Immer weniger sprachen sie miteinander, wenn der Wagen sie in die

Wälder führte oder die Jacht sie in die nebelnden Fernen trug, die an

Leuchtkraft gewannen, je dunkler es auf der Wasserbahn wurde. Aber

immer enger lehnten sich ihre Schultern aneinander an, und jeder wußte

vom Wünschen und Begehren des anderen und offenbarte sich ihm in der

Stille.

Wenn der Rheinwind über das weiße Boot fauchte und dem Manne die

Flamme des Zündholzes ausschlug, nahm ihm die Frau lächelnd die kurze

Pfeife aus den Lippen, steckte sie zwischen die eigenen und brachte im

Kajütenschutz den Tabak zum Brennen. Und lächelnd sah sie zu, wie er

zu Ende rauchte.

»Das ist eine falsche Einteilung,« sagte er an einem Abend auf dem

Wasser. »Du hast die Anstrengung und ich den Genuß. Ich habe dir auch

ein Pfeiflein mitgebracht, Engel, damit dir ein gerechterer Anteil

wird.« Und von Stund' an rauchten sie ihre Pfeiflein gemeinsam, wenn

sie neben seinem Steuer stand, und sie gewöhnten sich an, es auch zu

Hause gemeinsam zu rauchen.

»Weißt du, wann du zuletzt die Tasten des Flügels angerührt hast,

Engel?« fragte Kornelius Vanderwelt nach einem schweren Arbeitstage.

Sie nickte vor sich hin, hob den Kopf und sah ihn an.

»Möchtest du, daß ich spiele?«

»Es war an dem Tage, an dem wir Justus begraben haben, Engel. Das ist

jetzt schon ein volles Jahr. Ich habe keine Note vergessen, die du

damals spieltest, und was du spieltest und wie du es spieltest. Das

kann nicht mehr überboten werden.«

»Deshalb, Kornelius, wollte ich den Nachklang nicht mehr stören.«

»Er klingt unablässig in mir,« sagte Kornelius Vanderwelt, »und bei

Tag und bei Nacht höre ich dich spielen, auch wenn du keine Taste mehr

anrührst. Gib mir einmal deine Hände.«

»Meine Finger sind steif geworden, Kornelius.«

Und sie ließ sie ihm, und er streichelte jeden einzelnen ihrer Finger

und legte seine Lippen darauf. Aber er bat sie nicht.

Wieder war ein Sommer zu Ende, und die Nebeltage der Adventszeit

drückten auf den Rhein und auf die Gemüter der Menschen. Kornelius

Vanderwelt hatte ein Bücherpaket geöffnet und machte sich mit

Angela Freydag daran, die Bände zu sichten und sie zum Vorlesen zu

ordnen. Mit still leuchtenden Augen waren sie bei ihrem Tun, als die

Haustürglocke anschlug und das Mädchen den Besuch der beiden Herren

Beckenried meldete.

»Schade, es versprach ein so anregender Abend zu werden. Nun wirst du

die Schätze zunächst einmal ohne mich durchstöbern müssen, Engel.«

Und er trug ihr die Bücher in das nebengelegene Musikzimmer, und sie

folgte ihm.

Als er in sein Arbeitszimmer zurückkehrte, ließ er die Türe

offenstehen. So konnte Angela hören, was ihm die beiden Herren

vorzutragen hatten, und er brauchte es nicht zu wiederholen und den

Abend noch weiter zu verkürzen.

»Lassen Sie die Herren bei mir eintreten,« gebot er dem Mädchen und

sah den Besuchern entgegen.

»Guten Abend, lieber Beckenried. Guten Abend, Klaus. Ein

Familienbesuch gehört mit zu den Seltenheiten in diesem Hause.«

»Wir hätten es gern bei den Seltenheiten belassen, Herr Vanderwelt,«

begann der Ältere, und seine Stimme klang heiser vor Erregung, »und

die Familienbeziehungen gestalten sich nachgerade zu einem -- zu einem

--«

»Klaus, du hilfst wohl deinem Vater.«

Der jüngere Beckenried zitterte vor Zorn.

»Diesen überlegenen Ton, diesen ganz unangebrachten überlegenen Ton

bitte ich in Zukunft zu unterlassen.«

»Ein Glück, daß du bittest, Klaus. In diesem Hause wird nämlich der

Ton nur von mir bestimmt. Aber die Herren scheinen erregt, und wir

wollen uns darum nicht noch aufpeitschen, sondern uns mit der Ruhe

gereifter Männer besprechen. Was also steht den Herren zu Diensten?«

»Zu Diensten?« eiferte der Alte und klopfte sich gegen die Stirn.

