doch so beredt, wie nur Angela Freydags Hände waren. Und er besann
sich auf Zeit und Raum und gewann seine Ruhe zurück.
»Die Ärzte hatten noch ihr traurig Handwerk auszuführen, um Herkunft
und Beschaffenheit der Wunden festzustellen. Bis zur Freigabe der
Leiche hatte ich überflüssige Zeit. Ich tat, was man bei solchen
Todesfällen zu tun pflegt. Ich suchte Justus letzte Wohnung in Köln
auf, wies mich als Vater aus und packte seine paar Habseligkeiten.
Einige Schulden blieben noch zu zahlen, und ich zahlte sie. Sein
mütterliches Vermögen war wohl bei seinen Abenteuern draufgegangen.
Und dann las ich seine Briefschaften, die aus allen Frauenschichten
stammten und in Anbetungen vergingen, und verbrannte sie. Mit der
Asche war alles verloschen, was Justus Vanderwelts Leben hieß.«
Er hob den Kopf von Angela Freydags Brust und setzte sich aufrecht.
Sie sprach noch immer nicht.
»Nun habe ich dir die Nachtruhe geraubt, Engel, aber ich wußte
mir keinen anderen Rat. Vielleicht glückt es dir, noch einmal
einzuschlafen, vielleicht glückt es auch mir jetzt. Es tut wohl, an
deinem Bette zu sitzen, Engel.«
»Bleib,« bat sie, und ihre Hände umklammerten die seinen.
»Ich bleibe gern noch, Engel, aber du mußt schlafen.«
»Sieh,« sagte sie, und aus ihren Händen strömte es wie warme Wellen in
die seinen über, »es liegt für dich so nahe, dir Gedanken zu machen,
ob deine Erziehungsart die rechte gewesen sei. Und du hast sie dir
schon gemacht, und das hat dich zu mir getrieben. Es wäre für mich
nicht nötig gewesen, ein Jahr lang während der Entwicklungszeit deiner
Kinder die stille Zeugin gewesen zu sein. Ich kenne dich ja wie kein
anderer Mensch in dem selbsterworbenen und gefestigten Reichtum deiner
Wesensart. Deine Kinder brauchten nur zuzulangen, um überreich zu
werden, aber sie wählten sich aus dem Dargebotenen nur das heraus, was
ihrer eigenen Wesensart entsprach. Und davon wollte ich sprechen.«
Er hatte sich mit geschlossenen Augen im Stuhle zurückgelehnt. Nur
über sein Gesicht zuckte es zuweilen hin, wenn ein Wort von ihr ihn
tiefer aufhorchen machte.
»Ja, Kornelius, davon besonders wollte ich sprechen. Denn ich kann
es aus Erfahrung. Eine Erziehung kann gut oder schlecht sein, auf
die Wesensart des Kindes kommt es an, wie sie wirkt und wohin sie
sich auswirkt. Ein schlechter Vater kann an einem gut gearteten
Kinde nicht mehr verderben, als daß er ihm die Kindheit verdirbt.
Und der beste Vater wird seinen Kindern nicht mehr geben können
als eine glückliche Kinderzeit, wenn sie weniger gut geartete oder
eigenwillige Persönlichkeiten sind. Daß der Mensch das Ergebnis seiner
Erziehung wäre -- ach, Kornelius, das ist die bequemste Lüge der
Oberflächlichkeit. Die Erziehung kann ihm das Sprungbrett für seine
Persönlichkeit werden, aber springen muß er selbst, das will heißen,
Kornelius, daß ein jeder zu seiner Erziehung das Beste aus sich selbst
hinzufügen muß, oder es bleibt beim schönen Schein. Wenige Kinder
haben so sehr alle Möglichkeiten gehabt wie die deinen. Längst ist
die Reihe an ihnen, und du und kein Vater kann etwas anderes tun, als
den besorgten Zuschauer spielen. Sieh, Kornelius, das war es, was ich
wahrheitsgemäß einmal aussprechen mußte.«
»Wie gut es sich dir zuhört, Engel --«
»Ich war selber ein Kind, Kornelius, das über wüste Wege mußte und
doch zum Glück kam.«
»Zu einem heimlichen, Engel, und ich beließ es dabei.«
»Nein, ~ich~ beließ es dabei. Sollte ich dich wegen einer bloßen
Form in Widerstreit zu deinen erwachsenen Kindern bringen, die schon
selber Kinder in die Schule schicken? Ja, lächle nur, Kornelius, es
ist so. Und heimlich? sagst du. Mein Glück wäre ein heimliches? Sieh
dir all das Glück an, das sich offen zeigt, und dann vergleiche es mit
dem meinen. Mit dem unsrigen, Kornelius. Das unsrige hat gelernt, daß
Liebe ein Hauch ist, den man behüten muß.«
Er öffnete die Augen und blickte sie mit tiefer Innigkeit an.
