Die Sonnenstrahlen liefen über ihre Stirn und flirrten über ihre

Augen. Es ist Tag, dachte sie wie aus einem Erwachen heraus, und es

war bei ihm und mit ihm kein Tag, der leer war. Bis die anderen ihr

Anrecht bewiesen haben, habe ich dein Erbe zu verwalten.

Beide Hände legte sie ihm um die Schläfen und starrte ihm in das

stillgewordene Kämpferantlitz. Immer näher kam ihm ihr zuckendes

Gesicht. Und dann preßte sich ihr heißer Mund auf seine kalten Lippen,

als könnten sie sie erwärmen, als könnten sie sie mit glühendem Leben

füllen, mit hinreißendem Lachen und dem Glücksjubel, den nur Kornelius

Vanderwelt gekannt hatte.

»Du! Du! Ich bin nur hiergeblieben, weil du noch hier sein mußt. Weil

das Tagewerk noch nicht zu Ende ist. Weil dein Name noch gesichert

werden muß in deinem Fleisch und Blut. Nicht meinetwegen, Kornelius,

nein, das weißt du besser. Ich bin nur dein ander Teil. Aber es wird

ausreichen, dein Tagewerk zu Ende zu führen. Das schwör' ich dir.«

Sie löste sich von seinen Lippen und stand in der Sonne des Morgens.

Einen gurgelnden Atemzug tat sie noch, und dann blickte sie mit weit

sich öffnenden Augen in den Tag und schritt hinein.

Mit Frauenhänden, die voll starker Liebe waren, wusch sie des Toten

Antlitz, Brust und Hände, strich sie ihm sorgsam das Haar, bettete sie

ihn in frische Kissen. So lange war ich wie sein Kind und mehr, dachte

sie. Nun ist er das meine -- und mehr.

Durch die geöffneten Fenster flutete die Frühsommersonne wie eine

Woge, und Kornelius Vanderwelt lag in der Woge mit lächelndem Mund.

Denn er wußte, daß es die Liebe war. --

Als Angela Freydag in Ergriffenheit das Arbeitszimmer betrat, fand

sie Thomas schlafend. Sie trat leise hinter ihn und betrachtete

ihn lange und gewahrte, was ihr früher nie so sehr zum Bewußtsein

gekommen war, daß er die Gestalt des Vaters hatte, etwas hagerer nur

vom unzweckmäßigen Leben, und denselben schmalen Schädel mit der

breitgelagerten Stirn. Sie preßte die Lippen, als die Bilder des

Vergleichs sich drängten. Wie eine Bitterkeit kam es über sie. Denn

der dort oben im ewigen Schlafe lag, schien ihr im Tode noch um ein

Vielfaches größer und stärker als der Namenserbe, der sich hier unten

zurückschlief in das Leben des Tages.

Sie rührte ihn an, und er erwachte.

»Nicht böse sein, Engel. Es warf mich hin. Das traurige Geschäft schon

erledigt? Ich weiß es wohl, an dem Punkte, an dem die Männer ermüden,

erwachen die Frauen. Nur daß es so wenig Frauen gibt wie Männer.«

»Es liegt in der Macht eines jeden einzelnen, es zu ändern, Thomas.

Und du hast nun ein einzelner zu werden.«

»Ich -- habe? Weshalb nennst du mich seit dieser Nacht ›Du‹, Engel?«

»Weshalb?« Ihre Stimme wurde so hart, daß er betroffen zu ihr

aufschaute. »Weil ich das Vertrauen in dich setze, Kornelius

Vanderwelts Nachfolger zu werden. Hüte es, Thomas.«

Über den Grund ihrer Augen sprang ein Blitz. Für Sekunden legte sie

die Hand darüber hin, als schmerze sie das Licht. Und mit ihrer ruhig

schwingenden Stimme sprach sie weiter.

