsch konnte natürlich
nicht umhin, mich etwas auszulachen. »Sehen Sie wol«, sagte sie, »und
wie haben Sie immer das große Wort gehabt!«
d. 25. Dez. 1887.
Alle meine Festpläne sind durch das Fieber vereitelt worden, dessen Folgen
sich noch immer in sehr störender Weise bemerklich machen. Frau Glühmann
hat aber Pfefferkuchen gebacken und echt deutsche Weihnachtsstollen.
Auch bin ich gestern selbst im feuchtheißen Garten gewesen, um ein
Orangenbäumchen zum Christbaum auszusuchen. Wir haben es mit
buntem Papier, Pfefferkuchenherzen und den schönen, leuchtend roten
Pfefferschoten geschmückt.
Gestern Abend holte Herr Konsul O'Swald meinen Bruder und mich in seinem
Wagen nach dem Usagara-Haus, wo sämtliche gerade anwesende Beamte der
Deutsch-Ostafrikanischen Gesellschaft zu einem kleinen Diner versammelt
waren. Freiherr v. Eberstein, der vor Kurzem erst vom ~Kilima Ndjaro~
hierher zurückgekehrt ist (eine Fußreise von 23 Tagen!), hatte Hof-
und Treppen-Aufgang geschmackvoll mit Palmenzweigen und bunten Lampions
dekoriert. Auf der Tafel prangte aber als Christbaum ein wirkliches
Tannenbäumchen, welches der jüngere Herr O'Swald vor einigen Tagen auf
seinem Dampfer »Zanzibar« von der Heimat mit herübergebracht hatte.
Wir brannten kleine Tannenzweige an, aßen von dem von Frau Glühmann
gebackenen Pfefferkuchen und versetzten uns im Geist nach Deutschland. Zu
meinem Bedauern mußte ich sehr bald aufbrechen, da ich mir noch nicht die
geringste Anstrengung zumuten darf.
d. 26. Dez. 1887.
Frau Glühmann kam heute Vormittag weinend zu mir. Ihr Mann liegt seit
gestern Abend an leichtem Fieber, doch da das hier zu den alltäglichen
Vorkommnissen gehört, legte ich kein Gewicht darauf. Jetzt berichtete
die Frau so bedenkliche Symptome, daß ich annehmen mußte, einen »~cas
pernicieux~«, wie unser Doktor sagt, vor mir zu haben. Ich tröstete die
vor Schreck und Aufregung Zitternde, so gut ich konnte, und erlaubte ihr,
sofort selbst nach Zanzibar zu gehen. Unterdessen mußte ich freilich, so
zerbrochen ich mich auch noch fühlte, meine Kranken und die Küche allein
besorgen. Herr Stephens, der bereits aufgestanden ist, versprach aber in
der liebenswürdigsten Weise, sich um Herrn Frey zu kümmern, und meine
treuen Schwarzen wetteiferten miteinander, mir die Arbeit in der Küche
möglichst leicht zu machen. So ging es ganz gut. Frau Glühmann hatte
sich indessen zu dem allgemeinen Vertrauensmann, ~Père~ Acker, begeben und
diesen um Rat gefragt. Père Acker hatte ihr gesagt, sie möchte dem Doktor
Marseille ruhig vertrauen. Sie wandte sich nun an diesen und der Doktor
kam sofort. Er fürchtete ein perniziöses Gallenfieber, konnte oder wollte
indessen noch nichts Bestimmtes sagen. Im Verlauf des Tages wurde der
Kranke am ganzen Körper zitronengelb und ebenso färbte sich das Weiße
in den Augen. Er warf sich laut stöhnend umher und klagte über
unerträgliche innere Hitze. Die arme Frau weinte bitterlich und war nicht
zu bewegen, ihren Mann auch nur auf ein Viertelstündchen zu verlassen. Ich
schickte nochmals nach dem Arzt, der noch am Abend kam. Seine Befürchtung
war eingetroffen. Er suchte seinerseits die verzweiflungsvolle Frau zu
beruhigen und verordnete kalte Vollbäder, Eiskompressen und als Nahrung
nur Milch und geeisten Champagner. Ich hatte mich tagsüber angestrengt und
war bei dem besten Willen nicht im Stande, die Nachtwache zu übernehmen.
