hatte sie Frau Juliane oder Frau Antonie in der Kammer der Knaben
angetroffen, es sei denn, daß eine der Frauen mit wichtigem Auftrag
die Knaben aus der Arbeit aufschreckte und mit einem Brieflein durch
die halbe Stadt entsandte. Thomas Vanderwelt aber war nun dabei,
sich draußen im Hafen sein Floß zu zimmern, um den freien Rhein zu
gewinnen. Da blieb die Sorge um die Knaben Angela Freydag, und es war
ihre liebste Sorge.
»Was treibt ihr?« fragte sie, wenn sie beim Eintritt in die Kammer mit
Jubelgeheul bewillkommnet wurde.
»Setz' dich einmal nieder, Tante Engel. Hierher an den Tisch.
Nikolaus, wirf die Scharteken vom Stuhl. Sitzest du gut, Tante Engel?
Das Publikum muß in eine freundliche Gemütsverfassung gebracht werden.«
»Narren ihr! Sammelt die Schulbücher vom Boden auf und zeigt mir eure
Hausaufgaben.«
»Muß das sein, Tante Engel? Hat's nicht Zeit? Inzwischen verpufft die
ganze Begeisterung.«
»Recht so, Jungens. Da habt ihr die Probe aufs Beispiel, und die
haltet mir fest. Was verpufft, ist nicht echt und nicht lebensfähig.
Das schillert nur in allen Regenbogenfarben und zerplatzt.«
»Baus!« machten die Jungen und suchten ihre Bücher zusammen.
»Das Aufgabenheft brauche ich nicht,« sagte Angela Freydag und
schob es zurück. »Zwischen uns herrscht Vertrauen. Ich belüg' euch
ja auch nicht. Außerdem predigt euch euer heller Verstand, daß der
Wissende der Herr ist und der Unwissende der Knecht. So, das wäre die
Mathematik. Verstehe ich nicht, aber die Zeichnungen sind sauber.
Und das wäre das Latein. Verstehe ich auch nicht, aber es sind zwei
Seiten voll und wird wohl genügen. Und das -- das ist Griechisch, und
ich verstehe es noch viel weniger. Wollt ihr euch lustig machen, ihr
Sonntagsreiter?«
»Sonntagsreiter hat sie gesagt, Martin! Sonntagsreiter! In der Woche
braucht man den Klepper nicht, und Sonntags hoppelt man darauf herum.
Tante Engel, du hättest nur ~unsere~ Reihenfolge bestehen lassen
sollen.«
»Wißt ihr es denn nicht mehr aus eurer Kinderzeit? Erst mußtet ihr
den Lebertran schlucken, dann kam die Backpflaume als Belohnung.
Schmäht mir den Lebertran nicht. Er fördert den Knochenbau. Wie das
Lateinische und Griechische Verstand und Geist. Die Kunst aber ist die
große goldene Feierabendsonne.«
»Gilt sie nur für den Feierabend?« fragten die Knaben enttäuscht.
»Ihr habt mich mißverstanden, ihr lieben, heißen Jünger. Am Abend geht
sie auf und gibt die Kraft für die Nacht und den ganzen neuen Tag.
Damit der Mensch den Werktag durchhält und mit jeder Arbeit, die er
hinter sich bringt, der Freude näher kommt. Sonst müßte er ja glauben,
die Sonne am Himmel schiene nur für die Müßiggänger.«
»Schreib's auf, Nikolaus, für die nächste Nummer.«
»Es kann noch in diese, Martin. Wir machen den Leitspruch daraus. Los.
Ein jeder für sich.«
Der eine saß am Fensterbrett, der andere am Bettpfosten und strichelte
Buchstaben aufs Papier. Jetzt lief der eine zum anderen, und sie
verglichen die Blätter. Aus Rand und Band geraten, schlugen sie sich
auf die Schultern, hin und her. Die Prägung der Worte war fast die
gleiche geworden und bedurfte nur geringer Feilung.
