gerade Nase wie ein Ausrufungszeichen deines Willens, dein blutroter
Mund spricht von Liebe und Verachtung.«
»Er verachtet die Schwächlinge, die es dir gleichtun möchten.«
»Wie wunderbar stolz die Liebe spricht. Laß mich weiter sehen. Es ist
noch so vieles. Ich sehe deinen lieben, schlanken Leib, und starkes
Frauentum schwellt königlich, was einmal scheues Mädchentum war. Ich
sehe deine liebe, geliebte Brust, und ich bebe vor Freude. Und ich
sehe deine schlanken Füße und deine noch schlankeren Hände, die ich
über alles liebe, weil sie Leidenschaften entflammen und seligkühlende
Ruhe ausströmen lassen können. Aus den Saiten des Flügels und den
unsichtbaren der Seele. Ich sehe Angela Freydag, wie sie war und wie
sie ist, und nichts hat sich verändert, als daß die Gewißheit des
Weibes das Versprechen des Mädchens übertrifft.«
»Und -- meine Seele -- --?«
»Ich halte Angela Freydags Seele seit einem Dutzend Jahren in den
Händen und habe sie keinen Atemzug lang losgelassen. Es ist eine
Seele, die keine Veränderungen kennt. Ein Zweifel wäre ein Frevel.
Sieh selber nach.«
Und er breitete die Arme aus, und sie warf sich hinein.
»Engel, mein Engel. Ich weiß es, du wirst immer wieder kommen.«
»Ich habe dich nicht eine Sekunde lang verlassen,« stieß sie hervor,
hob ihr Gesicht und zog das seine hernieder.
In die lange Stille schlug eine Uhr. Sie horchte in seinen Armen auf,
und er gewahrte es.
»Sie schlägt nicht für dich und nicht für mich. Heute ist Feiertag.«
»Sie schlug,« sagte sie nachsinnend, »als du mich zum erstenmal in
deinem Hause zur Ruhe brachtest. Hier an diesem Tische gabst du dem
ausgehungerten Mädel zu essen und zu trinken.«
Er stutzte, ließ sie aus seinen Armen los und lachte sie an wie ein
ertappter Junge.
»Angela! Engel! Und heute laß ich dich verhungern und verdürsten. Das
ist Mannesart. Um vier Uhr wirst du aufgestanden sein. Ohne Frühstück?
Ah, einen Apfel. Am Bahnhof in der Morgenkühle eine halbe Stunde auf
den herrlichsten der Liebhaber gewartet. Gut. Weniger gut, daß dich
der herrlichste der Liebhaber zwei Stunden in wilder Wagenfahrt durch
die Lande führt und dir am Ziele ein Schock Küsse anbietet statt eines
festlichen Mahles. Setz' dich nieder und denk nach Frauenart: ›es ist
nur die erste Enttäuschung‹. In zwei Minuten soll im Speisezimmer das
Frühstück aufmarschiert stehen.«
»Kornelius -- bitte hier, bei dir, wie damals -- --«
»Dein Wunsch ist mein Wunsch, Engel,« und er ging zur Tür.
»Kornelius!«
Er wandte sich um, und sie winkte ihm mit den Augen, noch einmal zu
ihr zurückzukommen.
»Ich möchte doch lieber noch einen Kuß von dir haben, Kornelius.«
Und die feierliche Getragenheit der Liebesbekenntnisse ernster
Menschen ging unter im lebendigen Leben.
Das Hausmädchen kam auf Kornelius Vanderwelts Anruf, grüßte freundlich
und deckte den Tisch im Arbeitszimmer.
»Unsere liebe Verwandte, Fräulein Freydag, wird längere Zeit bei uns
bleiben, Martha. Sorgen Sie nach besten Kräften, daß sie sich wohl
fühlt.«
Das Mädchen knixte vor dem Gast, der ihr die Hand entgegenstreckte,
und ging.
»Kein Mensch auf der Erde ist mir so nahe verwandt wie du. Es war
keine Unwahrheit, Angela.«
Sie saßen hungrig und durstig am Frühstückstisch und langten zu. Wie
gesunde Menschen, die dem Tage geben, was des Tages ist. Nur daß der
eine den anderen zu bedienen suchte und ein Wettstreit entstand, den
anderen nicht hungern zu lassen. Dann nannte Angela Freydag den Namen
Fräulein Bilsenbachs, die Namen der Kinder.
