Auf starken Füßen stand sie heute im Leben. Und schon schmückte das

Grün des Lorbeers ihr Haar und wies ihr die weitgeöffneten Tore der

Welt. Und dennoch. Als wären es Schätze, die sie für den Geliebten,

den Toresprenger, aufbewahrt hätte, stieg sie in den Brunnen ihrer

Kindheit hinab und wählte und wog und förderte zutage. Weib war sie

geworden, und weil sie fühlte, daß sie es durch die Liebe zu dem einen

geworden war, gab es kein Ding für sie und kein Tun, das sie hätte

verkleinern können.

Wenn er morgens das Frühstückszimmer betrat, harrte sie schon im

weißen Kleide am weißgedeckten Tisch, und alles wehte ihn wie weiße

Frische an und ließ ihn frische Atemzüge tun. Ihre Hände, die jedem

Gegenstand Ausdruck verleihen konnten, als wären es die singenden

Tasten des Flügels, maßen den Tee in die Kanne, ließen das aufkochende

Wasser über die Teeblätter sprudeln, füllten die Tassen und schnitten

die Brote. Wenn er zum Mittag heimkehrte, fand er sein Arbeitszimmer

blitzblank in der Ordnung, und keine Hand als die ihre war über

den Schreibtisch gewandert, keine Hand als die ihre hatte gesorgt

und gesichtet, zurechtgerückt und doch alles in der alten Stellung

belassen. In schlichtem, kleidsamem Gewande, immer ein paar Blumen

an der Brust, saß sie mit ihm zu Tisch, und während er ihr sein

Erlebtes berichtete und sie kein Wörtlein davon verlor, schoben ihre

schmiegsamen Hände ihm in der Stille zu, was seine Augen suchten, das

Brot, den Wein, eine Frucht. Betrat er aber in der Feierabendstunde

sein Haus, ein wenig müde vom Tag und doch erwartungsvoll vor

dem, was er finden würde, so fand er sein Haus erleuchtet und den

Abendtisch geschmückt und inmitten von Licht und Farben das schöne

Geschöpf Gottes in der starken und gebändigten Freude, dem Manne eine

Freudenbringerin sein zu dürfen und sein bestes Teil. Nie erwartete

sie ihn zu dieser Stunde anders als in einem frohen und frohmachenden

Abendgewande, und der festliche Grundton ihres Beisammenseins war

angeschlagen, bevor sie sich zu Tische setzten, und hallte in

verstärkten Schwingungen fort, wenn sie, ihren Arm in dem seinen, das

Musikzimmer betraten zum ineinanderklingenden Zusammenspiel. Oder,

was er immer heißer liebte, zum Einzelspiel und zur Offenbarung ihrer

machtvoll gesteigerten Natur.

Solcher Gestalt waren die Tage und Nächte, die das edle Ebenmaß

hielten und doch in Farbe und Gestaltung vom Heute zum Morgen

wechselten, wie die Rose dem Flieder folgt und der glühende

Herbststrauß den Rosen und Syringen.

Solcher Gestalt und immer in sich verschieden.

Denn der schnelle Wagen blieb nicht im Gewahrsam und führte sie auf

weiten Fahrten landein und landaus in still träumende Landschaften und

lautwogende Städte. Und die weiße Motorjacht zerrte nicht vergebens im

Getaue und wußte Einblicke und Ausblicke auf den ungezählten Meilen

der Wasserbahn, die mit den Pferdekräften der Maschine spielend zu

gewinnen waren. Oft rötete sich im Osten der Morgenhimmel, und die

schlanken Uferpappeln streckten ihre Spitzen in das Purpurgold, wenn

sie heimkamen und mit verschlungenen Armen das Haus betraten.

Noch war kein Auge in die Verschmolzenheit ihres Lebens, in das

Geheimnis ihrer Kraft und Schönheit eingedrungen.

»Es wird Zeit,« sagte Angela an einem Morgen und strich ganz zart

über seine glücklichen Augen, »es wird Zeit, Kornelius, daß ich deine

Kinder sehe.«

»Meine Kinder sind erwachsene Menschen, wie du bist und ich bin, und

gehen ihre eigenen Wege.«

»Sie sollen nicht glauben, wir versteckten uns im Garten Eden,

Kornelius.«

Seine Augen flammten herrisch auf, und sie bedeckte sie rasch mit

beiden Händen.

