»Ich habe mir durch meine Konzertreisen eine Summe ersparen dürfen.

Aus einer Laune heraus, die hier nicht zur Erörterung steht, wurde ich

Eigentümerin des Grundstückes ›Zu den fünf Erdteilen‹. Es ist nur eine

Gastwirtschaft zweiten oder dritten Grades. Aber für Anspruchslose

genügen die Zimmer, und Ansprüche sind wohl bis auf weiteres nicht

mehr zu stellen.«

»In eine Kneipe!« rief Juliane. »In eine Kneipe sollen wir!«

»In eine Matrosenkneipe!« rief Antonie und schüttelte sich vor Lachen.

Angela Freydag trat dicht vor die überreizten Frauen hin.

»Schweigen Sie,« herrschte sie sie an. »Schweigen Sie, oder, bei Gott,

ich lasse Sie verhungern.«

Da krochen die Frauen in sich zusammen, und ihr schrilles Lachen

erstarb in einem Wimmern.

»Hören Sie mich noch einmal an,« sagte Angela Freydag kalt. »Ich

sprach vorher von einem Jahr. Sie werden sich schon ohne mich keinen

Monat über Wasser halten können, wenn Sie erst -- Ihre Schulden

bezahlt haben werden. Ich will in Thomas Vanderwelt das Zutrauen

setzen, daß er ein Mann wird. Und von Ihnen verlange ich, daß Sie

sich einfügen und in sich selbst Wandel schaffen. Für Abenteuer öffne

ich das Haus nicht, sondern für die Besinnung. Von der Besinnung zum

Aufstieg ist dann nur noch ein Schritt. Hier meine Hand, Thomas.«

Thomas Vanderwelt hob die schwergewordenen Augenlider. Langsam legte

er seine Hand in die dargebotene. »Nun dürfen wir wohl gehen, Engel.

Die Erschütterungen häufen sich ein wenig.«

Noch am späten Abend sandte Angela Freydag das Mädchen zum Gastwirt

Matthes und ließ ihn zu einer Unterredung zu sich bitten. In der Nacht

fand die Unterredung statt.

»Ich bin die Besitzerin Ihres Hauses. Sie werden es von Ihrem Freunde

erfahren haben. Sonst gibt Ihnen das Grundbuch Auskunft. Weshalb

Kornelius Vanderwelt so handelte, ist seine Angelegenheit. Wir wollen

seine stillen Gründe achten und nie ein Wort darüber verlauten lassen.

Sie werden mich gleich verstehen. Ich übernehme die Wohnung, die

Kornelius Vanderwelt in den ›Fünf Erdteilen‹ mietete, für mich und die

Nachkommen Kornelius Vanderwelts, bis sie das Gehen und Stehen gelernt

haben. Sie rechnen dagegen die Zinsen auf, die Sie mir vierteljährlich

zu zahlen haben. Vielleicht kann ich mich auch sonst in Ihrem

Hauswesen nützlich machen.«

Den Gesichtszügen des Matthes war keine Überraschung anzumerken. Er

sprach, als setzte er eine Unterhaltung fort, die er vor Tagen mit

Kornelius Vanderwelt geführt hatte. »Die Gastzimmer stehen längst

leer. Die Ledigen un Jungen, die keine Bleibe haben, denken heut all

amerikanisch un verlangen fließend Wasser un sonst noch wat für ihre

Schlamperei. Selbst die Kneipe bleibt halb leer, weil ich dat Geld für

dat Gefiedel scheu' und bei der Harmonika geblieben bin. Wann woll'n

Sie einziehen? Für mich is et en Geschäft.«

»In nächster Woche. Sobald der Verkauf aller entbehrlichen Gegenstände

stattgefunden hat.«

»Abgemacht. Dat Sie sich mit der Nachkommenschaft einen bösen Packen

aufbürden, is Ihre Sache.« Er nickte ihr kurz zu, ging zur Tür und

wandte sich noch einmal nach ihr um. Seine Augen blinkerten. »Aber en

Staatsweib, dat sind Sie.«

In dieser Nacht verfaßte Angela Freydag ihre letztwillige Verfügung,

in der sie ihr Grundstück und ihre gesamte Hinterlassenschaft für den

Fall ihres Todes Thomas Vanderwelt, seinem Sohn Nikolaus und seinem

Neffen Martin unter Ausschaltung jedes anderen Erben überschrieb. Und

anderen Tages hinterlegte sie das Schriftstück bei dem zuständigen

Gericht.

