Den Morgenkaffee tranken sie stehend vor der Küche, stritten, ob es

zum Mittag Linsen mit Wurst oder Wurst mit Linsen geben sollte, und

lagen ausgestreckt auf Sonnenseite, als der Kahn an Bonns Altem Zoll

vorüberzog, vorüber an der winkenden Godesburg und mitten hinein in

das Bannland der Sieben Berge.

Das Siebengebirge prangte im Grün des Maien und im Gold der

Maiensonne. Wie ein selig Beben liefen die Höhen dahin und verloren

sich im weiten Hügelmeer des weiten Westerwaldes. Und auf der linken

Rheinseite das geschwisterliche Stück des Bildes. Dem Drachenfels

des Siebengebirges gegenüber gelagert der Fels des Rolandsbogens, und

über vulkanisches Land hinweg Wellenlinie auf Wellenlinie der zu Stein

erstarrten Eifelmassen.

»Die Porta Rhenana,« sagte Kornelius Vanderwelt, als sie durch das Tor

der Schönheit fuhren, und er wies ihr hüben und drüben die verträumten

Städtlein, deren Antlitz in wechselndem Mienenspiel die schweigenden

Parks der weltflüchtigen und die singenden und klingenden Gaststätten

der Weltsuchenden aufblitzen ließ. Dann aber zog Strom und Kahn

zwischen den Inseln Nonnenwerth und Grafenwerth dahin, feierlich, als

wölbten sich die Baumkronen von rechts und links hoch über sie hin zum

gotischen Kirchendach.

Angela Freydag wandte den Kopf und suchte den Blick ihres verstummten

Begleiters. Der kam aus tiefen Augenhöhlen, und sie setzte sich mit

einem Rucke auf und griff nach seiner Hand.

»Was ist dir, Kornelius?«

»Es lief mir so über die Seele,« sagte er, »und es ist nichts als ein

Unsinn.«

»Was ist ein Unsinn?«

»Daß die uralte Natur alljährlich in den Frühling zurückkehren darf,

während ihr jüngstes Geschöpf, der Mensch, in den Herbst seines Lebens

hinein und nicht wieder hinausgeführt wird. Ach, du, Engel, alles

das noch eine Spanne, noch eine Spanne erleben können! Die Sehnsucht

steigert sich, und steigert sich doch nur in eine wilde Einsamkeit

hinein.«

»Ich bin bei dir, Kornelius,« sagte sie und nahm seinen Kopf an ihre

Brust.

Er hörte nicht hin und sprach in Erregung weiter.

»In eine wilde Einsamkeit, in eine Menschenverachtung hinein,

die kaum ein Lichtpünktlein mehr findet. Wir leben in einer

Menschenunverbundenheit dahin, kein Mensch kennt den anderen, und in

Wahrheit kümmert sich auch keiner um den anderen.«

»Ich bin bei dir, Kornelius,« erklang ihre Stimme.

Da hob er die Arme wie ein Ertrinkender und schlang sie ihr um den

Hals. -- --

Er schlief an ihrem Herzen, und sie bewachte seinen Schlaf und war

voll tiefer Freude, daß er ihr seine Schwäche gezeigt hatte. Denn ihr

Frauengefühl ertastete mit nachtwandlerischer Sicherheit, daß diese

Schwäche nichts anderes war als eine sich aufbäumende Lebenskraft, die

sich ihres Lebens eroberten Inhalt, den Wert zu leben, das Weib seines

Lebens und seiner Liebe zu sein, nicht nehmen lassen mochte durch eine

Herbstlaune des Schicksals, und doch es mußte.

Vor Koblenz, nahe der Einmündung der Mosel in den Rhein, gingen zur

Nacht die Anker nieder. Kornelius Vanderwelt schlug die Augen auf und

rührte sich nicht an ihrem Herzen.

»Ist dir wohl?« sprach sie und strich ihm wieder und wieder das Haar

aus der Stirn.

