auf.«
»Im Düsseldorfer Theater werden die Klassiker gespielt, Großvater.
Dürfen wir einmal hin?«
»Ich schenke jedem von euch zwanzig Reichsmark. Dafür dürft ihr das
Theater besuchen, solang das Geld reicht. Wie ihr nach Düsseldorf
kommt und nach Ruhrort zurück, ist eure Sache.«
»Wir laufen zu Fuß, Großvater, und nachts kriechen wir auf einen
Ruhrorter Kahn, der eine Düsseldorfer Nacht macht, und kommen mit ihm
zu Tal. Alle Schiffer kennen uns.«
»So habe ich mir's gedacht,« sagte Kornelius Vanderwelt, zog ihre
Köpfe an seine Schläfen und schickte die Beglückten nach Hause. Er
blickte ihnen nach, als blickte er seiner Jugend nach.
In den Osterfeiertagen rührte er sich nicht aus dem Hause. Besucher
wurden abgewiesen, der Fernsprecher blieb abgestellt. »Erst wenn man
älter wird,« meinte er zu Angela Freydag, »liebt man in den Sonn-
und Festtagen die Ausruhetage. Als ich jung war, war mir der Sonntag
verhaßt, weil spornstreichs der Montag folgte. Der Montag mit dem
geängstigten Schülergewissen. Eigentlich fürchtet sich doch der Mensch
vor irgend etwas von der Geburt bis zum Tode. Das ist sehr kläglich.«
»Du sprichst doch nicht von dir, Kornelius? Es gibt Menschen, die kein
Alter besitzen. Sie sind da oder sie sind ~nicht~ da, und du
gehörst zu ihnen. Und wissen möcht' ich, wann dein Wildlingsblut sich
vor irgend etwas gefürchtet hätte.«
»Na, Engel, unangenehm war's mir doch, wenn der Lehrer sich vor der
ganzen Klasse mühte, mich über die Bank zu ziehen. Ich hatte nun mal
diese turnerischen Übungen nicht gern, und der Lehrer wußt' es und tat
es doch. Da mußte er mitturnen.«
»Das war eine Abneigung, Kornelius, aber keine Furcht. Im Gegenteil:
die Rauferei kam dir zuweilen gewiß nicht einmal ungelegen.«
»Wenn ich in den lateinischen Regeln nicht vorbereitet war oder in den
französischen unregelmäßigen Verben. Dann ging die Zeit flotter hin.«
»Siehst du? So sah ich dich vor mir. Aber gefürchtet hat sich weder
der kleine Kornelius noch der große.«
»Engel, du kannst einem den Übergang leicht machen. Ich habe verkaufen
müssen, Engel.«
Sie nahm seine Hand von der Stuhllehne und legte sie zwischen ihre
warmen Hände. Seine Hand war kalt, und er sollte es nicht wissen.
»Solange du ~mich~ nicht verkaufen mußt, Kornelius -- und tust
du es, wie ein Wolfshund bräch' ich aus und nähm deine Witterung auf
und suchte dich wieder, und wenn du dich am Ende der Welt versteckt
hieltest.«
»Gegen was sollte ich dich wohl verkaufen, Engel? Gegen meiner Seele
Seligkeit, wie es in den Märchenbüchern heißt? Ach, Engel, du bist
ja meiner Seele Seligkeit, und mein Verstand ist noch nicht aus den
Fugen. Ich habe dies Haus verkauft, in dem wir heute zum letzten Male
die bunten Ostereier auf den Schüsseln sehen, und da es lächerlich
wäre, in Hemdärmeln im Wagen zu sitzen oder in Frackhosen am Steuer zu
stehen, so habe ich auch den Wagen verkauft und auch die Jacht auf dem
Rhein, Engel.«
»Wann müssen wir unsere Siebensachen packen, Kornelius? Oder sind es
keine Siebensachen mehr?«
»Ich hoffe, der künstlerische Teil der Einrichtung bleibt uns
erhalten. Und wenn nicht, so bleibt mir doch das größte Kunstwerk
Gottes: Du. Darum: laß fahren nur dahin. Ich habe drei Monate Zeit,
um mir eine Wohnung zu suchen. Irgendwo wird sich schon ein stiller
Unterschlupf für uns finden. Eine Art Flüchtlingslager, Engel, von dem
aus wir den neuen Eroberungsmarsch vorbereiten.«
»Siehst du nun, daß du das Fürchten nicht kennst?«
»Vor wem sollte ich mich denn fürchten? Doch nicht vor dem lieben
Wettbewerb? Es ist keiner darunter, der über meine sechs Fuß mißt. Ich
bitte, meine Bescheidenheit zu beachten, mit der ich das reingeistige
Gebiet außer Betracht lasse.«
Da lachte sie, und ihre Augen blitzten ihn an.