»Später, später. Wenn es dir recht ist, kann das Mädchen abräumen.«
»Ich fragte nur jetzt schon, weil ich glaubte, du müßtest zum Hafen
hinaus.«
»Sagte ich dir nicht, du liebe Sorgerin, daß heute Festtag ist? Wir
werden noch genug vom Alltag mitbekommen. Aber ich will deine Sorge
beschwichtigen.«
Er nahm den Hörer des Fernsprechers auf, nannte dem Amt die Nummer.
»Schon zur Stelle, Beckenried? Ach, Sie alter Prahlhans, diesmal war
ich früher auf den Beinen, wenn darin die geistige Überlegenheit
steckt. Was liegt vor? So, so. Aber ich habe heute Wichtigeres, und
an der Schifferbörse können sich heute einmal unsere jungen Leute
die Sporen verdienen. Ja, ja, ich meine die Herren Klaus und Thomas,
die viellieben Schwäger. Was? Wenn sie's nicht können, sollen sie's
lernen. Deshalb schicke ich sie ja hin. Und den Rest werden Sie mit
gewohnter Umsicht erledigen. Auf morgen, Beckenried.«
»Klaus und Thomas? Die viellieben Schwäger?« fragte Angela Freydag.
»Später, später.« Und Kornelius Vanderwelt öffnete die Tür zum
Musikzimmer. »Tritt in dein Reich, Angela.«
Wie mit gefesselten Füßen trat sie ein. Und dann eilte sie auf den
Flügel zu, legte beide Hände auf den Deckel, preßte das Kinn auf den
Notenhalter und starrte geradeaus.
Von der Wand grüßte in unvergänglicher Schöne Hans Deiters'
Meisterbild »Der Reigen«, aus edlen Frauenkörpern gewoben. Leise zog
Kornelius Vanderwelt hinter ihrem Alleinsein die Tür ins Schloß.
Jetzt wandte sie über die Schulter den Kopf nach ihm. »Komm,« baten
ihre Augen.
Er trat hinter sie und legte den Arm um sie. Die Hände auf den
Flügeldeckel gestemmt, drückte sie sich tief in den Arm hinein.
»Hier habe ich dich mir erobert, Kornelius. Und konnte nichts gegen
jetzt.«
»Wir sind beide gereift, Angela. Vielleicht auch in den Ansprüchen
aufeinander. Nenn' du mir dein Wachstum.«
»In der Liebe zu dir! Darin liegt es, darin! In der Liebe zu dir!
Damit ist alles gesagt.«
»Wenn ich mir,« sagte Kornelius Vanderwelt ernst, »nach Ansicht meiner
Mitbürger ein paar Verdienste erworben haben sollte, so habe ich heute
den Lohn erhalten.«
Sie schüttelte heftig den Kopf. In ihre Stirn grub sich, wie in
Mädchentagen, die steile Furche.
»Nein, nein. Was dir die Allgemeinheit schuldet, ist ihre Sache und
geht mich nichts an. Es ist dein Stolz, der dich bescheiden macht.
Und er macht mich mit dir stolz. Aber was ~ich~ dir schulde,
Kornelius -- ach, mir ist die Seele zum Überlaufen voll, und die
Frau sucht vergebens nach Worten, die es dir rückhaltlos aussprechen
könnten und sie doch nicht beschämen, und die Künstlerin kommt sich
neben der Frau ganz armselig vor, daß sie auch ein Wort sagen möchte
und das doch in dieser Stunde so nebensächlich ist, wie draußen das
Wetter.«
»Wie stark und leidenschaftlich du geworden bist, Angela?«
»Geworden? Bin ich es geworden? Ich bin das geworden, wozu du mich
geformt hast. Und nun bin ich nichts als der Dank.«
»Meine alte, junge, ewig gleiche Angela. Das ist das Frauenwunder, das
wir anstaunen und doch nichts anderes ist, als die Wahrhaftigkeit der
Seltenen.«
»Heb' mich nicht zu hoch, Kornelius. Meine Füße stehen so fest auf der
Erde, daß ich die Erde treten kann, wenn ich es will. Und ich will
es, wenn du es willst. Wenn sie uns von unseren Höhen herunterholen
wollen, Kornelius.«
Er strich ihr leise und glättend über das strenggewordene Gesicht, und
sie erhaschte die Hand und drückte sie gegen ihren Mund.
