»Ach nein, Fräulein Freydag,« spottete das Mädchen, »die schweren

Stunden sind für die Dummen, die alle Sachen schwer nehmen. Die Klugen

schlagen einen Bogen, wie wir's in der Schule machen.«

»Es sind Flachköpfe, Juliane, und du bist Kornelius Vanderwelts

Tochter. Wenn du es vergessen solltest, so vergeß ich es nicht. Und

nun üben wir ernsthaft.«

Es waren weniger die Tanzweisen, die Angela Freydag auszurotten

trachtete, als der leichtfertige, kühl abwägende Sinn, der in Angela

Freydags Stirn die Furche kerbte. Eine Leichtfertigkeit aus Geblüt

wäre ihrem Grübeln noch verständlich erschienen. Hier aber sah sie

eine Leichtfertigkeit aufwachsen, die von der Berechnung auf Wirkung

und überrumpelnden Erfolg eingegeben war, und ihre Natur wehrte sie

wie eine Unreinlichkeit ab.

Mit aller Beherrschung nahm sie den Kampf auf, und wenn sie nichts

anderes gewann als die Stunden der Ablenkung vom übrigen Tag, diese

wollte sie auf ihr Guthaben buchen.

Anders, wenn auch nicht weniger schwierig, gestaltete sich die

Unterweisung des ältesten Sohnes Justus, der wenige Wochen vor

Ostern zum Primaner aufgerückt war. Sein schnelles Erfassen

der Schulwissenschaften verliehen ihm die Berufung, Höhenwege

einzuschlagen, aber er verwechselte die Anwartschaft auf Höhenwege mit

einem hochfahrenden Sinn, der in jedermann einen Untergebenen oder

doch ein seinen Lebensforderungen untergeordnetes Wesen und in Angela

Freydag niemals mehr als eine wenig beachtenswerte Klavierlehrerin sah.

»O je, Justus, nicht die Meister vergewaltigen! Bitte diesen Satz noch

einmal.«

»Ich bin schon über ihn hinweg und möchte mich nicht wiederholen.«

»Man ist nur über eine Sache hinweg, wenn man sie restlos erledigt

hat. Sonst steht sie als Feind hinter einem auf.«

»Ich pflege mich nicht um das zu bekümmern, was hinter mir herdroht.

Damit macht man meine Pferde nicht scheu.«

»Erst muß man Pferde ~besitzen~! Sie reiten vorläufig noch auf

einem Mietgaul.«

»Wenn es Ihnen recht ist, Fräulein Freydag, wollen wir uns über

Lebensanschauungen nicht unterhalten.«

Sie sah ihm ruhig in die Augen, bis ihm das Blut in die flaumbärtigen

Wangen stieg.

»Gewiß ist es mir recht. Und der so starkgeprägte Sinn für

Ritterlichkeit in Ihnen wird Ihnen selber sagen, worüber Sie sich mit

Ihrer Klavierlehrerin zu unterhalten haben. Und auf welche Weise,

Justus.«

Der Jüngling schlug das Notenblatt um und jagte den beanstandeten Satz

in Windeseile herunter.

»Ich danke Ihnen,« sagte sie, ohne mit dem Auge zu zucken. »Sie sind

reich begabt und werden es bei fester Selbstzucht zu hohen Graden

bringen.«

Am leichtesten fand sie sich mit Thomas, dem zweiten Sohne. Und

doch wurde gerade dieser je länger, je mehr ihr Sorgenschüler. Die

Überlegenheit, die er als jugendlicher Schöngeist jungen und auch

älteren Menschen gegenüber so gern auszuspielen pflegte, sonderlich

aber jungen Mädchen gegenüber, die er als »ergötzlich durch ihre

Minderwertigkeit« bezeichnete, behielt er im Verkehr mit Angela

Freydag nicht bei. Sobald ihre Hände aus den Tasten Leben schlugen,

wurde jeder Spottgedanke in ihm abwegig, wurde er der feine,

liebenswürdige Junge, der am stärksten an den Vater erinnerte. Und

doch war es nächst der Spottsucht gerade diese weiche Feinheit, die

Angela Freydags Gedanken zu schaffen machte.