»Seit ich dich traf, Kornelius, und ich weiß heute nicht mehr, wartete
ich auf der Landstraße auf dich oder kamst du dahergefahren, um mich
zu holen -- jedenfalls hast du seit jenen Tagen den Begriff der Furcht
von mir genommen. Überhaupt -- wir fürchten uns vielzuviel. Wir werden
wahllos in der Furcht erzogen vor dem Guten und vor dem Schlechten.
In der Furcht vor den Eltern. In der Furcht vor dem Herrn Lehrer. In
der gleichen Furcht vor dem lieben Gott und dem bösen Teufel. Und in
der ganz schrecklichen Furcht vor dem Polizeibeamten, und wenn er nur
auffordert, den Schnee zu schippen.«
Seine Hand klopfte die ihre. Beifällig, wie man ein kluges Kind
belohnt.
»Prachtvoll verstehst du es, unseren scharfkantigen
Gesprächsgegenstand in philosophische Watte zu wickeln, Engel. Laß gut
sein, Herzgeschöpf. Ob wir auch in warmer Weltweisheit ~baden~,
unter den kalten Kranen müssen wir zum Schluß doch zurück, und er
heißt: Verkauf.«
»Kornelius,« sagte Angela Freydag und entblößte hohnvoll die starken
Zähne, »glaubst du, die Wiederholung würde mich stärker erschüttern?
Oder möchtest du, daß wir doch noch das Gruseln lernten und uns
jammernd um den Hals fielen? Du willst mich auf die Probe stellen, ich
merk' es wohl, und ich frage mich nur: durch welches Vergehen habe ich
das verdient? Verkaufen? Wiedererobern wollen wir! Wiedererobern! Wir
wollen jung bleiben und nicht altern. ~Das~ ist der Wille.«
Kornelius Vanderwelt legte ihr den Arm um die Schulter. Eine Weile
saßen sie schweigend beieinander. Und dann sagte Kornelius Vanderwelt:
»Es ist wie bei einem Zahnradgestänge. So sicher setzt es ein. An dem
Punkte, an dem Männer ermüden, erwachen die Frauen.«
»Du bist ja so wach wie ich, Kornelius. Und unsere Wachheit wollen
wir benutzen, den Dingen in die Augen zu sehen. Zähl' auf, was du
verkaufen mußt oder verkaufen willst, und mit jedem ausgesprochenen
Wort sackt das aufgeblasene Gespenst in sich zusammen.«
»Dann wäre es schon einfacher, Engel, ich zählte auf, was ich nicht
verkaufen muß. Als Hauptbestand: zwei Frachtkähne, die ich vor Jahren
von windigen Schiffern übernehmen mußte. Sie sind von Fahrt zu Fahrt
vermietet. Verheuert, wie es in der Schiffersprache heißt. Wenn es mal
ganz schlecht geht, stellen wir beide uns ans Steuer und gehen selber
auf Fahrt.«
»Ja, Kornelius. Und was bleibt außer dem Hauptbestand?«
»Ich hätte es gar nicht ›Hauptbestand‹ nennen sollen. Aber das
Vanderweltsche Blut hat leicht etwas Großartiges, und wenn es sich um
Kohlenkähne handelt. Im Geiste sah ich uns schon an Bord schreiten
und die Hausflagge setzen und majestätisch von dannen gleiten bis zum
fernen Wunderland Orplid, wo man unsere Steinkohlen für pures Gold
gelten läßt.«
»Und Kornelius Vanderwelt für den Kaiser der Welt.«
»Und Angela Freydag für die Amazonenkönigin, zu der der Kaiser der
Welt spricht: Ich, dein geliebter Untertan.«
»Sprich nicht weiter,« murmelte sie. »Es ist zu schön.« Und sie wühlte
ihren Kopf in seine Achsel.
