mir nicht nehmen lassen. Ich bringe das Bauland ein und werde meine
Bedingungen stellen. In die Luft hinein können sie nicht bauen. Ich
werde für ~euch~ meine Bedingungen stellen.«
In den Augen Thomas Vanderwelts funkelte es auf. Das Kaufmannshirn war
an der Arbeit. Und in den Augen der Magdalene Matthes wetterleuchtete
es. Auch hier war ein Kaufmannshirn an der Arbeit.
»Für euch und für die Jungen,« sagte Angela Freydag und horchte hinaus.
Aber das Horchen ihres Geistes wurde ein Wirklichkeitshorchen. Und sie
wandte den Kopf.
»Was hast du, Engel?«
»Ich höre einen Mann durch das Haus gehen.«
»Laß mich nachsehen, Engel.«
»Er tastet sich die Treppe hinauf. Nein, bleib, Thomas. In meinem
Hause muß ich selbst nach dem Rechten blicken.«
Sie ging auf den Flur und schloß die Tür hinter sich. Wie eine
Erscheinung wuchs die Frau vor dem Fremden auf.
»Wohin wollen Sie?«
Der Fremde tat, als ob er den Anruf der Frau nicht vernommen hätte.
Er stieg nur schneller die Stufen zum oberen Stockwerk empor.
»Antworten Sie. Oder soll ich Sie wie einen Einbrecher an der Kehle
fassen?«
»Guten Abend,« sagte der Fremde. »Ich besuche hier eine Bekannte.«
»Wie heißt Ihre Bekannte?«
»Hören Sie, um mir meine Geheimnisse abfragen zu lassen, bin ich nicht
ins Haus gekommen.«
»Dann bedaure ich, Sie nicht eher aus dem Hause lassen zu können, als
die Polizei eingetroffen ist. Sie wird gleich benachrichtigt werden
und feststellen, mit was für einer Art Besucher wir es zu tun haben.«
»Bin ich denn hier in ein Tollhaus geraten?« fragte der Fremde
ungeduldig. »Dort oben am Fenster sitzt eine Frau und winkt, und hier
auf dem Flur steht eine andere, als wollte sie einen niederreißen.«
»Werde ich jetzt bald den Namen erfahren?« beharrte Angela Freydag.
»Wer hat Ihnen gewinkt?«
»Wer? Wer? Wie soll ich den Namen wissen? Den dachte ich oben zu
erfahren?«
»Und Sie wagen, in ein Haus einzudringen, um Abenteuer zu suchen? Sind
Sie bei Sinnen, oder soll ich Sie zur Besinnung zurückführen?«
»Entschuldigung,« sagte der Fremde. »Wenn Sie, wie aus Ihrem Benehmen
hervorgeht, die Hauswirtin sind, so scheinen Sie über Ihr eigenes
Haus schlecht unterrichtet zu sein. Das ist doch in der ganzen
Nachbarschaft bekannt, daß hier oben ein paar Herumtreiberinnen
sitzen, und wegen der läuferischen Frauenzimmer wollen Sie mich mit
der Polizei in Berührung bringen?«
»Gehen Sie! Laufen Sie! Daß ich meine Gutheit nicht bereue.«
Wie ein Erlöster sprang der Fremde die Treppe hinunter. Die Haustür
schlug ins Schloß.
»Ich habe«, sagte die Stimme der Magdalene Matthes neben Angela
Freydag, »Herrn Vanderwelt gebeten, die Säuberung des Treppenhauses
Ihnen als der Hausfrau zu überlassen. War das recht, Frau Engel?«
»Es war recht. Wer ein neues Leben beginnen will, Thomas, muß
wenigstens ein paar saubere Hände mitbringen.«
Thomas Vanderwelt ging ruhig die Stiegen hinauf zu den Wohnkammern
der Familie. Er öffnete die gemeinsame Kammer der Knaben. Sie waren
ausgeflogen. Er öffnete das Zimmer seiner Schwester Juliane. Sie
war nicht daheim. Und als er das dritte Zimmer öffnete, sah er
Frau Antonie im Fensterwinkel stehen, und ihre Augen flackerten in
Ungewißheit zu ihm hinüber.