»Ja, das wollen wir von ~Ihnen~ erfahren, inwieweit Sie zu

Diensten zu stehen belieben. Was ich in Ihren Diensten ein Leben lang

erworben habe, fort ist es, in den Dreck geschmissen, verjubelt und

vergeudet. Mein guter Name schwimmt auf einer Pfütze. Und meine Frau

Schwiegertochter, diese -- diese --«

»Klaus, bist ~du~ mit Juliane verheiratet oder dein Vater?«

Der Jüngere ließ ihn kaum zu Ende reden. Seine Hände öffneten und

spreizten sich.

»Frag' doch erst einmal an, was deine Tochter getan hat? Mit was

sie allem ihrem bisherigen Tun die Krone aufgesetzt hat? Frag' doch

erst einmal an, bevor du für das unzurechnungsfähige Geschöpf Partei

ergreifst!«

»Ich ergreife durchaus nicht Partei. Wenn meine Tochter sich als

unzurechnungsfähig erweist, so ist mir das gewiß ein bitteres

Vaterleid. Aber ich wiederhole, wie schon so oft: sie steht als deine

Frau nicht unter meiner, sondern unter deiner Obhut.«

»Obhut!« rief der Alte mit einem gellenden Lachen. »Obhut! Über eine

Irrsinnige, wie?«

»Ist das auch die Ansicht des Ehegatten?« fragte Kornelius Vanderwelt

hart.

»Ja, ja, und sooft du willst, ja!« schrie ihm der Jüngere ins Gesicht.

»Eine Größenwahnsinnige, die keinen Schritt hinter den Allerreichsten

zurückbleiben will. O nein, die in allen Mode- und Narrenfragen die

Führung haben muß, als liege das Geld zum Stehlen auf der Straße.

Das Geld, das gute Geld. Das von mir und das vom Vater. Wo ist es

geblieben? In die Luft geblasen hat es die Närrin!«

»Wenn sie eine Närrin ist,« sagte Kornelius Vanderwelt, »so überführe

sie in eine Anstalt. Wenn sie dir aber über den Kopf gewachsen ist und

du bist nicht Mannes genug, ihr den Meister zu zeigen, so reiche die

Scheidung ein. Anderes vermag ich dir nicht zu raten.«

»Der Herr Vanderwelt scheint zu glauben, es handelte sich um eine

Schneiderrechnung?« höhnte der Alte und hielt sich am Tischrand.

»Es handelt sich um ein Vermögen, das wir überhaupt nicht besitzen! Um

mehr! Um mehr!«

»Nenne mir die Summe.«

»Hunderttausend Mark, Herr Vanderwelt! Hunderttausend Mark, wenn das

reicht!«

Als hätte die Ziffer eine schweigende Scheu hervorgerufen, so still

wurde es im Zimmer.

»Hier muß ein Irrtum vorliegen,« sagte Kornelius Vanderwelt endlich.

»Solche Summe schießt man einer Frau Juliane Beckenried nicht vor.«

»Wer spricht von einem Vorschuß? Bei Hinz und Kunz stand sie auf Borg,

und um die lästigen Gläubiger los zu werden, hat sie an der Börse

gespielt! Mit jedem ungewaschenen Lehrling und jedem überspannten

Nähmädel hat sie sich in eine Reihe gestellt, um Geld im Schlafe zu

verdienen. Nur, daß Frau Juliane Beckenried, geborene Vanderwelt, auf

ihren Namen hin größere Summen wagen durfte. Und dann ist die Karte an

einem schwarzen Börsentage falsch herumgeschlagen, und die Bank drängt

auf die Regelung der Verbindlichkeiten. Das ist der Zusammenbruch.«

»Hunderttausend Mark,« wimmerte der Alte. »Ein Elendleben umsonst

gelebt. Dieser Vampir -- --«

»Nicht mehr sehen will ich sie!« stöhnte der Jüngere auf. »Aber das

Geld will ich retten.«

Kornelius Vanderwelt kämpfte einen kurzen Kampf. »Wo sind die Belege?«

fragte er.

»Hier, hier, hier!« und der jüngere Beckenried schlug die Papiere

heftig auf den Tisch.

