»Gern?«

»Gern?« wiederholte sie, aus der Fassung gebracht, und fühlte seinen

Arm nicht mehr. »Man schlägt doch einen Menschen nicht gern ins

Gesicht?«

»Sicherlich nicht, wenn man vorgibt, eine Freundin zu sein.« Und er

beugte sich über sie und küßte sie auf den Mund.

Sie setzte sich nicht zur Wehr. Sie streifte nur ruhig seine Arme von

sich ab und trat einen Schritt zurück.

»Herr Vanderwelt, mein Mund ist kein Freiweideland. Mein Mund, das bin

ich! Und wenn Sie wieder einmal Hunger oder Durst nach ihm bekommen

sollten, so vergessen Sie nicht, daß Sie als Zahlung sich selber

mitzubringen haben, oder doch das, was das Beste an Ihnen sein sollte,

den Mann.«

Und sie war hinaus, bevor er sich den Sinn ihrer Worte gedeutet hatte.

Angela Freydag saß vor ihren Büchern und rechnete, als Magdalene

Matthes leise bei ihr klopfte. Und sie errechnete noch ein Vierteljahr

der Frist für die feiernden Hände derer, für die sie Sorge trug. Ihr

Blick kam aus weiten Fernen zurück.

»Haben Sie eine glückliche Stunde angetroffen, Magdalene?«

»Er hat mich geküßt, Frau Engel.«

»Geküßt? So tief ging sein Dank für Ihre Freundeshilfe?«

»Ach, Frau Engel, ganz außerhalb meiner Freundeshilfe hat er mich

geküßt. Wie man ein kleines Mädchen küßt, das ein Gedicht aufgesagt

hat, oder ein größeres, mit dem man schon eine Liebelei anfangen

möchte. Nicht so finster blicken, Frau Engel. Ich bin vergnügter

herausgekommen, als ich hineingegangen bin. Denn ich habe ihm über

seine hohe Mannbarkeit die Leviten gelesen, daß ihm der Spiegel im

Zimmer zuwider sein muß.«

»Hüt' dich, Thomas,« sagte Angela Freydag vor sich hin.

Stark und gefestigt saß sie auch am heutigen Abend am Schattenplatz

der Wirtin, die Arme aufgestemmt, die glühende Tonpfeife zwischen

den weißen Zähnen. Schimmernd lag ihr die Haarkrone um den

schöngebliebenen Kopf, der heute voll dunklen Sinnens war.

Der altgewordene Matthes kam vom Schenktisch. Er zwinkerte mit den

Augen über sie hin und sah das Weiße ihres Armes aus den Ärmeln

blinken. Wie versehentlich ließ er seine Hand an das Weiße streifen.

Sie nahm die Pfeife aus dem Mund und lächelte ihn so fern und seltsam

an, daß es den Mann überlief. Und senkte den glühenden Pfeifenkopf auf

seinen Handrücken.

Ein paarmal blinzelte er. Dann wandte er sich schwerfällig um und

verließ das Zimmer. Ein hellhörig Schweigen blieb hinter ihm, und

die Gäste hockten wie ein verhagelt Hühnervolk auf den Stühlen und

schielten nach der Frau. Der Matthes kehrte zurück. Er trug ein nasses

Tuch um die Hand und stellte sich wortkarg hinter den Schenktisch. --

Die Feierabendstunde schlug, und die Gäste erhoben sich und verließen

die Wirtsstube. Aber ein jeder rückte, was sonst nie der Brauch

der Männer gewesen war, vor der gelassen weiterrauchenden Frau die

Schiffermütze, und ein jeder sprach: »Gute Nacht, Mutter Engel.«

Draußen im Gang schloß der Matthes hinter dem letzten die Haustür.

Dann schlurften seine Schritte die Treppe hinauf.

Auf der nächtlichen Gasse zogen ein paar Mädchen vorbei und sangen ein

Lied.