»Bei dir -- ach, bei dir ist gut ruhen ...«
Sie saß aufrecht in ihrem weißen Nachtkleid, warf das Haar in den
Nacken und strich ihm die Augen zu. Ihr zärtlicher Atem wehte über ihn
hin. Wie wohl das alles tat -- wie wohl -- --
Er nahm sich vor, diese Stunde auszugenießen, keine Minute dieser
Stunde aus seinem Gedächtnis zu verlieren, -- und war entschlummert.
Ruhig und gleichmäßig gingen seine Atemzüge.
Auf bloßen Füßen stand sie neben seinem Stuhle, bettete sie seinen
Kopf in ihr warmes Kissen, seine Füße in eine wollene Decke, drehte
sie geräuschlos das Licht aus. Und aus ihrem Bette heraus horchte sie
noch lange auf die stillen Atemzüge.
Als er die Augen aufschlug, sah er sie in ihrem weißen Morgenrock, das
Haar unter einem seidenen Strickmützchen, am Fenster stehen und in den
Morgen hinausblicken. Sie wandte sich um und blickte mit einem Lächeln
zu ihm hinüber.
»Wo bin ich, Engel? Wie komme ich hierher? Ist es schon Tag?«
»Du bist bei mir. Du kamst in der Nacht zu mir. Und nun ist es Morgen.«
Seine Gedanken kehrten nur langsam und wie aus weiter Ferne zurück.
Das Erinnern an das gestrige Erleben drängte sich vor, zeigte seine
Dirnenfratze und hatte seine Schrecken verloren. Da stand die starke,
helle Frau und reichte ihm zum Tagesgruße die Hände. Und diese Hände,
die er schon an dem herumgejagten hageren Mädchen liebgewonnen hatte,
diese Hände hatten ihn in Schlummer gewiegt.
Er sprang aus dem Stuhle auf. Der tiefe Schlummer hatte ihm alle
Kräfte zurückgebracht. Und Kornelius Vanderwelt beugte sich über
Angela Freydags Frauenhände und küßte sie. --
Vor der Geschäftsstunde noch kam Thomas Vanderwelt in sein väterliches
Haus. Mit krampfhaft angespannten Gesichtszügen begrüßte er Angela
Freydag, die ihn in seines Vaters Zimmer eintreten ließ und hinter
beiden die Türe schloß. Als Thomas Vanderwelt nach einer halben Stunde
das Zimmer wieder verließ, war sein Gesicht fassungslos und verwüstet.
»Es war wohl weniger der Tod als die Roheit des Todes, die ihn so
aufwühlte,« sagte Kornelius Vanderwelt.
»Ich weiß es nicht, Kornelius. Ich weiß nur, daß ihn noch etwas
aufzuwühlen vermag. Das soll uns heute genügen.«
Es kamen auch die Frauen ins Haus, Juliane und Antonie. Beide in
erlesenen schwarzen Gewändern.
»Es ist gut, daß sie zusammen kommen,« sagte Kornelius Vanderwelt,
als Angela Freydag sie ihm meldete. »Zu zweit bilden sie doch
nur ~eine~ Unwahrheit. Laß sie zu mir, damit ich es schnell
überstehe.«
Nach wenigen Minuten schon kehrten die jungen Frauen mit verstörten
Gesichtern zu Angela Freydag zurück.
»Was ist mit ihm?« fragte Juliane hastig. »Er ist für Trost nicht
zugänglich und wies mich barsch zurück, als ich ihn um ein Andenken an
meinen armen Bruder bat.«
»Ist Justus wirklich bei einer Frau tot aufgefunden worden? Von dem
zornigen Ehemann überrascht, getötet und auf die Gasse geworfen?
