Angela.«
»Als du mich auf der Landstraße sahst und mich in deinen Wagen
packtest, Kornelius, sprachst du so übermütig von deinen
Seeräubervorfahren, daß ich dir ebenso übermütig antwortete: ›Die
Meinen vielleicht nicht weit davon.‹ Wer will wissen, was in der
Vorzeit war!«
Und Kornelius Vanderwelt dachte an den sagenhaften
Zweigeschlechterbaum der Menschheit, der ihm schon einmal in seinen
Gedanken erschienen war, als er inbrünstig nach Angela rief.
»Erzähle weiter. Ich lebe ~mit~ dir, als lebte ich mein eigenes
Leben.«
»Es ist so. Die Seelen harfen die Musik, nicht die Hände. Und so ist
meine Seele auf deinen Wegen gefahren.«
»Erzähle von Amerika, Angela. Es ist der zweite Teil deiner
Lebensreife und meiner Wartezeit.«
»So war ich mit dir in Amerika, Kornelius,« vernahm er ihre Stimme,
»und es war gut, daß wir beieinander waren. Erst schwoll mir die Brust
in der unbekannten und verstärkten Lebensluft. Die Menschen erschienen
mir aufrechter im Wuchs, großzügiger im Denken, freier im Verkehr
und jeder Handlung. Die Haltung der Männer der Frauenwelt gegenüber
erfüllte mich mit Bewunderung für die Männer, die Stellung der
Frauenwelt erschien mir so göttlich, daß ich mich meiner Erdhaftigkeit
fast schämte und mich bekümmert fragte, ob ich mit meinen besten
Sonntagsgedanken wohl je einer solchen himmlischen Höhe würdig werden
würde. Ach, mein Erwachen aus Traumland war eine starke Erschütterung.
Es lebte da drüben eben ein jeder sein eigenes Leben, Männlein wie
Weiblein, und sie waren bei Licht betrachtet nicht größer als im alten
Europa und nur so frei, als einer dem anderen die Freiheit ließ.
Die so Aufrechten gingen unterm Joch der Arbeit wie bei uns, die so
Großzügigen kämpften vorher um jeden Dollar, die göttliche Verehrung
der Frau war ein Sport wie hundert andere, und manche der Engel Gottes
schleiften insgeheim die Flügel durch den Staub wie in aller Welt. Es
war nichts mit der ungekannten und verstärkten Lebensluft, wenn man
sie erst genügend eingeatmet hatte, und wenn man in Slawien die Frauen
prügelt und in Amerika mit Weihrauch umwedelt, so ist es nichts als
ein anderer Landesbrauch und beileibe keine seelische Vervollkommnung.
»Ach, meine arme Seele. Wie hat sie frieren müssen, als sie erwacht
war. Wie hat sie nach den warmen Tiefen gesucht und die abgekühlten
Oberflächen gefunden. Wie hat sie nach einem zusammenklingenden
Zweiklang gelauscht, wo jeder mit sich und sich allein beschäftigt
war. Nein, die Menschheit unterscheidet sich nirgendwo. Nur ihre
Gepflogenheiten.«
»Sprich weiter, Angela. Es hört sich dir gut zu.«
»Es mag eine gute Gepflogenheit der Yankees sein, daß sie die
Konzertsäle bevölkern. Es gehört zum guten Landeston. Und so spielte
ich vor vollen Sälen in Neuyork und den großen Städten des Ostens, in
Boston, Philadelphia, Baltimore, und der Erfolg verstärkte sich immer
mehr, je weiter ich und die ruhmredigen Ankündigungen über Chikago
nach dem fernen Westen kamen, nach Los Angeles, San Franzisko und nach
Portland und Seattle im Norden. Und wieder ging es den Mississippi
entlang bis Saint Louis und in den grellen Süden hinein bis zu den
spanisch gefärbten Yankees von Neuorleans. Gott habe ich gedankt,
als ich wieder nach dem Osten kam und den Hafen Neuyorks begrüßte,
denn außer den vielfarbigen Wunderbildern der Natur hatte meine Seele
nichts gewonnen als eine immer größere Leere.
»Da stand ich im Hafen. Heimatselig. Und meine Seligkeit hieß
Kornelius Vanderwelt. Und da war der Weltkrieg, und da war das
Ausfahrtverbot.