»Ruhig, ruhig bleiben,« bat ihre Stimme.

»Wenn ich deine lieben Hände spüre, bin ich es, Engel. Und nun will

ich ganz ruhig sprechen. Meine Kinder haben zeit ihres Lebens nur von

ihren Rechten Gebrauch gemacht und nie an ihre Pflichten gedacht.

Sie haben sich aufs Geratewohl ihr Leben gezimmert, wie es sie am

angenehmsten dünkte, und meine Wünsche in den Wind geschlagen. Kann

ein Mensch oder eine höhere Gewalt von mir verlangen, daß ich die

Gleichstellung, die sie so früh erzwungen haben, noch unterbiete und

mich freiwillig unter ihre Vormundschaft begebe? Nein und nie, Angela.«

Er nahm ihre Hände von seinen Augen, legte sie eine Sekunde lang gegen

seinen Mund und schritt zum Schreibtisch, um die Aufschriften der

eingelaufenen Morgenpost anzusehen.

Sie folgte ihm mit den Blicken, bis er das Briefpaketlein wieder auf

die Tischplatte gleiten ließ und sich nach ihr umwandte. Ihre Blicke

ruhten ineinander.

»Konntest du mich wirklich mißverstehen, Kornelius? Nicht wahr, diese

Frage klingt schon ganz unmöglich? Es war nur dein rascher Zorn, der

den Unbilligkeiten anderer galt und mich dabei streifte. Nein, nein,«

wehrte sie in seiner schnellen Umarmung. »Es tut nicht weh. Wie könnte

mir die Liebe wehe tun? Und den Garten Eden habe ich ja gar nicht

ihrer Bevormundung unterstellen wollen. Eher brennte ich ihn mit

eigenen Händen nieder. Ja, du, ich wäre imstande dazu. Umgekehrt habe

ich es gemeint. Unser Garten Eden steht mir so hoch und unantastbar,

daß nicht einmal der Glaube an ein Versteckenspielen in anderen Köpfen

auftauchen darf, ohne eine Beleidigung zu sein. Unsere Stammeltern

sind nicht aus dem Paradiese vertrieben worden, weil sie vom Baum des

Lebens aßen, sondern weil sie feige waren und sich vor Gott versteckt

hielten, als er sie rief.«

»Und du? Und du?« rief er, hielt ihren Kopf von sich und sah ihr groß

in die Augen.

»Ich?« fragte sie zurück. »Ich oder du, es ist das gleiche. Wenn

dieser Baum unseres Lebens gefällt werden sollte, so würden wir

mitgefällt. Denn er ist nicht im Paradiese, sondern aus Dornen und

Disteln gewachsen und aus allem Unglauben unseres Lebens, so hoch, daß

wir lebensgläubig werden sollten.«

»Wie stark und furchtlos dein Glaube ist, Angela-Engel.«

»Wenn ich einem Menschen das Erdenglück bringen und tief empfinden

darf, wie es im Wechsel in mich zurückflutet, so weiß ich, daß ich

auf dem rechten Wege zum Himmel bin, soweit es Menschenkinder wissen

können.«

»Mit deinen reinen Händen, Angela. An deinen reinen Händen liegt es.«

-- --

Selten war Kornelius Vanderwelt so hochgemut über die Straßen

geschritten wie an diesem Morgen. Noch lag der Widerschein des

Erlebnisses auf seiner Stirn, als er das Geschäftshaus betrat und

durch die Pultreihen hindurch sein Sondergelaß aufsuchte.

Durch den Fernsprecher rief er zum Hauptkontor hinüber.

»Ich bitte Herrn Beckenried mit den Eingängen zu mir.«

Die Verbindungstür öffnete sich und schloß sich. Schritte kamen näher

und hielten an. Kornelius Vanderwelt wandte den Kopf.

»Ah, ihr seid es? Guten Morgen, Klaus. Guten Morgen, Thomas. Weshalb

kommt Vater Beckenried nicht?«

»Mein Vater,« hob Klaus Beckenried an, »läßt sich entschuldigen. Er

liegt krank zu Bett.«

»Oh -- das bedaure ich. Wieder einmal ein Anfall seines alten

Leberleidens?«

»Diesmal ist es die Galle.«

Kornelius Vanderwelt hob die Augen von den Briefschaften. Er sah dem

jungen Manne auf den zusammengekniffenen Mund.