»Setz' dich nieder, Engel. Hier auf die alte Kirchenbank, auf der
wir so oft aneinandergerückt saßen, wenn wir vierhändig ein Werk der
Meister spielten. Heute brauchen die Tasten nicht zu tönen. Heute ist
so viel Gesang in uns selber, daß wir das Handwerkszeug ruhen lassen
können. Sitzt du gut? Lehn' dich nur fest mit der Schulter an. Heute
brauchen wir keine Geheimnisse mehr voreinander zu bewahren.«
In die alte Kirchenbank geschmiegt, saßen sie Schulter an Schulter und
ließen die Minuten rinnen, als wäre der gemeinsame Quell ihrer Stunden
unversieglich. Weil ihr Blut ineinanderrann.
»Wachst du noch, Kornelius?« fragte Angelas Stimme mit einem
schlummermüden Ton.
»Ich höre dir ununterbrochen zu. Erzähle nur weiter, Engel.«
»Ich habe ja gar nicht gesprochen, du. Du hast zu mir gesprochen, und
ich habe kein Wort überhört.«
»Dann, Engel, ist jetzt die Reihe an dir. Und ich will schweigen wie
ein Stummer.«
Eine Weile besann sie sich. Dann war sie wieder in der Welt.
»Ich werde kein Wörtchen überschlagen, wenn du es für wert genug
hältst. Aber vorher sprich mir von deinen Kindern, von Fräulein
Bilsenbach, von deiner Umwelt hier, damit ich weiß, wo ich gehe und
stehe, wenn sie kommen werden.«
»Fräulein Bilsenbach wird nicht mehr kommen, Angela. Sie ist immer
geräuschloser geworden in den langen, heftigen Jahren, und ich habe
sie bei der Hand gehalten, als sie im letzten Sommer starb.«
Angela Freydag saß, ohne sich zu regen, Schulter an Schulter mit
dem berichterstattenden Manne. Hinter ihrer Stirn arbeiteten die
Gedanken und woben das Bild des einsam gealterten Fräuleins aus den
Erinnerungen.
»Sie hatte einen Lohn zu beanspruchen für so viel Unausgesprochenes,
Kornelius. Du hast ihn ihr ohne Zögern ausbezahlt. Als du sie vor der
schwarzen Pforte bei der Hand nahmst und ihr die letzten Schritte so
leicht machtest, daß sie ein Leben aufwogen.«
»Woher weißt du das, Angela?« fragte er erstaunt. »Wie kannst du das
wissen?«
»Ich weiß es, weil ich eine Frau bin und weil ich mich nicht fürchte,
es auszusprechen. Auch ich würde dich lieben, wenn ich alt geworden
wäre und hätte dich jahraus, jahrein vor Augen gehabt. Wie du mich in
deinem Alter noch lieben wirst, wenn du keinen Makel an mir gefunden
hast. So hat dich die einsame Seele des gealterten Fräuleins geliebt,
und es ist nicht lächerlich.«
»Nein,« sagte Kornelius Vanderwelt, »es ist nicht lächerlich. Liebe
ist mehr, als Jugend weiß.«
»Nun sprich mir von der Jugend,« bat Angela Freydag freundlich, »von
deinen Kindern, Kornelius.«
Kornelius Vanderwelt legte die Hand um die Stirn. Unbewußt preßte er
sie zwischen den Fingern, daß sie schmerzte.
»Von meinen Kindern, Angela ... Ganz recht, von meinen Kindern. Ja,
wo soll ich da beginnen und wo enden ... Es sind keine Kinder mehr,
Engel, und es gibt Zeiten, in denen ich mich wundere, daß sie einmal
meine Kinder gewesen sein sollen. Nicht, als ob ich meine Liebe von
ihnen abgezogen hätte. Liebe ist vielleicht ein falsches Wort und
müßte mit Naturtrieb übersetzt werden. Es ist der natürliche Trieb,
der das eigene Blut wittert und sich dagegen aufbäumt, es vor die
Hunde gehen zu lassen.«
Ihre Hand tastete sich in die seine, zog sie von der Stirn, legte sie
auf ihr Knie und hielt sie fest.