Sechzig Jahre hatte Kornelius Vanderwelt erreicht, als er aus seiner

Kraft und seiner Liebe abberufen wurde, und Angela Freydag zählte

vierzig Jahre. --

Der Einzug in die ›Fünf Erdteile‹ war in den Nachtstunden vor sich

gegangen. Der Matthes war mit ein paar älteren Schiffern erschienen,

und die Arbeit war bald getan. Die Knaben hatten ein gemeinsames

Zimmer erhalten, Thomas Vanderwelt und Frau zwei weitere, und Frau

Juliane bewohnte wie auch Angela Freydag ein Einzelzimmer. Die Küche

des Wirtshauses war auch die ihrige.

Angela Freydag schritt durch die einfach eingerichteten Räume und

wies einem jeden sein schmales Reich an. Die Frauen waren kleinlaut

geworden, Thomas Vanderwelt zeigte sein altes, belustigtes Lächeln,

und nur die beiden Jungen freuten sich offen und arglos über das

romantische Zwischenspiel.

Angela Freydag hantierte zwischen dem geringen Hausrat, als wäre sie

in ihre Kindheit zurückversetzt und hätte für den abgehetzten Vater,

die ruhelose Mutter zu sorgen. In derbem Hauskleid verrichtete sie die

Arbeit, die keiner ihr abnahm oder erleichterte, und hatte alles von

sich getan, was an vergangene bessere Zeiten zu erinnern vermochte.

Sie wollte ganz sein, was sie war, und mehr als der Schein. Darum auch

hatte sie den Flügel hingegeben und das Bild und die Bücher bis auf

wenige, und das Geld auf die Sparkasse gelegt. Es war ihr letzter und

schwerster Abschied. Aber sie blickte auf ihre Hände, die arbeitshart

geworden waren und ungelenk für die hohen Anforderungen der Kunst, und

die Hände strichen langsam an den starken Hüften hinab, und sie freute

sich ihrer Stärke.

Es war kein Leichtes gewesen, das Mißtrauen der gedemütigten Frau des

Matthes zu besiegen, aber auch dies hatte sie vollbracht. Als sie der

alten Frau am Küchenherd stillschweigend die schweren Kessel aus der

Hand nahm und ihr zu einem kärglichen Aufatmen verhalf. Noch immer

schielte die Frau argwöhnisch nach der straffen Gestalt der neuen

Mieterin, bis Angela Freydag ohne ein Lächeln die Hand über das Herz

legte und zu ihr sprach: »Es ist für immer vergeben.« Seit dieser

Stunde war eine seltsame Freundschaft zwischen ihnen, die wenig Worte

machte.

Aber es lebte noch ein anderes Mitglied der Familie Matthes im Hause,

das nicht wortkarg war und sich mit dem ganzen Drang der Jugend an

Angela Freydag, die bald schon im Hause allüberall Frau Engel gerufen

wurde, anschloß. Es war das des Matthes Enkelin, das Kind seiner in

Düsseldorf verstorbenen Tochter, und da es keinen Vatersnamen besaß,

hieß es Magdalene Matthes. Die Zwanzigjährige war tagsüber auf einem

Handelskontor beschäftigt und verdiente sich, was sie brauchte, und

der Großvater Matthes mußte sein Schmälen unterlassen, da sie auf

Heller und Pfennig für Kost und Wohnung zahlte.

Das mutige Ding war voll Ansporn und Leben, und da das Leben mit

seiner Fülle nicht zu ~ihm~ gekommen war, so kam das Mädchen mit

seiner Fülle zum Leben, und es war nicht anders, als ob es Gott und

die Welt mit seinem Vorhandensein beschenken wollte.

»Lassen Sie mich Ihnen helfen, die Zimmer in Ordnung bringen, bitte,

Frau Engel. Dafür erteilen Sie mir in den Abendstunden ein wenig

Unterricht.«

»Worin sollte ich Sie wohl unterrichten können, Magdalene.«

»In allem, was ich brauche, um eine Frau zu werden wie Sie.«

»Dazu gehört nur ein wenig Mut und viel, viel Liebe, kleine

Schwärmerin.«

Sie schüttelte die Locken, und in ihre Mädchenstirn grub sich

die Falte des frühreifen Ernstes, die Angela Freydag wie ein

geschwisterliches Zeichen wiedererkannte. Wie oft war Kornelius

Vanderwelts Hand darübergeglitten.

