Ich mußte an ~Marie Antoinette~ denken. --

Übrigens habe ich ein starkes Verlangen nach Schlaf und werde den

abendlichen Zauber Anderen überlassen.

Den 9. Juli.

Ich habe meinen Vorsatz doch nicht ausgeführt, mich vielmehr mit Bertha

den Franzosen: Dr. Marseille und seiner Frau und den Herren vom Konsulat

angeschlossen. Wir gingen am Sultanspalast vorüber zwischen der alten

Festung und der Duane nach dem umzäunten Festplatz. Jetzt entstieg starker

Kokosnuß-Ölgeruch den tausenden von brennenden Lämpchen. Eine große

Menschenmenge umringte uns, die sich aber weit stiller verhielt, als daheim

das brave Volk bei ähnlichen Gelegenheiten. Man belästigte uns nicht im

Geringsten. Andere Europäer fanden sich bald mit uns zusammen. Am

Meere stand eine große überdachte Festhalle. Dort hatte vormittags

der englische Generalconsul Mr. Holmwood auf einem prächtigen goldenen

Thronsessel sitzend, großen Empfang abgehalten und eine Festansprache

geredet. An dem wie ein Triumph-Bogen hergerichteten Eingangs-Thor standen

parsische und indische Comitee-Mitglieder, die der andrängenden Menge von

Schwarzen den Eintritt verwehrten, Indier, Parsen, Goanesen und Europäer

dagegen einließen. Die Europäer wurden als Ehrengäste ganz besonders

höflich eingeladen, doch näher zu treten. Meiner bemächtigte sich

ein vornehmer Parse, den eine rotblauweiße Schleife als zum Festcomitee

gehörend bezeichnete. Er nötigte mich in die Halle nach einer Reihe von

Stühlen, die den ersten Rang vorstellte. Dort wies er mir einen Sitz an

neben drei Damen, die er mir mit Stolz als »~parseen ladies~« vorstellte,

die hübscheste und jüngste als seine Frau. Diese Parsinnen sind klein.

Ihr Anzug gleicht der indischen Nationaltracht, nur zeigt er einen besseren

Geschmack. Meine Nachbarinnen trugen weiße reich mit weißem Schmelz

benähte Unterkleider von Seidendamast mit in sehr bunter Seide kunstvoll

gestickten Bordüren. Darüber shawlartige Überwürfe von schwerem gelben

Seidenstoff, die den Hinterkopf bedeckten und die glänzend schwarzen

Scheitel freiließen. Die hübsche Frau meines Führers begann in

fließendem englisch Conversation zu machen. Sie habe mich neulich bei

den Spielen auf der Mnasimodja gesehen, sagte sie, und den Wunsch gefaßt,

meine Freundin zu sein. Deshalb habe ihr Mann mich hergebracht so bald sie

mich am Eingang bemerkt habe. Sie sei jung verheiratet und erst seit wenig

Wochen von Bombay herübergekommen, da fühle sie sich in Zanzibar noch

recht einsam u. s. w. Zuletzt frug sie: ~are you english or french~.

Ich versicherte ihr mit Selbstgefühl, daß ich eine Deutsche sei, was sie

einen Augenblick zu überraschen schien. Sie faßte sich aber sogleich und

bemerkte: »O, wenn Sie eine Deutsche sind, dann sind Sie natürlich sehr

musikalisch.« Also von _dieser_ Seite kannte sie uns.

Mittlerweile hatte sich um uns her die ganze europäische Gesellschaft

eingefunden, so daß man nach links und rechts und ringsumher Grüße und

heitere Bemerkungen auszutauschen hatte. Auch die Consuln waren erschienen

und zwar in Uniform. Mr. Holmwood hatte die Consuln und Herrn Dr. Peters

zu einem feierlichen Diner bei sich gehabt. Als die glänzendste

Erscheinung unter ihnen fiel der junge Herr O'Swald auf, der in der roten

Uniform der kaiserlich österreichischen Konsuln mit dreieckigem Hut und

stolzem weißen Federbusch an einen englischen General aus der Zeit des

Herzogs von Wellington erinnerte und den Orientalen gewaltig imponierte.

Vor uns am Strande des Meeres wurden nun Raketen und Mongolfieren steigen

gelassen, und sprangen Frösche, Feuerräder etc.

Zum Schluß spielte die Goanesenkapelle des Sultans: Heil dir im

Siegerkranz, bez. ~God save the queen~. Man führte schließlich die

Damen an ein Büffet und bot ihnen in Eis gekühlten Champagner, Thee

und Confect. Es herrscht bei solchen Festen seitens der Festgeber

unbeschränkte Gastfreundschaft.

Ich war schon recht ermüdet, als wir den Heimweg antraten in Gesellschaft

unserer deutsch-ostafrikanischen Herren, und der Herren vom italienischen

Consulat.

Unterwegs trafen wir die Damen der englischen Mission, die ebenfalls mit

befreundeten Herren lustwandelten. Miß Smith rief uns zu, wir möchten ja

nicht versäumen das Haus des Pira Dawtchee (Oberhof- und Küchenmeister

Seiner Hoheit) zu besuchen, es sei der Mühe wert. Wir ließen uns wirklich

verlocken den Engländerinnen dorthin zu folgen. Gruppenweise schlenderten

wir durch die phantastisch erleuchteten Laubengänge, Palmblätter über

uns, Palmblätter an beiden Seiten und Palmblätter unter den Füßen.