Bitte,« bat Juliane mit schauernden Schultern, »erzählen Sie mir doch
alle Einzelheiten.«
»Als Helfer starb er -- aber die Tatsache seines unglücklichen Todes
muß unserer Trauer wohl zunächst genügen,« erwiderte Angela Freydag
und öffnete den verstörten jungen Frauen die Tür.
»Und die beiden Beckenrieds, Vater und Sohn, erschienen und gingen zu
Kornelius Vanderwelt in das Arbeitszimmer. Der Schwiegersohn Klaus
nagte vor Erregung an der Unterlippe und schaute so wild um sich, als
erwarte er selbst ein Wort der Teilnahme, und der alte Beckenried
fand das Wort, wenn auch auf Umwegen, und wies darauf hin, daß nicht
nur die Angehörigen schwer unter den niederdrückenden Umständen
des Todesfalles leiden würden, sondern auch das Geschäft, denn das
Verfrachtungsgeschäft sei nun einmal eine Vertrauenssache.«
Ȇberlassen Sie auch diese Sorge einstweilen mir allein. Wenn ich sie
zu den anderen lege, wiegt sie weniger.«
Und Kornelius Vanderwelt verabschiedete sich von den Herren und rief
nach Angela.
»Sperr' die Fenster auf, Engel. Die Totengräber haben sich in der Türe
geirrt. Noch rieche ich nicht nach der Schippe.«
Am folgenden Tage wurden Justus' Überreste in aller Stille im
Vanderweltschen Erbbegräbnis eingebettet. Keine Traueranzeige war
verschickt worden, kein Teilnehmender hatte sich eingefunden. Die
Herren Beckenried wurden durch die Vertretung der beiden Herren
Vanderwelt im Geschäft zurückgehalten, die junge Frau Antonie war aus
Furcht vor dem Schwiegervater von einem Nervenzittern befallen worden,
und so stand Kornelius Vanderwelt mit seinen beiden Kindern allein an
der Gruft, aber er fühlte Angela Freydags Schulter.
Leise fragte Juliane den Bruder nach dem Pastor. Doch Thomas wies die
Frage durch ein Kopfschütteln zurück. Und der Sarg wurde von den vier
Trägern an den Bronzeringen herangetragen und langsam an den Seilen in
die Gruft hinabgelassen.
Kornelius Vanderwelt zog den Hut. Er erwies dem Tode die Ehrfurcht
und schickte dem Sohne den letzten Vatergruß nach. Fahr wohl und hab'
deine Ruhe, Justus.
Der Totengräber hielt den beiden Männern die Schippe mit den
Erdschollen hin. Und als auch diese Formel erfüllt war und sie sich
zum Gehen wandten, hörte Kornelius Vanderwelt noch einmal Erdschollen
auf dem Sarge aufschlagen. Und er erkannte in dem Manne, der hinter
den Leichensteinen hervorgetreten war und dem lebenden Vanderwelt mehr
als dem toten die Ehre erwies, seinen alten Seegesellen, den Gastwirt
Matthes aus den ›Fünf Erdteilen‹.
Da packte ihn das Würgen im Halse, und er wußte nicht, ob ihn das
Lachen schüttelte oder das Leid.
Der Mann aber war wortlos hinter den Leichensteinen verschwunden.
»Komm,« bat Angela Freydag leise und berührte seine Hand.
»Sahst du ihn?«
»Einer, der dir Freundschaft hält, Kornelius.«
»Und was für einer!«
»Besser ein treuer Kettenhund als ein wildernder Jagdhund. Mich hat es
heute gefreut.«
»Du magst recht haben,« erwiderte er, »und nun können wir gehen.«
Sie fuhren die Kinder bis zu ihren Wohnungen und fuhren allein heim.
Es war Abend geworden, als sie das Haus betraten. Und sie suchten ihre
Zimmer auf, um sich umzukleiden.
An diesem Abend spielte Angela Freydag, wie sie noch nie vor den
Tausenden gespielt hatte. Kein Lied vom Tode und Vergehen. Den
gewaltigen Sang, der in der Herbstnacht sehnsüchtig beginnt und
mit den Frühlingsstürmen sieghaft durch die Wälder braust. Das
Menschheitslied vom ewigen Auferstehen spielte sie, und sie spielte es
für Kornelius Vanderwelts Seele.
