Beckenried, mit einer verlegenen Lässigkeit in Wort und Gebärde der
Unteroffizier Vanderwelt. Das erste Wiedersehen mit ihren Frauen
blieb ohne Zeugen. Dann hatte die Welt das Wort. Mit der Miene leiser
Selbstverspottung ließ sich Thomas Vanderwelt von seiner Frau ins
Schlepptau nehmen. Seiner Jugend wollte die Rolle als Vater ein wenig
lächerlich erscheinen, und seine Hagerkeit im verblichenen Waffenrock
stach ihm allzusehr ab von der körperlich so wohlgepflegten und in
Kleidung und Gebaren das Aufsehen herausfordernden jungen Dame, die an
seiner Seite weniger die Frau des Mannes als die Zugehörige zu einer
der bekanntesten Familien der Stadt hervorzukehren wußte. Lieber als
er gekommen, kehrte er ins Feld zurück, während der Schwager Klaus
Beckenried, in Unruhe aus seiner männlichen Sammlung herausgerissen,
eine Verlängerung seines Urlaubs beantragte, um die Übersiedlung von
Frau und Kind in das väterliche Haus zu bewerkstelligen und die Fülle
der Rechnungen zu prüfen, die er auf dem Tische seiner Frau Juliane
vorgefunden hatte.
»Wenn dein Sinn nach einem Dienstmädchen stand, hättest du deine Augen
nicht zu den Vanderwelts erheben sollen, mein lieber Klaus.«
»Wir dienen alle, Juliane. Mach' mir die Dienstmädchen nicht
verächtlich, wenn du ihnen die Arbeit nur deswegen aufbürdest, um im
Nichtstun feiern zu können. Wer eine Ehe schließt, muß erwerben wollen
und nicht verschleudern.«
»Lieber Klaus, du bist fast zehn Jahre älter als ich, hast dich zur
Genüge in der Welt herumgetrieben und des Schönen so viel erlebt, daß
du satt bist. Ich aber spüre jetzt erst den rechten Hunger. Und das
Verlangen, ihn an allem, was ich schön finde, zu stillen, lasse ich
mir von meinem Manne wirklich nicht nehmen.«
»Ich bin weder satt, noch habe ich in meinem Arbeitsleben genug
an Schönem erlebt. Ich will es an dir und mit dir erleben. Die
Gemeinsamkeit ist die tiefste Erfüllung der Ehe.«
»Leg' den ererbten Krämer ab, und du wirst die bezauberndste Frau
haben.«
»Juliane,« fragte der ernste Mensch mit ruhelos forschenden Augen,
»weshalb hast du mich eigentlich zum Manne gewollt?«
Sie hielt ihm neckend die Augen zu.
»Weil du ein stattlicher Mann bist und wir beide das schönste Paar
abgeben.«
»Deshalb -- -- --?«
Und auch Klaus Beckenried kehrte zu seiner Truppe zurück, in die
Einsamkeit und in die Entbehrung.
Aus einem heißen Hoffnungsjahr in das andere sprang der Weltkrieg,
und nur wenige Male kehrten die jungen Väter auf Urlaub bei ihren
Frauen ein, um ihre Enttäuschungen spöttisch oder erregt in ein
neues Hoffnungsjahr des Krieges hineinzutragen. Es wurde kein frohes
Familienfest mehr in den verschwägerten Häusern begangen. --
Im letzten Kriegsjahre ging es auch mit den Kräften des vorzeitig
gealterten und gänzlich ermatteten Fräulein Bilsenbach zu Ende. Die
Füße trugen sie nicht mehr aus ihrer Stube heraus. Ein kleines noch,
und die Füße konnten aus dem Bette nicht mehr den Boden gewinnen. Da
gab sie nach.
Nie war Kornelius Vanderwelt im Geschäft, im Hafengetriebe, in den
Versammlungen notwendiger gewesen als in diesen Tagen. Aber er
brach seine Arbeiten ohne zu zögern ab, ließ den alten Beckenried
die laufenden Geschäfte betreiben, lud die Sorgen um das Gemeinwohl
auf andere kräftige Schultern und saß bei der Sterbenden. In ihrem
altjüngferlichen Stübchen saß er und an ihrem Altjungfernbette und
hielt ihre dürre Hand.