»Ach, du, das kann ich dir nicht schildern.
»Hundert Wege bin ich gelaufen, hundert geheime Besprechungen habe
ich abgehalten und Überfahrtspreise in jeder Höhe geboten. Ich mußte
bleiben. Und dann begann die Zeitungspresse ihre Tätigkeit, und in den
Volksmengen fing es an zu quirlen wie in einem gelockerten Moorgrund,
und die Vermittler und Leiter der Konzerte wurden unverschämt, und
die von uns, die sich beugten, wurden gnädig bevorzugt. Nur bei einer
Absage der anderen wurde ich noch zugelassen, und ich spielte in den
Jahren nur noch so oft, daß ich meine Ersparnisse nicht anzugreifen
brauchte, und das war gut so, denn das verhetzte und sich selbst nicht
mehr kennende Amerika sprang in den Weltkrieg hinein.
»Erlaß mir die Schilderung des letzten Jahres. Wir Deutsche wurden
als Gefangene behandelt, und ich gewöhnte mir das Rauchen an.
Tagelang hab' ich geraucht, um über die sehnsuchtswunden Gedanken
hinwegzukommen, die bei jeder Berührung wie Tiere im Käfig schrien,
und über die sehnsuchtswunden Gedanken hinweg zu dir.«
Sie warf den Rest des Tabaks in einen Behälter, wischte sich mit ihrem
Tuch über Fingerspitzen und Lippen.
»Ich bin zu Ende. Von der Heimfahrt weiß ich nichts mehr, als daß
die Wellen schäumten und die Wolken jagten. Das einzige Bild, an
dem ich Gefallen fand. Und daß mich in Hamburg ein Brief meines
greisgewordenen Musikprofessors erwartete, der mir ein Konzert in Köln
anbot. Ich drahtete zurück: ›Angenommen.‹ Plötzlich war mir, als
müßte ich einmal, ein einziges Mal in der großen Öffentlichkeit vor
dir, für dich spielen. Als würdest du kommen. Als würdest du sehen, ob
das entwichene kleine Mädchen Wort gehalten und eine reife Künstlerin
geworden wäre. Und --«
»Und --« wiederholte Kornelius Vanderwelt mit angehaltenem Atem.
»Und ferner wollte ich,« sagte Angela Freydag, ohne zu stocken, »daß
du aus der Menge heraus auch die reifgewordene Frau sehen solltest und
dich fragen könntest: Hat mein Herz noch so schnell geschlagen wie im
Walde?«
»So sicher wußtest du, daß ich kommen würde?«
»So sicher wußte ich es.«
»Und wenn ich nicht daheim gewesen wäre oder krank gelegen hätte?«
»Ich glaube, auch das hätte ich gewußt, und ich wäre zu dir an dein
Bett gekommen. So aber war es schöner.«
Sie atmete tief und wohlig, und ihre Augen lachten ihn an.
»Wie der Seeräuber aus dem Blut deiner Vorfahren kamst du mit dem
Enterbeil auf mein Deck gestürmt, überranntest die Musikanten,
kapertest mich und verschwandest mit der Beute, ohne eine Kielspur zu
hinterlassen.«
»Hat das denn nie ein anderer außer mir gewagt? Hatten denn die Männer
da draußen keine Augen im Kopf?«
»Es hatten da draußen mehr Männer Augen im Kopf, als mir lieb war.
Aber ich hatte ~auch~ Augen im Kopf.«
»Und es fand keiner Gnade vor diesen klugen, grauen Augen?«
Sie schüttelte den Kopf. Das Lachen war verflogen.
»Nicht scherzen, Kornelius. Bitte nicht mit diesem einen Ding. Andere
Männer! Gut, ich will es dir erklären, wenn du so blind oder so
vergeßlich geworden bist. Selbst auf die Gefahr hin, daß du es gern
aus meinem Munde hören möchtest. Andere Männer! Ich kannte keinen,
ehe ich zu dir kam, oder doch nur solche, vor denen ich das Beben
hatte. Du erst hast das Weib in mir geweckt. So zart und sacht, daß es
nicht erschrecken konnte. Du hast das Störrige weich und das Eckige
rund geformt und der Seele ein Haus gebaut, daß sie zum erstenmal
wagte, die Flügel auszubreiten. Jeden Gang meiner Füße hast du richtig
gesetzt, jeden Gang meiner Gedanken höher geleitet. Und das Herz zum
Schlagen gebracht. Wenn deine Hand über mein Haar glitt, wenn deine
Hand über meinen Rücken streichelte, mußte ich die Augen schließen, so
rieselten alle deine Kräfte durch meinen Körper. Und als ich im Walde
sehend wurde und ich den ganzen Reichtum des neuen Lebens gewahrte: du
warst der Schöpfer.