Kornelius Vanderwelt nahm sie auf und las sie aufmerksam durch. Eine

feine Röte kreiste auf seinen Wangen.

»Die Abrechnungen stimmen,« sagte er so leise, als spräche er mit

sich selbst. »Zwar wird es der Bank nicht möglich sein, die Zahlungen

zu erzwingen, da sie ohne Befragen des Ehegatten gehandelt hat --«

»Klug wie ein Fuchs! Und die geschäftliche Stellung der Beckenrieds?

Natürlich ist das ein Pappenstiel!«

»Ich habe nicht mit ~dir~ gesprochen, sondern mit ~mir~,

Klaus Beckenried. Und ich gestatte mir, weiter mit mir zu sprechen.

Die Bank weiß sehr wohl, daß sie verschwiegen und zuvorkommend sein

muß, wenn sie schadlos befriedigt sein will. Hunderttausend Mark

schüttet in dieser schweren Geschäftszeit kein Mensch aus dem Ärmel.«

»Wer soll sie denn befriedigen? Wer, wer, mein Gott?«

»Ich,« sagte Kornelius Vanderwelt.

»Sie --?«

»Ich werde für die Befriedigung der Bank sorgen, in dem Augenblick,

in dem Sie, Herr Klaus Beckenried -- Sie gestatten, daß ich das

irreführende Du unterlasse -- in keiner Weise mehr als mein

Schwiegersohn zu gelten wünschen. Dann.«

»Soll das heißen: wenn ich die Scheidung von Ihrer Tochter Juliane

vollzogen habe --?«

»Von meiner Tochter Juliane und von meinem Enkel Martin. Das soll es

heißen.«

»Der Junge kommt hier überhaupt nicht in Betracht. Er steht ganz

außerhalb unserer Verhandlungen.«

»Sie dürfen es sich überlegen, ob Sie die Verhandlungen scheitern

lassen wollen.«

»Scheitern? Scheitern? Kein Mensch spricht davon. Aber ich frage Sie,

was wollen Sie um Himmels willen mit dem Jungen?«

Kornelius Vanderwelt blickte über die ratlosen Männer hinweg in eine

nebelhafte Ferne, die aufleuchtete, je stärker die Dunkelheit um ihn

her wurde.

»Ich weiß es nicht,« sagte er leise. »Ich weiß nur, daß es auch nicht

einen vertraulichen Berührungspunkt zwischen uns mehr geben soll. Sie

haben rücksichtslos genug gegen mich gekämpft. Nicht erst seit heute.

Nehmen Sie an, der Geschäftsmann in mir regte sich und wollte bezahlt

sein. Mit dem Jungen. Mir ist er ähnlich, und er hat mein Blut. Er

soll nicht gegen den Namen Vanderwelt eingenommen werden.«

»Herr Vanderwelt --!«

»Es eilt mir nicht. Sie dürfen es sich in Ruhe überlegen. Ich stehe in

jedem Punkte bei meinem Wort.«

Der alte Beckenried näherte sich ihm flüsternd.

»Wissen Sie denn, daß Ihr Bankguthaben diese Belastung gar nicht mehr

verträgt?«

»Lassen Sie das meine Sorge sein, Beckenried. Aber damit Sie in dieser

Nacht ruhiger schlafen können, als Sie es noch vor einer Stunde

geglaubt haben, will ich Ihnen verraten, daß ich mein Haus zum Pfand

setze mit allem, was darinnen ist.«

»Herr Vanderwelt!« stammelte der Alte erschrocken.

»Herr Vanderwelt!« stammelte der Sohn und trat staunend einen Schritt

zurück. »Das ist -- das ist Güte, statt Haß.«

»Werden Sie nicht weichlich. Güte! Güte kann unter Umständen ein

schlimmeres Ding als Rache sein. Aber das verstehen Sie wohl nicht.«

»Sie wollen mich mit Ihrer Güte zur Verzweiflung treiben,« murmelte

der Sohn. »Mir wächst die Unterhaltung über den Kopf. Ich sehe nicht

mehr, was das Rechte und was das Falsche ist. Als Kaufmann muß ich den

klaren Blick bewahren.«

»Den Martin,« gebot Kornelius Vanderwelt. »Er gilt Ihnen nicht genug,

denn Sie haben sich nicht auf der Stelle entscheiden können. Die

Antwort können Sie auf morgen verschieben.«

»Sie sollen sie morgen wissen.«

»Ich glaube nunmehr, meine Herren, daß wir uns zur Sache nichts mehr

zu sagen haben. Gehen Sie getröstet heim und bereiten Sie für morgen

alle Urkunden vor. Guten Abend.«

Vater und Sohn Beckenried verbeugten sich stumm und schritten zur

Tür. Noch einmal wandte sich Klaus Beckenried auf der Zimmerschwelle

um, und sein verwirrter Blick traf in das lächelnde Auge des

Nachschauenden.