»Liebe ...« wiederholte er, und die Wallung seiner Pulse wurde ruhig
unter ihren kühlenden Händen. »Ich habe so viel Liebe in mir, daß
ich meine Kinder lebenslang reich damit machen könnte. Aber Liebe
will erwidert, gewünscht und gewartet sein. Wir sind nicht alle so
anspruchslos wie ein Fräulein Bilsenbach. Nun wohl, Angela, meine
Kinder hatten recht frühzeitig schon das, was sie für Liebe hielten,
für sich selber nötig und ihren mehr oder weniger ergötzlichen
Zeitvertreib. Juliane und Thomas, dein besonderer Freund, wurden
hintereinander kriegsgetraut. Juliane mit achtzehn Lenzen. Thomas in
der stolzen Mündigkeit seiner einundzwanzig Jahre. Nach neun Monaten
pünktlich waren sie Mutter und Vater. Jeder von einem munteren Jungen.
Jetzt sind die Jungen fünf Jahre alt.«
»Wie meinst du, Angela? Ja so, ich habe die Partner vergessen.
Julianes glücklicher Ehegatte ist Klaus Beckenried. Der Sohn meines
knochentrockenen Geschäftsführers. Geschäftstüchtig wie sein
Vater. Infolge des Altersunterschiedes natürlich noch mit einigen
Sehnsuchtsbildern behaftet, die der alte Beckenried längst zum alten
Eisen geworfen hat und die, wie ich fürchte, der junge in nicht allzu
langer Zeit auf denselben Kehrichthaufen werfen wird. Bleibt der
Thomas. Des Thomas glückliche Ehegattin ist Antonie Ausdemwerth, die
Schulfreundin der Juliane. Ich weiß Schönheit zu schätzen, und ich
sehe mit Männeraugen, daß das Frauenzimmer schön ist wie ein lockender
Apfel, fallreif. Aber sie ist immer fallreif, und es lungern viele
unterm Apfelbaum.«
Er schwieg, und dann lachte er hart vor sich hin.
»Meine zornmütige Angela wird denken, die Schwiegerkinder wären die
schwarzen und meine eigenen Kinder die weißen Schafe. Ach, Engel, es
ist nicht so, und wenn ich eine Mohrenwäsche vornähme. Möglich, daß
der junge Beckenried, übrigens ein Mann von einigen dreißig Jahren, zu
früh die leuchtende Hochzeitsweste ausgezogen und sich vom sparsamen
Blut der Beckenrieds erwiesen hat. Zu früh für eine Frau von der
Großdamenhaftigkeit einer Juliane. Sie braucht das Geld, wie andere
die Luft zum Atmen brauchen, und wenn man es ihrer eitlen Putzsucht
vorenthält, so verschafft sie es sich, ohne wählerisch zu sein. Und
ich weiß wirklich nicht, was ich mehr verabscheuen soll: die kühle
Berechnung, aus der sie es tut, oder das geile Sündenblut der Antonie.«
»Damit wären wir beim Thomas, Engel, den du mir immer am ähnlichsten
fandest. Darin, daß er das heimliche Allerweltsdirnchen nicht auf die
Straße warf, nach der sie doch verlangt, darin ähnelt er mir wohl
am wenigsten. Und ebensowenig, daß er aus seiner Schlaffheit eine
Art Sportbelustigung macht, jeden Schritt vom Wege bei seiner Frau
vorhersieht, ihn mit der Gründlichkeit und Ausdauer eines Forschers
verfolgt, zergliedert und zerlegt und sich höchlichst ergötzt fühlt,
wie ein Sieger und Triumphator über die in der eigenen Falle Gefangene
frohlocken zu können.«
»Du siehst, Angela, die Beichte war aufrichtig und vollkommen, und nun
ist mir der Mund trocken.«
»Der Thomas«, sagte Angela Freydag, »weiß nicht ein und aus. Weil er
noch als Junge in die Ehe gegangen ist und sich vom Zeitgeist hat
vorpredigen lassen, die Freizügigkeit von Mann und Frau gehörte zum
guten Ton und wäre ein Erkennungsmerkmal der Freigewordenen. Laß ihn
aus dieser Zeit und ihrem billigen Geist hinauswachsen, und er wird
den Abscheu empfinden wie du und der Sohn des Vaters werden.«
»Wie schön ist meine Angela in ihrer Milde.«
»Weshalb verspottest du mich, Kornelius? Ich kenne doch die Quelle des
Vanderweltschen Blutes, ich kenne doch dich. Und da soll ich glauben,
das Wasser der Bäche tauge nichts? Wind und Wetter können es getrübt,
können es sogar verschlammt haben, aber das klärt sich, wenn die warme
Sonne wieder scheint. Es war viel Wind und Wetter in Deutschland.«
»Ich verspotte dich nicht. Ich muß nur immer wiederholen: wie schön
ist meine Angela in ihrer Milde.«
Ihre Augen färbten sich dunkel. Über den tiefen Grund liefen
leuchtende Funken.