»Liebe, alte Freundin ...« sagte er. »Liebe alte Freundin -- mit
dem Krieg geht es zu Ende. Anders, als wir es vor vier Jahren in
der Aufwallung der Gemüter ahnen konnten. Wir wollen nicht darüber
sprechen. Wir wollen unsere Toten begraben und so nahe zusammenrücken,
daß sich die Reihen wieder schließen. Ich bin immer ein Mann des
Zukunftsglaubens gewesen und durfte es, weil ich in Ihnen die beste
Hüterin meines Hauses wußte.«
Sie lehnte mit einer matten Kopfbewegung ab und sprach leise und
angestrengt aus den Kissen heraus.
»Das liegt dahinten, Herr Vanderwelt. Es ist das alte Haus nicht
mehr. Die Kinder haben es verlassen, und der Hausherr braucht für die
Einsamkeit eine andere Hüterin.«
Er schüttelte lächelnd den Kopf und streichelte so lange ihre Hand,
bis sie ruhig in der seinen lag.
»Nein, der Hausherr braucht keine andere Hüterin. Die Hüterin sind und
bleiben Sie. Nicht aufbegehren. Hätte ich Sie nicht gehabt, die den
Hausfrieden hütete, woher hätte ich die Ruhe und die Spannkraft zu
allen meinen Arbeiten da draußen nehmen sollen. Wenn man mir einmal
einen Denkstein setzt, Fräulein Bilsenbach, muß Ihr Name mit darauf.
›Hier ruht im Tode sanft Kornelius Vanderwelt, weil seinem Leben
Auguste Bilsenbach die nötige Ruhe schuf!‹«
Sie zog, wie erschrocken, die Augenlider hoch, als er ihren Vornamen
nannte. Und dann griff ihre Hand in die seine.
In den wenigen Tagen, die noch folgten, sprach er mit ihr von nichts
als den heiteren Tagen der Vergangenheit. Er erzählte von Justus, dem
ältesten, der im Kriege ein so draufgängerischer Offizier geworden
war, wie er sich schon als Knabe der Schulmeister erwehrt hatte. Er
erzählte von Thomas, dem frühbegabten, der so zierlich den Weltmüden
zu spielen wußte, bis jählings die Urnatur über den Weichling zu
siegen strebte. Er erzählte von Juliane und ihren Zickzacksprüngen,
den Schularbeiten und Klavierstunden aus dem Wege zu gehen und
doch die erste Geige zu spielen. Nicht immer leicht wurden ihm die
Erinnerungen, da die Gegenwart verschärftere Bilder vor seine Augen
stellte. Aber er erzählte, weil es der Erschöpften wohl tat, den
Geschichten aus fröhlicheren Tagen zu lauschen, und sie den Abgesang
ihrer Jugend im verklärten Schein darin wiederfand.
Es war in der Nacht, und der Puls der Sterbenden flatterte noch einmal
auf.
»Herr Vanderwelt -- ich bin ganz klar. Es war doch schön -- bei Ihnen
zu leben -- bei Kornelius Vanderwelt. -- Aber das schönste von allem
-- ist doch -- bei Ihnen zu sterben. -- Ganz allein -- bei Ihnen -- --«
Er drückte ihr die Augen zu, legte ihre Hände zusammen und in die
gefalteten Hände ihr geliebtes Gesangbuch. Und während er sie
betrachtete, wurde ihm zum Wissen, was er der eingeengten Welt
dieses gealterten und in ihrem Pflichtleben geräuschlos gewordenen
Menschenkindes bedeutet hatte, daß eine Liebe aus seinem Leben
fortgegangen war und daß er die Einsamkeit spürte wie eine würgende
Hand.
Er beugte sich tief über die Tote hinab und streichelte ihr erkaltetes
Gesicht. -- --
Mit dem Ausgang des Krieges hatte das erschöpfte Fräulein Bilsenbach
ihren Ausgang gehalten. Millionen von Männern fluteten zurück aus
allen Heerlagern der Welt. Kornelius Vanderwelts Haus wurde nicht
voller davon. Justus, der älteste, war heimgekehrt, zornbebend
über die deutsche Schmach, und hatte nach Tagen schon in jagender
Unrast das Vaterhaus und die Vaterstadt wieder verlassen. Zu neuem
Soldatendienst irgendwo. Zu neuem Handeln, neuem Sicheinsetzen und
Sichausleben, statt der Unerträglichkeit dieser faulig stinkenden Ruhe.
