Notenspielen. Ich meine das, was ich ausdrücken möchte und was immer
schlapp wird, wenn der große Ansprung kommt. Das meiste lohnt ja
nicht, weil es lächerlich ist.«
»Spielen Sie mir einmal vor,« gebot Angela Freydag und machte den Sitz
frei.
Der junge Thomas dankte höflich und nahm den Platz ein. »Es muß ja
wohl sein, wenn Sie mir Klavierunterricht erteilen sollen. Viel Freude
werden Sie nicht an mir erleben.«
»Das wollen wir der Zukunft überlassen. Jedenfalls bin ich dazu da, um
Ihr Spiel zu verbessern.«
Er nahm ein Notenheft vor, blickte hinein und schlug lässig an. Es war
die Mozartsche Sonate, die er geübt hatte. Lässig spielten die Hände
die perlenden Tonfolgen und wischten den Schmelz von den Perlen.
»Sie spielen im Regen, und Mozart zauberte in Sonne, Thomas.«
»Mozart lebte in Wien, und ich lebe in Ruhrort, Fräulein Freydag.«
»Das sind rein körperliche Dinge. Der Geist fragt nicht danach und
fliegt auch von Ruhrort aus in die Sonne.«
Ein leichtes Rot lief über des Jungen Gesicht. Unmerklich raffte er
sich in der Haltung zusammen, überwand er die Hemmungen und suchte für
sein Spiel die stärkeren Ausdrucksmöglichkeiten, dem Meister nach. Die
Töne quollen heller, die Farben langten nach dem Goldschimmer, die
Läufe erheiterten sich an ihrem Perlenfall. Und langsam, ganz langsam
brach aus dem Notengespiele eine Knabensehnsucht hervor.
Angela Freydag sprach kein Wort mehr hinein. Sie rückte einen Stuhl
dicht neben den seinen, ließ den Blick nicht von seinen beschwingter
werdenden Fingern, griff nur plötzlich nach seinen Handgelenken und
zwang sie, zu verweilen, mit jäh verdoppelter Kraft ein Tongewoge
aus den Tasten zu schlagen, mit aufgelöster Kraft die Wogen zur Ruhe
zu streicheln. Angela Freydag spielte, und des jungen Thomas Hände
rührten die Tasten.
»Das haben ~Sie~ gespielt, nicht ich,« sagte der junge Thomas
tief aufatmend.
»Ich habe Sie nur in die weitgeöffneten goldenen Fluren
hineingestoßen,« sagte die junge Lehrerin, und ihr Atem sprang nicht
minder.
»Ich kam aber bedenklich vom Wege ab. Oft ging's ohne Weg und Steg.«
»Auf die musikalische Ausschöpfung kommt's an! Nicht auf die einzelne
ordnungsmäßige Note!«
»Ist das im Leben wirklich gerade so, Fräulein Freydag?«
»Ich weiß es nicht. Aber die Musik ist Spiegelbild und Widerhall der
Natur, Thomas, und die Hingabe an die Natur heißt Befreiung und nicht
neuer kleinlicher Fesselnkram.«
»Wie Sie das trefflich sagen. Wo haben Sie das nur gelernt?«
»Das innerste Wesen der Befreiung? Nun werden Sie lachen, Thomas. Ich
habe es in den Fesseln des Lebens gelernt.«
Der junge Thomas streifte mit schnellem Blick die Magerkeit ihrer
Gestalt, die billige Kleidung, und schaute geradeaus.
»Soll ich Ihnen jetzt die Juliane zum Vorspielen schicken? Der Justus
ist nur schwer heranzukriegen, aber ich werde ihm zureden.« Und er
erhob sich, ohne eine Antwort abzuwarten, verbeugte sich höflich und
küßte seiner Lehrerin die Hand.
Angela Freydag saß und wartete auf das Mädchen. Und während sie
wartete, liefen ihre Gedanken dem Jungen nach. Klug war er über seine
Jahre. Klug und verwöhnt. Und weil er vom Leben verwöhnt war, reckte
sich seine Klugheit in die Frühreife und nahm die Geschehnisse des
Lebens nicht für ernsthaft.
War Kornelius Vanderwelt in seinem Sohne?
Die zwölfjährige Juliane stand vor ihr, und sie hatte sie nicht
eintreten hören. Mit kecken Augen, kurzen Gebärden.