Ebensowenig durfte ich sie der Frau überlassen, die der Schmerz halb
von Sinnen zu bringen schien. Ich schrieb daher an Fräulein Rentsch,
die Krankenpflegerin der evangelischen Mission, und bat sie, mir, wenn
möglich, in der bevorstehenden Nacht zu helfen. Schwester Rentsch schickte
mir ihre Gehilfin, die Diakonissin Schwester Auguste. Diese macht durch
ihr ruhiges und festes Auftreten einen wohlthuenden Eindruck. Sie meinte
übrigens, der Kranke würde kaum die Nacht überleben.
d. 27. Dez. 1887.
Die Nacht war schlimm, wie Schwester Auguste sagt, doch ist der Zustand des
Kranken unverändert. Als wir heute Morgen in der Halle frühstückten,
sah mein Bruder durch's Fenster nach dem Hafen und rief: »Da liegt der
Nautilus wieder!« Bald darauf -- Albrecht und ich standen im unteren Flur
unter der Haustür und sahen etwas besorgt nach dem Doktor aus -- kamen
Herr Dr. Peters und Herr v. Gravenreuth gefahren, um sich nach uns
umzusehen. Herr Dr. Peters, der nie an Seekrankheit leidet, dies
trübselige Übel überhaupt weder kennt noch anerkennt, ist von der
Meerfahrt sehr erfrischt zurückgekehrt und erzählte mancherlei von
Pangani, was mich interessierte.
Nachmittags kam die Post. Das war nun diesmal keine Weihnachtsfreude für
mich. Man ist in Berlin mit dem, was ich thue, unzufrieden und stellt
unausführbare Anforderungen.
Ich thue aber mit Überlegungen und mit Bewußtsein, was ich im gegebenen
Fall für das Rechte halte. Natürlich ist dadurch nicht ausgeschlossen,
daß ich irren kann.
d. 28. Dez. 1887.
Das war eine unruhige Nacht! Herr Dr. Peters holte auf seinem gestrigen
Nachmittags-Spaziergang meinen Bruder ab und nahm ihn mit nach der Stadt,
wo er im Kreise der Kameraden den Abend zubringen wollte. Herr O'Swald kam
Nachmittags mit seinem Wagen, um den wieder ganz munteren Herrn Stephens
nach Zanzibar zu befördern. Kurz nachdem Alle fortwaren, kam der nach Eis
ausgeschickte Bote zurück mit der Nachricht, der Sultan gäbe ein Fest,
infolgedessen sei heute kein Eis zu bekommen. Als sie dies erfuhr, geriet
Frau Glühmann derartig außer sich, daß es weder Schwester Auguste noch
mir gelang, sie auch nur einigermaßen zu besänftigen. Sie wollte
durchaus selbst nach der Stadt laufen und dort alles aufbieten, um Eis
herbeizuschaffen. Selbstverständlich konnte hieran nicht gedacht werden,
denn sie befand sich in einem Zustand von Übermüdung und fieberhafter
Aufregung, daß ich jeden Augenblick ein völliges Zusammenbrechen
ihrerseits erwartete. Ich schickte einen Boten nach dem Usagara-Haus mit
ein paar Zeilen für meinen Bruder, dem ich unsere Not vortrug und ihn bat,
sein Möglichstes zu thun. Inzwischen badeten wir den Kranken und machten
ihm feuchte Umschläge; aber er jammerte unausgesetzt nach Eis, ohne
welches er verbrennen müsse. Es wurde Abend, und ich quartierte Schwester
Auguste, die sich tagsüber wenig Ruhe gegönnt hatte, in mein Zimmer ein,
wo sie sich auch bald zur Ruhe begab. Frau Glühmann dagegen widerstand
all' meinem Drängen, ein Gleiches zu thun. Sie, die sonst die Fügsamkeit
selbst war, ist wie ausgetauscht. Ich ließ schließlich ihr Bett in das
Krankenzimmer tragen und setzte es durch, daß sie sich hier wenigstens
niederlegte. Um zehn Uhr endlich kam die ersehnte Antwort meines Bruders,
aber auch er hatte trotz eifriger Bemühungen und trotzdem er einen Boten
an den Sultan geschickt, nichts erreichen können.
