»Es war nicht wahllos,« sagte Kornelius Vanderwelt. »In dieser Stunde

weiß ich es, und Sie wissen es auch.«

»Ja,« entgegnete sie aus ihrem Sinnen heraus, »in dieser Stunde weiß

ich es, und nun darf ich Ihnen dankbar sein.«

Kornelius Vanderwelt erhob sich.

»Da schlägt die Uhr drei. Seit zehn Uhr wenigstens gehören Sie ins

Bett. Jetzt werde ich Sie in Ihr Zimmer bringen, und Sie stehen

nicht vor Mittag auf. Ausnahmsweise werde ich zu Tisch kommen. Ich

hole Sie aus Ihrem Zimmer ab und bitte mir einen lebensfrischen und

lebensfröhlichen Hausgenossen aus. Noch eines, Fräulein Freydag.«

Sie hatte sich bei seinen ersten Worten erhoben, und er stand vor ihr

und lachte ihr in die Augen.

»Wie ein Abenteuer fing es an. Aber Sie sollen auch nicht eine

Minute länger als notwendig die Rolle einer Abenteurerin spielen.

Der Wertschätzung wegen, die Sie bei sämtlichen Bewohnern dieses

Hauses finden sollen. Und da bleibt nichts als eine ganz, ganz kleine

Schwindelei für die Neugierigen. Ohren gespitzt. Gestern abend habe

ich die Kölner Hochschule für Musik angerufen und den Direktor

gebeten, mir noch in der Nacht eine seiner besten Klavierschülerinnen

zu schicken. Solche Plötzlichkeiten ist man bei mir gewöhnt. Sie

sind mit dem Nachtzug in Duisburg eingetroffen und haben sich

absprachegemäß in der ›Erholung‹ zu Ruhrort bei mir gemeldet. Worauf

ich Sie ohne viel Federlesens hierherbrachte und diebessicher

einschloß. Wort für Wort verstanden?«

Mein Gott, dachte Kornelius Vanderwelt, wie übermütig das Mädel

aussehen kann!

Und doch trat keine Ausgelassenheit in ihrem Wesen zutage. Nur die

Augen waren es, in denen es aufleuchtete, strahlte und sprühte, wie in

mädchenlustiger Heiterkeit.

Und Kornelius Vanderwelt dachte: ein wie großes Kind muß diese junge

Lebenskämpferin doch geblieben sein, daß ihr das bißchen Verkleiden

schon ein so helles Vergnügen machen kann.

»Sie sind also bereit, meine Spießgesellin zu spielen?«

»Ich bin bereit, Ihre Spießgesellin zu spielen,« wiederholte sie mit

einer hell anklingenden Stimme.

»Kommen Sie mit mir, Fräulein Freydag.«

Er ging ihr voran, und sie folgte ihm wortlos. Über den

teppichbelegten Gang, eine teppichbelegte Treppe hinauf und wieder

über einen teppichbelegten Gang. Er öffnete ein Eckzimmer, trat ein

und machte Licht. Es war ein behaglicher Schlafraum in Weiß mit alten,

goldgerahmten Kupferstichen an den Wänden. Über dem Bett wölbte sich

ein kleiner Himmel, und die Falbeln des Behangs zitterten leicht in

der Zugluft.

Sie starrte mit einem kinderseligen Gesicht darauf hin.

»Angela bedeutet doch ›Engel‹, und Engel müssen im Himmel wohnen,«

meinte Kornelius Vanderwelt lächelnd. »Ich sehe, für die Erde ist

Ihnen ja die Reisetasche treu geblieben. Schlafen Sie wohl, Fräulein

Freydag. Gute Nacht.«

»Gute Nacht ...« klang es wie aus weiter Ferne zurück.

Unhörbar schritt Kornelius Vanderwelt den Gang entlang und die Treppe

hinab zu seinem Arbeitszimmer. Er blickte sich um. Er suchte etwas

und wußte, daß es nicht mehr um ihn war. Bis auf einen Duft, der sich

scheu an ihn hing.

Er zog ihn in sich hinein, und der Duft war sein.

Wie ein Primaner, der hinter einem Mädchen herwittert, dachte er,

reckte sich müde in den Gliedern, drehte das Licht ab und suchte sein

Schlafzimmer auf. Und schlief traumlos bis zum Morgen.

