Meinen

wackeren Freunden und Gefährten

in Ost-Afrika

mit herzlichem Gruße

zugeeignet.

[Illustration: Decoration]

Reise-Erinnerungen.

Der Markusplatz lag in hellem Sonnenglanz, welcher in all dem blanken

Marmor und in der Goldmosaik der wunderbaren maurischen Kirche funkelte und

blitzte. Auf den Marmorplatten wogte eine festtägliche Menge mit nur in

Venedig möglicher Geräuschlosigkeit. Tausende von schönen Augen sahen

erwartungsvoll nach der berühmten Uhr hinauf, die heute ihr schönstes

Kunststück machte, denn es war am Tage der Himmelfahrt Christi. -- Wir

aber wandten uns, begleitet von einigen Kofferträgern nach der Piazzetta,

von wo aus wir eine der langgeschnabelten schwarzen Gondeln bestiegen

und nach dem Hafen hinausruderten. Dort lag, weit draußen, der große

»Indienfahrer,« ein Dampfer der »~Peninsular and Oriental Steam

Navigation Company~,« der uns nach Aden bringen sollte. Mein Onkel und

seine junge Braut geleiteten uns noch an Deck, doch mußten sie uns bald

das letzte Lebewohl sagen, denn die Abfahrtsstunde war gekommen. So lange

wir die sich Entfernenden sahen, winkten wir mit den Tüchern. Dann nahm

das Rasseln der Ankerkette, das Hin- und Herlaufen dunkelfarbiger Matrosen,

die Commandorufe der Schiffsofficiere, der lange, klagende Pfiff und das

Schnaufen der in Thätigkeit gesetzten Maschine unsere Aufmerksamkeit

gefangen.

Schönes heiteres Wetter und ruhige See begleiteten uns bis Alexandria,

wo uns dicht am Schiff bereits der Eisenbahnzug nach Suez erwartete. Wir

hatten indessen bis zur Abfahrtszeit noch eine oder zwei Stunden zu warten.

Sowie das Schiff still lag, kamen zahlreiche Aegypter an Bord, um uns ihre

Dienste anzubieten, oder Waren feil zu halten. Ihr Mienenspiel und ihr

gebrochenes Englisch erschienen mir überaus komisch. Einem englischen

Oberst, der nach Indien reiste, fiel es ein, Volksreden zu halten. Damit

schien er den Geschmack des braunen Auditoriums getroffen zu haben. Sie

scharten sich um den Redner, lauschten seinen Worten mit Aufmerksamkeit

und waren mit pfiffigen Gegenbemerkungen stets bei der Hand. Der würdige

Oberst, ein vornehm und selbstbewußt dreinschauender alter Herr, sagte

diesem »süßen Pöbel« übrigens keine Schmeicheleien. Er schalt sie

vielmehr mit einer eines Bußpredigers würdigen Aufrichtigkeit aus wegen

ihres Verhaltens gegen die Europäer während des letzten Aufstandes. Der

Rede kurzer Sinn war ungefähr: »Ihr miserablen Kerls, schämt Ihr

euch nicht, den Europäern das Geld abzunehmen und uns wie Fliegen zu

umschwärmen, so lang ihr glaubt, noch etwas aus uns herausziehen

zu können, und dann, wenn dieselben Europäer, denen Ihr Euren

Lebensunterhalt verdankt, vor Euren Augen bedrängt werden, sie nicht mehr

kennen zu wollen! Ihr nichtsnutzige Bande! Hat auch nur einer unter Euch

Hand oder Fuß gerührt, um Euren Wohlthätern zu helfen?!« --

Der Oberst redete im Tone gerechtester Entrüstung und sparte nicht mit

dem »~for shame~!« Seine Zuhörer, die von Zeit zu Zeit sehr intelligente

Einwände laut werden ließen, lauschten im übrigen mit behaglichem

Lächeln. Es war eine Scene, die in ihrer drastischen Komik einerseits,

anderseits durch den historischen Ernst, den große Ereignisse wie einen

Schatten darüber warfen, Shakespeare'schen Dramen entstiegen schien und zu

mancherlei Betrachtungen Veranlassung gab.

Wir fuhren nun 12 Stunden lang per Schnellzug durch die Wüste, gegen

deren gelben Sand wir uns vergeblich mittelst blauer Brillen und Tücher

zu schützen suchten. In Suez angelangt, wurden wir bei sternenklarer

Nacht auf einem Schlepper nach der weit außen liegenden »Malva«

befördert. --

Das rothe Meer, in das wir am folgenden Tag gelangten, zeichnet sich,

wie bekannt, durch eine Hitze aus, die nur noch von der Temperatur des

persischen Meerbusens übertroffen werden soll. Die Herren suchten nachts

auf dem Verdeck etwas Schlaf zu finden, die Damen auf der Tafel unter den

»~Sky lights~«. Meine Gefährtin und ich hielten es in der Cabine aus und

waren dabei doch die Einzigen, die schlafen konnten. -- Ich habe auf dieser

Reise übrigens die Engländer von der liebenswürdigsten Seite kennen

gelernt. Unter den Passagieren befand sich ein Oberst, -- nicht der

Volksredner, -- der ein und ein halbes Jahr als Gefangener des Königs

von Abessynien in Ketten gelegen hatte. Dieser war auch vor Jahren einmal

»~political agent~« in Zanzibar gewesen, hatte aber die Insel nicht in

guter Erinnerung. Er beklagte mich meines Reiseziels halber und riet mir

sofort und täglich Chinin zu nehmen. »~Zanzibar is a sad place~,« meinte

er, »~it has such a _churchyardy_ feeling about it~.«

Ein anderer Herr, von dem man mir sagte, er sei einer der ersten

Rechtsanwälte in Bombay, wurde mir von den Officieren als »~a radical

man~« bezeichnet. Die Dispute dieses Radikalen mit jenen, die äußerst

loyal und conservativ gesinnt waren, amüsierten mich nicht wenig. Mir

gegenüber liebte es der Radikale, Parallelen zwischen der deutschen und

der englischen Nation zu ziehen und entwickelte dabei Ansichten, die

mir bei einem Engländer neu waren. Er beklagte ernstlich, daß seine

Landsleute an einem Uebermaß von Nationalgefühl krankten, welches schon

mehr in verbohrte Beschränktheit ausgeartet sei. Engländer seien um kein

Haar besser als irgend ein anderes Volk, vielmehr die menschlichen Fehler

und Vorzüge überall die nämlichen. Ein vernünftiger Mensch müsse

Kosmopolit sein, u. s. w.

Eines Abends zeigte mir der Oberst, der den Männern von Alexandria Moral

gepredigt hatte, am Sternenhimmel das südliche Kreuz, welches ungefähr in

der Mitte des roten Meeres zum ersten mal sichtbar wird. Ich erzählte ihm

stolz und freudig, daß dies Kreuz auf der Flagge unserer Ostafrikanischen

Kolonie prange. Da sah mich der Brite groß an und brach dann in lautes

Lachen aus. Ich frug, warum er lache. »Sie haben Ihre Kolonialflagge ja

recht bescheiden gewählt,« sagte er, und lachte von neuem. Ich erklärte

ihm darauf sehr bestimmt, das Thema deutscher Kolonisation würde von

nun an nicht mehr zwischen uns berührt werden, da ich Spott über diesen

Gegenstand nicht annehmen könne und wolle. Der Oberst ließ es sich sehr

angelegen sein, mich zu begütigen, aber ich blieb meinem Vorsatz treu. Im

stillen dachte ich: Lacht ihr nur. Wer aber zuletzt lacht, lacht am besten.

Außer den Engländern befand sich ein Pfeifenhändler aus Ostfriesland,

der seit Jahren in Indien lebte und naturalisierter Engländer geworden

war, sowie der italienische Konsul Zanzibar's, Cavaliere Vincencio

Filonardi, an Bord. Mit dem Friesen sprach ich so lange von seiner Heimat,

bis er zu meiner Befriedigung den angenommenen Engländer fallen ließ,

und die deutsche Eigenart vorkehrte. Er sang uns abends am Clavier deutsche

Volkslieder vor und erntete allgemeinen Beifall.