»Erfahre ich nun bald,« fragte Angela Freydag, »was für Narrheiten ihr
treibt?«
»Tante Engel, du mußt unser Mitarbeiter werden. Wir verpflichten dich
feierlich. Eigentlich wollten wir es ja ganz alleine machen, aber
was wir nur unter Hochdruck zutage fördern, das sagst du so ganz
selbstverständlich daher.«
»Ist es wahr, Tante Engel, daß es ›geborene Künstler‹ gibt? Die ganz
und gar Kunst sind?«
»Ja, ihr Jungen. Es gibt Menschen, die aus ihrem bloßen Leben das
größte Kunstwerk gestalten. Sie sind noch seltener als die namhaften
Künstler, und Kornelius Vanderwelt, euer Großvater, war einer von
ihnen.«
Die Knaben kamen ihr näher. Ihre Augen leuchteten, als sie von ihrem
Vorfahren vernahmen, der ein so großer Künstler gewesen war. Es wurde
ihnen zumut, als ginge ein Schein von seinem stolzen Haupte auf ihre
Jugendlocken über.
»Tante Engel, du bist doch auch eine berühmte Künstlerin gewesen. Auf
dem Konzertflügel.«
»Ihr wollt mich wohl nicht ganz leer ausgehen lassen, wenn ihr an den
Großvater denkt?«
»Der Großvater und du, Tante Engel, das ist doch derselbe Begriff.
Seit wir denken können, haben wir euch immer zusammen gesehen, und
der Martin, als er noch ganz klein war, hat mich einmal gefragt, ob du
der Großvater seiest oder der große Mann da.«
»Tante Engel, es war der Nikolaus. Er wollte dich damals heiraten,
aber er wußte nicht, ob das anginge, da du doch der Großvater seiest.«
»Weil du die Piep rauchtest, Tante Engel.«
Angela Freydag saß zwischen Kornelius Vanderwelts Enkeln und ließ sich
die Jugendwogen warm und wohlig zu Herzen gehen. Ihre Hände griffen in
die blonden Schöpfe, ihre Augen lachten in die Knabenaugen.
»Muß ich nun zum dritten Male fragen, was es mit euren Heimlichkeiten
auf sich hat? Ich muß doch wissen, ob ich an einer Sprengbombe
mitarbeiten soll oder an Apollos Sonnenwagen.«
Die Knaben blickten sich an. Dann sprangen sie gemeinsam an den
Tischschubkasten und suchten einen Stoß geschriebener Blätter hervor.
»Mit der ersten großen Einnahme wird eine Schreibmaschine gekauft.
Natürlich eine ›gebrauchte‹,« erklärten sie beruhigend.
Angela Freydag nahm die Blätter entgegen. Ihr wurde froh und sogar ein
wenig feierlich zumute, als sie auf die beschriebenen Seiten blickte.
»Aus Sehnen und Leben« benannte sich die handschriftliche Zeitung,
die sie in den Händen hielt. Ob nicht der junge Kornelius Vanderwelt,
bevor ihn das Sehnen nach dem Leben auf die Weltmeere getrieben hatte,
auch eine solche Schülerzeitung gedichtet und geschrieben haben mochte?
Die erste Seite in zwei Spalten geteilt. Auf jeder ein Gedicht, beide
in genau der gleichen Verszahl. Links Martins, rechts Nikolaus' Name.
»Tante Engel, das war ein Spaß. Dort saßen wir, wo wir eben saßen. Der
eine am Fensterbrett, der andere auf der Bettkante. Eins -- zwei --
drei -- und los! Da schwirrten die Saiten. Der Martin war mit seinem
Gedicht zuerst zu Rande gekommen, dafür hatte es bei näherem Zuschauen
eine Strophe weniger als das meine, und er mußte eine Strophe
hinzudichten, damit auf der ersten Seite das schöne Gleichmaß bewahrt
blieb. Wieder 'ran an den Feind, und auf die Sekunde wurde er mit mir
fertig. Wie haben wir gelacht, Tante Engel!«
Und Angela Freydag dachte: Da sitzen sie in einem elenden Bauwerk,
den Himmel über sich und unter sich eine Schifferkneipe, und das Blut
bricht doch durch und schlägt vor lauter Freude Purzelbäume von einem
Stern zum anderen.
»Umblättern, Tante Engel,« drängten die jungen Dichter. Sie wollten
das Staunen genießen.
Ein Märchen folgte vom Rhein. Eine Erzählung aus dem Hafen.
Gleichnisse zwischen Schule und Freiheit, in denen die Freiheit
triumphierte. Ein Sportbericht wie ein schottisch Tuch, so bunt
überwürfelt mit Fachausdrücken. Eine Spalte voll rheinischen Humors.