»Geh jetzt, Thomas, und hole Juliane her und deine Frau und die beiden

Jungen. Präg' ihnen ein, sie sollten hier keinerlei Lärm erheben, denn

der Lebende hätte ihn nie in seinem Hause geduldet, und sein Wille

sollte heiliggehalten werden. Kommt gegen Mittag. Ich werde inzwischen

den Sarg bestellen, und am Abend wollen wir den Vater in aller Stille

in die Friedhofkapelle überführen.«

»In aller Stille, Engel? Soll auch die Beisetzung in aller Stille

erfolgen?«

»Ich möchte dich bitten, deiner Schwester gegenüber, wenn es sich als

nötig erweisen sollte, ein Machtwort zu sprechen. Dein Vater hat,

wie alle überragenden Naturen, für seine Größe Zahlungen leisten

müssen. Als er um Justus und Julianes wegen für den Bestand seines

Hauses kämpfen und sich beschränken mußte, wurde ihm seine frühere

Überlegenheit als Überheblichkeit und seine frühere Freigebigkeit als

Verschwendungssucht angerechnet. Das ist nun einmal der kaufmännische

Brauch, und er mag meisthin seine Berechtigung haben. Aber ich

fürchte, dein Vater würde aus dem Sarge hinaus sein unfeierlichstes

Lachen erschallen lassen, wenn er alle die Abwendigen als feierliches

Trauergeleit verspürte.«

»Ja, Engel,« sagte Thomas Vanderwelt, nahm ihre Hand und beugte sich

über sie. Und wie sie ihm durch die Fensterscheiben nachblickte, sah

sie, daß er aufrecht und gesammelten Blickes über die Straße schritt.

Als sie dem Mädchen eingeschärft hatte, keinem die Tür zu öffnen, wer

es auch sei, ging auch sie in die Stadt hinein und wählte die letzte

Behausung für den stillen Gefährten und ließ den eichenen Sarg in die

Wohnung schaffen. Bei der Rückkehr fand sie eine Gestalt im Garten

vor. Wie ein abenteuerliches Wesen stand die Vierschrötigkeit des

Matthes im schwarzen, altväterlichen Leibrock vor ihren Augen.

»Sie gestatten, Madam. Er war mein Freund. Schon aus unseren

Seemannstagen her. Auf keinen bin ich so verdammt stolz gewesen wie

auf den Kornelius. Sie gestatten deshalb, Madam.«

»~Was~ soll ich gestatten?« fragte Angela Freydag zurück.

»Daß ich ihn noch mal zu sehen kriegen darf. Nur auf so lang, daß ich

ihm ›Auf Wiedersehen‹ sagen kann. Nichts für ungut, Madam, aber er war

doch nun mal mein Freund.«

»Kommen Sie,« sagte Angela Freydag und schritt ihm in seltsamer

Erregtheit voran.

Der Mann stand vor dem Entschlafenen. Seine schweren Finger drehten

den Rand des Trauerhutes. Seine Kiefern bewegten sich, formten an

einem Wort, stießen es endlich heraus.

»Kornelius ... verdammt noch mal ... Kornelius -- --«

Die Augäpfel quollen ihm. Aber er hielt stand und ließ keinen Ton mehr

zwischen den Zähnen durch.

Es war ein Scharren und Schieben auf der Treppe. Die Leute brachten

den Sarg, und Angela Freydag ging hinaus und gebot ihnen, ihn vor dem

Sterbezimmer niederzustellen. Als sie in das Zimmer zurücktrat, fand

sie den Matthes unbeweglich vor dem Toten.

Für eine Sekunde suchte sie sein Auge. Und sie sah in dem Auge

des grobgearteten Menschen einen Schein aufleuchten, der wie ein

Abschiednehmen war von der Jugend. Auch diesem Rohen war er das

Erinnerungsbild aller Freude und Frohheit, dachte sie. Selbst diesem.

Der Dank wird dich freuen, Kornelius.

»Sie sollen mir helfen,« sagte sie, »Ihrem Freunde den letzten Dienst

zu erweisen. Wir wollen ihn zusammen in den Sarg legen.«

Der Mann wandte langsam den Kopf. Er glaubte, nicht recht verstanden

zu haben.

»Sprachen Sie zu mir, Madam?«

»Ich sprach zu Ihnen,« und sie wiederholte ihre Worte und wartete auf

seine Antwort.

Der Mann stellte seinen Trauerhut auf den Boden. Seine Hände zitterten

ein wenig.