In Aden trennten wir uns von den liebenswürdigen Reisegefährten, die

ihren Cours nach Bombay fortsetzten und ließen uns in Begleitung des

italienischen Konsuls nach dem Dampfer der ~British India Line~ fahren, der

auf seiner Route nach Madagaskar Zanzibar anläuft. Leider machte sich das

Schiff schon aus einiger Entfernung durch widerlichen Geruch bemerkbar.

Diese nach Lamu, Mombassa, Zanzibar und Madagaskar fahrenden Dampfer nehmen

für jene Orte in Aden eine große Ladung geräucherten Haifisches an

Bord, von dessen üblem Geruch man sich kaum eine Vorstellung machen kann.

Trotzdem ist der »~papa~« die Lieblingsspeise der Neger, Indier und

Araber! Nun freilich, eine Schiffsladung aus Heringen und altem Käse

bestehend möchte einen Nichtkenner dieser Delikatessen auch nicht durch

ihr Parfüm anlocken. Während wir im Hafen lagen, kamen sieben algerische

Mönche an Bord, die in langen, weißwollenen Gewändern, ebensolchen

flatternden Mänteln, weiß überzogenen Korkhelmen und Kreuzen auf der

Brust höchst malerische Gestalten waren. Wir begaben uns an Land, um uns

die jetzt notwendig gewordenen Kork-Sonnenhüte zu kaufen. Der italienische

Konsul, Herr Filonardi, bot uns Mangos an, eine beliebte Frucht, die leise

nach Terpentin riecht und unter der dicken grünen Schale einen steifen,

süßen orangegelben Crême enthält, den man mit dem Theelöffel ausißt.

Wir konnten uns noch nicht mit dem Fremdartigen des Geschmacks befreunden.

Als wir uns abends auf unser Schiff zurückbegaben, hatte sich der große

Sandplatz am Hafen in einen Schlafsaal verwandelt. Die Bewohner von Aden

hatten dort ihre Betten aufgeschlagen, -- nicht auf der Erde, sondern meist

in richtigen Bettstellen -- und lagen um uns her in guter Ruhe.

Am folgenden Morgen kamen mehrere deutsche Herren an Bord, die bis Aden mit

dem Bremer Lloyd gefahren waren und nun in diesem schattenlosen Felsennest

auf uns hatten warten müssen. Unter diesen Herren befanden sich der zur

Vermessung der geplanten Eisenbahnlinie von der Deutsch-Ostafrikanischen

Gesellschaft ausgesandte Regierungsbaumeister Wolf und sein Adjutant, Herr

von Hake, etwas Amerikaner im Äußeren, von Gesinnung aber so deutsch, wie

nur diejenigen es werden, die im Ausland unter dem steten zu kurz kommen

der Unsrigen zu leiden gehabt haben.

Auch unser Missionar, Herr Pastor Greiner, mit seiner Frau und Nichte

kam auf die Mecca und noch ein schwindsüchtig aussehender englischer

Missionar. Der Kapitän, ein sehr behaglicher, wohlwollender alter Herr,

schüttelte den Kopf über so viel »Propheten« -- es waren in der That

neun geistliche Herren an Bord, -- und sagte: »das wird eine stürmische

Fahrt werden.« Als ich es mir mittags schmecken ließ, sagte er halb

wehmütig: »Essen Sie nur, Baronesse; morgen werden Sie es nicht mehr

können.«

Vorläufig beunruhigte meine Gefährtin und mich der Sturm weit weniger,

als die Unsauberkeit dieses Schiffes. Besonders graute uns vor den

Kokerutschen, einer etwa zehnfachen vergrößerten Auflage der heimischen

Küchenschwaben, die raschelnd überall umherliefen, leider auch

scharenweise an den Wänden unserer Kabine. Diese Ungetüme machten uns

große Not und wir wurden obendrein noch ob unseres Entsetzens ausgelacht.

Indessen zogen sich die Tiere etwas zurück, als wir, den Golf von Aden

verlassend, die hohe See erreichten. Zugleich aber, nämlich am Cap

Gardafui, kamen wir in den Südwestmonsum. Die Mecca tanzte zwischen

Wellenbergen, die das Schiff von allen Seiten ansprangen, weshalb der

Kapitän meinte, wir seien in die letzte Wellenbewegung eines Cyclon

gekommen. Ich war so krank, daß ich zeitweise sogar die Besinnung verlor

und dann glaubte ich mich stets in einer Waldschlucht meiner Thüringer

Heimat. Eines Abends zogen mich der Kapitän und der Schiffsarzt fast mit

Gewalt auf's Verdeck, wo ich in einen mit Tauen befestigten Schiffsstuhl

gelegt wurde. Es bot sich mir ein ganz eigentümlicher Anblick. Rings um

das auf und nieder steigende Fahrzeug standen dunkle Wasserberge, die den

Horizont dicht vor uns abgrenzten. Sonst war nichts zu sehen. Sturzwellen

kamen von allen Seiten über das Verdeck und spülten zahllose Silberfische

an Bord, die von dem Kapitän und den Matrosen mit den Händen gefangen

wurden zum delikaten Frühstück. Der Kapitän lief mit dick verbundenen

Füßen umher. Er war so unvorsichtig gewesen, wegen des auf Deck stehenden

Wassers und der Schlüpfrigkeit Stiefel und Strümpfe wegzulassen, aber

ehe er sich dessen versah, hatte ihm die Tropensonne arg schmerzende

Brandwunden zugezogen. Die Passagiere lagen in kläglichstem Zustand umher,

besonders litten die weißen Priester stark durch die Seekrankheit. Am

tapfersten hielt sich der Regierungsbaumeister Wolf aufrecht, doch meinte

auch dieser, so schlecht sei es ihm in seinem Leben noch nicht ergangen.

Einige junge Deutsche (nachmals Angestellte der Deutsch-Ostafrikanischen

Gesellschaft), die zweiter Cajüte fuhren, boten übrigens den Unbilden

der stürmischen Fahrt mit beneidenswertem Frohsinn Trotz. Ich hörte sie

täglich singen und jodeln. Jede Sturzwelle wurde mit ausgelassenem Hurrah

begrüßt. Der erste Offizier, der die jungen Leute gelegentlich wegen

der positiven Gefahr des Überbordgespültwerdens in die Cabine nötigte,

konnte nicht umhin dieser unverwüstlichen Laune Bewunderung zu zollen.

»~'pon my word~«, rief er aus, »~I never saw such a jolly set!~«

Am zehnten Tag unserer Fahrt langten wir vor Lamu an. Sowie die Schraube

zu arbeiten aufhörte, fühlte ich mich frisch und munter, so daß ich

mich ungesäumt auf Deck begab. Vom Lande her nahte sich ein Boot unter

deutscher Flagge, das indessen des hohen Seegangs wegen nur langsam

vorwärts kam. Bald konnten wir auch zwei weißgekleidete Europäer neben

den schwarzen Ruderknechten erkennen. Es waren die Herren Gustav Denhardt

und Lieutnant Ramsay, welche kamen, um ihre Postsachen zu holen. Sie

konnten uns die neuesten Nachrichten von den Freunden in Zanzibar geben und

wir mußten ihnen von Berlin erzählen.

Zwei Tage später machten wir noch eine Ruhepause in dem reizenden Hafen

von Mombassa, um dann ohne weitere Unterbrechung unserem Ziele zuzusteuern.

[Illustration: Decoration]

[Illustration: Decoration]

Tagebuchblätter.

Zanzibar, den 16. Juni 1887.

Gestern Abend näherte sich unsere Mecca, nachdem sie am Morgen fünf

Stunden auf einer Sandbank im Kanal von Pemba festgelegen, endlich der

Stadt Zanzibar.

Stundenlang, ehe diese noch sichtbar, standen wir am Rande des Schiffes und

sahen durch die Ferngläser nach dem bläulichen Küstenstreifen der

Insel. Bald konnten wir Waldungen erkennen und die auf einem Landvorsprung

errichtete Signalstange, deren Flagge dem Wächter auf dem Sultansturm

unser Nahen frühzeitig ankündigte. Als es dunkelte, leuchtete vor uns

das große electrische Licht auf, mit dem der Sultan in mondlosen Nächten

seine Umgebung erhellt.

Kurz nach Sonnenuntergang ließ der Kapitän noch außerhalb des Hafens

Anker werfen, da ihm das Einlaufen zwischen Korallenriffen und Sandbänken

bei Nacht nicht ratsam schien. »~The captain believes in safety~«, sagten

seine minder geduldigen Offiziere lächelnd.