Er nickte ihr zu.
»Jawohl, Antonie.«
Und trat näher, legte die geballte Faust auf den Bettpfostenknauf und
sagte nur noch das eine Wort: »Aus!« -- --
In dieser Vorfrühlingsnacht lag Angela Freydag schlaflos, und hinter
ihrer rastlos arbeitenden Stirn reiften die letzten Entschlüsse.
12
Die Karwoche war angebrochen. Schon waren die Morgennebel von
der Sonne durchleuchtet, und über den Wasserbahnen hoben sich
die flimmernden Streifen wie Vorhänge zu einer anderen Welt. Die
ergrünenden Fluren und die erwachenden Geschöpfe staunten in
die Wandlungen hinein und schickten Sehnsucht und Erwartung als
Kundschafter ins gelobte Land voraus.
Wer hatte es gelobt --? Angela Freydag lächelte am Fensterausblick
über ihre eigene Frage und beantwortete sie selbst.
»Die wenigen, die es erreichten. Aber es sind ~immer~ die
wenigen, die in der Wildnis die Wege roden, und immer die wenigen, die
den Weg zum Menschenglück zeigen. Ob er kurz ist oder lang. Es geht um
die Erfüllung.«
Und während sie in der Stille des Morgens beobachtete, wie die junge,
warme Sonne die Nebel aufsog und der entlasteten Winterlandschaft das
aufatmende Frühlingsgesicht verlieh, blieb ihr das Lächeln, und sie
sprach mit sich weiter.
»Wenn die wenigen nicht wären, die ihr Leben zu schmücken wüßten, was
sollten die vielen tun? Sie würden nur die Karwoche sehen, nur den
grauen Weg, und nicht das Ziel, den Auferstehungstag. So aber haben
sie die lebendige Hoffnung vor Augen: es kann auch uns glücken wie den
Vorläufern.«
Über die Gasse hörte sie Schritte klappern. Sie lehnte sich an
das Fensterkreuz und gewahrte Martin und Nikolaus mit den weißen
Zeugnisbogen in der Hand auf das Haus zustürmen. Sie rührte sich
nicht. Aber ihr Blick nahm das Bild der hoffnungsseligen Jugend auf
wie einen Gruß, der ihr zur Pflegschaft und Weitergabe anvertraut
wurde.
Die Knabenstiefel polterten auf den Stiegen. Sie machten halt vor
Angela Freydags Kammertür.
»Kommt nur herein, ihr Ungeduldigen,« rief ihre Stimme, und die Knaben
brachen herein, mit erhitzten Wangen und erwartungsvoll leuchtenden
Augen, und streckten ihr stumm die Zeugnisbogen entgegen.
»Versetzt?« fragte Angela Freydag über die raschelnden Papiere hinweg.
»Versetzt?« wiederholten sie, und der Übermut der Sieger schwang in
ihren Stimmen mit. »War daran ein Zweifel, Tante Engel? Obertertia.
Selbstverständlich. Aber lies nur mal! So lies doch nur!«
Sie tat ihnen die Freude an, bei jeder neuen Note wie in Verwunderung
aufzublicken, und dann las sie das Ganze noch einmal in Ruhe und
verglich beide Bogen miteinander.
»Hast du nichts bemerkt, Tante Engel? Hast du wirklich nichts
bemerkt?« drängten die Ungeduldigen.