Sein erster Gedanke beim Erwachen waren die Kähne. Die Kähne, die

schon unterm Kohlenkipper verholt lagen, und die anderen, die sich

im Anmarsch befanden. Seine Uhr zeigte die achte Morgenstunde. Sein

Kopf war so wunderbar frisch und klar, als wäre kein Zutrunk in der

›Erholung‹, kein Kampfgetöse in der Hafengasse, kein Zechgelage in

des Matthes ›Fünf Erdteilen‹ gewesen. Im Badezimmer reckte sich sein

Körper unter der Brause. Den Bademantel übergeworfen, saß er in seinem

Arbeitszimmer vor dem Fernsprecher.

»Bitte Zeche« -- und er nannte den Namen. »Ich danke Ihnen, mein

Fräulein. Hier Kornelius Vanderwelt selbst. Ich lasse den Herrn

Direktor um eine halbe Minute bitten. Guten Morgen, Herr Direktor.

Ob ich schon auf den Beinen bin? Selbst die Nacht war mir nicht zu

schade, um Ihre Geschäfte zu fördern. Gegen Mitternacht sprach ich

noch meine Schiffer. Zwei Kähne liegen schon unterm Kipper. Und

sperren die Mäuler auf. Lassen Sie die Eisenbahnwagen anrollen. Ich

habe einen halben Tag zugunsten Ihrer Verladung herausgewirtschaftet.«

Er horchte auf die Antwort.

»Sehr schmeichelhaft. Für Schmeicheleien aus Ihrem Munde bin ich sehr

empfänglich. Lassen Sie mich den ›Zauberkünstler‹ nur recht oft für

Sie spielen. Also dann: Glückauf!«

Er kehrte in sein Ankleidezimmer zurück, beendete seinen Anzug und

begab sich ins Frühstückzimmer.

»Guten Morgen, Fräulein Bilsenbach. Schön ist der Tag heut, wie?«

»Es herrscht ein trostloser Regen, Herr Vanderwelt.«

»Ruhrorter Arbeitswetter. Die Wasser des Rheines steigen, die

Wasser der Ruhr steigen, die Arbeitskräfte der Schiffahrttreibenden

steigen, und weil die Blätter des Herbstes fallen und die Winterkohle

eingekellert werden muß, steigen sogar trotz des hohen Wassers die

Frachtlöhne.«

Er strich sich ein Brot, nahm eine Schinkenscheibe auf den Teller und

begann zu frühstücken.

»Der Zechendirektor nannte mich vorhin am Fernsprecher den

Zauberkünstler Ruhrorts. Ich denke mir das Wort nur um ein weniges

anders, als dies brave Arbeitspferd am Göpel des ewigen Einerlei. Aus

Kohle Gold zaubern. Jawohl. Aber aus dem Gold Freude zaubern, Freude,

Freude, Freude, damit das Leben sich lohnt.«

Das alternde Fräulein blickte eine Weile still in den trostlosen Regen.

»Ja, zaubern Sie Freude, Herr Vanderwelt. Sie fehlt allenthalben auf

der Welt. Und die Welt altert so schnell.«

»Wenn das die Welt tut, müssen wir sorgen, daß wir umso jünger

bleiben.«

Das Fräulein erhob sich und begann aufzuräumen.

»Sie brachten noch Gesellschaft mit heim, Herr Vanderwelt. Haben Sie

alles Wünschenswerte vorgefunden?«

Kornelius Vanderwelt legte mit einem Ruck die Morgenzigarre auf den

Tisch, die er gerade in Brand bringen wollte.

»Fräulein Bilsenbach! Ja, da soll doch gleich ein doppelt geschwänzter

Teufel -- nein, nein, er soll nicht, denn Sie hören ihn nicht gern

--. Hat der Zauberkünstler bei aller Ruhmredigkeit sein Hauptstück

vergessen! Also aus und vorbei ist es mit allem unglückseligen

Flötenspiel. Gestern abend noch erreichte ich durch den Fernsprecher

den Direktor der Kölner Musikhochschule. Eine Stunde darauf saß

seine beste Klavierbeflissene, ein Fräulein Angela Freydag, auf der

Eisenbahn und dampfte durch die Nacht gen Duisburg. Nach Mitternacht

hatte sie in Ruhrort die ›Erholung‹ aufgefunden und ließ sich bei mir

melden. Es klappte wie auf dem Theater. Ich habe dem halb erfrorenen

Wesen noch einen Tee zu trinken gegeben und sie oben im Eckzimmer

untergebracht. Bis zum Mittag soll sie ungestört schlafen. Ich komme

heute zu Tisch und besorge dann die Vorstellungsfeierlichkeiten. Guten

Morgen, Fräulein Bilsenbach.«

»Ich hätte,« stammelte das Fräulein, »ich hätte ja noch herzlich gern

weiter unterrichtet ...«

Kornelius Vanderwelt betrat das Kontorgebäude. Ein kurzer,

freundlicher Gruß hinüber und herüber, und er schritt weiter an

Beckenrieds abgegitterter Nische vorüber, in die er einen lauten

Gutenmorgengruß hineinschallen ließ, in sein abgesondertes Gemach.