»Wie einem Kindlein an der Mutterbrust, Engel. So wohl. Ei, du, hatte

ich vorhin nicht einen Schwermutsanfall? Das werden doch nicht die

ersten Alterserscheinungen sein? Nein, nein, umgekehrt ist es, wie

ich es dir vordichtete: die Welt wird alt, und ihre Jahre rinnen

unablässig und unaufhaltsam. Wir aber bleiben Kinder trotz eines

Greisenalters, und rückschauend zerfließen die Jahre in nichts. Was

ist, das lebt, und wir beide sind, Engel.«

»Zuweilen meine ich, ich wäre gar nicht mehr, solange schon bin ich in

dir aufgegangen.«

»Sprich kein Wort mehr, oder ich verschling' dich. Herrgott, hab' ich

einen Hunger.«

»Und ich! Und ich!«

Und einer half dem anderen auf, und das Gleichgewicht suchend

schritten sie über das schräge Deck und gewannen die Küche und

bedrängten den Wilm, den Rudersmann und den Jungen.

In heller Morgensonne stampfte der Schleppzug an Boppard vorbei. Und

je weiter er sich vorwärts arbeitete gegen den Strom, umso reicher

öffneten und offenbarten sich die Bilder der Berge und Burgen, der

Städtchen, Kirchen, Klöster und Kapellen, die den Blick von der

Wirklichkeit abwenden und traumhaft hinübergleiten lassen in die

Flüchtlingsbezirke der Romantik.

Dicht aneinandergeschmiegt lagen die beiden Flüchtlinge aus

Wirklichkeitslanden auf dem Hinterdeck des Frachtkahnes und sprachen

nicht und ließen nur die Augen aufleuchten, wenn ein neuer Gruß von

den Ufern sie traf. Jetzt Sankt Goar, jetzt der niederstürzende

Fels der Lorelei, jetzt die wellenumschäumte Pfalz bei Caub, die

türmereichen Städtlein Oberwesel und Bacharach, Aßmannshausen mit dem

Dichter- und Künstlerheim, der ragenden Kronenwirtschaft, und durch

das brausende Binger Loch hindurch, links Rüdesheim, rechts, vom

Mäuseturm verkündet, Bingen, die uralte Stadt. Der Mond kam über Burg

Klopp hervor und erzählte flüsternd vom vierten Kaiser Heinrich, den

der eigene Sohn in den festen Mauern gefangenhielt, und von blutigen

Jahrtausendkämpfen, geführt um das lachende Land des Rheingaus. Der

Schleppzug lag vor Anker. Die beiden Menschen auf dem Hinterdeck des

letzten Kahnes hatten einer dem anderen den Arm unter den Nacken

geschoben und schliefen einen Kinderschlaf.

Als sie am nächsten Tage am goldenen Mainz vorüberfuhren, vorüber an

der Nibelungenstadt Worms, waren ihre Lippen ganz verstummt. Wie eine

unsagbar tiefe Dankbarkeit stieg es auf vom Grunde ihrer Seelen, und

das Gefühl ihrer Zusammengehörigkeit brauchte keine Worte mehr.

So erreichten sie Mannheim, den Bestimmungshafen, und gingen

schweigend an Land. -- -- --

Im Gebrause fuhr ein Schleppdampfer mit wenigen Leerkähnen als

Gefolgschaft zu Tal. Die Dämmerung sank über ihn hin und über die

beiden Menschen, die in die gespensternde Kielspur des letzten Kahnes

starrten. Ein silbriges Licht kämpfte sich hindurch und erfüllte die

Dämmerung mit Glanz und Leuchten. Der Mann reckte sich auf, als machte

er seine Schultern stark für neue Arbeitsbürden. Und die Frau erfaßte

fest seine Hand.

