Juliane tat einen Schritt zurück. Die blitzenden Augen standen dicht

vor ihr. Sie duckte den Kopf, wie aus einer feigen Furcht, die Fremde

möchte sie anspringen und niederreißen.

Draußen ging die Flurtür. Ein schneller Schritt, und die Tür zum

Empfangszimmer wurde aufgestoßen.

»Ah, Klaus! Zu so ungewöhnlicher Zeit?«

»Wer ist die Dame?« fragte eine schroffe Stimme. »Willst du mich nicht

vorstellen?«

»Meine ehemalige Klavierlehrerin, Fräulein Freydag. Mein Mann. Ein

andermal, Klaus. Du siehst, daß ich Besuch habe.«

»Ich bin im Begriff zu gehen, Herr Beckenried.«

»Ein andermal?« wiederholte Klaus Beckenried ohne die geringste

Rücksicht auf die fremde Dame. »Besuch? Soll ich das vielleicht

auch der Menschensorte sagen, bei der du das Geld schuldig bleibst

und die mich vor den Geschäftsangestellten lächerlich macht? Die

sogenannte Klavierlehrerin kann zuhören, denn was mit dir verkehrt,

kann's vertragen! Eine unerhörte Rechnung über Wagenfahrten wird

mir überreicht. Hab' ich denn eine Verrückte zur Frau? Ich habe die

Tochter Kornelius Vanderwelts geheiratet, und dieser Geizhals --

dieser Geizhals --«

»Sie sind ein Lügner,« sagte Angela Freydag und ging hinaus. --

Das also war die Frauenblüte Julianes. Das also war ihr Gatte Klaus

Beckenried. Und ein wildes und schmerzhaftes Mitleid mit dem Manne

überfiel sie, der soviel Unwürde und Unritterlichkeit aus seinem

Hause auskehren mußte, um -- ein Einsamer zu werden. Nein! schrie es

in ihr. Nie ein Einsamer! Nie, nie, solange ich lebe.

Zu Hause warf sie sich an Kornelius Vanderwelts Brust und umschlang

ihn mit beiden Armen.

»Was hast du, Engel?«

»Was ich habe? Ich habe dich bisher noch lange nicht lieb genug gehabt

und dachte doch schon, weiter ginge keine Liebe.«

Er strich ihr ein Strähnchen des hellen Haares aus der Stirn, wickelte

es um seinen Finger wie einen Ring, strich es wieder glatt.

»Liebe erkennt keine Grenzen an. Das ist das einzige, was wir sicher

wissen. Und ich will dich nicht weiter befragen.«

Sie warf den Kopf in den Nacken und sah ihm in die Augen. Seine Arme

hielten sie.

»Frag' nur immer, Kornelius. Du wirst nie erleben, daß ich nicht

antworten möchte. Ich war bei deiner Tochter Juliane, und ich habe

auch ihren Gatten kennengelernt, und nun wollen wir nicht mehr darüber

sprechen.«

Aber der Tag sollte nicht zur Neige gehen, ohne daß noch einmal der

Name Beckenried fiel. Gegen den Abend hin stellte sich der junge

Thomas Vanderwelt ein, mit einem Strauße auserwählt schöner Rosen, den

er Angela Freydag feierlich überreichte.

»Meine verehrte Gönnerin aus Knabenzeiten,« hob er an, und es lief ein

lustiger Schein über sein verblaßtes Jungmännergesicht, »muß mir aus

dem trüben Schwagerhause Beckenried die Kunde Ihres Hierseins kommen?

Meine geliebte Frau Antonie brachte sie zu Tisch mit heim. Sie war

gleich nach Ihnen in das häusliche Ungewitter geraten und erhielt noch

ihr wohlverdientes Teil. Aus der Berufung auf meine Frau wollen Sie

freundlichst ersehen, daß ich verheiratet bin, etwas lautloser, aber

darum nicht weniger glücklich. Und aus dem Munde meines Vaters wurde

mir heute nachmittag die Bestätigung, daß Sie schon seit Monaten,

schon seit einem halben Jahre fast, bei uns weilen. Und ich darf Ihnen

erst heute diese Willkommrosen zu Füßen legen.«

»Ich danke Ihnen, Thomas. Sie haben sehr schön gesprochen.«

»Das klang wie das ›Wundervoll, wundervoll!‹, wenn ich im Klavierspiel

schrecklich danebengriff.«

»Kommen Sie, Thomas. Setzen Sie sich zu mir. Wollen Sie rauchen?

