»Nur das Wasser verbindet die Erde,« betonte Kornelius Vanderwelt

immer wieder. »Wer zur See gefahren ist, weiß es am besten und weiß

vor allem, wie winzig die Erde ist und wie sich das Leben darauf

zusammenballt. Nur das Wasser vermag die Erde zu entlasten, nur

das Wasser, meine Herren, weil es nur Straße und nichts als Straße

ist. Und gerade dort, wo sich das Land in einem nicht absehbaren

Gebärungsverfahren befindet wie im Lande der Kohle. Wasser heran und

immer wieder: Wasser. Der Herrgott hat unserer Stadt, hat dem ganzen

umliegenden Gebiet ein großes Pfund gegeben, und mit einem Pfunde

soll man, schon nach dem Bibelwort, wuchern. Dieses Pfund ist der

nutzbringendste Binnenhafen der Welt. Nutzbringend nicht nur für die

Lebenden. Das hieße einen Fischteich leerfischen und austrocknen

lassen. Nutzbringend für uns, für die, die nach uns kommen und letzten

Endes für die gesamte Menschheit, die die Arme nach der verbilligten

Kohle streckt. Denn die Kohle ist der Urstoff allen Lebens, ist

Heizkohle und Öl, Farbstoff, Heilmittel, Wunder und Wahrheit. Leiten

Sie sie der Welt so zu, daß auch der Ärmste danach greifen kann, daß

ihm aus Wunder Wahrheit wird, nämlich die Lebensberechtigung und die

verstärkte Freude an dem bißchen Leben. Und fürchten Sie sich nicht

vor dem gesteigerten Wettbewerb, den neue Hafenbecken, neue Kanäle

zwischen den Städten und Stromgebieten, neue Zufahrtstraßen zu den

Seehäfen und somit zur ganzen, weiten Welt hervorrufen könnten.

Gesteigerter Wettbewerb heißt Steigerung unserer Kräfte, und ich

wiederhole es: wir sind nicht zum Schlafen auf die Welt gekommen.«

Aber es war nicht nur ein Reden, es war auch ein werktätig Handeln.

Bei den Strombaubehörden und Hafenverwaltungen holte er sich Rat und

arbeitete die gewonnenen technischen Erfahrungen immer wieder mit

den mitbestimmenden kaufmännischen Gesichtspunkten zu einer Einheit

zusammen, die er Prüfungen unterzog, umgestaltete, klärte, bis er

seine Ergebnisse den ausschlaggebenden Stellen vorlegen konnte und

nicht locker ließ, bis der Kampf entbrannte.

»Er ist wie ein Wolf,« hieß es oft und öfter von ihm. »Was er packt,

hält er fest und läßt sich eher totschlagen, als es freiwillig wieder

loszulassen.«

Im Geschäft hatte Beckenried gute Tage. Er brauchte nicht mehr in

ängstlicher Hut zu sein, zur Zielscheibe unliebsamer Scherze zu

dienen. Er fand den Geschäftsherrn stets gesammelt und auch bereit,

des Mitarbeiters Stimme zu würdigen. Nur die Ausnutzung des Geldes bis

in seine letzten Wirkungen ließ sich Kornelius Vanderwelt so wenig

vorschreiben wie in früheren Tagen, und jede Mahnung des trockenen

Rechners schob er mit den Worten zur Seite: »Sie sind eben nur ein

Lebewesen, lieber Beckenried, und kein lebendiger Mensch.«

Nach wie vor galt Kornelius Vanderwelt das Geld als Schlüssel zum

erweiterten Leben.

»Wenn wir Ruhrort zum bedeutendsten Binnenhafen der Welt erheben

wollen, lieber Beckenried, dürfen seine Anwohner keine Pfennigkrämer,

müssen sie Menschen von Weltempfinden sein. Und Weltempfinden

verlangt: die Welt erleben bis in die letzte Pore und beitragen, daß

sie uns lebenswert bleibt. Mit Klageweibern bringen Sie das nicht

zustande, wohl aber mit notbefreiten Geschöpfen.«

»Sie werden Notbefreiung säen und Habgier oder Verschwendungssucht

ernten, Herr Vanderwelt.«

»Nicht bei allen. Und um die, auf die Ihr Seherwort zutreffen sollte,

ist es nicht schade. Hingegen glaube ich, daß gegen eine kleine

Gehaltsaufbesserung selbst Sie nichts einzuwenden hätten.«

Nein, Herr Beckenried hatte ~nichts~ dagegen einzuwenden, und

er bedankte sich mit einem stillen Geschmunzel. Und die Herren im

Hauptkontor erhoben sich, als Kornelius Vanderwelt am Abend den

Raum durchschritt, von ihren Sitzen und machten ihrem Brotherrn ein

paar erregte Dankesverbeugungen, denn auch sie waren bei dem stark

gehobenen Geschäftsgang nicht vergessen worden.