So groß die Not nun auch war, so fehlte es doch selbst dieser schlimmen
Nacht nicht an scherzhaften Momenten. Gegen Mitternacht hörte ich schon
in der Ferne das lustige Pfeifen meines Bruders, mit dem er sich die in
der Nacht zuweilen lästigen wilden Hunde fern zu halten pflegt. Mit
aufmerksamen Ohren verfolgte ich sein Näherkommen. Ich hörte, wie er
erst das Gartenpförtchen schloß, dann die Hausthüre auf- und wieder
zuschloß, und wie er in gewohntem raschen Schritt die Treppe heraufkam.
Aber statt nun, wie ich erwartete, mich im Krankenzimmer aufzusuchen,
wandte er sich von dem großen Mittelzimmer aus nach links, wo er gar
nichts zu suchen hatte und dann hörte ich ihn zu meinem lebhaften
Erstaunen in deutscher Sprache laut sprechen. Plötzlich dämmerte mir ein
Licht auf. Eilig ging ich nach meinem Schlafzimmer und richtig, da saß er
auf dem Sessel neben meinem Bett, um gewohnter Weise seiner vermeintlichen
Schwester Bericht über die Eindrücke des Abends zu erstatten. Wer
aber hinter den dichten Musketieren diesen Bericht in tiefem Schweigen
entgegennahm, das war die arme Schwester Auguste.
Ich rief: »Aber Albrecht! Wo bist Du denn?!« Das wirkte, und er war
schnell genug aus dem Zimmer. Ich sprach der Schwester mein Bedauern über
die nächtliche Störung aus, sie zeigte aber zum Glück den besten Humor
und versicherte mir, sie werde sogleich wieder einschlafen.
Beruhigt kehrte ich zu meinem Kranken zurück. Dort war inzwischen auch
Albrecht angelangt und kündigte mir an, er werde nun die Wache für
mich übernehmen. Herr und Frau Glühmann waren unterdessen in ihrer
Herzensangst darauf verfallen, daß ein Bote, der um Mitternacht nach der
Eisfabrik geschickt würde, möglicher Weise um zwei oder drei Uhr
morgens schon Eis bekommen könne und sie flehten mich an, diesen Plan
auszuführen. Ich wußte, daß der Versuch vergeblich sein würde, auch
waren meine Leute tagsüber so viel nach der Stadt und zurück gelaufen,
daß ich nicht Lust hatte, sie auch nachts noch für nichts und wieder
nichts herum zu jagen. Dies setzte ich dem Kranken auseinander und redete
ihm zu, noch Geduld zu haben, bis der Tag anbräche. Glühmann antwortete
in seiner krankhaften Erregung heftig, worauf mein Bruder ihn in strengem
Ton zurechtwies, ein Ton, der störrigen Rekruten oder Schwarzen gegenüber
besser angebracht sein mochte, als bei einem Schwerkranken, und der
jedenfalls nicht einem berufenen Krankenpfleger angehörte. Dies durfte
natürlich nicht so weiter gehen und ich bat meinen Bruder dringend, sich
schlafen zu legen. Albrecht wollte es aber wenigstens nicht bequemer haben
als ich und verstand sich auf mein Zureden nur dazu, sich im Nebenzimmer
auf den Fußboden zu legen, wobei er sich zum Schutz gegen die Muskitos mit
einem Betttuch zudeckte. Bald hörte ich jedoch an seinen kräftigen und
regelmäßigen Atemzügen, daß er schlief.