Kornelius Vanderwelts Hand liebkoste ihren schimmernden Scheitel. Und
während er fühlte, wie eine tiefe Wärme sein ganzes Wesen erfaßte und
erfüllte, dachte er: nicht ~zu~ schön, über ~alles~ schön
ist es, und so schön, daß man schon deshalb sein Hab und Gut verlieren
möchte, um dafür diese Trösterin zu gewinnen. Wenn es am herbsten
kommt, schlägt sie das Märchenbuch der Liebe auf und liest mitten
hinein ein Kapitel daraus vor. Mit jedem Verluste, der mich trifft,
werde ich reicher.
»Kornelius --?«
»Engel?«
»Wie heißt es doch in der Feldherrnsprache? Getrennt marschieren und
zusammen schlagen. Soll ich nicht wieder auf Konzertreise gehen und
auch für meinen Teil Geld, viel Geld zu verdienen suchen. Und --«
Sie kam nicht weiter. Seine Augen starrten sie wie entgeistert an.
»Ist es schon so weit? Steht es schon so erbarmungswürdig um mich, daß
ich die Frau auf den Hausierhandel schicken muß?«
Sie preßte ihre Lippen auf seinen Mund. So fest, daß er nicht
weitersprechen konnte.
»Nein, Kornelius, ich brauch' nicht wieder fort? Ich bin dir jetzt ja
noch viel nötiger. Denn wir werden allein hausen, und ich werde deine
Dienerin und du wirst mein Diener sein. Schau' dir nur meine Hände
an, auf die du mich immer so eitel gemacht hast. Jahre werden dazu
gehören, um sie wieder gelenkig zu machen und sie wieder zu schulen,
daß sie gleichzeitig gehorchen und Befehle erteilen können. Nein,
Kornelius, du mußt mich schon als Kugel am Bein mit dir schleppen.«
»Du,« grollte er, »das sind Scherze, die tödlich verlaufen können.«
»Wenn wir nur dabei der Liebe in die Augen sehen! Wer von den Narren
der Welt kann das sagen ...«
»Her mit deinen Augen! Her mit ihnen! Nein, mein Angela-Engel, mit
einer Trennung ist es vorbei.«
An diesem Tage sprachen sie nicht mehr von zeitlichen Geschäften.
Sie blieben eng beieinander, und wenn sie durch das Zimmer schreiten
mußten, berührte der eine den anderen heimlich mit der Hand.
Am zweiten Ostertage rief Kornelius Vanderwelt Angela Freydag an
seinen Schreibtisch.
»Daß ich es nicht vergesse, Engel. Das Gasthaus zu den ›Fünf
Erdteilen‹ ist dein Eigentum. Es war in der Zeit, als ich noch
glaubte, das Trinken könnte mich dein Fernsein vergessen machen. Aber
ich wollte nicht beim Matthes trinken, sondern nur auf des Engels
Grund und Boden. So querköpfig hat mich das Alleinsein gemacht. Und
als der Matthes Geld brauchte, kaufte ich ihm Haus und Grundstück ab
und ließ es im Grundbuch auf deinen Namen schreiben. Morgen wollen wir
aufs Amt und deine Unterschrift nachtragen.«
»Muß das sein, Kornelius?«
»Es ist bereits gewesen, Engel. Vor einem Dutzend Jahre, als du noch
in Amerika weiltest. Der Wert der Giftmischerbude ist nur ein rein
begrifflicher. Für uns beide, meine ich. Von dort aus holte ich dich
unter meinem Regenmantel im Triumphe ein. Ach, diese gottgesegnete
Regennacht! Freilich, wird die Eckschenke einmal zugunsten eines
Geschäftsgebäudes niedergelegt, so ist der günstig gelegene Platz sein
Vielfaches wert.«
»Ich brauche kein Geld, Kornelius, zum Klavierunterricht langt es auch
mit steifen Fingern noch.«
»Hältst du es für richtig, Engel, daß Kornelius Vanderwelts geliebte,
geliebteste Frau sich nach seinem Tode in fremden Häusern herumdrückt
und den Rangen die Nasen putzt? Dann können wir natürlich die Sache
fallen lassen.«
Sie stand an seinem Knie, reckte überlegen den Körper hoch und spannte
die Hände um die Hüften.