»Ich hatte es als Spott empfunden. Du bist erfahrener als ich in allen
Dingen, und der Spott wird bei dir zum Lächeln und Belächeln. Ich bin
noch nicht so weit wie du, und es ist gewiß Frauenart, daß wir hassen,
was ihr mit einem Lächeln abtut. Kornelius, du sagtest mir einmal, mit
einem Ziegelstein schlügst du den Menschen tot, der nach mir schielte,
und wenn du ihm nach bis Australien müßtest. Und da hältst du mich für
kleiner, obwohl ich inzwischen um einen Fuß gewachsen sein soll? Ich
bin so milde, Kornelius, daß ich jeden, der dich oder deinen Namen
beleidigen möchte, mit diesen Händen zerreißen würde.«
Er griff nach ihren Händen, die sie in Erregung schüttelte, und zog
sie an seine Lippen.
»Glücklicher Kornelius Vanderwelt.«
Sie sah ihn an. Und als sie sah, daß der Ernst aus ihm sprach, legte
sie den Kopf ruhig an seine Brust.
»Wohnt Thomas nicht mehr im Hause? Und Juliane?«
»Thomas haust in der Wohnung seiner Frau, die bei ihrer törichten
Mutter lebt. Und Juliane ist von ihrem zürnenden Mann in das Haus des
Vaters Beckenried verbracht worden, damit ihre Geldangelegenheiten
unter doppelter Aufsicht stehen. Mögen sie sich zurechtfinden. Wie man
sich bettet, so muß man liegen.«
»Welchen Beruf haben die Männer? Können sie ihre Frauen mit ihrer
Arbeit ernähren?«
»Ach, Engel, sie haben den Beruf, meine Geschäftsnachfolger zu werden.
Das ist vielleicht nicht der schlechteste Beruf. Sie arbeiten auf
meinem Kontor und gehen heute zum erstenmal auf die Schifferbörse,
um die Flagge des Hauses Vanderwelt zu zeigen. Ob aber ihre Arbeit
ausreicht, um ihre Frauen zu ernähren, das glaube ich nie und nimmer.«
»Und wenn du ihr Gehalt steigertest, Kornelius?«
»So würden ihre Frauen ihre Forderungen an die Männer um das Dreifache
steigern. Ausprobiert, Angela.«
Sie ließ den Gesprächsstoff fallen. Sie fühlte, daß sein Stolz mehr
litt, als er zeigte. Nur eine Frage wagte sie noch.
»Und Justus? Du sprachst mir noch nicht von deinem Ältesten,
Kornelius.«
»Ja, Justus -- --. Es wär' mir lieb, ich erführe selber mehr von ihm.
Du weißt es, er hatte einen hochfahrenden Sinn. Aber in guten Zeiten
wäre bei seinen raschen Aufnahmefähigkeiten wohl ein Großer aus ihm
geworden, wenn auch ein herrischer. Für die schlechten Zeiten aber war
seine Anschauungswelt nicht gewappnet, und der Ausgang des Krieges hat
ihn zu einem Zerrissenen gemacht, der bald hier, bald dort, wo in den
Ostländern um Rußland herum eine Flamme auflodert, dabei sein muß, um
zu versuchen, sich und die Welt wieder zusammenzuflicken.«
»Er schreibt dir wenig?«
»Zuweilen wie ein Held, zuweilen wie ein Verzweifelter. Das ist heute
die marktgängige Mischung unter den Entwurzelten, die so leicht das,
was dem Vaterland frommt, mit dem, was ihnen selber frommen würde,
verwechseln und darum keine Geduld und keinen Blick für den ›Wechsel
auf Sicht‹ haben.«
»Hilfst du ihm, wenn er ruft?«
»Fragt das meine Angela?«
»Verzeih mir,« bettelte sie, »es war nur ein Vergreifen im Wort. Ich
wollte fragen, ob er dich zur Hilfe ruft.«
»Der Held nie. Der Verzweifelte immer. Dann fragt der Vater nicht
lange, ob es zu vaterländischen Zwecken oder zu eigenen geschieht, und
er hilft. Ich sagte dir schon, es ist der Naturtrieb, der das eigene
Blut wittert.«
Sie strich ihm mit den Fingern durch das Haar. Hin und her, her und
hin.
