Bette liegt, als Rotkäppchen kommt, und die eigentlich der wilde Wolf
ist. Seht mich an: Mit solchen Augen!«
Aber die Jungen ließen sich von Angela Freydags funkelnden Augen nicht
bange machen. Sie sprangen ihr an den Hals, kuschelten sich an ihr
Herz, küßten sie, wohin die Lippen, der Liebkosungen ungewohnt, trafen.
»Großmutter Wolf!« jauchzten ihre Stimmchen. »Großmutter Wolf!«
Und wieder sah sie Kornelius Vanderwelt in den Jungen, Kornelius
Vanderwelt, der sie in seinen frohesten Stunden seine Wölfin nannte. --
Im November fuhr Angela Freydag von dannen. Sie fuhr nach Spanien, und
eine Konzertreise führte sie durch das ganze Land. Sie fuhr mit dem
Schiff nach Holland und spielte in den großen Städten.
Wenn Kornelius Vanderwelt in der Morgenfrühe erwachte, spürte er in
sich und um sich eine Leere, daß er nicht wußte, ob der neue Tag das
Aufstehen lohne. Wenn Angela Freydag am späten Abend irgendwo ihr
Lager aufsuchte, spürte sie ihre Heimwehgedanken nach des geliebten
Mannes Brust so stark, daß sie nicht wußte, ob die neue Nacht das
Einschlafen lohne.
Keiner aber ließ es den anderen in seinen Briefen wissen, um ihn nicht
zu einem Opfer zu nötigen.
Es wurde April, als Angela Freydag heimkehrte und am frühen Morgen das
Haus betrat. Gerade wollte Kornelius Vanderwelt sein Arbeitszimmer
verlassen und sich zum Geschäft begeben, als sie vor ihm stand.
Er fuhr hoch und wurde vor Freude so bleich, daß sie sich blindlings
an seine Brust warf.
»Du!« sagte sie immer wieder. »Du! Du!« und ihre Hände tasteten nach
seinem Haar, nach seinen Schläfen, seinen Lippen. »Du! Du!«
Er aber schloß ganz fest die Augen, als wollte er durch nichts aus
seinem Traume aufgescheucht werden, und trank und trank in sich
hinein, was er in seinen Armen hielt.
»Du! Du! Engel! Engel -- --«
Sie hatte feuchte Augenränder, und er meinte, als er endlich die
Augen in die Wirklichkeit öffnete, die Wiedersehensfreude hätte sie
gefeuchtet. Sie aber stand erschrocken vor seiner Hagerkeit und der
blassen Farbe seines Gesichtes, die sich nicht verlieren wollte, als
sein Herzschlag sich beruhigt hatte.
»Warst du denn krank, Kornelius?« Und die Angst bebte durch ihre
Stimme.
»Gewiß war ich krank. Sechs lange Monate, du. Krank nach dir, Engel.«
Da weinte sie fassungslos an seinem Herzen ...
Und das Jahr lief hin, und als es sich wieder dem Herbstende näherte,
reiste Angela Freydag nicht wieder aus und sprach kein Wort darüber,
und Kornelius Vanderwelt gewahrte es mit dem tiefinneren Aufhorchen,
als ob die Geliebte sein Herz ganz zart in ihre Hände nähme, und
stellte keine Fragen, um das Wundersame nicht zu stören.
In diesem Winter aber reiste er viel mit ihr im Vaterlande und saß mit
ihr in den Opernhäusern von Berlin und Wien und München und in den
großen Konzertsälen der deutschen Städte.
Sie empfand es wohl, daß er ihr einen Dank sagen wollte, und ob er
auch seine Geschäfte vernachlässigen mußte, sie freute sich nur seiner
Ritterlichkeit, die ihr das alles und darüber hinaus zu Füßen legte.
Und wieder kam ein Herbst, und Angela Freydag lächelte nur und
fuhr nicht allein auf fremden Meeren. Aber Nebel und Nässe des
Niederrheins hatten ihr einen harten Husten geschaffen, und Kornelius
Vanderwelt brachte die geliebte Frau auf einen Ostasiendampfer im
Hafen von Rotterdam und schiffte sich mit ihr ein und fuhr mit ihr die
Küsten Frankreichs, Portugals und Spaniens entlang durch die Straße
von Gibraltar in das Mittelländische Meer, und der Atlas reckte sich
aus der afrikanischen Bergwelt auf, als sie das Rätsel löste, daß ihr
Ziel Ägypten sei.