Angela Freydag hob den Kopf, um den Sinn zu ergründen.

Sie sangen von der Sehnsucht.

11

Es ging bergab mit den ›Fünf Erdteilen‹. Es gab lustigere

Schankbetriebe im mächtig sich dehnenden Hafengebiet, und das

arbeitende Volk war über die weißgescheuerten Tische, die Bierseidel

und Genevergläschen hinausgewachsen und verlangte nach anders

gearteten Genüssen als dem Gedudel der Harmonika. Noch war eine

ältere Stammgemeinde treugeblieben, aber als auch die sprichwörtlich

gewordene Grobheit des Matthes keine Funken mehr schlug und

einzuschrumpfen begann, weil ihr die Hauptzielscheibe, die ein Leben

lang verängstigte Frau, vor Augen fehlte, rückten auch die alten

Kunden in verlegener Langeweile auf ihren Sitzen, und nur hier und

dort klatschten noch die Skatkarten auf die Tischplatten.

Der Matthes alterte zusehends. Von einer Erkältung konnte er sich

schwer erholen, und der vierschrötige Mann schlich wie ein Schatten

umher. Aber noch wollte er nicht zugeben, daß seine besten Trümpfe

ausgespielt wären, und er nörgelte mehr als je in Haus und Betrieb

herum, bis ihn ein neuer Anfall aufs Lager warf.

Angela Freydag sah alles und sah mehr. Sie sah, wie die

niedergedrückten Lebensgeister der alten Frau sich heimlich zu regen

begannen, je mehr sie bei dem alten Manne zu versagen drohten, wie

die Alte sich zusammenraffte, als hätte sie noch etwas vom Leben

nachzuholen, was ihr einen Entgelt bieten müßte für alle Stöße und

Schläge des Daseins. Die alte Frau stand von ihrem Lager auf und

übernahm die Pflege des Mannes.

»Es geht nicht an, Engel,« sagte Thomas Vanderwelt, »daß du auch

noch die Geschäfte der Matthesleute auf deine Schultern nimmst und

vor den Gästen die Wirtsmutter spielst. Ich sage es nicht, weil ich

mich meiner eigenen Unfruchtbarkeit schäme. Ich bin eine taube Blüte,

über die nicht viel mehr zu reden ist. Ich sage es, weil ich an den

Vater denke und an sein Entsetzen, seinen Angela-Engel in solcher

Gesellschaft zu sehen.«

»Beruhige dich, Thomas. Der Vater würde sagen: Der Angela-Engel wird

schon wissen, was er will.«

»Darf ich es auch wissen, Engel?«

Sie säumte an einem Handtuch, und er setzte sich grübelnd zu ihr und

ließ das derbe Leinen durch seine Finger gleiten.

»Was ich will, Thomas? Feststellen, ob es sich lohnt, uns keinen

Augenblick eher aufzugeben.«

»Ob was sich lohnt, Engel? Meine Gedanken sind seit einiger Zeit nicht

mehr bei der Sache, und du mußt ihnen schon zu Hilfe kommen.«

Sie senkte die Arbeit in den Schoß und blickte forschend über ihn hin.

»Eine Frage an dich, Thomas, bevor ich antworte. Wo sind deine

Gedanken seit einiger Zeit?«

Er prüfte das Leinen weiter zwischen seinen Fingern, als wäre es ihm

wichtiger als die Frage.