»Das vergess' ich Ihnen nicht, Madam. Die Ehre nicht. Obwohl ich

glaub', der Kornelius Vanderwelt hätt' sich auch bei mir nicht

gescheut und keinen Unterschied gekannt. Ich steh' zu Ihren Diensten.«

Sie trugen gemeinsam den Sarg vom Vorflur ins Zimmer, und der Mann

sah bewundernd auf die Muskelkraft der Frau. Und Angela Freydag

breitete ein weiches Bett in die letzte Lagerstatt, die sie auf

eine teppichbehangene Bank gehoben hatten, und glättete mit den

Fingerspitzen wieder und wieder das Kissen. Dann streckte sie den

Körper und schritt ruhig auf den Toten zu, bettete ihn an ihr Herz

und trug ihn mit starken Armen, während der Helfer den Arm unter des

Freundes Knie hielt wie eine eiserne Stange.

Ausgestreckt lag Kornelius Vanderwelt in seinem letzten Bett und

lächelte sie an. Seine vergangene Jugend in dem Mann und seine

Ewigkeitsjugend in der Frau. Und Angela Freydag fühlte seinen Gruß.

Der Matthes hatte seinen Hut vom Fußboden aufgenommen und war mit

einem Kopfnicken hinausgegangen. Sie hörte, wie die Haustür hinter ihm

ins Schloß fiel. Und sie breitete eine Decke über die Füße des Toten,

trug einen Stuhl heran und setzte sich in stummer Zwiesprache zu ihm.

Kein Ohr vernahm sie.

So fand sie Thomas, der mit Juliane und Antonie und den beiden Knaben

um die Mittagszeit das Zimmer betrat.

Die Frauen trugen ihre Trauergewänder mit einer leidvollen Anmut.

Die feinmaschigen Schleier gaben den Gesichtern den Ton der Blässe,

doch schweiften unter dem Gewebe die Augen Julianens forschend umher,

während das Gefunkel in Antoniens Blicken von scheuem Schrecken

gedämpft wurde.

Angela Freydag schlug die Augen zu ihnen auf. Jetzt erst wurde sie

inne, daß sie ihr Alltagskleid noch nicht getauscht, daß sie die

äußeren Zeichen der Trauer noch nicht angelegt hatte. Sie erwiderte

die geflüsterte Begrüßung der Frauen durch ein Neigen des Kopfes und

streckte den beiden Knaben die Hände entgegen.

»Guten Morgen, Tante Engel,« sagten die Knaben leise und schmiegten

sich trostsuchend an sie.

»Ihr kommt, um euch vom Großvater zu verabschieden?« fragte sie still

und freundlich. Und sie nahm sie bei den Händen und führte sie an das

Kopfende des aufgebahrten Sarges. »Prägt euch sein Bild ein, Martin

und Nikolaus. Kein besserer, kein tapferer und ritterlicherer Mann hat

je gelebt.«

Die hochaufgeschossenen Jungen standen in ihren Schulanzügen mit

einem Trauerflor am Arm und zwangen sich zur Männlichkeit. Aber der

Aufruhr der Gefühle tat sich in den zuckenden Mundwinkeln kund, und

die Augenlider färbten sich feuerrot, feuchteten sich heiß und ließen

langsam schwere Tränen niedertropfen, die schimmernd auf des Toten

Händen haften blieben. Und durch Angela Freydags Seele zog die erste

wehmütige Freude.

Juliane trat heran und schob die Knaben zur Seite Sie warf den

Schleier zurück, hob die Arme und öffnete den Mund zu einem Schrei.

Angela Freydags Hände drückten die erhobenen Arme nieder, und der

Schrei erstarrte.

»Wir wollen seine Ruhe nicht mehr stören, Frau Juliane. Er hat sie um

uns alle verdient.«

»Sie wollen mein Unglück doch nicht zum Vorwand nehmen, mich für

seinen Tod mitverantwortlich zu machen.«

»Ich sprach wohl von uns allen. Es mag sich jeder seinen Teil

herauswählen.« Sie wandte sich um, und ihr Blick haftete auf der

scheuen Antonie. »Treten Sie näher, Frau Vanderwelt. Auch von Ihnen

nimmt der Tote seinen Abschied.«

Antonie Vanderwelt wehrte mit den Händen. Ihr Blick hatte den Toten

nur gestreift, er heftete sich mit dem Ausdruck unerklärlicher Furcht

auf die steinernen Züge der Frau, die sie an die Seite des Toten

befahl. Und von einem Weinkrampf geschüttelt, mußte sie von Thomas

Vanderwelt aus dem Zimmer geführt werden.

Angela Freydag deckte das Tuch über das Antlitz des Toten.