Ruhrort -- -- --

Hand in Hand gingen sie durch die Stille der Nacht in ihr Haus, wie

sie so oft gegangen waren. -- --

In den Tagen, die da folgten, sah Angela Freydag ihren Gefährten

nicht anders als in den späten Abendstunden. Das Urteil im

Scheidungsverfahren war gesprochen. Die Familien Vanderwelt und

Beckenried hatten sich für immer voneinander gelöst. Juliane behielt

den Sohn unter Verzichtleistung auf jeden geldlichen Anspruch an ein

Beckenriedsches Erbe. Die Lebenssorge für Tochter und Enkel war auf

Kornelius Vanderwelt übergegangen.

Kornelius Vanderwelt zog den Schlußstrich. Kein Mensch gewahrte eine

Unruhe an ihm. In diesen Tagen, die ihm die Verkleinerung seines

Geschäftsumfanges, die Belastung der gebliebenen Kräfte, den Verlust

seines Wohnhauses brachten, wuchs er so still und stark über sich

selbst empor, daß Angela Freydags Liebe mit ehrfürchtigen Augen ihm

folgte. Aber ihre Augen sahen auch, daß er stumm die Kräfte bis zum

letzten spannte, und es flackerte oft in ihnen auf wie wilder Brand.

In später Nacht saß sie und wartete. Sie wartete auf Kornelius

Vanderwelt, der noch nicht von der Wohnungssuche heimgekehrt war. Und

sie wußte, daß er sich als letztes die ›Fünf Erdteile‹ aufgespart

hatte, die Zimmer, die über der Gastwirtschaft lagen.

Wie sauer ihm der Gang sein wird, dachte sie finster, und sie hätte

aufspringen und zu ihm laufen mögen, um die Arme um seinen Hals zu

schlingen.

Sie schritt ans Fenster und horchte hinaus. Und von einer Unrast

getrieben, durchmaß sie das Zimmer hin und her.

Du bist stärker geworden, Angela, glitt es ihr durch den Sinn. Deine

Glieder schwellen an Kraft. Könntest du sie doch zum Lastentragen

gebrauchen, um seine überbürdeten Schultern zu erleichtern.

Und wieder war sie am Fenster. Das eiserne Tor hatte geklirrt.

Männerschritte kamen schlurfend durch den Garten.

Mit einem Sprunge war sie an der Haustür. Das elektrische Licht

blitzte auf unter ihrer suchenden Hand. Sie öffnete die Tür und sprach

leise hinaus.

Da stand die vierschrötige Gestalt des Matthes und an ihn gelehnt

die hohe, jetzt vornübergebeugte Gestalt Kornelius Vanderwelts.

Angela Freydag griff ohne zu zaudern zu. Von ihrem Arm umschlungen,

tat Kornelius Vanderwelt die letzten Schritte ins Haus, die wenigen

Schritte über die Diele in sein Arbeitszimmer.

»Tun Sie ihm nix,« sagte der Matthes grimmig. »Vom Trinken kommt dat

nich.«

»Gehen Sie.«

Kornelius Vanderwelt saß in einem Sessel, das totenbleiche Antlitz

hintenüber ins Polster gereckt, als suche er Luft. Mit fliegenden

Fingern befreite ihn Angela Freydag von dem Druck des Kragens.

»Sie tun schon besser, mich nich fortzuschicken,« knurrte der Matthes.

»Allein werden Sie nich fertig, Madam.«

»Ziehen Sie ihm die Stiefel aus. Vorsichtig. Und nun wollen wir ihn in

sein Schlafzimmer bringen. Stieren Sie mich nicht an. Ich habe Kräfte

genug, ihn allein zu tragen. Aber da Sie einmal da sind -- wir tragen

ihn im Sessel hinauf.«

Alle Sehnen spannte sie an. Die Zähne gruben sich ihr in die blutenden

Lippen, und es gelang. »Warten Sie unten auf mich.« Und als der

Matthes auf Zehenspitzen hinaus war, entkleidete sie den Erschöpften

und bettete ihn.