Ich sehnte mich, festes Land unter den Füßen zu fühlen, aber von unseren

Deutschen war nichts zu hören und zu sehen. Darum nahm ich es gern an,

als Herr Filonardi dem Schiffsarzt, einem Irrländer namens Roß, und mir

vorschlug, mit ihm an Land zu fahren, um wenigstens etwas spazieren zu

gehn. Die italienische Kolonie, bestehend aus vier Herren, war pünktlich

und vollzählig erschienen, um ihren Konsul zu begrüßen. In Gesellschaft

dieser lebhaften Romanen ließen wir uns durch den Hafen rudern, wo

zahlreiche Lichtchen auf den Schiffen grüßten, während die electrische

Flamme auf dem Turm einen breiten Silberstreifen über die dunkle

Wasserfläche warf.

Nachdem wir auf nassem Sand und Korallen gelandet, wurden wir durch

die Stadt geführt. Die engen, krummen, dunklen und holperigen Gassen

entsprachen nicht dem Bild, das die reich illuminierte Häuserreihe am Meer

vom Hafen aus geboten. Ich war auch ermattet von der anstrengenden Seefahrt

und stolperte jeden Augenblick über Schutt und Gerümpel oder versank bis

zum Fußgelenk in irgend eine Vertiefung. Eingefaßt waren die Gassen

von hohen, fensterlosen Mauern. Eine Seitenstraße, ebenso schön wie

die anderen, wurde uns unter fröhlichem Lachen als »~Boulevard des

Italiens~« vorgestellt. Wir bogen in dieselbe ein und befanden uns auf

einmal in einem von hohen Mauern umgebenen Hof, der in dem matten Licht

einiger durch eine halboffene Gallerie schimmernder Lampen ganz romantisch

aussah. -- Unter einem hohen Baum lagen Warenballen aufgeschichtet und eine

Steintreppe führte von außen nach dem zweiten Stock des Hauses auf die

einem Klosterkreuzgang ähnliche Gallerie. Ich sah mich verwundert um und

frug, wo wir wären. Das ist unser Konsulat, sagten die Italiener. Ich

forderte Mr. Roß auf, nun mit mir nach dem Schiff zurückzukehren,

davon wollte aber der Konsul nichts hören. Ich müsse mich nach dem

beschwerlichen Gang zunächst etwas ausruhen, meinte er, er werde uns dann

selbst auf die Mecca zurückfahren.

Dr. Roß und ich freuten uns übrigens, bei dieser Gelegenheit gleich ein

zanzibaritisches Intérieur kennen zu lernen. Wir stiegen unter Führung

der Italiener die steile Treppe hinan und traten von der Gallerie aus

in einen hellerleuchteten hohen Raum, dessen Einrichtung -- buntgewirkte

Teppiche und Decken, schwere seidne Vorhänge, große Vasen, indisches

Schnitzwerk und bequeme Sessel aus Rohrgeflecht -- ganz das von

europäischem Geschmack durchsetzte orientalische Gepräge trug. Man

rückte uns die behaglichsten Sitze zurecht und dann brachte ein schwarzer

Diener auf den Wink des Hausherrn Champagnerschalen, in die unser Wirt

italienischen Schaumwein goß. Zu meiner besonderen Freude machte ein

schöner Bernhardiner, der dem Vicekonsul, Herrn Pietro Ferrari gehörte,

seine Aufwartung. Erwähnter Herr, der uns durch den Konsul als Musikfreund

und Inhaber einer schönen Stimme verraten wurde, mußte sich auf unsere

Bitte an das Piano setzen und uns einige Arien vortragen, was er ungern,

dann aber mit echt italienischer Lebhaftigkeit absolvierte. Nach einer

auf solche Weise sehr angenehm verflossenen halben Stunde traten wir den

Rückweg an. Noch einmal mußten wir beim Rascheln der Kokerutschen an Bord

der Mecca übernachten und das sanfte Plätschern der an die Schiffswand

schlagenden Dünung sang uns das Schlaflied.

Zanzibar, den 17. Juni 1887.

Gestern Morgen beeilte ich mich an Deck zu kommen, da um unser Schiff her,

in starkem Gegensatz zu der gewohnten Stille auf hoher See, ein gewaltiges

Lärmen und Treiben herrschte. Wir waren beim ersten Morgengrauen in den

Hafen eingelaufen und befanden uns zwischen einer Menge großer Schiffe,

Daus und Boote, ziemlich dicht an der Landungstreppe. Stadt und Hafen

glitzerten in einer Flut hellen Sonnenlichts. Es war ein Bild, in dem als

Farbe ein blendendes Weiß vorherrschte, eine Landschaft wie Wereschagin

sie malt. Die weißen algerischen Mönche von Zanzibar kamen angerudert, um

ihre Ordensbrüder in Empfang zu nehmen. Auch andere Europäer in

weißem Anzug und weiß umhülltem Korkhelm näherten sich. Ich stand in

unbehaglicher Empfindung des Alleinseins am Schiffsrand und sah hinunter

auf die sich andrängenden Boote mit ihren lärmenden schwarzen, braunen

und gelben Insassen, als auf einmal eine mir wohlbekannte Stimme »guten

Morgen, Baronin!« heraufrief. Da bemerkte ich in einem der Boote den

Freiherrn von Gravenreuth, der mich mit seinen lustigen blauen Augen ganz

so übermütig anlachte wie vormals in Berlin, wenn es galt eine Extratour

zu tanzen. Meine trübe Stimmung war verschwunden. Es ist wahr, daß man

sich sofort zu Hause fühlt, wo man Gesinnungsgenossen und Freunde findet.

Außer Herrn von Gravenreuth hatte Herr Dr. Peters die mir nur dem Namen

nach bekannten Herren Braun und von St. Paul geschickt und das Konsulat

seinen Dragoman, Mr. Michalla, der leider kein Wort deutsch spricht.

Während sich nun die Herren Braun und von St. Paul der neuangekommenen

Beamten und des nach der Duane zu dirigierenden Gepäcks annahmen, fuhren

wir mit Herrn von Gravenreuth nach der steinernen Landungstreppe am

Schloßplatz, von wo aus wir uns unter des Barons Führung nach dem

einzigen anständigen Hôtel der Stadt begaben, dem am Meere gelegenen

~Hôtel d'Afrique Centrale~.

Der Weg vom Landungsplatz zum Hôtel ist kurz, aber charakteristisch.

Vor allem bietet er an Schmutz und Unordnung, was man von arabischer

Straßenpflege irgend erwarten kann. Gegenüber dem Residenzschloß steht

am Meere die Menagerie seiner Hoheit, bestehend aus sechs bis acht morschen

Käfigen, in welchen sich ein ziemlich zahmer Löwe, eine Löwin, ein

Stachelschwein, ein Jaguar und drei bis vier andere Tiere befinden.

Die Straßenluft wird durch diese Sehenswürdigkeit natürlich nicht

verbessert. Unter dem Schlafgemach des Sultans, einem frei, auf hohen

Säulen stehenden Haus, ist ein Panther als Kettenhund angebunden, den die

Vorübergehenden mit ihren Stöcken ärgern. An das Schlafhaus schließt

sich der Harem, ein langer Bau mit himmelblau angestrichenen Fensterläden,

der durch einen blütenreichen Garten von der Straße getrennt wird.

Der Sultan läßt grade vor diesen Garten eine Mauer in Gestalt eines

unförmlichen Schiffes bauen, die eine Wasserleitung in sich birgt mit nach

der Straße gerichteten Krähnen zur Nutznießung der Gläubigen. Das ist

einer seiner originellen Einfälle, der indessen in der Ausführung durch

seine Geschmacklosigkeit gradezu erschreckt. Nasser Kalk, Lehm- und zackige

Korallensteine, die zum Bau verwendet werden, bedecken den Weg in seiner

ganzen Breite. Neben dem Harem steht noch ein Palast mit himmelblauen

Fensterläden. Es ist die Residenz von Schwestern und sonstigen weiblichen

Verwandten des Sultans. Auf der anderen Seite der Straße am und im

Meer sahen wir eine Menge verrostetes Eisen liegen, Anker, Faßreifen,

unbrauchbare Maschinenteile u. s. w., das wird hier abgelagert und dem

rasch zerstörenden Einfluß der Witterung preisgegeben. Wir überschritten

eine Art von Platz und kamen nun an die Fabriken Seiner Hoheit, eine für

das electrische Licht und eine für die Bereitung von Eis. Diese Fabriken

bestehen aus offenen Schuppen. Davor sitzen auf der Straße in Reihen oder

Gruppen aneinander gekettete Neger, welche Holz spalten zur Heizung der

Maschinen. Das sind Diebe oder Leute, die ihren Contract gebrochen haben

oder ihrem Herrn entlaufen sind, kurz harmlose Übelthäter, die hier

zur Strafe mit eisernem Ring um den Hals an die Genossen festgeschmiedet

arbeiten müssen. Sie sehen sehr schmutzig aus, aber ganz vergnügt. Quer

über die Straße laufen den Fabriken entfließende offene Abzugskanäle,

die sich zu Pfützen von widerlicher Farbe und Geruch verbreitern.