»Nun können wir gehen,« sagte sie. »Was noch zu besprechen ist,

besprechen wir am besten in einem anderen Raum.«

Im Arbeitszimmer trafen sie Thomas Vanderwelt und seine in Stößen

aufschluchzende Frau. Mit schmalgepreßten Lippen ging Juliane auf den

Bruder zu.

»Wir werden jetzt die Begräbnisanordnungen treffen, Thomas. Es

dürfte sich vielleicht empfehlen, daß ich bis zur Erledigung der

Hinterlassenschaftsgeschäfte im Hause wohnen bleibe.«

Mit blutrotem Kopf blickte der Bruder auf Angela Freydag, die wortlose

Zuhörerin war.

»Ich bitte, meine Schwester zu entschuldigen. Ich bitte sehr darum.

Der unerwartete Todesfall scheint sie um die Besinnung gebracht zu

haben. Die Hinterlassenschaft steht in dieser Stunde gar nicht zur

Besprechung. Und was die Anordnungen zum Begräbnis betrifft, so liegen

sie in Händen, denen wir nicht genug danken können.«

»Ich bitte, in allen Dingen befragt zu werden,« beharrte Juliane

scharf.

»Ich fürchte, liebe Schwester, daß nicht allzuviel zu befragen

übrigbleibt. Augenblicklich befindet sich noch der Herr im Haus, wenn

auch mit geschlossenen Augen.«

»So wollen wir den Wortlaut der Traueranzeigen festsetzen und die

Listen aller --«

»Es ist nicht im Sinne des Vaters,« unterbrach sie der Bruder.

»Die Anzeige in der Zeitung muß uns genügen. Ich habe sie bereits

aufgestellt und abgegeben, Juliane.«

Die Schwester fuhr zornig auf.

»Du hast dich gut beraten lassen, lieber Thomas. Das mag bei kleinen

Leuten von Nirgendwoher der Brauch sein, in unseren Kreisen hat man

sich an die vorgeschriebenen gesellschaftlichen Formen zu halten und

nur danach zu handeln.«

Thomas Vanderwelt trat dicht auf sie zu. Seine Lippen bebten vor Scham.

»Wir ~sind~ kleine Leute. Vergiß das nun nicht mehr und richte

dich danach ein.«

Julianes Augen liefen mit hungrigem Ausdruck vom einen zum anderen.

»Und Sie?« fragte sie die steinerne Zuhörerin schroff. »Was sagen Sie

dazu, da Sie doch nun mal unserer Beratung beiwohnen?«

»Ihr Bruder«, sagte Angela Freydag, »hat als Oberhaupt Ihrer Familie

vorläufig alle Bestimmungen zu treffen.«

»Oberhaupt! Er ist es ja nicht einmal in -- Nun ja. Vorläufig, haben

Sie gesagt. Vorläufig mag es dabei sein Bewenden haben.«

Angela Freydag blickte den Sohn Kornelius Vanderwelts an. Seine

zusammengesunkene Gestalt reckte sich ein wenig.

»Der Sarg wird heute abend in die Friedhofskapelle überführt. Die

Beisetzung findet übermorgen nachmittag statt. Wer irgendwelche

Wünsche und Fragen hat, möge sich voll Vertrauen an Frau Engel wenden.«

»Du meinst wohl an Fräulein Freydag, lieber Thomas.«

»Nach deinem Belieben, Juliane. Du wendest dich also an Fräulein

Freydag.«

Er trat auf Angela Freydag zu, beugte sich lange nieder und küßte ihr

die Hand.

»Auf Wiedersehen am Abend, Engel. Ich werde pünktlich zur Stelle sein.

Vielen Dank.« --

Gegen Abend fuhr der Totenwagen vor das Haus, lud seine Last ein und

fuhr von dannen. In einem geschlossenen Gefährt folgten ihm Angela

Freydag, Thomas Vanderwelt und die beiden Knaben. Vor dem Friedhofstor

harrten die Träger mit der Bahre. Hinter dem schwankenden Brette her

schritten die vier Menschen. Und sie blieben, als die Träger gegangen

waren, wohl noch eine Stunde in der Kapelle und kränzten den Sarg mit

einem Gewinde aus Immergrün und allen dunklen Rosen, die Kornelius

Vanderwelts Garten hervorgebracht hatte.