»Jetzt versucht es der große Räuberhauptmann, sein Opfer bei der Ehre
zu fassen. Ich habe zwar nicht die Großartigkeit des Vanderweltschen
Blutes, aber ich habe es ungezählte Jahre an meinem Herzen gefühlt und
bin dadurch für die übrige Welt in Grund und Boden verdorben. Für die
Kleinen und für die Großen in den fremden Häusern, du! Hörst du wohl?«
Und sie griff ihm mit beiden Händen in sein Haar. »Hörst du es wohl,
Kornelius? Auch ohne daß du den Tod heraufbeschwörst, tue ich, was du
von mir verlangst. Und wenn ich die Wirtin in den ›Fünf Erdteilen‹
spielen soll, so tue ich das auch für dich. Für dich. Und damit hört
es auf.«
»Ich spiele nicht mit dem Todesgedanken,« erwiderte ihr Kornelius
Vanderwelt. »Man bestellt sein Haus gegen Diebstahl, Brand und
Sterben, nur darf vom Sterben nicht gesprochen werden. Denn das ist
unzart und bringt das Gefühl des Hörers in Verlegenheiten. Zum Teufel
mit der falschen Rücksichtnahme. Der Überlebende muß wissen, wie er
aus den Verlegenheiten herauskommt, um im Geist mit dem Verstorbenen
vereint zu bleiben. Und wenn auch die ›Fünf Erdteile‹ in ihrer
augenblicklichen Verfassung nicht mehr als einen Erinnerungswert
darstellen, niedergelegt und mitsamt dem Wirtschaftshof für ein
hochherrschaftliches Kohlen- oder Eisenkontor freigelegt, und der
Kaufschilling trägt eine Rente, die wenigstens vor dem Verhungern und
dem Mitleid der Menschen schützt. Mehr verlange ich nicht.«
»Ach, großer Hexenmeister, ich bin dir ja schon zu Willen.«
Wie wenig Worte die beiden Menschen brauchten, um sich die veränderten
Lebensverhältnisse nahezubringen. Es war -- und war nicht anders.
Darum lag an der Würde der Anpassung mehr als an jedem Wort.
Die weiße Motorjacht war in den Besitz eines Düsseldorfer Sportsmannes
übergegangen und hatte bereits den Heimathafen gewechselt. Den Wagen
hatte ein Kölner Autohaus übernommen und nun auch schon abgeholt. Der
Fahrer Wilm stand vor seinem Herrn.
»Wilm,« sagte Kornelius Vanderwelt, »zuerst mal Ihre Hand. Keinem hab'
ich so vertraut wie Ihnen. Keiner war es so wert. Mit Ihnen stirbt
einmal ein ganzes Geschlecht aus. Das Geschlecht der Schweigenden. Und
dann besteht das Leben nur noch aus dem Allgemeinheitsbrei. Haben Sie
noch einen Wunsch, Wilm?«
»Jawohl, Herr Vanderwelt. Wieder bei Ihnen angestellt zu werden, wenn
der Wind beidreht.«
»Und bis dahin --?«
»Bis dahin möchte ich Ihre beiden Frachtkähne heuern, Herr Vanderwelt,
wenn's erschwinglich ist.«
»Haben Sie denn eine Schifferprüfung gemacht, Wilm? Man läßt nicht
einen jeden auf dem Rheine gondeln.«
»Schon vor zwanzig Jahren, Herr Vanderwelt. Mein Vater war
Partikülier. Sein Kahn liegt im Binger Loch. Es kann höchstenfalls
eine Nachprüfung verlangt werden. Die erledige ich im Schlaf.«
»Melden Sie sich morgen zur Nachprüfung. Die Kähne können Sie sofort
übernehmen. Glückauf!«
»Glückauf, Herr Vanderwelt. Und ich dank' auch für all Ihr Vertrauen.«
Und nun wurde auch der stille schöne Vanderweltsche Besitz in der
Rheinallee zugunsten des Bankhauses aufgelassen. Kornelius Vanderwelt
war in den Räumen, die die Marke seines Lebens trugen, nur noch
ein Geduldeter. Man hatte ihm die Wohnerlaubnis gelassen bis zur
Ermittlung einer anderen, seinen Wünschen entsprechenden Wohnung. Aber
er fühlte sich nicht mehr wohl in den Räumen, die einem fremden Herrn
unterstanden, und die Dienstboten waren bis auf ein Mädchen entlassen.