»Thomas sagt, ~ich~ wär' an der Reihe.« Und sie hockte sich auf
den Sitz und spielte auswendig darauflos.
»Was ist es, Juliane? Wer hat denn das in Musik gesetzt?«
»Ach, Fräulein Freydag, Namen kann ich so wenig behalten wie die
Jahreszahlen in der Geschichtsstunde. Hauptsache ist doch, daß man
Musik macht.«
»Ja, mein kleines Mädchen: wenn man Musik ~machen~ könnte. Du
kannst einen Lärm von Tönen machen oder ein Gehack auf dem Klavier,
wie der Holzhauer Holz hackt, aber Musik kannst du nicht machen, du
kannst sie nur in der Seele empfinden, so dankbar empfinden, daß du
sie weiterleiten möchtest in andere Menschenseelen.«
Das kleine Mädchen aber war ärgerlich, weil es ein kleines Mädchen
genannt worden war.
»Seele!« wiederholte es geringschätzig. »Seele! Man spielt doch zum
Vergnügen. Wollen Sie einen Walzer hören?«
Nein. Angela Freydag wollte keinen Walzer hören. »Ich weiß jetzt,
was du kannst und wo instandgesetzt werden muß, Juliane. Am besten,
wir beginnen morgen ganz von neuem und bauen von unten auf. Wenn wir
fleißig sind -- und wir ~sind~ fleißig, Juliane -- haben wir das,
was du heute zu können glaubst, in sechs Wochen wieder. Aber nicht
nur äußerlich, Juliane.«
Und das kleine, vorlaute Fräulein fragte spöttisch: »Ja, üben wir denn
Klavier oder üben wir Seele?«
»Ich fürchte, du und ich, wir werden nur Klavier üben. Das aber, ich
verspreche es dir, gründlich.«
Da duckte sich die Kleine, sah furchtsam nach der steilen Furche in
der Stirn, knickste und schlüpfte hinaus.
Wie kam Kornelius Vanderwelt zu dieser Tochter? Berechnung und
Gefallsucht hatte dieser Mann doch nicht zu vererben? Oder stümperte
die Natur und brachte in der Entwicklung Sprünge in den Guß, ließ
die Sprünge zu weiterfressenden Fehlern werden, schuf Künstlertum
um in kaltes Laientum? Nein, sie stümperte nicht, die Natur, nur
rücksichtslos offen zeigte sie, daß es ihr genug sei mit dem einen und
daß für die Geschlechtsnachfolger nur die Überreste des Gießererzes
zur Verfügung stünden.
Und dann kam Justus, der älteste, stolz und zufahrend, wissend und
seines Namens bewußt. Angela Freydag fuhr aus der Verkettung der
Gedanken auf, als sie seinen Schritt vernahm, der wie der Schritt des
Vaters erklang.
»Bitte, Fräulein Freydag, machen Sie es gnädig mit mir. Ich habe einen
Krach mit dem Lateinlehrer, und nun soll er in meiner Rüstung auch
nicht den geringsten Riß finden, seinen Dolch hineinzustoßen.«
»Das nenn' ich eine ritterliche Rache, Justus.«
»O nein. Ärgern soll er sich. Nun erst doppelt und dreifach.«
Auch er spielte die Mozartsche Sonate. Er spielte sie geläufig und
mit verblüffender Kunstfertigkeit, aber es war für Angela Freydags
Sinnenempfindsamkeit wohl ein Feuerwerk, aber nicht das Feuer. Nicht
das echte Feuer, das darum hinreißt, weil es sich selber hingibt.
»Ich danke Ihnen, Justus. Ich weiß für heute genug und möchte Ihre
Rachepläne nicht stören.«
»Ich werde ihm schon seine Anrempelungsgelüste legen,« sagte der Junge
hochfahrend, machte seine knappe Verbeugung und ließ Angela Freydag am
Flügel allein. Und während Angela Freydag mit ausgestreckten Händen
eine Trübung von den Tasten strich, ohne die Tasten zu berühren,
suchte sie auch diesen Sohn in ein Gleichnis zu seinem Vater zu
bringen, und er erschien ihr als der unähnlichste, weil er sich der
ähnlichste dünkte.