Und dann der Briefkasten. Der Briefkasten, in dem unzähligen
Anfragern immer wieder aufs neue versichert werden mußte, daß die
Nummer wirklich nur fünfzig Pfennig koste, obschon noch keine Nummer
erschienen und noch kein Anfrager möglich war.
Die Kaufmannsader der Vanderwelts, dachte Angela Freydag. Sie hält auf
ihren Preis.
Unter den größeren Arbeiten prangten die Namen der Verfasser, die
geringeren waren mit ›Bischof‹ und ›Ruprecht‹ gezeichnet. Angela
Freydag wies mit dem Finger darauf. »Was bedeutet das?«
»Verstecknamen, Tante Engel. ›Bischof‹ bedeutet Martin, denn der
heilige Martin war ein Bischof, und ›Ruprecht‹ bedeutet Nikolaus,
denn der liebe, liebe Nikolaus läuft auch als Knecht Ruprecht durch
den Wald. Wärst du darauf gekommen? Ehrlich, Tante Engel.«
»Es sind prachtvolle Verstecknamen,« gestand sie, zog ihre Geldtasche
und blickte hinein. »Wie oft erscheint die Zeitung?«
»Monatlich,« sagten die Jungen atemlos.
»Bin ich euer erster Besteller?«
»Ja! -- Willst du bestellen?«
»Ich bestelle hiermit die Monatsschrift ›Aus Sehnen und Leben‹ auf ein
Jahr. Macht, soweit ich richtig rechnen kann, sechs Mark. Und da ich
euch nicht eines Tages mit dem Gelde auf und davon gehen möchte, so
erlege ich es in bar. Nehmt hin. Auf jeden Dichter kommt ein Taler.«
»Tante Engel! Tante Engel!« schrien die Jungen, vom Glück wie
benommen. Und warfen sich ihr an den Hals, saßen auf ihren Knien,
wiegten sich an ihrer Brust.
»Wollen wir es ihr sagen, Nikolaus?« flüsterte der Martin.
»Alles, alles, und wenn wir damit hineinfallen.«
»Tante Engel -- also -- du bist doch unsere Vertraute -- die Gedichte
von der ersten Seite, die haben wir an eine Berliner Zeitschrift
geschickt.« Und lagen wieder still an ihrer Brust und ließen sich
wiegen. -- --
Es war eine Woche später, als Angela Freydag die beiden Himmelsstürmer
unter strömenden Tränen fand. Sie taten keinen Klagelaut, aber die
Tränen bahnten sich auch lautlos ihren Weg, rollten über die Wangen
und zogen in den Schulheften trübselige Furchen.
»Ihr seid mir ja ein paar nette Sonnenanbeter,« tadelte sie die
Zerschmetterten. »Wie wollt ihr denn euere Leser an die Sonne in
eueren Gedichten glauben machen, wenn ihr selber das graue Elend
habt? Oder hat Berlin euch die Gedichte zurückgeschickt? Mein
Zartgefühl hätte das zuerst fragen sollen.«
»Berlin -- Berlin -- hat sie angenommen.« Und die Jungen lächelten
unter Tränen.
»Martin! Nikolaus! Wollt ihr wohl gefälligst die Schlappheit
unterdrücken? Seit wann steht ihr nicht mehr auf, wenn ich mit euch
spreche? Das Glück fällt euch in den Schoß, und ihr wollt euch hier in
Weltschmerz gefallen?«
Die Jungen waren aufgesprungen, purpurne Scham auf den Wangen.
»Entschuldige, Tante Engel. Entschuldige vielmals. Es soll nicht
wieder vorkommen.«
»Und weshalb ~ist~ es vorgekommen? Darf ich das als euere
vertraute Mitarbeiterin vielleicht erfahren?«
Die Jungen blickten scheu in die Zimmerecken. Ihr Knabentum vermochte
den Helden noch nicht zu spielen. Und der Blick wagte sich zu der
gebietenden Frau empor, die für sie nur die Güte gewesen war, und als
sie das Verständnis bemerkten, das sie ihrem Schmerze entgegenbrachte,
sprangen sie ihr an den Hals.