»Lassen Sie sie in Gottes Namen auf ihre Art selig werden,«

erwiderte am nächsten Morgen Kornelius Vanderwelt auf die grämliche

Anklage Beckenrieds, die Herren seien in der Frühe mehr ins Kontor

hineingetaumelt als hineingegangen. »Die Hauptsache ist nämlich das

~Selig~werden. Die ~Art~ hängt vom persönlichen Geschmacke

ab, und der klärt sich.«

Es war ein Jahr der Selbsterkenntnis für Kornelius Vanderwelt

geworden, und die Erkenntnis seiner selbst war ihm gekommen durch die

Erkenntnis des jungen Geschöpfes an seiner Seite.

Denn Angela Freydag war ihm zur Seite, wo er ging und stand. Er

mochte sich dagegen wehren, und er hatte es lange genug getan, er

fand, ob er durch das Gewoge vor der Schifferbörse schritt, ob er die

Häfen durchkreiste oder in der Stille seines Sonderkontors hinter

Abmachungen und Planungen hockte, seine Gedanken immer wieder in einer

Art Zwiesprache mit ihr, wie sie der Meister mit dem bevorzugten

Lehrling hält, und unwillkürlich richtete sich seine öffentliche

Haltung wie seine innerliche nach den gläubigen Mädchenaugen seines

Gedankenbildes.

Und die Einbildung wurde zur Wirklichkeit, je weiter der Winter

fortschritt und die Abende sich dehnten in die Feierstunden des

Advents und in die tieferen Besinnlichkeiten der Seele.

»Sonst«, sagte er zu seiner Begleiterin auf dem Flügel, »pflegte ich

den ungeklärten Empfindungen aus weihnachtlicher Zeit kurzer Hand

bei Freund Matthes den Garaus zu machen. Heute lasse ich mich davon

einlullen, ich weiß nicht wie, und könnte mich stundenlang mit Ihnen

über das Christkind unterhalten. Wenn es keine Alterserscheinung ist,

muß es doch wohl die Jugend in mir sein.«

Und Angela Freydag erwiderte: »Es ist die Jugend.«

»Das ist eine Behauptung und kein Beweis.«

»Was man empfindet, braucht man nicht zu beweisen. Sie empfinden ja

auch die Hand des Schöpfers, ohne sie in Worten beschreiben zu können.«

»Hübsch gesagt. Nur spielt meine Jugend bei dem Vergleich eine sehr

nebensächliche Rolle.«

»Nein, nein. Das glaube ich nicht. Es gibt keine Größenverhältnisse,

wenn das Gefühl spricht.«

»Wollen Sie es nicht ein wenig mehr sprechen lassen, Fräulein

Freydag? Es ist so ein schummeriger Abend. Draußen fällt der Schnee

wie weiche Watte, die ganz dicken Flocken pochen mit Geisterfingern an

die Scheiben, und wo selbst die schwarzen Kohlenhalden Hermelinmäntel

tragen, dürfen wir uns wohl auch für ein Stündchen in einen

Märchenmantel wickeln.«

Sie schlug mit suchenden Fingerspitzen ein paar Töne an, die im Raume

hängen blieben.

»Es ist kein Märchen, es ist Wahrheit, daß Sie jünger sind als wir

alle. Von den anderen will ich nicht sprechen. Weil Sie es wünschen,

von mir. Vielleicht ist es mir selber noch gar nicht zum Bewußtsein

gekommen, was Jugend ist und was sie sein kann. Vielleicht ist sie

eine große, große Kunst und nicht jedem gegeben. Ganz sicher aber bin

ich, daß Sie die Kunst besitzen. Wie ein Musikstrebender die Kunst der

Meister verspürt und nicht erst nach der Haarfarbe der Meister sieht.