Sie fror. Und sie dachte an Kornelius Vanderwelt und spürte eine
strömende Wärme.
Das war es.
Ihre Finger streckten sich aus und brachten ein paar Tasten zum
Klingen. Mehr, mehr. Aus dem Klingen wurde ein Klang. »Das war es.«
So hatte auch Kornelius Vanderwelt gesprochen, so und nicht anders,
als seine Hände wie Pranken in ihre Schultern griffen. Wahrhaftig,
dachte sie, die Schultern schmerzen. Aber es ist ein Schmerz, den man
nicht eintauschen möchte gegen tausend Schmeicheleien. Weil er wie ein
Ritterschlag ist.
Immer belebter wurde ihr Spiel, immer kraftvoller, hinreißender.
Sie spürte nicht, daß die frühe Dunkelheit des Herbsttages in das
Zimmer einbrach und alle Ecken füllte. Sie spürte nicht, daß das
alternde Fräulein eintrat, schweigend verharrte und schweigend das
Zimmer wieder verließ. Angela Freydag spielte, spielte aus dunkel
empfindendem, sehnsüchtig begehrendem, jungem, jungem Herzen heraus,
was in ihm wogte und nach Licht begehrte, nach Leben. Dem Leben, für
das sie nach dem kümmerlichen Hinleben und Lebenfristen keinen anderen
Namen wußte als: das Leben.
Und brach mitten im Spiele ab und fuhr steil in die Höhe.
»Sind Sie so schreckhaft, Fräulein Freydag, oder sind Sie es nur vor
mir?« fragte neben ihr Kornelius Vanderwelts Stimme.
»Schreckhaft?« wiederholte sie. »Schreckhaft? Nein, ich weiß gar
nicht, was Angst bedeutet.«
Und in ihr lachte die Freude, daß der Helfer aus der Not wieder neben
ihr war.
»Sie hatten sich so dicht in ihre Tonbilder versponnen, daß Sie mich
gar nicht gewahr wurden, Fräulein Freydag.«
Doch, doch. Auf der Stelle war sie ihn gewahr geworden. Mitten im
wuchtigsten Tongewoge, das sie zerriß, um ihn sehen zu können. Und sie
sah ihn in der Dunkelheit wie bei Tage.
Plötzlich füllte blendendes Deckenlicht ihre Augen. Aber die Augen
schlossen sich nicht und hielten stand.
»Es schmerzt nicht,« sagte er und hielt seine Hand über ihre Augen.
»Man muß Licht und Dunkel gleichermaßen ertragen können.« Und sie
schüttelte hinter seiner Hand den Kopf und wiederholte. »Es schmerzt
nicht. Es tut wohl.«
»Was haben Sie mit dem Nachmittag begonnen, Fräulein Freydag?«
Seine Hand sank nieder. In zwei Kirchensesseln saßen sie sich
gegenüber, und Angela Freydag berichtete von ihren Prüfungsversuchen
und Erfahrungen. Aufmerksam hörte Kornelius Vanderwelt ihr zu.
»Es ist keine Kleinigkeit mit Ihren Schülern. Fahrig sind sie alle
drei. Und doch grundverschieden. Bei dem einen wird vielleicht einmal,
wenn das Leben gründlich hämmert, eine Goldquader zutage treten,
während es bei den anderen« -- er strich sich über die Stirn -- »bei
Glimmer oder Katzengold verbleiben wird. Nun, die Zeit wird es lehren.
Haben Sie nach dem Ausfall Ihrer Prüfungen noch den Mut, auch noch
den Schöpfer dieser drei Herrlichkeiten als Schüler anzunehmen?«
»Das ist nicht Ihr Ernst, Herr Vanderwelt ...«
»Halten Sie mich für einen so hoffnungslosen Fall?«
»Ich halte Sie für einen -- für einen hochstehenden Kulturmenschen,
der sich über mich lustig macht.«
»Dann führen Sie diesem Kulturmenschen mal die Kraft und Größe Ihrer
Natur vor die Augen.«
In ihre Stirn sprang die Furche, in ihre Augen der aufflackernde Funke.