Man muß, um zu dem Hôtel zu kommen, über die schmutzigen Rinnsale

voltigieren und dabei Acht geben, daß man nicht den dicht umherhockenden

Sträflingen auf Hände oder Füße tritt.

Das Hôtel ~d'Afrique Centrale~, gehalten von Mr. Chabot, einem

Marseiller, ist ein Teil eines großen arabischen Privathauses. Wir

traten von der Straße aus in einen kühlen, nach Sitte der Araber

mit Marmor-Wandbänken versehenen Flur und gelangten, eine Holztreppe

hinaufsteigend auf die Gallerie, die mit ihren auf massigen Steinpfeilern

ruhenden Rundbögen einen Hof umschloß. In diesem Innenhof blüht ein

alter Oleanderbaum und um ein Wasserbassin schwirrt es von allerhand

Geflügel: Truthühner, Enten, Perlhühner u. s. w. Auch Affen

verschiedener Größe und Art treiben ihr Spiel daselbst, so daß wir

den kleinen Affen Hassan, den uns Herr Filonardi zum Schutz gegen die

Kokerutschen in Mombassa gekauft, gleich in ein für ihn passendes Quartier

bringen konnten. Von der mit schönen Blattgewächsen geschmückten

Gallerie gelangt man in die Gaststuben, große isolierte Zimmer, deren es

im ganzen nur vier giebt, abgesehen von zwei oder drei Holzbaracken auf dem

Dach. Letztere werden von einigen Reisenden vorgezogen der frischeren Luft

wegen; dagegen sollen dort fette Ratten sehr ungeniert ihr Wesen treiben.

Die Araber in Zanzibar scheinen ihre Häuser nach Art unserer alten

Schlösser zu bauen. Zwischen dicken Mauern sind die Zimmer sehr hoch und

mit kleinen Fenstern versehen. Auf diese Weise werden Räume geschaffen,

in denen die Luft circulieren kann und die dabei von der Außentemperatur

möglichst abgeschlossen sind. Kühlt abends die Luft ab, so öffnet man

die Läden einer bis zum Fußboden reichenden Fortsetzung der Fenster,

die mit zierlichem eisernen Schutzgitter versehen ist, und läßt den

erfrischenden Seewind ein. Diese Bauart erscheint mir ebenso hübsch als

zweckmäßig.

Zanzibar, den 18. Juni.

Gestern Abend ließen wir uns nach der Mecca hinausrudern, um dem

freundlichen Kapitän und unserem besonderen Freund Dr. Roß vor ihrer

Weiterreise nach Madagaskar noch einmal Lebewohl zu sagen. Dr. Roß hatte

uns im Hôtel aufgesucht und erzählt, der Kapitän habe noch immer von den

Brandwunden an seinen Füßen zu leiden, so daß er nicht in Stiefel, also

auch nicht ans Land kommen könne. Wir waren aber kaum zehn Minuten an

Bord der Mecca, als Herr von Gravenreuth uns nachgefahren kam. Er und Herr

Dr. Peters hatten uns im Hôtel abholen wollen und nicht angetroffen. Nun

ersuchte uns der Baron, unseren Besuch auf dem Schiff abzukürzen und ihn

nach dem sogenannten neuen Usagarahaus zu begleiten, in welchem sich am

Freitag Abend die ganze deutsche Kolonie zum offnen Abend einzustellen

pflegte. Unsere englischen Freunde waren freilich nicht mit dieser

Abkürzung unseres gemütlichen Beisammenseins zufrieden, dennoch zögerten

wir nicht uns dahin zu verfügen, wo wir von rechts wegen hin gehörten,

nämlich zu den Deutschen. Das neue Usagarahaus ist ebenso wie das Hôtel

~d'Afrique Centrale~ ein alter arabischer Steinbau, mit dicken Mauern,

tiefen Nischen, umfangreichen Pfeilern, Rundbogen und verschiedenen

Terrassen. Auch hier umgiebt den Innenhof eine halboffene Gallerie, die

sich zur geräumigen Halle erweitert. Hier waren Wände und Säulen

mit Flaggen geschmückt und an der Hauptwand befindet sich auf

blumenumkränzter Console eine Büste unseres geliebten Kaisers.

Die deutsche Kolonie hatte sich ziemlich vollzählig eingefunden,

wenigstens war sowohl unser Consulat, wie auch die verschiedenen

Kaufmannshäuser: O'Swald, Strandes, Meyer und was noch hier haust,

vertreten.

Ich erkundigte mich eingehend nach ~Dar-es-Salaam~. Diesen deutschen

Vertragshafen hatte man in Berlin als Centralplatz der auf dem Festland

eingerichteten Stationen ins Auge gefaßt, daher gedachten wir dort die

Einrichtung eines Krankenhauses zu beginnen. Inzwischen hatte sich aber

~Dar-es-Salaam~ als zu einem Verkehrsmittelpunkt ungeeignet herausgestellt,

weshalb unser erster Plan geändert werden mußte. Indessen meinte Herr

Dr. Peters, wenn wir auch von einem Haus in ~Dar-es-Salaam~ nunmehr

absehen müßten, so sei eine geordnete Krankenbesorgung in der Hand einer

gelernten Pflegerin dort sehr erwünscht, da grade jetzt in ~Dar-es-Salaam~

wegen der Mangrovensümpfe und der Umarbeitung des Bodens viel

Krankheitsfälle vorkämen. Mit dem Quartier sei es vielleicht noch nicht

so bestellt, wie er es für uns gewünscht habe, indessen riete er mir die

nächste günstige Fahrgelegenheit zu benutzen, um mich selbst umzusehen

und daraufhin weitere Dispositionen zu treffen.

d. 19. Juni.

Gestern Nachmittag besuchte mich auf Veranlassung des Kapitäns der Mecca

die Leiterin der hiesigen englischen Missionsstation »Mkunazini« und lud

mich ein, heute in der Mission zu dinieren. Ich frug, ob ich meine junge

Krankenpflegerin mitnehmen könne, doch schien deren gesellschaftliche

Stellung der schwerfälligen Britin nicht klar genug zu sein, und sie

antwortete vorsichtig in verneinendem Sinn. Ich schickte daher Bertha,

die ohnehin nicht englisch versteht, zu dem Missionar Greiner und dessen

Familie, mit welcher sie auf der Reise schon gut bekannt geworden. Ich

selbst wurde von einem jungen deutschen Kaufmann abgeholt, der viel bei

den Damen von Mkunazini verkehrt, und dort »lieb Kind« ist. Wir

durchwandelten die Stadt in ihrer Ausdehnung vom Meere nach dem

landeinwärts vorgelegenen Negerviertel, wobei wir die mit den grellsten

Farben bemalten Quartiere der reichen Indier passierten. Daß hier und in

anderen Straßen ein Pflaster überhaupt existiert, verdankt die Stadt dem

ehemaligen englischen Generalconsul Sir John Kirk. Dieser ließ eines Tages

den indischen Unterthanen Ihrer Majestät sagen: Wenn nicht bis zum dritten

Tag von heute jeder Hausbesitzer vor seinem Hause pflastern ließe, so

würde er selbst es machen lassen, aber auf ihre Kosten. Das soll ungemein

rasch gewirkt haben.

Aus den Indierstraßen gelangten wir zwischen die mit Palmzweigen gedeckten

Hütten der Neger und bogen zuletzt in ein Mauerpförtchen ein. Mit dieser

Biegung verwandelte sich die Scene vor uns wie durch Zauber. Mitten in

Neger-Armseligkeit, indischen von Unsauberkeit strotzenden Kramläden und

arabischen Schutthaufen sieht man auf einmal ein Stück Englands vor sich

mit seiner blanken in voll entfalteter Blüte stehenden Kultur.