Ja, das scheint wohl ziemlich töricht dahingeredet.«

»Die Märchen um Weihnachten herum«, meinte Kornelius Vanderwelt, und

auch seine Hände suchten ein paar Tasten und brachten sie zum leisen

Weiterklingen, »erscheinen ~auch~ oft in törichtem Gewande.

Wissen Sie auch, weshalb? Weil sie nur für die Törichten erfunden sind

und nicht für die Tüftler und Neunmalweisen. Und Jugend muß wohl eine

besonders süße Torheit sein, sonst würden sich die Erleuchteten unter

den Menschen nicht so schrecklich ihrer schämen.«

»Nein, das haben Sie nie getan und werden es auch niemals tun.«

»Mein Wort darauf: nein. Und wenn Sie es wollen, will ich Ihrem

dunklen Tasten immer Lehrmeister sein, so wie ich Ihr ernsthaftester

Schüler wurde in der Erschließung unserer musikalischen Welt.«

»Es geht wohl um das gleiche,« sagte Angela Freydag sinnend.

Und dann begannen sie ihr Zusammenspiel. --

Es war nicht die leichteste Aufgabe, die Angela Freydag im Hause

Kornelius Vanderwelt zugefallen war. Der Unterricht der Kinder

gestaltete sich selten zu Feierstunden und es gab mürrische Mienen,

trotzige Worte oder stumme Widerstände fast täglich zu überwinden.

Angela Freydag überwand sie. Sie überwand sie mit dem Ernst ihrer

Augen, in deren Tiefe urplötzlich ein Funke aufspringen konnte wie

eine drohende Lohe. Und sie überwand sie mit einem jähen Streicheln

ihrer Hand, das die Kinder überraschte und benommen machte. Dann hatte

Angela Freydag gedacht: es sind Kornelius Vanderwelts Kinder.

Es war auch nicht die leichteste Aufgabe, ihre Stellung neben der

langjährigen Vertreterin des Hauses zu wahren und zu festigen.

Hatte auch das alternde Fräulein niemals ihren Wünschen so weiten

Lauf gelassen, dem Hausherrn im Arbeitszimmer oder im Musikzimmer

abendliche Gesellschaft leisten zu dürfen, so erregte doch die

Gewährung solcher Vorrechte an die Fremde einen Kampf in ihrem

Innern, der sich nur bis zur wortkargen Duldung des Eindringlings

beschwichtigen ließ.

Kornelius Vanderwelt gewahrte es bald.

»Weshalb schließen Sie sich aus, Fräulein Bilsenbach?« fragte er

freundlich. »Sie sollten Unterricht bei Fräulein Freydag nehmen.«

Das Fräulein wies die Zumutung, eine Schülerin abzugeben, mit

Entrüstung zurück.

»Ich bin zu alt dazu, um noch in die Lehre zu gehen, Herr Vanderwelt.«

»Ich würde, wenn ich wüßte, es gäbe irgendwo eine Schönheit des

Lebens zu erlernen, tausend Meilen zu Fuß pilgern. Und wenn ich das

Asthma hätte.«

Mit diesem Versuch war die Angelegenheit endgültig für ihn abgetan.

»Fräulein Freydag,« bat er, als sie am späten Abend in der Stille des

Arbeitszimmers über ein Dichterwerk gebeugt saßen, »vergessen Sie

unter keinerlei Umständen, daß Sie ~mir~ zuliebe in diesem Hause

sind.«

Sie hob den Kopf und sah ihm stumm in die Augen.

Und dann blätterten sie weiter, und Kornelius Vanderwelt deutete ihr

an dem einen Abend die Dichter und an dem anderen Abend die Maler

und Bildhauer der Zeiten. Er wies ihr die Baustile und ihre größten

Meister und brachte alles, was er von den Meistern wußte und in ihnen

lieben gelernt hatte, in ein Gleichnis von musikalischen Formeln,

damit die Musikerin in ihr leichter die Wege fände. Da war es oft,

daß sie mit Ausdrücken um sich warfen, als behandelten sie statt

eines Wortgemäldes, eines farbigen Bildes oder steinerner Bauformen

eine Beethovensche Symphonie, und die Tasten des Flügels erklingen

ließen, um sich leichter Rede und Antwort zu stehen und die Fragen der

Schülerin zu klären. Oft auch, daß sie auserwählte Gedichte lasen und

das Ergebnis ihrer Empfindungen auf dem Flügel mit dem Stimmungsgehalt

der Tonschöpfungen verglichen, die das Gedicht als Lied neu geboren

hatten, und Brahms und Schubert, Schumann und Mendelssohn sangen durch

den Abend, und Hugo Wolf und Richard Strauß antworteten in ihren

Weisen.