Nur für den Mann, der aufrecht in dem alten Kirchenstuhle saß und ihre
Liebe an seinem Herzen hielt.
Ihre Arme sanken am Körper nieder. Ihre Brust hatte den Atem verloren.
Und während sie ihn in schmerzhaften Zügen wiederzugewinnen trachtete,
dachte sie: So und nicht anders ist meine Liebe. Bis mir die Arme vom
Körper sinken. Bis mir der letzte Atem vergeht. Töten und vernichten
könnte ich um seines geliebten Namens willen.
Und sie wandte den erblaßten Kopf nach ihm und lächelte ihm zu ...
Und wieder schritt Kornelius Vanderwelt durch das Gewühl vor der
Schifferbörse wie in früheren Tagen, aber die launigen Zurufe blieben
den Leuten im Munde stecken, die Knäuel öffneten sich und ließen ihn
hindurch, und die Männer zogen die Mützen herunter und schwiegen in
Verlegenheit. Ein wenig hatte er es sich anders gedacht, aber er ließ
es sich nicht anfechten und erledigte im Börsensaal seine Geschäfte.
Und als er in das Gewühl der Wartenden zurückkehrte, bildeten die
Leute aufs neue eine Gasse. Aber sie hatten eine Abordnung unter sich
ausgemacht, aus ihren Ältesten, und die Ältesten traten an Kornelius
Vanderwelt der Reihe nach heran und schüttelten ihm schweigend die
Hand, während die Umgebung sich achtungsvoll räusperte.
Der Winter ging hin. Es war dies Jahr nicht nur für das von den
Feindmächten besetzte Rhein- und Ruhrgebiet, es war für das ganze in
Geldwirren gestürzte Deutschland das atemraubendste Geschäftsjahr
geworden, und in der kaufmännischen Welt reihte sich Trümmerfeld an
Trümmerfeld. Kornelius Vanderwelt schaffte vom Morgen bis zum Abend,
er war überall, wo es not tat, mit der unwiderstehlichen Kraft seiner
Persönlichkeit einzugreifen, und doch fühlte er, daß es rückwärts
gehen wollte und nicht vorwärts. Nein, seine Kraft war die gleiche
geblieben, aber seine Unwiderstehlichkeit hatte nachgelassen. Die
Verlegenheit, die er vor Monaten, nach Justus' Tode, unter dem derb
genug besaiteten Schiffervolk auf dem Börsenplatz beobachten konnte,
äußerte sich bei den Kaufherren und Werksleitern wohl liebenswürdiger
und zurückhaltender. Aber gerade diese Zurückhaltung war es, die ihm
die raschen und frischfröhlichen Geschäftsabschlüsse erschwerte.
In der ersten Zeit sah er über das törichte Menschheitsverhalten
hinweg, auch dann noch, als es sich vornehmlich unter den einstmaligen
Zechgenossen mancher ›hohen Fahrt‹ breit und bemerkbar machte. »Es ist
die alte Leier, Engel,« pflegte er zu sagen, »daß die schmutzigsten
Hände immer die reinsten Handschuhe vorweisen möchten. Ich glaube, im
Gleichnis vom Zöllner und Pharisäer hat der brave Pharisäer auch schon
Handschuhe übergezogen.«
Als er aber in der Folge bei der Verteilung größerer Ladeaufträge
mal auf mal übergangen wurde, geriet zwar seine Zuversicht nicht ins
Schwanken, aber ein Lächeln der Verachtung erschien auf seinen Lippen
und wollte hinfort nicht mehr weichen. Trug doch seine Zuversicht mehr
als je den Namen Angela Freydag.
Was der hochgemute Mann nicht sah, das sahen ihre klaren Frauenaugen.
Sie gewahrten die verstärkte Aufmerksamkeit der Vielheit, die dem
zurückgezogenen Leben Kornelius Vanderwelts galt, und die tastenden
Finger, die nach dem stillen Schleier griffen. Und sie beschränkte
sich immer mehr in der äußeren Lebensführung und wuchs zu einer
inneren Gesammeltheit auf, die bei anderen gefestigten Naturen wohl
aus der Entsagung geboren zu werden pflegt, bei ihr aber nichts
anderes hieß als die heiße Fürsorge für den Geliebten.