Der Beisetzungstag kam. Und wieder fuhren sie denselben Weg, und

Juliane und Antonie fuhren mit ihnen. Da die Schleier der beiden

Frauen nicht gedrückt werden durften, kauerten die beiden Knaben eng

aneinandergeschmiegt neben dem Fahrer.

»Es gleicht einer Bettelmannsbeerdigung,« tadelte Juliane heftig.

»Nun ja, wir brauchen uns wenigstens nicht vor einer großen

Teilnehmerschar zu schämen, denn in der Zeitungsanzeige war ja

wohlweislich die Stunde der Beerdigung weggelassen worden.«

Antonie Vanderwelt lehnte in der Ecke des Wagens, von den

Fenstervorhängen verborgen. Sie wünschte nicht, von ihren Freunden in

dieser Lage gesehen und beurteilt zu werden.

Angela Freydag entstieg als erste dem Wagen. Und es fiel Thomas

Vanderwelt, der ihr folgte, auf, wie hoch und voll ihre Gestalt

geworden war. Ihre Züge waren nicht zu erkennen. Dicht lag der

schwarze Schleier vor ihrem Gesicht.

War noch ein anderes Begräbnis für diese Stunde angesetzt? Der

Platz vor der Friedhofskapelle war gefüllt von Menschen. Spiegelnde

Seidenhüte mischten sich mit Schlapphüten und sonntäglichen

Schiffermützen. Es war ein Gewoge wie vor der Schifferbörse, wenn

Kornelius Vanderwelt mit jugendstarkem Schritt und hellen Augen die

Massen durchquert hatte, nur lautloser und ohne Kornelius Vanderwelts

anfeuernden Zuruf.

Und die Massen bildeten eine Gasse und ließen Angela Freydag

hindurchschreiten, wie sie einst Kornelius Vanderwelt hatten

hindurchschreiten lassen, und die Vanderwelt-Kinder und -Enkel gingen

vor ihr oder hinter ihr, sie wußte es nicht.

Sie wußte nur, daß diese Hunderte hier ~un~gerufen gekommen

waren, in Erinnerung an seinen Lebensübermut, in Ehrfurcht vor seinen

vollbrachten Werken, in Teilnahme an seinem Endkampf um Sein oder

Nichtsein des Hauses. Und eine Stimme in ihr sprach, und sie sprach

zu dem geliebten, schlummermüden Mann: »Kornelius, dies hier ist dein

Guthaben. In hunderten Gemütern. Nun ziehst du es ein, und was man

dir je auf die Schuldseite geschrieben haben sollte, es ist entlastet,

und das Guthaben bleibt und verzinst sich.«

Das aber machte sie über die Maßen froh und aufrecht in ihrem Schmerz,

daß er die Ungerufenen zu sich gezwungen hatte.

Die Träger hatten das Gestänge der Bahre ergriffen. In endlosen Zügen

folgten die Menschen zum Erbbegräbnis der Vanderwelts und umringten

es. Die Kinder und Enkel standen vor der offenen Gruft. Neben ihnen,

und doch wie auf einer Insel allein, die ehrfürchtig angestaunte

verschleierte Gestalt der Frau, die Kornelius Vanderwelts Leben aus

den Niederungen zu den einsamen Höhen begleitet hatte.

Und Angela Freydag sah trotz des schwarzen Schleiers alle, die

gekommen waren, und vergaß keinen. Sie hörte die Nachrufe der Werks-

und Handelsherren, der Börsenmitglieder und der Schiffergilde,

und das Niederrascheln ihrer Kranzgewinde. Sie sah die Herren der

›Erholung‹ unter ihrem Vorsitzenden und die Kumpanei aus den ›Fünf

Erdteilen‹ unter Führung des Matthes. Kapitäne und Partikuliers,

Rudersleute, Matrosen und Hafenangestellte. Und selbst die Bräute der

Matrosen gewahrte sie in achtungsvoller Entfernung, für die Kornelius

Vanderwelt so oft die Harmonika hatte spielen lassen. Es kam ihr gar

nicht in den Sinn, in die Gruft zu starren, die den Sarg aufgenommen

hatte. Sie mußte ja alle diese Dinge wissen, um sie ihm einst

berichten zu können. Das nur war es.

Und nun war es still.