»Andere Männer, Kornelius. Damals in meinem Mädchenüberschwang magst
du mir wie der Ritter Sankt Georg vorgekommen sein. Nun darfst du
lachen. Das erwachte Weib in mir hat es auch getan. Du warst für die
Erwachte der Mann, der einzige, ~der~ Mann.
»So konnte mich keiner da draußen in der Welt überrumpeln, denn meine
Augen hatten von dir das Sehen gelernt. Ungeblendet schaute ich in
jeden hinein, durch jeden hindurch, wie durch ein leeres Glas. Weil
das Mädchen durch dich zum Weibe geworden war und sein Stolz auf deine
Schöpferliebe kein Hinuntersteigen zuließ. Auch nicht zum Scherze.
»Nun hab' ich dir alles gesagt.«
»Und bist zu mir zurückgekehrt, Angela-Engel, ohne Angst?«
»Ich kann kein kleines Liebchen mehr werden, weil ich eine zu starke
Frau geworden bin, Kornelius.«
»So sage mir noch eines, und ich weiß genug für Zeit und Ewigkeit: Wie
lange darf ich dich im Neste halten?«
Angela Freydag legte die Hände im Schoße zusammen. Ihre Augen
wanderten die bildgeschmückten Wände entlang, streichelten im Raum
jedes Gerät, kehrten zurück und lagen voll auf dem Manne.
»Du hast das rechte Wort gewählt, Kornelius. Das Nest. Dies ist
das meine und kein anderes. Die Künstlerin wird zum Winter wieder
ausfliegen müssen, die Angela kehrt immer wieder mit den Schwalben ins
Nest zurück.«
»Es genügt mir,« sagte Kornelius Vanderwelt, »und ich danke dir.«
An die Tür des Arbeitszimmers pochte das Mädchen und fragte an, ob es
das Mittagessen auftragen dürfe.
»Das ist gescheit, Martha. Wir haben Hunger wie die Wölfe.«
Am Arm führte er Angela Freydag ins Eßzimmer hinüber und freute sich
auch hier an ihrer Wiedersehensfreude.
»Dort stand Weihnachten der große Koffer und der kleine Koffer,«
flüsterte sie ihm zu. »Sie sind meine treusten Begleiter geworden.«
»Und in meinem Schlafzimmer steht die alte Reisetasche, die du nicht
von den Knien tatst. Greif zu, Wölfin.«
Da warf sie alle Frauenhoheit ab und aß mit dem Heißhunger des
Mädchens von einst.
»Weil Festtag ist,« sagte er, entkorkte eine edle Flasche und schenkte
die Gläser voll. »Ich trinke dein Wohl in diesem und in jenem Leben,
Angela-Engel.«
»In diesem und in jenem Leben trinke ich das deine, Kornelius.«
Draußen fuhr der Wagen vor. Unbeweglich wartete der Fahrer auf seinem
Sitz.
»Es ist wieder der Wilm von damals, Engel. Aber er kennt dich nicht,
und wenn ich ihn totschlüge.«
»Darf ich mit dir?« fragte sie hastig.
»Wo wäre denn sonst der Festtag, Engel?«
Und sie gingen hinaus und stiegen ein, und Kornelius Vanderwelt gebot
dem Fahrer die Richtung.
Angela Freydag sah das Stadtbild kaum. Sie wartete auf die Landstraße.
Zusammengekauert saß sie in ihrer Ecke, und erst als Städte und Dörfer
hinter ihnen geblieben waren, wurde sie unruhig und rieb die blanken
Scheiben, als wäre es blindes Glas. Keinen Zug verlor er aus ihrem
erregten Gesicht.