»Ich bin keine Schwärmerin, Frau Engel. Nein, gewiß nicht. Ich weiß,

daß ich vor viele, harte Kämpfe gestellt bin. Aber ich bin jung und

kräftig und will mir meinen Glauben nicht verkümmern lassen.«

»Ich muß Sie einmal ganz schnell in die Arme nehmen,« sagte Frau

Engel. »Und nun helfen Sie in Gottes Namen.«

»Mut,« wiederholte das Mädchen. »Mut und viel Liebe ... Ich denke,

darin kann ich schon ein ganzes Teil Bestellungen entgegennehmen.« Und

sie machte sich mit lautem Gesang an die Arbeit.

Es war für Angela Freydag eine Wohltat, die frisch beherzte

Angreiferin um sich zu haben, denn die beiden Frauen Juliane und

Antonie rührten keine Hand, es sei denn für sich selbst und die

Ausschmückung ihrer Kleider, die sie verstohlen wieder hervorgeholt

hatten und in denen sie sich zum Abend in den Straßen wieder zu

zeigen begannen. Oft und öfter geschah es schon, daß die beiden

Frauen heimlich miteinander tuschelten und kicherten und jäh die

Gleichgültigen spielten, wenn Angela Freydag durch die Zimmer ging.

Einen Monat und länger hatte Thomas Vanderwelt mit der Auflösung der

noch schwebenden Geschäftsverbindlichkeiten zu tun gehabt. Sie hatten

sich ohne Schwierigkeiten vollzogen. Der gute Wille, der absterbenden

Firma Kornelius Vanderwelt die letzten Ehrenbezeigungen zu erweisen,

trat unverkennbar zutage, und ein Willensstarker hätte die freundliche

Meinung auszunützen verstanden und sich außer neuen Aufträgen wohl

auch die Leihsumme der fehlenden Betriebsgelder zu verschaffen gewußt.

Aber Thomas Vanderwelt war kein Willensstarker. Was an Willen in ihm

schlummern mochte, lag im Albdruck unter der Puderschicht, die vom

Wesen seiner Frau auf ihn hinübergeglitten war.

Ein paar Wochen noch ging er Tag für Tag hinaus, um sich eine Stellung

in den Schoß fallen zu lassen oder sich am Hafen nach seinen Kähnen

umzusehen, um mit Wilm über die Heuer der Fahrten zu verhandeln oder

ein anderes minder wichtiges Geschäft als Vorwand zu nehmen. Dann

blieb er, als die Herbstregen rauschten, mehr und mehr daheim und

erhob sich nur lauschend, wenn Antonie das Haus verlassen hatte, um

ihr hinter den Fenstervorhängen nachzublicken und ihr auf demselben

Wege zu folgen.

»Ich könnte Ihnen eine Stelle besorgen,« redete ihn an einem Abend,

als sie ihn allein traf, Magdalene Matthes ohne Umschweife an.

»Ich Ihnen auch, mein Fräulein. Aber ob sie für ein so stolzes

Fräulein gut genug wäre --«

»Das sind Kindereien, Herr Vanderwelt, die Ihnen schlecht zu Gesicht

stehen. Sie wollen natürlich damit sagen, daß für einen so stolzen

Herrn, wie den Herrn Vanderwelt, nicht jede beliebige Stelle passend

erschiene. Jede Stelle aber ist ein Sprungbrett.«

»Ich habe gegen Ihre Denkrichtung nichts einzuwenden,« sagte er und

lächelte freundlich zu ihrem flammenden Unwillen. »Sie scheinen mir

sehr begabt, und begabte Frauen zählen zu den Seltenheiten.«

Jetzt aber flammte sie ihn wirklich an.

»Wie Sie zu Ihren traurigen Betrachtungen über die Frauen kommen,

weiß ich nicht, und ob ich begabt bin oder nicht begabt bin, geht Sie

nichts an. Sicher aber ist, daß ich mir eine Gelegenheit zur Arbeit

nicht aus der Hand schlagen lassen würde und eher eine Meile liefe als

einen Schritt zurück täte.«

Sie wandte sich auf dem Absatz, und Thomas Vanderwelt schaute ihr

gedankenverloren nach, wie sie die Stufen der Treppe nahm und in ihrem

Zimmer verschwand.