»Ich habe bemerkt,« sagte Angela Freydag, und ihre Augen lagen in
heimlicher Freude auf den angespannten Zügen des einen und des
anderen, »daß man die Bogen vertauschen kann, und sie bleiben bis auf
die Namen dieselben, und ich habe bemerkt, daß man auch den Martin
und den Nikolaus vertauschen kann, als wäre es nur dieselbe Person in
zwei gleichen Teilen, und sie ergäben zusammen immer nur eine einzige
Person.«
»Welche Person --?« fragten sie und wußten nicht, wo sie hinauswollte.
»Eueren Großvater, ihr Jungen -- Kornelius Vanderwelt meine ich.«
»Kornelius Vanderwelt« ... wiederholten sie und sahen sich an. Und
aus gleichem Antrieb heraus nahmen sie sich in die Arme, rangen
miteinander, hoben sich hoch in die Luft.
Mit halbgeschlossenen Augen sah Angela Freydag dem Kräftespiel der
Jungen zu. Dann wandte sie den Kopf zur Tür.
»Es klopft. Tritt nur ein, Thomas. Es ist Vanderweltsche Jugend, die
hier ihr Wesen vollführt. Der Fink hat wieder Samen.«
Thomas Vanderwelt kam schon vom Hafen her. »Ferien?« fragte er. »Laßt
sehen, was sie bringen.«
Die Jungen hatten mit einem Ruck innegehalten. Sie suchten ihre
Zeugnisse zusammen und überreichten sie ihm. Wieder begann das
erwartungsvolle Spiel ihrer Knabenaugen.
Thomas Vanderwelt war mit den Zeugnissen ans Fenster gegangen. Und
Angela Freydag trat hinter ihn, als wolle ihre Hand auf besonders
bedeutungsvolle Punkte hinweisen.
»Bemächtige dich der jungen Seelen,« flüsterte sie ihm zu. »Nimm die
Leitung in Mannes Hand. Zeig' ihnen deine Freude. Und schaff' ihnen
neue. Kinder ergeben sich dem Freudenbringer.«
Thomas Vanderwelt sah auf. Ihre Augen hafteten ineinander.
»Du setztest viel Hoffnungen in mich, Engel.«
»Alle. Sonst ließ' ich dir die beiden nicht.«
Thomas Vanderwelt zog die Oberlippe von den Zähnen. Eine Woge des
Stolzes ging durch ihn hindurch. Und Angela Freydag sah nichts, als
daß er seinem Vater zu ähneln begann.
»Jungens,« sagte Thomas Vanderwelt über die Schulter hinweg und
klopfte auf die Zeugnisbogen, »glaubt ihr, daß diese Kritzeleien hier
mit einer Schleppschiffahrt nach Rotterdam bezahlt wären? Es geht ein
Haniel-Schleppdampfer um die Mittagszeit, der Kapitän ist mein Freund,
und wenn ihr euch sputet --«
Er kam nicht mehr dazu, auszusprechen, was, wenn sie sich sputen
würden, Wirklichkeit werden könnte. Er spürte vier Knabenarme um
seinen Hals, die ihn zu erdrosseln suchten, und ungekannte warme
Lippen auf seinen Augen und auf seinen Wangen. Ein paar Herzschläge
lang gab er sich dem Ungestüm der ungewohnten Zärtlichkeiten hin. Dann
setzte er sich kräftig zur Wehr.
»Wollt ihr mir den Atem lassen, ihr Räuber und Wegelagerer?«
»Vater! Oheim! Du läßt ihn ~uns~ ja nicht! Ganz atemlos sind wir
vor lauter Freud'! Von welchem Haniel-Dampfer sprichst du? Wo ist der
Liegeplatz? Genügen die Rucksäcke? Ach, Tante Engel, so hilf uns doch!«
Es kam Ordnung in den Wirrwarr. Die Knaben stürmten die Treppe hinauf,
um droben ihr Glück zu verkünden. Und Angela Freydag wandte sich
langsam zu Thomas Vanderwelt und reichte ihm beide Hände hin.