»Ach, Engel, ich gefalle mir mal wieder in Übertreibungen, das ist

alles. Gedanken! Als ob ich andere Gedanken hätte als ein abgeblaßter

Papagei im Käfig.«

»Unterlaß mir zuliebe die weltschmerzlichen Bilder. Sag' mir, ob es

noch einen Funken geben kann, der dich aufrüttelt?«

»Einen Funken mag es schon geben. Aber ob dieser traurige Rest wert

ist, aufgerüttelt zu werden --«

»Der Rest kann das Beste enthalten. Das Pulver, das sich entzündet und

die Kugel aus dem Lauf treibt.«

»Es lohnt nicht, Engel. Ich habe in der letzten Zeit viel darüber

nachgedacht.«

»Woher willst du müder Mensch wissen, was sich lohnt und was sich

nicht lohnt? Welche Versuche geben dir das Recht dazu? Hast du alle

Möglichkeiten ausgeschöpft? Bist du jeder Betätigungsmöglichkeit

nachgegangen? Ja, es ist richtig, ich habe vorhin dieselben Worte

gebraucht, und du hast mich nach ihrem Sinn gefragt. Den will ich

dir jetzt gern offenbaren. Dein Vater Kornelius Vanderwelt, Thomas,

würde deshalb sagen, der Engel wird schon wissen, was er will, weil

er die großen Ziele sah, das Werk und nicht das Handwerkszeug. Es

würde ihm nicht einfallen, zu fragen, ob es ehrenvoller ist, Bier zu

verkaufen oder Kohlen zu fördern oder Schiffe zu befrachten. Wenn er

das eine oder andere nicht gerade vermocht hätte, so hätte er das

dritte oder vierte getan und den zupackenden Mann gewertet und nicht

den überheblichen Kastengeist, der sich auch nur eine Sekunde besinnt,

ob der Handel mit Stahl und Eisen vornehmer sei als der mit Guano.

Die Art des Mannes ist vornehm, nicht die Art seiner Betätigung.

Das solltet ihr jungen Menschen endlich lernen, die ihr euch ein

funkelnagelneues Geschlecht dünkt.«

»Du selber sprachst davon,« sagte Thomas Vanderwelt nach einer

stummen Weile, »du wolltest feststellen, ob es sich lohnt, uns keinen

Augenblick eher aufzugeben. Wie soll ich das verstehen?«

Sie blickte ihn an und sah, daß sein Kopf wie eine schöne, welke Blüte

an ihrer Schulter lehnte. Und dennoch war es der Schmalkopf des

Vaters mit den breiten Wölbungen der Stirn.

»Thomas -- ich habe mir eine Zeit gesetzt. Es kann sich eine Sache als

so minderwertig herausstellen, daß ihre Beibehaltung eine Vergeudung

von Zeit und Kraft bedeuten würde. Ist der Punkt erreicht, so lege ich

nieder.«

»Was legst du nieder?«

»Die Sorge um den Nachruhm des Namens Kornelius Vanderwelt.«

»Liegt dir so viel daran?«

Sie nahm seinen Kopf mit beiden Händen, schob ihn von ihrer Schulter

und suchte finster in seinen Augen.

»Nicht sehr viel mehr -- wenn mich das der Sohn und Erbe fragt.«

»Und was würdest du tun -- wenn der letzte Punkt erreicht ist?«

»Abreisen,« sagte sie hart, und kein Zug in ihrem Gesicht zuckte.

Sie hörten nur ihren Atem noch. Den ruhigen der Frau, den immer

schneller werdenden des Mannes.

»Engel -- wenn wir anderen dir schon so minderwertig erscheinen, wie

wir es sind -- denk' an die begabten Jungen. Übereile nichts.«

»Denk' du daran, Thomas. Und beeile dich.«

»Ich bin so müde -- so elend müde -- --«

»Müde wird man nur von der Trägheit des Herzens. Reg' die Hände und

reiß das Herz mit. Es läßt sich so gern mitreißen.«

»Ach, Engel, die Hände. Sieh dir die Hände an. Es sind Knabenhände

geblieben.«

»Ist das ein Kunststück, Thomas, aus Knabenhänden Manneshände zu

machen? Manneshände für deine Person und für deine Familie? Glaubst

du, ich ränge mit dir und rüttelte und schüttelte dich, wenn ich

nicht doch noch die Möglichkeit sähe?«

»Zu meiner Familie gehört auch meine Frau.«

Sie zögerte keine Sekunde.