Die Freude lief ihr zu Herzen wie ein Strom.
»Warum soviel für mich, Kornelius? Warum soviel für mich?«
»Es ist eine Abschlagszahlung, Engel.«
»Wenn ich am Leben hänge, so ist es nur für dich, Kornelius. Das ist
das schönste Wort: Für dich!«
»Für dich!« wiederholte er. -- --
Sie gesundete rasch, aber sie kehrten erst im späten Frühjahr zurück.
Die Fülle der Mitteilungen, die ihn erwartete, brauchte er ihr nicht
lange zu verhehlen. Die Sperlinge pfiffen die Irrungen und Wirrungen
der Familien Klaus Beckenried und Thomas Vanderwelt von den Dächern.
In diesem Sommer und in dem Winter, der folgte, streute Kornelius
Vanderwelt das Geld mit vollen Händen aus. Als wollte er Angela
Freydag aller und jeder Dinge teilhaftig werden lassen, die das Leben
zu bieten hätte.
»Es ist bei Licht betrachtet lächerlich wenig, aber es ist für dich,
Engel, und ein Lump gibt mehr, als er hat. Vielleicht schafft es dir
Erinnerungen.«
8
Hatte die Zeit eine schnellere Gangart angeschlagen, oder jagten nur
die Wolken schneller am niederrheinischen Himmel dahin? Kornelius
Vanderwelt erhob sich oft aus dringendster Arbeit heraus, stand
eine Weile grübelnd am Fenster und prüfte Wind und Wetter. Wenn er
sich langsam wieder niederließ, wußte er nicht, was ihn zum Grübeln
getrieben und worüber er nachgegrübelt hatte.
Es ist nicht nur die Zeit, dachte er, die mir durch die Finger läuft,
bevor ich sie anhalten und nach allen Seiten wenden und auspressen
kann. Das mag mit den Jahren zusammenhängen, die im fortschreitenden
Lebensalter kürzer und gleitender werden, weil sie uns nicht mehr
auf Schritt und Tritt mit Überraschungen überschütten. Es sind die
Menschen und Dinge, die sich nach dem Völkerzusammenbrodeln eins am
anderen gemessen und geändert haben und sich in der neuen Gestalt dem
alten Maß entziehen.
Und sooft es ihn ans Fenster trieb, und sooft er sich wieder zur
Arbeit niedersetzte, es blieb ein Gefühl auf ihm lasten, das sein Blut
schwerflüssig machte und seine Gedanken aus den goldenen Weiten in den
grauen Tag zog.
Angela Freydag hatte es längst bemerkt. Ihre grauen Augen sannen
hinter ihm einher, wenn er auch daheim in die Ruhelosigkeit
hineinglitt und vom Arbeitstisch zum Fenster, vom Fenster zum Flügel
und vom Flügel wiederum zum Fenster hinüberwanderte, ohne einen
sichtlichen Grund.
»Nimm mich mit,« sagte sie und hängte ihren Arm in den seinen.
»Du bist ja immer bei mir,« gab er zurück und versank doch wieder in
sein Schweigen.
»Mir ist so, Kornelius, als ob du es jetzt zuweilen vergessen
wolltest.«
»Daß du bei mir bist, Engel?« Er blieb bestürzt stehen, und dann
preßte er ungestüm ihren festen Arm. »Sag' es nie wieder, Engel.
Auch nicht im Scherze, Engel. Weil ich dich wie ein Geschenk bei mir
fühle und es von Jahr zu Jahr nur wachsen sehe, statt sich mindern,
möchte ich es lohnen und nicht geruhsam bis auf den letzten Groschen
aufzehren.«
»Ist es das?« fragte sie und strich ihm das Haar aus der Stirn.
»Erstens, Kornelius, ist es kein Geschenk, das du bei dir fühlst,
sondern ein Stück von dir. Das braucht nach so langen Jahren nicht
erst wiederholt zu werden. Und zweitens -- ja, was bleibt denn zum
zweiten, Kornelius? Wenn du ein Stück von dir belohnen willst, so
verweichliche es nicht und laß es gerade am schwersten Tun teilnehmen,
damit es von seinem Daseinszweck überzeugt und viel stolzer noch und
selbstbewußter wird. Was belastet dich? Sind es geschäftliche oder
persönliche Dinge?«
Er blickte in ihre Augen, die nichts von Lebensfurcht wußten, und
zum erstenmal war es ihm, als sähe er nicht Angela Freydag in ihnen,
sondern sich selbst, und jede Miene in ihrem Gesicht schien ihm ein
Abbild seiner selbst zu sein.