»Du betonst das Wörtchen ›diesmal‹ so eigentümlich, Klaus? Hat es

einen Grund?«

»Ich wollte damit sagen, daß es einmal ein Leberleiden und einmal

ein Gallenleiden ist, was der Vater als Belohnung von dannen trägt.

Diesmal ist es die Galle.«

»Entspricht es deinem besonderen Wunsche, Klaus, daß Thomas unserer

Unterhaltung beiwohnt? Ich pflege sonst den Kreis der Zuhörer selber

zu bestimmen.«

Der junge Beckenried blickte in die Zimmerecke.

»Es entspricht meinem besonderen Wunsch. Er kann nur daraus lernen,

wie ein Mitglied der Familie Vanderwelt sich ~nicht~ zu benehmen

hat. Jawohl, das behaupte ich.«

»Darf ich fragen, um welches Mitglied der Familie Vanderwelt es sich

handelt.«

»Um Juliane handelt es sich.«

»Da bedauere ich recht herzlich. Juliane ist auf dein

leidenschaftliches Begehren vor sechs Jahren aus der Familie

Vanderwelt ausgeschieden, um ohne Aufschub zu einem Mitglied der

Familie Beckenried zu werden. In diesem Falle müßte sich also ein

Mitglied der Familie Beckenried schlecht benommen haben.«

»Es handelt sich hier nicht um Spitzfindigkeiten,« brauste der

Erbitterte auf.

»Nein, es handelt sich in meiner Gegenwart um Ruhe und guten Ton. Wenn

deine Angelegenheit wieder einmal keinen Aufschub verträgt, wie vor

sechs Jahren bei der Kriegstrauung, so nimm Platz und erzähle mir,

durch welche Umstände sich dein Vater ein Gallenleiden zugezogen hat.«

Er wies höflich auf einen Stuhl, und der junge Beckenried setzte sich

widerwillig auf die Kante.

»Darf ich mich jetzt beurlauben,« fragte Thomas Vanderwelt, und über

sein verblaßtes Gesicht lief der Spott.

»Da dein Schwager Klaus dich bestimmt hat, mit einzutreten, so mag er

weiter bestimmen.«

»Ich weiß ja nicht einmal mehr, was ich selber hier soll,« murmelte

der junge Beckenried und hob die Achseln, »nach der geschickten

Wendung, die du dem Gespräch gegeben hast.«

Kornelius Vanderwelt strich sich über die Stirn. Und es war ihm, als

ob er Angelas kühlende Hand fühlte.

»Es freut mich, Klaus, daß du meine Geschicklichkeit, ein Gespräch

ohne Umschweife in die rechte Bahn zu lenken, anerkennst. Du tust es

ein bißchen grimmig. Aber verärgerte Leute haben das Recht des Grimmes

voraus. Also deine Frau hat dir Grund zur Unzufriedenheit gegeben,

und du möchtest meine Erfahrenheit um Rat fragen. Ich bin ganz Ohr.«

»Die schlechte Mädchenerziehung Julianes«, stieß der Erzürnte hervor,

»trägt in der Ehe von Jahr zu Jahr herrlichere Früchte. Ach, was sage

ich! Von Tag zu Tag! Von Tag zu Tag wird ihr Betragen unerträglicher.

Erst hat sie mir das Geld aus der Tasche genommen. Jetzt, da ich mich

vorsehe, nimmt sie es dem Vater. Und gestern --«

»Halt einmal,« ersuchte Kornelius Vanderwelt und winkte mit der Hand

kurz ab. »Die schlechte Erziehung meiner Tochter steht hier nicht

zur Untersuchung, sondern das schlechte Benehmen deiner Ehefrau.