Der edle Pira ist im gewöhnlichen Leben neben seinem Hofamt Besitzer eines

großen Eckladens mit offenen Bogenthüren nach zwei Gassen hin. Jetzt

zeigte sich uns statt des Ladens ein glänzender Salon im indischen

Geschmack. Der Fußboden mit kostbaren Teppichen ausgelegt, an den Wänden

blumenumgebene Transparente, in der Mitte des Raumes als Prunkstück eine

Drehorgel. Rings herum eine Reihe europäischer Rohrstühle. Wir folgten

gleich Schafen immer mechanisch denen, die vor uns hergingen und kamen

so in den Salon, wo wir zu unserer großen Belustigung halb Europa

schon versammelt fanden. Da saßen sie ernst, mit heldenhaft verhaltenem

Lächeln, die Herren vom deutschen, vom französischen, vom belgischen

Consulat, die Kaufherren, die englischen Marine-Offiziere, und was

von Damen vorhanden ist. Wir setzten uns mit Würde dazu. Sogar der

vielbeanspruchte Mr. Holmwood beglückte den Pira durch seine Gegenwart.

Letzterer, ein dicker und kolossaler Indier stand majestätisch in der

Mitte seiner Besucher, angethan mit langem weißen Kaftan, kirschrotem

Überkleid, welches vorn auseinander fällt und goldverbrämtem festen

Turban. Grabesernst und im erhebenden Bewußtsein der ihm werdenden

Auszeichnung überwachte er die Schwarzen, die den distinguirten Gästen

Thee, Kaffee und feines Gebäck herumreichten.

Erst nach Mitternacht gelangten wir in unser Gasthaus zurück.

Den 13. Juli.

Das Essen hier im Hôtel läßt viel zu wünschen übrig. Wir stehen oft

so hungrig vom Tisch auf, wie wir uns hingesetzt haben und würden diese

Mängel noch mehr empfinden, wenn unsere Tischgenossen, die Franzosen,

es nicht meisterhaft verständen, durch geistvolle und liebenswürdige

Conversation ein kärgliches Mahl zu würzen.

Als wir heute um zwölf Uhr beim Frühstück saßen, ertönte draußen der

dumpfe, langgezogene und heulende Ton eines Signalhorns. Die Herren fuhren

von ihren Sitzen auf mit dem einstimmigen Freudenruf: »~c'est la

mail!~« Die freudige Erregung, die sich sofort auf meine Bertha und mich

fortpflanzte, bemächtigt sich bei diesem an sich greulichen Signalgeheul

der ganzen europäischen Einwohnerschaft Zanzibars. Der Wächter auf dem

Sultansturm hat die Signalflagge auf der entfernten Landzunge gesehen, die

der guten Stadt meldet, daß der europäische Postdampfer in Sicht ist.

Etwas später wird auf dem »Weihnachtsbaum« eine weiße Flagge mit drei

schwarzen Kreuzen gehißt zum Zeichen, daß der entfernte Wächter in dem

nahenden Dampfer wirklich das Postschiff erkannt hat. Es dauert dann noch

beinah vier Stunden, bis die »~mail~« im Hafen eintrifft. Immer wieder

bin ich in den Salon gegangen, der mit sechs Fenstern das Meer beherrscht,

und habe erst durch das Opernglas, dann mit unbewaffneten Augen nach dem

schwarzen Punkt am Horizont gesehen, der auch gar nicht größer werden

wollte! Als dann endlich gegen vier Uhr der brave British-India-Dampfer

sich bedächtig zwischen im Hafen liegende Schiffe schob und seinen

Salutschuß abfeuerte, empfanden wir Beide ein so heftiges uns selbst

unerklärliches Gefühl der Freude, daß uns die Thränen in die Augen

traten. Das Schiff kommt eben aus der Heimat und war für uns der erste

Gruß.

d. 14. Juli.

Da das Postschiff um vier Uhr erst gekommen, durften wir unsere Briefe

nicht vor heute Morgen erwarten, was uns recht langweilig erschien. Dafür

kamen gegen fünf Uhr die Herren Consul O'Swald und Baron Gravenreuth und

forderten uns auf, mit ihnen eine Bootfahrt nach ~Mtoni~, einem zerfallenen

Sultansschloß, zu unternehmen. Wir waren mit Vergnügen bei der

Partie, und bestiegen von der steinernen Sultanstreppe aus das mit der

östreichischen Flagge geschmückte Boot des Consuls. Der Himmel war

bedeckt, und es wehte ein leiser angenehmer Seewind. So glitt das Boot,

welches mit vier schwarzen Ruderern bemannt war, an der Insel hin,

zuweilen auf so seichtem Wasser, daß man meinte mit ausgestrecktem Arm den

Meeresboden erreichen zu können. Diese flachen Stellen zeichnen sich als

milchiggrüne Flecke von der metallfarbenen Wasserfläche ab.