Wie zwei junge Menschen gleichen Alters saßen sie an solchen Abenden

Schulter an Schulter, und die Schülerin tat hastige, frohe Atemzüge

der Erkenntnis, und der Lehrer steigerte sein Wissen, um dem Erwachen

der Schülerin Schritt zu halten. Während sie aber lehrten und

lernten, lernten und lehrten, fühlte das Mädchen, wie die schweren

Nebel der Vergangenheit sanken, wie die verschlossen gebliebenen

Türen und Fenster ihrer Wesenheit sich öffneten und Licht und Wärme

nie geahnter Art hineinwogten, die das Bewußtsein ihres Lebens

aufwühlten, mit Schauern der Freude füllten und es aufschnellen ließen

wie zitterndes Reis nach der Sonne; fühlte der Mann, wie Hasten und

Lasten der Gegenwart gleich Fremdkörpern aus dem Blute wichen und

die Vergangenheit, dort, wo sie am schönsten gewesen war, die Augen

aufschlug und sprach: Nein, ich bin noch nicht tot.

Da war es, daß Angela Freydag ihre wundgelaufenen Füße nicht mehr

spürte und Kornelius Vanderwelt nicht mehr sein wundgehetztes Hirn.

Als sie sich beide auf dem Wege zur Jugend trafen und der eine

Weggenoß den anderen staunend bei der Hand nahm.

Wie verklärt sie aussieht, dachte Kornelius Vanderwelt. Die Erkenntnis

ihrer Jugend hat ihre Jungfräulichkeit gereift. Und er sagte laut:

»Angela! Angela bedeutet Engel.«

Sie lachte ihn an und schüttelte heftig den Kopf.

»Ich bin kein Engel. Engel hängt man in den Weihnachtsbaum, und ich

habe Hunger und Durst nach der Erde.«

»Was für ein Geschöpf möchten Sie lieber sein, Engel?«

»Fragen Sie doch nicht. Sie wissen es ja, was ich bin. Sie formen ja

das Geschöpf aus Ihren Händen heraus.«

»Engel,« sagte er und forschte in ihren Augen, »ich sehe kluge,

ernste, graue Augen. Mädchenaugen. Und doch sehe ich zuweilen darin

jäh über den Horizont springende Blitze, als sprängen Panther an.«

Sie hielt die Augen weit auf vor seinem forschenden Blick.

»Ich glaube nicht, daß es so vornehme Tiere sind, Herr Vanderwelt. Es

werden wohl arme, hungrige Wölfe sein.«

»Setzen Sie mir nicht den Wolf herunter, Engel. Der Wolf war den Alten

heilig und stand den Göttern nahe. Nicht nur dem kriegerischen Wodan

der Germanen. Auch Apollo, der Gott der Künste, wählte den starken

Wolf zu seinem Begleiter. Und eine Wölfin säugte die Erbauer Roms.«

Sie lehnte die Ehrungen mit einem Kopfschütteln ab.

»Das klingt gewiß sehr schön, aber die alten Göttersagen liegen mir

zu weit. Ich weiß von der Wölfin nur, daß sie mit dem Wolf gemeinsam

jagt, in allen Stücken ihm gleicht, daß der Hunger sie stark und

furchtlos macht und daß sie Geschöpfe der eigenen wie der fremden Art

abwürgt, wenn sie sich als Schwächlinge erweisen. Den Romulus und

Remus wird die Wölfin nur aufgesäugt haben, weil sie das Starke in

ihnen witterte.«

»Ach, Engel, man müßte die Naturgeschichte nur von Frauen lehren

lassen.«

»Warum --?«

»Weil ihr Naturtrieb immer auf das Einfachste stößt.« --

Zu Weihnachten standen die Tische gedeckt. Im Arbeitszimmer des

Vaters drängten sich erwartungsvoll die Kinder, und nun rief

ein Klingelzeichen nach Fräulein Bilsenbach, die sich mit ihrer

Festgewandung verspätet hatte, und nach den Angestellten in Haus und

Küche. »Fräulein Freydag fehlt,« bemerkte der unruhige Thomas, stürmte

die Treppe hinauf und holte sie aus ihrem Zimmer.

