besitzen.«
»Sie haben Ihr Guthaben! Sie haben et in Ruhrort un bei allen
Schiffern zwischen Mannheim un Rotterdam!«
»Hunderttausend Fahrzeuge dies Jahr in den Duisburg-Ruhrorter Häfen
angelaufen, Matthes! Achtundzwanzig Millionen Tonnen Umschlag! Der
gewaltige Seehafen Hamburg hatte nur neunzehn Millionen!«
»Herr Vanderwelt! Himmelherrgottdonnerwetter, Herr Vanderwelt.« -- --
Die Nachtstunden beim Matthes hatten Kornelius Vanderwelt gut
getan. Das Kreisen seiner Gedanken war unterbrochen worden. Andere
Bilderreihen hatten sich eingefügt. Nach kurzer Zeit wiederholte er
den Ausflug. Und wieder nach kurzer Zeit kehrte er auch schon zu
Stunden ein, zu denen die Gäste noch das Wirtszimmer bevölkerten,
die Schiffer ihre Gläser auf die Tischplatte stießen und die
Harmonika schluchzte. Über eine Weile, und die Gastwirtschaft ›Zu den
fünf Erdteilen‹ begann, sich in Schifferkreisen wieder wachsender
Beliebtheit zu erfreuen.
Ein Seltsames nur bewegte Kornelius Vanderwelts Gedanken, die um
Angela Freydag kreisten. Als bedürfte er einer Entschuldigung, daß
er wieder in der Wirtsstube ›Zu den fünf Erdteilen‹ säße. Er wollte
auch hier bei Angela Freydag weilen, selbst hier sollte der Geist der
Verschollenen über ihm sein. Und er ging hin und ließ das Grundstück,
das das gesamte Anwesen des Matthes umschloß, auf Angela Freydags
Namen überschreiben.
Und ein Seltsames nicht minder war die große Ruhe, die von Stund' an
über ihn gekommen war.
Der alte Beckenried hatte mit Kopfschütteln die Rückkehr seines Herrn
zu den alten Gewohnheiten beobachtet. Aber der Herr war nicht mehr
gewillt, Anspielungen seines knöchernen Mitarbeiters entgegenzunehmen,
und schnitt sie ihm im Munde ab.
»Lieber Freund, ich möchte in der Arbeit nicht mit Privatgesprächen
behelligt werden. Nach Feierabend soll es mich freuen.«
Der lebergelbe Beckenried aber hütete sich, seine Haut nach Feierabend
zu Markte zu tragen, denn die Erfahrung hatte ihn gelehrt, daß
das Gelb seiner Haut im außergeschäftlichen Umgang mit Kornelius
Vanderwelt nur verstärkt zunähme. Und da der Geschäftsherr in der Tat
schärfer arbeitete als je zuvor, so spielte er den Beobachter nur noch
wortlos und in der Heimlichkeit.
Aber es war nicht nur Beckenried, dem die Rückverwandlung Kornelius
Vanderwelts bemerkbar wurde. Auch die Herren, die in der ›Erholung‹
zusammenzukommen pflegten, wurden aufmerksam, wenn an manchen Abenden
und immer öfter der aufsprühende Geist Kornelius Vanderwelts in ihrer
Runde fehlte, und sie besprachen die Angelegenheit ernsthaft.
»Ein Extratanz in den ›Fünf Erdteilen‹ kann ihm wohl vergönnt werden.
Von einer gelegentlichen Mitwirkung sprechen wir uns selbst nicht
frei. Aber es muß ein Spaß bleiben und darf nicht zur Gewohnheit
ausarten. Stadt und Hafen verdanken der Vanderweltschen Tatkraft zu
viel, und es muß uns daran gelegen sein, dem Manne das Ansehen zu
erhalten.«
Der Vorsitzende übernahm es, ihm freundschaftlich ins Gewissen zu
reden.
Ein Weilchen hörte Kornelius Vanderwelt den gütigen
Auseinandersetzungen des greisen Großindustriellen zu. Dann richtete
er den Blick auf ihn, und der Blick aus den stolzen, hellen Augen ließ
den Warner mitten im Satze abbrechen und einen neuen Gesprächsstoff
suchen.