»Bitte, bitte, Fräulein Freydag, spielen Sie weiter.«

»Jetzt ist Unterrichtsstunde, Thomas. Die Reihe ist an Ihnen.«

»Nein, nein. Es wäre Barbarei, mitten in der wunderbarsten

Stimmungsmalerei abzubrechen. Ich verspreche Ihnen dafür, heute eine

Stunde länger zu üben.«

»Thomas,« warnte sie ihn und spielte weiter, »es ist nicht gut, sich

von jeder Stimmungsmalerei besiegen zu lassen. Das macht weich und

schlaff. Wie Kranke, die sich nach dem Fieber sehnen, weil es ihnen so

angenehm das Bewußtsein für das Wirkliche verschleiert.«

»Fräulein Freydag, Sie sprechen bereits wie der Vater.«

»Tu ich das?« fragte sie zurück und beugte sich über ihr Spiel. »Wenn

ich das schon als Fremde tue, ist es Ihre Schuldigkeit als Sohn, so

wie der Vater zu ~werden~.«

»Ach, Fräulein Freydag, der Vater ist ja auch der Musik untertan.

Sehen Sie denn nicht, daß ich ihm nacheifere?«

»Lieber Thomas, der Vater ist der Musik nicht untertan, sie ist für

ihn nur der Nährboden für neue Kräfte. Und für Sie wird die Musik die

Verleiterin zur Einlullung und Schwächung Ihrer Kräfte werden, wenn

Sie sich aus der Zuhörerrolle nicht aufraffen und selber in die Tasten

hineinhauen, daß sie den Befehlshaber spüren.«

»Gibt es das? In der Musik?«

»Das gibt es in der Musik wie in der Lebensmusik. Der Befehlshaber

ist kein rücksichtsloser Mensch, der durch sein Brüllen alle Welt

erschreckt. Der wirkliche Befehlshaber ist der Freund und Bruder und

-- der Meister der Menschen. Und wenn seine Kraft es befiehlt und er

hineinhaut in die Tasten, so müssen sie aufjauchzen und jubeln vor

Begeisterung, hingerissen in den Tod wie hingerissen in das Leben.«

Thomas Vanderwelt horchte noch immer auf ihr Spiel.

»Fräulein Freydag -- wenn man aber das Leben nur als ein belustigendes

Zwischenspiel ansieht, das es in Wirklichkeit ist? --«

»Dann würde ich Ihnen raten: spielen Sie mit, Thomas, damit es

ernsthaft wird und den Einsatz lohnt.«

Sie brach ab und machte ihm Platz.

»Nur Zaungäste drücken sich, wenn Zahlung verlangt wird. Sie, Thomas

Vanderwelt, werden sich nicht lumpen lassen.«

Und der junge Mensch begann. Mit einer müden Weltüberwundenheit, die

seinem Spiel die Marke der Ungewöhnlichkeit aufdrücken sollte, mit

leichtspöttischen Betonungen der Gefühlswelt, bis ihm Angela Freydags

stählerner Zuruf wie eine Klinge in die selbstgefällige Auslage fuhr

und ihn zum Kampfe mit sich selber zwang. Ihre Hände packten seine

Handgelenke, spielten mit ihm einen Satz, einen Lauf nach ihrem

Willen, bis der Wille auf ihn übersprang und ihn das Ende selber

finden ließ in aufgerüttelter Selbstbesinnung.

»Thomas, sich nicht selber aufgeben! Spott ist die Waffe der

Schlachtenbummler. Nur ganz große Vorbilder dürfen sich den Spott

erlauben, und sie tun es nur bei geistigen Müßiggängern, wenn die Güte

versagt. Finden Sie sich selber, Thomas.«

Dann kam es wohl, daß ihr der junge Mensch beschämt die Hand küßte.

Im fortschreitenden Frühling nahm Kornelius Vanderwelt sie des öfteren

mit auf seine Hafenfahrten. Zusammengerafft hielt sie sich neben ihm

im Boot, in gesteigertem Bemühen, jedes seiner Worte zu verstehen,

jedes Bild sofort mit seinen Augen zu erfassen. Dort kreischten die

Krane unter ihren Lasten, und es war Musik. Dort donnerten die Kipper

stäubende Wagenladungen in die Kähne, und es war wieder Musik. Dort

wanden sich die Schiffszüge aus den Hafenbecken, dort rauschten sie in

ununterbrochenen Reihen gen Holland zu Tal oder gen Mannheim zu Berg,

und alles, alles wurde zur Musik; und zur geheimnisvollsten und darum

feierlichsten Musik das Gewerbe der Menschen, der winzigen, schwarzen,

durch ihre Beseeltheit ruhelosen Blutkörper der Erde. Und hingerissen

starrte sie auf die Riesenleistungen dieser Zwergenmenschen, auf die

keuchenden Schlote der Stahlwerke, auf die Höllengluten ausspeiender

Hochöfen, die selbst dem Himmel ihre Farben aufzwangen.