Weniger noch zog ihn das Geschäftskontor an. In zwei, drei Wochen
sollte an Gerichtsstelle die Scheidung der Ehe Klaus Beckenrieds von
Juliane, geborenen Vanderwelt, ausgesprochen werden. Mit diesem Tage
würden Vater und Sohn Beckenried endgültig das Geschäft verlassen.
»Wo bist du, Engel? Was tust du jetzt den ganzen Tag in der Küche?«
»Ich koche.«
»Ich hätt' es mir eigentlich denken können. Nicht etwa, weil man in
der Küche kein Klavier zu spielen pflegt, sondern weil sich unsere
Mahlzeiten überraschend verbessert haben. Dein tiefer Knicks soll mich
wohl ausspotten? Spotte du nur, aber koche so weiter.«
Es war ein Maientag voll Sonnengold und weicher, schmeichelnder
Wärme. Über die Wasser des Rheins lief ein Glitzern, als hätte eine
Frauenhand darüber hingestrichen und die Wasser erbebten vor ihrem
eigenen Glanz. Kornelius Vanderwelt kam vom Hafen herauf und trat zu
ungewohnter Stunde in sein Haus.
Er traf auf eine kräftige Frauengestalt im weißen Schürzenkleid,
das Haupt zum Schutz der Flechtenkrone mit einem weißen Handtuch
turbanartig umwunden. Auf einer Leiter stand sie in seinem
Arbeitszimmer und stäubte hurtig die Bilderrahmen.
»Laß dich zu mir nieder, Engel. Auf der Wolke, die dich umschwebt.
In vielerlei Gestalten erscheinst du dem Heimatsuchenden, wie Pallas
Athene dem vielgewanderten Odysseus. Spring mir an den Hals.«
»Die Leiter könnte brechen ...«
»Spring!«
Da sprang sie, und er fing die Atemlose auf.
»Was ist heute für ein Tag, Engel?«
»Ein Sonntag. Weil du so früh heimkommst, weil du so fröhlich bist und
weil die Sonne scheint.«
»Ein Sonntagskind ist nur der Mann allein, der ein gutes Weib besitzt.
Ich besitze viel mehr. Ich muß also schon eine Art Maiensonntagskind
sein. Und das wollen wir feiern.«
»Warte, ich streife nur Turban und Schürzenkleid ab und feiere mit.«
»Pack' deinen kleinen Koffer, Engel. Wir fahren nach Orplid.«
»Ich fahre mit, wohin du willst, und es sollte mich nicht wundern,
wenn der liebe Gott selber den Himmel aufhielt.«
»Er tut's, Engel. Wie ich ihn kenne, tut er's. Und ein Gesangverein
wird auch zur Stelle sein und ihn ansingen, so daß wir beide uns
mäuschenstill halten dürfen. Kannst du in einer Stunde reisefertig
sein?«
»In einer halben, in einer Viertelstunde! Ich bin immer reisefertig,
wenn's mit ~dir~ geht!«
»Keine Kurkonzertgewänder, Engel. Der Wilm spielt nur die Harmonika,
und wir tanzen auf den geteerten Planken. Pack' Wäsche, ein paar derbe
Kleiderröcke und dein Ölzeug ein. Wir machen auf dem Frachtkahn eine
Maienreise zum Oberrhein!«
Sie gurgelte einen Ton der Freude hervor und hing an seinem Hals.
»Kannst du denn abkommen in dieser Übergabezeit? Wird es dir nicht
schaden?«
»Eine Woche Ferien? Ferien mit dem Engel? Mit dem Engel auf dem
Rhein, Wasser unter sich, Himmel über sich, wandelnde Ufer um uns
her? Und wir auf dem Rücken liegend, alle viere streckend, nichts,
nichts als in Sonne blinzelnd? Das soll mir schaden, Engel? Und ob
ich abkommen kann? Wann werde ich in absehbarer Zeit abkommen können,
wenn die Beckenrieds mich erst verlassen haben? Denn wenn mir ihre
Philistergesichter auch auf den Tod verhaßt sind, verläßliche Arbeiter
waren sie jederzeit. Fort damit, fort, fort! Ferien, Engel, Ferien!
Ja, willst du denn wirklich zu Hause bleiben?«
Sie rüttelte und schüttelte ihn an den Schultern, ließ ihn los und
rannte die Treppen hinauf.