Bitte, ~ich~ habe das Wort, du hast das unfertig erzogene Kind

gewollt, wie es ging und stand und aus der Schweizer Erziehungsanstalt

weggelaufen war. Acht Tage eines ziemlich ungebundenen Zusammenseins

schienen dir vollauf zu genügen, um ihr liebenswertes Gemüt so

schwärmerisch zu ergründen, daß es eine Kriegstrauung auf Knall und

Fall geben mußte. Ich habe dich ernst gefragt und dich ernst gewarnt,

und du hast dich verantwortungsfroh vor mich hingestellt und mir deine

und ihre Vorzüge aufgezählt. Noch höre ich dein Wort im Ohr: ›Herr

Vanderwelt, ich enttäusche Sie nicht‹ und meine Antwortfrage: ›Wissen

Sie denn nach einer wilden Reise von acht Tagen, daß Juliane Sie nicht

enttäuschen wird?‹ Aber mein Rat, das Ende des Feldzuges abzuwarten,

wurde rückhaltlos zur Seite geschoben. Nun ~suchst~ du Rückhalt.«

»Ich suche keinen Rückhalt! Ich ersuche dich um dein väterliches

Eingreifen!«

»Lieber Klaus, das wäre! Eheangelegenheiten liegen immer nur zwischen

zweien. Die seligen Tage wie die weniger beseligenden. Wenn du

einer Frau noch nicht gewachsen warst, so hättest du das Heiraten

unterlassen sollen. Aber keinen Dritten hineinziehen. Keinen Dritten,

wenn dir an Glück und Ehre gelegen ist.«

»Predige es doch deinem Sohn Thomas! Seine Ehre kann es weit mehr noch

gebrauchen als die meine!«

Thomas Vanderwelt zog die Lippen von den Zähnen.

»Ich beklage mich ja auch nicht. Ich belustige mich höchstens. Auch an

dir, teurer Schwager Klaus.«

Kornelius Vanderwelt lehnte sich mit kühler Stirn im Stuhle zurück.

»Die persönlichen Unterhaltungen sind hiermit beendet. Was habt ihr

mir Geschäftliches vorzutragen?.«

Der jüngere Beckenried erhob sich straff von seinem Stuhl, und auch

Thomas Vanderwelt ließ seine Lässigkeit fahren und stand in aufrechter

Haltung vor dem Geschäftsherrn. Das Geschäft regierte die Stunde.

Der junge Beckenried trug die eingegangenen Aufträge vor. Nach jeder

einzelnen Nennung wartete er die Bemerkungen des Geschäftsherrn ab

und machte sich seine Aufzeichnungen. Thomas Vanderwelt berichtete

über das Angebot des Schiffsraumes, nannte die Eigentümer der Kähne

und ihre Forderungen. Dann waren sie entlassen, und Kornelius

Vanderwelt arbeitete für sich, prüfte die Verteilungspläne, Lade- und

Löschzeiten und die Möglichkeiten der Rückfrachten. Oft hob die Hand

den Fernsprecher ab, verhandelte er kurz mit den Werken, Zechen und

Reedereien, rief er die Auftraggeber am Oberrhein, in Holland, an den

Kanalplätzen an und schrieb und rechnete aufs neue. Jeder Gedanke war

scharf auf die Schiffsverfrachtungen gerichtet. Nicht einer sprang ab

und suchte einen Haken auf das persönliche Gebiet zu schlagen. Die

Willenskraft des Mannes hielt sie ans Stichwort gebannt.

Um die elfte Morgenstunde überschritt er den Hafendamm und stand eine

Weile eingekeilt zwischen den angesammelten Schiffern. Hände legten

sich auf seine Schultern, Zurufe wirrten in seinem Ohr.

»Wir finden bei dem Geschäft keine Rechnung mehr, Herr Vanderwelt!

Wenn wir glücklich im Bestimmungshafen anlegen, is et Geld entwertet!

Wat tun wir mit den steigenden Frachtlöhnen, wenn der Geldwert noch

schneller fällt. Dat is Beutelschneiderei! Da soll der Deubel fahren,

aber nich wir!«

»Vernunft behalten!« rief ihnen Kornelius Vanderwelt entgegen, »wenn

der Deubel fährt, könnt ihr die Asche kratzen. Es ist die verfluchte

Zeit, die Beutelschneiderei betreibt, nicht der Handel. Aber es muß

ein Ausweg geschaffen werden.«

»Herr Vanderwelt, Sie haben so oft unsere Sache in Ihre Hände

genommen, helfen Sie uns aus dem Dreck!«

»Wenn ihr Zutrauen zu mir habt --«

»Haben wir alle!«

»Ein weiser Mann hat einmal gesagt: Getretener Quark wird breit, nicht

stark. Und nun laßt mich hineingehen.«

Ein paar Hochrufe erschallten. Und Kornelius Vanderwelt wußte nicht,

ob sie dem Weisen von Weimar galten oder seiner Mittlerperson.

Er betrat die Halle der Schifferbörse und suchte den Vorstand auf.