Eine Anzahl Blicke folgten ihm, forschten nach Gang und Haltung und

kehrten zu ihren Briefen und Berechnungen zurück. Es sollte, so lief

die Morgenmär, im Hafenviertel diese Nacht lustig zugegangen sein. Der

Herr aber war, wie er immer war.

Eine Weile schon hatte der Geschäftsführer mit Herrn Vanderwelt

die Morgenpost durchgesprochen. Jetzt hob Kornelius Vanderwelt

überraschend den Kopf und gewahrte die prüfenden Augen seines

Mitarbeiters.

»Diese Nacht soll es ja hier in der Nähe eine muntere Prügelei gesetzt

haben? Ich hoffe, Sie waren nicht allzu stark beteiligt?«

»Ich zeichne nur in ~Ab~wesenheit des Herrn für die Firma.«

»Es ist wahr, man kann nicht überall sein. Wohin hatten ~Sie~

denn diese Nacht den Schauplatz Ihrer Tätigkeit verlegt?«

»Ins Bett, Herr Vanderwelt, wo brave Bürger hingehören.«

»Brave Bürger können sich auch im Bett prügeln,« sagte Kornelius

Vanderwelt und entließ ihn mit herzlichem Händedruck.

Um die Börsenstunde durchschritt er wie immer das Gedränge vor der

Schifferbörse. Spannkräftig, mit kühlen Augen, die, wenn sie der

Gegenstand wert genug dünkte, eine Flut von Wärme verschwenden

konnten. Und das Unnachahmliche in der Haltung, das zu vertraulicher

Aussprache aufrief und dennoch dem Nähertretenden unsichtbare Grenzen

zog. Mützen wurden gelüftet, und Kornelius Vanderwelt lüftete den Hut.

Fragen wurden gestellt und Auskünfte erbeten, und Kornelius Vanderwelt

antwortete dem einen und beriet den anderen. Irgendwoher, aus einem

der Schifferhaufen, kam ein heiserer Zuruf.

»Verflixt, Herr Vanderwelt, Sie haben aber wieder mal vorgelegt. Bis

in den Ausguck hab' ich noch den Nebel im Kopp!«

Kornelius Vanderwelts kühle Augen suchten den Rufer.

»Wenn dir die Luft an Land zu scharf geht, bleib in der Hängematte,

Mann. Aber langweile ernsthafte Geschäftsleute nicht mit Dingen von

gestern.«

Und es war ein beifälliges Gemurmel und ein achtungsvolles Zunicken.

In der Halle der Schifferbörse traf Vanderwelt auf den Reeder

Hinrichsen, der knapp und geschäftsmäßig eine Verhandlung führte.

Und wie an jedem Morgen saß der Reeder Auffermann in seiner Koje,

rechnete mit seiner Kundschaft auf Heller und Pfennig und reichte

seinem Geschäftsfreunde Vanderwelt nur kurz die Hand herüber. Was

zum Ruhrorter Hafengebiet gehörte, wußte Tag und Nacht schiedlich zu

trennen.

Um ein weniges pünktlicher nur als sonst händigte Kornelius Vanderwelt

dem harrenden Geschäftsboten seine Aufzeichnungen ein, nahm im

Vorübergehen die eben erst berechneten Kursnotierungen mit und begab

sich nach Hause. Noch waren die Kinder nicht aus der Schule daheim. Es

war ihm lieb. Der nächtliche Gast sollte für die Kinder schon im Licht

des Tages stehen.

Im Badezimmer wusch er sich den Kohlenstaub des Hafens von Gesicht und

Händen, horchte ins Haus und schritt die Treppe hinauf und den Gang

entlang dem Eckzimmer zu.

Er klopfte, vernahm ein Wort, das von innen zu ihm wollte, und öffnete

die Tür.