Erstaunen, Bewunderung und nationale Eifersucht erfüllten mich bei dem

überraschenden Anblick. »Wenn wir doch erst so weit wären!« rief ich.

»Das wird wohl noch einige Jahrzehnte dauern,« meinte lächelnd mein

Führer, »hier steckt viel englisches Geld darin und jahrelange Arbeit.«

Links von uns stand eine schöne steinerne Kirche, ein durchaus vornehmer

Bau, durch dessen gothisch verzierte Fenster Licht schimmerte. Im Innern

erklang aus vielen Stimmen und mit Orgelbegleitung der bekannte rhythmische

Hymnengesang. An dieser Kirche vorüber führt ein sehr sauber gehaltener

Weg durch Gartenanlagen nach den Missionshäusern. Hier hatte das

britische Vermögen, das Gepräge der eignen Art dem vorgefundenen Fremden

aufzuzwingen, es fertig gebracht, arabische Bauten in heitere englische

»~cottages~« mit Loggien, blumengefüllten Erkern etc. umzuwandeln.

Auf der Freitreppe begrüßten uns die Damen der Mission, die mir mit der

liebenswürdigsten Gastfreundschaft entgegenkamen. Sie trugen, dem Klima

angemessen, leichte weiße Kleider mit schwarzen Gürteln. Geschmackvoll

angebrachte frische Blumen erhöhten das freundliche dieses Anzugs. Die

interessanteste unter den Damen ist Miß Allen, eine corpulente, behaglich

aussehende Frau in mittleren Jahren, die eine seltene Sprachkenntnis

besitzt. Sie schreibt, liest und spricht: Deutsch, französisch, englisch,

italienisch, arabisch und Suaheli. Auch latein und griechisch soll

sie beherrschen. Wegen der bei einer Europäerin seltenen Kenntnis des

Arabischen verkehrt sie freundschaftlich mit der Sultanin. Auch erhält

sie öfters Besuch von vornehmen Arabern, mit denen sie liest. Diese

litterarischen Freunde haben ihr mächtige und kostbar eingebundene

arabische Handschriften zum Geschenk gemacht. So hausmütterlich aber

gerade diese Miß Allen aussieht, steht sie dem Hause nur geistig vor,

während die Sorge für das Materielle der sehr mageren und thätigen Miß

Smith überlassen ist, der Dame, die mich gestern aufsuchte. Außer diesen

Pfeilern des Hauses sah ich eine ältliche Missionarsfrau mit Hörrohr

und großer Brille bewaffnet, eine junge Lehrerin, die sich wegen eines

hartnäckigen Fußleidens tragen lassen mußte und die liebenswürdige

Krankenpflegerin, Miß Shaw.

Nachdem die Missionszöglinge, -- die Station Mkunazini erzieht nur Knaben,

-- ihre Gesangsübungen in der Kirche beendet hatten, versammelte man

sich in der im Hochparterre gelegenen Halle zum Diner. Auch die Väter der

Mission, die ein Haus für sich bewohnen, waren in mönchartigen langen

Gewändern erschienen. Diese Herren haben hier, unbeschadet ihres halb

geistlichen Amtes, einen gewissen Ruf als Sportsmänner. Im ~tennis~,

~kricket~, ~football~ und im Schnelllaufen sind sie den anderen hiesigen

Engländern über.

In der Halle waren drei lange Tafeln gedeckt, eine für die älteren

Knaben, eine für die Kleinen und eine für die Hirten und Hirtinnen der

Herde und deren Gäste. Die Zöglinge tragen sämtlich lange weiße Hemden

und feuerrote Jäckchen, was zu der schwarzen Hautfarbe sehr gut aussieht.

Reiche Damen in England nähen diese Anzüge in ihren Missionsmeetings und

schicken sie in so großer Anzahl nach Zanzibar, daß die sämtlichen auf

der Insel und auf dem Festland gelegenen Stationen der Missionsgesellschaft

versorgt werden und Ueberfluß haben.

Es wird der englischen Mission in Zanzibar zum Vorwurf gemacht, daß sie

die Schwarzen zu jungen Herren erzieht, statt zu tüchtigen Arbeitern

oder Dienern. Die aus der Anstalt entlassenen Jünglinge gelten hier

als privilegierte Nichtsthuer und Taugenichtse. Solange sie unter der

liebevollen Pflege der Damen sind, fühlen sie sich allerdings sehr wohl

und der Zweck der Missionsgesellschaft, »~to make the negroes happy~« ist

momentan wenigstens erfüllt. »~Our boys are very happy little chaps!~«

sagte Miß Allen, als sie mir nach der reichlichen und guten Mahlzeit

einzelne ihrer Lieblinge vorstellte. Sie versicherte mir: »wir wollen die

Neger keineswegs zu Engländern machen, sondern zu Christen. Im übrigen

sollen sie die Eigentümlichkeit ihrer Race behalten. Wir studieren darum

sorgfältig ihre Gebräuche und ihre Sprache. Allen Unterricht erteilen wir

in Kisuaheli.«

Zanzibar, den 20. Juni 1887.

Jetzt haben wir das Ende des Ramadan, des mohamedanischen Bet- und

Fastenmonats miterlebt. Es ist dies Ende der Fastenzeit, welches mit dem

Erscheinen des neuen Mondes zusammenfällt, zugleich das Neujahrsfest der

Araber. Gegen Sonnenuntergang marschierten des Sultans sämtliche Truppen

heran mit klingendem Spiel oder rhythmischem Kriegsgesang und nahmen auf

dem Schloßplatz und dem angrenzenden »~Boulevard sur mer~« vom Palast

bis ziemlich zu unserem Hôtel Aufstellung. Einen schönen Anblick

bieten die »irregulären« Truppen. Das sind junge, meist mit edlen

Gesichtszügen und sehr schlanken Gestalten ausgestattete Araber in

dem durch Illustrationen aus der Zeit der Kreuzzüge bekannten überaus

malerischen Kostüme: um den Kopf die hellseidene Keffie die tief in den

Nacken herabhängt, ein bis über die Kniee reichender, meist weißer

Waffenrock, darüber in dem schärpenartigen breiten Gurt eine Menge von

Dolchen, Messern etc. Übrigens trägt auch von diesen Irregulären jeder

Mann ein Gewehr. Die Berittenen tragen den Burnus der Beduinen und

jagen mit ausgelegter Lanze in gestrecktem Galopp meist auf wundervollen

Vollblutpferden durch die Straßen. Wie sie das bei der hiesigen

Pflasterung möglich machen, ist mir unklar.

Am Meeresstrande sind, soweit der Blick reicht, Kanonen aufgefahren. Die

Sultansschiffe prangen im reichsten Fahnenschmuck und das Volk der Araber,

Indier, Perser, Aegypter, Goanesen und Suaheli erfüllt im Festtagsgewand

Straßen und Plätze. Ich sah vom Fenster aus Neger-Dandies in

schneeweißem, wallendem Hemd mit kupferfarbener, rotgoldner oder

grünspanfarbener seidner Weste. Von dem Glanz dieser aus Indien stammenden

Farben macht man sich in Europa kaum einen Begriff. Dazu tragen die

Neger weiße gestickte mit zahlreichen Löchern versehene Mützchen, ein

kostspieliger Artikel, und Spazierstöckchen in der Hand.

Auf dem Turm des Sultans, von den Europäern seiner Form und Beleuchtung

wegen, der Weihnachtsbaum genannt, stand der Wächter und schaute nach der

Himmelsgegend, in welcher der neue Mond sichtbar wurde. Unten herrschte

große Aufregung, denn wenn sich der Mond an diesem Abend nicht sehen

läßt, müssen die Gläubigen noch vierundzwanzig Stunden länger fasten

und beten.

Wir überschritten gerade in Gesellschaft von Herrn Dr. Peters, Herrn

Braun und Baron Gravenreuth den Schloßplatz, als vom Turme aus der

Signalschuß gegeben wurde, der das Erscheinen des ersehnten Gestirns

ankündigt. Sofort begannen die sämmtlichen Kanonen zu donnern, auch

von den Schiffen her, und die gesammte Reichsarmee schoß die mit Pulver

überladenen Gewehre auf einmal ab. Einen schlimmeren Lärm habe ich

in meinem Leben nur einmal gehört, als ich, per Courierzug durch den

Gotthardttunnel fahrend, auf der Außengallerie des Eisenbahnwagens stand.