»Engel,« sagte er und formte langsam an jedem Wort, »es gibt kein
größeres Wunder als die Liebe.«
»Mit dem Wunder allein ist es nicht getan. Es muß auch Wunder
verrichten können.«
»Es verrichtet sie unaufhörlich, Engel. Und gerade jetzt hat es mir
alles Dunkle aus der Seele genommen.«
»Wunder, die selbsttätig wirken? Ohne groß zu wissen, weshalb
und wozu? Das wäre doch für Menschen unserer Art eine zu bequeme
Auffassung des Seligwerdens. Zeig' mir zuerst das Dunkle vor, damit
ich meine Kräfte daran setzen kann, es hell zu machen.«
»Du liebe, stolze Frau -- -- --«
»Laß das Geschlecht beiseite, Kornelius, und auch die Schmuckworte.
Stolz werde ich erst am Ende aller Tage sein, wenn ich weiß, ich war
auch in der Dunkelheit Kornelius Vanderwelts bestes Teil. Und dann vor
allem, wenn er an das Weib in mir gar nicht dachte.«
Da umschlang er sie mit beiden Armen und hörte nichts als den ruhigen,
gemeinsamen Herzschlag.
»Ich kenne keine Geheimnisse vor dir. Die geschäftlichen Dinge laufen
vielleicht nicht so, wie sie sollten. Aber das liegt an den verwirrten
Zeiten und läßt sich mit einigem Verstand und dem dazugehörigen
festen Willen schon wieder klären. Nur will mir der Wille dazu oft
überflüssig erscheinen.«
»Überflüssig? Der Wille? Das sagt ein Kornelius Vanderwelt?«
»Der Wille, für eine Welt zu arbeiten, die nichts mehr mit der meinen
zu tun hat.«
»Was ist das für eine Welt, Kornelius?«
»Die Welt einer Juliane und einer Antonie. Auch die zersetzende
Spötterwelt eines Thomas, und nicht weniger die bloße Geschäftswelt
des geldanbetenden Klaus Beckenried. Von der Welt des Justus weiß ich
nur, daß sie eine abenteuerliche Triebwelt mit lockeren Tageszielen
bedeutet, aber sie gehört dazu, um das Bild zu runden, das mir des
Anfassens sowenig wert erscheint.«
»Bleibt die unsere, Kornelius. Und die ist noch nicht am Ende.«
»Und was bleibt, wenn sie zu Ende ist? Was bleibt von unserem Glühen
und Blühen und In-den-Himmel-Langen?«
Ihre Arme hielten ihn ganz fest und ruhig an ihrem Herzen.
»Der Widerschein, Kornelius. Und wenn es nichts anderes ist als
der Widerschein. Glaub' es mir, von der Glut, die unser Leben erst
zum Blühen brachte und uns das reichste Glück der Menschenkinder
bescherte, wird eines Tages schon ein Schimmer in die Seelen der
nach uns Lebenden fallen und sie in ihrem Hasten stutzig machen und
ihnen den Sehnsuchtsgedanken nach einem Leben eingeben, das in seiner
unaussprechlichen Schönheit nur mit dem gesteigerten Gefühlsleben
zu erlangen ist. Dann, Kornelius, dann ist unsere Erfüllungszeit
gekommen.«
»Wer bist du?« fragte Kornelius Vanderwelt. »Bist du eine
Schicksalsfrau oder eine Schwärmerin?«
»An deinem Herzen beides.«
»Ich liege ja an deinem, Engel.«
»Es ist dasselbe,« murmelte sie und hielt ihn noch fester. -- -- --
Es war in einer Nacht, und Mitternacht war längst vorüber, als
Kornelius Vanderwelt durch das rasselnde Geläut des Fernsprechers aus
dem Schlafe gescheucht wurde. Er warf einen Morgenmantel über den
Nachtanzug und eilte die Treppe hinab in sein Arbeitszimmer.