»Ich glaube, er weiß nicht einmal, wie ich aussehe, der Sterngucker,«

eiferte sie, als sie Frau Engel ihren Bericht erstattet hatte. »Oder

er hält uns Frauen für so minderwertig, daß es den hohen Herrn eine

Zumutung dünkt, sich von einer Frau behilflich sein zu lassen.

Spottvogel, der.«

»Es kommt wohl auf die Frau an,« sagte Frau Engel. »Und nun haben Sie

genug geschimpft.«

»Geschimpft?« fragte sie bestürzt. »Ich wollte ihn doch nicht

beschimpfen. Dazu habe ich erstens nicht das Recht, und zweitens weiß

ich aus Erfahrung, daß Leute, die im Elend sind, ein ganz besonders

feines Ehrgefühl besitzen.«

»Sehen Sie wohl, Magdalene? Es ist noch nicht aller Tage Abend, und

wir wollen uns inzwischen tummeln.«

Während sie die Zimmer richteten und die Küche besorgten, plauderte

das frische Mädchen unverdrossen. Es erzählte von den Aufgaben, die

ihr im Geschäft gestellt worden seien und über welche Briefausdrücke

sie gestolpert sei, fragte eindringlich und ließ sich voll Eifer

belehren. Dabei überzog sie ein Bett mit festem Leinen oder

wusch das Gemüse unter dem Küchenkranen. Und wie die Fragen mit

Verstand gestellt wurden, so wurden die Antworten aus der Reife der

Lebenserkenntnis erteilt, und es wurde ein Unterricht, bei dem der

Geist des Mädchens alle Pforten öffnete und sich aus allen Pforten in

die Höhe schwang zu Angela Freydags Geist.

Wie oft war es Angela Freydag in diesen Wochen und Monaten, als wären

nur die Gesichter vertauscht. Als trüge das lernbegierige Mädchen die

Züge der jungen, lernbegierigen Klavierlehrerin und sie selbst stünde

als Lehrer an Kornelius Vanderwelts Statt. »Ich gebe deinen Reichtum

weiter, Kornelius,« sprach sie dann wohl für sich hin, »und heute

verstehe ich dein Wort, daß es nicht immer die blutseigenen Kinder

sind, die unsere Seele am stärksten beerben.«

Aber die schwermütige Anwandlung verflog, als wäre sie nie gewesen,

wenn Kornelius Vanderwelts blutseigene Enkel, wenn Martin und Nikolaus

schulentlastet die winklige Treppe hinaufgestürmt kamen und ihr mit

tausend Geschehnissen um den Hals flogen. »Heute hat der Martin ein

Gedicht auf den Großvater gemacht.« »Der Nikolaus hat geholfen und die

gute Hälfte daran.«

»Her damit, Jungens.« Und sie las die stammelnden Strophen.

Ihre Brust hob sich hoch. Ihre Augen funkelten. Nein, es war nicht

vergebens.

Ihr Gedanke schweifte zu den spielerischen Müttern, zu dem lässigen

Vater, der sich spöttelnd ein Kind der Zeit nannte.

Formte die Zeit die Menschen? Oder formen die Menschen die Zeit?

Nur die es versuchen, haben die Berechtigung, zu sein, und dieses

Jungdichtergestammel war über die Zeit erhaben.

»Ich wälze zwei rotbackige Äpfel in Teig und schiebe sie für euch in

den Ofen.«

Ein Jubelschrei aus zwei Kehlen -- und ein beschämtes Innehalten und

Verstummen.

»Schmeckt euch der Lohn zu sehr nach dem Alltag, Jungens? Hattet ihr

auf eine goldene Rose gerechnet?«

»Aber wir haben dich ja gar nicht angedichtet, Tante Engel. Das

Gedicht geht auf den Großvater.«

Da nahm sie die beiden Jungen mit einem herzlichen Lachen in ihre Arme

und an ihre Brust.

»Der Großvater oder ich. Das ist in der Dichtung ein und dasselbe. Ob

wir leben oder gestorben sind.«

Der Knabenverstand erfaßte den Sinn der Worte noch nicht. Aber

die Augen glänzten vor Begeisterung, als die Bratäpfel in die

Ofenröhre geschoben wurden und alsbald ein süßes Duften von

Weihnachtsseligkeiten die Küche erfüllte. --

Für den Matthes aber war es gekommen, wie er es vorausgesagt hatte:

es war für ihn ein Geschäft geworden. Die Verzinsungen fielen für ihn

aus, und die Gastzimmer hatten ohnedies leergestanden und wurden nun

in Obacht und Pflege genommen. Darüber hinaus aber waltete die starke

Frau, die ihren Einzug gehalten hatte, in Küche und Haus, griff seiner

verängstigten Gesponsin nachdrücklich unter die Arme und scheute sich

nicht, wenn's not tat und die Kräfte der Alten versagten, unbeobachtet

in der Wirtschaft zu erscheinen und nach dem Rechten zu sehen.