»Da hast du sie, Thomas. Nicht meine Hände. Die Knaben aus meinen
Händen heraus in die deinen. Mach' aus ihnen, was du aus dir selber zu
machen gedenkst.«
»Das war dein reichstes Geschenk, Engel,« sagte Thomas Vanderwelt und
hielt ihre Hände.
Und nach einer Weile: »Nicht, daß du mir die Knaben anvertraust. Daß
du ~mir~ vertraust, Engel.«
»Wann trittst du die eigene Fahrt an, Thomas?«
»Übermorgen, Engel. Es ist eine Stückgutfahrt mit Zwischenlandungen
in den rheinischen Häfen bis Mannheim. Gerade das Rechte für mich und
meine Pläne.«
»Ich hätte noch einen Wunsch, Thomas. Es ist ja nicht allzuoft, daß
ich mit Wünschen hervortrete.«
»So sprich ihn doch nur aus. Du wünschest ja doch nur zu meinen
Gunsten.«
»Nimm die Magdalene mit. Sie hat eine Ausspannung verdient, und es
steht ihr harte Arbeit bevor.«
»Die Magdalene --?« fragte er unsicher. »Ja, hältst du es denn für
angängig?«
»Soeben danktest du mir erst, daß ich dir vertraute, Thomas. Mein
Vertrauen ist noch viel größer.«
Er schüttelte hastig den Kopf, als wollte er eine falsche Annahme von
sich abweisen.
»Du darfst dein Vertrauen auf mich so weit spannen, wie du nur kannst,
Engel. Die Magdalene wäre bei mir so sicher aufgehoben wie in deiner
Obhut. Aber du hast nicht bedacht, daß ich die Scheidung eingereicht
habe und seit Tagen schon auf einem leeren Gastzimmer hause. Da sollte
man den Leuten nicht freiwillig die Mäuler öffnen.«
»Besprich dich mit dem Wilm, Thomas. Sie könnte für beide Kähne
die Küche besorgen und zur Nacht in der Kajüte des einen Kahnes
wohnen, während du mit dem Wilm die Kajüte des anderen teilst. Keine
Menschenseele wird sie kennen.«
Er überlegte. Der Gedanke tat ihm wohl, aber das Weshalb wollte ihm
nicht klar werden.
»Weshalb kann sie nicht einen anderen Ausflug machen? Sie hat sich in
den letzten Wochen stark überanstrengt, und ich bin innerlich sehr
froh darüber, daß sie es für mich getan hat. Aber gerade darum, meine
ich -- --«
»Was meinst du --?«
»Man bringt eine Frau, die man so ehrlich schätzen gelernt hat, nicht
in Ungelegenheiten.«
»Und wenn sie sie gar nicht als Ungelegenheiten empfindet?
Sondern im Gegenteil als einen Beweis, daß euere Kameradschaft auf
vertrauensfesten Füßen steht?«
»Weshalb drängst du so, Engel? Du bist ja dann ganz allein?«
»Kein Mensch ist allein, der seine Arbeit zu verrichten hat. Du
und Magdalene aber, ihr habt euere Arbeit nun einmal aufeinander
eingestellt, und es ist nicht nur gut, daß ihr in täglicher
Verständigung miteinander bleibt, es wird euch die erste gemeinsame
Ausreise ins Arbeitsleben auch für die Zukunft die Quelle des
Erinnerungsstromes bedeuten, denn nur in der Kraft der Erinnerungen
lebt sich der Mensch vorwärts.«
»Woher weißt du das alles?« fragte Thomas Vanderwelt ehrfürchtig.