»Herr Vanderwelt, ich bitte mich als Ihren Freund zu betrachten. Ich
bin nicht von kleinen Gesichtsmaßen. Wenn einer, so weiß ich, was
Sie für die Entwicklung des Platzes Ruhrort getan haben und rastlos
weiter tun. Aber eine solche hochgesteigerte Rastlosigkeit bedarf
eines Ausgleiches, wenn sie auf lange hinaus wirksam bleiben soll.
Sie sind ein Mann in der Reife der Jahre. Mehr als das: in der Reife
der Kraft. Frauenliebe, hochverehrter Freund, Frauenliebe allein
erhält uns Männern der Arbeit diese Kraft, deren wir viel, viel länger
bedürfen, als unsere Neider und Bewunderer ahnen. Denn mit uns steht
und fällt nicht nur ein ganzes Geschlecht, sondern ein Zeitalter. Das
des ungeheuerlichsten Aufschwunges, der auf dem Scheitelpunkt seiner
Entwicklungsmöglichkeiten nicht unterbrochen werden darf. Was die
Jungen können, haben sie noch zu beweisen. Ich schweife ab, weil ich
mit meinem Freundesrat nicht aufdringlich erscheinen möchte. Und doch,
lassen Sie es mich aussprechen, was ich für Sie fühle: Sie müssen sich
wieder verheiraten, Herr Vanderwelt.«
Die Blicke der beiden Männer waren nicht voneinander gewichen, und
der alte Geschäftsherr freute sich der stolzen und hellen Augen seines
Gegenübers.
»Verzeihen Sie mir meine Eindringlichkeit, Herr Vanderwelt, die keine
Zudringlichkeit sein sollte.«
»Ich fühle aus jedem Worte Ihre Freundschaft, die mich hoch ehrt, Herr
Kommerzienrat. Aber gerade meine Reife verbietet mir, die Rolle des
schmachtenden Liebhabers zu spielen.«
»Kornelius Vanderwelt würde nie einen schmachtenden Liebhaber abgeben.«
»Ich freue mich herzlich, daß auch Sie diese Vorstellung von mir
haben.«
»Es gibt in unserem Kreise auch andere Frauen, Herr Vanderwelt.
Frauen, die einen geruhigen Lebensabend verbürgen.«
»Für diese Frauen -- ich bitte mir meine Aufrichtigkeit zu verzeihen
-- fühle ich mich wieder zu jung.«
Wieder lagen die Blicke der beiden Männer ineinander, und der
Altgewordene freute sich gegen seinen Willen.
»Sie setzen mich schachmatt, Herr Vanderwelt. Die Jungen sind Ihnen
zu jung und die Älteren zu alt. Ich glaube, Sie müssen einen neuen
Schöpfungstag einlegen und sich die Gefährtin, die zu Ihnen paßt,
eigenwillig schaffen.«
»Fast glaube ich es auch,« entgegnete Kornelius Vanderwelt, und ein
eigentümliches Grübeln war in seinen Augen, als er dem freundlichen
Mahner mit herzlichem Dank die Hand schüttelte.
An diesem Abend ging Kornelius Vanderwelt auf kürzestem Wege nach
Hause.
Er betrat das Musikzimmer, ließ das Deckenlicht aufflammen und schritt
auf den Flügel zu. Aber er öffnete ihn nicht. Nur über den glänzenden
Deckel strich er ein paarmal mit den Händen hin.
Einen feinen, singenden Ton gab das Holz von sich. Und Kornelius
Vanderwelt horchte auf.
»Engel,« sagte er, »hast du alles vernommen, was der gute alte Mann
zu mir sprach? Das Alter hat die Gabe des zweiten Gesichts. Eine
Gefährtin wünscht er mir, damit ich stark bleibe im Schaffen und mich
am Leben nicht schmutzig mache. Und einen Schöpfungstag wünscht er
mir, damit ich mir die Gefährtin selber forme aus meinem eigenwilligen
Fleisch und Blut und der noch eigenwilligeren Seele. Das sah sein
zweites Gesicht. Was es aber nicht sah, Engel, und was es nicht
erkannte, war, daß ich diesen neuen Schöpfungstag schon mit allen
Fibern genossen hatte, daß ich dich mir schaffen und formen durfte als
mein bestes Teil, ›als wär's‹, wie's im alten Liede heißt, ›als wär's
ein Stück von mir.‹
»Engel, es ist überflüssig, dir alles wiederzusagen, denn du hast
alles vernommen.«
»Weil du und ich untrennbar sind, Engel, im Fleisch und im Geist.«
Mit übersichtigen Augen saß er am verstummten Flügel und sah ihr Bild.