Natürlich ist es gestattet.«

»Sie sind eine Frau nach dem Herzen Gottes. Mein Gaumen verhungert

geradezu nach einer Zigarette.«

Sie reichte ihm Zigarette und Feuer und rauchte selber nicht.

»Hören Sie, Thomas. Wir wollen diesen Verkehrston gar nicht erst

zwischen uns aufkommen lassen. Wie ich weiß, spricht man so oder

ähnlich mit den Bardamen. Nicht wahr, Sie schätzen mich ein wenig

höher ein. Geben Sie mir Ihre Hand, Thomas. Darf ich Sie als

gestrengen Eheherrn überhaupt noch Thomas nennen?«

Er beugte sich, wie er als Knabe nach einem Verweis getan hatte, über

ihre Hand und küßte sie.

»Sie verstehen es noch immer, eine Verlegenheit in eine Freudigkeit

umzuwandeln, Fräulein Angela. Gelt, so darf ich Sie doch anreden? Von

der fernen Verwandtschaft, die mein Vater endlich anzudeuten beliebte,

gänzlich abzusehen.«

Sie nickte ihm zu und schüttelte ihm die Hand.

»Weshalb machen Sie sich im Hause Ihres Vaters so selten, Thomas? Die

Wiedersehensfreude hätten wir schon eher genießen können.«

»Ich mache mich doch nicht selten, Fräulein Angela? Ich war doch erst

zum Neujahrstage in meines Vaters Hause und habe als guter Sohn meinen

Spruch aufgesagt. Und jetzt schreiben wir kaum Herbstanfang.«

»Thomas,« bat sie und hielt immer noch seine Hand, »wollen wir nicht

auch von Ihrem Herrn Vater miteinander in einem ehrerbietigen Tone

sprechen? Er hat Sie sehr liebgehabt, Thomas.«

Seine hagere Hand zuckte in der ihren. Sie gab sie frei und wartete.

»Donnerwetter, Fräulein Angela. Sie machen nicht viel Federlesen und

greifen gleich die ganze Front an.«

»Sie mögen daraus ersehen, Thomas, daß ich Sie keineswegs

geringschätze. Was haben Sie gegen Ihren Vater?«

Er starrte auf seine Stiefelspitzen und zog die Lippen von den Zähnen.

»Liegt Ihnen wirklich daran, meine Beichte zu hören?« und der Hohn

klang mit.

»Nein, daran liegt mir nichts. Ich fragte nur das eine, was mich am

tiefsten bewegt: was haben Sie gegen Ihren Vater?«

»Die Scham, ihm die neue Tochter ins Haus gebracht zu haben.«

Da wurde es totenstill zwischen ihnen. Wie erschlagene Leiber lagen

die Worte im Raum.

Thomas Vanderwelt prüfte als erster seinen Atem. Er sog ihn tief ein

und stieß ihn heftig aus.

»Was ich doch wissen wollte, Fräulein Freydag: was macht Ihre

göttliche Kunst? Ich hoffe, Sie erfreuen meinen Vater recht oft mit

ihr. Es ist die starke Welle, die ihn über die wildesten Meere trägt.«

»Weil Sie für Ihren Herrn Vater bitten, will ich es gern und zu jeder

Stunde tun.«

Die Gespanntheit seines Gesichtes ließ nach. Er lachte sie echt

jungenhaft an.

»Ich bin durchaus nicht schwerhörig, Fräulein Angela, und ein Lob

pick' ich mir immer noch aus den Vermahnungen heraus wie früher die

schönen braunen Rosinen aus dem Kuchen. Aber nun möchte ich Sie auch

belobigen. Sie waren als junges Fräulein trotz Ihrer Hagerkeit ein

eigenartig rassiges Geschöpf. Ein Dutzend Lebensjahre dazu, und die

schönste Rassigkeit wird zu einer -- na, sagen wir: herben --«

»Hexenhaftigkeit,« half sie ihm aus.

»Nun, das klingt ein wenig hart. Aber da es bei Ihnen nicht zutrifft,

mag es bestehen bleiben. Das Dutzend Lebensjahre dazu hat Ihre

Rassigkeit nur zur antiken Schönheit veredeln können.«

Angela Freydag neigte tief den Oberkörper gegen ihn.