Vom Friedhofstor tönte das Rollen der Wagen herüber, die die

Handelsherren und Werksleiter zu ihren täglichen Geschäften

entführten, von der Straße dröhnte noch der Schritt der abziehenden

Massen und verlor sich. Mit stolz geröteten, vom hindernden Schleier

längst befreiten Gesichtern gingen Juliane und Antonie ihren Kindern

voran zu dem harrenden Wagen, und nur Thomas Vanderwelt wartete auf

Angela Freydag, die noch einmal an die verlassene Gruft getreten war.

Sie hob den Schleier, und ihre Augen suchten irgend einen Punkt

irgendwo. Und nie vergaß Thomas Vanderwelt das hinreißende Lächeln,

das über ihr Antlitz zog.

Als sie ihren Abschied genommen hatte, ging er unhörbar fast auf sie

zu und bot ihr den Arm. Sie nahm ihn, und sie folgten den anderen und

fuhren mit ihnen in das vereinsamte Haus.

Die Knaben waren zu ihren Schularbeiten heimgeschickt worden. Die

Erwachsenen hatten ihre Anzüge geordnet, einen Imbiß genommen und sich

alsdann im Arbeitszimmer schweigend niedergelassen.

Das Schweigen wurde drückend, und Thomas Vanderwelt erhob verwirrt den

Kopf, als habe ihn jemand angerufen.

»Es bleibt nichts anderes übrig,« sagte er mit einem müden Seufzer,

»die letzten Willensäußerungen des Vaters müssen verlesen werden.« Und

er nahm den Schlüsselbund vom Schreibtisch und schloß die Tischlade

auf.

Sein Auge fiel auf den großen versiegelten Umschlag, der die

gesuchte Aufschrift trug. Seine Hände waren schwer und zitterten,

als er die Siegel vorzeigte und den Umschlag öffnete. Buchstaben

und Zahlen tanzten vor seinen Blicken. Es war Kornelius Vanderwelts

Rechnungsablage, die er in Händen hielt.

Und es ergab sich, daß das Vermögen verausgabt war, bis auf

weniges. Verausgabt für die Lebensführung der Kinder. Da standen

die Beträge, die Justus als seine Vermögensanteile vorweg erhalten

und in Abenteuern verschleudert hatte. Da standen die Beträge,

die Thomas hingegeben worden waren, um ihn und die Seinen über das

trübe Wasser zu halten. Da standen endlich die Beträge, die alle

anderen verschlangen, gezahlt für die Prahlsucht Julianens, für ihre

Wechselverbindlichkeiten, für die Ablösung ihres Sohnes und die

Abfindung der Beckenrieds. Was blieb, war das Eigentumsrecht an den

beiden verheuerten Frachtkähnen, an Einrichtungsgegenständen und ein

kaum nennenswerter Barbetrag.

Jeden Posten hatte Kornelius Vanderwelts sichere Hand gegen den

anderen verrechnet und die überschießenden Schulden der Tochter

wettgemacht durch die Übertragung der Frachtkähne und der noch

verbleibenden Einrichtungsgegenstände an den Sohn. Der Flügel,

Hans Deiters' Meisterbild, Noten und Bücher sollten Angela Freydag

ausgehändigt werden als ein kleines Zeichen des großen Dankes.

Die Verlesung war zu Ende. Mit fahrigen Händen suchte Thomas

Vanderwelt die Blätter zusammen. Sein Gesicht war weiß.

»Wir haben -- den Vater -- sehr enttäuscht,« murmelte er vor sich hin.