»Guten Morgen, Fräulein Angela Freydag. Wie haben Sie geruht?«

»Ich glaube, ich habe seit meiner Kinderzeit noch nicht so fest

geschlafen. Guten Tag, Herr Vanderwelt.«

Er streckte ihr die Hand entgegen, und während er die ihre hielt, nahm

er ihr Bild in sich auf und über sie hinweg das Bild ihres Zimmers.

»Sie haben ja mit sich und Ihrer Umgebung schon ordentlich aufgeräumt,

Fräulein Freydag.«

Das Zimmer lag wie unberührt. Straff und faltenlos zog sich die

Schondecke über das weiße Bett, die Falbeln des Himmels schwebten wie

weiße Schmetterlingsflügel, und die Goldleisten der englischen Kupfer

zeigten kein Stäubchen auf. Jedes Ding lag und stand wie unberührt,

und nur das Mädchen schien eine andere.

Sie trug eine helle Bluse zum dunklen Rock, unter dem umgelegten

Kragen schlipsartig einen bunten Seidenstreifen, an den Füßen

gutgehaltene Halbschuhe. Das aber war es nicht, was Kornelius

Vanderwelts Aufmerksamkeit erregte. Nicht was aus der Reisetasche

hervorgegangen war, vermochte sein geschultes Auge zu fesseln. Das

Mädchen selbst war es, der frohe, freie Mensch, der sich aus der Nacht

zum Tage durchgerungen hatte.

Zwei klare, kluge Augen schauten ihn unter hochgewölbter Stirn an.

Die Nüstern der graden Nase atmeten leise. Die Lippen waren wie ein

blutvoller Spalt, der die Zähne hindurchschimmern ließ. Und das Haar

lag locker gewellt über der Stirn und in geflochtenem Knoten im Nacken.

Durch ihr ganzes Wesen aber lief ein Drängen. Ein Drängen der Ungeduld

auf das neue Leben.

»Wenn Sie«, sagte Kornelius Vanderwelt nach einer Pause, »am Klavier

dieselbe Künstlerin sind, wie als Menschenkind in Ihrem Stübchen --

ich meine, wenn Sie die Schönheit der Verhältnisse hochachten und

ihnen dennoch aus der persönlichen Gefühlswelt heraus ein neues und

eigenes Leben zu geben wissen, dann kann es nicht mangeln.«

»Prüfen Sie mich ...«

»Wie ein Rassepferd vor dem Rennen. Ich sehe Ihr Blut in den Adern.«

»Prüfen Sie mich.«

»Zunächst«, sagte Kornelius Vanderwelt heiter, »haben Sie eine andere

Prüfung zu bestehen. Ich werde Sie Fräulein Bilsenbach vorführen,

der Behüterin des Hauses. Bald werden sich auch Ihre Schüler zur

Begutachtung einstellen.«

Sie schritt neben ihm her, das Kinn erhoben, mit dem zusammengerafften

Ausdruck, den stolze Kinder vor dem Glanz fremder Häuser anzunehmen

pflegen. Und Kornelius Vanderwelt sah es und freute sich.

Wieder saß sie, wie in der Nacht, im Arbeitszimmer des Hausherrn und

ihre Augen tasteten die Wände ab, Bilder und Bücherreihen, langsam und

ernsthaft, als müßten sie sich Zoll um Zoll der neuen Umwelt zu eigen

machen.

Kornelius Vanderwelt hatte dem Hausmädchen geklingelt. »Ist Fräulein

Bilsenbach für mich frei?«

»Fräulein Bilsenbach ist gerade nach oben gegangen, ins Gastzimmer,

Herr Vanderwelt.«

»Sagen Sie Fräulein Bilsenbach, ich ließe sie, sobald sie frei wäre,

zu mir bitten.«

Aha, dachte er, sie hält Besichtigung ab. Und er wandte ein wenig das

Gesicht, damit der Gast nicht das vergnügliche Schmunzeln gewahr werde.

Dann kamen schnelle Schritte über den Gang, und Fräulein Bilsenbach

klopfte und trat ein.

Kornelius Vanderwelt sah ihr in Spannung entgegen und sah, was er

erwartet hatte: Augen, die das Erstaunen rundete und ärgerlich

schienen, weil sie verblüfft worden waren.

»Ich möchte Ihnen unsere neue Hausgenossin, Fräulein Angela Freydag,

vorstellen, Fräulein Bilsenbach. Ich hoffe, es wird Fräulein Freydag

gelingen, Ihre Gunst zu erringen.«

Der Gast hatte sich augenblicks erhoben und wartete achtungsvoll auf

die Begrüßung der Älteren. Und die Ältere sah der Jüngeren unruhig ins

Gesicht, sah mit fliegendem Blick die Überschlankheit der Glieder und

erkannte den Hunger.