~Mtoni~ ist bekannt durch die Schilderungen der Frau Ruete, »~Bibi

Salime~«, die dort ihre Kindheit unter den zahlreichen Frauen ihres Vaters

und noch zahlreicheren Geschwistern verlebte. Jetzt freilich heißt es auch

von diesem Palast:

»seine Dächer sind zerfallen

und der Wind streicht durch die Hallen.«

Die Ruine des wahrhaft fürstlichen Baus liegt etwa zwanzig Schritt vom

Meeresufer entfernt in einer Wildnis von Grün. Ein alter Araber, der hier

als Burgwart haust, schloß uns das Eingangspförtchen auf und ließ uns

ein in das Labyrinth halbverfallener Gemächer, in deren Mauern Bäume

Wurzel geschlagen haben und deren Wände die prächtigste Naturtapete aus

blühenden Schlingpflanzen zeigen. Wir kletterten steinerne Treppen hinauf

bis zu den höchsten Terrassen und hatten von dort in der Umrahmung eines

erhaltenen Bogenfensters einen Blick auf die ferne Stadt, die mit ihren

weißleuchtenden Häusern und Palästen auf weit in's Meer ragender

Landspitze sich in scharfen Contouren von dem metallfarbenen Hintergrund

abhob, ein wunderbares und ganz ideales Landschaftsbild.

Unter dem Dach fanden wir eine Menge umfangreicher Glaskruken in halb

verwitterten Flaschenkörben steckend. Herr von Gravenreuth konnte nicht

umhin zu bedauern nicht wenigstens einige derselben mit Münchener Hofbräu

gefüllt zu sehen. Weil wir alle mehr oder minder durstig waren, pflückten

wir von einem herrlichen mit Goldorangen überladenen Baumriesen, der

im Hofe stand, einige der Früchte, aber einer nach dem anderen warf

mit verzogenem Angesicht die lockenden Apfelsinen in's Gras. Sie waren

verwildert und schmeckten bitter wie Chinin.

Zanzibar d. 15. Juli.

Ich war nachmittags im Usagara-Haus und habe mich dort länger als zwei

Stunden aufgehalten, da es eine Menge Neuigkeit aus der Heimat zu berichten

und Meinungen darüber auszutauschen gab. Auf den einen Tag nach Ankunft

des Postschiffs häuft sich alles Interessante, was es für die im Herzen

noch mit der Heimat zusammenhängenden Europäer in Zanzibar giebt,

und dieser eine Tag erscheint nur einmal in vier Wochen. Dafür ist

die gegenseitige Teilnahme eine so warme und natürliche, wie sie in

Deutschland längst nicht mehr existiert.

Herr von Gravenreuth ist heute Morgen abgesegelt, um eine Besichtigung der

Kinganistationen vorzunehmen. Es thut mir sehr leid, daß dieser tactvolle

und stets hülfsbereite Freund uns nun auch verlassen hat. Mit ihm würde

der Kaiser Mark Aurel zufrieden gewesen sein, denn nie hören seine Freunde

das gebräuchliche: »ich habe keine Zeit.« Er selbst war gestern

sehr vergnügt. Bei seiner Beweglichkeit und der Vorliebe für das

Umherstreichen in Wald, Feld und Bergen, zieht er die Unbequemlichkeiten

einer Daufahrt und den Fußmarsch durch die Rufu-Niederungen der

Büreauarbeit weit vor. Ich habe ihm gestern noch seinen Korkhelm mit einem

dichten und auch das Genick schützenden Schleier umnäht. Dabei saßen

wir zwischen wahren Gebirgen von Zeitungsblättern. Ich finde es sehr

beklagenswert, daß hier so oft die Notwendigkeit vorliegt, wertvolle

Kräfte um irgend einer kleinen Sache willen Gefahren an Leben und

Gesundheit auszusetzen. Herr Dr. Peters meinte freilich, das sei ebenso

unvermeidlich als natürlich und selbstverständlich, aber er ermahnte

doch in meiner Gegenwart den Baron aufs ernstlichste, keine der gebotenen

Vorsichtsmaßregeln außer acht zu lassen. »Wir können Sie _vorläufig_

nicht entbehren,« sagte er in seiner verbindlichen Weise.

d. 17. Juli.

Jetzt machen sich hier die Portugiesen breit. Ein Kriegsschiff liegt

im Hafen; mit der letzten Post von Süden ist ein außerordentlicher

Bevollmächtigter hier eingetroffen und in unserem Hotel logiert

ein portugiesischer Afrikadurchquerer, Mr. Capello, mit einem sehr

liebenswürdigen Begleiter italienischer Abstammung. Jeden Abend, wenn wir

beim Essen sitzen, stürmt es mit großem Gepolter die Treppe hinauf. Das

sind der Viconte de Castilho und der Kommandant des Kriegsschiffs, die ihre

Landsmänner besuchen. Diese Portugiesen zeichnen sich gesellschaftlich

durch ein sehr ungezwungenes Wesen und Beweglichkeit aus. Ihre Redeweise

übertrifft an Verbindlichkeit noch die der Franzosen. Die Unterhaltung

ist immer allgemein, so lange ich anwesend bin wenigstens, und wird in

französischer Sprache geführt.

Heute, am Sonntag, habe ich dem Gottesdienst in der katholischen Kapelle

beigewohnt. Die Stille in dem halbdunklen bis auf den letzten Platz

gefüllten Raum, der Chorgesang und das sanfte Spiel einer nicht sichtbaren

Orgel wirkten wohlthuend und stimmten zur Andacht. Chorsänger und

Chorknaben waren schwarze Missionszöglinge.

Nach der Kirche besuchte ich die kranke Östreicherin im Hospital und da

ich grade ihren portugiesischen Arzt, den Dr. Augusto Bras de Souza fand,

der als Goanese nur englisch spricht, konnte ich Dragomansdienste thun.