»Tante Engel, nicht wahr, das glaubst du nicht von uns, daß es
Geldgier wäre? Aber es war doch das erste, selbstverdiente Geld, und
wir wollten doch die gebrauchte Schreibmaschine dafür kaufen. Das
ist nun für ewige Zeiten aus und vorbei, und mit dem Bestellgeld für
die Zeitung können wir es nicht machen, weil wir auch das eingehende
Bestellgeld abliefern müssen.«
»An wen?«
»An die Mutter. An Tante Juliane.«
»Also an Frau Juliane. Ist das richtig? Und was hattet ihr von Berlin
eingenommen?«
»Denke dir, Tante Engel! Denk' dir doch nur! Zwanzig Mark für jedes
Gedicht! Zwanzig Mark, und zusammen vierzig.«
»Hei,« sagte sie, »das ist ein feiner Anfang, und ich muß euch
beglückwünschen. Der Rückschlag schadet nicht. Manche werden
überheblich, bevor sie erprobt haben, ob es Glück oder Verdienst war.
Manche denken, sie brauchten in Zukunft nur irgend etwas auf Papier
zu schreiben, was sich reimt, und es hätte Geldeswert. Der Künstler
muß durch das Leid hindurch wie der Titan durch die Schicksalswelt, um
seinen Adel zu spüren, aber so weit seid ihr gottlob noch lange nicht,
und ihr dürft noch um den verlorenen Groschen weinen.«
Sie sagte die Worte vor den Ohren der Knaben, leicht und launig und
schmerzstillend. Aber in ihrem Innern zog sich drohend eine Wolke
zusammen.
»Hüt' dich, Habgier und Eigennutz, die helleuchtenden Kerzen auf dem
Kindesaltar auszulöschen.«
Sie ging in das Zimmer, in dem die beiden Frauen beieinander saßen.
Kopf neben Kopf an das Fenster gepreßt, mit den Händen Grüße winkend.
Sie fuhren herum, als sie Angela Freydags Schritte vernahmen, wie auf
böser Tat ertappt.
»Was verschafft uns die Ehre?« fragte Juliane. »Gilt Ihr Besuch mir
oder meiner Schwägerin?«
»Er dürfte Ihnen beiden gelten. Aber da Herr Thomas Vanderwelt berufen
genug erscheint, die Angelegenheiten mit seiner Frau selbst zu ordnen
--« Frau Antonie erhob sich und verließ ohne aufzublicken das Zimmer
-- »so ist es mir recht, mit Ihnen allein zu reden. Ich habe mit einer
besonderen Art von Genugtuung bemerkt, daß Sie begonnen haben, der
starken Begabung der beiden Knaben Ihre Anteilnahme zuzuwenden. Diese
Anteilnahme äußerte sich vor allem darin, den Knaben ihre Einnahmen
wieder abzunehmen.«
»Vierzig Mark! Was sagen Sie dazu? Vierzig Mark für zwei Gedichte.«
»Das Geld ist Nebensache. Die Freude am Erfolg, der sich in dem Gelde
wie in einem Wertmesser auswirkt, ist die Hauptsache. Ich bitte Sie,
das zu bedenken und die Freudenquellen nicht zu verstopfen.«
»O nein! O nein! Wie sollte ich? Halten Sie mich für eine solche
Törin? Das Geld kam mir geradewegs vom Himmel gesandt, denn ich
brauchte ein Frühlingskleid wie das liebe Brot und konnte doch
nur mit einer Anzahlung aufwarten. Eine Frage noch. Es wäre mir
lieb, sie von fachmännischer Seite beantwortet zu hören, und Sie
gehörten doch auch einmal der Kunst an. Können sich die Einnahmen
der Jungen steigern lassen? Ich meine, können diese Nebeneinnahmen,
wenn die Jungen erwachsen und zu einem Hauptberuf übergegangen sind,
große Summen erreichen? Ich für meinen Teil werde ja doch meine
Unterhaltungspflicht eines Tages allein auf meinen Sohn übertragen
müssen und, wenn nicht alle Zeichen trügen, meine verehrte Schwägerin
auf den ihren. Da möchte man jede Möglichkeit, die Lebenshaltung zu
verbessern, ausnutzen und die Jungen beizeiten an die Trense nehmen.
Wie denken Sie als Fachmännin darüber?«
»Fühlen Sie nicht, Frau Juliane, wie Sie sich mit jedem Worte an dem
heiligen Geist Ihres Jungen versündigen? Und an dem des Neffen dazu?