»Gibt es Hindernisse, so sind sie da, um beseitigt zu werden. Du

hältst das Heft zur Scheidung in der Hand.«

Sie wartete auf Antwort und sah, wie er in den Schultern fröstelte.

»Ach,« sagte er klagend, »was ist nicht alles aus meinem Leben

beseitigt worden. Der Stolz auf mich selbst -- und die Freude an der

Frau. Oder war die Reihenfolge die umgekehrte? Alles an Zweck und

Ziel war aus meinem Leben gestrichen, seit ich blindlings in diese

Ehe lief, Engel, und selbst das Jungferntum war aus der Mitgift

gestrichen.«

Angela Freydag spürte ihr Herz hart gegen die Rippen schlagen. Ihre

Nasenflügel weiteten sich.

»Man mag sagen, Thomas, das sei kein Gesprächsstoff zwischen uns

beiden. Aber er ist es doch, wenn es -- wenn es um eine Lebensrettung

geht. Was du soeben ausgesprochen hast, setzt dich ins Unrecht. Denn

du hast trotzdem die Ehe fortgesetzt. Jetzt aber sorge, daß Recht

wird. Nicht mehr vergeben. Nicht mehr! Sagen: das nächstemal -- aus!

Und die Faust hinter das Wort setzen. Aus!«

Ihre Hand zog einen Strich, ballte sich zusammen, fiel hart auf die

Tischplatte. Durch das Zimmer hallte ein Laut, als wäre hart eine Tür

ins Schloß gefallen.

Thomas Vanderwelt hatte sich erhoben. Ein paar Tropfen perlten auf

seiner Stirn. Er fühlte es, als er sich das Haar aus der Stirne

strich. Die nächsten Atemzüge stand er, als ob es um ihn herum

wirbelte, als ob er mit stoßenden Händen in den Wirbel hineinschlagen

müßte. Eine Welle hob ihn hoch und zeigte ihm Land. Eine Welle riß ihn

nieder.

»Engel -- hilf mir! Die Jungen -- die Jungen sind es wert.«

»Ich helf' dir. Dir und den Jungen und keinem anderen. Weißt du, was

helfen heißt? Nicht einen Ertrinkenden aus dem Wasser ziehen. Ihm den

Arm unter die Brust legen, damit er das Schwimmen lernt. Dann ist es

vorbei mit der Ertrinkungsgefahr.«

»Engel -- Engel! Als ich ein Knabe war und nicht lernen wollte, wie

du wolltest, hab' ich zum Schluß doch immer wieder nach deiner Hand

gehascht. Das möcht' ich auch heute. Deine liebe, liebe Hand möcht'

ich.«

Sie öffnete die Hand, die immer noch geballt vor ihr auf der

Tischplatte lag, und streckte sie flach auf den Tisch.

»Sie war einmal eine liebe Hand. Als dein Vater sie so nannte, Thomas,

und sie schön fand. Ja, das war. Jetzt muß sie so hart wie ein Hammer

sein, um eines Tages -- eines Tages -- wieder schön gefunden zu

werden.«

Er ergriff die Hand, und sie ballte sich schmerzhaft fest um die seine.

»Erst das erlösende Wort sprechen, Thomas, sonst wäre jede

Dankbezeigung ein rührseliger Unsinn.«

»Engel,« rang er mühsam hervor, »soll ich es ihr wie eine Kugel vor

den Kopf schleudern?«

Die Klammer ihrer Hand rührte sich nicht. Und er fühlte, daß sie die

Wahrheit gesprochen hatte, daß ihre Hände unerbittlich hart geworden

waren.