Ihre klaren grauen Mädchenaugen wurden zu Frauenaugen, und tief aus
ihrem Grunde sprang das geheime Funkeln auf, das wie ein Blitz ihr
Wesen erleuchtete, die Urnatur ihrer Liebe: Hingabe an den Gefährten,
Verteidigung ihres Besitzes.
»Ich habe dir nicht nachgespürt,« sagte Kornelius Vanderwelt. »Es
hätte uns nicht zu Gesicht gestanden. Seit sechs Jahren warte ich auf
dich, und ich weiß, an einem Tage kommst du und gibst mir ein Zeichen.
Das wird an dem Tage sein, an dem du die Größe erreicht zu haben
glaubst, die du für mich suchst. Für mich. Wie stolz mich das Warten
macht, Engel.«
Und er horchte hinaus und hörte ihre Antwort. --
Die Nacht ging über in den Morgen. -- --
Und es kam ein Morgen über die Welt, der für Millionen die Nacht
brachte. Die alte Erde sprengte die dünne Kruste der Gesittung und
spie Feuer und Verderben. Engel und Teufel rangen, die Hand am Halse
des anderen, und da Himmel und Hölle sich verwirrten, wucherten die
Erdentriebe geil durch die Lande.
Der Weltkrieg war über das Geschlecht der Menschen gekommen.
Die Lava kochte über. Mochte sie. Hinter ihr mußte das heilige Feuer
den Platz ergreifen.
Schon war Justus Vanderwelt mit den blauen Bonner Husaren, denen
er als Leutnant angehörte, ins Feld gerückt. Schon hatte sich
Thomas Vanderwelt bei den grünen Krefelder Husaren als Freiwilliger
gemeldet und sofort seine Ausbildungszeit angetreten. Schon war
Juliane Vanderwelt, achtzehnjährig, aus der Erziehungsanstalt der
französischen Schweiz heimgeflattert und hatte einen Begleiter ins
Haus gebracht.
»Papa, es ist der Klaus Beckenried. Erkennst du ihn denn nicht? Der
Sohn deines alten, grämlichen Freundes. Aber der Klaus ist nicht
grämlich. Sieh ihn dir an. Frisch aus dem Ausland, aus bedeutender
Bankstellung heraus. Wir trafen uns auf dem Genfer Bahnhof. Er hat
mich unter seinen starken Schutz genommen, Papa, sonst lebte ich
wohl nicht mehr. Es war so köstlich unter seinem Schutz in all den
Soldatenzügen. Er ist Artillerieoffizier, muß sich morgen in Köln bei
seinem Regiment stellen, und übermorgen soll unsere Kriegstrauung
stattfinden. Papa! Papa!«
Da war es, daß Kornelius Vanderwelt zum erstenmal vor der
Oberflächlichkeit seiner Tochter erschrak.
»Du schwärmst wohl ein wenig, Juliane. Eine Ehe ist kein Tänzchen,
zu dem man einen Partner auffordert. Diese Zeit verlangt nach ernsten
Frauen und Müttern.«
»Lieber Papa, es ist mir sehr ernst damit, eine Frau und Mutter zu
werden. So frage doch Klaus.«
Kornelius Vanderwelt wandte sich nach dem jungen Manne um. Lange
blickte er auf die straffe Gestalt, in die begeisterten Augen. Seine
Stimme wurde milder.
»Was haben Sie mir zu sagen, Klaus Beckenried? Sie sehen nicht aus wie
ein Windspiel und beteiligen sich doch an den Luftsprüngen?«
»Herr Vanderwelt -- es mag eine große Kühnheit bedeuten, so vor Ihnen
zu stehen. Aber ich glaube an mich. Und ich bitte Sie, auch an mich
zu glauben und an meinen Ernst. Wir haben von Genf bis hierher acht
Tage gebraucht, Juliane und ich, und ich mußte Juliane als meine Braut
ausgeben, um überhaupt Unterkunft für sie zu beschaffen. Für Juliane
und mich. Denn allein konnte sie als junge Dame in dem Gewoge der
Menschen, der Umsteigestellen und der überfüllten Herbergen unmöglich
gelassen werden. So kam es, daß Juliane mich kennen und -- ich darf es
heute freudig sagen -- lieben lernte und mich nicht mehr lassen will.