Und Thomas war heimgekehrt, hohnvoll bis in die Mundwinkel, und hatte
sich im Hause der kränkelnden Frau Ausdemwerth, in den duftenden
Zimmern ihrer lebenslustigen Tochter, seiner, ja seiner Frau,
niedergelassen wie ein angeketteter blinzelnder Sperber.
Und auch Klaus Beckenried war heimgekehrt in sein väterliches
Haus, zu der Schönheit seiner Juliane und ihrer kühlrechnenden
Vergnügungssucht, und aus dem begeisterten Verehrer war ein stiller
und in sich gekehrter Ehegatte geworden. Keiner von ihnen allen dachte
anders an Kornelius Vanderwelt, als wenn die leibliche oder geistige
Not ihn trieb.
Kornelius Vanderwelt fror in der Einsamkeit seines Hauses, und die von
Tagedieben und Großmäulern überfüllten Kneipen ekelten ihn an. In den
›Fünf Erdteilen‹ saß er wohl an seinem Ecktisch und trank, aber er
tat es Nacht für Nacht ohne Gesellschaft, und die Zudringlichkeit der
platten Burschen wagte sich an die Kälte seiner Augen nicht heran.
Oft saß er und las die Zeitungen, die er zur Ausfüllung der leeren
Stunden von daheim mitgebracht hatte, und es wurde Frühlingsbeginn,
und er las in der Zeitung ~ihren~ Namen.
~Angela Freydag~ ...
Angela Freydag war in Deutschland gelandet und zeigte im Kölner
Gürzenichsaal ihr erstes Konzert an. Angela Freydag war in Rufnähe,
und sie rief ihn: Komm und sieh, ob mein Maß ausreicht.
Und wieder merkte Kornelius Vanderwelt, daß er in kurzen Stößen vor
sich hin lachte. »Engel, du findest mich beim Matthes. Beim Matthes,
Engel, und doch so gut wie auf deinem Grund und Boden.«
Und dann verließ er augenblicks die Wirtsstube und stand barhäuptig am
Hafen, und der nächtliche Frühlingswind ratterte und knatterte in den
Zeitungsblättern, die er in der Hand trug.
Angela Freydag ... Angela Freydag ist heimgekehrt aus Amerika ...
Angela Freydag spielt morgen für Kornelius Vanderwelt im Gürzenichsaal
zu Köln. -- --
Diesmal mußte er es zweimal sagen: »Los, Wilm. Wir fahren nach
Köln.« Dann hatte der Fahrer begriffen, und er steuerte stumm in den
weichen, regenwolkenverhangenen Märzabend hinein, der den Geruch von
junggewordener Erde trug. Über Düsseldorf ging die Fahrt, und bevor
zwei Stunden vorüber waren, hielt der Wagen vor einem Gasthof der
turmreichen Domstadt, und der Fahrer wandte sich fragend um.
»Gut, Wilm. Hier oder anderswo. Wir bleiben über Nacht.«
Er ließ seinen schmalen Reisekoffer auf sein Zimmer bringen, folgte
ihm nach und kleidete sich um. Kurz vor acht Uhr schritt er zu Fuß
dem Gürzenich zu und suchte in dem dichtgefüllten Saale seinen Platz.
Die Künstlerin, so besagten die Ankündigungszettel, spielte mit der
auserlesenen Schar des städtischen Orchesters.
Schon harrten die Musiker auf der Empore, die zuvorderst den mächtigen
Konzertflügel trug. Ein paar prüfende Geigenstriche, ein paar
verklingende Flötentöne, und im Saale erlosch das Licht, und nur die
Empore lag wie eine Insel der Verheißung in strahlender Beleuchtung.
Das Raunen und Rauschen im Saale machte feiertäglicher Stille Platz.
Durch die Gasse der Musiker schritt der große Kapellmeister. Am
Arme führte er eine hochaufgerichtete, kraftvolle und biegsame
Frauengestalt, und wie sie an den Flügel trat und vom Begrüßungssturm
umwogt den Kopf neigte, sprang Kornelius Vanderwelt ein Schrei auf die
Lippen, den er nur mit verhaltenem Atem zu bändigen vermochte, und er
murmelte in sich hinein: »Die Angela. Die Angela. Guten Abend, Engel.«
Sie saß am Flügel, den strenggeschnittenen Kopf lauschend vorgeneigt,
fast als ob sie schliefe. Von den nackten Armen waren die Ärmel
zurückgeworfen. Der seidene Kleiderrock ließ das Bein mit der schmalen
Fußfessel frei. Und plötzlich zuckte die Frau auf, und Kornelius
Vanderwelt gewahrte ihre Hände, die Hände, die er unter tausenden
und im Dunkel der Nacht erkannt haben würde, weil sie für ihn Gottes
auserlesenstes Kunstwerk waren. Ein Anschlag auf den Flügeltasten,
ein hinströmender Laut, der die Seelen aufschreckte und sie aus dem
Erdendunst aufwärts riß in die Bezirke der Riesen und Gottmenschen.