»Mein Lehrmeister trug den von dir ererbten Namen, Thomas, er hieß
Kornelius Vanderwelt. Und wenn er mich nicht mit auf seine Fahrten
genommen hätte, wäre ich der ärmste Mensch unter dem Nachthimmel und
bin der reichste Mensch unter der Sonne geworden. Nun weißt du es
auch.«
»Engel! Engel! Zuweilen weiß ich nicht, ob ich mehr von dir oder vom
Vater ererbt habe.«
»Es ist das gleiche, Thomas. Aber etwas Besseres konntest du mir nicht
sagen.« --
Die Jungmannen kamen mit Gepolter die Treppe herunter. Sie trugen in
den Rucksäcken Schuhe und Fernglas, Nachtzeug und Waschgegenstände.
Und in einem gemeinsamen, schmalen Handkoffer die Sonntagsanzüge und
die Hemden. Droben war der Abschied genommen. Jetzt sollte er drunten
beginnen.
Angela Freydag packte ihnen den eisernen Mundvorrat für eine Woche in
die Rucksäcke und kargte nicht. Sie hieß die Jungen Westen und Hemden
öffnen und hängte einem jeden ein flaches Geldtäschchen auf die bloße
Brust, das durch einen Knopf verschlossen war. »Damit ihr in der
Ferne nicht zu betteln braucht,« sagte sie, und die Jungen strahlten
sich an. »Ein paar Zehrpfennige für den Alltag stecke ich euch in
die Hosentasche,« und sie steckte jedem ein paar Silbermünzen zu.
»Vorwärts denn. Folgt dem Vater.«
Gern hätte sie hinzugesetzt: »und euerem Großvater, Jungens,« aber
sie unterdrückte rasch die feierliche Regung und ließ sich dafür so
unfeierlich wie möglich in die Knabenarme nehmen und sich jedes Glied
am Körper zusammendrücken, ohne sich zu wehren.
»Dank, Dank, Tante Engel! Laß es dir gut ergehen. Glückauf!«
»Fahr wohl, Martin! Fahr wohl, Nikolaus! Allzeit gut Wind und Wetter
vorauf!«
Drunten marschierten sie über die Straße, links und rechts von Thomas
Vanderwelt. Und Angela Freydag stand hinter dem Fenster und schaute
ihnen nach, bis sie auf den Hafendamm bogen.
»Euch hab' ich in Sicherheit,« sagte sie, und ihre Augen hatten einen
dunklen Glanz. »Ich hoffe: für ein Leben lang.« --
Am späten Nachmittag kam Magdalene Matthes aus ihrem Handelskontor. Es
war ihr letzter Diensttag gewesen. Und nun gehörte sie frank und frei
dem neuen Vanderwelt-Unternehmen an. Sie wußte schon von der Weltfahrt
der Knaben. Sie hatte Thomas Vanderwelt im Hafen getroffen.
»Frau Engel, er hatte noch mit Wilm zu verhandeln. Ahnen Sie es wohl,
weshalb? Mein Gott, ich soll mit auf die Reise! Mein Gott!«
»Freuen Sie sich darüber, Magdalene?«
»Freuen? Freuen ist gar kein Wort! Das hab' ich mir ja seit
Kindheitstagen gewünscht, wenn ich irgendwo bei Düsseldorf an der
Uferböschung lag und die Schleppzüge kommen und verschwinden sah:
Wer da mitreisen könnte! So ins Unendliche aller Wünsche hinein! Und
nun darf ich mit. Und darf mich jetzt schon für die Firma Vanderwelt
nützlich machen. In der Küche, jawohl! Aber das ist ja ganz einerlei
...!«
»Ich hoffe, Sie werden sich nicht nur für die Firma, sondern viel mehr
noch für den Firmenträger nützlich machen können.«
»Nicht sprechen, Frau Engel, nicht sprechen. Nein, ich fürcht' mich
nicht.«
»Frauen fürchten sich vor nichts, wenn der Mann voranschreitet.«
Am nächsten Tage trafen sie alle Vorbereitungen. Und als gegen Abend
die Schiffsjungen kamen und mit dem Gepäck abgezogen waren, blieben
sie zu dritt allein: Angela Freydag, Thomas Vanderwelt und Magdalene
Matthes. In den Kammern über ihnen war es ruhig. Der Brief, der am
Nachmittag aus einer Rechtsanwaltskanzlei für Frau Antonie Vanderwelt
eingetroffen war, hatte den beiden Schwägerinnen Gelegenheit geboten,
zur vorgerückten Stunde noch das Haus zu verlassen, um sich bei
Freunden Rat zu holen.