Ich bin der einzige Sohn Ihres getreuen Mitarbeiters, Herr Vanderwelt,
und habe mir schon eine Stellung geschaffen. Komme ich lebend aus dem
Feldzug heim, so ist an meiner Seite für Juliane gesorgt. Bleib ich
vor dem Feind, so ist Juliane einzige Erbin des Vermögens, das sich
mein Vater erwerben durfte. Ich habe schon seit meiner Knabenzeit
immer in tiefer Verehrung zu Ihnen aufgeschaut, Herr Vanderwelt. Ich
enttäusche Sie nicht.«
Kornelius Vanderwelts Blicke wanderten von dem begeisterungsvollen
Jünglingsantlitz zu den gespannten Mienen der Tochter. Wie schön das
Mädchen geworden war. Blendend schön. Ja, blendend ... Denn der Zug
der Berechnung, den schon das Kindergesicht aufgewiesen hatte, war
für das geschärfte Vaterauge geblieben.
»Gut, Klaus Beckenried, Sie werden mich nicht enttäuschen. Aber wissen
Sie denn nach einer wilden Reise von acht Tagen, daß Juliane Sie nicht
enttäuschen wird? Warten Sie das Ende des Feldzuges ab. Ich rate es
Ihnen.«
Heftig drängte sich das schöne Geschöpf in des Verlobten Arm.
»Nein -- nein -- nein! Ich will nicht in Angst und Bangen warten, ob
er wiederkommt oder nicht. Ich will seine Frau sein und nicht eine
Übriggebliebene. Kein Mensch weiß, was kommen mag. Was ich habe,
besitze ich.«
Kornelius Vanderwelt sah seine Tochter lange an.
»Ich will nicht fragen, Juliane, was dich zu dieser Sprache treibt.
Liebe hat verschiedene Gesichter, und ihr habt euch mit dem Gesicht
eurer Liebe zu befreunden. Sei's drum, und mögt ihr die Hast nie
bereuen.« --
Wenige Tage später wurde Juliane Vanderwelt mit Klaus Beckenried
kriegsgetraut. Eine Woche später, und Klaus Beckenried war mit seiner
Ersatzbatterie ins Feld gerückt und Juliane ins väterliche Haus
heimgekehrt. --
Wenn Kornelius Vanderwelt des Glaubens gewesen war, seine Tochter in
seiner Obhut zu wissen, so sollte er schnell von seinem Irrtum bekehrt
werden. Mit dem Tage der Eheschließung hatte Juliane die Rechte ihres
selbständigen Frauentums ergriffen und gab sie nicht um eines Zolles
Breite preis. Ob sie zu Hause war oder nicht, was sie tat oder ließ,
es war ihre Sache. Ihre Sache, mit wem sie verkehrte und mit wem sie
ausflog. Rechenschaft darüber zu erteilen, lehnte sie mit einer Kühle
ab, als sei sie Alleingebieterin ihres Lebens geworden, und dieses
Leben sollte ein vergnügtes sein.
»Es läuten so viel Trauerglocken,« belehrten sie ihre Freundinnen,
die sich in Bewunderung um sie scharten, »daß wir uns wirklich nicht
daran zu beteiligen brauchen.« Und unter den Freundinnen war es
vor allem Antonie Ausdemwerth, die sich begierig zu ihr hielt, die
leichtentzündete Antonie, deren fröhliche Mutter vor Jahren einmal den
Ausspruch getan hatte: Nur einen Mann gäbe es in Ruhrort, und er heiße
Kornelius Vanderwelt, und alle anderen seien nur Kohlentrimmer.