Sind Sie so bar jedes Mutter-, Frauen- und Familiengefühls, daß Sie
die Begabung der Jungen, ganz gleich, ob sie auf kaufmännischem oder
künstlerischem Gebiet zum Ausdruck kommen sollte, nur an die Leine
nehmen möchten, um Ihren Wagen ziehen zu lassen? Nein, es hat keinen
Zweck, mit Ihnen darüber zu reden. An Ihrer Selbstsucht prallt
jeder Versuch einer Einwirkung ab. Seit Mädchenzeiten, Frau Juliane.
Aber daß Sie eine schwere Gefahr für die Enkel Kornelius Vanderwelts
bedeuten, das ist mir erst heute offenbar geworden.«
»Sie gestatten, daß ich mich aus dem Gespräch zurückziehe.«
»Nur aus dem Gespräch?« fragte Angela Freydag und schritt an ihr
vorüber. »Das scheint mir etwas zuwenig.«
Den ganzen Tag durchwanderte sie das Haus und wurde ihren vielen
Pflichten gerecht, und doch sah sie vor ihren Augen nichts als das
Bild der beiden Knaben, der flügelschlagenden, sonnendurstenden, und
alles Flügelschlagen brachte sie nicht höher hinauf, weil sie eine
Eisenkugel am Beine schleppten, und kein Sonnendurst wurde ihnen
gestillt, weil sie den unersättlichen Erdendurst anderer zu stillen
hatten und darüber verkamen.
Wie eine Wölfin durchwanderte Angela Freydag das Haus, und ihre Blicke
sonderten das Kranke von dem Gesunden.
Es waren noch andere Kranke im Hause als die durch die
Sumpfniederungen gleitenden Frauen Juliane und Antonie. Aber Angela
Freydag brauchte sie nicht zu sondern, denn sie hatten sich allein
schon abgesondert, wie Tiere tun, die ihre letzten ohnmächtigen
Zuckungen den Blicken des Tages entziehen. Der alte Matthes lag
hilflos auf seinem Schmerzenslager, und die alte Frau hielt die
Kammertür verschlossen und ließ keinen zu ihm.
»Einen Schnaps, Alte! Einen großen Schnaps, um über die höllischen
Schmerzen wegzukommen.«
»Du brauchst keinen Schnaps. Hättst du im Leben weniger getrunken,
hättst du jetzt die Schmerzen nich auszuhalten. Damals mußt'
~ich~ sie aushalten. Dat is die Strafe.«
»Willst du kuschen? Hol' den Schnaps her! Oder ich komm' dir an die
Naht!«
»Du? Ogottogott. Bekuck' dich doch mal im Spiegel un freu dich, dat
~ich~ dir nix tu.«
»O du niederträchtig Geschöpf. Un so wat hat man mehr als vierzig Jahr
neben sich geduldet.«
»So is richtig. Vierzig Jahr hab' ich nich mucksen dürfen, un jetz
hältst du et Maul un schläfst.«
Nicht Hand noch Fuß konnte der Matthes rühren und nur ohnmächtig mit
den Zähnen knirschen. Ob er wachte oder schlief, sie war da und das
Grinsen, das ihre Teilnahme ausdrücken sollte. Klapprig und ledergelb
schlurfte sie in der Kammer umher und versorgte ihn mit Speise und
Trank.
»Die Magdalene soll kommen.«
»Weshalb soll die Magdalene kommen? Die Magdalene hat Besseres zu tun,
als solch 'nen alten Kerl zu bekucken.«
»Die Magdalene soll kommen! Ich will meine Enkelin Magdalene an meinem
Bett wissen un nich dich Hexe du!«
»Du hast ja nich mal deine leibliche Tochter in deinem Haus wissen
wollen. Da hat auch die Tochter von der Tochter nix an deinem Bett zu
suchen.«
»Zwanzig Mark -- hörst du? -- zwanzig Mark an die Armen, könnt' ich
jetzt ~an~ dich.«
»Betrag dich anständig, dat et en Christenmensch neben dir aushalten
kann.«
Zuweilen kam der Arzt, verschrieb ein paar Pulver oder Tropfen und
lobte vor des Matthes Ohren umständlich die treue Pflegerin, die
selber sterbensmatt sei und dennoch nicht wiche und wanke in der Sorge
um den Gatten.