»So eine wie die, Alte, wenn ich die gehabt hätt' un nich dich

Tränenkrug, die ›Fünf Erdteile‹ wären die erste Wirtschaft am Platz.«

Die Frau kniff erregt die Lippen ein und arbeitete ohne Widerrede

weiter und über ihre Kräfte.

Es war einmal gewesen, daß sie mit einer Handvoll Bierseidel

über einen Kautabak hingeglitten und zu Fall gekommen war, heftig

gemaßregelt von dem Groll des Wirtes und von den Gästen mit Hallo

begrüßt, als Angela Freydag die Wirtsstube betrat. Sie half der

Beschämten auf die Füße, führte sie hinaus und kehrte kühl an den

Schenktisch zurück. »Geben Sie her,« sagte sie zum Matthes.

Er blinzelte in den Tabaksqualm, füllte frische Gläser und schob sie

auf das Schankblech, als wäre nichts weiteres dabei.

»Wer hat bestellt? Wohl bekomm's. Sehen Sie, es geht auch mit der

Ruhe.«

Die Gäste blickten verdutzt auf die Frauengestalt in derbem Hauskleid,

räusperten sich und tranken.

»Schmeckt noch mal so gut,« meinte ein Witzbold.

»Mehr wird nicht verlangt,« antwortete sie und sah dem Manne in die

starrenden Augen, bis sein Blick quer ging.

Von diesem Abend an ging sie zeitweilig, wenn die Frau des Matthes

vor gichtigen Schmerzen nicht weiter konnte, als Stellvertreterin der

Ärmsten in die Wirtsstube hinunter und übernahm die Pflichten der

Wirtin. »Sie haben hier nichts, aber auch gar nichts verloren,« wies

sie das junge Mädchen zurück, das sich ihr hilfsbereit zugesellen

wollte. »Für Männer in Kneipenluft ist eine andere Verfassung am

Platz, als ich sie bei Ihnen wünsche. Diese Bekanntschaften hier

möchte ich Ihnen für Ihren zukünftigen Lebensweg erspart wissen.«

»Aber, Frau Engel, Sie sind eine Dame, und was und woher bin ich?«

erwiderte Magdalene Matthes angriffslustig.

»Sie stellen die Frage falsch, Kind. Nicht: ›woher bin ich?‹, ›wohin

will ich gehen?‹ muß sie heißen und nicht anders. Also belasten Sie

sich nicht mit Dingen, die Ihnen Ihren Weg versperren. Der meine war

schön und weist mich zur Beendigung hierher. Weshalb, das lassen Sie

meine Sorge sein.«

Das Mädchen ging verwirrt von dannen und suchte einen Entgelt darin,

daß es sich mehr als bisher um die Wünsche und Gewohnheiten der

Vanderweltschen Familie kümmerte und ihnen genugzutun sich mühte.

Stark und gefestigt saß Angela Freydag im Schatten des Schenktisches,

die aufglühende Tonpfeife als Freundin. Und sie behielt den Stiel der

glühenden Pfeife in der Hand, wenn sie am Schenktisch die gefüllten

Gläser entgegennahm und zu den Gästen trat. Stark und gefestigt saß

sie wieder auf ihrem Platze, und die voreiligen Witze der Männer

hatten sich in ein Murmeln der Befriedigung verwandelt.