Von diesem Augenblicke an hörte Kornelius Vanderwelt nichts mehr.
Nicht ob Beethoven sprach oder Brahms, nicht ob Mozart oder Händel.
Daß es die alten, heißgeliebten Klänge aus dem Musikzimmer zu Ruhrort
waren, was ging es ihn an? Er hörte nicht mehr mit dem Gehör, er
hörte nur noch mit den Augen. Ihre Hände, die sich sprungbereit
bäumten und klingende Quellen aus den Felsquadern der Meisterwerke
schlugen. Ihre zärtlichen Finger, die den Odem Gottes über die Tasten
fächeln lassen konnten. Ihre schlankgerundeten Arme, die in Pausen
niederhingen, als sögen sie die Kraft aus geheimnisvollen Tiefen, und
sich jählings streckten und hoben und wie im jubelnden Mitklang die
Höhen meisterten. Und er hörte mit den Augen die Dehnung der schlanken
Fessel, wenn die Fußspitze das Pedal suchte und ließ, die Kraft der
weißen Schultern, die Schmiegsamkeit des Frauenleibes, den Drang der
Brüste, die ihr Herz umschlossen. Und auch dies Hören verlor er, denn
seine Augen waren sehend geworden.
Denn seine Augen hatten Angela Freydags große graue Augen gesehen,
wolkenverhangenes Liebesland, jetzt von Sonne durchzittert, jetzt von
Funken erfüllt wie von jäh über den Himmel springender Blitze Triumph.
Die Pantherkatze, lachte es in Kornelius Vanderwelts Seele. Nein, fort
mit dem Bild. Es ist die Wölfin, die vor den Augen des Gefährten jagt.
Die Wölfin im Engel der Liebe. Hussa, Horrido!
Aus -- --!
Sie saß mit schlaff herniederhängenden Armen, ein unerklärliches
Lächeln um den festgeschlossenen Mund. --
Hatte die Menschen um ihn her der Irrsinn gepackt? Was tobte die Meute
wie beim Halali der Jagd? War er nicht allein im Saal, er, Kornelius
Vanderwelt, für den die Naturgewalten gejauchzt und gejubelt, gestürmt
und geschrien hatten, um die Lüfte zu klären und das Herz zur Ruhe
der Seligen zu bringen? Was wollten die Menschen um ihn her, die
aufgesprungen waren, während er saß und in den wiedererleuchteten
Saal hinein erwachte, daß sie im tobenden Beifall die Hände
zusammenschlugen? Ach, es galt der Künstlerin, die so meisterhaft
gespielt hatte und sich jetzt vor der Vielheit der Menschen erhob und
sich verbeugen mußte, wieder und wieder, als dankte sie der tobenden
Vielheit.
Nein, Herrgott, nein! Es war nicht die Künstlerin, die er vor der
blendenden Rampe der Empore sah. Es war ja Angela! Angela war es,
die die Vielheit nicht gewahrte, weil sie für den einen gespielt
hatte. Sie schüttelt den Kopf. Sie kann nicht mehr zugeben. Sie mag
die billigen Zugaben nicht. Sie verbeugt sich und geht, kehrt wieder
unter den begeisterten Zurufen und verbeugt sich aufs neue. Wieder und
wieder. Das Spiel ist an die Menge übergegangen, die sich jubelfroh
ihrer Macht bewußt wird und Hervorruf über Hervorruf erzwingt. Um ein
Ende zu machen, wird der Saal abgedunkelt. Die beifallerregte Menge
bleibt bei ihrem Willen. Und plötzlich eilt ein Mann auf die Empore
zu, schwingt sich hinauf, bietet der todblassen Künstlerin den Arm,
führt sie durch die Gasse der Musiker in ihr Ankleidezimmer.
»Da bist du, Engel, und da bin ich.«
Kornelius Vanderwelts Arme bebten, als er sie um Angela Freydags
Nacken schlang.