»Nein!« schrie Juliane auf. »Uns hat er enttäuscht! Uns! Uns!«

»Schweig stille, Juliane.«

»Weshalb soll ich stillschweigen? Weil ich in meiner Unwissenheit

Schulden gemacht habe? Jawohl! In meiner Unwissenheit! Wußte ich denn

anders, als daß der Vater ein großmächtiger Geschäftsmann sei und

Gelder über Gelder verdiene? Und daß er mich dem jungen Beckenried zur

Frau gab, weil er auch über die Beckenriedschen Vermögensverhältnisse

Bescheid wußte und sie glänzend für mich fand? Und jetzt? Das ist ja

alles nur ein Wahnsinn.«

»Wir werden alle arbeiten müssen, Schwester.«

»Ja, du! Als Inhaber der Firma! Wie hoch ist denn überhaupt die Firma

bewertet? Das steht nirgendwo geschrieben.«

»Deine Unwissenheit, Juliane«, sagte Thomas Vanderwelt, und der müde,

spöttische Ton wagte sich wieder hervor, »scheint sich nur auf solche

Dinge zu erstrecken, die dir Schaden verursachen. Aber der Gedanke an

die Bewertung der Firma braucht dir auch fernerhin den Schlaf nicht zu

rauben. Der Name steht nur noch auf dem Papier. Auf Einstampfpapier,

Juliane.«

»Was heißt das?«

»Es heißt, daß dein einstiger Gatte und dein einstiger Schwiegervater

nicht an Weichherzigkeit zugrunde gehen werden. Daß sie Geschäftsleute

und nichts als Geschäftsleute sind und den Abgang des unbequemen

Kornelius Vanderwelt von der Bühne dazu benutzt haben, ganze Arbeit zu

machen. Heute vormittag erhielt ich die Anzeige, daß der Mietvertrag

des Geschäftshauses für die Erben Vanderwelt nicht erneuert werde, daß

er vielmehr an die neugegründete Firma Beckenried Sohn übergegangen

sei, die sich auch die Kräfte der bisherigen Mitarbeiter gesichert

habe. Auf meine Mitarbeit wurde höflich Verzicht geleistet. Sie gilt

nun einmal nicht als Kräftezuwachs.«

»Thomas! Darum fehlten die Beckenrieds beim Leichenbegängnis.«

»Thomas ...« wimmerte Antonie Vanderwelt.

»Ich habe nicht das Geld,« erwiderte er ablehnend, »um das Geschäft an

anderer Stelle wieder flott zu machen. Ich werde mich als armseliger

Schreiber verdingen oder als Schiffer fahren müssen.«

»Und was -- was wird aus mir?« rief Juliane fassungslos.

»Du wirst so gut hungern müssen wie wir, liebe Schwester, wenn du ein

bißchen Arbeit nicht vorziehst.«

»Und wer -- wer wird unsere Wohnung bezahlen?«

»Leute, die kein Geld besitzen, werden die Wohnung aufs schnellste

räumen müssen.«

Antonie Vanderwelt wimmerte auf.

»Man wirft uns auf die Straße -- man wirft uns auf die Straße. In

welche Hände bin ich geraten!«

Mit halbgeschlossenen Augen, als wollten sie die anspringenden Bilder

von sich weisen, wandte sich Thomas Vanderwelt ab, und seine Kehle

schluckte mühsam den Ekel hinab. Und Angela Freydag sah, daß sie

alle versagten, die den Namen trugen, und keiner sich mühte, des

Vatersnamens würdig zu werden.

»Hören Sie mich an,« sagte sie, und ihre Stimme wollte nicht wärmer

werden. »Es ist ein furchtbarer Sturz, den Sie tun, und eine Probe

auf Ihre Lebensfähigkeit. Aber ich sehe einen Ausweg. Bleiben Sie

ruhig sitzen, Frau Juliane, ich bin erst beim Beginn und weiß nicht,

wie Ihnen das Ende bekommen wird. Und auch Ihnen, Frau Vanderwelt,

empfehle ich, auf jedes Wort achtzugeben. Es kommt darauf an, sich zu

sammeln und den Lebenskampf mit verkleinerten Mitteln aufzunehmen.

Mit stark verkleinerten Mitteln. Von ganz unten müssen wir nach oben.

Das hat ja auch der Vater gekonnt. Wenn wir uns und unsere Mittel

zusammentun und einer dem anderen unter die Achseln greift, muß es

gelingen.«

»Der Ausweg -- der Ausweg --« hastete Juliane.

»Ihre Wohnungen haben Sie nur durch den Zuschuß des Vaters halten

können,« fuhr Angela Freydag fort, als erstattete sie einen kühlen

Bericht. »Thomas hat zunächst als erwerbslos zu gelten. Der Verkauf

der Möbelstücke, die noch zurückgeblieben sind, dürfte die fünf

Personen Ihrer Familie vielleicht ein Jahr lang bei größter

Sparsamkeit über Wasser halten, wenn Sie keine Auslagen für die

Wohnung haben. Und diese Wohnung biete ich Ihnen.«

»Sie --? Uns --? Woher wollen Sie sie nehmen?«

Kornelius Vanderwelts Gefährtin · 第 21 / 26 段