Um halb sechs Uhr, sobald der Morgen dämmerte, rief ich meinen Bruder und
bat ihn, einen der Schwarzen zu wecken und schleunigst nach der Stadt
zu schicken. Albrecht ging hinunter und ich öffnete das Fenster, um die
kühle, erquickende Morgenluft einzulassen. Auf einmal sah ich eine dunkle,
gänzlich unbekleidete Gestalt in großen Sprüngen durch den Garten eilen,
der übrigens noch in fahlem Dämmerlicht lag, und im Negerhäuschen
am Eingang verschwinden. Gleich darauf kam Albrecht wieder herauf und
erzählte lachend, er habe unfreiwillig großen Schrecken erregt. Als er
nämlich seiner Meinung nach den ersten besten Schwarzen beim Rockzipfel
gepackt habe, um ihn aus dem Schlaf zu rütteln, sei dieser, das Gewand
in seiner Hand lassend, in jähem Schrecken aufgesprungen und mit der
Schnelligkeit eines Hirsches davongelaufen. Ihm sei nämlich statt des
Dieners eine unserer Wasserträgerinnen in die Hände geraten.
Der Richtige hatte sich indessen auf den Weg gemacht und wurde mit
Sehnsucht zurückerwartet. Als er aber nach einer Stunde zurückkam,
brachte er doch kein Eis! dieses sollte erst um neun Uhr zu haben sein.
Die Verzweiflung meines unglücklichen Patienten über dies verlängerte
Warten ist nicht zu beschreiben und meine Kraft, sein Jammern anzuhören,
ohne Hülfe schaffen zu können, war vollständig am Ende. Ich erlaubte
Frau Glühmann aufzustehen, maß die Temperatur des Kranken, die
wunderbarer Weise etwas gesunken war, gab ihm eine Gabe Chinin, die er nur
mit großem Widerstreben nahm, und legte mich auf einen Rohrsessel in die
nächste leerstehende Stube. Hier schlief ich sofort ein.
Mein Bruder weckte mich, als um neun Uhr der Arzt kam. Dieser war mit dem
Zustand des Kranken sehr zufrieden und meinte, das Bedenklichste sei jetzt
wirklich sein gänzliches moralisches Zusammenbrechen. Wenn ich ihn dazu
bekommen könnte, sich etwas aufzuraffen und Mut zu fassen, so sei ein
Besserwerden gar nicht ausgeschlossen. Als bald darauf der Diener das
schmerzlich entbehrte Eis brachte, atmete ich auf. Es schien mir, als
müsse nun Alles eine Wendung zum Guten nehmen.
Mein Bruder, dessen heitere Stimmung durch die unruhige Nacht durchaus
nicht gelitten hatte, erzählte mir fröhlich, er habe vor einer
Stunde etwa mit Schwester Auguste zusammen gefrühstückt. Sie sei
sehr unterhaltend und liebenswürdig gewesen, also habe sie ihm seinen
nächtlichen Überfall wol nicht übel genommen. Sie war, da sie den
Kranken wohler gefunden hatte, nach Zanzibar zurückgekehrt.
d. 10. Januar 1888.
Das neue Jahr habe ich in heftigem Fieber angefangen. Mein Bruder ist
nach der Station Petershöhe gereist, während ich noch zu Bett lag.