Wurde Kornelius Vanderwelt in seinem hohen Traumwandel hellsichtig,
das sagte ihr das untrügliche Empfinden der liebenden und geliebten
Frau, so vernichtete er mit seinen Widersachern sich selbst und sein
Glück. Und immer enger noch an ihn geschmiegt, blieb sie die Gefährtin
seines hohen Traumwandels auf Schritt und Tritt, und es war keine
Wolke am Himmel, die sie nicht zu scheuchen wußte.
In diesen Tagen begann das Leben seine Probe auf die Berechtigung,
Kornelius Vanderwelts Glück zu heißen und er das ihre. Sie dachte
gar nicht darüber nach. An das Selbstverständliche verschwendete
sie keine Gedanken. Nur, daß auch auf ihren Lippen das Lächeln der
Menschenverachtung erschien und blieb.
Mehr als vordem stellte sich Thomas Vanderwelt ein. Er wußte die
Stunden herauszufinden, an denen er Angela Freydag allein zu Hause
traf, und hockte ihr im Sessel gegenüber, rauchend und die Regeln des
Lebens in Widersinnigkeiten verkehrend. Der Tod des Bruders hatte sein
zersetzendes Wesen bis zur Fahrigkeit gesteigert.
»Lieber Thomas,« sagte die geduldige Zuhörerin, »weshalb spielen Sie
sich und mir eine Rolle vor? Das sind Sie ja gar nicht, in dessen
überlegenem Faltenwurf Sie sich gefallen. Sie sind weder eitel noch
unanständig. Weshalb also die Maskerade.«
»Was bin ich denn in Ihren klugen Augen, Frau Engel?«
Seit er den Namen einmal aus dem Munde seines Vaters vernommen hatte,
hatte er ihn sich nicht wieder nehmen lassen.
»Sie sind ganz einfach ein unglücklicher Mensch. Nichts mehr und
nichts weniger.«
»Ein unglücklicher Mensch kann sehr wohl ein Unflat sein. Schon der
Umstand, daß er ein Unglück hinnimmt, spricht dafür.«
»So ändern Sie es doch, oder sind Sie ein Höriger Ihres Unglücks?«
»Sehen Sie,« sagte er bewundernd, »wie scharfsichtig Sie sind, wie Sie
jedes Kindlein gleich beim rechten Namen zu nennen wissen. Ein Höriger
.. Ein Höriger seines Unglücks. Das bedeutet soviel wie ein krankhaft
veranlagter Liebhaber. Wahrhaftig, Sie haben ins Schwarze getroffen.«
»Wenn Sie in dieser Tonart fortzufahren belieben, muß ich Sie zu
meinem größten Leidwesen nach Hause schicken, Thomas.«
Er lächelte sie ungläubig an. Wie ein verwöhnter Junge.
»Das würde nun wiederum ~Ihrem~ Namen keine Ehre machen,
Frau Engel. Denn ich komme ja just zu Ihnen, um von Zeit zu Zeit
festzustellen, was denn eigentlich von dem alten Thomas noch
übriggeblieben ist. Gott, wenn Sie so gütige Augen machen, reizt es
mich, meinen ganzen Musterkasten -- die alten Griechen nannten ihn,
glaube ich, die Büchse der Pandora -- vor Ihnen auszupacken, wenn die
Pandora auch nur Antonie gerufen wird und der Gatte so neugierig ist
wie das Weib.«
»Thomas, Thomas, ich rief Sie schon vor Jahren bei Ihrer
Ritterlichkeit auf. Es gibt nur ein Entweder -- Oder!«
»Ein Entweder -- Oder,« wiederholte er, »und ich habe das letztere
gewählt. Das Entweder ist stets das Langweiligere, das Oder das
Vergnüglichere und das Spannende. Der ›Hörige‹ kommt hinzu. Das
Leben, das sich uns nach dem allgemeinen Weltendurcheinander und der
ausnahmslosen Gleichmacherei darbietet, ist so reizlos geworden, daß
man nach einem Strohhalm greift, wenn er eine Belustigung verspricht.
Meine Antonie ist nun gewiß kein trockener Strohhalm, sondern ein
ausbündig schönes und vollsaftiges Lebewesen der Mutter Erde, aber
darin tut sie es dem Strohhalm gleich, daß sie in Brand gerät, ehe
man sich umgeschaut hat, und das ist über alle Maßen belustigend.