Vom Flügel her erklangen schlicht und kindergläubig die

Weihnachtslieder von Cornelius. Der Hausherr spielte. Und als er

geendet hatte, öffnete Fräulein Bilsenbach die Tür, die zum Eßzimmer

führte, und der Weihnachtsbaum stand in stiller Lichterpracht, und sie

öffnete die Tür, die zum Musikzimmer führte, und Kornelius Vanderwelt

griff in die Tasten und ließ zum gemeinsamen Gesang die Weise von

»Stille Nacht -- heilige Nacht« ertönen. Scheu und fremd kauerte

Angela Freydag auf ihrem Stuhle hinter den festfrohen Reihen.

Die Weihnachtsanbetung verklang. Das Schweigen der Erwartung lastete.

Da erhob sich der Hausherr von seinem Sitz und schritt unter die

Harrenden.

»Fröhliche, selige Weihnachten euch allen,« rief er und schüttelte

herzlich aller Hände. Eine Sekunde nur stutzte er vor dem glanzlosen

Ausdruck in Angela Freydags Gesicht. Und mit der Hand, die er ihr

hingestreckt hatte, zog er sie hoch.

»Vorwärts!« rief er Kindern und Angestellten zu. »Wer läßt den

Gabentisch warten? Sturm! So ist es recht.« Und mit dem Strudel wurde

Angela Freydag fortgezogen und war doch in der Woge allein.

Voll von kleinen Tischen stand das geräumige Eßzimmer, und auf

jedem Tische hielt ein Lebkuchenmann ein Namensschild. Ein kurzer

Wirrwarr, und ein jeder hatte seinen Namen herausgefunden. Gellender

Aufschrei der Kinder, ein staunendes Aufseufzen der älteren, und ein

jeder betastete, hob empor, legte nieder, griff nach einem anderen

Gegenstand, einem dritten, probte, untersuchte, lachte, schwatzte und

drehte sich blitzschnell im Kreis.

Kornelius Vanderwelt ging von einem zum andern. Er bewunderte Juliane

in der goldenen Halskette, die einen Skarabäus schaukelte, und ließ

sich von dem erregten Mädchenmund die unzähligen Köstlichkeiten an

Leibwäsche und Kleidern erklären, als hätte er das alles nie vordem

gesehen. Er trat zu Justus und Thomas, die das kleine Abbild einer

Segeljacht in Händen hielten, wies geheimnisvoll lächelnd mit dem

Zeigefinger nach dem Bootshaus da draußen irgendwo und ließ die

stürmischen Umarmungen der jungen Jachtinhaber über sich ergehen. Er

nahm dem verwirrten Fräulein Bilsenbach den Pelzmantel aus den Händen

und half der beschämt Widerstrebenden, hineinzuschlüpfen, damit die

Versammlung das königliche Bild besser entgegennehme. Er redete mit

dem Fahrer über Tabaksorten, Juchtenleder und Aachener Tuch, mit den

Hausmädchen über Aussteuerleinen, Brautlaken und Bräutigam und wandte

sich um und stand vor Angela Freydag.

»Darf ich nachfragen, Engel, ob der Weihnachtsmann zu Ihrer

Zufriedenheit gewirkt hat?«

Er hatte den Scherznamen, einmal angewandt, nicht mehr aufgegeben.