Und Kornelius Vanderwelt sprach zu ihr, wenn seine heißen Augen über

die erregten Bilder glitten: »Es kann Musik sein, wenn es mehr wird

als Erregung. Aber in sich selber haben muß man die Musik, sonst

bleibt das alles Tagesmühen und Hinüberfristen von einem Tag in den

anderen.«

»Nein, das lohnte nicht das Leben,« stieß sie heraus. »Irgendwo muß

ein Preis sein.«

»Die meisten Mitmenschen glauben, ihr steigendes Bankguthaben sei

der Preis. Ich meine, es müsse das steigende Guthaben am Leben sein.

Hei, du Leben, du bist mir einen Ehrenbecher schuldig, weil mich mein

Schöpferwerk durstiger gemacht hat als die Zuschauer! Oder dies Leben

ist ein Schwindelunternehmen.«

»Nein,« hastete sie hervor, »das ist es nicht! Ich habe den Mut, daran

zu glauben.«

Er legte den Arm um ihre Schulter, und seine Blicke entspannten sich.

--

Oft und öfter sprach er mit ihr über seine Planungen und

Unternehmungen, und wenn sie ihm auch nicht zu antworten wußte, so

wußte sie doch aufzuhorchen und mit jeder Welle ihres Daseins in ihn

hineinzugleiten, daß er es wie einen belebenden Strom empfand.

»Engel,« sagte er, »ich spüre Sie als Anspannung und Entspannung in

eins. In Ihnen ist die echte Mischung der Frau.«

Schon lange legte er den Arm um ihre Schulter, wenn sie bei Sonne

oder Wind im Boote standen und die Antriebmaschine die Bootsstirn

pfeilschnell durch das Wasser drückte. Es war keine Verwunderung in

ihr hochgekommen, nicht beim erstenmal und nicht, als die Wiederholung

Gewöhnung wurde. Der Arm um ihre Schulter gehörte zu ihr, wie das

Atmen zu ihr gehörte und alles Werden und Wachsen.

»Wissen Sie auch, Engel, daß Sie sich nicht nur geistig staunenswert

entwickeln, sondern auch körperlich? Das sind die festen Schultern

einer Frau geworden, und die Schmächtigkeit hat sich besonnen und

blüht auf wie ein kraftvoller Lilienstengel.«

Sie sah an sich hinab, ohne Scheu vor seinen Worten und ohne

Beschämung, daß er ihre Körperlichkeit gewahrte. Nur eine Freude stieg

in ihr hoch, daß auch hierin ihre Armut sich gewandelt hatte, und sie

streckte sich heimlich und prüfend in seiner Armumschlingung, ob ihre

Schulter die seine bald erreiche.

Sie fuhren auf dem Rhein, und eine Segeljacht holte vor ihnen auf,

legte die Segel um und gehorchte im Bogen dem Steuer. Zwei weiße

Mützen schwenkten im Winde, zwei wetterbraune Gesichter schrien ihnen

Begrüßungen zu. Rauschend schoß die Segeljacht im Kreise um ihr Boot

herum, gewann den Wind zurück und entfloh.

»Justus! Thomas!« schrie Angela Freydag aus vollem Halse, riß ihre

Mütze von den Flechten und winkte hinter ihnen drein. »Hei, Herr

Vanderwelt, Ihre Jungens! In jeder Wendung Schiffer von Geblüt!«

Aufmerksam hatte Kornelius Vanderwelt jede Bewegung der Segeljacht

verfolgt. In den scharf zusammengekniffenen Augen lauerte der Vater

und der Seemann.

»Wir hätten sie rammen können, wenn unsere Maschine nicht beizeiten

abgestoppt hätte. Der Bootsmann hatte meine Jungen erkannt.