»Da ist sie -- die Landstraße! Aussteigen möcht' ich und mit bloßen
Füßen darüber hin und her laufen. Da ist die Ruhr! So silbrig und
rein, als läge kein Ruhrort am Ende ihres Weges. Und da --«
»Da liegt der Wald,« sagte Kornelius Vanderwelt, und seine Stimme
bebte vor Freude.
»Ja, der Wald -- --« sprach sie ihm nach. »Und der Wolkenbruch riß mir
die Kleider vom Leib und das Herz auf die Zunge.«
Ohne sich anzurühren, fuhren sie weiter und fuhren bis Kettwig vor der
Brücke, wo sie wie geruhige Bürgersleute den Kaffee in der blinzelnden
Frühlingssonne eines Gärtchens tranken. Und fuhren am Spätnachmittag
heim und kamen in der Dämmerung an den Hafen.
»Halt, Wilm. Wir steigen aus. Abendessen unnötig. Alles wie immer.«
Der Fahrer grüßte stumm, wendete und fuhr den Wagen nach Hause.
Kornelius Vanderwelt schritt über den Laufsteg zu einem Boot, das in
den Tauen knirschte, und sie folgte ihm. Es war eine zierliche weiße
Motorjacht mit einem Kajütenaufbau, der sich gegen das Steuerrad hin
öffnete und mit Wandschrank, Tisch und Rundpolster ausgestattet war.
»Mein Eigentum,« sagte Kornelius Vanderwelt und wies ihr das Triebwerk
und die Führung.
Der Vorfrühlingsabend hatte seine junge Wärme dem scheidenden Tage
hingegeben, und es wehte frisch über die Rheinwasser.
»Tut nichts. Ich mach' einen Matrosen aus dir, der Wind und Wetter
gewachsen ist.« Und er nahm einen Ölmantel aus dem Schrank, half ihr
hinein und knöpfte ihn ihr bis zum Kinn hinauf zu. Ganz still stand
sie unter seinen Händen. Und die Schirmmütze ließ sie so verwegen auf
dem Kopfe sitzen, wie er sie ihr über die Flechten gezogen hatte. Er
trat einen Schritt zurück und begutachtete sie.
»Wie ein echter und rechter Leichtmatrose schaust du aus. Wie ein ganz
gefährlicher Bursche.«
Sie hob den Kopf und streckte steif die Arme an das Ölzeug.
»Leichtmatrose Engel,« meldete sie. »Zum persönlichen Dienst
angemustert auf Boot ›Kornelius‹!«
»Junge,« sagte er, »wenn dir vielleicht um einen Vorschuß auf die
Heuer zu tun ist --«
»Ich möchte den Baas nicht vorzeitig in Unkosten stürzen.«
»Schlauberger, du willst nur die Zinsen anlaufen lassen.«
»Hat der Baas noch andere Wünsche? Ich kann auch Klavierspielen,
wenn's verlangt wird.«
»Wart's ab, bis wir an Land kommen, du Tausendkünstler. Hier klaviert
der Wind auf den Wellen.«
Er löste die Taue, warf die Maschine an und packte das Steuerrad. Das
Boot trieb vom Steg, stand zitternd unterm Steuerdruck und glitt wie
ein Pfeil von der Sehne. Im schimmernden Rheinwasser arbeitete es
gegen den Strom auf und verschwand in Wasser und Dunst.
»Mach' dich nützlich, Junge! Drück' auf den Knopf links!« Und Angela
Freydag freute sich wie ein kleiner Schiffsjunge, als unter ihrem
Fingerdruck die elektrischen Fahrtenlichter über die Wasserbahn
blitzten. Mit gehöhlten Händen rief sie einem vorüberkeuchenden
Schleppdampfer ihr »Hoiho!« zu und war stolz, als der fremde
Steuermann mit Nachdruck entgegnete.
»Ich hab' ihn zwar nicht verstanden, Kornelius, aber schön war's auf
alle Fälle!«
»Es war eine der landesüblichen Höflichkeiten,« erwiderte Kornelius
Vanderwelt, und der Wind riß ihm die Worte vom Munde. »Die Bedeutung
ist Nebensache. Auf die Gesinnung kommt's an!«
Unter dem breiten Mützenschirm lachten ihre Augen. Ihr Gesicht war vom
Wasserwind gerötet wie das einer Indianerin auf dem Amazonenstrom,
und das geschmeidige Ölzeug schmiegte sich prall um die Linien ihres
Leibes.