»Wollen wir keine Stockungen im Handels- und Schiffsverkehr, so

schlage ich die Gutschrift der Löhne in Gulden vor, meine Herren, bis

sich die deutsche Reichsmark wieder sehen lassen kann. Wir stehen

erst am Beginn der Wertsenkung und es wird im Vaterlande ein wüstes

Durcheinander werden. Erhalten wir uns die Kahnführer arbeitsfreudig,

mit einigen Opfern am Kursgewinn kann es geschehen, und die Schiffahrt

wird oben schwimmen, wenn es mit den meisten anderen Unternehmungen

in den dicken Nebel oder jäh in die Tiefe geht.«

Der Vorstand beschloß, sofort die in den Ruhrhäfen verladenden

Firmen und die in den Ruhrhäfen verkehrenden Einzelschiffer, die

›Partikuliers‹, zu einer Börsenversammlung einzuberufen und dem

drohenden Unwetter vorzubeugen.

Die Masse der Schiffer hatte sich noch nicht vom Platze bewegt, als

Kornelius Vanderwelt wieder aus der Halle trat. Die Leute schauten ihn

schweigend, aber mit gekniffenen Augen an.

»Börsenversammlung! Mit abgekürzter Einladefrist!« rief er den

Nächststehenden zu. »Kerle, die in Wind und Wetter ihren Mann stehen,

werden es wohl auch bei dem bißchen Geblase an Land. Also ruhig und

würdig, Leute. Mit dem Koller fährt man auf und mit der Kaltblütigkeit

wirft man das Schiff ins Fahrwasser herum. Wollen mal sehen, was mit

dem holländischen Gulden zu machen ist, he? Die Einzelschiffer stimmen

gleichberechtigt mit den Firmen.«

Die Nächststehenden hatten Satz für Satz weitergegeben. Es wurde

still, und die gekniffenen Augen weiteten sich friedlich. Ein Alter,

der den Bart als Schifferkrause von Ohr zu Ohr trug und baumelnde

Ringe in den Ohren, trat vor und streckte Kornelius Vanderwelt die

rissige Hand entgegen.

»Schönen Dank auch, Herr Vanderwelt. Wir vergessen nix.«

Allein wie er gekommen war, schritt Kornelius Vanderwelt seinem

Geschäftshause zu. Zu Erholungsfahrten war in diesen unruhigen Tagen

nicht die Zeit. Und der Sommer näherte sich schon dem Herbst, bevor

sie wieder hinaus konnten in die Nähe und Weite, die Gefährtin eng an

des Mannes Seite.

Angela Freydag aber hatte längst ihre einstige Schülerin aufgesucht,

und Kornelius Vanderwelt hatte nichts mehr dawider gehabt.

»Du giltst in der Stadt als eine Verwandte, die nach Fräulein

Bilsenbachs Tod mein Hauswesen leitet. Soweit man bei unserer

Abgeschlossenheit überhaupt Vermerk von dir zu nehmen geruht hat. Die

Kinder haben mich noch nicht ein einziges Mal befragt, so sehr sind

sie mit der Fülle ihrer eigenen Angelegenheiten beschäftigt.«

»Ich denke, die Stadt nimmt auch weiter keinen Vermerk von mir. Mein

Tag ist mit dir ausgefüllt.«

»Es liegt im Wesen einer Hafenstadt, Engel, daß man sich die übliche

Neugier ein wenig abgewöhnt, richtiger, daß sie einem abgewöhnt wird.

Jeder Tag bringt hundert neue Schiffe und mit den Schiffen hundert

neue Gesichter. Keiner weiß: Sah ich dies Gesicht schon oder wann sah

ich es zuletzt? Sind es Gäste, Durchreisende, Geschäftsfreunde oder

Angestellte? Und so schwindet die Achtsamkeit schnell.«

Zu einer Vormittagsstunde wurde Juliane Beckenried der Besuch eines

Fräulein Freydag gemeldet.

»Wie sieht sie aus?« fragte sie leichthin und vertraulich das Mädchen.