Herr Dr. Peters ist heut in Begleitung der Herren Baron St. Paul und
Regierungsbaumeister Hörneke auf der Zanzibar abgereist, um sich nach
Berlin zu begeben. Mit dem Herrn Regierungsbaumeister Hörneke, der bis
jetzt Chef der Station Pangani war, habe ich noch vom Bett aus eingehend
über die geplante Einrichtung einer Pflegestation dortselbst sprechen
können. Wenn ich Erlaubnis und Mittel zum Bau eines einfachen, auf
Pfählen erhöht stehenden Holzhauses erlange, kann ich im Frühjahr, sowie
der Südwestmonsum wieder eingesetzt hat, ans Werk gehen. Dazu helfe Gott.
-- Gegenwärtig bin ich matt, wie eine Fliege im Winter.
d. 12. Januar 1888.
Bertha, meine wackere Gehülfin, ist gleichzeitig mit mir in Dar-es-Salaam
schwer krank gewesen. Sie hat sich indessen, Dank ihrer guten Natur, rasch
wieder aufgerichtet und soll, sobald sie gute Reisegelegenheit findet,
hierherkommen, um sich bei mir auszuruhen und zu erholen.
Glühmann, der schon wieder im Garten spazieren gehen durfte, ist leider
aufs neue erkrankt, und zwar an einer Nierenentzündung. Dr. Marseille
verordnete täglich ein heißes Bad und die äußerste Vorsicht gegen
Zugluft. Genießen darf der Kranke nichts als Milch.
Meine Wasserträgerinnen haben heute gestrikt. Infolge ihrer
Arbeitseinstellung wollte Frau Glühmann die männliche Dienerschaft
veranlassen, Wasser zu holen. Aber es geht gegen das Ehrgefühl der
Schwarzen, eine Weiberbeschäftigung, und als solche gilt das Wassertragen,
zu verrichten. Die Schwarzen kamen zu mir, und hielten mir mit lebhaften
Gesten und Mienenspiel einen Vortrag darüber, sie seien zum Stuben
reinmachen, zum Fegen, Aufwarten bei Tisch, zur Küchenarbeit und zum
Botengehen da, aber nicht zum Wassertragen, und das thäten sie nicht. Ich
lachte sie aus, was bei den Schwarzen immer von vorzüglicher Wirkung ist,
und frug, ob sie denn ebenso unverständig sein wollten, wie die
Weiber. Mit jenen wollten wir uns schon auseinandersetzen, oder andere
Tagelöhnerinnen mieten. Heute aber sei Wasser nötig, besonders für den
Kranken, und ob sie denn wollten, daß Frau Glühmann und ich selber das
Wasser aus der Cisterne holen sollten? Im übrigen würde ich jedem, der
heute als Freiwilliger fleißig Wasser trüge, einige Pesa schenken. Damit
waren die Schlingel zum Glück einverstanden, grinsten mich freundlich
an und sagten: »Du hast wohl gesprochen, ~Bibi~, wir werden thun, was Du
willst.« Der treffliche Abdallah, der meine Leute musterhaft in Ordnung
hielt, ist ernstlich krank. Er fehlt mir überall.
d. 15. Jan. 1888
Herr Leue und Bertha Wilke, unsere Pflegerin, sind über Bagamoyo nach
Zanzibar gekommen, um sich hier etwas aufzufrischen. Das durchgemachte
schwere Fieber hat weder Bertha noch mich grade verschönert, was ja
vorauszusehen war; aber das lebhafte junge Mädchen war, als wir uns
wiedersahen, so betroffen über die Veränderung in meinem Aussehen, daß
sie in heftiges Weinen ausbrach. Ihre Nerven scheinen einen starken Stoß
erlitten zu haben. Ich werde sie nun zunächst in jeder Weise schonen,
damit sie sich ganz erholt.