Wieder war sie unten, und der Matthes berichtete flüsternd: »Ich sah

et schon, wie er in die Wirtschaft trat und mich in et Nebenzimmer

rief. Fieberheiß. Un et Sprechen wurd' ihm nich nur schwer, weil

et seinen Stolz so verdammt mitnahm. Ich sollt' ihm die Gastzimmer

für eine Wohnung ausräumen, bis er Besseres hätt', un als wir mit

Handschlag abgeschlossen hatten, fiel er gegen die Wand. Ich hab' ihn

die paar Schritte hergebracht, damit et nich hieß, der Herr Kornelius

Vanderwelt wär' in der Wirtschaft liegen geblieben.«

»Ich danke Ihnen. Und nun holen Sie den Arzt.«

»Alte Kameradschaft, Madam, und den Arzt bring' ich sofort.«

Wieder huschte sie die Treppen hinauf, und der Erschöpfte öffnete die

Augen, als sie sich über ihn beugte.

»Hab' ich dir -- einen argen Schrecken -- eingeflößt, Engel?«

»Sprich jetzt nicht. Der Arzt wird gleich hier sein.«

»Der Arzt? Was soll denn der hier? Ich muß nur einmal ausschlafen.«

»Schlaf, Kornelius.«

Er schloß die Augen unter ihrer kühlen Hand. Aber der Atem kämpfte

schwer in der Brust. Und sie horchte auf den Atem und horchte hinaus

auf die Straße. Bis der Matthes mit dem Arzte kam und die Haustür

öffnete.

Sie ließ den Arzt in das Zimmer, und der Kranke redete aus seinen

Fieberträumen heraus. Der Name Engel kehrte immer wieder. In immer

neuen Bildern, in immer neuen Beteuerungen.

»Spricht er immer so viel?« fragte der Arzt und trat näher.

Der Kranke hob horchend den Kopf. Die fremde Stimme hatte ihn sofort

geweckt.

»Waren Sie noch nie verliebt, Doktor? Nie verliebt? Goethesche

Gedichte möchte man hersagen -- und sie fallen einem nicht ein. Ach

was! Sie wagen sich nicht hervor. Nicht hervor vor dem einen Namen.

Dem einen -- Namen ...!«

Der Arzt prüfte den Puls. Er behorchte das Herz und maß das Fieber.

Der Kranke lächelte über ihn hinweg seine Pflegerin an. Als wären sie

ganz allein.

»Sie müssen Ihre Kräfte schonen, Herr Vanderwelt,« gebot der

Arzt. »Was Ihnen not tut, ist Ruhe. Nichts als Ruhe, damit sich

die Erschöpfung der Nerven verliert. Das Fieber beruht auf einer

Erkältung, die Sie sich wohl durch eine Unachtsamkeit zugezogen haben.

Nehmen Sie heute und morgen ein Schlafmittel, und in zwei Tagen ist

alles überstanden.«

Er ging, und der Matthes war auch gegangen, und das Schlafmittel war

zurückgeblieben.

»Laß den Doktor -- nicht mehr -- zu mir herein, Engel. -- Du bist mein

Arzt -- meine Ruhe -- mein -- alles.« --

Sie bettete sein Haupt in die Kissen, aber er verlangte wortlos nach

ihrem Arm, und sie bettete sein Haupt in ihren Arm und wartete, bis

er vor Erschöpfung entschlummert war.

Am Morgen erst schlug er die Augen auf. Sie glänzten fiebrig wie in

der Nacht. Aber sein Bewußtsein war rege.

»Bist du nicht zu Bett gewesen, Engel?«

»Mein Kopf lag auf deinem Kissen, Kornelius. Wir schliefen beide fest.«

»Willst du mir zu trinken geben, Engel? Ich fühle mich viel wohler und

danke dir.«

Sie hatte den Tee schon bereitet und gab ihm zu trinken. Er wunderte

sich über nichts. Er lachte sie nur an.