Damals fürchtete ich ernstlich für mein Gehör; aber auch heute verging

mir im ersten Moment Hören und Sehen.

Bald nach Sonnenuntergang, sowie die frühe Tropennacht das groteske

Straßenbild verhüllte, wurden die Schiffe illuminiert, so daß die Formen

des Takelwerks sich in weißen Lichtperlen von dem Wasser abzeichnen. Das

Schießen dauert immer fort.

Den 21. Juni.

Heute ist erster Neujahrsfeiertag. Wir haben in Gesellschaft der deutschen

Herren einen Spaziergang landeinwärts gemacht, um die Tänze der Schwarzen

zu sehen. In den Straßen wird fortwährend geschossen.

Den 22. Juni.

Heute, am zweiten Feiertag, war großer Empfang beim Sultan für die

Europäer. Wer im Besitz eines schwarzen Überrocks oder Fracks ist, macht

in Begleitung des betreffenden Konsuls dem Sultan seine Aufwartung und

wünscht Glück zum neuen Jahr. Nach beendigter Audienz besprengt ein

Hofbeamter die Gäste mit Rosenöl. Man riecht es in Folge dessen den

Europäern meist noch tagelang an, daß sie an Hof gewesen waren.

Als Nachspiel erhält jeder Besucher eine Schüssel Confect in's Haus

geschickt. Die Herren aus dem Usagara-Haus überließen mir liebenswürdig

einen Teil der ihnen gewordenen Geschenke, allein da diese arabischen, aus

Sewsam, Honig und Mandel bereiteten Süßigkeiten in Hammeltalg gebacken

sind, konnten sie mein Herz wenig erfreuen.

Den 23. Juni.

Miß Shaw, die in ihrer Apotheke jeden Morgen und jeden Abend schwarze

Patienten empfängt, hat mir bereitwilligst Erlaubnis erteilt, ihr mit

meiner Gefährtin bei diesem Vornehmen zu assistieren. Heute Morgen

wanderten wir zu diesem Zweck, geführt von einem unserer schwarzen

Kellner, nach der Mission. Die Apotheke im Missionshaus ist ein hoher

Raum, in welchen das Licht durch ein fast an der Decke befindliches Fenster

fällt. Der Fußboden ist mit Steinplatten ausgelegt, auch befindet sich

ein Wasserbehälter mit Hahn und Schlauchspritze da.

Die zu Miß Shaw pilgernden Patienten litten, so viel ich ihrer heute

gesehen habe, an durch Unsauberkeit verschleppten Geschwüren oder offenen

Wunden.

Zu meiner Verwunderung zeigten sie sich bei den durch Schneiden, Auswaschen

und Verbinden verursachten Schmerzen sehr tapfer. Kaum daß Einer zuckte,

oder das Gesicht verzog. Ein etwa sechsjähriges Kind litt an den Augen und

erhielt Einspritzungen. Er war erst seit acht Tagen in Mkunazini. Wie

alle Missionszöglinge hier, war auch er ein kleiner Sclave, den englische

Kreuzer (die eigens zu diesem Zweck das Meer absuchen) arabischen

Sclavenschiffen weggekapert und der Mission überantwortet hatten. Am

Tage seiner Ankunft, erzählte Miß Shaw, hatte sie ihn sofort seiner sehr

entzündeten Augen wegen vorgenommen. Abends bekam er dann zum Nachtisch

eine Apfelsine. Anstatt diese aber zu essen, bat er vor Schlafengehen seine

Wärterin, die Apfelsine der Dame zu bringen, die ihm »Daua« (Medizin)

für seine Augen gegeben habe. -- Es ist gewiß irrtümlich, den Negern

Undankbarkeit vorzuwerfen und ich glaube keinesfalls, daß dieser Mangel

eine Charakteranlage ist. Wenn Europäer sich über Undankbarkeit der

Schwarzen beschweren, so hat es wahrscheinlich meistens den Grund, daß die

vermeintlich erteilten Wohlthaten nicht als solche empfunden worden sind.

Heute Nachmittag holte mich Herr v. Gravenreuth zu einem Besuch im

französischen Hospital ab. Diese Schöpfung des Ordens vom heiligen Geist

und vom heiligen Herzen Mariä hat ein viel ernsteres Gepräge, als die

anmutige Niederlassung der Engländer. Das Kloster liegt dicht am Meer,

dessen Brandung hier an Korallenriffe schlägt, so daß das dumpfe Brausen

der anprallenden Wellen die Kranken in den Schlaf singt. Eine einsame Palme

neigt die schönen Zweige wie trauernd dem Wasser zu. In dem ernsten, fast

düsteren Klosterhof steht ein Gartenhäuschen nahe der Eingangspforte,

dessen innerer Raum mit Heiligenbildern und Holzstühlen ausgestattet

ist, wie ein Beetsaal. Das ist das Empfangszimmer. Die Schwestern in ihrer

schwarzen Nonnenkleidung treten leise auf und sprechen mit gedämpfter

Stimme. Sie sind zum größten Teil Creolinnen aus St. Mauritius und daher

an das Klima besser gewöhnt als wir Nordländerinnen. Dennoch erzählen

ihre bleichen, eingefallenen Gesichter und die tiefliegenden Augen von

Nachtwachen und Betübungen, die den Geist vielleicht auf Kosten des

Körpers fördern. Aber dies Kloster ist für alle in diese Landstriche

verschlagenen Europäer zu einer Stätte des Segens geworden, von der sie

mit inniger Dankbarkeit und Ehrfurcht sprechen. Wie manches Mal hat mein

Bruder hier schon Heilung von schwerer Krankheit gefunden!

Die Oberin ist eine zarte, distinguirte Erscheinung, »~petite, avec de

grands yeux~«. Sie stammt aus altfranzösischer Adelsfamilie und ist schon

dreizehn Jahre im Dienst der Krankenpflege thätig. Wir sprachen über die

Gefahren des Klimas und sie resümirte ihre Erfahrungen in dem Ausspruch:

»~l'énergie, c'est tout. Avec de l'énergie on vit ici, sans cela, on

meurt~«.

d. 24. Juni.

Heute Morgen, als ich aus meinem Zimmer trat, um zu frühstücken, stand

auf der Galerie ein Herr in Joppe, Kniehosen und Gamaschen, dem Costüm, in

dem die Herren auf dem Continent zu reisen pflegen. Ohne näher hinzusehen,

wollte ich an ihm vorüber zu dem Kaffeetisch, als er mit einer mir sehr

vertrauten Stimme: »Guten Morgen, Frieda,« sagte. Da erst erkannte ich

meinen Bruder, den ich seit mehr als zwei Jahren nicht gesehen hatte. Und

heute ist gerade sein Geburtstag! Albrecht hat einen ~par force~-Marsch von

Usungula nach Bagamoyo gemacht. Er befindet sich körperlich und geistig

sehr wohl und äußert sich durchaus zufrieden mit den Schwarzen, mit denen

er jetzt, nachdem er ihre Eigentümlichkeiten kennen gelernt hat, gern

verkehrt und leicht fertig wird. Das Kisuaheli spricht er zwar nicht

so correct wie Baron St. Paul, der in alle Feinheiten der Grammatik

eingedrungen ist, aber geläufig und mit echter Neger-Betonung.

d. 25. Juni.

Miß Shaw hat uns diesen Morgen in Hütten einzelner weiblicher Patienten

mitgenommen.

Man mußte sich bücken, um durch die Thür in den dunklen Raum zu

gelangen, der das Innere der Hütten bildet. Den Fußboden darin bildet die

festgetretene Erde; die Einrichtungen, die wir heute sahen, bestanden aus

einer einzigen Kitanda. Das indische Holzschemelchen, auf dem Miß Shaw bei

ihrer Arbeit zu sitzen pflegt, trugen wir mit umher. Die Patientinnen boten

ziemlich schwere Fälle von durch Unreinlichkeit und unordentliches Leben

entstandenen fressenden Geschwüren, deren energische Behandlung aber auch

diese Weiber mit dem größten Stoicismus über sich ergehen ließen. Wenn

der active Mut den Suaheli-Negern fehlt, so scheint dafür der passive, der

sich im Dulden äußert, desto reichlicher vorhanden.