»Bleib unten,« rief sie über das Geländer zurück. »Ich packe deine
Handkoffer mit!«
Und die nüchternen Worte klangen durch das Haus wie eine Liedstrophe.
Jetzt klingelte es an der Haustür. Der Schiffsjunge erschien und
forderte die Gepäckstücke, die er sich an einem handbreiten Riemen um
den Hals hängte. Er trottete vorauf, und Kornelius Vanderwelt folgte
ihm mit Angela Freydag bis zum Hafendamm, wo sie ein Boot nahmen und
zu dem harrenden Schlepperzug übersetzten.
»Welcher Kahn ist der unsere, Kornelius?« fragte sie, und ihre Wangen
glühten wie Mädchenwangen.
»Der Schleppzug ist von mir zusammengestellt. Daraus folgt, du große
Rechenkünstlerin, daß der letzte Kahn der unsere ist und wir von
unserem Achterdeckplatz nichts als die schäumende Kielspur sehen. Wir
sind dort sozusagen ganz allein auf der Welt.«
Der Wilm empfing sie. Seine ausgestreckte Hand half ihnen an Bord. Er
trug die blaue Schiffermütze und hatte sich einen Silberring ins Ohr
gekniffen, um nicht als Neuling genommen zu werden. Sein Mund schwieg,
wie er immer geschwiegen hatte, aber seine Augen strahlten vor Freude,
als Hauswirt auftreten zu dürfen.
Die Kajüte war durch einen Wandschirm in zwei Hälften geteilt. Die
Lederbank links und rechts diente in der Nacht als Bettgestell. Der
Wilm schlief mit dem Mann, mit dem er das Ruder teilte, und dem Jungen
in den Hängematten des Matrosenverschlags. Aus der kleinen Küche quoll
der Duft von frischer Suppe.
Die Leute mußten an ihre Plätze zurück. Der Schleppdampfer gab mit der
Sirene ein Zeichen. Ein Zittern lief durch Rippen und Bohlen des tief
beladenen Kahns. Ein Seufzen und Abschiedsstöhnen, und nun gab der
Wilm das Ruder frei, die Stahltrossen zogen klirrend an, und der Kahn
folgte als letzter in der Reihe und schwenkte in den Strom.
»Leg' dich nieder, Engel. Platt hin auf die dicken Decken. Halt, erst
die alte Öljacke an. Eitelkeiten gibt's hier nicht, denn der Kaminruß
und der Kohlenstaub machen selbst aus der allerzartesten Prinzessin
hier eine Mulattin. Ach, Engel, es gibt auch sehr liebenswerte
Mulattinnen. Doch darüber später, wenn erst die Mütze auf dem Kopf
festgesteckt ist und dir der gerollte Mantel bequem im Nacken liegt.
Hat die Prinzessin noch weitere Wünsche?«
»Ich hätte schon noch einen ... Aber ich weiß nicht, ob er sehr
prinzessinnenhaft ist.«
»Vielleicht können wir uns einen Kuß geben, wenn wir uns die Pfeifen
anzünden, Engel.«
»Das ist wahr. Die Pfeifen stecken im Handkoffer. Ich werde sie holen.«
»Liegen bleiben! Nicht Hand und nicht Fuß rühren! Oder du kullerst
über Bord!«
Er ging mit dem wiegenden Schritt, der das Gleichgewicht sucht, über
das geschrägte Deck und tauchte in die Kajüte hinein. Wenige Minuten,
und er kehrte mit den in Brand gesetzten Pfeifen zurück und kniete
neben Angela hin. »Heb mal dein Mäulchen, Engel.« Und sie hob es ihm
entgegen. Und als er sich über sie beugte, um ihr die Pfeife zwischen
die Lippen zu schieben, blieb sein Mund auf ihren Lippen haften ...
»Es sind bald zwanzig Jahre, Engel, daß wir uns kennen,« überlegte er,
als er neben ihr auf der Decke hingestreckt lag und den blauen Rauch
gen Himmel blies. »Das wäre ja weiter nicht verwunderlich. Aber daß
uns auch heute noch jede List und Tücke recht ist, um uns um den Hals
zu fallen, das gibt zu denken.«
»Also denken wir nach, Kornelius,« sagte sie und blies wie er den
blauen Rauch gegen den Himmel.