Als er schweren Schrittes zurückkehrte, stand Angela Freydag vor der
Tür ihres Zimmers und sah ihm entgegen.
»Justus,« sagte er.
»Justus? Ist er in Not? Hat er nach dir gerufen?«
»Ich hoffe, daß er nur in Not ist. Die Kölner Polizei hat mich
angerufen. Auf der Gasse verunglückt.«
»Schnell auf dein Zimmer, Kornelius. Ich reiche dir alles zu und wecke
den Wilhelm.«
Er schüttelte den Schwächezustand ab und ging ihr schweigend voran.
Und schweigend legte sie ihm zurecht, was er für die Fahrt brauchte.
Keiner sah die Menschlichkeit des andern.
»Geh jetzt, Engel. Der Wilm soll geräuschlos vorfahren.«
»Gib mir meinen Anteil. Laß mich mit dir fahren.«
»Ich gebe dir sogar den größeren Anteil, indem ich dir das Warten
aufbürde. Das Warten und die Vorbereitungen. Triff sie so, daß kein
Mensch mit seinem Trost bei der Hand zu sein braucht, wenn es -- wenn
es ein Unglück sein sollte.«
Und plötzlich umfing er sie, als wollten seine Arme sie erdrücken.
»Drück' nur fester, wenn es dir gut tut ...«
»Der Justus, Engel!« brach es aus ihm heraus. Und er hatte sich wieder
in der Gewalt und küßte sie auf die weitoffenen Augen.
»Geh jetzt, Engel. Laß den Wagen vor das Tor fahren.«
In ihrem Morgenrock huschte sie die Treppen hinab und weckte im
Untergeschoß des Hauses den Fahrer und eilte in das Arbeitszimmer und
bereitete auf dem elektrischen Kocher den Tee.
Jetzt hörte sie den gedämpften Schritt Kornelius Vanderwelts. Sie
öffnete die Tür und bat ihn mit den Augen einzutreten. Er nahm das
Teeglas aus ihren Händen und trank es leer.
»Vergiß dich selber nicht, Engel. Du wirst deine Kräfte so nötig haben
wie ich. Und ich warte.«
Da trank sie willig den Tee, strich mit den Händen über seine
Schultern hin, ob er warm genug gekleidet sei für die nächtliche
Fahrt, und ging mit ihm bis zur Haustür. Erst als das Rollen der Räder
in der Ferne verklungen war, schloß sie die Tür und ging auf ihr
Zimmer zurück.
Lange lehnte sie die Stirn gegen das Fensterglas. Ihre Gedanken
begleiteten den Geliebten auf seinem einsamen Wege. So inbrünstig
heiß, daß er ihre Gegenwart empfinden und der Einsamkeit enthoben sein
mußte. »Lieber, du lieber Kornelius -- -- --«
Sie suchte ihr Lager nicht mehr auf. Sie kleidete sich an und tat,
was er sie als erstes zu tun gebeten hatte: sie wartete. An seinem
Schreibtisch saß sie, das Ohr gegen den Fernsprecher geneigt, die
Augen auf das Fensterglas gerichtet, hinter dem mählich die Dämmerung
brodelte. Und während sie wartete und den geliebten Mann in harter
Seelennot wußte, überfielen die Erinnerungen sie bei jedem Schritt,
den sie an seiner Seite getan hatte, und jeder Schritt führte über
blühende Wiesen, durch rauschende Wälder, immer höher hinauf auf die
Bergeshöhen, die den nahen Himmel als Wirklichkeit erscheinen lassen
und die Welt da drunten als wesenlosen Traum. Und als sie nach den
Erinnerungen griff, die in den Ländern diesseits und jenseits der
Meere ohne ihn verstreut lagen, gewahrte sie, daß sie ins Leere griff,
und daß es kein Opfer für sie bedeutet hatte, von den Kunstreisen
abzulassen und dem Geliebten anzuhangen.
Nur was mit Kornelius Vanderwelt zusammenhing, war ihr Leben, von der
Landstraße im Wirbelwind begonnen.
Wer kann es begreifen, grübelte sie mit weiten Augen, als eine Frau?
Als eine Frau, die bettelarm war, über alle Maßen reich gemacht
wurde durch das Beste und Allerbeste eines Mannes, und der die Scham
geheimnisvoll in den Glauben verwandelt wurde, selber reich gemacht
zu haben, selber, selber, ihn, ihn. Zum Allerreichsten ...