Den 26. Juni.

Gewöhnlich gehen wir nachmittags mit Herrn von Gravenreuth oder meinem

Bruder spazieren, aber zuweilen hat keiner der Herren Zeit für uns, und

allein wagen wir uns nicht auf die Straße. Um uns dann die in diesem

feuchtheißen Klima unerläßliche Körperbewegung zu verschaffen, klettern

wir, wenn die Sonne untergeht, auf das flache Dach unseres Hôtels. Dies

ist von so hohen Mauern umgeben, daß man nach keiner Seite hin Aussicht

hat, also auch selbst nicht gesehen wird. Wir exercieren dann ganz

stramm und machen turnerische Freiübung, was uns vortrefflich bekommt.

Unterhaltender und reizvoller sind freilich die Gänge durch die Stadt,

besonders abends. Ich habe als Kind mit Vorliebe die Märchen von tausend

und einer Nacht durchblättert, die mein Vater in einer vier Foliobände

starken Prachtausgabe mit unzähligen Illustrationen besaß. Jetzt scheint

mir diese orientalische Märchenwelt vor meinen Augen lebendig geworden,

so oft ich Gelegenheit habe, nachts die Gassen zu durchwandern. Wir

biegen dicht bei unserem Hôtel in eine enge, finstere Gasse ein. Die

altersgeschwärzten Hausmauern zu beiden Seiten sind ganz fensterlos. In

einem tiefnischigen Pförtchen steht unbeweglich eine weiß verschleierte

Araberin. Sie scheint jemanden zu erwarten. Wir gehen an ihr vorüber, ohne

daß sie uns zu beachten scheint. Hinter uns ertönt, aus einer Seitengasse

sich nahend, der einförmige rhythmische und gellende Wechselgesang

schwarzer Lastträger und das gleichmäßige Getrappel ihrer nackten

Füße. Sie holen während des Singens rasch und mühsam Atem, weil sie mit

der schweren Last nicht gehen, sondern laufen.

Wir biegen aber bald in eine belebtere Straße ein. Aus einer Moschee

ertönt der Chorgesang andächtiger Mohamedaner. Wir erlauben uns vor der

offenen Eingangspforte des Tempels einen Augenblick Halt zu machen. Da

knieen die Betenden in langen Reihen dicht hintereinander, d. h. sie

hocken auf den kreuzweis untergeschlagenen Beinen und singen unter

beständigen Verneigungen und nach Vorschrift ausgeführten eigentümlichen

Handbewegungen ihre Responsen ab. Zahlreiche Krystall-Lampen, die von

der Decke hängen, beleuchten scharf die schwarzen, braunen und gelben

Gesichter. Die Schwarzen haben übrigens unbeschadet ihrer Andacht

sämtlich die Gesichter uns zugekehrt und betrachten uns mit derselben

Neugier, wie wir sie. Um sie nicht ferner zu zerstreuen, setzen wir unsern

Weg fort. An der nächsten Straßenecke strömt uns süßer Blütenduft

entgegen. Es ist die sogenannte Jasminecke. Hier werden in den Abendstunden

auf niederen indischen Holzschemeln große Haufen von Jasminblüten

feilgehalten. Die vornehmen Araberinnen bestreuen mit diesen Blüten vor

Schlafengehen ihr Lager. Ihre Kopfnerven müssen anders geartet sein, als

die der Europäerinnen. Wir befinden uns an der Jasminecke auf einem mit

wildem Grün überwucherten Platz. Vor uns steht als malerische Ruine ein

zerfallenes Araberhaus; einzelne maurische Bögen sind erhalten. Was

hier zusammenfällt, bleibt als Trümmerhaufen liegen und wenn's in

der belebtesten Straße der Stadt ist. Auf dem Gemäuer wachsen

schlankstämmige Melonenbäume, »~papaï~«, unter deren zierlicher

Blätterkrone die melonenförmigen Früchte hängen, hier eine beliebte

Speise. Stammartige Wurzeln klettern außen an dem Gestein herunter auf die

Straße nieder. Nicht weit von uns sitzen indische Jungen um ein kleines

Holzkohlenfeuer, auf dem sie in einem Pfännchen Weihrauch verbrennen. Die

Indier haben regelmäßige Gesichtszüge und träumerische zuweilen sehr

schöne Augen. Aber die schlotterige Gestalt, die schlechte Haltung und

die trägen Bewegungen tragen den Stempel der Weichlichkeit in unangenehmer

Weise. Die männlichen Indier tragen weiße bis an die Knöchel reichende

Hosen, Westen und kurze weiße Jacken. Nichts sitzt bei ihnen malerisch,

oder zeigt hübschen Faltenwurf, wie es bei den Schwarzen häufig und

bei den Arabern fast durchgängig der Fall ist. Auch sind ihre in's Auge

fallenden Charakterzüge, Habgier und Geiz, auf den Gesichtern der älteren

Männer mit erschreckender Deutlichkeit ausgeprägt. Die Knaben vor uns

sehen freilich im rötlichen Schein ihres Feuerchens hübsch genug aus. An

einem anderen Feuer sitzen alte Weiber und rösten Erdnüsse. Der vor

uns hergehende Diener läßt sich für ein paar Pesa sein rotes Fez damit

anfüllen. Man entfernt die geröstete Schale und der Kern schmeckt unseren

Haselnüssen ähnlich, nur darf er nicht beim Rösten angebrannt sein.

Den 29. Juni.

Ich habe nun auch die zwei einzigen deutschen Damen hier in Zanzibar kennen

gelernt. Frau Strandes, die nach dreijährigem Aufenthalt hier jetzt zum

ersten mal unter dem Klimafieber leidet, hat einen prächtigen blonden und

blauäugigen kleinen Sohn. Dem Kind scheint die Tropenluft vorläufig ganz

vortrefflich zu bekommen. Freilich ist seine Mama auch eine musterhaft

verständige kleine Frau, deren consequentes Erziehungssystem mir Achtung

abnötigt.

Am vergangenen Sonntag haben wir schon zum zweiten mal Morgengottesdienst

im Usagara-Haus gehabt. Starke Gewitterregen haben die Gassen Zanzibars

unter Wasser gesetzt. Man hat nur die Wahl von Stein zu Stein zu

voltigieren oder durch die Wasserbäche zu waten.

Unser Geistlicher, Herr Missionar Greiner, erschien deshalb am Sonntag

in kurzer Joppe, in die Stiefel gesteckten Beinkleidern und hohen

Reiterstiefeln von gelbem Leder. So angethan, stand er vor der kleinen

Gemeinde und las die milden Worte des Gleichnisses vom verlornen Sohn. Man

glaubte sich in eine Hussiten- oder Hugenottenandacht aus den Zeiten der

Glaubenskriege versetzt, als der Prediger des lauteren Wortes ritterlich

gewappnet, die Bibel in der einen und das Schwert in der anderen Hand

seiner Herde voranzugehen hatte. Wir sangen wieder den Choral: »Nun danket

alle Gott«, dessen großartige Melodie immer und überall die Herzen

erhebt.

Nun ist Pastor Greiner mit seiner Frau und Nichte per Dau nach

Dar-es-Salaam gesegelt, ein kühnes Unterfangen in Hinblick auf die Frauen,

denn wir haben noch vollen Süd-Westmonsum. Der Sturmwind weht grade von

der Richtung, nach welcher das Segelbot seinen Cours halten muß, es kommt

daher unter beständigem Kreuzen im besten Fall nur sehr langsam von

der Stelle, und die Reisenden riskieren, tagelang in dem schmutzigen,

cajütenlosen Segelboot auf den Wellen herumgeworfen zu werden. Was mich

betrifft, so würde ich mich einer Daureise gegen Wind und Wellen nur im

äußersten Notfall aussetzen. Ich habe die Ärmsten mit inniger Teilnahme

zur Einschiffungsstelle begleitet, wo sie, der Ebbe wegen, auf den

Schultern schwarzer Lastträger nach dem elenden Fahrzeug geschleppt

wurden. Möchten sie die Reisetage erst überstanden haben!

Den 30. Juni 1887.