»Hei, du mein lieber Schiffsjunge!«
»Hei, du mein lieber Schiffersmann!«
»Ich muß meinem Mund zu tun geben, sonst springt er zu dir hinüber!«
»Steck' dir eine Pfeife an! Rauchen ist das beste Heilmittel! Rauchen
bringt über alles hinweg!«
Er hielt das Steuerrad des brausenden Bootes mit der Linken
und nestelte mit der Rechten die gestopfte Schagpfeife aus der
Seitentasche. Aber wie kunstreich er sich auch mühte, einhändig blieb
er unbehilflich, und der Wind blies ihm wieder und wieder die Flamme
des Streichholzes aus.
»Du pfuschest mir in den persönlichen Dienst, Baas. Gib die Pfeife
her. Ich werde sie dir anzünden.«
Und Angela Freydag nahm ihm die Pfeife aus dem Munde, steckte die
geradgerichtete Spitze zwischen ihre Lippen, wandte sich gegen die
Kajüte und brachte den Tabak zum Glühen.
»Willst du mir wohl die Pfeife nicht ausrauchen, du Unband?«
»Zwei Züge noch. Nein, drei. Ich muß meinem Munde auch zu tun geben.«
Sie trat an ihn heran und steckte ihm die lustig brennende Pfeife
zwischen die Lippen. Und wieder ließ er mit der Rechten das
Steuerruder los und erhaschte ihre Hand und legte sie flach gegen
seine wetterbraune Wange.
»Mein liebes, frohes, frohmachendes Mädchen du -- --«
»Wenn ich das bin, bin ich soviel wie eine Königin.«
»Und ich dein geliebter Untertan.«
»O du geliebter Untertan, wie weise du bist. Ein Untertan, der mein
Geliebter ist, ist mein Herr!«
»Beides sein, Angela-Engel, beides sein! Herr des anderen und Untertan
seiner Liebe! Und das Königreich schließt um uns her alle Tore zu.«
Er gab mit einem kräftigen Druck ihre Hand frei, beugte suchend sich
vor und packte das Steuerrad mit beiden Fäusten, um einen vor Anker
liegenden Schlepperzug zu umfahren. Kreuzend glitt das Boot über den
dunklen Wasserspiegel, und die Stunden rannen.
»Es wird Nacht,« sagte der Steuermann, »und es ist Zeit, umzukehren.
Wende noch nicht den Kopf, Engel. Laß dich überraschen. Das schwarze
Ruhrort ist eine Zauberin und läßt den, der es liebt, das traumhafte
Venedig erblicken.«
Das Boot legte sich schräg gegen das Wasser und beschrieb aufrauschend
einen Bogen. Angela Freydag öffnete den Mund. Sie wollte einen Schrei
ausstoßen und vermochte es nicht. Sie streckte die Arme aus und
starrte mit weitgeöffneten Augen. Ruhrort war versunken. Versunken
mit allem, was im Werktagslicht zu ihm gehörte. Versunken mit den
geschwärzten Giebeln und Schloten und den Kohlenhäfen und den
ächzenden, breitbäuchigen Booten. Und ein Vineta war an seiner Statt
erstanden, aus den geheimnisvoll glitzernden Wassern des Rheins und
der Ruhr, der Hafenbecken und Kanäle aufgetaucht. Tausende von weißen,
Tausende von farbigen Lampen schlangen sich in leuchtenden Gewinden
durch die Luft, überströmten mit Märchenlicht die Mauern, daß sie
wie Paläste schimmerten, schufen aus Schloten ferne Glockentürme,
aus flachen Fabriken morgenländische Festungswerke, rankten sich um
die schlummernden Lastkähne und verzauberten sie in Prunkgondeln
des Dogen, die aufgellenden Harmonikaklänge in sehnsuchtsheißes
Gitarrengetön und die nächtigen Brückenbogen allüberall in
licht-erzitternde Seufzerbrücken der Seligkeit. Und in loderndem
Kranze ringsum, Feuerberge der Sage, spien die Hochöfen ihre Flammen
gegen den purpurgefärbten Himmel.