»Meine weibliche Eitelkeit will das Wort ›antik‹ nicht gehört haben.

Es ist ein Fremdwort und läßt sich mit alten Jahren und mit alt im

Geiste des Altertums übersetzen. Für einen geistvollen Mann wie Sie

kommt natürlich nur die letzte Andeutung in Betracht, und ich nehme

die Huldigung mit Vergnügen entgegen.«

Thomas Vanderwelt verneigte sich mit derselben Feierlichkeit. Aber

sein Gesicht behielt den Ernst auch weiter bei.

»Wie wohl muß dem Vater Ihre Gegenwart tun,« sagte er, und seine

Stimme hatte den spottenden Beiklang verloren. »Nicht nur, weil seine

Augen ihn belehren. Es gibt Schönheiten übergenug, die nach der ersten

Neugier nicht mehr das Ansehen lohnen. Weil er Sie geistig empfinden

darf und immer neu und doch immer gleich. Das ist Schönheitsgenießen.«

»Glauben Sie, Thomas, uns Frauen erginge es anders mit euch Männern?«

»O ja, das glaube ich. Und es ist sogar im Laufe der Zeit zur

Gewißheit in mir geworden.«

»Sollte das nicht an der Zusammensetzung Ihrer Umwelt liegen, Thomas?

Mich selbst bitte ich aus Ihrer Gewißheit zu entlassen, und ich

überhebe mich mit dieser Bitte nicht. Es ist eine glückliche Beigabe

der Natur, wenn der Mann als eine schöne und männliche Erscheinung

wirken darf. Aber was uns immer wieder zu ihm hinzieht, und was uns

dauernd an ihn fesselt, was uns ihm im schönsten Sinne des Wortes

untertan macht, das ist die Leuchtkraft seines Wesens, die uns heute

diesen und morgen jenen dunklen Pfad erhellt, wechselnd durch den

Geist und unwandelbar durch die Gesinnung. Die uns bei der Hand nimmt

und so sicher über die Abgründe führt, wie über die Blumenwiesen. Die

keine Sünde kennt, weil sie alles in ihrem Scheine adelt, und die doch

in unsagbarer Dankbarkeit ihr Licht zum Erlöschen bringt, wenn das

unsere aufleuchtet und ihn umfluten will.«

Sie richtete sich aus ihrer Gedankenwelt auf und strich sich über die

Stirn.

»Verzeihen Sie die Getragenheit meiner Rede. Es gibt Dinge, für die

der Sprachgebrauch des Alltags keine Worte besitzt, und man muß schon

zu den gefühlsfeierlichen greifen. Aber mit Überschwang haben sie

nichts zu tun.«

Noch eine Weile horchte Thomas Vanderwelt hinaus, als müsse er mehr

hören. Dann ließ er den blassen Kopf auf die Brust sinken.

»Ich trage meinen Namen schon mit Recht. Ich bin der ungläubige

Thomas. Ich müßte das alles schon am eigenen Leib erleben und mit

Fingern greifen können. Was ich«, und seine Stimme wurde heftiger und

heiserer, »bisher am eigenen Leibe erleben und mit Fingern greifen

durfte, hatte so wenig mit Gefühlsfeierlichkeit und Überschwang zu

tun, wie das Messer in der Hand des Wundarztes.«

»So legen Sie doch das Messer nieder und greifen Sie zu den

ritterlichen Waffen.«

Da lachte Thomas Vanderwelt, daß es ihn schüttelte. Und er schüttelte

mit dem Lachen ab, was an empfindsamen Regungen über ihn gekommen war.

»Ritterlichere Waffen als das Messer? Ach, liebes Fräulein Angela, Sie

kennen das Gesetzbuch der Straße nicht. Da heißt es, sich mit jeder

Waffe bekämpfen, die Erfolg verspricht, und auf der Straße sind die

silberbeschlagenen Degen nicht zu Hause. Was wissen Sie, die Sie über

beleuchtete Berggipfel laufen, wie schmutzig die Straße ist!«

Angela Freydag rührte sich nicht auf ihrem Sitz. Ihre Augen wichen

nicht von dem nervenzerrütteten Manne, und seine Ausbrüche warfen ihre

Seele nicht aus dem Gleichgewicht.