»Ich werde mit Ihnen spielen, wenn Sie es wünschen, Herr Vanderwelt.«
»Nun wollen wir zu Tisch gehen. Fräulein Bilsenbach wird schon
unglücklich sein. Ein geschäftliches Wort noch, und dann nichts mehr
davon: Das Entgelt für Ihre Mühen finden Sie an jedem Monatsersten auf
Ihrem Zimmer vor. Eine Bestätigung ist überflüssig. Und jetzt schnell
meinen Arm.«
Da schoß ihr vor Freude das Blut ins Gesicht und machte sie schwer und
unbeholfen an seinem Arm.
»Was haben Sie?« fragte er und beugte sich besorgt über sie.
Und sie riß sich zusammen und schritt federkräftig an seiner Seite.
»Es war nur der Wechsel,« sagte sie, und ein fernes Lachen schwang
mit. »In den ›Fünf Erdteilen‹ gab es gestern ganz andere feierliche
Gebräuche.«
Es war das erste Mal seit Jahren, und das alternde Hausfräulein wußte
sich nicht des Tages zu entsinnen, wann es gewesen sein könnte, daß
Kornelius Vanderwelt nach der gemeinsamen Abendmahlzeit sich nicht
in sein Zimmer zurückzog, daß er nicht nach kurzer Ruhepause, die er
einem Buche widmete, das schlummerversunkene Haus wieder verließ.
Schon hatten sich die Kinder zur Nacht verabschiedet, schon hatte das
Hausmädchen das Geschirr abgetragen, und immer noch saß der Hausherr
vor der Flasche Wein, die auf seinen Wink vor ihn hingestellt worden
war, füllte die Gläser nach, die vor seinen Nachbarinnen standen, tat
selber zuweilen einen behaglichen Zug und lockte durch sein fröhliches
Plaudern zuletzt sogar das Geplauder der zurückhaltenden Frauen hervor.
Einmal entdeckte er, wie sich die Hand des arbeitsmüden Fräulein
Bilsenbach verräterisch zum Munde hob.
»Noch einen Abschiedsgesang an den Tag,« bat er. »Ein Erntedanklied.
Nein, Fräulein Bilsenbach, ich mute es Ihnen nicht zu, noch eine
Stunde im Musikzimmer auf der Bank zu sitzen. Sie haben des Tages Last
und Mühen mehr als wir alle getragen. Seinen Kleinkram nämlich. Gute
Nacht, schlafen Sie recht wohl.«
Er erhob sich gemeinsam mit den beiden Frauen und forschte in den
Augen der jüngeren, und er sah, daß die Augen Angela Freydags so wach
waren, wie am hellen Tage. Er winkte ihr zu, und sie beugte sich über
die Hand der älteren und folgte ihm.
Das Musikzimmer lag feierlich still im Glanz der Deckenlichter. Als
schritten sie durch eine Kapelle, so schritten sie hindurch zum
Hochaltar des Flügels. Kornelius Vanderwelt schlug ein Notenbuch auf,
blätterte und rückte es auf den Notenhalter. »Brahms?« fragte sie
leise und froh. Er nickte. »Seine Gedanken über Händel. Ein Gespräch
zwischen zwei Geistesriesen. Es ist zu vier Händen gesetzt.«
Er vertauschte den Klavierstuhl mit einer kurzen Bank. Und sie saßen
dicht nebeneinander, daß der eine den Bluttakt des anderen wie den
gleichen Pulsschlag fühlte. Angela Freydag neigte das Haupt. Sie
begannen.
Schwer und spröde rangen sich die Bekenntnisse der Brahmsschen Seele
hervor und huldigten dem Geiste des großen Abgeschiedenen. Und aus der
Unsterblichkeit antwortete der deutsche Riese, und was er dem jüngeren
zurief, übersetzte der Schwerblütige in die eigene Sprache, bis sie,
des unsterblichen Geistes voll, sich freirang von der Erdenschwere
und sich in Klängen ausströmte über Menschenworte hinaus von Geist zu
Geist.
Die Hände ruhten. Eine Röte flackerte über Kornelius Vanderwelts
Stirn, und Angela Freydags Stirn war erblaßt.
»Man darf nicht nachlassen, man darf nicht nachlassen,« murmelte der
Mann. »Die Schale mag so rauh und widerborstig sein, wie sie will --
irgendwo, irgendwo findet der Suchende doch den süßen Kern. Ach, über
das ewige Suchen!«
Er klappte den Deckel zu. Seine Augen schweiften nach der Diele. Eine
Wanduhr schlug.