»Du kannst es ihr«, gebot sie, »in zwei Malen sagen. Das erste Wort

heißt: Bis hierher und nicht weiter mehr. Und das zweite Wort: Aus! --

Du kannst es auch deiner Schwester Juliane sagen.«

Noch einmal rüttelte er an ihrer Hand. Und sie sprach ganz langsam in

seine erregten Augen hinein: »Im Namen deines Vaters, Thomas.«

»Aus!« schrie er auf. Und er drückte sein Gesicht auf ihre Hand, und

sie ließ sie ihm.

Ärger hat nicht Jakob mit dem Herrn an der Wasserfurt gerungen, dachte

sie, bis der Herr ihn segnen mußte. -- --

Es ging nur langsam aufwärts in der Seele Thomas Vanderwelts. Seine

Lebenswelt war zu viele Jahre abwegig gewesen, und die Staubschicht zu

dick, als daß er sie mit wenigen Atemstößen hätte hinwegblasen können.

Sein Geist aber hatte die Schärfe der Dornen und Disteln, unter

denen er sich so lange zu Hause gefühlt hatte, und sah das Unschöne

schneller als das Gedeihliche. So tat er oft mißtrauisch die Schritte

wieder zurück, die er eben erst vorwärts getan hatte, und glaubte,

ein heimlich Grinsen zu gewahren, wo ihm ein ermunterndes Lächeln

entgegengetreten war.

An einem Vorfrühlingsabend begegnete er Magdalene Matthes auf der

Haustreppe. Sie wollte mit freundlichem Gruß an ihm vorüber, aber er

verstellte ihr den Weg.

»Weshalb haben Sie Ihren Besuch nicht wiederholt? Weshalb weichen Sie

mir aus? Fürchten Sie sich vor mir?«

»Ha,« sagte sie fröhlich, »ich wollt', ich könnt' es, mich vor Ihnen

fürchten. Dann erkennte ich doch Ihre Überlegenheit an. Aber ich will

gern wiederkommen, wenn Sie mir versprechen, mich gruseln zu machen.«

»Liebes Fräulein Magdalene, wollen wir wie ernste Menschen miteinander

reden?«

»Gern, Herr Vanderwelt, und damit Sie sehen, wie hoch ich Männer

achte, die ernste Gespräche führen wollen, bitte ich Sie in mein

Zimmer. Treten Sie ruhig ein. Ich befinde mich unter Ihrem Schutz.«

Er tat, wie sie es wünschte. Er trat ruhig ein und setzte sich an

den kleinen Fenstertisch. Dort stand ihr weißes Bett und dort ihr

Kleiderschrank, und er wartete geduldig, bis sie Jacke und Hut

abgestreift und in den Schrank gehängt hatte.

Sie saß ihm gegenüber und sah ihn ohne Verlegenheit an. Wie einen

guten Gast, der zu Besuch gekommen ist.

»Sie sind ein junges Mädchen von einundzwanzig Jahren, Fräulein

Magdalene. Sie brauchen sich nicht zu wundern, daß ich es weiß. Sie

waren zwanzig, als wir ins Haus zogen, und das ist bald ein Jahr. In

meinem Gedächtnis haben Nebensächlichkeiten leider immer die größte

Rolle gespielt.«

»Ja,« antwortete sie, »ich bin mündig geworden.«

»Und ich, Fräulein Magdalene, zähle vierunddreißig Jahre und kann das

letztere immer noch nicht von mir behaupten.«

»Sie können es nachholen, wann Sie wollen, Herr Vanderwelt.«

»Ich bin nur bei Ihnen eingetreten, um Ihnen zu sagen, daß ich will.