»Zu meiner Zufriedenheit?« wiederholte sie nur. »Zu meiner

Zufriedenheit?«

»Ich glaube gar,« sagte Kornelius Vanderwelt und trat dichter an

sie heran, »Sie haben dem Weihnachtsmann noch nicht einmal einen

freundlichen Blick geschenkt.«

»Doch, doch,« stieß sie hervor und wies auf ihren Platz. »Vielen,

vielen Dank für Ihre Güte. Es ist nur schon so lange her, daß ich

Weihnachten gefeiert habe -- und es war nie schön -- ich weiß mich gar

nicht mehr zu benehmen.«

»Dies ist ein Koffer,« erklärte Kornelius Vanderwelt, und der Klang

seiner Stimme ließ sie sofort zur Ruhe kommen. »Und dies ist auch ein

Koffer. Der größere ist als Reisegepäck gedacht, der kleinere als

Handgepäck. Denn aus der lieben Reisetasche sind Sie mittlerweile

herausgewachsen wie aus den lieben Kinderschuhen. Hilft nichts. Und

nun müssen Sie öffnen und weiterforschen.«

»Öffnen und -- weiterforschen?«

Er bastelte für sie die Schlüssel los und ließ die Schlösser

aufschnappen. Den Handkoffer öffnete er zuerst. Er bot in einer

seitlichen Einrichtung silberverkapselte Flaschen und Kristalldosen,

Bürsten und Kämme und Spiegel dar. Die Mädchenaugen starrten darauf

hin. Und dann wurde das Mädchengesicht weiß. Kornelius Vanderwelt

hatte den größeren Koffer geöffnet.

»Jetzt müssen Sie urteilen, Engel. Der Weihnachtsmann konnte nur

seinem Männergeschmack nachgehen.«

Es kam keine Antwort, und er blickte auf und sah in das verkrampfte

Gesicht.

»Engel,« sagte er leise, »Fassung, mir zuliebe.«

Da riß ein wilder Freudenausbruch den Krampf auseinander, und sie

beugte sich vor und wühlte mit ihren Händen in den Schätzen von feiner

Leibwäsche.

»Nun müssen Sie den Einsatz herausheben, Engel.«

»Immer noch mehr? Gut, immer noch mehr! Nur immer zu! Freude! Freude!

Und wenn sie sich wie eine Flut über mich wirft, ich tauch' auf, ich

halt' stand, ich -- ich --«

Sie stutzte. Ihre Augen waren ganz weit und dunkel. Ihre Lippen

bewegten sich weiter. Und Kornelius Vanderwelt mußte an sich halten,

um sich nicht in den Mädchentaumel hineinreißen zu lassen.

»Das ist eine ganze Ausrüstung,« sagte Angela Freydag atemlos. »Die

Ausrüstung einer Dame. Reisekleid und Gesellschaftskleid. Jacke, Pelz,

Muff. Eine Pelzmütze sogar. Es fehlt nichts -- nichts von dem Bilde,

was ich mir gemacht hatte.«

»Von ~was~ hatten Sie sich ein Bild gemacht?«

Sie stand vor ihm und hielt ihre Hände über den Brüsten.

»Und ich habe nichts für Sie. Gar nichts, gar nichts.«

»Schenken Sie mir Ihre alte Reisetasche, Engel. Sie haben sie immer so

innig an sich gedrückt, daß ein wenig von der Innigkeit wohl noch auf

mich übergeht.«

Da lachte sie ihn lautlos an.

Das war Kornelius Vanderwelts liebstes Weihnachtsgeschenk, dies

lautlose Lachen des Verstehens. Für die Gaben von Kinderhand, für

die sorglichen Arbeiten seines Hausfräuleins hatte er sich laut und

herzlich bedanken können. Hier fehlte ihm das Wort. »Engel,« sagte er

nur ganz leise.

Ihre Hände glitten über die Schätze und plätteten sie. Sie schloß

die Kofferdeckel, zog die kleinen Schlüssel ab und senkte sie in

den Halsausschnitt. Alles mit einer streichelnden Zärtlichkeit. Der

Zärtlichkeit der Besitzerin.

»Wollen Sie denn nicht anproben? Das Putzen und Proben gehört doch zur

Weihnachtsfreude.«

»Bitte,« bat sie, »bitte, nicht vor den andern. Wenn ich allein bin,

brauche ich nicht an mich zu halten.«

Und wieder war Kornelius Vanderwelt von den Kindern umringt und von

den Angestellten und mußte bestaunen und sein Urteil abgeben. Und

Fräulein Bilsenbach brachte den weihnachtlichen Südwein, und jeder

erhielt sein Glas, und während unter der leuchtenden Christtanne ein

neues Weihnachtslied angestimmt wurde, ging Kornelius Vanderwelt von

einem zum andern, ließ an jedem Glas das seine erklingen und sprach

seinen Gruß: »Fröhliche Weihnacht.«

Spät am Abend erst wurde das Mahl aufgetragen. Des weihnachtlichen

Gedränges wegen in des Hausherrn Zimmer. Langsam ebbte die

Flut zurück. Mit schlafmüden Augen verabschiedete sich das

alternde Hausfräulein zuerst, um noch in ihrem Stübchen ein paar

Gesangbuchverse zu lesen. Noch schmiedeten die Kinder Pläne für die

Feiertage. Dann kam auch ihnen die Ermüdung, und sie traten an den

Vater heran, bedankten sich und küßten ihn. Hinter ihnen war Angela

Freydag an Kornelius Vanderwelt herangetreten. Sie reichte ihm die

Hand und sah zu ihm auf.