»Weißt du es noch, Antonie?«
»Ob ich es noch weiß! Noch heute läuft es mir ganz heiß und kalt den
Rücken hinunter, wenn ich deinen Vater sehe. Geht es dir bei deinem
Manne gerade so, Juliane?«
»Ich glaube, es ist umgekehrt. Ich lasse ihn gern ein bißchen zappeln.
Die Vanderwelts führen immer die Regierung.«
»Sind alle Vanderwelts so? Sag doch: ist der Justus heißblütiger oder
der Thomas?«
»Der Justus schlägt sich im Felde herum. Aber der Thomas übt noch in
Krefeld bei den Husaren und ist erreichbar.«
Die tiefschwarzen Augen der Antonie Ausdemwerth funkelten auf. Sie
hatte begriffen.
»Wollen wir den Thomas überfallen, Juliane? Bitte! Bitte! Ich vergeß
es dir nicht!«
»Das will ich hoffen, du verliebtes Mädel.« Und am Nachmittag waren
sie bei Thomas Vanderwelt in Krefeld.
Wie sah er aus, der feine Genießer! Wohin war seine überlegene
Weltmüdigkeit? Ohne Rücksicht zusammengeknufft war sie unter den
derben Fäusten des Wachtmeisters und des Reitunteroffiziers, die
Genießerfeinheit im zerbeulten Kochgeschirr untergegangen, und die
verschossene Husarenmütze war trübselig und wütend zugleich in den
Nacken gezerrt.
Mit einem Jubelschrei begrüßte der einst so zurückhaltende Thomas
Vanderwelt die beiden feinen Frauengestalten aus seiner früheren Welt.
»Thomas, die Antonie ließ nicht nach. Sie hat eine Schwäche für die
grünen Husaren und wollte dich als Reitersmann bewundern.«
Da riß er sich zusammen, schlug sporenklirrend die Hacken zusammen und
verbeugte sich vor der Jugendbekannten.
Sie reichte ihm mit einer hingebenden Bewegung die Hand hin und bog
sich doch, als fürchtete sie sich, in den Schultern zurück. Aber
sie wußte, daß es ihrem schönen Wuchse vorteilhaft war. Und Thomas
Vanderwelt ergriff die Hand und sog mit geblähten Nüstern den Duft
ein, der von ihrer elfenbeinfarbenen Haut ausströmte, und seine
entwöhnten Augen tranken das Bild ihres biegsamen Leibes in sich
ein, und die Sinne erwachten aus der Abgestumpftheit und sahen nur
Schönheit, Schönheit.
»Ich mußte doch Abschied von Ihnen nehmen, Thomas,« sagte verwirrt
Antonie Ausdemwerth. »Wer weiß, ob es ein Wiedersehen gibt.«
Sie hätte noch eine größere Alltäglichkeit aussprechen können,
der einst so feinfühlige Thomas hätte es überhört. Er spürte nur
einen warmen Hauch, liebkosende Worte, leise, zarte Töne. Nicht das
Geschnaube der Gäule im Stall, das Gebrüll auf dem Reitplatz, die
Gräßlichkeiten der Rekrutenstube.
»Nein, nein, Antonie. Noch keinen Abschied nehmen. Es kann noch Wochen
dauern, bis wir verladen werden.«
»Verladen ...« wiederholte sie und schauerte in den Schultern.
»Antonie ... Weshalb hab' ich Sie früher nur so selten gesehen? Ein
wie feiner Mensch sind Sie geworden ...«
»Darf ich noch einmal wiederkommen, Thomas? Ich komme gern, wenn Sie
es mögen ...«
Ein Trompetenruf fuhr aufscheuchend über den Kasernenhof.
»Verdammt,« zischte der Husar, »Stalldienst. Ihr müßt wiederkommen,
wenn ich dienstfrei bin. Morgen. Übermorgen. Am liebsten jeden Tag.«
»So gebt euch doch einen Kuß,« sagte Juliane kaltblütig und wandte den
Abschiednehmenden den Rücken.