»Nicht böse sein, Kornelius, daß ich dir diesmal nicht glaube. Nein,
nicht böse sein. Dein Naturtrieb ist ja die Güte. Das hab' ich ja an
mir selbst verspürt, als ich hageres und mageres Menschlein durch den
Straßenschmutz zu dir kam. Alle starken Menschen sind gütige Menschen,
sonst gäb's ja keinen Weg zu ihrer Welt. Und dein Sohn Justus brauchte
nicht dein Sohn und könnte ein Niemandssohn sein, und du würdest ihm
helfen, wenn er dich beim rechten Namen rief.«
»Ich habe ihn mehr geliebt, als ich es aussprechen kann,« sagte
Kornelius Vanderwelt leise. »Denn wie du in Thomas, so habe ich in
ihm mein Ebenbild erhofft. Und nun wird meine Eitelkeit mit einem
arbeitsunlustigen Landfahrer gestraft.«
»Es ist noch nicht aller Tage Abend, Kornelius.« Und sie wiederholte
es: »Es ist noch nicht aller Tage Abend,« bis das Streicheln ihrer
Finger alle Schwere aus seinem Haupte hinweggenommen hatte.
»Darf ich mir eine Zigarre anzünden, Engel? Du siehst, ich streiche
die Jahre aus und behandle dich nicht als feierlichen Gast.«
»Das erst macht mir den Festtag, daß du mich nicht feierlich nimmst.«
»Wollen wir wieder in mein Arbeitszimmer? Komm, Engel. Feierlich,
sagst du? Feierlichkeit ist der Tod der Natürlichkeit und damit aller
Menschenfreude. Das hat mir als Kind den Sonntag so zuwider gemacht,
daß ich im feierlichen Zuge mit zur Kirche schreiten, mit feierlichem
Gesichte bei Tische sitzen, in feierlicher Haltung am Spaziergang
der Erwachsenen teilnehmen mußte und was sonst noch alles. Als ob
der liebe Gott gestorben wäre und nicht auf seinem Sonntagsthron aus
Sonne, Mond und Sternen säße und Ausschau hielte, ob sich auch seine
Menschen aus Leibeskräften über ihre Erde freuten! Rauchst du?«
Sie waren in sein Arbeitszimmer hinübergegangen, und er wies auf die
Zigarrenkisten und Zigarettenschachteln. »Nun?« fragte er.
»Ich muß dir ja doch«, erwiderte sie mit rotem Kopf, »mein Laster
eingestehen. Als ich durch den Ausbruch des Weltkrieges in Amerika
zurückgehalten wurde, ganz besonders aber, als auch Amerika in den
Krieg eintrat und wir, die ihr Deutschtum nicht verraten wollten, als
Gefangene behandelt wurden, da hab' ich mir das Rauchen angewöhnt, um
über das endlose Warten und das noch endlosere Wandern der Gedanken
hinwegzukommen. Wenn ich rauchte, wurde es ruhiger in mir. Aber wenn
du es bei einer Frau nicht gern siehst, kann ich es unterdrücken.«
»Wozu die Entschuldigungen, Engel? Wer weiß, ob du nicht mal wieder in
Gefangenschaft gerätst und das Rauchen brauchst.«
Sie wählte eine Havannazigarette mit einem Tabakdeckblatt.
»Erschrick nicht zu sehr, Kornelius. Die Papierzigaretten sind mir zu
verschwommen.«
Er reichte ihr Feuer und lachte ihr in die Augen.
»Ich hab's mir fast gedacht. ›Entweder -- oder!‹ lautet die Losung bei
Angela Freydag. Wie schön du erröten kannst.«
Sie ließ sich in einen der tiefen Ledersessel nieder und rauchte
in ruhigen Zügen. Und Kornelius Vanderwelt saß ihr gegenüber und
sah durch den feinen Rauchschleier seiner Zigarre ihr Bild wie aus
Nebelfernen zu ihm hinüberlangen.