Man war bei Mutter Engel. -- --

»Frau Engel, ich möchte Sie sprechen,« bat in den festfröhlichen

Wintertagen Magdalene Matthes. »Darf ich es sagen?«

»Sagen Sie mir getrost alles, was Sie auf dem Herzen haben. Wir sind

in meinem Stübchen und allein.«

»Sie sind vielleicht durch die Wirtsstube so oft in Anspruch genommen,

daß Sie es nicht bemerkt haben. Und es sind auch ganz gewiß nicht

meine Angelegenheiten. Aber die anderen dürfen doch nicht in die

Mäuler der Leute kommen.«

»Wer sind die anderen?«

»Nun, der Herr Thomas Vanderwelt und -- und -- die Prachtburschen, der

Martin und der Nikolaus.«

»Für die Frauen fürchten Sie nichts?«

»Ach, Frau Engel, die Frauen sind es ja gerade, die -- ja, wie soll

ich es Ihnen sagen? -- die so unvorsichtig sind.«

»Und Sie glauben, ich bemerkte das nicht, wenn ich in der Wirtsstube

sitze? Und Sie denken, weshalb ist sie hinuntergegangen und sitzt

nicht oben und hält die Augen auf? Weil ich denen da oben eine Frist

zur Besinnung gesetzt habe, Mädchen, und zusehen will, für wen es sich

da oben verlohnt, bevor ich an die Abreise denke.«

»Frau Engel,« rief das Mädchen mit erschrockenen Augen, »dann bricht

für die da oben alles zusammen.«

»Magdalenlein,« beruhigte Angela Freydag und strich ihr über die

heißgewordenen Wangen, »es ist noch nicht so weit, und ich hoffe auf

ein Wunder. Wenn auch das, was Sie mir zu sagen haben, nicht ein

Wunder voraussehen läßt.«

»Hätte ich doch nicht damit begonnen!« stieß das Mädchen über sich

selbst erzürnt hervor.

»Nicht so, Magdalene. Sie und ich, wir haben uns liebgewonnen, und

in der Liebe gibt es keine heimlichen Gedanken. Was Sie mir zu sagen

haben, kann nur die Bestätigung meines eigenen Wissens sein, und jede

klare Bestätigung reinigt die Luft. Sie helfen mir also auch mit

weniger schönen Wahrnehmungen.«

Das Mädchen hob den Kopf. Ihre tapferen Augen trugen den Ausdruck der

Entschlossenheit.

»Frau Engel, es ist nicht gut, daß die beiden Frauen allein gehen.

Ich sah sie nicht zum erstenmal in den Straßen, wenn ich abends aus

dem Geschäft kam. Heute wurden sie angeredet, und sie ließen es sich

gefallen und gingen mit den Herren in eine Tanzdiele. Es ist keine

angesehene Örtlichkeit, in die sie gingen, und sie wußten es wohl

nicht.«

Angela Freydag saß und hielt die verschlungenen Hände im Schoß. Aber

die Gelenke ihrer Finger knackten.

»Wollen Sie es den beiden Frauen sagen, Frau Engel? Bitte, sprechen

Sie doch.«

»Es ist die Sache Thomas Vanderwelts, Magdalene. Er hat für den Namen

Sorge zu tragen. Also sprechen Sie mit Thomas Vanderwelt, wenn das

Herz Sie treibt, und ich hoffe für ihn, daß Sie eine glückliche Stunde

haben.«

»Mit -- Thomas Vanderwelt? -- Und was hat mein Herz damit zu tun?«

»Das müssen Sie sich selber fragen. Oder auch nicht, wenn es Ihnen auf

Hilfe ankommt.«

»Ja,« sagte sie mit schwerem Atem, »es kommt mir auf Hilfe an. Gerade

bei ihm. Denn er ist im Grunde ein ganz anderer, als er vortäuschen

möchte.«

»Wer ist er denn? Ein unglücklicher Ehemann?«

»Ein schlaffer Mensch ist er. Ein Mensch, der den Aufschwung nicht

finden kann, weil er immer in den Schmutz stiert. Aber viel, viel

weicher ist er, als seine Spottsucht zugeben will und die wenigsten es

ahnen.«

»Vielleicht, weil er in Ihnen eine so gute Freundin gefunden hat. Und

nun gehen Sie zu ihm, Mädchen.«

Die erhitzten Wangen erblaßten ihr. Mit kleinen, scheuen Schritten

ging sie auf die ernstgewordene Frau zu, die sie in die Arme nahm.

»Ich habe einmal aus dem Munde eines ganz Großen gehört, der auch

nicht in den Gleisen althergebrachter Sitte lief: ›Ich habe das

Heilige angebetet in Gottes reichster Schöpfung. In der Liebe! Alle

reine Liebe ist eine Tugend, Kind. Und es steht kein Mensch so

niedrig, daß er sich ihrem Anruf entziehen könnte.‹«

Da ging sie und suchte Thomas Vanderwelt auf.