»Lassen Sie uns an dieser Stelle abbrechen, Thomas. Wir treiben hinaus

und verlieren die Ufer aus den Augen. Erzählen Sie mir jetzt einmal

etwas recht Sonniges.«

Er stutzte. Kam zu sich. Und schon gewann der Spott wieder die

Oberhand.

»Ja, ja. Im Dunkeln fürchten sich die verwöhnten Kinder und verlangen

nach der Lampe.«

»Gut, Thomas, da Sie zu den verwöhnten Kindern zählen, und nicht ich,

so will ich Ihnen die Lampe halten, sooft Sie danach Verlangen tragen.

Nach der Beleuchtung, nicht nach der Beschönigung. Und jetzt suchen

Sie einmal Ihre Sonnenstrahlen zusammen. So arm ist kein Mensch, daß

er nicht in die Sonne blicken könnte.«

»Sie belieben in Rätseln zu sprechen, gütige Gönnerin.«

»Wie geht es Ihrem kleinen Sohn? Nikolaus heißt er wohl?«

»Ja -- er heißt Nikolaus. Das ist wahr. Und der Vater bedankt sich für

die freundliche Nachfrage.«

»Sieht er Ihnen ähnlich? Besucht er schon die Schule?«

»Da sei Gott vor, daß er mir ähnlich sähe! Die Natur hat ihren

üblichen Sprung gemacht und ihn dem Großvater angeähnelt. So

schadenfroh bin ich noch nie gewesen, als wie ich das entdeckte. Denn

vor einem Kornelius Vanderwelt hegen die Damen des Hauses Ausdemwerth

eine höllische Scheu.«

»Besucht der kleine Nikolaus schon die Schule?« wiederholte sie, ohne

seine Schärfe zu beachten.

»Gewiß besucht er schon die Schule. Er ist seit Ostern wohlbestellter

Abcschütze und zählt nicht zu den Dümmsten.«

»Das muß Sie doch in Ihrem Vaterstolze glücklich machen, Thomas. Und

da haben Sie ja Ihre Sonne.«

Thomas Vanderwelt lächelte zerstreut vor sich hin.

»Eigentümlich ist, daß auch der Sohn Julianes, daß auch der kleine

Martin Beckenried in allen Stücken seinem Großvater Vanderwelt

gleicht. Als wären uns oder unseren Frauen die Jungen wie eine

tägliche Vermahnung vor die Nase gesetzt worden. Die beiden

Jungen hocken in derselben Klasse und wetteifern um die Palme des

Menschenruhms. Was von den beiderseitigen Eltern beim besten Willen

nicht gesagt werden kann.«

»Ich möchte die beiden Jungen wohl einmal bei mir haben, Thomas.«

Er zog heimlich die Uhr und stellte die fortgeschrittene Zeit fest.

»Die Herren Jungen werden es sich zur höchsten Ehre rechnen, von Ihnen

empfangen zu werden, wie es mir zur höchsten Betrübnis gereicht, mich

jetzt empfehlen zu müssen.«

»Wollen Sie denn nicht die Rückkehr Ihres Vaters abwarten, Thomas, und

den Abend mit uns verbringen?«

»Mein Vater und ich haben uns schon tagsüber im Geschäft herzlich

wenig zu sagen gehabt, und ich möchte den Abend auf der Straße

zubringen, da mir meine Frau abhanden gekommen zu sein scheint.«

»Haben Sie denn eine Verabredung getroffen?«

»Wir haben immer eine Verabredung getroffen, aber sie wird ebenso

häufig mißverstanden. Frau Antonie wünschte, sich mit mir bei Ihnen zu

treffen, da sie darauf brannte, die schöne Unbekannte kennenzulernen.

Sie muß wohl so lichterloh gebrannt haben, daß sie sich in der

Verwirrung verlaufen hat.«

»Guten Abend, Thomas. Vergessen Sie nicht, mir den kleinen Nikolaus zu

schicken und den kleinen Martin.«

»Guten Abend, mütterliche Freundin.«

Er beugte sich über ihre Hand und ging mit seinem federnden Schritt,

wie er ihn schon als Knabe gehabt hatte, aus dem Zimmer und aus dem

Hause. Ein paar Sekunden noch horchte sie dem Schritte nach. Dann

wandte sie sich um.

»Kornelius --!«

Er war durch die Tür seines Arbeitszimmers eingetreten und reichte ihr

die Hand.