»Ich begrüße Sie im Hause Herrn Vanderwelts herzlich,« murmelte sie

und streckte die Hand vor. Und das Mädchen legte die schmalen Finger

hinein, knickste tief und beugte einen Herzschlag lang die Stirn über

die hartgewordene Hand.

Das alternde Fräulein starrte auf den flimmernden Scheitel. Scheu fuhr

es darüber hin. Und die beiden Frauen standen und schauten sich in die

Augen.

»Sie haben eine anstrengende Nacht gehabt, Fräulein Freydag. Herr

Vanderwelt liebt nur die ~raschen~ Entschlüsse.«

Da lachte das fremde Mädchen so heiter, daß es die andere fast in

Verwirrung brachte.

»Menschen wie ich sind ja ~auch~ auf die raschen Entschlüsse

angewiesen, und ich habe diesen nicht bereut.«

Der Blick der Älteren flatterte zu dem Hausherrn hinüber, der einen

Brief geöffnet hatte. Sie rang um eine Fortführung des Gesprächs. Und

leise sagte sie und im Tone des Vorwurfs: »Sie haben ja schon Ihr

Zimmer in Ordnung gebracht. Weshalb haben Sie das nicht dem Mädchen

überlassen?«

»Dem Mädchen? Ich bin doch auch ein Mädchen, Fräulein Bilsenbach, und

habe noch immer für mich selbst gesorgt.«

»Ich meine, ich meine -- weil Sie doch von der gehetzten Fahrt sicher

müde waren?«

»Aber diese gehetzte Fahrt ging doch ins Leben!«

Kornelius Vanderwelt schloß einen Augenblick über dem Brief die Lider.

Er lauschte angestrengt den hastigen Worten des Mädchens nach. Wo

kamen sie her? Aus seinem eigenen Innern? Nur ein Widerhall --?

Da dröhnte die Haustür ins Schloß. Da stürmten rücksichtslose Stiefel

über den Gang. Krähend flog eine Jungmädchenstimme auf. »Heda, heda,

wird heute nicht gegessen?« Zwei Knabenstimmen hetzten hinein.

»Fräulein Bilsenbach! Fräulein Bilsenbach! Unser Hungertod über Ihr

strenges Haupt!«

»Bande!« sagte Kornelius Vanderwelt vor sich hin.

»Wirtschaft! Wirtschaft! Wirtschaft!« Die Tür zum Arbeitszimmer wurde

aufgerissen. »Der Papa -- -- --!«

»Seit wann wird an meiner Zimmertür nicht mehr geklopft, wie? Seit

wann ist mein Arbeitszimmer Wartehalle für lärmendes Jungvolk?«

»Verzeihung, Papa. Wir ahnten nicht, daß -- daß -- du -- so ganz

ausnahmsweise -- --«

»Meine ›ausnahmsweise‹ Anwesenheit entschuldigt euch nicht. Dieses

Zimmer hat kein einziger ohne meine Erlaubnis zu betreten. Und nun

bitte ich um die gebräuchliche Begrüßung.«

Die Knaben küßten der Hausdame flüchtig die Hand, hinter ihnen

knickste Juliane. Und schon rannten sie auf den Vater zu und warfen

ein Gewirr von Armen um ihn.

»Dort steht wohl ~noch~ eine Dame,« tadelte Kornelius Vanderwelt

und drehte die Knaben an den Schultern herum.

»Justus Vanderwelt.« -- »Thomas Vanderwelt.« -- Die Stiefelabsätze

klappten.

»Juliane,« sagte spitz die Kleine und knickste sehr zurückhaltend.

»Fräulein Angela Freydag,« stellte Kornelius Vanderwelt mit kurzer

Handbewegung vor. »Unsere neue Hausgenossin, die euch in der Kunst des

Klavierspiels zu vervollkommnen gedenkt.«

»Gleich hab' ich's geahnt,« flüsterte die Schwester den beiden zu.

Angela Freydag reichte einem jeden die Hand. »Guten Tag,« sagte

sie freundlich. »Guten Tag,« antwortete Justus nach einem raschen

Überblick. »Die Arbeiten für die Obersekunda lassen leider nur knappe

Zeit.« Und die zungengewandte Juliane schloß sich eilig an. »Ich habe

auch noch den Tanzunterricht und Tennisstunden und -- und --« »Guten

Tag,« schloß Thomas die Reihe. »Ich spiele gern Klavier, aber nicht

gern wie die anderen.«

»Ich auch nicht,« stimmte ihm Angela Freydag bei und schüttelte ihm

mit einem Aufblitzen der Augen die Hand.