Und dann fühlten sie beide, wie das Beben durch ihre Körper rann, als
wären sie Äste und Gezweig desselben Baumes, und wie es hinüberrann
in die Ruhe der Vereinigung, während sie, Brust an Brust, sich
umschlungen hielten.
»Komm,« sagte er, »jetzt bring' ich dich heim.«
»Ja,« wiederholte sie, löste sich aus seinem Arm und hielt doch die
flachen Hände gegen seine Brust gepreßt, »jetzt bringst du mich heim.«
»Angela!«
»Kornelius!«
»Engel, so hat mich seit Menschengedenken kein Mädchenmund mehr
genannt.«
»Es ist auch kein Mädchenmund,« murmelte sie, »es ist der Mund einer
Frau,« und sie hob die Hände, zog seinen Kopf herab und drückte ihre
Wange gegen die seine.
»Nun wollen wir gehen, Kornelius. Das Haus hat sich geleert. Auch der
Kapellmeister wird aus schöner Rücksichtnahme vorausgegangen sein.«
»Vorausgegangen? Mußt du noch mit ihm zusammensein?«
»Ich muß nur mit dir zusammensein, Kornelius. Alles andere ist nur
wesenloser Schein.«
Sie schritten durch die leeren Hallen, und es huschte wie
Geisterschritte neben ihnen her.
»Als ob Kehraus wäre, Kornelius, aus einem vergangenen Leben.«
»Es regnet, Angela. Wo wohnst du hier?«
Sie nannte ihren Gasthof. Und lachte an seiner Schulter.
»Auch als du mich aus den ›Fünf Erdteilen‹ holtest, regnete es in
Strömen. Und es regnete im Walde.«
»Im Walde war es ein Wolkenbruch, Angela. Nie -- nie warst du
schöner.«
Und einer spürte den festen Schulterdruck des anderen, als sie durch
den nächtlichen Regen schritten und sich dem Gasthof näherten.
»Morgen, in aller Frühe, steht mein Wagen am Bahnhof, Engel. Dort
übernimmt er dein Gepäck, du steigst zu mir ein, und wir fahren heim.
Weltflüchtige, die das Leben suchen.«
»Weshalb suchtest du, wo du mich bei dir wußtest -- --?«
»Weil ich, seit du gingst, in der Welt keine Farben mehr sehe. Frage
nicht. Jetzt ist ja alles gut.«
Ihre Finger verstrickten sich mit den seinen zu einem schmerzhaften
Druck.
Er stand und blickte ihr nach, wie sie in ruhigem Gange die Straße
überschritt und die Türe des Gasthofes sich hinter ihr schloß.
6
Durch die Morgendämmerung kämpften sich die ersten Strahlen der
Märzsonne, als Kornelius Vanderwelts Wagen vor dem Kölner Hauptbahnhof
vorfuhr. Es war noch schlummerstill in der großen Rheinstadt. Der
Dom reckte seine ernste Pracht gegen den Himmel, und als Kornelius
Vanderwelts scharfer Blick ihn streifte, gewahrte er, daß es tausend
feine und verborgene Schönheiten, Frohheiten und Lieblichkeiten waren,
die durch ihr edles Maß den Zusammenklang bewirkten und zum Ernste des
Himmelssuchers emporwuchsen.
Wie schön und eindringlich dies Gotteshaus predigt, dachte der
morgenfrühe Beschauer. Alle Schönheit, Frohheit und Lieblichkeit des
Erdenlebens zu edlen Maßen gestalten, und aus der Fülle wird die
weihevolle Einheit.
Seine Gedanken sprangen über auf Angela Freydag, und während sie an
ihrem Bilde formten, guckte das Bild zum Fenster des Wagenschlags
herein, und er wußte für die Länge eines Augenblicks nicht, ist es
das Traumbild oder ist es das Leben? Aber es war das Leben, das an
die Scheibe pochte und ihm zunickte, und er sprang aus dem Wagen und
ergriff es bei den Händen.