»Guten Abend, Engel. Thomas war bei dir, als ich kam. Ich wollte die

erste Aussprache nicht stören und hielt mich zurück.«

»Es war vielleicht richtiger so, und du hast, wie immer, das Rechte

getroffen.«

»Meinst du, Engel? Müssen Vater und Sohn sich in Gefühlsdingen aus dem

Wege gehen?«

»Bis sie die Scham voreinander überwunden haben, Kornelius. Ja, du

lieber, ernster Mann, schau' mich nur so verwundert an. Ich habe

wahrhaftig ›voreinander‹ gesagt. Der Sohn vor dem Vater, weil ihm

in seiner Ehe das peinliche Ehrgefühl zeitweilig abhanden gekommen

ist, und der Vater vor dem Sohne, weil sein Vaterstolz sich bitter

enttäuscht sieht.«

»Genügt das nicht?«

»Kornelius. Zuweilen ist mir, als wollten wir alles zu hastig in

Besitz nehmen. Und dann würden wir es als eine Selbstverständlichkeit

einschätzen und nicht als einen Gewinn oder sogar als ein Verdienst.

Komm, wandere nur dabei mit mir im Zimmer herum, liebster Mensch.

Draußen heult der Herbstwind, und hier drinnen geht es sich an deiner

Schulter wie auf einer Frühlingswanderung.«

»Ich fühle, daß du mir wohl tun willst, Engel. Mehr ist nicht

vonnöten.«

»Ich verlange nichts anderes als die Hälfte dessen, was dich drückt.«

»Du hast dich durch den Augenschein überzeugt, Engel? Du hast einsehen

lernen, daß Kinder die Freude des Lebens und daß Kinder die schwerste

Belastung darstellen können? Nein, nein, ich will nicht klagen.«

»Ich bin bei dir, Kornelius. Und gemeinsam wird es uns schon gelingen,

die Belastung zu vermindern. Weshalb schaust du mich denn so mitleidig

an?«

»Weil meine Angela in meinem Hause schon an das Opferbringen denkt.«

»Würdest du«, fragt sie zurück, »es als ein Opfer ansehen, wenn

du dich meinetwegen deines Besitzes, deines Geschäftes, deiner

Lebensführung entäußern müßtest?«

Seine Hand fuhr zu und bog ihren Kopf zurück. Über ihren

weitgeöffneten Augen standen die seinen. Und in ausbrechender Wildheit

umhalste der eine den anderen, als müßte der eine vor den anderen

hinspringen, um ihn zu schützen und zu verteidigen. -- --

Antonie, die Gattin Thomas Vanderwelts, brauchte mehrere Tage, bis sie

sich zu dem schwiegerväterlichen Hause zurechtgefunden hatte. Sie

kam zu einer Stunde, zu der sie Kornelius Vanderwelt unabkömmlich im

Geschäfte wußte.

Angela Freydag saß am Flügel und übte mit starkem Fleiß, als die

Besucherin ins Zimmer geführt wurde.

»Entschuldigen Sie den Überfall, Fräulein Freydag, denn Sie sind es

doch? Ich bin Antonie Vanderwelt und habe mir als Schwiegertochter des

Hauses die Erlaubnis erteilt, ohne viel Förmlichkeiten einzutreten.«

Angela Freydag bot ihr einen Platz an.

»Herr Kornelius Vanderwelt wird sich ohne Zweifel herzlich über so

viel Familiensinn freuen.«

Sie setzte sich und schüttelte sich in den Schultern.

»Wollen Sie mir eine große Gefälligkeit erweisen, Fräulein Freydag?

Ja? Dann sprechen Sie den Namen meines Schwiegervaters bitte nur dann

aus, wenn es gar nicht anders zu umgehen ist. Zum Beispiel: ›Gerade

tritt Kornelius Vanderwelt ins Haus‹ oder so. Und fort bin ich.«

»Weshalb lieben Sie ihn nicht?« fragte Angela Freydag.