Ihre Waghalsigkeit verläßt sich viel zu sehr darauf, daß sie

Vanderweltjungen sind. Übrigens verlange ich von meinen Söhnen die

Schifferprüfung auf dem Rhein, sobald sie die Schule verlassen haben.«

»Die Schifferprüfung auf dem Rhein?« fragte sie verwundert. »Auch wenn

sie einen anderen Beruf wählen?«

»Ein jeder Mensch muß ein Handwerk verstehen. Versagt einmal das

Brustschwimmen, so muß man sich mit dem Rückenschwimmen helfen können.

Mein Gott, wie oft habe ich auf dem Rücken schwimmen müssen.«

In der Klammer seines Armes sah sie ihn von unten herauf an.

»Lachen Sie nicht, Engel. Helden, die immer siegen, gibt es so wenig,

wie Väter, die in der Schule immer oben gesessen haben.«

Da lachte sie, daß seine Schulter gerüttelt und geschüttelt wurde.

»Das Lachen haben Sie mittlerweile auch gelernt, Engel.«

»Ja, ja, ja!« schrie sie in den Wind. »Das Lachen und alles, alles,

was uns das Lachen schenkt!«

Seine Hand glitt von ihren Schultern über ihren Arm. Hin und her. Her

und hin.

»Ich freue mich, Engel.« --

Jedesmal, wenn sie von gemeinsamer Fahrt heimgekehrt waren, empfand es

Kornelius Vanderwelt, daß Angela Freydags Spiel in die Tiefe wuchs,

um den Höhenweg zu nehmen. Dann war ein Ringen in ihr um die letzte

Befreiung, um den letzten sieghaften Ansprung ins Licht. Jeden Morgen

hindurch, wenn die Schüler das Haus verlassen hatten, saß sie am

Flügel, stundenlangen, nimmermüden Fingerübungen hingegeben, in einer

Selbstbeobachtung bis ins Schmerzhafte, in einer Selbstzucht, die das

geringste zum bedeutungsvollen erhob.

»Sie übertreiben, Engel,« verwarnte sie Kornelius Vanderwelt, als er

an einem Mittag vor der Zeit heimgekehrt war und lauschend in der Tür

gestanden hatte. »Das halten die Nerven keines Menschen aus. Weshalb

also?«

»Ich muß mein eigner Lehrer sein. Wenn der Schüler Pause machen will,

greift der Lehrer ein und läßt wiederholen.«

Kornelius Vanderwelt ließ lange seinen Blick auf der zähen Kämpferin

am Flügel ruhen.

»Ich weiß Sie ungern draußen allein, Engel. Es ist ganz gewiß ein gut

Teil Selbstsucht dabei. Ein Mann meiner Anschauungsart ist nun einmal

selbstsüchtiger, als die vielen, die sich nur von der Abwechslung

Wunder versprechen. Na, schon gut. Keine rührsame Tünche darüber

gestrichen. Sie werden von heute an jede Woche einmal nach Köln fahren

und Ihrem Professor vorspielen. Zur letzten Überfeilung. Denn eine

Künstlerin sind Sie heute schon.«

Ihr Spiel brach ab. Ihr Gesicht wandte sich, schneeweiß geworden, ihm

zu. Ihre Augen leuchteten bis in die Tiefe.

»So sehr erfreut Sie die Aussicht, aus dem Käfig heraus und nach Köln

zu kommen?«

»Ihretwegen -- Ihretwegen!« stieß sie heraus. »Dann ist es kein Käfig

mehr, in dem Sie mich sitzen sehen. Dann werde ich vor Ihren Augen

fliegen können, ach, überall hin, wo Sie mich sehen wollen, und

brauche nicht mehr hinterdreinzulaufen und Sie mit mir aufzuhalten,

wenn Sie große Schritte machen möchten.«

»Ist das nun alles Unbewußtheit?« fragte er zögernd und strich über

ihr Haar.

Sie aber verstand den Sinn der Frage nicht und blickte ihm, wie eine

Schülerin dem Lehrer, nach den Augen. Und seine Brust, durch die der

Zweifel gerieselt war, tat plötzlich so tiefe Atemzüge, als müßte

bis in die Fugen reingefegt werden, was etwa sich einzunisten willens

gewesen wäre.