»Wie eine Dame oder nur wie eine Geschäftsdame?«

»Rechnungen hat sie nicht bei sich, gnädige Frau.«

»Liebes Kind, antworten Sie nächstens genauer auf meine Frage. Ihre

Dummheit in Ehren. Ich lasse das Fräulein bitten.«

Angela Freydag trat über die Schwelle, im schlichten, ruhigen

Straßenkleid. Sie sah nicht das weiße Rokokozimmer mit den farbigen

Bildflecken an den Wänden. Ihre Augen waren verwundert auf die

überschlanke Gestalt im kniefreien, buntseidenen Morgengewand

gerichtet, auf das jungenhaft verschnittene, mit wenigen Strichen

zurechtgekämmte Haar, auf die forschenden Augen mit den fein

nachgezogenen Schattenrändern.

»Sind Sie es, Juliane?«

Juliane Beckenried warf einen flüchtigen Blick auf die Besuchskarte

und trat einen Schritt näher.

»Sie reden mich bei meinem Vornamen an? Haben wir uns denn einmal

gekannt, gnädiges Fräulein?«

»Also ganz in Ihrem Gedächtnis erloschen? Freilich, es sind wohl ein

Dutzend Jahre, und Sie waren noch ein kleines Schulmädchen und sind

heute eine Frau, die wohl selber schon einen kleinen Schuljungen

ausschickt. Ich hieß aber damals, wie ich heute heiße, Angela Freydag,

und erteilte Ihnen ein Jahr lang Klavierunterricht.«

»Ach, Sie sind das? Ich habe vielerlei Klavierlehrerinnen gehabt.

Aber Ihrer entsinne ich mich jetzt. Natürlich, Sie wohnten doch eine

Zeitlang in unserem Hause, wenn ich mich recht erinnere? Ja, doch!

Papa beschenkte Sie zu Weihnachten mit einem ganzen Aussteuerkoffer.

Und ich war furchtbar neidisch.«

»Also das wissen Sie doch noch ...?«

Juliane Beckenried legte den Kopf zurück. Ihre Augen schlossen sich zu

einem Spalt.

»Und nun wollen Sie nachfragen, mein Fräulein, ob ich meinem Sohn

Klavierunterricht erteilen lassen will? Er ist wirklich noch ein wenig

unbedeutend, und die Musik, die Sie lehrten, dürfte auch überholt

sein.«

»Gestatten Sie, daß ich für die kurze Dauer meines Besuches Platz

nehme?« fragte Angela Freydag freundlich.

»Oh -- ganz nach Belieben. Ich erwarte nämlich meine Schneiderin. Das

ist heute eine wichtige Angelegenheit.«

»Nicht wahr? Wichtig und verwunderlich bei den paar Handbreit

Stoffen.«

Sie saß bequem in einem Halbsessel zurückgelehnt und plauderte.

»Nein, Juliane, auf welche Gedanken Sie kommen. Ihr kleiner Junge

hat nichts von meiner Klavierkunst zu befürchten. Ich betreibe sie

sozusagen nur zu meiner und weniger anderer Freude. Beethoven,

wissen Sie, nicht Jazz. Aber das wollen wir ruhig als persönliche

Liebhabereien gelten lassen.«

Juliane Beckenried hatte sich in aufquellender Neugier einen zweiten

Halbsessel herangezogen.

»Oh -- ich habe sehr um Entschuldigung zu bitten. Durch die

Kleidung wird es einem heute so schwer gemacht, eine Dame von einem

berufstätigen Fräulein zu unterscheiden. Denken Sie, ich wurde

kürzlich für ein niedliches Ladenmädchen gehalten und von einem

Ladenjüngling zum Tanz aufgefordert.«

»Hoffentlich haben Sie ihn gebührend in seine Schranken gewiesen.«

»Ach, wieso denn? Der Junge war so belustigend und übernimmt einmal

das Damenkleidergeschäft seines Vaters.«

»Ja, wenn er das tut -- dann ist es freilich eine andere Sache.«

Juliane lachte. Sie wurde nicht recht warm mit der Besucherin, die

selbst beim Scherzen den ernsten Mund behielt.

»Sie befinden sich auf der Durchreise in Ruhrort, Fräulein Freydag?«

»Das wohl nicht. Sowenig wie vor zwölf Jahren. Ihr Herr Vater

behauptet, ein Recht aus einer Verwandtschaft herzuleiten, die uns

von früher verbindet, und hat mich nach Fräulein Bilsenbachs Tod noch

einmal in sein Haus gerufen.«

»Papa sollte uns sein Haus übergeben und eine nette

Junggesellenwohnung beziehen. Dann wäre ihm und uns geholfen und er

brauchte keine Verwandte zu behelligen. Übrigens -- Verwandte? Ich

kenne wirklich keine mehr.«

Angela Freydag sah die Befragerin lächelnd an.