»Ein Engel des Herrn, Matthes. Ein Engel des Herrn.«
Er war gegangen, und nach kurzer Weile reichte Magdalene Matthes die
neu verschriebene Arznei durch den Türspalt in die Kammer. Der Kranke
verfluchte den Apothekerkram und befahl einen Grog.
»Is et nich einen widerwärtigen Menschen?« fragte die alte Frau, bevor
die Tür sich schloß.
»O du Satan!« schrie der Matthes und mühte sich, sich auf den Ellbogen
aufzurichten. »Tat ich nicht recht, dat ich dich zeitlebens unterm
Daumen hielt, du Satan? Dat Leben hättst du mir zur Hölle gemacht,
wenn et nach dir gegangen wär, o du -- Engel des Herrn!«
Die Alte zählte die Arzneitropfen in den Löffel und gab sie dem Gatten
zu schlucken.
Immer schneller schwand der Matthes dahin. Der Arzt erwartete nur noch
den Eintritt der letzten Lungenentzündung. Und die Alte saß an seinem
Lager, strich ihm die Kissen glatt, reichte ihm zu trinken, wischte
ihm die Stirn.
Der Matthes hielt sich gut. Er wollte dem Weibe den Triumph nicht
gönnen, ihn weinerlich gesehen zu haben. Einmal aber spannten sich
seine Mienen, horchten seine Augen und Ohren auf. Die alte Frau hatte
ein Lied zu singen begonnen.
»Das menschliche Leben
Eilt schnelle dahin.
Wie die Räder am Wagen,
Wie die Räder am Wagen.
Wer weiß, ob ich morgen
Am Leben noch bin.«
Da wußte er, daß seine Zeit gekommen war, nahm nicht mehr Arznei noch
kühlenden Trank, sondern sah dem Kaperschiff entgegen, das mit dunklen
Segeln aus den Nebeln heraus ihn ansteuerte.
Und das Seltsame geschah. Von der Stunde an, da der ins Wesenlose
entgleitende Mann der alten Frau nicht mehr bedurfte, kroch sie
auf das Lager neben ihn und war teilnahmlos geworden für Umwelt
und Geschehnisse. Sie verweigerte die Nahrung, sie gab auf Fragen
keine Antworten mehr, sie sah in der Nacht den Matthes sterben und
starb am nächsten Tage hinter ihm drein. Wie eine Frau, die ohne den
bewunderten Gatten nicht mehr leben kann noch mag.
Angela Freydag ging zu den Entschlafenen in die Kammer und verweilte
lange bei ihnen. Es war kein billiges Mitleid in ihr und keine
rührselige Regung über das Zufallspiel des Todes. Aber ihr war, als
ob mit dem Dahinschwinden der beiden alten Menschen eine Hemmung mit
dahingegangen wäre, und als ob die Rechnung, an der sie seit Tagen und
Nächten unablässig rechnete, leichter aufging.
»Hab' Dank für dein Sterben, Matthes.« Und sie nickte der alten Frau
nicht anders zu.
Die Wirtschaft blieb an diesem Abend und an den nächsten Tagen
geschlossen. Angela Freydag hatte in ihrer Stube den Besuch von
Magdalene Matthes erhalten, und es war eine Weile still zwischen ihnen
geblieben. Angela Freydag stand am Fenster und ließ die Blicke über
die dämmernde Frühlingslandschaft des Stromgebietes schweifen.
»Ich möchte Sie noch bitten, mir eine Frage zu beantworten, Magdalene.
Wahrheitsgemäß, wie es unter uns guter Brauch ist. Hat das Mitleid Sie
zu Thomas Vanderwelt geführt?«
»Ich glaube, daß es so war, Frau Engel.«
»Mitleid ist ein Trinkgeld, Magdalene. Große Menschen zahlen in großer
Münze. Es gibt nichts Ärgeres im Zusammenleben zweier Menschen als
den Gedanken, daß der eine vom anderen ein Trinkgeld angenommen habe.«
»Bitte, sprechen Sie weiter.«
»Ich habe nichts weiter mehr zu sagen, Magdalene. Eher einen Trunk aus
einem gemeinsamen Glase als Trinkgelder.«
»Ich antwortete Ihnen, als Sie fragten, Frau Engel: ich glaubte, daß
es Mitleid gewesen wäre. Seit ich Sie sprechen höre, weiß ich, daß ich
es mir nur vorgeredet habe. Aber Sie erlassen es mir gewiß, weiter
darüber zu reden, da ich mit mir selber noch nicht darüber gesprochen
habe.«
»Dann ist es gut. Wann erwarten Sie Thomas Vanderwelt?«
»Herr Vanderwelt muß jeden Augenblick das Haus betreten. Er wollte
noch eine Besprechung mit mir abhalten und die letzten Berechnungen
vornehmen. Er läßt nicht mehr locker, der Herr Vanderwelt.«
Thomas Vanderwelt kam die Treppe herauf. Er hörte die Frauen in
Angelas Stube sprechen, klopfte an und wurde hereingerufen.