»Geben Sie mir den Namen Ihres Professors. Ich werde den Herrn an den

Fernsprecher rufen lassen und mit ihm die Stunden verabreden. Sie

können dann, wenn alles nach Wunsch geht, schon morgen fahren.«

Wohl verstand es das leidenschaftliche Wesen Kornelius Vanderwelts

wie überall, so auch hier, seinen Wünschen Geltung und Erfüllung

zu verschaffen. Und doch dehnte sich ihm der nächste Tag, an dem

Angela Freydag zur Musikhochschule nach Köln gefahren war, zu einer

schier unerträglichen Länge, und eine verschwommene Leere in ihm

hinderte so stark seine Arbeitslust, daß er zum ersten Male sein

befehlshaberisches Wünschen mit einer Verwünschung bedachte. Um die

Mittagstunde ging er nicht heim. Weit hinaus auf die Landstraße

zwischen der silbrigen Ruhr und den frühlingssaftigen Wäldern mußte

ihn der Wagen entführen, und als er zum Abend sein Geschäftshaus

verließ und es immer noch eine Stunde währte, bis die Eisenbahn

Angela Freydag von ihrem Ausflug zurückbringen konnte, fand er sich

alter und lange nicht geübter Gewohnheit gemäß durch das Gassengewirr

des Hafenviertels schlendern und das Wirtshausschild ›Zu den fünf

Erdteilen‹ buchstabieren.

Er lachte dröhnend, als er unverzüglich den Matthes hervorstürzen sah

wie den Sperber auf die Beute.

»Gute Brise, was, alter Seeräuber?«

»Einen Augenblick nur. Bitte sich nur für einen kleinen Augenblick

hereinzubemühen, Herr Vanderwelt.«

»Ne, mein braver Matthes, kapern ist nicht. Ich danke Gott, daß ich

das Gift aus Ihrer Bude wieder ausgeschwitzt habe.«

»Es handelt sich nicht um das Gift, Herr Vanderwelt, es handelt sich

um die Bude selbst.«

»Rauscht der Pleitegeier?« fragte Kornelius Vanderwelt und folgte dem

Bittsteller ein paar Schritte in den Hausgang.

»Herr Vanderwelt,« begann der Matthes und verschleppte seinen hohen

Gastfreund in den stillsten Winkel, »daß die ›Fünf Erdteile‹ im

Begriff sind, sich bis auf die Ratten zu entvölkern, ist nicht meine

Schuld, denn Küche und Keller sind nach wie vor prima. Tut mir leid,

es geraderaus sagen zu müssen, daß es alleinig die Schuld des Herrn

Vanderwelt ist.«

»Matthes, Sie haben wohl einen Rausch? Seit länger als einem halben

Jahr habe ich keinen Schritt in Ihren Feenpalast getan.«

»Dat is et ja eben,« folgerte der Mann. »Dat is et, wat ich zur

Entschuldigung meiner Wirtschaft hören wollt'. Als hätten Sie dat Haus

durch Ihr plötzlich Wegbleiben in den Verruf getan, genau so is et.

Da haben sich die Leute gesagt, der Herr Vanderwelt bevorzugt jetzt

gewiß en noch viel doller Wirtshaus, un haben rund herum gesucht, un

der eine is hier und der andere da auf eine Sandbank geraten oder in

der Kreide hängen geblieben, un die Mehrzahl im ›König von Portugal‹,

der flottere Betriebsgelder hat. Daher, mein ich, wär et nich mehr als

recht un billig, Herr Vanderwelt --«

»-- daß ich als stiller Teilhaber an den ›Fünf Erdteilen‹ einträte?

Ne, verehrter Freund, das liegt mir nun doch nicht.«

»Herr Vanderwelt, lumpige fünfundzwanzigtausend Mark auf

Grundverschreibung. Ich lass' dafür dat Besitzerrecht an den Kasten

auf Ihren Namen schreiben.«

»Sie haben doch irgendwo eine Tochter mit einem kleinen Mädchen

wohnen, Matthes. Denken Sie daran.«

»Nix da. Sie is mir aus dem Haus gelaufen, weil et ihr in den ›Fünf

Erdteilen‹ nich anständig genug schien, viel anständiger aber, im

feinen Düsseldorf ein Kind ohne Vatersnamen zu kriegen. Reden wir von

unseren Geschäften, Herr Vanderwelt.«

Und plötzlich sah Kornelius Vanderwelt eine regendurchwühlte

Herbstnacht vor sich und sah ein anderes herumgehetztes Mädchen

dasselbe Haus verlassen, das ihr nicht anständig genug erschien, und

in ihm schrie eine Stimme auf: »Angela! Angela Freydag!« als müßte er

sie heute noch vor dem Hause hüten.