Was die Kranke deutsch sagte, wiederholte ich dem Doktor englisch und

übersetzte dessen englische Vorschriftsmaßregeln der Klosterschwester ins

französische.

Herr von St. Paul rüstet eine größere Expedition in die entlegensten

Teile des deutschen Gebietes aus.

d. 18. Juli.

Wir haben einen Diener gemietet, Theodor mit Namen. Er ist ehemaliger

englischer Missionszögling und Christ, daneben aber Soldat des Sultans und

als solcher muß er jeden Morgen Dienst thun, d. h. im Laufschritt unter

heulendem Gesang die Straßen durchziehn, oder gar auf der Wiese an der

Mnasimodja Übungen machen. Nachdem der Staatsdienst absolviert, hält er

sich aber bis acht oder halb neun Uhr abends zu unserer Verfügung. Wir

haben ihm zunächst ein menschenwürdiges Kostüm gekauft, nämlich ein

Negerhemd, eine weiße Mütze und einen Stock. Nun können wir, ohne auf

die besondere Gefälligkeit der befreundeten Herren angewiesen zu sein,

auch nach Sonnenuntergang spazieren gehen. Diese Abendgänge gewähren den

größten Genuß. Auf dem Sultansplatz findet nach Sonnenuntergang kleine

Truppenrevue statt, mit Musikübungen, beides, vokal und instrumental.

~Sejid Bargash bin Said~ steht umringt von vornehmen Greisen auf der

Veranda seines Palastes und sieht sich die Sache an. Wir gehen an dem

aus der Portugiesenzeit stammenden Festungsbau vorüber, mit seinem

rundbogenförmigen Zinnenkranz. Von einem der massiven Türme erschallt

der langgezogene, melodische Ruf des Postens und der gleiche Ruf

antwortet schwermütig ausklingend in der Entfernung. Hier führt uns die

Hauptstraße durch das Konsulatviertel nach der Mnasimodja. Im Hintergrund

eines mit Trümmern und blühendem Strauchwerk bedeckten Rasenplatzes

erhebt sich ein klosterähnlicher langer Steinbau, an dessen hell

erleuchteten Bogenfenstern wir Gestalten in wallenden weißen Gewändern

vorüberhuschen sehen. Man könnte meinen, es seien Mönche. Das Haus ist

aber ein von dem englischen Fleischermeister gehaltenes Restaurant und die

weißen Mönche sind die Kellner in ihren Negerhemden. Der Romantik des

Bildes thut diese Wahrheit keinen Abbruch.

Weiterhin unter einem kleinen Vordach von Kokosblättern sitzt auf

steinerner Bank ein Schwarzer und spielt auf seiner Kürbismandoline eine

sanfte, eintönige Melodie. Dazu singt er. Kein Zuhörer ist zu entdecken.

Als ein echter Künstler übt er seine Kunst um ihrer selbst willen aus.

d. 19. Juli.

Heute sah der Hôteldiener Amadi, der mir sehr zugethan ist, auf meinem

Tisch das Bild des Fürsten Bismarck stehen. Er betrachtete es aufmerksam,

zeigte mit dem Finger darauf und fragte: »Das ist wohl Euer Sultan?« Das

Bild steht zwischen verschiedenen anderen Porträts. Amadi muß es entweder

schon gekannt haben oder sein natürlicher Scharfblick hat ihn darauf

gebracht in Haltung und Zügen des Fürsten den großen Mann zu vermuten.

Ich sagte ihm: »unser Sultan ist es nicht, aber ein sehr großer Herr.«

Da schlug sich Amadi als Zeichen verständnisinniger Ehrerbietung auf die

Brust und meinte: »ich weiß schon! alle Eure großen Häuser, O'Swald und

Hansing und Meyer stehen unter ihm!« Ich sagte: »jawohl«. -- Mit diesem

Schwarzen unterhalte ich mich in einem greulichen Durcheinander von Suaheli

und englisch, aber wir können uns doch verständigen.

d. 21. Juli.

Gestern ließ mir Herr Dr. Peters sagen, wenn ich mir die Quartiere in

~Dar-es-Salaam~ anzusehen wünsche, so sollte ich mich bis zu heute Abend

reisefertig machen. Die günstige Reisegelegenheit, die ich erwartete,

hat sich gefunden. Der Sultan hat zu einer Besichtigung des Vertragshafens

~Dar-es-Salaam~ seinen Dampfer Barawa zur Verfügung gestellt und den

Herren Consul O'Swald und Dr. Peters sagen lassen, sie möchten auf keinen

Fall Mundvorrat an Bord nehmen, für die Bewirtung werde er allein sorgen.

In Zanzibar, wo jeder dem Nachbar aufpaßt und dessen Angelegenheiten mit

allen Einzelheiten erfährt, machen diese noch nie dagewesenen Erfolge der

Deutschen großes Aufsehen. Ich bin zufälliger Weise in der angenehmen

Lage, die Spitzen des hier vertretenen Europa's d. h. die Herren vom

englischen, französischen, italienischen und portugiesischen Consulat

darüber zu hören. Wenn diese Herren das Gespräch auf das flotte Vorgehen

der Deutschen bringen, stelle ich mich ebenso unwissend als gleichgültig.

Darüber höre ich manche mich interessierende Äußerung ihrerseits.