Dagegen geberdet sich der aus ~Dar-es-Salaam~ ausgeführte Diener Boheti
ganz unsinnig vor Freude, als er seinen »~bana Rubwa~« wiedersah. Die
reine Pudelnatur! Er biß sich beinah in beide Ohren und sein dummes
Gesicht strahlte in Seligkeit. Ich bot Herrn Leue, der, um nach meiner
Schamba zu kommen, einen heißen Weg gemacht hatte, einen kühlenden Trunk
an, deutsches Bier, Limonade oder Sodawasser, was ich alles auf Eis stehen
hatte. Aber er verachtete diese Genüsse und fragte: »haben Sie keine
Madafu?« Er zog thatsächlich den Saft der Kokosnüsse, der ihm noch vor
wenig Monaten Widerwillen erregt hatte, den vaterländischen Getränken
vor. Spricht dies nicht für die Fähigkeit des Deutschen sich zu
acclimatisieren?! --
Herr Leue hat übrigens jenen entlaufenen Sclaven, für dessen Freilassung
er sich seinerzeit beim Wali von Dar-es-Salaam verwendet, schließlich dem
Anspruch erhebenden Besitzer abgekauft und als Hausdiener beschäftigt. Ich
freue mich für den armen Burschen.
d. 21. Januar 1888.
Bertha erholt sich, Gott sei Dank, von Tag zu Tag und ihr lustiges
Lachen und Schwatzen belebt schon wieder unser stilles Haus. Selbst die
Niedergeschlagenheit der armen Frau Glühmann, deren Mann noch recht krank
ist, hält dieser ungekünstelten Heiterkeit und Lebhaftigkeit nicht immer
Stand. --
Mein Aufenthalt in Ost-Afrika naht sich leider seinem Ende. Nach
den zwischen mir und meinem Vorstand in Berlin zu Tage getretenen
Meinungsverschiedenheiten mußte ich dem letzteren die Alternative stellen,
mir, was Einrichten neuer Pflegestationen betrifft, einigermaßen freie
Hand zu lassen, oder mich meiner Verpflichtungen zu entheben. Denn ohne
eine gewisse Freiheit der Bewegung bin ich bei der Schwerfälligkeit
des schriftlichen Verkehrs zwischen Berlin und hier nicht im Stand,
mit Aussicht auf Erfolg weiter zu arbeiten. Eine daraufhin in Berlin
einberufene Generalversammlung hat, wie mir telegraphisch mitgeteilt
worden, einstimmig gegen mich entschieden.
Von ärztlicher Seite wird mir dringend ein baldiger Klimawechsel
empfohlen, ich gedenke daher, obwol ich es weit vorziehen würde, bei
meinem Bruder zu bleiben, mit dem nächsten Sultansdampfer über Indien
nach Europa zurückzukehren, um, so Gott will, in nicht zu ferner Zeit die
mir ans Herz gewachsene Thätigkeit hier unter günstigeren Bedingungen
wieder aufnehmen zu können.
Ungern freilich lasse ich das kaum erst begonnene Werk im Stich und thue es
nur »der Not gehorchend, nicht dem innern Triebe.« -- Der Vorpostendienst
unserer Landsleute hier, er sei von welcher Art er wolle, scheint mir für
die Gewinnung und Festigung deutschen Einflusses von großer Wichtigkeit.
Es liegt auf der Hand, daß in diesen ganz unfertigen, in den ersten
Anfängen einer gesunden Entwickelung stehenden sozialen Verhältnissen das
Einzelwesen noch eine ganz andere Bedeutung hat, als in den Kulturstaaten
Europas. Darum möchte man auch nur die Besten der Nation, hier, wo
noch jeder Deutsche mehr oder minder als Repräsentant des Deutschthums
empfunden wird, beschäftigt sehen. Ich scheide mit dem Wunsch, daß mein
Platz im Interesse der Weiterentwickelung unserer Sache nur durch eine
wirklich gute Kraft ausgefüllt werden möge. Dann kann und wird aus
den von meiner Hand gelegten schwachen Keimen ein segenspendendes Werk
emporwachsen zur Ehre der deutschen Nation. Das walte Gott. --
[Illustration: Decoration]