Er lag lesend auf dem Sofa, als sie zu ihm eintrat, und er behielt das

Buch in der Hand, als er erstaunt aufsprang und ihr entgegenging. Es

war still im Zimmer. Die Frauen spazierten in der Stadt.

»Soll ich mich durch Ihren Besuch geschmeichelt fühlen, Fräulein

Magdalene, oder das niederdrückende Bewußtsein auf mich nehmen, daß

es für ein junges Mädchen kein Wagnis bedeutet, mich in meiner Höhle

aufzusuchen?«

»Wenn ein ~Löwe~ in der Höhle steckt, mag es schon ein Wagnis

sein, Herr Vanderwelt.«

»Ich verstehe. Sie sind gekommen, um das festzustellen. Ich sah einmal

einen Löwen in einer Tierbude, der ließ sich an den Barthaaren zausen

und weinte.«

»Man hätte ihn aus der Tierbude herauslassen sollen, und die Zauser

hätten das Weinen gekriegt.«

»So hohen Ehrgeiz hatte der Löwe gar nicht. Er war zufrieden, daß er

gefüttert wurde und nicht in den Regen brauchte.«

»Dann hat der Löwe wohl Ehrgeiz und Ehre verwechselt, Herr Vanderwelt.

Das soll in der Gefangenschaft vorkommen.«

»Was wollen Sie?« fragte er mit einem ärgerlichen Stirnrunzeln.

»Frau Engel behauptet, ich sei Ihre Freundin,« sagte sie furchtlos.

»Es kommt gar nicht darauf an, ob Ihnen daran etwas gelegen ist oder

nicht. Wenn ich Freundschaft für Sie fühle, so muß ich es Ihnen

beweisen, auch wenn es Ihnen unangenehm ist. Ihre Gattin, Herr

Vanderwelt, und Ihre Frau Schwester scheinen zuweilen den Löwen in der

Höhle zu vergessen. Das ist nicht gut, Herr Vanderwelt. Für Sie nicht

und für die Knaben nicht.«

Er trat hastig auf sie zu. Auf seinen blassen Wangen tanzten Flecke.

»Wissen Sie etwas Neues? Etwas, was ich nicht weiß? Ausgezeichnet. Wir

werden Gegenminen legen und sie verblüffen.«

»Haben Sie nicht richtig zugehört?« fragte sie staunend. »Es ist kein

schön Geschäft, die Angeberin zu spielen, und ich möchte es nicht

wiederholen.«

Seine fahrigen Hände hielten inne. Er besann sich, wer sie war.

»Meine Jagdleidenschaft ging lieber andere Wege. Das dürfen Sie mir

glauben. Der röhrende Hirsch. Der wetzende Keiler. Und das Leben

dransetzen, ihn auf die Decke zu kriegen. Aber wir sind kleine Leute

und dürfen nur heimlich mit dem Frettchen auf die Karnickeljagd. Man

gewöhnt sich daran. Es kann eine Leidenschaft werden. Da treiben die

geschmeidigen Tierchen ihren verliebten Unfug in allen Hecken. Husch,

sind sie im Bau und lachen sich eins. Und Sie lassen das Frettchen

hineingleiten, und nun ist das Lachen an Ihnen, wenn die lieben

Tierchen mit gesträubtem Haar aus den Röhren herausgefahren kommen.

Ihnen in den Sack.«

»Herr Vanderwelt, hat Ihnen noch nie ein Mensch gesagt, daß die

Frettchenjäger und die Hundefänger ungefähr auf der gleichen Stufe

stehen?«

Ein Ruck ging durch seinen Körper. In seinen Augen blitzte es drohend

auf. Sie aber freute sich der Drohung.

»Sie sind eine Frau,« sagte er und mühte sich in die Gelassenheit

zurück. »Mit den Begriffen einer Frau soll man nicht rechten, und

wir wollen den Gesprächsstoff wechseln. Übrigens sind Sie eine sehr

hübsche Frau, oder Fräulein, wenn Sie das lieber hören. Schlank und

voll geschwungener Linie, wie die Wiener Rokokofiguren, die ich

besonders liebe. Mit der hellen Haut und dem hellen Haar der Frauen

von Geblüt. Ich meine, wenn Sie sich strecken, müssen Sie mir gerade

bis an den Mund gehen.«

»Loslassen. Oder ich schlage Sie ins Gesicht.«

Kornelius Vanderwelts Gefährtin · 第 22 / 26 段