Miß Smith und Frau Wendt (die Frau eines deutschen Sultanskapitäns)

haben für unsere gemeinschaftliche Schutzbefohlene, die Östreicherin,

ein Quartier gefunden, welches allerdings in einer Handelsgasse einer

Matrosenkneipe gegenüber liegt, aber mehr Räumlichkeiten hat und weniger

ungesund ist, als das malerische Gartenhäuschen der Portugiesen. Die junge

Frau, die sich im französischen Hospital rasch erholt hatte, ist dorthin

übergesiedelt, aber sofort wieder erkrankt. Die Ärmste, deren Mittel

ebenso gering sind wie ihre Körperkräfte, kann sich nicht die notwendige

Bedienung schaffen und überanstrengt sich, sowie sie sich selbst

überlassen wird. Ihre Lage ist in der That eine sehr schwierige, da sie,

unfähig das Bett zu verlassen, gänzlicher Hülflosigkeit preisgegeben

ist, so lange wir nicht nach ihr sehen. Ich habe darum heute meine Bertha,

die bei aller jugendlichen Lebhaftigkeit eine geübte und gewissenhafte

Krankenpflegerin ist, bei der jungen Frau einquartiert. Die Bettwäsche,

die wir hier genäht haben, sowie einen Korb Rotwein haben wir heute

hinüberbefördert. Bertha ist mit Geldmitteln und genauen Instructionen

versehen; zudem haben Miß Smith und Frau Wendt versprochen, sie gegen

Abend täglich auf eine Stunde abzulösen; dann soll sie unter dem Schutz

des Dieners Theodor, der sich nach wie vor zu ihrer Verfügung halten muß,

spazieren gehn. So ist die arme Kranke vorläufig in guten Händen.

d. 25. Juli.

Am Abend des 21. Juli begaben wir uns in dem für uns bereitstehenden

Sultansboot nach der Barawa, wo wir die Nacht im Hafen liegend zubringen

mußten. Ich wurde in die Sultanskabine einquartiert, die etwas geräumiger

ist, als die anderen, ein rotes Plüsch-Sopha enthält, und an den

weißgestrichenen Wänden Goldverzierungen im Muschelgeschmack der

Rokokozeit mit roten Fähnchen in den Medaillons. Indessen trieben

Kockerutschen und Spinnen auch in diesem Prunkgemach ihr Wesen.

Um halb fünf Uhr am Sonnabend Morgen begann die Schraube zu tosen und

wir dampften von hinnen. Es befanden sich neun Deutsche an Bord, nämlich

außer dem Kapitän und dem Ingenieur: Herr Dr. Peters, Herr Consul

O'Swald, Herr Missionar Greiner, Herr Friedrich Schroeder von der

Plantagengesellschaft, Herr Flemming, Schwester Rentsch und ich. Herr

Missionar Greiner war nach Zanzibar gekommen, um die ihm von seiner

Missionsgesellschaft zugeschickte Krankenpflegerin abzuholen. Da der

Südwestmonsum noch immer bläst und zwar grade aus der Richtung, der

wir entgegenfuhren, konnte ich bei meiner allzu wenig seetüchtigen

Constitution die Annehmlichkeiten der Seekrankheit einmal wieder

durchkosten. Ein schwacher Trost war es, daß Herr Schroeder sich

wenigstens unbehaglich fühlte. Alle anderen erfreuten sich eines

gediegenen Wohlbefindens.

Um drei Uhr nachmittags rief man mich energisch an Deck. Ich wankte hinauf

und sah, daß wir in den schönen Hafen von ~Dar-es-Salaam~ einfuhren. Die

Fahrt hatte also bei ungünstigem Wind zehn und eine halbe Stunde gedauert.

Sobald wir festlagen, stieß ein Boot vom Lande ab, in dessen europäischen

Insassen wir bald den Chef der Station, Herrn Leue, unter einem

vertrauenerweckenden Sonnenschirm, und am Steuer meinen Bruder erkannten.

An der Schiffstreppe stehend, begrüßten wir die Freunde aufs herzlichste.

Ich frug meinen Bruder, wie man denn in ~Dar-es-Salaam~ schon von unserem

Besuch wisse? und erhielt die stehende Antwort: »der Telegraph in Afrika

arbeitet rascher, als der in Europa.« -- Es ist mir in der That

ganz unbegreiflich, mit welcher Geschwindigkeit sich ohne Post- und

Eisenbahnverkehr die Nachrichten hier verbreiten. Wenn in Usungula ein paar

der dort arbeitenden Menschenfresser dem Stationschef entlaufen, erzählt

man sich das in Zanzibar auf den Straßen, lange ehe die pünktlich

abgesandte schriftliche Meldung eintrifft.