Des Wirtes Augen hatten die jähe Veränderung in des Gastes Minen

sofort erspäht. Blitzschnell setzte er seinen Trumpf aufs Geratewohl.

»Herr Vanderwelt, ich habe auch nach dem letztenmal, wo ich die Ehre

hatte, et Maul gehalten, selbst vor meiner Frau, und hätt' mich aus

alter Seekameradschaft eher totschlagen lassen, als --«

Kornelius Vanderwelt winkte gelassen ab. Aber er spürte dabei, daß er

den rascher werdenden Atem bändigen mußte.

»Mit solchen Albernheiten erreichen Sie bei mir nichts, Matthes. Wenn

ich Ihnen aus Ihrer verdammten Patsche helfe, so geschieht es, weil

Sie die alte Seekameradschaft anrufen und die Schiffsjungen vom Rhein

sich über den trockengelegten Seebären nicht halbtot lachen sollen.

Nur deshalb will ich auf den Handel eingehen und meinen Namen auf

Ihr Haus eintragen lassen. Kommen Sie morgen mit Ihren Papieren ins

Kontor. Die Bude ist knapp die Hälfte wert, und der Teufel täte ein

gutes Werk, wenn er sie heute statt morgen holte.«

Er zog hastig die Uhr.

»Ich habe keine Zeit mehr. Na, nun legen Sie wohl auf Fortsetzung

unserer stillen Zwiesprache selber keinen Wert.«

»Herr Vanderwelt,« schwor der Matthes, »Herr Vanderwelt, dat kann nu

kommen wie et will, zart oder rauh oder aus det Deubels Kochgeschirr:

Der Mann hier gehört Ihnen.«

Kornelius Vanderwelt schritt schnellsten Schrittes durch die Gassen,

querte den Hafendamm und erreichte sein Haus, wo er den Wagen hatte

halten lassen. »Los, Wilm. Zum Bahnhof Duisburg.« Der Wagenschlag

klappte zu. Der Wagen wand sich durch die Straßen, brauste über

die Brücken, gewann die Duisburger Innenstadt und erreichte den

Hauptbahnhof, als der Kölner Zug einlief und die Reisenden durch die

Sperre auf den Platz hinaustraten.

Kornelius Vanderwelt saß im Wagen, ohne sich zu regen, und spähte

durch die Scheiben in den Abend. Da war sie. So aufgereckt und mit dem

Blick in die Weite ging nur Angela Freydag. Würde sie -- würde sie

insgeheim hoffen, ihn hier vorzufinden? Jetzt schweifte ihr Blick für

Sekundenlänge ab. Über den Platz hin. Über die harrenden Wagen. Und

schon hatte er den Schlag geöffnet, und sie huschte zu ihm hinein und

saß an seiner Seite.

»Los, Wilm. Nach Hause.«

Sie drückte fröhlich seine Hand, und er entzog sie ihr.

»Lassen Sie mal fühlen, Engel, ob Sie auch heil geblieben sind. Ein

Unfug, so ein Ding allein reisen zu lassen.«

Und seine Hand glitt über ihr Haar und über ihre Wangen, glitt über

Schultern, Arme und Rücken und blieb unter ihrem Herzen liegen. Sie

schloß die Augen, öffnete sie und lachte ihn an.

»Es war so schön -- es war so schön ... Der Professor hat gestaunt,

und ich wollt', Sie wären dabei gewesen!«

»So, das haben Sie gewollt? Und gewußt haben Sie auch, daß ich Sie vom

Bahnhof holte?«

Sie lehnte mit der Zutraulichkeit eines Kindes in seinem Arm. So

hingegeben und so sicher.