»Wie schön das ist, müde zu sein und nichts zu spüren als dich. Ewig

möchte ich so müde sein, Engel.«

Im Laufe des Vormittags fuhr er auf und blickte verwundert umher.

»Ich war wieder eingeschlafen, Engel. Und auf einmal rüttelte mich die

Angst auf, ich hätte deine Anwesenheit verschlafen. Kannst du mir die

Stirn abtrocknen, Engel? Ich ertrinke.«

Sie trocknete ihm die Stirn und trocknete ihm die Brust. Und

unablässig sprach er.

»Wie kann das nur sein, Engel? Tausendmal hab' ich mir gesagt: tiefer

hinein und höher hinauf geht die Liebe nicht. Und nun mein' ich: erst

in dieser Stunde gehörtest du mir ganz.«

»Sollen wir einst sagen, Kornelius: vor zwanzig Jahren haben wir uns

über alles geliebt, während wir uns heute nur noch -- ›liebhaben‹?

Wir, Kornelius? Wir folgen einer anderen Bahn als die Herzschwachen.«

»Die Herzschwachen,« wiederholte er. »Weißt du noch, wie ich dich

meine Herzbrust taufte?«

»Ich weiß alles und jedes, Kornelius, und werde nie einen Laut

vergessen.«

Am Nachmittage wurde er unruhiger. Er hatte den Schritt des Arztes

gehört und wehrte ab.

»Mir zuliebe, Kornelius,« bat sie.

»Dir zuliebe. Dann mag er jede Stunde kommen.«

»Es bleibt nichts als die Ruhe,« sagte der Arzt, als er die

Untersuchung beendet hatte. »Er muß seine Kräfte aus dem Schlafe

zurückgewinnen.«

»Weiß das Kontor, daß ich unpäßlich bin, Engel?« fragte Kornelius

Vanderwelt, als der Arzt sich verabschiedet hatte. »Bitte, ruf den

Thomas an. Aber ich will mit dir allein bleiben.«

»Ich habe ihm dein Fernbleiben heute morgen schon gemeldet, Kornelius.

Und wir bleiben allein.«

»Dann ist alles gut.«

Er schloß die Augen. Aufs neue trug ihn die Erschöpfung in den

Dämmerzustand hinüber und hielt ihn zwischen Schlaf und Traum die

halbe Nacht hindurch. Angela Freydag saß an seinem Bette, den Blick

fest auf seine Züge gerichtet, jede Sekunde bereit, zu helfen, zu

lindern, Leib und Seele aufzurichten. So still war es, daß sich das

Ticken der Taschenuhr schmerzhaft in ihr Hirn bohrte.

Plötzlich lachte der Kranke gellend aus der Wirrnis der Träume auf.

»Hahaha! Ich sterbe? Wahrhaftig? Das Leben ist aus? Soviel Sorge um

die kurze Spanne? Ist das alles?«

Sie drückte hastig ihre Lippen auf seinen Mund, und er erwachte.

»Bin ich nicht tot, Engel? Ach, du, ich bäumte mich auf gegen den

Wahnsinn: zu leben, um sterben zu müssen.«

Sie strich über seine Augen, über seine Wangen.

»Für uns gibt es keinen Tod, Kornelius. Für uns gibt es nur ein

Beisammensein.«

Er griff nach ihren Gelenken und zog sich in den Kissen hinauf.

»Tod, Engel ... Du läßt mich nicht, und ich lasse dich nicht. Nicht

hier und nicht dort ...! Tod ... Denke dir, er käme und nähme den

einen oder den anderen hinweg. Und dann wäre ein sonnenschöner Tag,

oder ein Erfolg, ein Ruhm, und man möchte hinlaufen und ihn dem

anderen bringen und stutzt und erstarrt: Der andere -- der andere lebt

ja nicht mehr! Engel!«

Sie wiegte ihn an ihrer Brust und hörte sein Herz dahinjagen, als

hörte sie den Hufschlag hinjagender Pferde.