»Fürstenempfang,« sagte der Mann am Steuer. »Ruhrort begrüßt eine
Fürstin der Kunst.«
»Nein, die Geliebte Kornelius Vanderwelts ...«
Das Boot glitt in den Lichtkreis hinein. Hinter ihm blieb eine
leuchtende Spur. Und es glitt an die Quadermauer des Hafendammes,
stoppte ab und legte am Laufsteg an. Ein Nacherbeben lief durch seine
Glieder.
Kornelius Vanderwelt hatte das Boot am Pflock vertaut und schlang den
Schifferknoten. Er bot der Gefährtin die Hand und half ihr an Land.
»Ach, Engel, du hast noch das Ölzeug an.« Und er öffnete Knopf für
Knopf bis unter das Kinn, und wieder stand sie ganz still unter seinen
Händen.
Als sie durch das Nachtdunkel dem Hause zuschritten, spürten sie
beide, daß ihre Schultern sich suchten.
Das Haus lag dunkel und still. Tiefe Ruhe umfing sie, als sie
eintraten und Kornelius Vanderwelt das Licht aufflammen ließ. Im
Ablegeraum reinigten sie ihre Hände vom Öl und Staub des Schiffes und
betraten das Arbeitszimmer. Im Licht der Lampen stand der Imbiß auf
dem Tisch und wartete der Heimkommenden.
Angela Freydag war es, als hätte sich in dem Dutzend Jahre ihres
Fernseins nichts geändert. Nein -- nichts, nichts.
»Greif zu, Engel, du wirst Hunger haben.«
Sie schüttelte den Kopf. »Iß du --«
Er schenkte zwei Gläser voll Rheinwein. »Mehr kann ich auch nicht. Und
auch das nur, wenn du mir Bescheid tust.«
Sie nahm das Glas aus seiner Hand und ließ es leise gegen das seine
klingen. Und während sie hinter dem schwingenden Klange herhorchten,
der wie ein Gewisper das Zimmer erfüllte, trank ein jeder sein Glas in
langen Zügen leer.
Als sie die Gläser auf den Tisch zurückstellten, berührten sich ihre
Hände. Und so stark schlug die leise Berührung in ihr Blut, daß sie
aufschraken und sich wortlos ansahen, als sähen sie sich so zum ersten
Male. In einem Schrecken, der die Überfülle der Freude war.
Kornelius Vanderwelt sprach zuerst. Er hörte die eigene Stimme wie aus
weiter Ferne.
»Ich muß dir etwas sagen, Angela. Es ist gewiß überflüssig, daß
ich es dir sage, aber es tut dir vielleicht wohl. Als ich dich zum
ersten Male sah, als Glücksritterin auf der Landstraße, gefielst du
mir. Als ich dich zum zweiten Male sah, auf deiner Flucht aus den
›Fünf Erdteilen‹, horchte etwas in mir auf. Als ich dich zum dritten
Male sah, im Walde dich selbst, war eine atemlose Freude in mir. Der
Volksmund sagt: Vor Freud' drückt's mir das Herz ab. Nun sprich du.«
»Ich, Kornelius?«
»Ja du, Angela. Es muß jeder seine Beichte tun.«
»Leg' den Arm um mich, Kornelius, und zieh mich so fest an deine
Brust, daß ich nicht mehr weiß, wo mein Atem endet und wo dein Atem
beginnt, und du hast alle Beichte meines Lebens. In Vergangenheit,
Gegenwart und Zukunft, Kornelius.«
Auge in Auge standen sie, Knie an Knie. Und er umschlang sie so fest,
daß ihr Gesicht weiß wurde und aus dem weißen Gesicht ihr Mund ihm
scharlachrot entgegenleuchtete.
»Dein Herz,« sagte er, und seine Hand lag auf ihrer linken Brust.
»Du drückst mir das Herz ab, du --«
»Wer ist ›Du‹ --?«
»Meine Freude!«
»Und meine Hand hält ~meine~ Freude.« -- --
Es war eine große Feiertagsstille in den beiden Menschen, und die
Feiertagsstille ging durch das ganze Haus. Wunsch und Wille strömten
zusammen zu einer Lebenswelle. -- -- --
7
Keiner von den vielen, mit denen Kornelius Vanderwelt in
geschäftlichem oder geselligem Verkehr stand, die mit ihm arbeiteten
oder mit ihm auf ihre Weise den Feierabend hielten, hatten ihn
seit Jahren so jung und tatendurstig gesehen wie in diesen
Frühlingsmonaten. Sein Auge hatte das alte Feuer zurückgewonnen,
sein Mund die frohe, schlagkräftige Rede, und wenn er um die
Mittagsstunde durch das Gewühl vor der Schifferbörse schritt, aufrecht
in den Schultern und biegsam wie ein Junger, lachte es ihn aus den
verwitterten Gesichtern in vertraulichem Stolze an, und ein Vorlauter
raunte wohl: Kornelius Vanderwelt ist in seine zweite Jugend gekommen.