»Darf ich Ihnen heute auch einen Kuß geben?«

Kornelius Vanderwelt nahm sie in die Arme, wie er seine Kinder in die

Arme genommen hatte. Einen Herzschlag länger. Und während des einen

Herzschlags freute er sich an der roten Linie ihres Mundes. Er beugte

sich nieder und empfing ihren Kuß. Ruhig verließ sie das Zimmer.

Er ging in das Musikzimmer hinüber und setzte sich vor den Flügel,

ohne zu spielen. Irgend etwas machte ihn lächeln, und er wußte nicht,

was? Ja, doch, das war es. Der Mädchenkuß von Angela Freydag war es.

Der echte und rechte Mädchenkuß. Geküßt von einem Munde, der es nie

gelernt hatte. Mit geschlossenen Lippen. Ernsthaft wie eine feierliche

Handlung. Ein wenig herb -- und ein ganz klein wenig zitternd.

Und plötzlich stieg eine warme Freude in ihm hoch, daß es so gewesen

war und nicht anders.

Das Mädchen hatte ihm gegeben, was es noch keinem gegeben hatte. Er

war der reicher Beschenkte. --

Als Kornelius Vanderwelt in der Nacht sein Schlafzimmer aufsuchte,

fand er an das Bett gelehnt Angela Freydags Reisetasche. -- --

Seit dem Weihnachtsfest machte sich die Wandlung in Angela Freydags

Wesen von Tag zu Tag bemerkbarer. Es war wohl weniger eine Wandlung,

als eine rascher einsetzende Entwicklung. Als ob ein Stauwehr

überwunden wäre, und die Wasser ihres Lebens strömten befreiter dem

Ziele zu.

Daß Kornelius Vanderwelts ritterliche Weise das Stauwehr in ihr

beiseite geräumt hatte, das erkannte allein die Dankbarkeit der

Wenigverwöhnten. Aber die Dankbarkeit erschien ihr als ein zu

geringer Ersatz, ein Trieb war in ihr erwacht, in seine Gedankenwelt

hineinzuwachsen, sich formen zu lassen nach seinem Bilde und nach

einer Spanne, sie sei kurz oder lang, seiner Schöpferfreude zeigen zu

dürfen, daß sie sich nicht an ihr vergeudet hätte.

Bis zu dieser Spanne griff sie die Arbeit an Kornelius Vanderwelts

Kindern mit neuer, zäher, Willenskraft, als einen Beweis ihres Wollens

und Könnens an und ließ sich nicht durch die Unbotmäßigkeit der

Schüler noch durch die eigene Ungeduld abschrecken, den steinigen

Acker immer wieder zu durchpflügen.

Am steinigsten war er bei Juliane. In der Entfaltung des Mädchens

stritten Selbstbewußtsein und Gefallsucht um die Oberstimme, aber das

Selbstbewußtsein hatte leider nichts von der sicheren Vanderweltschen

Note, sondern gründete sich auf dem Bewußtsein, ein augenfällig

schönes und frühreifes Geschöpf zu sein, und diente der Gefallsucht

nur als leichte Maske. Das hatte Angela Freydag vom ersten Tage an

durchschaut, und nun mühte sie sich mehr als je, eine andere Unterlage

zu schaffen und damit dem jungen Selbstbewußtsein eine stärkere

Berechtigung. Und es begann der Kampf zwischen den Sonaten und den

Tagestänzen.

»In meinem Leben spiele ich das Zeug nicht,« versicherte die erzürnte

Kleine. »Wer Sonaten hören will, mag ins Konzert laufen. Ich will

einmal glänzende Bälle geben können und am Flügel sitzen und

aufspielen.«

»Das ist für leere Stunden, Juliane. In den schweren Stunden, die bei

keinem ausbleiben, wirst du Gott danken, in den Werken der Meister die

eigene Erlösung zu finden.«

Kornelius Vanderwelts Gefährtin · 第 7 / 26 段