»Ich habe dich und ich halte dich und gebe dich nicht her, Kornelius.

Und jetzt sprich von allen deinen Fröhlichkeiten.«

»Von meinen Fröhlichkeiten ...« murmelte er. »Dann muß ich von dir

sprechen.«

»Erzähl' aus deiner Jugend, von deinen Meerfahrten, von schönen,

fremden Frauen.«

»Du nennst sie richtig, Engel. Schön waren sie, aber fremd. Du kennst

ihren Körper, wie du eine tickende Uhr kennst. Und sie tickt wirr in

die deine hinein und läuft vor oder nach, und du bringst sie nicht

mit der deinen auf den gleichen Schlag, weil dir das Uhrwerk fremd

geblieben ist und du den Wert nicht prüfen kannst. Nein, ich will

nicht schmähen. Es waren lustige Liebchen darunter, wie die Jugend

sie sich wünscht oder der Mannesübermut. Ja, du, der Mannesübermut.

Du hast ihn ja erfahren. Als er dich auf der Landstraße stellte. Sie

waren mir lieb, die schönen, fremden Frauen. Waren! Waren!« Seine

Erregtheit suchte nach einem wegwerfenden Wort. »Der Teufel hole sie.«

Und sie sprach in seine flackernden Augen hinein, um ihm das Lachen

und die Beruhigung zu bringen: »Hör', du, Kornelius -- mich auch?«

Und seine Erregung ging in ein wildes Lachen über.

»Du, Engel! Ach, du! Du willst mich beleidigen. Und wenn der Vater im

Himmel nach seinen Erzengeln riefe: ›Holt sie mir!‹ Vorspringen würd'

ich, die Erzengel bei den Flügeln packen und gegeneinander klatschen.«

»Recht so, recht so!« rief sie ihm zu, fröhlich, ihn fröhlich zu

sehen. »Daß der Kornelius sich im Himmel herumtreibt, ist eine

Selbstverständlichkeit!«

»Also gut denn, Engel. Wenn der Urian in der Hölle seinen Teufeln

zurufen sollte: ›Holt sie mir!‹ Vorspringen würd' ich, sie anschreien:

›Brennt mich zu Weißglut! Mich, mich! Aber noch ein Mal zu meiner

Wölfin! Noch ein Mal zu meinem Engel!‹« Seine Gedanken verwirrten

sich. Er rang nach dem Faden, der ihm entflattern wollte. »Noch ein

Mal -- ein -- ein Mal -- -- ~Engel~!«

Aus den Kissen hochgeworfen, den Brustkasten vorgereckt, preßte er den

letzten Atem mit wilder Macht in dies eine Wort.

Mit beiden Armen hielt sie ihn. Seine Hände griffen, haltsuchend, in

ihr Gewand. Ihre Brust drängte sich ihm entgegen.

»Kornelius! Kornelius! Ich dank' dir ...«

Seine Augen tranken sie in sich hinein. Und von einem jähen Blitz

gefällt, stürzte er an sie, in ihre Arme, an ihre Brust.

Starr stand sie über ihn gebeugt, ungläubig, daß ihr heißer Blick

nicht mehr imstande sein sollte, das Licht seiner Augen neu zu

entfachen. Und dann warf sie sich über ihn und küßte ihn, als müßte

der letzte Hauch seines Atems ihr Eigentum bleiben.

»Geliebter -- Geliebter -- -- Geliebter -- -- --!«

10

Mit übernächtigen Augen und wirrem Haar, wie er aus dem Schlafe

aufgefahren und in die Kleider gehastet war, stand Thomas Vanderwelt

vor Angela Freydag. Die erste, fahle Morgendämmerung war mit ihm ins

Haus gekommen.