»Die Verwandtschaft liegt wohl schon um ein paar Ecken und Winkel

herum. Aber Ihrem Herrn Vater genügt sie.«

»Der Papa wird alt,« seufzte Juliane, »er täte gut, das Geschäft

langsam in die Hände meines Mannes übergehen zu lassen. Auch Thomas

würde sich freuen.«

»Ich habe Thomas noch nicht wiedergesehen«, sagte Angela Freydag,

»und vermag mir daher ein Urteil über seine Anschauungen noch nicht

zu bilden. Aber ich will gern das Meine tun, in Ihrem Herrn Vater den

Glauben an die Jugend zu erhalten.«

Juliane verstand nicht recht.

»Meinen Sie damit, den Glauben an uns? Dann reden Sie ihm doch zu,

ihn etwas stärker zu beweisen und -- und -- in die Wirklichkeit

umzusetzen. Liebes Fräulein Freydag, wenn Sie meine Freundin werden

wollen -- Sie sehen, ich falle mit der Tür gleich ins Haus -- so

überreden Sie Papa, daß er mir in diesem schrecklich teuren Leben

ein wenig Luft schafft. Ich bin für jede Summe dankbar, die er mir

zuwendet. Am liebsten für ein festes Monatsgeld, damit ich weiß, wie

weit ich springen kann. Und wenn Ihr Sinn einmal aus der alltäglichen

Langweiligkeit hinaus in die Fröhlichkeit reizender junger Menschen

steht, so rufen Sie es mir durch den Fernsprecher zu und ich nehme Sie

mit und führe Sie ein. Es braucht ja nicht gerade Ruhrort zu sein.«

»Bei meinem hohen Alter, Juliane? Wollen Sie mich etwa als Ihre

ehemalige Lehrerin vorstellen?«

»Ach, das wird schon gemacht. Es tun noch Ältere mit, und Sie wirken

ganz jugendlich. Das ist doch heute kein Kunststück.«

»Sehr schmeichelhaft, Juliane. Trotzdem fürchte ich, Sie werden wenig

Ehre mit mir einlegen.«

»Hauptsache ist: bringen Sie recht viel Geld mit. Sie werden es dem

alten Herrn schon abschmeicheln können.«

Angela Freydag erhob sich. Soviel Oberflächlichkeit des Wesens,

soviel einfältige Selbstsucht hatte sie nicht einmal nach Kornelius

Vanderwelts Erzählungen zu vermuten gewagt. Eine Bitterkeit stieg ihr

auf die Lippen, die, stieg sie noch um ein geringes, den ersten Keim

der Feindschaft in sich trug.

»Ihr Herr Vater ist jünger als Sie und ich. Von dem reizenden Kreis

junger Menschen ganz zu schweigen, die nur durch das väterliche Geld

zu ihrem Reiz gelangen. Und er ist auch klüger und wertvoller als

dieser ganze Kreis, denn sonst hielte er nicht mit seinem Gelde und

seinen Gesinnungen zurück. Gehen Sie zu Ihrem Vater, Juliane, und

ergeben Sie sich ihm.«

Auch Juliane hatte sich heftig erhoben. Ein gereiztes Rot stieg ihr in

das hübsche Gesicht.

»Darf ich vielleicht fragen -- was mir denn eigentlich -- die Ehre

Ihres Besuches verschafft?«

»Dazu haben Sie gewiß das Recht,« sagte Angela Freydag und knöpfte

ruhig ihren Handschuh zu. »Ich vermochte nicht zu glauben, daß eine

Tochter so sehr von ihrem Vater verschieden sein könnte, und wollte

versuchen, der Tochter den Weg zur Rückkehr anzubahnen. Ich wiederhole

darum: Gehen Sie zu Ihrem Vater, Juliane, und ergeben Sie sich ihm.«

»Ja, meine hochverehrte Lehrerin, dann hätten wir uns wohl weiter

nichts mitzuteilen.«

»Mögen Sie Ihre Abweisung nie bereuen.«

»Wenn Sie damit sagen wollen, daß Sie im warmen Nest sitzen und Papa

dazu bewegen könnten, sein Testament zu meinen Ungunsten abzuändern --«

»Lassen Sie das!«

Kornelius Vanderwelts Gefährtin · 第 14 / 26 段