Nur finde ich das Wollen leichter als das Vollbringen, und ich schäme

mich nicht, mich mit Ihnen über das Wie und Wo zu unterhalten.«

»Ich verstehe Sie ganz gut, Herr Vanderwelt. Weil ich aus dem

Geschäftsleben komme, meinen Sie.«

»Ja, weil Sie mitten im Geschäftsleben stehen. Weil Sie bei all Ihrer

Lebenslustigkeit helle und ernste Augen haben, und weil mir mit den

billigen Redensarten vom ›Steineklopfengehen‹ und ›Sandkarren‹ nicht

gedient ist.«

»Ich freue mich ganz -- ganz unbändig über Ihren Besuch, Herr

Vanderwelt.«

»Ich werde mich ebenso unbändig mit Ihnen freuen, wenn etwas

Nennenswertes dabei herausgekommen ist.«

»Darf ich sprechen?« fragte sie.

»Nur um Sie zu hören, sitze ich hier in Ihrem Stübchen.«

»Herr Vanderwelt, nicht ungeduldig werden, wenn nicht alles über

Hals und Kopf geht. Und auch nicht grimmig werden, wenn ich die Dinge

beim rechten Namen nenne. Sie haben gelassen zugesehen, wie man Ihnen

ein Ruder nach dem anderen aus der Hand nahm, und ebenso gelassen

zugesehen, wie der Kahn von dannen schwamm und versackte. Nun heißt

es, ihn mit Geduld wieder heben und flott machen.«

»Geduld. Ich bin vierunddreißig Jahre und habe die Sorge für zwei

Knaben.«

»Das ist schön, daß Sie sie beide nennen. Aber das gehört jetzt

nicht hierher. Erst müssen Sie den Kahn heben, und dann können Sie

die Sitzplätze verteilen. Nun wollen wir einmal überlegen, Herr

Vanderwelt.«

Den Kopf in die Hände gestützt, blickte sie zum Fenster hinaus und die

Gasse entlang zum dämmerigen Hafendamm.

»Überlegen wir nicht schon seit einer halben Stunde?« murmelte der

Besucher.

Sie überhörte seine Ungeduld. Sie sann hinaus, als müßten aus dem

Nebel des Stroms die Bilder steigen. Und die Bilder stiegen wie

Schatten auf, und sie mühte ihr Hirn, den Schatten schärfere Umrisse

zu geben, und die Furche, die sich ihr in die Stirn grub, gab ihrer

Mädchenhaftigkeit das Gesicht einer reifen Frau.

Er saß mit zusammengelegten Händen und sah sie an. Und es wurde heller

und heller in seinen Gedanken, und mit Staunen wurde er gewahr, daß

seine Gedanken dieselben Wege gingen wie die ihren, seit sie das

Gleichnis vom Kahn gebraucht hatte.

»Sie meinen den Rhein?« fragte er leise.