Wer kann es begreifen als eine Frau?
Sie saß an seinem Schreibtisch mit gekreuzten Füßen, die Hände um die
Knie geschlungen, das Ohr gegen den Fernsprecher geneigt. Draußen
tagte neblig und kühl der Wintermorgen. Die ersten Schritte klapperten
über das Pflaster und ein Junge ließ einen Stock über die Eisenstäbe
des Gartengitters rattern. Wagen rollten Lasten heran. Aus den Häfen
schrillten die Arbeitspfeifen herüber, brüllten ein paar Sirenen.
Menschen schritten aus und folgten einander. Und dann wurde es wie
alle Tage.
Das Mädchen hatte im Nebenzimmer den Frühstückstisch gedeckt. Angela
Freydag ging hinaus und teilte ihr mit, daß der Herr abgerufen sei,
und wieder tat sie auf sein Geheiß und nahm etwas zu sich, um sich bei
Kräften zu halten. Als sie in das Arbeitszimmer zurückkehrte, schlug
die Dielenuhr neun.
Es war die Stunde, zu der Kornelius Vanderwelt sein Geschäftskontor
aufzusuchen pflegte, und triebmäßig hob sie den Hörer vom Fernsprecher
und rief das Kontor an.
»Sagen Sie, bitte, den Herren, daß Herr Kornelius Vanderwelt in der
Frühe schon eine Reise hätte antreten müssen und nicht vor morgen
mittag erwartet werden könnte.«
Und wieder saß sie in den Wintermorgen hinein, mit gekreuzten Füßen,
die Hände um die Knie geschlungen, und horchte nach innen und außen.
»Jawohl! Hier Angela Freydag selbst!«
Urplötzlich hatte sie den Hörer des Fernsprechers am Ohr. Urplötzlich
stand sie mit blassen Lippen und bändigte den Atem.
Die Stimme Kornelius Vanderwelts sprach zu ihr. Ihr Herz schlug ihr
so hart bis ins Ohr, daß sie die ersten Worte wie ein Brausen vernahm
und den Sinn erraten mußte. Da aber wurde sie mit Gewalt Herr ihrer
selbst.
»Jawohl, Kornelius.«
»Am Nachmittag«, sprach die Stimme, »wird die Leiche freigegeben. Bis
zum Abend überführe ich sie nach dort. Teile der Friedhofsverwaltung
mit, daß sie noch am Abend in der Friedhofskapelle aufgebahrt werden
soll. Anderen braucht vor meiner Rückkehr keine Mitteilung gemacht zu
werden.«
»Ja, Kornelius.«
»Noch eine Bitte, Angela. Ruf das Geschäftskontor an und entschuldige
mein Fernbleiben mit einer Reise.«
»Ich tat es schon, als es neun Uhr schlug, Kornelius.«
»Ich danke dir für deine Vorsorge. Auf Wiedersehen, Angela.«
»Bleib gesund ...«
Noch immer horchte sie, als müßte noch der letzte Hauch von ihm zu ihr
herüberdrängen. Dann legte sie den Hörer hin, fühlte einen leichten
Schwindel um ihre Stirn gleiten und grub beide Hände in ihr Haar.
Ein wildes Aufschluchzen löste den Krampf. »Kornelius!« Und noch
einmal ein Schrei, als richte er sich gegen Gott im Himmel:
»Kornelius!!«
Nur um den Vater des Toten schluchzte ihr Schmerz auf, nur um den
geliebten Mann. --
Ruhig, sprach sie zu sich selber, ruhig jetzt, du hast ja Pflichten zu
erfüllen. Und sie ging hin und tat alles, was er sie geheißen hatte.
Und tat einen Schritt darüber hinaus und suchte den Friedhofsgärtner
auf und ließ unter ihrer Obhut die noch leere Bahre von grünen
Palmenbäumen umgeben.
Der Trostlosigkeit des Ortes war um ein klein wenig gesteuert.
Kornelius Vanderwelt sollte mit seiner Bürde nicht in die Öde hinein.
Und sie ging die Gräberwege, und ihr Herz war voll Leid um den
Lebenden.