Unsere Gesellschaft teilte sich schon an der Landungsstelle. Während die

Herren Leue, Schroeder und Flemming Herrn Dr. Peters auf dessen Rundgang

mit Mohamed bin Salim und dem Wali begleiteten, unternahm Herr O'Swald

eine einsame Kunstreise mit seinem photographischen Apparat. Herr Greiner

dagegen begab sich mit Schwester Rentsch zu den seiner harrenden Damen und

mich führte mein Bruder nach dem malerischen Zeltlager, in dem er mit den

Herren der Eisenbahnexpedition Quartier genommen hatte. Die Herren hatten

sich in den von üppigem Grün umgebenen Zelten wirklich sehr

behaglich eingerichtet und waren ganz erbaut von ihren Wohnungen. Herr

Regierungsbaumeister Wolf trat uns in heiterer Stimmung entgegen, umringt

von Hunden und Affen. Seine vielen wissenschaftlichen Instrumente und

Bücher lagen teils auf den improvisierten Tischen, teils auf der Erde und

verliehen dem Bilde das Ansehen eines Generalstabszeltes. Aber in einem

anderen Zelt lag Herr von Hake an einem schweren Fieber danieder. Albrecht

führte mich zu ihm. Das Bett stand auf der notdürftig festgestampften

Erde und der Kranke lag angekleidet darauf mit glühendem Gesicht und

phantasierte. Er erkannte mich zwar, als ich ihn begrüßte, doch mußte

ich zu meinem Leidwesen bemerken, daß meine Anwesenheit nicht wohlthätig

wirkte. Herr von Hake schien das dumpfe Gefühl zu haben, als müsse er

höfliche Conversation machen und seine Anstrengungen, die hergebrachten

Redensarten herauszubringen, thaten mir in der Seele weh! Ich bat ihn,

den jedenfalls ungesunden Aufenthalt im Zelt zu verlassen und im Haus der

Stationsbeamten Unterkunft zu suchen, aber er wehrte fast ängstlich ab und

wollte nichts davon hören. Da er in seiner gezwungenen Haltung verharrte,

verließ ich ihn, um nicht bei allem guten Willen Schaden anzurichten. Herr

Dr. Peters hat übrigens eine Stunde später die ihm eigene ungewöhnliche

Gabe, den Willen Anderer zu bestimmen, mit Erfolg angewandt. Während

Herr Leue, Missionar Greiner und andere Herren ebenso wie ich vergeblich

versucht hatten, den Fieberkranken zu einem Ortswechsel zu bewegen, zeigte

sich der Patient Dr. Peters gegenüber plötzlich gefügig und ließ sich

von diesem ohne Widerstreben nach der Beamtenwohnung führen.

Nach dieser Wohnung, die aus mehreren sehr primitiven Indierhäusern

zusammengesetzt ist, war ich indessen auch mit meinem Bruder gegangen.

Hier lag bereits ein anderer Fieberkranker. Geordnete Pflege wäre hier,

wo jetzt fortwährend schwere Fälle vorkommen, sehr wünschenswert; an

bewohnbaren Räumlichkeiten mangelt es aber vor der Hand gänzlich. In

nächster Zeit soll die Zahl der hier stationierten Beamten reduziert

werden, auch steht die Abreise der zur Eisenbahnexpedition gehörenden

Herren täglich bevor. Dann wird sich wohl für eine Pflegerin und ein

gutes Krankenzimmer Platz finden. Einstweilen muß sogar Schwester

Rentsch auf Wohnung in ~Dar-es-Salaam~ Verzicht leisten, da auch in der

Missionswohnung kein Platz ist.

Im übrigen haben sich die jetzigen Bewohner des Hauses ganz idyllisch

eingerichtet. Den Mangel an Zimmern ersetzt eine breite, längs des Hauses

hinlaufende Veranda, die durch Herrn Leue überdacht worden ist. Diese,

in verschiedene Departements geteilt, dient zum allgemeinen Aufenthaltsort

während des Tages. Dort fand ich die Nichte des Missionars, eine kräftige

blonde Schweizerin, mit dem Rösten von Kaffeebohnen beschäftigt. Ich

erkundigte mich nach ihrer Daufahrt und erhielt die Antwort: »Ich hab'

zwar oftmals Heimweh, aber auf eine Dau geh ich niemals wieder. Da bleib

ich schon lieber mein ganzes Leben in ~Dar-es-Salaam~.«

Herr Fröhlich, ein bleicher Fieberreconvalescent, saß auch auf der

Veranda und spielte auf der Cither Tyroler Volkslieder.

Als es abendlich kühl wurde, führte mich mein Bruder in den Garten und

auf das Feld. Wir gingen an Ananaspflanzungen vorüber, sahen Tomaten

als Unkraut wuchern, ebenso wie Rhicinus und kamen sogar an ein kleines

Reisfeld. Mein Bruder nannte mir die Namen der bemerkenswerten Pflanzen

und belehrte mich über ihren Bau. Ich habe aber die Lection schon wieder

vergessen.

Herr Consul O'Swald hatte mittlerweile mehrere Aufnahmen gemacht, auch

von einem Teil des Zeltlagers mit der eigenartig gestalteten Ruine

eines arabischen Steinhauses im Hintergrund, und meinen Bruder sowie den

Regierungsbaumeister Wolf inmitten ihrer Gerätschaften als Staffage. Das

ist ein hübsches Bild geworden.

Die untergehende Sonne sah uns Alle wieder an Bord der Barawa, wo wir bei

unserem zwiebelgewürzten Abendessen die Gläser klingen ließen auf das

Wachstum Deutschlands in Afrika.

Am Morgen des 23. ging es Herrn von Hake zum Glück besser, was jedenfalls

seinem Umzug ins Haus und der Sorgfalt der Schwester Rentsch zu danken ist.