Gestern fanden auf der großen Wiese an der Mnasimoja turnerische Spiele

statt, ausgeführt von der Mannschaft des hier liegenden englischen

Kriegsschiffes zur Feier des Regierungsjubiläums der Königin von England.

Wir waren in der höflichsten Form von dem englischen Generalconsulat

eingeladen. Mr. Holmwood ließ Herrn Dr. Peters in seiner eigenen

Equipage abholen, was Aufmerksamkeit erregte. Die ganze ~beau monde~

Zanzibars war auf der mit zahlreichen Flaggen geschmückten Festwiese

erschienen.

»Wer kennt die Völker, zählt die Namen,

Die gastlich hier zusammen kamen?!«

Man sah die Vertreter der europäischen Regierungen, von Deutschland,

England, Frankreich, Italien, Portugal, Belgien, wie auch von Amerika;

die Vertreter der Handelsgesellschaften und kaufmännischen Firmen, die

verschiedenen Missionen, die Truppen seiner Hoheit, die reichen Indier mit

ihren in goldleuchtenden Seidenfetzen eingewickelten Weibern und Kindern,

die ernst dreinschauenden Parsen mit Brillen auf der Nase und hohen

Mützen, ähnlich denen griechischer Popen u. s. w.

Unter den Spielen interessierte mich ein Wettrennen, das zwischen

englischen Matrosen und schwarzen Sultanssoldaten stattfand.

Die Schwarzen liefen gleich beim Starten die Bahn dahin wie ein Trüppchen

flüchtiger Antilopen und gewannen sofort einen ganz bedeutenden Vorsprung.

Bald aber blieb einer nach dem anderen zurück. Die Engländer änderten

ihr weit mäßigeres Tempo nicht. Sie hatten bald die sämtlichen Schwarzen

eingeholt und erreichten lange vor jenen das Ziel.

Auch mein Bruder, dessen Muskelkraft einen gewissen Ruf hat, und der

turnerisch sehr gewandte Herr Consul O'Swald beteiligten sich an einigen

der Spiele mit den englischen Marine-Offizieren.

Der Generalconsul, Mr. Holmwood stellte mir die beiden indischen

Geldfürsten vor, die der englischen Regierung 100000 Rupies überwiesen

haben, zur Errichtung eines Hospitals für Arme. Wir hatten übrigens an

diesem Nachmittag die Genugthuung wahrzunehmen, daß wir Deutschen zur Zeit

hier die bevorzugteste gesellschaftliche Stellung einnehmen. Die besonders

gegen Herrn Dr. Peters und seine Gesellschaft offiziell bekundete

Zuvorkommenheit der hier immer noch dominierenden Engländer ist geradezu

staunenerregend.

d. 2. Juli.

Mein Bruder ist mit der Wolf'schen Eisenbahnexpedition abgereist, zunächst

nach ~Dar-es-Salaam~, wo er die nötigen Träger mieten soll. Vielleicht

sehen wir uns dort bald wieder.

Nacht vom 7. zum 8. Juli.

Ich sitze am Lager einer fieberkranken jungen Östreicherin, deren Mann im

Innern zum besten der Wissenschaft Schmetterlinge fängt. Sie ist ihm

voll Enthusiasmus hierhergefolgt mit der Absicht, ihn auf allen seinen

Streifzügen zu begleiten. Nun haben Entbehrungen und Anstrengung in dem

ungewohnten Klima die Arme niedergeworfen. Die Hütte, in der sie

wohnt, liegt im Garten eines Portugiesen von Goa. Sie enthält, wie die

Negerhütten, einen einzigen Raum, dessen Plafond das Dach und dessen

Parket der Erdboden ist. Fenster sind nicht vorhanden, deshalb steht

auch nachts die Thüre auf, so daß ich von meinem Sitz am Krankenbett

hinaussehe in die »mondbeglänzte Zaubernacht -- die den Sinn gefangen

hält.« Draußen stehn mächtige Kokospalmen mit felsblockartigen

Stämmen; dem Pförtchen gegenüber eine Banane, deren schöne

Riesenblätter der Nachtwind raschelnd durcheinanderwirft. Auf einem

steinernen Tisch unter den Bäumen steht ein Thonkrug, wie eine etruskische

Vase geformt, mit Trinkwasser. Die Portugiesin, der der Garten gehört,

hat es für mich hingestellt. Auf einer Steinbank liegt vor der Hütte

schlafend ein etwa zehnjähriger Negerknabe. Er muß gelegentlich für die

Kranke einen Gang thun. Dann wecke ich ihn, und er springt dienstbereit auf

die Beine, ohne sich einen Augenblick zu besinnen. Zu meinen Füßen liegt

ein wackerer Rattenfänger, ein kluges, freundliches Tier. ~Iessy~, so

heißt er, schläft auch; aber wenn eine Ratte ihre Aufwartung macht,

ist er schnell genug bei der Hand. Ich habe, auf dringendes Bitten meines

Bruders, einen geladenen Revolver neben mir liegen, aber ich kann mich noch

immer nicht mit dem Gedanken vertraut machen, zu einer derartigen Waffe

meine Zuflucht nehmen zu müssen. Wir deutschen Frauen sind gewohnt, unsere

Sicherheit gerade in unserer Waffenlosigkeit zu sehen.

Meine Kranke habe ich mit einem Palmenwedel gefächelt, bis sie

eingeschlafen ist. Lange wird der ihr so nötige Schlummer, fürchte ich,

nicht dauern. Mittlerweile habe ich beim sanften Schein des Nachtlämpchens

mein Tagebuch vorgenommen, um durch Schreiben die Schläfrigkeit zu

überwinden. Ein Kanonenschuß am Hafen verkündet eben die zehnte Stunde,

(vier Uhr morgens.) Muskitos umschwärmen mich mit singendem Sausen

und erregen durch ihre Hartnäckigkeit meinen grimmigen Zorn. Diese

blutgierigen Ungeheuer nötigen mich beständig um mich zu schlagen, wobei

ich gewöhnlich mich selbst, aber nicht die Muskitos treffe. Eben läuft

ein grünes Eidechschen die weiße Wand entlang, und nicht weit davon

bewegt eine Riesenspinne ihre dicken haarigen Beine, ein greulicher

Anblick.

d. 8. Juli. Vormittag.

Herrlich war der Morgenhimmel vor uns nach Sonnenaufgang im Garten des

Portugiesen. Ganz prächtig zeichneten sich die edlen Linien der Palmen von

dem lichtgoldenen Hintergrund ab. Die Hähne krähten in den benachbarten

Gehöften, da sprang der kleine Diener von seinem harten Lager auf, wusch

sich an der nahen Cisterne und kehrte dann die Wege des Gartens. Dann

machte er ein Holzfeuerchen auf dem Kochherd, der unter einem Schutzdach

von Palmzweigen an der Hinterwand des Hauses im Freien angebracht ist. Bald

kam auch die Portugiesin aus dem Vorderhaus und kochte Kaffee, der meiner

Kranken ebenso gut schmeckte wie mir. Gegen sieben Uhr kamen zwei von den

französischen Klosterschwestern und versicherten mir, trotz des momentanen

verhältnißmäßigen Wohlbefindens der jungen Frau könne dieselbe an

diesem ungesunden Aufenthaltsort das Fieber nicht loswerden. Sie wollten

die Kranke daher gegen Mittag in das Hospital bringen lassen und sie dort

bis auf weiteres verpflegen.

Um acht Uhr kam dann meine junge Gefährtin, Bertha, und löste mich ab.

Heute veranstalten die Indier ein glänzendes Fest zu Ehren der Königin

von England bez. Kaiserin von Indien. Die ganze Stadt ist zur Illumination

mit bunten Lämpchen versehen; man hat zahlreiche Triumphbögen und

Transparente angebracht, eine Schiffsladung voll Feuerwerk von ~Bombay~

kommen lassen und die sonst so schmutzigen rumpelkammerartig zugerichteten

Verkaufsstraßen gleichen heute Laubengängen aus Palmzweigen.

Ich sagte zu dem französischen Viceconsul und dessen Freund, die mit uns

im Hotel essen, die Engländer zeigten sich heute wieder als loyale Nation,

worauf die Franzosen antworteten: »Die haben eine Königin. Sie sollten

einmal sehen, was _wir_ thun würden, wenn wir eine Königin hätten!«

Reisescizzen und Tagebuchblätter aus Deutsch-Ostafrika · 第 3 / 7 题