Es dunkelte, als Kornelius Vanderwelts Wagen vor dem Friedhoftore
anfuhr und zur Seite bog. Der Wagen war leer. Wenige Minuten noch,
und ein größerer und schwarzer Wagen fuhr vor und hielt vor dem Tor,
das sich auftat und vier Träger hervortreten ließ. Der Fahrer war
abgesprungen und hatte den rückwärtigen Schlag geöffnet. Die Träger
traten zurück. Ein Lebender stieg aus dem schwarzen Raum und eine
Frauenhand ergriff die Hand des Mannes und hielt sie weiterhin in der
ihren, als müßte es so sein.
Der Eichensarg wurde aus dem Wagen gehoben. Die vier Träger trugen
ihn schweren Schrittes an den Bronzeringen, und der Mann und die
Frau folgten ihm in der Dunkelheit nach, und ihre Hände blieben fest
verschlungen. So traten sie in die erleuchtete Kapelle und blickten
regungslos auf das Tun der vier Männer, bis der Sarg aufgebahrt war
und der grüne Hain ihn umzitterte.
Durch die Dunkelheit gingen sie, die Hände fest verschlungen, den
Weg zurück, den sie gekommen waren. Und der große schwarze Wagen
war verschwunden, und der Wilm war vorgefahren und hielt die Mütze
feierlich in der Hand.
»Nach Hause, Wilm.«
Sie fuhren wortlos heim. Ganz dicht aneinander gedrängt, als müßten
sie sich ihres Besitzes vergewissert halten.
Kornelius Vanderwelt schritt durch sein Arbeitszimmer zum Schreibtisch
und ließ sich ermüdet nieder. Seine Augen ruhten auf Angela Freydag,
und die Frau trat neben seinen Stuhl und legte die Hand über seine
müden Augen.
»Sprich jetzt nicht. Alles das hat Zeit, Kornelius. Es ist gut, daß du
zurück bist.«
Er schloß die Augen unter ihrer kühlenden Hand. Er war geborgen.
Die Glocke des Fernsprechers läutete an. Der Ermüdete fuhr auf. Der
Zorn zerrte über sein Gesicht.
»Noch mehr? Noch mehr? Mit dir allein will ich sein. Schaff' mir Ruhe,
Engel.«
Sie hatte schon das Hörrohr am Ohr. »Es ist der Thomas,« sagte sie
leise.
»Schaff' mir Ruhe. Mit dir allein will ich sein und nicht mit den
Jammergesichtern.«
»Jawohl,« erwiderte sie in den Fernsprecher hinein. »Sie sprechen mit
Angela Freydag. Ja, Thomas, wenn die Abendzeitung den Unglücksfall
schon berichtet ... Ihr Vater ist in diesem Augenblick von Köln
zurückgekehrt und im Begriffe, sich zurückzuziehen. Bitte, gönnen Sie
ihm heute die Ruhe. Ja, kommen Sie morgen in der Frühe. Ihr Vater läßt
Sie herzlich grüßen.«
»Der Thomas legt sich dir schweigend ans Herz, Kornelius. Dafür liebe
ich ihn.«
Er antwortete nicht. Er suchte nach einem Anfang, und sie sah sein
quälerisches Bemühen.
»Sprich jetzt nicht,« wiederholte sie mit ihrer tiefsten Zärtlichkeit.
»Heute muß ich doch deine Sorgerin sein. Du bist so oft mein Sorger
und darfst mir heute gehorchen.«
Sie beugte sich zu ihm nieder, und er strich ihr schwerfällig mit den
Händen über Gesicht und Haar.
»Todmüde bin ich, Engel, und werde doch nicht schlafen können. Aber
ich werde dir gehorsam sein.«
Sie ging neben ihm her bis zur Tür seines Schlafzimmers.
»Es klänge unsinnig, Kornelius, eine ›gute Nacht‹ zu wünschen. Wenn
du mit der Nacht nicht fertig wirst, rufe mich. Nur ruhen sollst du.
Ausruhen.«
Er zog sie an sich und küßte sie aufs Haar.
»Geh auch du zur Ruhe. Hab' Dank für deine Gegenwart. Ich fühlte sie
den ganzen Tag, wie ich dich jetzt fühle, und das allein hat mir über
den Berg geholfen.«
Angela Freydag aber schritt noch einmal durch das Haus und traf
ihre Anordnungen. Sie ging zu den Mädchen und teilte ihnen den Tod
des ältesten Haussohnes mit, denn der Fahrer Wilhelm hatte finster
geschwiegen. Und zu später Stunde erst suchte sie ihr Bett auf.