»Nun bist du für deine Erzählung aus fernen Weiten in die rechte
Beleuchtung gerückt. Nun erzähle du, Angela.«
»Muß ich vom Tage meines Abschieds an beginnen, Kornelius?«
Er nickte. »Seitdem du von mir gingst, Engel.«
»Ich hinterließ dir einen Brief, als ich ging. Darin schrieb dir das
Mädchen sein Weshalb.«
»Der Brief des Mädchens ruht in des Mädchens alter Reisetasche, die
sie mir einmal als Weihnachtsangebinde auf mein Zimmer stellte.«
Eine Weile blieb es still im Sessel Angela Freydags, und der Lauscher
hörte nur einen tiefen Atemzug.
»Ich kehrte nach Köln zurück,« begann die Stimme aus der Nebelferne
der Erinnerungen heraus. »Ich nahm die Stunden mit verdoppelten, mit
verdreifachten Kräften auf. Ich war von dir gegangen, nein, vor mir
selber davongelaufen, weil ich so stolz auf dich und deine Hinneigung
zu mir war, daß ich nicht nur dein kleines Liebchen werden wollte.
Denn so wäre es geworden, Kornelius.«
Diesmal war es die Lauscherin, die aus dem Sessel Kornelius
Vanderwelts nur einen tiefen Atemzug vernahm.
»Der Professor nahm mich mit Freuden als seine Meisterschülerin.
Das Geld, das ich mir in deinem Hause erworben hatte, reichte bei
richtiger Verwendung für zwei Jahre aus. Anschaffungen zu machen,
hatte ich nicht nötig. Du hattest mich zu Weihnachten und zum
Geburtstag für den Alltag und die ersten Konzertreisen überreich
ausgestattet. So konnte ich mich ohne Hemmungen meiner Arbeit
hingeben.«
»Es war nicht ganz so leicht, wie es heute scheint. Aber du halfst
mir, Kornelius. Auch wenn der Lehrer liebenswürdiger werden wollte,
als der Unterricht verlangte. ›Nicht,‹ sagte ich, ›ich bin heimlich
getraut. Der Mann, der mich in seinen Händen hält, kann Hufeisen
zerbrechen.‹ Da beließ er es beim Unterricht.«
Kornelius Vanderwelt sprach kein Wort. Ihm fielen die Verse ein vom
Reiter auf dem Bodensee. Mit keinem Gedanken hatte sein sicherer Sinn
an eine Gefahr gedacht.
»Nach einem Jahre«, fuhr die Erzählerin fort, »durfte ich zum
erstenmal öffentlich spielen. In einem Kurkonzert der verträumten
Badestadt Honnef am Rhein. Es gelang über Erwarten. Der
kunstverständige Arzt des Städtchens schrieb in seiner Besprechung
von einem Licht auf einem hohen Berge. Dieses Licht wollte ich nun in
die Täler der Menschen tragen. So spielte ich im folgenden Winter zum
zweitenmal in Koblenz, und der verstärkte Erfolg führte mich bald nach
Mainz und nach Mannheim, nach Karlsruhe und nach Basel. Damit war ich
im Auslande.
»Gewiß, es war die kleine Schweiz. Aber in Zürich schon spürte ich,
daß sich hier alle Völker ein Stelldichein geben, und in Lausanne und
Genf vernahm ich die Stimme Frankreichs, und ich folgte ihr nach Paris.
»Nach Paris. Wie habe ich die Augen, wie habe ich die Ohren, wie habe
ich alle Sinne geöffnet, um alles in mich hineinzutrinken, was die
Stadt an Kunst mir bot. Alle die ungezählten Möglichkeiten, die sie
dem Lernbegierigen hinhält zum Wachsen und Werden, und die mit jedem
neuen Tage wechseln und neue Weiten bieten.
»Und wieder standst du neben mir, Kornelius, und hieltst mich bei der
Hand. Und ich wußte Tag und Nacht, warum ich hier sei.
»In Paris spielte ich zuerst in einem Konzert der Meisterschülerinnen,
dann zu mehreren Malen in der größeren Öffentlichkeit, und wurde nach
London eingeladen zu einem großen Konzert in der ›Albert Hall‹. Von
hier aus ging die Fahrt geradeswegs nach Amerika.«