Einen Augenblick stutzte Thomas Vanderwelt. Dann riß er den heißen,
duftigen Mädchenleib in seine Arme, wie ein Raubtier sich auf seine
Beute wirft, und wühlte seinen Mund in ihre blutwarmen Lippen. -- --
Tag um Tag fuhr die junge Frau Juliane Beckenried mit ihrer Freundin
Antonie Ausdemwerth nach Krefeld, Thomas Vanderwelt zu treffen. Tag
um Tag wartete der abgehetzte Husar fiebernd auf die Grüße, auf die
Düfte, auf die Klänge aus der anderen Welt. Unter den Freundinnen
zu Ruhrort fielen die Ausflüge, fiel die Abwesenheit der jungen
Damen immer unliebsamer auf. Es galt für die Frauen und Mädchen,
ein dringenderes Gebot der Stunde zu erfüllen, als auf heimlichen
Liebeswegen zu wandeln. Gerade sie, die den Gatten, Bruder oder
Bräutigam draußen im blutigen Felde wußten, zogen sich ernsthafter
als je auf ihre Frauenpflicht zurück, und die erste Bewunderung für
die so köstlich erblühte Vanderwelttochter machte bald einer stillen
Beschämung Platz über die Selbstsüchtigkeiten Julianes und ihrer
mannstollen Freundin.
Die Absonderung der Ernstschaffenden kümmerte die beiden Freundinnen
kaum. Sie waren eine lästige Verantwortung los und lebten nur sich zu
Gefallen. --
Dann geschah es, daß Kornelius Vanderwelt vor seinem Sohne Thomas
stand.
»Was soll das, mein Junge? Ich habe dich für zu klug und zu eigen
geartet gehalten, als daß du den Unfug deiner Schwester nachahmtest.«
»Es ist kein Unfug, Vater.«
»Was ist es denn? Vielleicht um ein paar Schwingungen verschieden beim
einen und beim anderen. Ein bißchen mehr Brunst, ein bißchen mehr
Schwärmerei. Und die Partnerschaft bleibt dem Zufall überlassen.«
»Es ist die Liebe, Vater,« sagte der Junge mit weißen Lippen.
Sie waren zum Krefelder Stadtwald hinausgewandert und hatten nicht
acht auf Sonne, Wald und Wasser.
»Die Liebe?« wiederholte Kornelius Vanderwelt und atmete schwer.
»Die Liebe, mein Junge, ist wie der Name Gottes. Du sollst ihn nicht
ungestraft im Munde führen. Junge Menschen mögen verliebt sein. Um den
Begriff ›Liebe‹ zu verstehen, dazu gehört die Reife der Erkenntnis.
Geh und hol' sie dir. Sie liegt wie die Rose im Dornbusch.«
»Vater, ich bin seit wenigen Monaten mündig.«
»Damit würde ich nicht protzen, Thomas, so lang ein Mädchenmund dich
noch um den Verstand bringen kann.«
Thomas Vanderwelt bebte die Stimme, bebten die Hände vor Erregung.
»Willst du uns, die wir dem Tode entgegengeschickt werden, nicht das
bißchen Seligkeit auf den Weg gönnen?«
»Besteht die Seligkeit nur im Beilager, Thomas?«
»Wie soll ich es wissen? Ich kenne das alles ja nicht. Auf Ehre, nein,
Vater. Aber im Besitz besteht sie, das habe ich gefühlt, und ich will
wissen, daß der Besitz mein und keines andern ist, bevor ich ins
Dunkle marschiere.«
In dieser Stunde lernte Kornelius Vanderwelt zum unwiderruflichen
Male, daß Kinder nicht durch die Geburt die Kinder des Erzeugers sind,
sondern es erst zu werden vermögen -- vielleicht nie, vielleicht nach
Jahren der Erfahrungen erst -- durch eine seelische Wiedergeburt.
Kornelius Vanderwelt spürte seinen Sohn aus seinen Händen gleiten. Der
Vater hatte zu warten.