Am vorigen Abend glaubte niemand, daß er aufkommen würde. Das Thermometer

zeigte am 23. neun Uhr morgens nur 16° ~C.~, so daß ich fror, als ich in

leichtem Anzug an Deck kam. Herr Dr. Peters war schon bei Tagesanbruch an

Land gefahren, um geschäftliche Anordnungen zu treffen. Wir Anderen

saßen unterdessen sehr gemütlich auf dem Promenadendeck und tranken in

Gesellschaft des edlen ~Mohamed bin Salim~ unseren Thee.

Herr Dr. Peters behauptet, die Gegenwart von Damen sei den Muhamedanern

eine Widerwärtigkeit. Hierin irrt er sich aber. Bei aller Frömmigkeit

wissen die Herren Araber die Gesellschaft von Europäerinnen recht wohl zu

schätzen. ~Mohamed bin Salim~ ließ das Licht seiner Liebenswürdigkeit

über uns leuchten. Er fand wahrscheinlich, daß unsere gerösteten

Weißbrodschnitte, mit Büchsenbutter bestrichen, zu geringe Kost für

seine Ehrengäste seien, denn er winkte uns verheißungsvoll zu, ein wenig

zu warten und ließ aus seinem Privatmundvorrat einen Teller voll runder

Zwiebacke holen. Natürlich that ich, als seien diese ein seltener

Leckerbissen, und da er mit vornehm wohlwollender Handbewegung immer wieder

einlud zuzulangen, leistete ich wahrhaft achtungswertes im Zwiebackessen.

Im übrigen verging dieser Tag entsprechend dem vorherigen. Herr

Dr. Peters verhandelte mit den Arabern um den einzigen der aus ~Said

Madjid's~ Zeit stammenden Paläste, der sich als noch bewohnbar erwies, um

den Stationsbeamten bessere Wohnungsverhältnisse zu schaffen. Die

Herren Schroeder und Flemming fuhren den Hafen hinauf, um an der seichten

Flußmündung Nilpferden nachzustellen. Ich unternahm mit meinem Bruder

eine Bootfahrt, bei welcher wir mit einer Dau in Collision gerieten und

beinah verunglückten.

Unterdessen waren die schwarzen Unterthanen des Sultans (alles Sclaven,)

Tag und Nacht damit beschäftigt, die Barawa mit Kokosnüssen zu

befrachten. Dreißig bis vierzig Frauen trugen diese Früchte nach der nahe

dem Ufer liegenden Dau, wobei sie bis an die Schultern, die Kleineren bis

an den Hals im Wasser waten mußten. Ihre Lasten tragen diese Weiber immer

auf dem Kopf, was ihnen durchweg eine Haltung giebt, um die sie manche

hübsche Europäerin beneiden könnte. War eine Dau mit Nüssen angefüllt,

so segelte sie nach der Barawa und hier waren zahlreiche Jünglinge,

schwarz, braun und gelb von Farbe, beschäftigt, die Früchte in den

geöffneten Warenraum des Schiffes hinabzuwerfen. Dabei zählten sie teils

arabisch teils Suaheli singend bis fünfzig, bei jeder Zahl je zwei Nüsse

werfend. Bei fünfzig angekommen, wurde ein Knoten in einen langen

Strick gemacht. Soviel Knoten dann das Seil zeigte, so viel Hunderte von

Kokosnüssen waren verladen worden. Dieser gewaltige Vorrat ist für ein

Pilgerschiff bestimmt, welches der fromme ~Bargash ben Said~ zur Fahrt nach

Mecca ausrüstet.

d. 27. Juli.

Am 25. fuhren wir um zehn Uhr morgens von ~Dar-es-Salaam~ ab und waren, da

wir diesmal vor dem Winde fuhren, bereits um zwei Uhr nachmittags im Hafen

von Zanzibar, hatten also nur vier Stunden gebraucht. Hier fanden wir zur

großen Freude der Herren die Möwe liegen.

Gestern besuchte mich Herr Kapitänlieutnant Vüllers von der Möwe, dessen

junge Frau eine Kindheitsgespielin von mir aus Thüringen ist. Da gab es

freilich viel zu erzählen.

Diese Nacht habe ich, um Bertha abzulösen, bei der kranken Östreicherin

gewacht, der es gar nicht gut geht. Aber auch Bertha, die ich gestern zu

einem weiten Spaziergang abholte, macht mich bedenklich. Sie ist von einer

Gereiztheit und Nervosität, die ich nicht an ihr kenne und die zu ihrer

robusten Natur auch gar nicht paßt.

d. 28. Juli.

Heute erhielt ich den Besuch einiger Offiziere von der Möwe, darunter der

Schiffsarzt Dr. Koch, der mit auf meine Fragen einige nützliche Winke die

Einrichtung von Pflegestationen betreffend erteilte.

Der Lärm der Matrosenkneipe beeinträchtigt die Nachtruhe unserer

kranken Östreicherin zu sehr. Sie ist darum heute nach dem Hospital

zurücktransportiert worden. Wenn nur Bertha sich nicht ein Fieber geholt

hat! Sie weint ohne jede Veranlassung.

d. 29. Juli.

Ich habe den französischen Arzt, Dr. Marseille, consultiert. Er

verordnete meiner Bertha eine gewaltige Dosis ~Ipepacuanha~. Ohne dies

Mittel, sagte er, könne leicht ein Gallenfieber entstehen. Die Ärmste hat

einen üblen Vormittag gehabt! Heute Nachmittag ging es ihr besser.

d. 30. Juli.