Die drei Menschen saßen beieinander am Tisch und schwiegen
miteinander, ohne es zu bemerken. Dann nahm Angela Freydag das alte
Pfeiflein auf, das sie noch von den gemeinsamen Fahrten mit Kornelius
Vanderwelt besaß, entzündete es und tat still ihre Züge.
»Sprachst du, Engel?« fragte Thomas Vanderwelt und legte seine Hand
auf die ihre.
»Tat ich es, Thomas? Ich tat es wohl aus Gedanken heraus. Ich dachte
gerade darüber nach, wie verkehrt es ist, sich die Karwoche grau
in grau zu malen. Am Schlusse winkt doch die einzige Erlösung der
Heilsgeschichte, der Auferstehungstag.«
»Ja, so lehrt die christliche Religion.«
Sie bewegte den Kopf, als sei ihr das nicht genug.
»Es kommt nicht auf die Religion, es kommt auf die Frömmigkeit an.«
Und sie grübelten hinter den Worten her, die die geheimsten Kräfte
bargen.
»Wenn ihr wiedergekehrt seid,« sagte Angela Freydag nach einer
Weile, »darfst du an nichts anderes mehr denken, Thomas, als an die
Auferstehung der alten Firma. Alles, was Karwoche geheißen hat, muß
vor diesem Morgenlicht verschwunden sein wie ein Rudel Gespenster.
Und wenn du dann über den Platz vor der Schifferbörse schreitest,
sorg', daß die Schiffer sich anstoßen und zu sich sprechen: ›Kornelius
Vanderwelt ist wieder auferstanden.‹«
Die Hand, die auf der ihren lag, drückte zu. Und der harte Druck
gefiel ihr.
Magdalene Matthes erhob sich und zündete das Licht an. Ein kurzes
Zwinkern war, und die Augen standen weit geöffnet und schauten
einander an, als ob sie neue Menschen sähen.
»Keinen überflüssigen Ballast,« sagte Angela Freydag. »Nichts
Wertloses. Das Schiff muß Ladung haben, die sich lohnt.«
»Ja,« erwiderte Thomas Vanderwelt, und seine Brust hob sich.
»Ja,« wiederholte Magdalene Matthes.
Wieder kehrte das Schweigen ein. Und sie bemerkten es nicht, bis
Thomas Vanderwelt noch eine Frage tat.
»Bleiben die ›Fünf Erdteile‹ geschlossen, Engel? Jetzt, wo ich auf
Fahrt gehe, und ich meine nicht nur diese Rheinfahrt, Engel, entfällt
ja wohl der Grund für dich, die Wirtin zu spielen.«
Sie tat ein paar Züge aus dem alten Pfeiflein und nickte vor sich hin.
»Die ›Fünf Erdteile‹ -- hören auf, zu bestehen. Meine Pflichten sind
erfüllt. Für dich und die Jungen darf keine Belastung mehr vorhanden
sein, wenn ihr das neue Leben angreift, sie könnte geartet sein, wie
sie wollte.«
»Es ist bald ein Jahr, daß der Vater starb und du uns hier sammeltest
und sichtetest.«
»Ich konnte es nicht schneller machen, Thomas.« -- --
In der Morgendämmerung verließen Thomas Vanderwelt und Magdalene
Matthes das Haus. Auf ihren Gesichtern war der Glanz der Jugend.
»Dank, Dank, Engel, für alles und viel mehr,« riefen sie der
Zurückbleibenden zu und schlossen sie kräftig in die Arme.