»Sie wollen schlafen gehen --?« fragte das Mädchen scheu.
»Schlafen? Suchen gehen will ich. Suchen. Mit der Gewißheit, nur leere
Schalen zu finden, die man mit Wein hinunterspülen muß.«
Da tastete das Mädchen nach des Mannes Hand und wußte selber nicht,
woher es seinen Mut nahm.
»Tun Sie es nicht, Herr Vanderwelt. Bitte, tun Sie es nicht. Sie sind
zu gut dazu.«
»Wozu?« fragte er barsch zurück. »Und was wissen Sie von meiner
Gutheit? Nein, lassen Sie Ihre Hand nur liegen, wo sie liegt. Sie
redet greifbarer als Ihre Worte. So muß die Hand Brahms' geredet
haben, wenn ihm der Erdenmund versagte.«
Ganz locker lagen ihre Finger um seine große Hand. Sie wartete mit der
Geduld eines Kindes.
Da begann er zu sprechen und griff auf ihren Anruf zurück.
»Wozu sollte ich zu gut sein ... Ach, es ist der Wildwestabend, der
Ihr Mädchengemüt beschwert. Wissen Sie denn nicht, daß ich Tag um Tag
Kohlen verfrachte, Kohlen in Kähne und Kähne voll Kohlen stromauf und
stromab? Die halbe Welt kann man damit anheizen und brennt selber
dabei leer wie ein Krater. O gewiß, ein jeder Mensch hat seinen Beruf
und findet sein Glücksbehagen darin, ihn auszufüllen. Ich gehöre
aber nicht zu diesen Glücklichen und viel weniger noch zu diesen
Behaglichen. In mir ist eine Unze Blut zu viel! Weshalb zucken Sie
mit den Fingern? Eine Unze Blut zuviel ist ein Gnadengeschenk des
Herrgottes oder eine seiner wilden Launen.«
»Beides stammt aus seinem Willen, und wir sind seine Kinder,« sagte
sie hastig.
»Sieh einer den Klügler! Dann wäre es aus mit Sünde und
Sündenbereuung, und die Unze Blut mehr rechtfertigte uns vor Gott und
den Menschen.«
»Gott«, sagte sie langsam, »ist mir zu groß und zu fern, und die
Menschen sind mir zu nah und zu klein. Ich muß den Glauben haben, daß
mir der Schöpfer aller Kreatur die Unze Blut nicht unnütz zugegeben
hat.«
»Unnütz, Sie kleine Sternendeuterin? Was nennen Ihre Mädchengedanken
-- nein, Ihre Künstlergedanken unnütz?«
»Wenn es nicht nützte, das Schöne vom Gemeinen zu unterscheiden und
mich selber über den Alltag der Menschen emporzuheben.«
Kornelius Vanderwelt streichelte die kaltgewordene Hand.
»Bleiben wir beim Gegenstand. Nach einer Brahmsschen Musik sehen wir
zu leicht durch eine überirdische Brille. Mich trieb die Unrast des
Blutes in Jünglingsjahren auf die See, und ich durchstürmte die
Entwicklungsjahre in den Meeren aller Erdteile. Es war nichts als
eine dunkle Sehnsucht. Ein Drang, von irgendeiner Erdenschwere meine
Brust zu befreien, zum Genuß des Unsagbaren zu gelangen. Es hätte mich
ebensogut auf eine Hochschule für Musik treiben können.«
»Ja,« sagte sie nur, »es ist wohl dieselbe Sehnsucht.«
»Nur keine Kopfhängerei,« gebot er hart. »Die heulenden Derwische
waren mir immer das greulichste. Ich habe zugepackt und jedes Ding auf
meine Sehnsucht untersucht und hohl gefunden und wieder zugegriffen.
Zum Schlusse blieben mir nur noch grobe Gehäuse in den Händen mit
rasselnden Kernen. Der Matthes aus den ›Fünf Erdteilen‹ fuhr auch
als Matrose, und wir waren schon in allen richtigen fünf Erdteilen
zusammengetroffen, bevor wir uns nach dem Tode meiner Frau in seiner
Kneipe wiederfanden.«
»Frau Vanderwelt starb schon jung?« -- --
»Sieht man mir das Kneipenlaufen so sehr schon an?« scherzte er.