»Lieben --?« wiederholte Antonie Vanderwelt und starrte entsetzt auf

die Fragerin. »Kann man ihn denn lieben? Ich bilde mir ein, er reißt

einen in zwei Stücke, wenn man nach seinem Herzen greift, oder er

stellt Anforderungen, die zu anstrengend für mein heiteres Gemüt sind

und mich zu einem Ausgleich treiben würden.«

»Zu einem Ausgleich? Wie soll ich das verstehen?«

»Aber das ist doch nicht schwer. Man kann sehr stolz auf einen Mann

sein, weil er die Männer aller anderen überragt, aber immer stolz

sein, ermüdet, und das Herz legt sich ein ganz klein wenig auf die

Lauer, um sich sozusagen in den Freiviertelstunden mit einem anderen

vergnügten Herzen ordentlich auszutoben, bevor es wieder fein sittsam

in die Schulstunden geht.«

»Ja, wenn ich nur wüßte, Frau Vanderwelt, was Sie in diesem

Zusammenhange unter Austoben verstehen?«

»Nein, was für eine glänzende Schauspielerin Sie sind? Und ich

harmloses Geschöpf falle auf alle die Fragen hinein und ziehe mich in

der ersten Viertelstunde bis auf das arme Seelchen vor Ihnen aus.«

Angela Freydag saß auf ihrem Klavierstuhl, und während sie der

Besucherin das Antlitz zuwandte, spielten die Finger der Linken

lautlose Läufe über die Tasten hin.

»Sie haben große Pflichten, Frau Vanderwelt.«

»Ach,« klagte sie, »nun beginnen Sie auch schon mit der Litanei. Der

Drang, sittliche Betrachtungen anzustellen, muß wohl an diesem Hause

liegen. Da hätte ich doch gleich ein Kloster wählen können, wenn es

mir unbedingt, um den Heiligenschein ginge.«

»Sie haben große Pflichten, weil Sie ein so schöner Mensch sind, Frau

Vanderwelt.«

»Ach ~so~ ist es gemeint. Das klingt gleich anders, wenn es mir

auch immer noch unverständlich klingt.«

»Wer mit einem so schönen Körper bevorzugt ist, hat die Pflicht, ein

so großes und seltenes Kunstwerk in seinem Wert zu erhalten und zu

bewahren. Törichte Hände können den Farbenschmelz erblinden lassen

oder andere nicht wieder gutzumachende Beschädigungen anrichten. Das

meinte ich damit.«

Antonie Vanderwelt zog das seidenbestrumpfte linke Bein über das Knie

des rechten. Eng in den hochlehnigen Kirchensessel geschmiegt, saß sie

und freute sich mit schimmernden Augen an den feingeschwungenen Linien

ihres Leibes, an dem sinnlichen Reiz ihrer elfenbeinfarbenen Haut.

»Wenn man so schön ist und müßte immer brav sein,« sagte sie mit einem

lustigen Schmollen, »so wär's ja eine Strafe, schön zu sein. Und

wirklichen Kennern darf man doch ein Kunstwerk nicht vorenthalten.«

»Ganz gewiß nicht. Sie dürfen es jederzeit bewundern, aber Sie dürfen

nicht die Hand ausstrecken, um es zu stehlen.«

»Ach, Fräulein Freydag, lassen wir doch nicht drumherumlaufen wie um

ein heißes Eisen. Ich fass' es an. Ich habe vielleicht mehr Blut in

den Adern als Verstand hinter der Stirn. Das geb' ich zu. Aber sich

von einem Manne küssen lassen, den man im Augenblicke nett findet, das

braucht doch keine Todsünde zu sein.«

Angela Freydag faltete die Hände um ihre Knie und bog den Kopf zum

Fenster. Die schimmernden Augen der schmiegsamen Frau waren ihr wie

eine Berührung.

»Ich halte Sie für klug genug, sich die Frage selber zu beantworten,

Frau Vanderwelt. Mit dem ersten Kusse, den ein Mädchen dem Manne

gestattet, ergibt es sich ihm schon so weit, daß er sich zum zweiten

Kusse das ~Recht~ nimmt, daß er sich beim dritten Herr ihres

Körpers bis auf das arme Seelchen fühlt, von dem Sie vorhin sprachen.«

Antonie Vanderwelt schmiegte sich noch enger in den hochlehnigen

Kirchensessel hinein, als schmiegte sie sich in einen Arm.