Und Angela Freydag erwiderte mit dem alten Schifferspruch, den sie
schon den Knaben mit auf den Weg gegeben hatte: »Fahr wohl, Thomas,
fahr wohl, Magdalene. Allzeit gut Wind und Wetter vorauf!«
Noch einmal stand sie am Fensterkreuz ihrer Kammer und sah die beiden
rüstigen Schrittes über die Straße schreiten, bis ihre Umrisse in
die sonnendurchzitterten Nebel des Stromgebietes hineinwuchsen, als
gehörten der Strom und die Menschen zusammen.
Ihr Gesicht wurde schmal, und eine Blässe zog darüber hin. Aber der
Mund erzwang ein Lächeln.
»Nun seid auch ihr in Sicherheit, und ich kann an die Reise denken.
Bist du mit mir zufrieden, Kornelius?«
Am nächsten Tage ging sie durch die Stuben und errechnete den Wert
der geringen Hinterlassenschaft des Matthes. Und sie saß an ihrem
Schreibtisch und verglich die Summe mit dem Betrag, den sie noch auf
der Sparkasse liegen hatte. Und überschrieb den Betrag an Fräulein
Magdalene Matthes mit einer zurückgesetzten Zeitangabe.
Auf der Sparkasse ließ sie sich ihr Fach öffnen, das ihre wenigen
Anlagepapiere barg, und ließ das Schreiben zwischen ihre Papiere
gleiten.
Als sie heimkehrte, hatten sich die Frauen noch nicht erhoben. Aber
Juliane rief aus ihrer Schlafstube nach ihr und bat um das Frühstück,
da sie zu müde seien, um sich zu erheben.
»Wir haben bis spät in die Nacht hinein Besprechungen mit unserem
Rechtsbeistand gehabt,« erklärte sie. »Für mich liegen die Dinge ja
klar am Tage. In zwei Jahren wird mein Martin mit der Schule Schluß
machen und eine kaufmännische Lehre antreten. Bei seiner großen
Begabung wird es ihm nicht schwer fallen, bald Geld zu verdienen.
Er hat es ja heute schon gezeigt, daß er es kann. Und da er für
seine Mutter unterhaltungspflichtig ist, wird er sich, wie ich ihn
kenne, ganz besonders anspornen. Für meine Schwägerin Antonie liegen
die Dinge anders. Und wenn Sie auch als die Freundin meines lieben
Bruders Thomas auftreten, mein Brüderlein wird sich freuen, die
Scheidungsklage zurückziehen zu dürfen, denn der Rechtsbeistand hat
mit einem Lärm gedroht, der Thomas Vanderwelt für das Geschäftsleben
unmöglich machen würde. Ich denke also, es bleibt vorläufig alles beim
alten.«
Angela Freydag ließ den Strom der Worte über sich ergehen und spielte
die Bedienerin. Sie entzündete das Gasöfchen auf dem Wandtisch und
wärmte das Frühstück darauf. Und tat ein übriges und betrat auch
Antonie Vanderwelts Schlafzimmer, entzündete auch hier das Gasöfchen
auf dem Wandtisch und erwärmte das Frühstück. Die seidenen Röcke
Antoniens lagen zerknittert vor dem Bette.
Am Abend flogen die Frauen aus. Und wieder währte es bis zum Morgen,
daß Angela Freydag ihre gleitenden Schritte erhorchte. Heute aber
verschliefen sie das Frühstück ganz, und es war der Karsamstag.
Im Hause war alles geregelt. Ein jedes Teil stand auf dem Platze, auf
den es hingehörte. Und nur die Frauen lagen gegen Abend noch in ihren
Betten und baten Angela Freydag mit Klagelauten zu sich.