»Ich war fünfundzwanzig Jahre und Offizier in der Handelsflotte, als
die junge Ruhrorter Erbtochter mich sah und nicht mehr von mir ließ.
Wohlgemerkt: ich ließ ebensowenig von ihr! Da gab's nur Heiraten. Und
das Geschäft übernehmen. Drei Kinder hat sie mir geschenkt und sich
selbst. Sich selbst bis in den Rest. Und das Licht erlosch und es
wurde dunkel und in der Dunkelheit wurde nichts mehr geboren als nur
dunkler Drang, unstetes Übersichselbsthinaussehnen ...«
Er schwieg eine Weile vor sich hin.
»So kam ich zum Matthes. Der Kerl war für mich nichts als ein
Ankerplatz heftig schwärmender Erinnerungen. Für Sie aber war es
der unrechte Ankerplatz, und ich freue mich, daß ich Sie aus der
Wetterecke wieder hinauslotsen durfte.«
Auch das Mädchen schwieg eine Weile vor sich hin. Und dann sprach es
unaufgefordert und eilend.
»Die Wetterecken waren mir vertraut genug. Ich habe als Kind in
mancher Wetterecke gestanden und auf meinen Vater gewartet. Er war
ein so großer Kapellmeister gewesen, wie meine Mutter eine große
Sängerin gewesen war. Bevor sie sich heirateten. Da zerschlugen
sie gegenseitig ihre Kunst aus kleiner, ganz kleiner körperlicher
Eifersucht heraus. Die Mutter fuhr dem Vater lärmend in die Proben
und Unterrichtsstunden, immer argwöhnisch, seine Künstlerbegeisterung
für eine Sängerin hätte andere Gründe. Der Vater, mehr und mehr
seiner Persönlichkeit entkleidet, suchte im Leben der Mutter, um
aus der Tiefe auftrumpfen zu können. War die Mutter beschäftigt, so
trank der Vater in der Wetterecke. War der Vater beschäftigt, so
trieb die Unrast die Mutter lauschend durch die Gassen. Bald habe ich
auf den einen, bald auf den anderen in einer Ecke, in einem Torgang
gewartet. Bis sie sich um die letzte Stelle gebracht hatten und im
Haß aufeinander verstarben. O ja, die Wetterecken sind mir vertraut
geworden.«
Kornelius Vanderwelt strich ihr mit der flachen Hand über Schulter und
Rücken, als beruhigte er ein Kind.
»Menschenkindlein -- Menschenkindlein -- wer sich in der Irre und
Wirre begegnet, ist sich nicht fremd.«
Sie schloß die Augen unter seinem zarten Streicheln. Wie vor einem
unbekannten Geschehen.
Wieder schlug die Dielenuhr. Das Mädchen öffnete die Augen und heftete
sie auf den Mann.
Kornelius Vanderwelt schüttelte den Kopf.
»Sie ruft nicht mehr nach mir. Der Matthes wird seinen Schlummerpunsch
alleine trinken. Ich weiß einen Schlaftrunk, der über den Alltag
hinweghilft und doch die Sinne jung erhält. Ihre Musik, Mädchen.
Ihre innerliche Musik. Spielen Sie mir noch einmal die Sonate von
Beethoven, und wir wollen zur Ruhe gehen.«
Angela Freydag setzte sich aufrecht. Die Müdigkeit, die sie überkommen
hatte, schüttelte sie ab. Über ihr Gesicht lief ein Zucken -- ein
Aufhorchen fern, fernhin. Und der Körper gab den Händen nach und
die Hände vergaßen den Körper und wandelten sich zu fremden Wesen,
taumelnd, trunken, in Stürmen standhaltend, aus unermeßlichen
Freiheitswonnen heimkehrend zu den auserlesenen Händen Angela
Freydags. -- --
Kornelius Vanderwelt verließ seinen Platz. Aber er trat nicht auf die
Erschöpfte zu. Er ging mit leisen Schritten durch die Verbindungstür
in sein Arbeitszimmer, suchte aus den Büchergestellen einen Band
hervor und brachte ihn aufgeschlagen herein.
»Ich muß Ihnen doch irgendeinen Dank sagen. Lesen Sie.«
Sie nahm das Buch aus seinen Händen und sah, daß es ein Gedichtbuch
war. Und das Gedicht, das er für sie aufgeschlagen hatte, trug die
Überschrift: »Sonate«.