Hatte heute Besuch von dem Kommandanten der Möwe, Herrn Korvetten-Kapitän

Böters. Bertha ist, Gott sei Dank, ganz munter. Die Pferdekur hat

wenigstens geholfen. Wir sind zu heute Nachmittag von der Offiziermesse auf

die Möwe eingeladen.

d. 31. Juli.

Gestern Nachmittag haben wir an Bord des Kriegsschiffs Kaffee getrunken.

Das Hinterdeck war rings mit Flaggen behängt, die Tische auf das

anmutigste mit Grün und Blumen geschmückt. Schmucke Matrosen bedienten

uns und reichten zitternd Sahne, Zucker etc. herum. Ich frug den

Kapitänlieutenant, ob Matrosen denn auch nervös werden könnten.

Er versicherte mir aber beruhigend, diese zitternden Hände seien der

ehrfurchtsvollen Scheu zuzuschreiben, mit welcher das nur in ganz seltenen

Fällen hervorgeholte beste Porzellan gehandhabt würde. Dazu spielte die

Schiffskapelle deutsche Weisen.

Die Möwe fährt Mitte August nach Süden und Herr Korvettenkapitän

Böters hat mir versprochen, uns mitsamt unseren Sachen bis ~Dar-es-Salaam~

zu bringen, wenn dort Aufenthalt gemacht werden soll, was er nicht genau

weiß. Er riet mir übrigens dringend, nicht gleich in ~Dar-es-Salaam~,

sondern erst in Zanzibar selbst, wo mir ärztliche und materielle Hülfe zu

Gebote stände, mit dem Krankenpflegen anzufangen. Zanzibar wird allerdings

noch für längere Zeit unser Centralpunkt bleiben, aber ich hoffe bei

genügender Unterstützung, von hier aus nicht nur in ~Dar-es-Salaam~,

sondern nach und nach auch an den anderen Vertragshäfen Pflegestationen

einrichten zu können.

d. 2. August 1887.

Heute hatte unsere Hotelwirthin, Madame Chabot, Besuch von drei vornehmen

Araberinnen. Diese hatten ihr Kommen rechtzeitig ankündigen lassen und die

entsprechenden Vorkehrungen wurden mit peinlicher Sorgfalt getroffen. Die

Franzosen boten sich an spazieren zu gehen; Herr Schröder, der ermüdet

war und einen Mittagsschlaf zu thun gedachte, ließ sich gutwillig in

seinem Zimmer einriegeln; der Herr des Hauses, Mr. Chabot, faßte unten

in der Hausthüre Posto, um jedem etwa eindringenden Wesen männlichen

Geschlechts den Weg zu weisen. Am Ende der viel erwähnten Gallerie ist ein

fast immer verriegeltes Pförtchen und dies communiciert mit der nicht

zum Hotel gemachten Hälfte des Palastes, in dem die Araberinnen wohnen.

Nachdem nun also das Terrain von den gefährlichen Europäern gesäubert

war, -- die Schwarzen durften als Wesen untergeordneter Art gegenwärtig

bleiben -- öffnete sich das geheimnisvolle Pförtchen und es erschien ein

ganzer Zug von Frauen. Voran die drei reichgekleideten noch jungen Damen

in Begleitung einer lebhaften kleinen Alten, die eine Art Ehrendame zu

sein schien und gefolgt von einer großen Zahl schwarzer Sklavinnen in

arabischer Tracht. Die Damen stelzten langsam daher auf zwei Zoll hohen

perlmuttereingelegten Holzschuhen, die sie nur mit zwei Fußzehen mittelst

eines dazu angebrachten Griffes am Fuße festhielten. Sie entledigten sich

dieses Fußgestelles sowie sie im Salon Platz nahmen. Wir saßen um

einen runden Tisch den Araberinnen gegenüber, tranken Mandelmilch und

unterhielten uns so gut es ging. Die hölzernen mit Perlmutter eingelegten

Masken behielten die Damen vor dem Gesicht, so daß man bis auf die

schönen Augen von den Gesichtszügen nicht urteilen konnte. Ihre mit

schwerem Goldschmuck beladenen Arme und Beine, -- letztere nur bis an die

Knöchel von seidenen Beinkleidern bedeckt -- waren schön geformt, Hände

und Füße reizend, die Bewegungen langsam und vornehm. Im übrigen sahen

die Damen mit ihren sanften, schwermütigen Augen aus, als ob sie geistig

schliefen, was sie vermutlich auch thaten. Nach einer halbstündigen

sehr primitiven Unterhaltung bestiegen die Schönen wieder ihr Schuhwerk,

drückten uns der Reihe nach mit verbindlichem Abschiedsgruß die Hand und

wanderten in feierlicher Prozession nach dem Mauerpförtchen zurück. Der

Riegel von Herrn Schröder's Stubenthür wurde fortgeschoben und das Hotel

stand den Gästen wieder offen.

d. 3. August.

Heute kam Ramassan und brachte mir ein Billet von Herrn Dr. Peters, das

sichtlich in starker Erregung abgefaßt worden und diesen Inhalt hat:

»Eben läuft die Nachricht ein, daß Baumeister Wolf am Fieber

gestorben und Sonnabend beerdigt ist. Es ist, als ob die Gottheit

anfinge, gegen uns Front zu machen.«

Reisescizzen und Tagebuchblätter aus Deutsch-Ostafrika · 第 4 / 7 题