»Du verlangst nach der Kriegstrauung mit Antonie Ausdemwerth. Ich
kann es nicht hindern. Glaube nicht, daß ich die Bedeutung der
Kriegstrauung unterschätze. Sie ist für Menschen, die aufeinander
gewartet haben, die kurz vor dem ersehnten Ziel voneinandergerissen
werden sollen, die Erfüllung ihres Lebens und ein Segensspruch, dem
selbst der Tod nicht gewachsen ist. Anderen verstattet sie nur eine
Menschlichkeit mehr: die Hemmungslosigkeit. Du hast zu wählen, Thomas.«
»Ich wähle«, sagte Thomas Vanderwelt mit vor Erregung klirrenden
Zähnen, »die Menschlichkeit und die Göttlichkeit in eins. Ich will
nicht ohne das große Geheimnis gehen, das das Leben über die Erde
hebt.«
»Ich liebe dich, Thomas, und wünsche dir, daß eure Liebe nie über die
Erde schleift.«
Und Thomas Vanderwelt schritt mit Antonie Ausdemwerth zur
Kriegstrauung und zog mit den grünen Husaren ins blutige Feld, während
die jugendliche Frau zur Mutter ins warme Nest zurückschlüpfte. --
Die altgewordene Hausdame im Vanderweltschen Hause kränkelte und
lief doch noch wie ein treues Arbeitspferd in den Sielen. Kornelius
Vanderwelt bemerkte es wohl, und er überwand sich und setzte sich
oft am Abend mit der Zeitung zu ihr. Denn Juliane huschte zu jeder
Stunde zur Schwägerin Antonie hinüber, und die jungen Schwägerinnen
führten endlose Gespräche, weil sie sich beide Mutter fühlten, wie die
Schönheit des Körpers zu wahren und zu steigern wäre.
Im ersten Kriegsjahre fand Kornelius Vanderwelt eine Mitteilung in
der Zeitung über die durch den Krieg im Ausland zurückgehaltenen
Künstler. Eine Meldung aus Neuyork nannte unter anderen Namen den
Namen der Pianistin Angela Freydag.
Er hielt die Zeitung auf den Knien und las nichts anderes mehr als die
beiden Worte. --
Er ging zu Bett und nahm die Zeitung mit in sein Schlafzimmer. Und
mitten in der Nacht stand er auf, zündete das Licht an und holte sich
das Blatt aufs neue.
»Angela Freydag ...«
Und diesmal las er weiter und las das Ruhmeslob, das ihr gezollt
wurde als einer der stärksten und urtümlichsten Eigenarten auf
nachschaffendem Gebiet.
Er warf sich zurück und blickte mit weit offenen Augen in das
funkelnde Licht. Und merkte es nicht, daß er vor sich hinlachte, mit
den stolzen, hellen Augen, die sie so geliebt hatte, mit dem frohen
und herrischen Klang seiner Stimme. »Angela. Engel. Stärkste und
urtümlichste Eigenart. Urtümlichste! Der Kerl hat dich begriffen.«
Er hätte auch wohl den Schöpfer und Erwecker ihrer Eigenart, er hätte
wohl auch Kornelius Vanderwelt in seiner Urtümlichkeit begriffen,
wie ihn die Männer des Hafengebiets begriffen und ihm nacheiferten.
Doppelte Arbeit mußte geleistet werden, für die Tausende mit, die aus
den Schiffsparks, aus den Hafenanlagen, aus den Industriebetrieben
herausgezogen und in die Reihen der Kämpfenden eingereiht worden
waren. Und Kornelius Vanderwelts anfeuerndes Wort, zupackender Griff
war überall, wo die Erschlaffung drohte, und versagte die Peitsche des
Wortes und der Tat, so wußte seine wilde Laune zu siegen.
»Heda, Jungens, wollen wir zwischendurch mal Fußball spielen? Die
faulsten Fötte nach vorne! Und hinein mit dem Stiebel! Wer über Bord
geht, soll mit den gefallenen Brüdern in die Zeitung!«
Und die Leute stießen sich wiehernd in die Rippen, dachten an die
Kameraden, die mit dem Tode Brüderschaft machten und spuckten in die
Hände. Die Frauen halfen mit, und das Rüstzeug für das Heer konnte
bald in unversiegbarem Flusse verladen werden. --
Im Mai des folgenden Jahres fanden in den verschwägerten Häusern
die frohen Familienereignisse statt. In den ersten Tagen des Monats
schenkte die junge Frau Juliane, in den letzten Tagen des Monats die
junge Frau Antonie einem Sohne das Leben. Der Draht trug die Nachricht
hinaus ins Feld. Klaus Beckenried und Thomas Vanderwelt vermochten
einen gemeinsamen Urlaub zu verabreden, kehrten auf die Dauer knapper
Tage heim und hielten die Taufe ab.