Lange hatte sie noch in die Nacht hineingewacht, mit den Gedanken, die
jetzt wohl der Mann auf seinem einsamen Lager denken mochte, und mußte
doch endlich wohl vor Übermüdung eingeschlafen sein, denn das Licht
brannte in ihrem Zimmer, als sie die Augen aufschlug und sich nicht
gleich zurechtzufinden wußte.
An ihrem Bette saß Kornelius Vanderwelt. Er war angekleidet und sah
sie an.
»Ist es schon Morgen, Kornelius? Habe ich die Zeit verschlafen?«
Er schüttelte den Kopf und streichelte ihre Hände, die auf der Decke
lagen.
»Es ist noch Nacht. Bleib ruhig liegen. Es wird nicht mehr als drei
Uhr sein.«
»Weshalb bist du denn angekleidet? Hast du dich gar nicht zur Ruhe
gelegt? Du versprachst es doch.«
»Wenn man in das Dunkle hineinsieht, Engel, sieht man die Dinge
schärfer als im Licht. Mit einer grausamen Schärfe, Engel. Weil man
die unerbittliche Kette der Folgerungen gestaltet und die Beweggründe
nicht gelten läßt. Darum bin ich wieder aufgestanden und habe mich
angekleidet und zu dir ans Bett gesetzt.«
»Sitzest du bequem, Kornelius? Nimm doch das Kissen von mir in den
Rücken.«
»Nein, nein. Ich danke dir. Seit ich bei dir sitze und dich ansehe,
hat sich die Schärfe gemildert.«
Da lag sie ganz still und atmete fast unhörbar. Ihr hellfarbiges Haar
glitzerte wie eine seidige Woge auf den Kissen und bettete den ernsten
Frauenkopf mädchenweich. Es schmiegte sich über ihre Brust, und er sah
die seide-gesponnenen Fäden leise erzittern. Ganz nahe jetzt, ganz
nahe. Sein Kopf hatte sich an ihrer Brust eine Ruhestatt gesucht.
Und in ihren Herzschlag hinein begann er zu sprechen, sich von den
Bildern des Tages zu lösen.
»Ich kam nach Köln, Engel. Ich wurde in den Raum geführt, in dem der
Verunglückte lag. Ich erkannte ihn sofort als meinen Sohn, als den
Justus. Er hatte noch im Tode den hochfahrenden Zug um den Mund. Denn
ein Toter lag vor mir, kein nur Verwundeter, Engel. Ein Mensch mit
rohen Messerstichen im Leib, aufgefunden in einer dunklen Gasse, in
der sich das Gesindel herumtreibt.
»Erst habe ich den Körper angestaunt, der einmal so jugendschön
gewesen war. Vergeudet, vertan in einem wilden Leben, das nur sich
anerkannte und seinem Begehr keine Schranken setzte. Und dann habe ich
mit Mühe meinen Mund geöffnet und meine Fragen gestellt.
»Er muß durch einen nächtlichen Lärm in die Gasse gelockt worden sein.
Männer stritten sich um ein Frauenzimmer, und er hat sich ohne viel
Fragen zum Beschützer aufgeworfen. Über sein herrisches Tun ist es
unter den Angetrunkenen zu einem Hallo gekommen, und sie haben einen
wilden Reigen um das Paar geschlungen. Der Justus aber hat mit seinem
Stocke rücksichtslos hineingeschlagen und dem Gesindel die Messer
gelockert. Das Dirnchen war herausgehauen, als er in seinem Blute auf
der Gasse lag und die Polizeibeamten das Gesindel verscheuchten. Er
lag mit gebrochenen Augen.«
Er schwieg und preßte den Kopf fester auf Angela Freydags Brust.
Und Angela Freydag hielt den Atem an, um sein Schweigen in die Ruhe
hinüberführen zu können.
»Engel, Engel!« brach es aus ihm heraus. »Wegen einer Straßendirne!
Ach, was sage ich. Und wenn es um eine Dame der Gesellschaft gegangen
wäre! Aus herrischer Laune, die auf keinem anderen Verdienst fußt als
auf dem ererbten Namen! Engel, Engel, ich habe ihn befragt, den Toten,
und er behielt nur seinen hochfahrenden Zug um den Mund.«