»Angela ... Du schon zur Stelle?«
»Kornelius! Guten Morgen! Ich wollte dich nicht warten lassen, und als
ich erwacht war, hatte ich nichts anderes mehr zu tun.«
Als wäre eine Erwartete nach nächtlicher Reise angelangt, half er
ihr in den Wagen, gebot er dem Fahrer, das Gepäck aufzunehmen und die
Koffer auf den Wagen zu schnallen. Und während er die Hantierung des
Mannes zu überwachen schien, klangen ihm ihre kurzen Sätze im Ohr:
»Ich wollte dich nicht warten lassen. Als ich erwachte, hatte ich
nichts anderes mehr zu tun.« Elf Jahre hatte er warten müssen, sechs
Jahre durch ihr Wachstum, ihren Werdegang, fünf Jahre fast durch den
Krieg, und plötzlich waren es ein paar winzige Minuten, die das Warten
nicht mehr ertrugen und nichts mehr mit sich anzufangen wußten. Es gab
nichts anderes mehr zu tun, als beieinander zu sein.
»Nach Hause, Wilm.«
Ein verschlafener Gepäckträger lugte aus der Bahnhofstür hinter ihnen
her und wunderte sich, daß ein Zug angekommen sein sollte. Er rieb
sich die Augen, und der Morgenspuk war verschwunden. Stehend schlief
er weiter.
Über die gewaltige Rheinbrücke glitt der Wagen, vor der hüben und
drüben die vier Preußenkönige auf ihren Gäulen trabten, und er wand
sich schnell durch die morgenöden Straßen des alten Deutz und des
rheinischen Mülheims und gewann an Schloten und Fabriken vorbei rasch
die freie Bahn.
»Sag' mir, Engel, weshalb du vor dich hinlachst?«
»Weil wir immer das umgekehrte tun, wie andere Leute. Weil wir
uns in den hellerwerdenden Morgen hinein entführen, statt in den
dunklerwerdenden Abend. Deshalb, Kornelius.«
»Tun wir das umgekehrte wie andere Leute -- gut, Engel, dann wird es
das richtige sein.«
»Kornelius,« sagte sie leiser und nahm seine Hand in die ihre,
»glaube nicht, daß ich dich nicht verstehe. Ich erkenne die alte
Ritterlichkeit wieder, und sie gibt uns Frauen mehr als glühende
Liebesbeteuerungen.«
»Nun --?«
»Den Ruf wolltest du mir wahren in der Musikstadt Köln und vor den
Augen der Neugierigen, und da die Klugheit Kornelius Vanderwelts so
groß ist wie seine Ritterlichkeit, wählte sie den harmlosen frühen
Morgen, weil --«
»Nun? Weil?«
»Weil in der Nacht das halbe lebenslustige Köln auf den Beinen ist und
in dieser Morgenstunde kaum ein verschlafener Gepäckträger.«
»Hast du ihn auch bemerkt?«
»Jetzt schläft er schon wieder wie das ganze heilige und unheilige
Köln. Guten Morgen Kornelius. Du hast meinen Gutenmorgengruß vorhin
überhört.«
»Mein Gott,« sagte Kornelius Vanderwelt und zog sie an sich. »Guten
Morgen, Angela. Guten Morgen, Engel. Gib mir deinen Mund, damit ich
fühle, daß ich wach bin.«
Eine Weile fiel kein Wort. Der Wagen brauste über die Landstraße gen
Benrath. Zur Rechten türmten sich die Hügelketten des Bergischen
Landes, und die Sonne blitzte und funkelte auf den Zinnen der hohen
fernen Städte.
»Nein,« sagte Kornelius Vanderwelt, »nun fühle ich die Wachheit noch
weniger. Jetzt, da ich deinen lebendigen Mund spüre, komme ich nicht
aus dem Traumzustand heraus. Ach, du hast recht, Engel, wir beide
leben eine umgekehrte Welt.«
Sie antwortete ~nicht~ mehr. Ihr Kopf lehnte an seiner Schulter
und ihre Augen blickten in die Sonne.
In Düsseldorf trafen sie auf das erste Leben. Malerjünglinge zogen zum
Hofgarten aus, das Kommen des Frühlings zu belauschen. Arbeiter gingen
im Gleichschritt ihren Werkstätten zu, um die Frühschicht zu stellen.
Nahe dem verwunschenen Städtlein Kaiserswerth blinkte, pappelumsäumt,
eine weite, breite Wasserstraße auf. Der Niederrhein. Ein Schlepper
stampfte zu Berg. Seine Schlote qualmten, und der Rheinwind riß
die Rauchsäulen zu hundertmeterlangen Fahnen über die Reihe der
angefüllten, bis an den Wasserrand beladenen Schleppkähne hin.