»Gewußt nicht. Aber -- aber -- jetzt werden Sie mich gleich auslachen

-- aber -- heimlich gewünscht.«

»Weshalb denn nur, Engel? In zehn Minuten wären Sie auch ohne mich zu

Hause gewesen.«

»Weil ich besser aus mir heraus sprechen kann, wenn ich mit Ihnen

allein bin. Weil die anderen glauben könnten, ich lobte mich selber,

wenn ich erzählen sollte. Und doch muß ich Ihnen -- Ihnen alles, alles

hersagen, was der Professor gesagt, nein, was für Augen er gemacht

hat. So große Augen -- so! Und daß ich zu einer überraschenden Höhe

herangereift wäre und bei Nichtnachlassen eine Künstlerlaufbahn vor

mir haben würde wie wenige nur. Ach, und Sie allein, Sie allein sind

schuld daran.«

Und Kornelius Vanderwelt dachte: Soeben sollte ich die Schuld tragen

am Zusammenbruch des Matthes, und jetzt soll mein die Schuld sein an

der Auferstehung dieses Mädchengeistes.

»Weiter, Engel, erzählen Sie weiter. Ich freue mich ja, als sollte ich

selber auf die Bühne.«

Und sie erzählte und erzählte, wie aus einem Rausch heraus, ihr

Wiedersehen mit dem Professor, sein Staunen über ihr gereiftes

Aussehen, sein größeres Staunen über ihr gereiftes Spiel, und was sie

gespielt und wie sie es aufgefaßt hätte und wo und wie der Professor

eingegriffen und die Feile angelegt hätte. In immer neuen Abwandlungen.

Kornelius Vanderwelt horchte nur noch auf den tanzenden Herzschlag

dicht über seiner Hand. Er brauchte den Laut der begleitenden Worte

nicht. Diesen tanzenden und jagenden Herzschlag verstand er aus seinem

eigenen Blut heraus.

Woche um Woche fuhr Angela Freydag zur Musikhochschule nach Köln,

holte sie Kornelius Vanderwelt vom Duisburger Bahnhof, und er fühlte

ihr Herz immer leidenschaftlicher und stärker schlagen.

In der Nacht wachte er auf, als weckte ihn dieser ungestüme Herzschlag

aus einem Traum. Und der Gedanke quälte ihn: Ist es das Erwachen der

Künstlerin oder das Erwachen des Weibes?

Nein! Nur jetzt nicht mit selbstsüchtiger Hand in die Entwicklung

eingreifen. Keine Sünde gegen den heiligen Geist. Aber mehr als je

nahm er sie mit sich auf seinen Erholungsfahrten, und der Sommer

kochte über den Ruhrwiesen und die Wälder zitterten im Spiel der

grüngoldenen Lichter und der violetten Schatten. Dann stiegen sie aus

und gingen den Lichtern nach und hörten im Walde den Sommer so hoch

und leise singen wie eine junge Frau, die ihre Mutterstunde nahen

fühlt. Und sie nannten es das Lied des Sommers.

Woche um Woche gingen sie durch den Wald und durch den Sommer, und

nie ging sie anders als in seinem Arm, und seine Hand streichelte

über sie hin, als formte sie den neuen Menschen, wie seine Worte den

neuen Menschen wachgestreichelt hatten. Wenn seine Hand auf ihrer

Hüfte ruhte, war ihm bei jedem ihrer Schritte, als ginge sie aus

seiner Hand hervor, als seine Schöpfung, als Teil seiner selbst, und

die Schöpferfreude wurde so übermächtig in ihm, daß sie ihm das Wort

verschlug und sie stundenlang wortlos wanderten und doch einer vom

anderen durchpulst und durchblutet.

Wie kommt es, fragte sich Kornelius Vanderwelt in solchen Stunden,

daß man die eigenen Kinder nicht so zu formen vermag wie diese

Blutsfremde? Weil sie schon das Blut des Vaters in sich tragen und

diese nicht? Weil sich dies Blut schon von dem Blute der Mutter

verwirren und von den Blutsbahnen des Vaters abzweigen läßt in

lockende Nebenpfade, und diese hier nichts von mir hat als den

Glauben? Kann Blut allein Kindschaft bedeuten, oder muß erst die

Wesenseinheit von hüben und drüben durchblutet sein?

Und wieder streichelte er über sie hin, als müßte jede Form seiner,

nur seiner Hand entspringen und ins Leben hineinblühen wie beseligte

Sommermärchen.

»Engel, sprechen Sie ein Wort. Ich möchte an Ihrer Stimme hören, ob

wir wachen oder träumen.«

Sie schüttelte den Kopf und schmiegte sich nur fester in die Form.

So schritten sie durch den Sommer, und das Werk wurde wie der Meister,

und der Meister wurde sein Werk. --

Kornelius Vanderwelts Gefährtin · 第 8 / 26 段