Sie nickte. »Ich meine den Rhein. Ich meine ihn zu Berg und zu Tal,

von Mannheim bis Rotterdam, und so Gott will, darüber hinaus. Und ich

meine Ruhrort als den Hafen. Und wenn man nicht die Möglichkeit hat,

Kähne zu befrachten, so kann man -- so kann man sie steuern. Wenn man

Kähne hat.«

»Ich habe Kähne,« sagte er. »Ich habe zwei. Der Wilm hat sie geheuert.«

»Wir wollen den Wilm nicht vom Brote jagen. Frau Engel hält ihn hoch

in Ehren. Aber mir ist immer -- ist immer, als kämen von diesen Kähnen

Taue herüber an Land, an denen man an Bord klettern könnte. Und einmal

an Bord, geht man mit auf Fahrt und lernt das Handwerksgeschäft und

das Errechnen von Gewinn und Verlust und das Wiedereinholen jedes

Verlustes durch gewinnbringende Ausnutzung der Rückfrachten. Nein,

durch Ausnutzung der eigenen Persönlichkeit. Dahin, daß man in

persönlichen Verkehr zu den Kunden an allen Plätzen tritt. Dahin, daß

man sich die Kunden zu persönlichen Freunden gewinnt. Und aus dem

›Partikülier‹ wird der Verlader.«

»Ha,« rief er, »und aus dem Verlader wird der König von Ruhrort! Das

ist die Geschichte von der Eierfrau, die auf die Nase fiel.«

»Lassen Sie sie doch ruhig auf die Nase fallen,« erwiderte sie und

behielt die nachdenkliche Furche bei. »Wie ich die Eierfrauen kenne,

sind sie zäh wie die Katzen, und aus dem nächsten Korb Eier blökt

schon wieder das Kalb heraus. Es wird sich sicherlich nicht alles wie

an der Schnur abspielen, aber ein Herr Thomas Vanderwelt wird sich ja

auch nicht von einer Eierfrau in den Schatten stellen lassen, und wem

das Goldene-Pläne-Machen Freudenstunden bereitet, der muß auch die

Nackenschläge in den Kauf nehmen können.«

In seinen Augen wurde es heiter. Aber es war nicht die Heiterkeit der

Überlegenheit, sondern die währende Freude an der Stunde, von der ihr

Mädchenmund gesprochen hatte.

»Es sitzt sich gut bei Ihnen,« sagte er und rückte näher an den Tisch.

»Irgend etwas springt von Ihnen zu mir herüber. Was, weiß ich noch

nicht, aber ich glaube, es ist Ihr unbekümmerter Jugendmut.«

»Finden Sie nicht, Herr Vanderwelt, daß ›Wir mit den leeren Taschen‹

die glücklichsten Menschen von der Welt sind? Wir dürfen alles das

planen, was die anderen schon besitzen, und dürfen es viel schöner

noch planen, und wenn nachher nur ein Bruchteil davon in Erfüllung

geht, so bleibt es immer ein Gewinn und ein gewaltig schöner

Glücksfall.«

»Ja, ja,« murmelte er, »es hat seine Reize. Nur darf man den

Glücksfall nicht dem Zufall überlassen.«

Sie streckte ihm aus einem lebhaften Drange heraus über den Tisch die

Hand entgegen, und er nahm sie.

»Das ist es, Herr Vanderwelt. ~Dem~ Wort sind ~Sie~ auf die

Spur gekommen, und es bringt uns einen Sprung weiter. Von morgens früh

bis abends spät am Steuer stehen, jeden Wind ausnutzen, jede steigende

Wasserwelle. Und wäre es auch nur, um sich sagen zu können: ›Ich tat

meinen Teil‹, und damit die anderen sich sagen können: ›Auf den ist

Verlaß!‹«

»Ich möchte morgen früh beginnen, Fräulein Magdalene.«

Sie schüttelte seine Hand hin und her, als sollte er noch mehr

erwachen.

»Sie haben ja schon begonnen. Sie haben ja heute abend schon begonnen.

Und morgen früh ist Fortsetzung, und jeden Tag einen Schritt weiter.

Ach, Herr Vanderwelt, was für eine Freude werden wir von unserer

heimlichen Verschwörung haben.«

»Wir? Wollen Sie denn auch weiter mittun?«

»Natürlich will ich weiter mittun. Sie sind ja seit Jahr und Tag aus

dem Ruhrorter Geschäfts- und Hafenbetrieb heraus. Glauben Sie, der

hätte stillgestanden, seitdem Sie auf die Seite traten? Da kennen

Sie die Geschäftsgewaltigen von Duisburg-Ruhrort und was dazu gehört

schlecht. Ich bin nur eine kleine graue Maus in dem Riesenbetrieb,

aber gerade die Mäuse haben die feinsten Ohren, und es heißt nicht

umsonst bei wichtigen Anlässen: ›Könnt' ich da nur Mäuschen sein!‹«

»Mädel, Mädel, wo nehmen Sie nur den verteufelten Wagemut her?«

»Ich könnte sagen, Herr Vanderwelt: aus meinen leeren Taschen. Aber

das träfe den Nagel nur halb. Den besseren Teil nehme ich aus meiner

Liebe -- zu --«

»Zu --?«

»Zu Frau Engel, Herr Vanderwelt. Zu der Frau, die nur das hohe Ziel

kennt und sich darum nie erniedrigt. Und wenn sie Wäsche spülen müßte.