»Sie haben mich angerufen, Frau Engel. Was ist mit dem Vater?«

Seine Stimme kämpfte mit der Atemnot, und seine Augen waren voll

Schrecken.

»Ihr Vater, Thomas -- Ihr Vater -- ist heimgegangen -- --«

Er packte sie bei den Armen. Als ob er sie wachrütteln, als ob er

selbst einen Halt suchen wollte. Sein Gesicht stand dicht vor dem

ihren.

»Was heißt das -- heimgegangen --?«

»In das Land seiner Vergangenheit -- in das Land seiner Vorfahren,

seiner Lieblingsträume. Thomas! Thomas! Er ist tot!«

Der Sohn fiel gegen ihre Schulter. Sie stemmte sich fest auf ihre Füße

und trug die Last. Und dachte: es ist Kornelius Vanderwelts Erbe, und

du mußt es in seinem Sinne zu wahren suchen.

»Tu die Augen auf, Thomas, du mußt deiner Herr werden. Kornelius

Vanderwelt hat einen Sohn hinterlassen, und das bist du.«

Ein Zittern durchlief seinen Körper. Wie ein krampfhaftes Weinen, das

alle Tore verschlossen findet.

»Und das bist du,« wiederholte Angela Freydag und mühte sich in eine

Ruhe hinein. »Laß den Vater nicht warten.«

»Ich?« fragte er zurück und wunderte sich nicht über das Du, das sie

ihm geboten hatte. »Ich? Ein sauberer Erbe, Engel. Ein verwahrloster

Abkömmling. Eine Drohne, wie alle seine Kinder, Engel, Drohnen, die

ihm die Blüten leersogen, bevor sie Frucht ansetzen konnten. Und ich

sein Erbe!«

»Es kommt nicht darauf an, Thomas, wie und was du warst, sondern ob du

ein Erbe sein wirst!«

»Nein, ich bin kein Erbe. Nein, ich bin kein Erbe,« wiederholte er in

gleichmäßigem Tone. »Ich war es einmal, als ich sein Kind war. Sein

geliebtes Kind, wie wir alle. Das ist lange her. Das ist so lange her,

wie ich Antoniens Mann wurde. Habe ich ›Mann‹ gesagt? Der Tote mög' es

mir verzeihen. Ihr Aushängeschild, ihr durchlöchertes, ausgehöhltes,

von meinem Spott überkleistertes. Und ich hatte doch auch den Namen

geerbt, den Namen Vanderwelt, und ließ ihn von Affen- und Narrenhänden

durchlöchern und aushöhlen. Ich, ich, der Erbe.«

»Wenn des Vaters Geist noch im Hause weilt,« sagte Angela Freydag

und schloß die Augen, um den aufquellenden Schmerz um ihren Toten zu

bändigen, »so wird ihm die Einkehr des Sohnes ein Trost im Ausgang

sein.«

»Einkehr? Halte ich Einkehr, Engel? Ich bringe Schmutztapfen ins Haus,

und in dieser Abschiedsstunde sehe ich sie mit einer Deutlichkeit, wie

ich sie noch nie gesehen habe. Das ist alles.«

»Nein, das ist der Anfang.«

»Es ist das Ende. Auch das Ende hat einen Anfang. Und der Anfang

liegt in den Schmutztapfen, die jetzt so sichtbar werden, weil der

Schatten des Vaters sie nicht mehr verdeckt.«

»Es soll wahr sein, Thomas,« sagte die Frau. »Des Vaters Licht

leuchtet nicht mehr und wirft auch keine verhüllenden Schatten

mehr. Nimm die Erbschaft an dieser Stelle auf. Laß sein Licht das

deine entzünden und zu einer Flamme anfachen, in deren Schatten das

Vergangene verdunkelt wird, abstirbt und vergeht. Und nun komm zu ihm.«

»Es ist ja alles zu spät,« murmelte Thomas Vanderwelt und folgte ihr

dennoch.