»Es war einmal ein begeisterungsvoller Jüngling, Klaus Beckenried,

der von der Liebe bis zum Tode schwärmte. Es war in diesem Zimmer,

und seine Jugend machte ihn zum Dichter. Suchen Sie ihn, bis Sie ihn

wiederfinden, und wenn Sie ein alter Mann darüber werden sollten. Gute

Nacht.«

Die Türe schloß sich.

Er dachte: Es ist gut, daß ich den ganzen Schmutz der Angela nicht

noch einmal zu wiederholen brauche. Und er rief: »Komm nur herein,

Engel. Ich bin ganz allein.«

Ein paar Atemzüge lang stand sie in der Verbindungstür. Ihre Augen

flogen über ihn hin. Wie hager im Kampf sein Gesicht geworden war, wie

grau seine Schläfe. Und wie hell und leuchtend seine Augen geblieben

waren.

Sie warf sich an seine Brust und drückte den Kopf gegen sein Herz.

»Ja, Engel, es wird nun alles ein bißchen anders werden. Der Riemen

schnallt sich enger um den Leib.«

Sie schüttelte mit einer wilden Bewegung den Kopf. Ihre Augen

funkelten ihn an.

»Nie habe ich dich so geliebt. Nie, nie. Die Zwerge glaubten dich auf

dem Boden zu haben. Auf ihrem platten Boden. Wegen eines Sackes Geld.

Ach du! Ach, wie hast du sie gedemütigt. Wie hast du den Zaun zwischen

dir und ihrer Angst und Gier aufgerichtet. Wie ein Riese recktest du

dich auf, und ich wollte zu dir, an deinen Hals, und schreien: ›Ich

gehöre zu ihm! Ich! Ich! Ich!‹«

»Mach' mich nicht stolz. Der eine des Namens hat seinen Körper, die

andere das Geld, wieder der andere seine Seele vergeudet. Was bleibt

von Kornelius Vanderwelt und seinem Werk?«

»Eine Seele«, sagte sie hastig, »ist so unermeßlich und unergründlich,

daß kein Mensch sie vergeuden kann. Deine Seele wird noch die Augen

aufschlagen, wenn wir längst nicht mehr sind. Aus hellen Augen wird

sie um sich schauen, aus Augen, die so leuchtend und kühn sind wie die

deinen. Nie, nie habe ich dich so sehr geliebt ...«

Kornelius Vanderwelt strich ihr das Haar aus der Stirn.

»Es wird allmählich Nacht, Engel, und wir werden schlafen gehen

müssen. Aber wenn ich vorhin dich bat: ›Mach' mich nicht stolz,‹ so

möchte ich diese Worte widerrufen. Doch, Engel, doch, mach' mich immer

noch stolzer. Bald habe ich nichts mehr auf der Welt als diesen Stolz.

Auf dich, Engel, auf dich. Und er reicht aus, um mein ganzes Leben

aufzuwiegen.«

Sie aber streichelte unaufhörlich sein hager gewordenes Gesicht, seine

grau gewordenen Schläfen. -- --

9

Es hatte in diesen Tagen Frau Ausdemwerth, die Mutter Antonies, das

Zeitliche gesegnet. Die fröhliche Frau, die in Julianes Kinderzeit

den überwältigenden Ausspruch getan hatte, es gäbe nur einen Mann in

Ruhrort, und die anderen seien Kohlentrimmer. Ihr Nachlaß bestand

aus der Wohnungseinrichtung, denn ihr einst reiches Vermögen hatte

die Geldentwertung der Nachkriegszeit verschlungen; doch ehe Thomas

und Antonie Vanderwelt daran denken konnten, sich in den herrenlos

gewordenen Zimmern auszudehnen, war Juliane, ihren Sohn Martin an der

Hand, als Heimatlose erschienen, um sich fürerst in Frau Ausdemwerths

Räumen einzunisten.