»Es sind so anstrengende Tage für uns,« klagte Frau Juliane. »Unsere
Freunde tun ja für uns, was sie können, um uns über unsere trüben
Gedanken hinwegzubringen, aber es bleibt doch immer noch ein Rest, den
wir allein verarbeiten müssen. Morgen, ja, über die Ostertage hinaus
wollen wir mit auswärtigen Freunden einen Ausflug unternehmen, der uns
wirklich erfrischen soll. Deshalb möchten wir heute gar nicht erst
aufstehen, da wir morgen in aller Herrgottsfrühe hinaus müssen. Würden
Sie uns die Freundlichkeit erweisen und uns ein kleines Abendbrot
bereiten?«
Und wieder entzündete sie die Gaskocher in den Zimmern der beiden
Frauen und wärmte die Speisen auf, und die seidenen Röcke lagen wie
tags vorher zerknittert vor den Betten.
Es wurde elf Uhr abends, und Angela Freydag ging durch das ganze Haus.
Und schloß alle Fenster und Türen. Als sie den Hausflur betrat, zogen
ein paar feuchtfröhliche Schiffer Arm in Arm durch die Türe ein.
»Guten Abend, Mutter Engel. Ist hier Ankergrund?«
»Es ist Feierabend für die ›Fünf Erdteile‹, meine Herren.«
»Für alle fünf Erdteile? Spaß, Mutter Engel. Irgendwo in den fünf
gesegneten Erdteilen muß doch Ankergrund sein?«
»Die Schankerlaubnis ist mit dem Wirt Matthes und seiner Frau
erloschen. Gute Fahrt, meine Freunde.«
»Nix mehr zu machen? ›Meine Freunde‹ hat sie doch gesagt. Wirklich gar
nix mehr?«
»Es tut mir leid -- aber es ist Schlafenszeit.«
»Hoiho! Mutter Engel hat zum Abschied einen Reim geschmiedet. ›Es tut
mir leid -- aber es ist Schlafenszeit!‹ Weiß die Mutter Engel auch,
was das nach Schiffersbrauch bedeutet?«
»Was bedeutet es denn nach Schiffersbrauch, Jan Maat?«
»Wer nach altem Schiffersbrauch einen Reim in der Rede schmiedet, ohne
zu wollen, der kriegt mit Gewißheit noch in der Nacht seinen Schatz zu
sehen.«
»Oho! Hoho! Mutter Engel kriegt die Nacht noch ihren Schatz zu sehen!«
Angela Freydags Augen leuchteten über sie hinweg.
»Wer weiß, ob es nicht wahr ist.« -- --
Sie hatte hinter den feuchtfröhlichen Männern die Haustür geschlossen.
Der Riegel schnappte ein, und der Klang zog hallend durch das
verlassene Haus. Sie wandte sich und ging hinauf.
Ich weiß es noch, dachte sie, wie er mich seine Wölfin nannte. Von der
mitjagenden Wölfin sprach er. Und von der säugenden -- wie bei Romulus
und Remus. Und ich weiß noch, wie ich ihm erwiderte, daß die Wölfin,
die starke Wölfin, die Wunden und Gezeichneten der Gattung zerreiße,
um den Lebensstarken die Bahn zu säubern. Kornelius, nun halte ich
mein Wort. Und du wirst weiterleben.
Sie ging hinauf in das Stockwerk der Frauen, und als sie die Zimmer
der Frauen betrat, fand sie sie eingeschlafen. Sie griff nach den
Schaltern des elektrischen Lichtes und löschte es in beiden Zimmern.
Und in beiden Zimmern griff sie nach den Hähnen der Gaskocher und
öffnete sie mit ruhiger Hand. Und als sie in das Haus hinuntergegangen
war, bis in die leere Wirtsstube, tat sie hier ebenso, und sie saß am
Tisch, stark und gefestigt, und der einschläfernde Duft umwogte sie.
Eine Kirchenuhr schlug Mitternacht. Der Ostertag brach an.
Angela Freydag zählte die Glockenschläge bis zum letzten. Nun war sie
müde.