Weshalb? fragen ihre strengen Augen. Weil sie annimmt, daß man sich
~nicht~ umgeschaut hat.«
»Und das nehmen Sie,« fragte Angela Freydag verächtlich, »immer wieder
hin, ohne es zu ändern?«
»Geduld, Geduld,« mahnte Thomas Vanderwelt geheimnisvoll. »Zuweilen
ist es nur ein irrtümlich entstandener Brand, ein Brand aus
Eifersucht, der mir die Glut ihres Herdfeuers bekunden soll. Mir, Frau
Engel. Bei anderen Malen aber gedenke ich aller Ihrer guten Lehren
und nehme den brennenden Strohhalm ungesehen in meine Hände, um ihm
das Lebenslichtlein auszupusten. Ganz unvermutet und auf eine streng
sittliche Weise.«
»Lästern Sie nicht, Thomas, und reden Sie, wenn Sie schon reden
müssen, ohne Beschönigung.«
»Es ist ein bißchen viel Nacktheit dabei, Frau Engel, wie bei den
neuzeitlichen Tanzbelustigungen. Daher die Verbrämtheit meiner Rede
vor Ihren Ohren. Aber urteilen Sie selber über die Tragbarkeit der
sittlichen Grundlagen, auf denen ich meine Abänderungen vollziehe.
Von den kleinen Kunstgriffen schweige ich. Von den Stelldicheins,
von denen mir herumliegende Briefe oder herumfliegende Freundinnen
Kunde taten und zu denen zufällig ich selber erschien, statt des
Erwarteten. Von den nichtigen Techtelmechteln, die ich mit ihren
ähnlich gearteten Freundinnen beginnen mußte, um allerlei Menschliches
und Allzumenschliches meiner vergeßlichen Gefährtin aus Vergangenheit
und Gegenwärtigem zu erfahren und ihre holden Lügen am Bindfädchen zu
halten, wie der Knabe den Maikäfer. Höher hinauf, höher! Da war ein
Fall, würdig, verzeichnet zu werden. Nicht der Strohhalm, die ganze
Garbe brannte. Und der Herrlichste von allen wurde ins Haus geladen.
Es ging nicht anders, es war der Hausfrau Geburtstag. Und sie saßen
sich gegenüber und besprachen sich mit den Augen und sagten sich
Wunderdinge über Wunderdinge. Sollte ich den Dritten im Bunde vor die
Türe werfen? Sie nicken begeistert. Gemach, gemach. Ich erhob mich
aus einem inneren Drange heraus und klopfte mit meinem Obstmesser
ans Glas, denn wir waren beim Nachtisch angelangt, und hielt eine
Geburtstagsrede. Das war es, Frau Engel. Das war die sittliche
Grundlage. Ich verbeugte mich vor der Hausfrau, vor der Gattin, vor
der Mutter meines Kindes. Ich sprach von der tiefen Gläubigkeit des
einen zum anderen Teil in der heiligen Ehe. Von der Lebensgefährtin,
die, abhold jeder Lüge und Verstellung, ihr Leben lasse für den reinen
Schild des anderen. Von der Selbstlosigkeit und Aufopferungsfähigkeit
der wahren und wahrhaftigen Frau, die so hohe Höhen zu erklimmen
wisse, daß wir staubgeborenen Männer anbetend auf den Knien liegen
müßten. Und der Ehrengast war so erschrecklich unruhig geworden und
rutschte vor lauter Beschämung auf seinem Stuhl. Und der Trottel
kriegte sogar feuchte Augen, als ich die Tugend des Weibes der
unsterblichen Seele an die Seite stellte, und er sagte, er habe sich
verschluckt und müsse leider noch vor dem Hoch hinaus, um, wie er
wiederum sagte, rasch einen Arzt zu Rate zu ziehen. Ja, und dann haben
wir den Geburtstag für uns gefeiert.«
Er rieb sich vergnügt die Hände und lachte noch in der Erinnerung über
den gelungenen Streich.