»Ich lege dir meine Bewunderung zu Füßen,« gestand ihr der Bruder

Thomas. »Du beutest nicht nur die Lebenden aus, du weißt sogar aus den

Toten noch Vorteile zu ziehen. Geh ein in Frieden.«

Antonie Vanderwelt empfing die Schwägerin und Jugendfreundin mit dem

ganzen Gefühlsüberschwang, der den Frauen gelockerter Art gemeinsam

ist.

»Ach Liebste, Ärmste, bist du dem tobsüchtigen Menschen endlich

entgangen? Gott verzeih' ihm seine Schlechtigkeit, ich bringe es nicht

zuwege. Der wäre imstande gewesen und hätte dich verhungern lassen.«

»Wie ich aussehe, Antonie! Als wäre ich aus dem vorletzten Jahre

übriggeblieben.«

»Nun,« ermutigte die Freundin und drehte sie an den Armen prüfend im

Kreis, »vielleicht aus dem letzten Pariser Jahre. Für Ruhrort und

Umgebung bist du noch ein gutes Jahr vor.«

»Gottlob!« seufzte Juliane auf. »Dieser rasende Klaus hat mich ja so

gut wie mittellos gemacht.«

»Aber er hat dir den Martin gelassen! Geschehen denn noch Wunder?«

»Er kann das Vanderweltsche Blut nicht mehr ertragen, sagt er. Und

der Martin? Sieh dir den Jungen an! Ist er nicht Zug für Zug der

Großvater, der Großvater Kornelius Vanderwelt, von dem deine Mutter

einmal sagte -- o mein Gott, Antonie, ich habe dir noch gar nicht

meinen Schmerz zu ihrem frühen Heimgang ausdrücken können und tu' es

hiermit von Herzen.«

»Innigen Dank, Juliane. Wir sind alle sterblich, und wer weiß, wann

~wir~ an der Reihe sind.«

»Wir haben noch große Pflichten an unseren Söhnen zu erfüllen,

Antonie, vergiß das bitte nicht.«

»Ja, der kleine Nikolaus, Juliane. Es geht ihm wie deinem Martin: Zug

um Zug der Großvater. Und klein sind die schlanken Bengel auch nicht

mehr. Die Mädchen schauen sich schon nach ihnen um.«

Thomas Vanderwelt lag im Streckstuhl und freute sich über die Maßen an

der Tiefe und Gründlichkeit der Unterhaltung.

»Könntest du dich nicht ein wenig zusammennehmen, Thomas? So kurz nach

Mamas Tode!«

»Ich freute mich nur so herzlich, weil ~ich~ noch nicht

gestorben bin und Zeuge eures furchtbaren Schmerzes sein darf. Wie

muß er erst losbrechen, wenn er dem liebsten Gatten gilt! Verzeih,

Herzensschwester, es sollte keine Unzartheit gegen deinen Klaus

bedeuten, als ich von der Gattenliebe sprach. Aber wenn erst einmal

das Bettzeug geteilt ist, habe ich mir sagen lassen, ist auch der

Schmerz geteilt und die Freude umso größer.«

»In solchen und ähnlichen unziemlichen Redensarten gefällt sich dein

Herr Bruder, solange ich seine Frau bin.«

»Meine Frau,« wiederholte Thomas Vanderwelt und verbeugte sich aus

seinem Stuhle heraus.

»Ich finde auch,« entrüstete sich Juliane, »daß er unartig genug

gegen wehrlose Frauen ist. Wir wollen in mein Zimmer gehen, damit wir

ungestört und unter uns sind.«

Thomas Vanderwelt lachte belustigt in sich hinein.

»Fünf Minuten befindet sie sich in einem fremden Hause, und schon

geht sie ›in ihr Zimmer‹ und lädt dahin ein. Sollte es bei jungen

Vanderwelts noch lustiger werden können als bisher? Doppelt lustig?«

Juliane aber war klug genug, sich zurückzuhalten, solange das

Auseinandersetzungsverfahren mit ihrem Gatten schwebte. Nur so

erhoffte sie die Hilfe ihres Vaters. Und die beiden Frauen waren mehr

miteinander zusammen, als es Thomas hätte lieb sein können, wäre er

nicht Thomas gewesen.