Solch ein Vorbild sollten Sie sich auch wählen.«

Er schwieg. Und nach einer Weile sagte er ruhig: »Ich möchte selbst

eins werden. Das scheint mir jetzt notwendiger.«

Sie waren aufgestanden, und die Worte fehlten zwischen ihnen. Er griff

nach dem Hut.

»Von morgen an gehe ich in den Hafen. Aber mit offenen Augen. Was ich

an Ballast führe, geht über Bord.«

»Von morgen an«, sagte Magdalene Matthes, »werde ich mit Ihren Augen

ins Geschäft gehen. Aber ich werde meine Kündigung einreichen müssen,

um vor mir selber nicht als Ausspäherin gelten zu müssen.«

»Ich verpflichte Sie hiermit als meine Buchhalterin, als meine

Schriftführerin, als die Gesamtheit meiner Mannschaft. Bis Ihre

Kündigungsfrist abgelaufen ist, muß an meiner Seite Platz für Ihre

Tätigkeit sein. Glückauf, Fräulein Matthes.«

»Glückauf, Herr Vanderwelt,« antwortete sie zukunftsfroh und drückte

ihm herzhaft die Hand. --

Angela Freydag sah ihn am nächsten Morgen das Haus verlassen und mit

gleichmäßigen Schritten dem Hafen zugehen. Und sie sah Magdalene

Matthes das Haus verlassen, und ihre Augen begegneten sich.

»Keine Sorge,« sprachen die Augen des Mädchens, »ich bin mit am Werk.«

»Halt aus, Mädchen,« sprachen die Augen der Frau. »Aushalten ist

Frauensache.«

Von diesem Morgen an kam eine Abgeklärtheit über Angela Freydag, die

sie nicht mehr verlassen sollte. Wie bisher sorgte sie für Haus und

Wirtschaft, aber zuweilen war ihr, als sei sie nur noch als Gast

geladen, dessen Besuchszeit in absehbaren Tagen abliefe, und sie übe

ihre Tätigkeit nur als eine Gegenleistung der Gastfreundschaft.

Kamen diese Gefühle zu ihr, und sie kamen immer öfter und heiterer,

so gab sie sich ihnen nicht träumerisch hin, sondern nahm sie als

Ansporn, das, was ihr in diesem Hause noch zu tun übrigblieb, mit

geschärfteren Sinnen zu durchdenken und den Hebel ihrer Persönlichkeit

mit gesteigertem Nachdruck einzusetzen.

Häufiger als in früheren Tagen pflegte sie die gemeinsame Kammer der

Knaben aufzusuchen, denn die Klingel in der Wirtsstube schlug am

Nachmittage kaum an, und die Versorgung des bettlägerigen Matthes

hatte sich die wiedererstandene Frau als ihr ureigenes Recht

ausbedungen, das die einst so Demütige mit giftigen Worten verteidigen

konnte.

»Ich hab' mit dem Mann noch meine Abrechnung. Geschenkt wird ihm nix.«

Angela Freydag hörte darüber hinweg. Was ging sie die Abrechnung

der Alten an? Sie hatte mit den Jungen zu tun. Und die Jüngsten der

Jungen waren die beiden Knaben, waren Martin und Nikolaus, die vor

fast einem Jahre das Gedicht an den Großvater, an Kornelius Vanderwelt

geschrieben hatten und ihren jungen Geist in die Höhe steigen ließen.

Zu Ostern, in wenigen Wochen, würden sie die Obertertiaklasse erobert

haben. Ein Jahr zu früh für den regelmäßigen Arbeitsgang und doch für

ihre begeisterungsfähigen Seelen nicht früh genug.

Kornelius Vanderwelts Gefährtin · 第 23 / 26 段