»Meine Kähne,« sagte Kornelius Vanderwelt. »Meine Kähne.«
Sie setzte sich aufrecht, wischte mit der Hand das Fensterglas klar
und schaute über den Strom, über die Schleppzüge, die sich rastlos
folgten, über seine Arbeitswelt. Kohle, Kohle, immer das gleiche Bild,
und die Kähne glichen sich. Aber der Mann an ihrer Seite glich nicht
den anderen und suchte die glühenden und blühenden Farben in das
Einerlei zu mischen. Und als ob er ihre Gedanken wie aus einem offenen
Buche läse, sagte er: »Du mußt mit deiner Hand ganz fest um die meine
herumfassen. Erst dann ist es Kornelius Vanderwelts Welt.«
So fuhren sie in das erwachte Duisburg ein und über die Brücke des
Innenhafens, die Brücken der Ruhr und der Kanäle und Hafenbecken,
hinein nach Ruhrort. Die Krane kreischten, die Kipper donnerten,
die Kähne ächzten und die Dampfer stöhnten vor Ungestüm. Wildes
Eisengeklirr der Werkstätten in der Luft, rote Flammen der Hochöfen,
weiße Kesselschwaden und schwarzer Rauch der Schlote. Und die
junge, warme Frühlingssonne arbeitete sich nur mühsam durch die
kohlengeschwängerte Luft.
In gewaltigen Bogen schwang sich die Rheinbrücke von einem Ufer zum
anderen, riß das Drüben zum Hüben und kettete Arbeit an Arbeit.
»Zu Hause,« sagte Kornelius Vanderwelt, und der Wagen glitt durch die
Toreinfahrt und stand.
Wie mit geschlossenen Augen, so schritt Angela Freydag an Kornelius
Vanderwelts Arm ins Haus, über die Diele, in des Hausherrn
Arbeitszimmer. Anders war ihr Eingang wie einst, als sie gejagt und
regennaß aus des Matthes ›Fünf Erdteilen‹ bei der Nacht in dies Haus
eingetreten war. Aber es war derselbe Arm, der sie führte. Nein, es
war alles wie einst.
Sie stand ganz still und öffnete die Augen ganz weit.
Ihre Brust hob sich unter einem drängenden Atemzug, die Lippen mühten
sich voneinander los, und ganz hell und hoch rang sich ein einzelner
Ton hindurch. Wie ein Weinen und Lachen.
Mit behutsamen Händen nahm Kornelius Vanderwelt ihr den Mantel von
den Schultern, den Reisehut vom flechtenumschlungenen Haupt. Ging
hinaus, gab den Mädchen Aufträge, das Fremdenzimmer zu richten, kehrte
zurück. Hinter sich schloß er die Tür und sah mit einem seltsamen
Wehmutsempfinden, das ihn bis zum Augenblicke nie zu überrumpeln
vermocht hatte, zu, wie Angela Freydag, die Heimgekehrte, Wiedersehen
feierte.
Mit unhörbaren Schritten ging sie von einem der alten Möbelstücke zum
anderen, verharrte ein paar Herzschläge lang, ließ ihre Hände darüber
gleiten und ging unhörbar weiter, von den Möbeln zu den Bildern an
den Wänden, von einem zum anderen, verharrte, hob die Hände und
streichelte darüber hin.
Jetzt wandte sie sich nach ihm um. Ein Lächeln kehrte aus weiter Ferne
auf ihre Lippen zurück.
»Es hat sich nichts verändert, während ich fort war, Kornelius.
Nichts.«
»Nur ich habe graue Haare bekommen, Angela.«
»Ich glaub' es nicht.«
»Und die Gicht vom Saufen.«
»Nun brauchst du es nicht mehr zu tun.«
Er stand vor ihr, und unter seinem Blick reckte sie sich langsam und
unwillkürlich in den Schultern.
»Jetzt ist die Reihe an mir, Ausschau und Einschau zu halten,
Angela-Engel. In Köln tat ich es nur blindlings, auf der Fahrt halb
träumend. Das also -- das ist die Wirklichkeit.«
Er trat näher, und sie rührte sich nicht. Ihr Blick lag in dem seinen.
Nur ihre Brust atmete schneller.
»Es sind dieselben Augen,« murmelte er, »dieselbe Tiefe und
Furchtlosigkeit, nur das Grau ist stählerner geworden, und Stahl
blitzt am stärksten, wenn er tötet.«
»Nur was dir feind ist, Kornelius.«