»Ich bin gespannt,« murmelte er, »ich bin äußerst gespannt. Eine

Mitspielerin mehr ändert jedes Bild und jede Berechnung. Über

Langweiligkeit brauche ich mich nicht zu beklagen.«

Die Scheidungsangelegenheit wurde seitens des Hauses Beckenried mit

Nachdruck betrieben, und da keine der beiden Parteien Schwierigkeiten

machte, durch Entgegenkommen zur schnelleren Lösung beizutragen, so

schritt das Verfahren rasch dem Ende zu. Juliane zählte die Tage. Zur

Frühjahrsmodenschau wollte sie wieder zu den Mitwirkenden rechnen.

Häufiger als sonst erschienen in dieser Zeit die Enkel bei Kornelius

Vanderwelt. Es war, als ob sie es fühlten, daß dem Großvater Gewalt

angetan wurde, und darüber hinaus, als ob sich ihre Jungengemüter von

dem Verdachte reinigen wollten, selbstsüchtige Teilnehmer zu sein.

Das las Kornelius Vanderwelt hinter ihren heißen Stirnen, als sie

nach wenigen Tagen zum zweiten Male vor ihm erschienen und ihm ihre

Aufsatzhefte vorlegten. Die Note ›Sehr gut‹ kehrte in den Heften

beider mit lückenloser Regelmäßigkeit wieder.

Kornelius Vanderwelt griff in die Westentasche und holte ein paar

silberne Markstücke hervor. Die Jungen gewahrten es mit purpurroten

Köpfen.

»Darum haben wir es nicht getan, Großvater,« versicherten sie

erschrocken. »Wir hatten nur gedacht, es machte dir Freude.«

»Heule ich denn vielleicht, ihr blinden Hessen?«

»Wir sind ja gar keine Hessen, wir sind Rheinfranken, Großvater!«

»Wer sagt euch das? Auch Wikinger haben hier gesessen, aus Norwegen

und von den dänischen Inseln. Echtes Germanenblut, Jungens. Und so

sorgt, daß ihr über die Rheinfranken hinaus Deutsche werdet.«

»Das sind wir doch schon, Großvater?« fragten die Jungen verwundert.

»Man hat es euch vorgeredet,« sagte Kornelius Vanderwelt. »Das wahre

Deutschland ist immer noch nicht aufzufinden. Seit eine Geschichte

besteht, wird es gesucht. Und wenn man so nahe herangekommen ist,

daß man es greifen könnte, stellt hurtig einer dem anderen ein Bein,

daß er in den Dreck hinschlägt, und der andere reißt den einen am

Rockzipfel schleunigst mit in die Pfütze.«

»Weshalb sind sie denn so töricht, Großvater, wenn sie wissen, sie

müssen mit hinein?«

»›+Propter invidiam!+‹ sagten schon die römischen Eroberer

von den Deutschen. Aus gemeinem Neid. Aus Neid auf die Größe des

Nachbarn ließen sie eher die Römer das Land erobern, als sich dem

Nachbar als dem Führer zu unterstellen. Baute in den Städten ein

Bürger einen hohen Giebel, so trieb ein Dutzend andere der fressende

Neid, noch viel höhere zu bauen, und wenn ihr Haus schmal war wie ein

Schwindsüchtiger. Und bringt es in deutschen Landen ein Mann zu Ehren,

so ruht die Scheelsucht nicht, bis ein Trüpplein zusammengebracht

ist, das mit Stricken und Stangen loszieht. +Propter invidiam+,

ihr jungen Lateiner, vergeßt es nicht. Und geht dem deutschen Erbübel

zu Leibe und bei euch selber zuerst. Eher bringen wir es nicht zu

einem großen und stolzen Volk, als bis die Bausteine die Ecksteine

gelten lassen und nicht jeder Neidhund ihn besudelt, weil er just

nicht derselbe Eckstein geworden ist. Und was vom einzelnen gilt, gilt

von der Vielheit, gilt vom deutschen Volk. +Propter invidiam.+

Erwürgt den Drachen der deutschen Zwietracht, Jungens, wenn ihr

Deutsche werden wollt!«

»Und -- Dichter und Künstler möchten wir werden. Dürfen wir das?«

Kornelius Vanderwelt lachte, und seine Hand warf ihnen das dichte Haar

durcheinander.