»Ich freue mich, daß du vorwärts wirkst, Thomas. Nimm Platz und laß
uns plaudern. An welchem Ende willst du beginnen?«
»Rheinseitig, Engel, rheinseitig. Der Rhein weiß nicht, wer ich bin,
und wenn er es zu wissen glaubt, denkt er an einen waschlappigen Kerl,
dem man nicht einmal eine Frau anvertrauen könnte, geschweige denn
Frachten. Und die Leute am Rhein wissen es auch nicht besser. In ein
paar Tagen schwimmen meine Kähne. Der Wilm fährt den einen, ich den
andern. Der Vater verlangte ja die Schifferprüfung von mir. Und wenn
wir in die Häfen kommen, werde ich die Kundschaft besuchen und zu ihr
sprechen: Ich wollte euch nur zeigen, daß wieder ein Vanderwelt das
Ruder hält und Verlaß ist.«
»Und wenn du zurückkommst, Thomas?«
»Dann werde ich ein kleines Kontor aufmachen mit zwei Räumen. Wir
haben sie schon gemietet, Engel. Wie zwei kleine Kojen sind sie. Die
eine Koje für die Mannschaft, die andere für den Kapitän.«
»Ist das die Mannschaft?« fragte Angela und wies auf Magdalene Matthes.
»Das ist sie, Engel. Aber du mußt sie dir unter immer neuen
Verkleidungen vorstellen, wie auf einem Seeräuberschiff. Jetzt
stellt sie die Wache im Vorzimmer dar, die nichts tut, als die
vielen Besucher melden. Jetzt die Geheimschreiberin eines großen
Zechenwerkes, die mit ungeheuren Aufträgen eingetroffen ist. Jetzt die
Geschäftsbevollmächtigte, die in einem eigenen Zimmer haust, weil im
Gewühl des Hauptkontors --«
»Ich bin zufrieden, Thomas. Ein Kaufmann muß Erfindungskraft besitzen
wie ein Dichter, oder er ist nur ein Krämer. Wie lange willst du mit
deiner Mannschaft in den Kojen hausen?«
Er blickte schnell zu seiner Kameradin hinüber, und da sie so wenig
wie er eine Antwort wußte, bekam sie einen roten Kopf vor Erregung.
»Ich hätte einen Plan,« sagte Angela Freydag. »Seit heute habe ich
ihn, seitdem es keinen Wirt ›Zu den fünf Erdteilen‹ mehr gibt. Was
glaubt ihr großen Rechenkünstler wohl, was dieses alte Eckhaus für
einen Wirklichkeitswert besitzt? Nein, nicht das Haus. Der Eckplatz,
der das ganze Geviert beherrscht. Die beste Lage des landarmen
Ruhrorts. Hafen, Strom und Schifferbörse wenige Schritte vor sich,
und von der Stadt lebendig umklammert. Ach, ihr meint, das seien
schöne Traumbilder, weil das Baugeld fehlt. Ihr sollt ja auch gar
nicht bauen, ihr bescheidenen Anfänger. Eine Baugesellschaft soll
bauen, die an die Stelle der ›Fünf Erdteile‹ ein machtvolles Hochhaus
erstehen läßt, mit Stockwerken voller Kontore. Und ihr bedingt euch
die günstigsten Kontorräume aus. Zu ebener Erde. Damit Jan Maat nicht
Treppen erklimmen muß.«
»Wir bedingen uns aus?« fragte Thomas Vanderwelt verwundert. »Es ist
doch nicht unser Haus, sondern das deine.«
Ein Hauch lief über Angela Freydags Gesicht. Und sie hatte ihre
Gelassenheit wieder.