Du spielst ... Ich will nicht wissen, was es sei --
Am Flügel lehn' ich. Nur der Finger Fliehen
Und Wiederkehr seh' ich vorüberziehen
Wie Falterspiel im reichen Blütenmai;
Wie Mondesstrahlen, die im Dämmer geistern,
Die, wundersam, wohin ihr Weg sie führt,
Zum Klingen bringen, was noch unberührt --
Und wie die Hände stolz den Flügel meistern,
Blaß wie die Farbe seines Elfenbeins
Hin~stürmen~ -- jetzt wie ~Hauch~ die Tasten fächeln --
Sucht, einen Herzschlag lang, dein Auge meins --
Da träumt in deinem Blick für mich ein Lächeln ...
Wie fern die Welt! Still wird des Blutes Tosen.
Ich lieg' in eines Parks vergeßner Ruh',
Die wehenden Gräser decken tief mich zu,
An meinen Schläfen spür' ich ein Liebkosen,
Scheu, spielend, wie von schlanken Frauenhänden,
Als würd' die Stirn gestreift von weißen Faltern --
Um mich ein Duft, den seltne Lilien senden --
In mir ein Glück: -- nie -- niemals -- kann ich -- altern ...
* * * * *
»Gute Nacht,« klang die Stimme des Mannes.
»Gute Nacht,« klang die Stimme des Mädchens, das das Buch in den
Händen behielt. -- -- --
An diesem Abend wurden Kornelius Vanderwelt und die junge Angela
Freydag Freunde.
4
Nie war aus Kornelius Vanderwelts Wesen ein größerer Ernst
hervorgewachsen als in dem Winter dieses Jahres, als in dem
neuen Frühling und dem neuen Sommer, der in Blüten rauschte, um
Früchte zu reifen. Kein grüblerischer Ernst, der die Blätter der
Vergangenheit durchstrichen hätte um einer neuen Lebensführung
willen. Ein Mannesernst, der aus der Freude geboren und so tief von
den Freudenwehen der Geburt durchtränkt war, daß er die Freuden des
Daseins bald als ein Heiliges zu nehmen gezwungen war, als kristallene
Quellen, die in der Stille am lautesten riefen und das Verlangen
köstlicher tränkten als der Lärm der Nachtwachen. Wohl, daß Kornelius
Vanderwelt, wenn sein Weg ihn durch die Hafengassen führte und an
dem stürmischen Kap ›Zu den fünf Erdteilen‹ vorüber, dem Matthes ein
übermütiges Wort zuwarf, wohl, daß er wie bisher das Gedränge der
Schiffer vor der Schifferbörse durchschritt und sich durch heiße
Laune und klaren Ratspruch die Herzen gewann. Aber es war ein anderer
Klang seines Starkmutes, der sich zur führenden Note durchrang, ein
klingenderer Klang, wie aus einem nachgeschliffenen Glase, der die
Augen aufblicken machte und die gröblichste Zudringlichkeit entfernte.
Die Zechbrüder und geringen Geister zogen ein Maul und meinten wohl
gar, der Kornelius Vanderwelt sei nun auch unter die ›Herren‹
gegangen. Die Ernsthaften des Gewerbes aber blickten auf sein
wirksames Tun und gaben der Ansicht Ausdruck, daß es für den Ruhrorter
Hafen eine noch viel stärkere Auswirkung haben werde, wenn der Mann
der kleinen Leute für die Großen nicht als der Spaßmacher gelte,
sondern als zuverlässiger Posten in der Gesamtbuchführung.
Wenn auch Kornelius Vanderwelt nicht mehr durch die Ungebundenheit der
Führerbegabung die lärmenden Nachtwachen verstärkte, so war er doch zu
gegebenen Zeiten an den Tischen der ›Erholung‹ anzutreffen, erzielte
unter den Größen des Handels zunächst einige Verwunderung, wurde
eine Weile mit der gebotenen kaufmännischen Zurückhaltung angehört,
allmählich aber mit der geweckten Teilnahme der Weitsichtigen und
Überragenden, die die Bedeutung des Mannes als Stürmer und Dränger
bald erkannten und für die eigenen Großpläne im Hafengetriebe nicht
missen mochten.