»Ich möcht's euch schon gönnen, Jungens. Aber dazu heißt's lernen

und mitten im Leben stehen, den Bauernburschen begreifen und den

Fürstensohn, das windige Mädchen und die große Frau, den Toren wie

den Weisen. Alles Menschliche erfassen und doch abseits genug gehen,

um vom allzu Menschlichen nicht erdrückt zu werden. Nicht aus Furcht

vor dem Neid. Der findet euch, und wenn ihr beide auf zwei einsamen

Spitzen des Himalaja säßet. Nur ihr selber sollt dem Neide nie

Raum geben, denn der Neider und der Ehrabschneider hocken wie zwei

Giftblüten in dem gleichen Gezweig.«

Als die Osterferien anbrachen, klingelten die Knaben am

großväterlichen Haus, bevor sie ihre Schulzeugnisse daheim vorgezeigt

hatten. Angela Freydag öffnete ihnen. »Versetzt?« fragte sie. Und als

die Knaben nur hastig nickten, weil ihnen die Kinderfreude den Atem

verschlug, breitete sie schnell die Arme aus und nahm die Beglückten

an ihr warmes Herz.

»Geht zum Großvater hinein. Er kann viel Freude vertragen. Und keiner

hat sie verdient wie er.«

Kornelius Vanderwelt war jetzt viel zu Hause. Die wenigen laufenden

Geschäfte zu erledigen, hielt nicht schwer, und an den Wiederaufbau

wollte er erst herangehen, wenn die Abrechnungen mit den Beckenrieds

vollzogen und die Herren ausgeschieden wären. Die Anspannung seiner

ganzen Willenskraft gehörte dazu, den Anblick der wehleidigen

Geldanbeter zu ertragen, und seine vollblütige Natur litt stärker, als

er selber es wußte, in den Geschäftsstunden, in denen er den Vortrag

des älteren Beckenried entgegenzunehmen hatte.

Er wandte sich um, als Angela Freydag die Knaben ins Zimmer ließ. Die

heißen Augen unter den graugewordenen Brauen funkelten sie an. Diese

Augen waren der Enkel Erschauern und Stolz.

»Untertertianer, Großvater,« meldeten sie und standen stramm.

»Ihr macht wohl Witze? Quintaner, meint ihr! Also dann Quartaner! Ihr

tut's nicht anders? Ihr bleibt dabei? Untertertianer? Mein Gott, seid

ihr über Nacht eine Handbreit gewachsen oder beginne ich in die Grube

zu sinken?«

»Wir sind gewachsen, Großvater. Du sinkst noch lange nicht.«

»Nein, solange ihr wachst, kann ich nicht sinken. Enkel und Großvater

in eins bilden erst das geheimnisvolle Ganze. Die eigenen Kinder

stehen einem zeitlich zu nahe und bilden nur die Übergangsform.«

Er setzte sich in seinen Arbeitsstuhl und ließ die Beförderten

antreten. Rechts und links seiner Knie hielt er einen Jungen im Arm,

und seine Augen wanderten prüfend von einem zum anderen.

»Sag' mal deine Zeugnisnoten her, Martin.«

»Deutsch, Geschichte, Erdkunde sehr gut, fremde Sprachen gut,

Mathematik mangelhaft.«

»Und du, Nikolaus.«

»Deutsch, Geschichte, Erdkunde sehr gut, fremde Sprachen gut,

Mathematik mangelhaft.«

»Schreibt ihr voneinander ab?«

»Nur in der Mathematik, Großvater.«

»Null plus Null gibt wiederum Null. Also würde ich's lassen und die

Zeit nutzbringender anwenden. Euer Lehrer kann wohl selber keine

Mathematik?«

»Er kann ~schon~, Großvater, aber er kann nicht begreifen, daß

wir nicht geradesoviel können.«

Kornelius Vanderwelt lachte behaglich über sie hin.

»Freut euch, Jungens, denn wenn ihr geradesoviel könntet, würde er das

wieder für unbegreiflich halten.«

So fand sie Angela Freydag. Die Jungen dicht an die Knie des Alternden

gedrängt, und unter den drei Augenpaaren Kornelius Vanderwelts

Augenpaar das leuchtendste.

»Komm her, Engel, und sag' mir, ohne nach der Jacke zu schielen: wer

ist der Martin und wer ist der Nikolaus?«

»Ich will ihnen lieber allen beiden einen Kuß geben, weil sie die

Enkel Kornelius Vanderwelts sind. Und nichts weiter.«

»Engel, kann ein Großvater nicht sein eigener Enkel sein? Ich möcht'

es meinen.«

Und sie küßte sein geliebtes Gesicht mit den Augen.

Kornelius Vanderwelts Gefährtin · 第 18 / 26 段