Der aber, dem das Raunen galt, wußte es besser. Er fühlte es täglich
und stündlich, daß keine zweite, keine Scheinjugend zu ihm gekommen
war und er nicht zu ihr, daß er wieder auf dem Wege seiner ersten und
einzigen Jugend schritt und ihn nicht mehr verlassen würde, bevor die
ewige Nacht es wollte.
Nein, er dachte nicht an die ewige Nacht. Er dachte überhaupt nicht an
Tag oder Nacht. Er dachte nur an das starke Leben, das ihn umfing und
das sich aus dem edlen Ebenmaß der Tage und Nächte zusammensetzte wie
der Körper aus Haupt und Gliedern. Und daß es Angela Freydag war, die
das edle Ebenmaß bewirkte, durch nichts anderes als durch ihr Dasein.
Daß sie da war. Daß sie im Morgen seines Tages stand und im Mittag
und im Abend. Daß sie so sicher und verläßlich da war, wie Morgen,
Mittag und Abend wechselten. Über alle Liebe hinaus war es diese
starke Verläßlichkeit ihres Wesens, die ihm die federnden Kräfte
schenkte. Weil sie ihn des Rückwärtsschauens überhob.
Wenn Kornelius Vanderwelt im Getriebe des Geschäftes der Gefährtin
gedachte -- und er trug ihr Bild im Drang der Kontorarbeit bei sich
und im Getöse des Hafenverkehrs -- so leuchtete sein Inneres wie von
geheimen Lichtern, und eine Wärme floß durch sein Blut, daß er mitten
in Arbeit und Verhandlung die Arme dehnte ...
In den ersten Tagen ihrer Wiederkehr hatte sich Angela Freydag ihr
kleines Reich gerichtet. Kornelius Vanderwelt hatte es lächelnd in
Augenschein genommen.
»Hübsch schaut dein Stübchen aus, Engel. Alles so blank und
säuberlich geordnet, wie die weißen und schwarzen Tasten auf deinem
Konzertflügel. Doch, doch, es ist der deine, der da drüben. Und wenn
du dein Reich nun doch schon mit dem Musikzimmer vergrößern mußt, um
zu dem deinen zu gelangen, so tue ruhig einen Schritt weiter in mein
Arbeitszimmer und nimm die andere Seite des Schreibtisches für dich.«
»Gern, Kornelius, und du sollst nichts von mir merken.«
»Das ist ja eben das Wunderschöne, Engel, daß ich es an der Leere des
Zimmers merken würde, wenn du nicht da wärst.«
»Weißt du auch, daß du mich verwöhnst?«
»Ich weiß nur, daß ich mich verwöhne und daß mir wohl ist, wie nie im
Leben.«
»Wenn es an mir liegt,« erwiderte sie nur und sonst nichts, »sollst du
froh bleiben.«
Und er blieb froh, und sie blieb es mit ihm über alle Maßen. Tief
im Brunnen ihrer Kindheit verschüttete Gaben und Begabungen
tauchten auf, aus den Zeiten, da sie als halbflügges Mädchen für den
kleinen, elterlichen Haushalt einstehen mußte. Wenn der Vater eine
Opernvorstellung leitete und die Mutter, jählings den Nerven folgend,
Haus und Herd im Stiche ließ und dem Manne an der Theaterpforte
auflauerte. Oder aus den Tagen, da der Vater in einer Winkelkneipe
sein Eheelend niedertrank und die Mutter durch die Gassen irrte, um
ihn zu finden und wieder an sich zu ketten. Damals war sie Kind und
Köchin, Hausversorgerin und Helferin in eins gewesen, und während
ihres armseligen, körperlichen Dahinlebens auf der Musikhochschule
waren ihr die bitteren Errungenschaften zum Heil und Segen
ausgeschlagen.