»Ist es nicht aller Frauengefühle allerköstlichstes, sich zu

verschenken?«

»Ja. Das ist es. Dem einen und einzigen.«

»Man kann einer Irrung unterworfen gewesen sein, man kann verlassen

worden sein oder selber die Pässe zugestellt haben -- da wird eben der

zweite oder der dritte oder der vierte der eine und einzige.«

»Auch das habe ich während meiner Laufbahn oft genug gesehen, Frau

Vanderwelt. Mädchen, die sich so verschenken, ganz einerlei, ob

aus Liebe, aus Mitleid oder aus Berechnung, werden später immer

und ausnahmslos innerlich einsame Frauen. Natürlich auch äußerlich

vereinsamte. Denn der Rückzug von einer vielverschenkenden Frau

erfolgt mit einer so unerbittlichen Pünktlichkeit und Grausamkeit, als

setzte plötzlich eine Massenflucht ein. Übrigens ist das wirklich kein

Gesprächsstoff, Frau Vanderwelt, für zwei klaräugige und aufrechte

Frauenspersonen, und wir wollen ihn schleunigst verabschieden.«

»Und mich dazu,« rief Antonie Vanderwelt nach einem erschrockenen

Blick auf die Armbanduhr. »Ich wollte Ihnen nur einen Knicks machen

und, wie es früher bei unseren Soldaten hieß, Tuchfühlung nehmen, denn

ich hätte gar zu gerne eine resche und fesche Kameradin, die nicht ein

jedes lustige Geheimnis auf der Zungenspitze trägt.«

Die Frauen standen sich, abschiednehmend, gegenüber. Antonie

Vanderwelt lüftete lächelnd das Visier.

»Dazu haben Sie ja wohl,« entgegnete Angela Freydag mit Zurückhaltung,

»Ihre Freundin und Schwägerin Juliane.«

»Juliane ist so berechnend, Fräulein Freydag. Das wirkt so

bloßstellend. Was nicht als Rausch kommt, kühlt ab.«

Und Angela Freydag dachte, während sie sich wortlos zum Abschied

verneigte: Also selbst in der Welt ~dieser~ Frauen gibt es

noch Unterscheidungen, wo doch alles gleich und gemeinsam ist, und

Bloßstellungen, wo keine Blöße mehr entblößt zu werden braucht. Und

es schüttelte sie vor diesen Abwandlungen der größeren und geringeren

Ehre, die denselben Schmutzstreifen hinter sich zogen. -- --

Ach, die köstlichen Stunden der Glücksreinheit, wenn die beiden

kleinen Schuljungen angestampft kamen.

»Tante Engel, was ist das?« Und sie sagten ihr ein Rätsel vor, das sie

frisch aus der Hand des Lehrers erhalten hatten, oder ein Gedichtlein,

deren sie viele und freiwillig über das Aufgabenmaß hinaus mit

Begeisterung auswendig lernten. Angela Freydag aber hockte auf dem

Teppich vor den kleinen glühheißen Männern und wußte bei jedem neuen

Male nicht: ist dies der Nikolaus, oder ist dies der Martin? So sehr

war der eine Kornelius Vanderwelt und der andere Kornelius Vanderwelt,

und es war ihr eine selige und doch andächtige Freude, aus den

knabenweichen Jungengesichtern das Antlitz Kornelius Vanderwelts Zug

um Zug herauslesen zu dürfen.

Oft erzählte sie ihnen Geschichten aus all den Teilen der Erde,

die sie auf ihren Fahrten besucht hatte: von den Indianern der

Felsengebirge, den Goldsuchern Kaliforniens, den Wolkenbewohnern

Neuyorks, und wieder von dem großen und reichen Leben der europäischen

Hauptstädte, von London, Paris und Rom. Dann hockten die Buben auf dem

Teppich und erforschten das Antlitz der Märchentante. Oder aber sie

saß am Flügel und ließ ihre Kunst in launigen Übertragungen zu den

jungen Hirnen sprechen, und Meister Beethovens Wut um den verlorenen

Groschen brachte die erregten Gemüter zum hellen Jauchzen.

Seit die kleinen Schuljungen zum ersten Male in das Haus gestampft

waren, der Martin Beckenried vom Nikolaus Vanderwelt an der Hand

geführt, und zu ihrem Staunen in der schönen Tante einen Menschen

gefunden hatten, der sich um sie und nur um sie bekümmerte, waren die

kleinen Herzen diesem Wundermenschen leidenschaftlich ergeben geworden.

»Tante Engel, weshalb bist du nicht unsere Mama?«

»Ihr habt ja eure Mamas daheim, und sie haben wohl nur nicht immer

Zeit für eure Plappermäulchen.«

»Bist du denn eine Großmama, daß du immer Zeit für uns hast?«

Kornelius Vanderwelts Gefährtin · 第 15 / 26 段