Droben aber, in Kornelius Vanderwelts Schlafgemach, warf er sich über

des Vaters Bett und umklammerte ihn mit Armen und Händen. Und als er

Angela Freydags schmerzstillende Hände über seinen Nacken gleiten

fühlte, wurden ihm die Pforten aufgetan und ein wildes Sohnesweinen

brach hervor, überstürzte die Dämme und gelangte in den ruhiger

fließenden Strom allen Geschehens.

Unten schlug die Glocke der Haustür an. Angela Freydag richtete den

stiller Schluchzenden auf.

»Es ist der Arzt, Thomas. Ich rief ihn an, als ich dich anrief. Vergiß

nicht, daß unser Schmerz uns allein gehört.«

Und sie ging hinab, öffnete und kehrte mit dem Arzt zurück.

Thomas Vanderwelt empfing ihn mit einer stummen Verneigung. Und der

Arzt trat ans Bett und neigte sich über den Toten. Als er sich wieder

erhob, blickten seine Augen ernst.

»Es war ein Herzschlag,« sagte er so leise, als fürchte er, die

Erhabenheit des Todes zu stören. »Eine Überspannung der Nerven. Ein

Übermaß von Kräften dagegen angesetzt. Das Herz mußte es zahlen.«

Mein Herz, hämmerte es hinter Angela Freydags Stirn, mein -- mein

Herz. Mit seinem Tode noch gab er es mir allein.

Sein Herz, schrie es in Thomas Vanderwelt auf. Er gab es mir, und ich

ließ es wegen eines Zunders verkommen.

Der Arzt drückte ihnen die Hand. Er ging zur Tür und fragte flüsternd,

wo er den Totenschein ausstellen dürfe. Und Angela Freydag geleitete

ihn die Treppe hinab und verharrte schweigend hinter seinem Stuhl,

während er an Kornelius Vanderwelts Schreibtisch saß und das Papier

ausfüllte.

Wieder betrat sie das Sterbegemach, und Thomas Vanderwelt saß am Bette

des Vaters und hielt mit seinen fiebrigen Händen die kalten umspannt.

Als sie seine Schulter berührte, sah er kaum auf.

»Du mußt mich jetzt eine Weile mit ihm allein lassen, Thomas. Es ist

Morgen geworden, und die anderen sollen ihn nur in der Verklärung

sehen.«

»Die anderen. Ach ja, da gibt es noch die anderen. Darf ich nicht

helfen, Engel?«

»Es ist Frauensache, Thomas. Und du wirst es verstehen.«

Er erhob sich schwerfällig, stand vor ihr und suchte in seinem Hirn

nach einem Wort.

»Es ist Sache der Liebe, Engel,« und er ging mit müden Schritten

hinaus, die Treppe hinab und in das Arbeitszimmer seines Vaters. Am

Schreibtisch saß er nieder, horchte eine Zeitlang ins Leere und ließ

den Kopf auf die Arme sinken, die kraftlos über der Tischplatte lagen.

Mit mühsam verhaltenem Atem hatte Angela Freydag den Schritten

gelauscht, die sich weiter und weiter entfernten und verhallten. Jetzt

wandte sie langsam den Kopf. Nach ihm. Ihre Füße bewegten sich. Ihre

Knie stießen an das Bett. Und sie ließ sich in die Knie sinken und

wühlte ihren Kopf in die Kissen, die sein Haupt trugen.

»Dank, Dank, Dank!« Und immer wieder dasselbe Wort, und kein anderes

wußte sie.

Wange an Wange lag sie mit ihm, und die Zeit rann dahin, und die

Sonnenstrahlen kamen und kränzten sie beide.

»Dank, Dank, Dank, Kornelius.« -- -- --

Kornelius Vanderwelts Gefährtin · 第 20 / 26 段