Sie dachten nach und sprachen nicht, und nur die Hände, die sich auf
der Segeltuchdecke begegneten, hatten sich unermeßlich viel zu sagen.
Kaiserswerth mit der Burg Pippins -- Düsseldorf mit dem Turm der
heißblütigen Jakobe von Baden -- Zons mit Mauern und Warten und
mittelalterlichen Toren -- es zog vorbei, wie Wandelbilder sich
entrollen. Und wo eine Lücke war, wuchs ein hämmerndes, ratterndes,
feuerfauchendes Werk, wuchsen die himmelhohen Kamine wie ein
Mastenwald im Hafen.
Einmal erschien der Schiffsjunge und meldete, daß die Suppe fertig sei.
»Bring einen Napf voll her und zwei Teller. Halt, warte, ich werde
dich das erstemal begleiten und dir zeigen, wie man einen Napf trägt,
ohne mit dem Daumen hineinzufahren.«
Angela Freydags glückliches Lachen flog hinter ihm her.
Vor Köln machte der Schleppzug seine erste Nacht. Es war eine
Maiennacht, in der das Märchen mit der Sage einen Reigen schlang,
dicht über den Augen der Schauenden. Dort geisterte der Dom in
den sternenhellen Himmel und stach mit seinen Spitzen in die
Sternenkränze, daß es den Anschein erweckte, als glitten sie ihm wie
Heiligenscheine um die Helmzier. Dort wuchtete der gewaltige Sankt
Martin, und er sah eher wie ein Türke aus, denn wie ein Christ, denn
er hatte sich den halben Mond zur Leuchte an den Helm gesteckt. Dort
glitzerten die Kuppeln, Türme und Dachreiter der ungezählten Kirchen
und Kapellen, und der Rathausturm mischte sich darunter und begann
ein Gespräch über die alte und die neue Zeit und ihre Bürgermeister.
In den Straßen aber kicherten die Legenden und trieben sich mit den
Heinzelmännern gassenab zum Rhein, purzelten ins Wasser und wurden
pfeilschnell von den jungen Nixen bei den Ohren genommen, die auf den
Ankertauen turnten und Angela Freydags mondhelles Antlitz betrachteten.
Kornelius Vanderwelt lag auf Achterdeck neben ihr, die Ellbogen
aufgestützt und den Kopf in den Händen. So lag er wohl schon eine
Stunde und hatte des wunderbaren Städtebildes nicht acht vor dem
wunderbaren Menschenbilde.
Was mag es sein, das sie so schön macht? dachte er. Es gibt sicherlich
ebenso schöne Frauen und schönere, und doch gehst du achtlos an ihnen
vorüber. Und als ihre Brust im Atmen auf und nieder stieg, daß er
glaubte, den ruhigen und starken Schlag ihres Herzens zu hören, da
kannte er den Kern des Geheimnisses und des Rätsels tiefste Lösung:
es war die Ruhe und Kraft, die ihrer Schönheit den Glanz der Firnen
verlieh, und alle Ruhe und Kraft der Erde war ihr gegeben, weil sie
ihre Schönheit nur für einen trug.
In dieser Maiennacht erklangen in Kornelius Vanderwelts innerstem
Menschen Worte, die wie Worte eines Dankgebetes waren, während die
nächtliche Natur im Frühlingsrausche erzitterte.
Gegen Morgen erst, als mit dem ersten Licht die Kühle kam, gingen sie
in die Kajüte, und Kornelius Vanderwelt half ihr aufs schmale Lager
und versorgte sie nach Seemannsbrauch gegen Windzug und Feuchtigkeit,
bevor er sich auf das andere Lager warf. Aber nach Stunden schon waren
sie beide wieder wach, denn die Sirene des Schleppdampfers hatte zur
Obacht gerufen, die Kähne holten ihre Anker ein und der Rudersmann
packte das Steuerruder. Angela Freydag kniete auf ihrem Lager und
lugte durch die runden Kajütenfenster. Und Kornelius Vanderwelt stand
hinter ihr und hatte den Arm um ihren Leib gelegt, damit sie bei einer
jähen Wendung der in Fahrtlinie einbiegenden Frachtkähne nicht das
Gleichgewicht verliere. Und sie lehnte ihren Körper fest und sicher in
seinen Arm.