»Weshalb lachen Sie nicht mit, Frau Engel? Sie sind doch eine Frau von
Geist?«
»Weil mir die Sache zu belanglos erscheint.«
»Belanglos? Das ist ein herbes Urteil. Darf ich Ihre Beweggründe
kennenlernen?«
Angela Freydag blickte ihrem Gast in die Augen. So lange, bis eine
Röte über seine Wangen huschte.
»Muß ich sie Ihnen wirklich nennen? Einem Manne, der selber das
Messer des Wundarztes zu führen vorgibt? Also offen heraus, Thomas:
die handelnden Personen erscheinen mir in ihrem Tun und Lassen zu
unwichtig. Was sie mit großartigem Gebaren hervorbringen, sind
bestenfalls eine Kette von schillernden Seifenblasen, die genau so
lange anhalten, wie die Einbildung anhält. Für Kindereien sind wir zu
erwachsen geworden, Thomas.«
Er rauchte seine Zigarette zu Ende, erhob sich und verabschiedete sich
kleinlauter, als er gekommen war.
»Sie messen alles mit einem überlebensgroßen Zollstock, Frau Engel.
Da schneiden wir kleinen Leute schlecht ab. Trotzdem: Es war eine
schöne und lehrreiche Erbauungsstunde.«
Er schritt still zur Tür, griff über seine Augen und kehrte zurück.
Sie sah ihm, ohne den Blick von ihm zu lassen, entgegen. Und er nahm
ihre herabhängende Hand, zog sie stumm an seine Lippen und ging
hinaus. --
Eine schöne und lehrreiche Erbauungsstunde hatte der Spötter Thomas
ihr Zusammensein genannt. Das Wort blieb in Angela Freydag hängen
und fand den Weg zum abwägenden Verstand. Eine Erbauungsstunde?
Das war mitsamt dem Schmuckwort ›schön‹ auf Rechnung der armen
Selbstverspottung zu setzen. Aber lehrreich -- lehrreich war sie
auch für Angela Freydag gewesen, und ihre Menschenverachtung konnte
nur dabei gewinnen. Da lebten zwei junge Menschen in der nackten
Oberflächlichkeit einer Ehe, wie sie die neue Zeit zu Hunderten hatte
ins Kraut schießen lassen, einer Ehe, die nur soweit Gemeinsamkeit
war, als sich die beiderseitigen Naturtriebe in ihr berührten und im
übrigen beiden Teilen Wege offen ließ, die weder hell noch staubfrei
gehalten waren. Aber es war eine Ehe. Sie gab zu reden und offen und
heimlich zu tuscheln, aber solange beide Teile mit ihr zufrieden
waren, nahm auch die Umwelt keine Veranlassung, sie abzulehnen. Und
es lebten da zwei reife Menschen, deren innerste Verbundenheit keine
Lücke zuließ und die doch nicht zur Ehe gelangt waren aus einer
selbstlosen und opferwilligen Rücksicht auf Kinder und Enkelkinder.
Trotz ihrer adligen Gesinnung, trotz ihrer Verdienste um die
Allgemeinheit -- die Umwelt kam ungerufen und legte kopfschüttelnd ihr
zusammengeflicktes Maßband an.
Ja, diese Erbauungsstunde war für die Gefährtin Kornelius Vanderwelts
nicht weniger lehrreich gewesen. Ihre Mienen zogen sich zusammen. Sie
schüttelte die Hände in der Luft.
»Du -- du! Mein Kornelius!«
Und ihre Glieder spannten sich wie zur Verteidigung und zum
Angriffssprung. --
Kornelius Vanderwelt aber ging seinen Geschäften nach, als hätten sich
Zeiten und Menschen nicht verändert. Nur daß er Zeiten und Menschen
als so geringfügig wertete, daß er vor den Ohren Angela Freydags nicht
mehr darüber sprach.
Wenn sie ihn nach dem Stand seiner Aufgaben befragte und ob sie
anzögen oder nachließen, glitt er mit seiner großen Hand über ihr
Gesicht. »Wir haben uns wertvollere Fragen aufzugeben, Engel. Haben
wir erreicht, was wir wollten? Haben wir uns glücklich gemacht? Und
alles ist gefragt und alles ist beantwortet.«
Das waren die Augenblicke, in denen Angela Freydag ein jähes Aufweinen
zurückhalten mußte, ein Aufweinen der Freude über den Mann vor ihr und
mit ihr.