»Nun?« fragte Kornelius Vanderwelt. »Sind es nicht vielversprechende

Zöglinge?«

»Wir haben Hunger, Papa!«

»Hunger? Kennt ihr euch in eurem Schiller nicht aus? Was erhält denn

das Getriebe? Der Hunger und die Liebe! Hungrig muß der Mensch sein,

hungrig, hungrig auf alles, was noch im Nebel liegt.«

»Auch das Mittagessen liegt noch im Nebel, Papa!«

»O über eure grobe Sinnlichkeit! Dürfen wir, Fräulein Bilsenbach? Ich

bitte um Ihren Arm.«

»Mach' zu,« raunte Justus dem Bruder Thomas zu. »Ich nehme die

Juliane.«

Und der junge Thomas Vanderwelt verneigte sich höflich vor dem Gast,

bot ihm den Arm und folgte feierlich dem Vater. Hinter ihnen wisperten

Bruder und Schwester um die Wette.

Kornelius Vanderwelt saß zwischen der Hausdame und der Fremden.

»Wollen Sie sich«, fragte er den Gast, »unseren Hausgewohnheiten

gleich anpassen? Wir pflegen zu den Mahlzeiten nur Wasser zu trinken,

um den Kopf arbeitsklar zu halten. Wein erst nach Feierabend.«

Das aufwartende Mädchen reichte die Speisen. Es reichte sie streng

der Reihe nach. Der Hausdame, weil es der Herr nicht anders wünschte,

zuerst, dann dem Herrn, daraufhin erst dem fremden Fräulein und zum

Schluß den Kindern.

»Entschuldigen Sie,« bat Kornelius Vanderwelt die stumm gewordene

Nachbarin, »daß ich ein wenig haste. Ich brause sonst zwischen den

Geschäftsstunden im Wagen durch die Wälder und Felder und verschlinge

höchstens« -- er hustete -- »was die Landstraße bietet. Am Abend erst

gesell' ich mich zur Familie -- solange sie nicht schlafsüchtig ist.

Heute machte ich eine Ausnahme. Um Sie gebührend einzuführen.«

Angela Freydag hatte nicht mit der Wimper gezuckt, als er die

Landstraße erwähnte. Jetzt hob sie die Stirn. »Darf ich noch

vorspielen ...?« fragte sie.

»Ja, Fräulein Freydag. Darum wollte ich Sie jetzt bitten.«

Er stand auf, verbeugte sich nach rechts und nach links und schritt

voran ins Musikzimmer. Allein der große Flügel wuchtete im Gemach.

Als Sitzgelegenheiten ein paar geschnitzte Lehnsessel, ein paar

geschnitzte Kirchenbänke. Und über dem Flügel hing als einziges

Bild ein Schleierreigen schlanker Frauenkörper von Hans Deiters'

Meisterhand.

Angela Freydag trat dicht hinter Kornelius Vanderwelt ein. Sie ging,

ohne sich umzusehen, geradeaus. Als wäre nur der Flügel und sie allein

in dem Gemach, und der Flügel riefe sie.

Kornelius Vanderwelt trat zur Seite und schaute auf sie. Die Hand hob

er hoch, damit die Nachdrängenden auf den Zehenspitzen gingen, sich

geräuschlos niederließen. Und schaute mit schwerem Atem wieder auf die

Fremde.

Jetzt hatte Angela Freydag den Flügel erreicht. Jetzt stand sie still,

öffnete die Lippen, und ihre Zähne schimmerten.

Jetzt beugte sie sich vor, strich mit den Händen hauchfein über das

spiegelnde Holz und öffnete den Deckel.

Ganz aufrecht saß sie auf dem Klavierstuhl. Ihre Gestalt schien

zu wachsen -- und sank plötzlich vornüber, nur noch den Händen

hingegeben, die mit aufzuckenden Fingern aus Tasten Töne und aus Tönen

~Beethoven~ schufen.

Und schon hatte die Spielerin vergessen, für wen sie spielte und

um was sie spielte. Und schon hatten die jäh Aufhorchenden die

unscheinbare Gestalt der Spielerin vergessen und sahen nur noch den

eigenwillig strengen Kopf und den blutroten Strich des Mundes. Und

dann versank für Kornelius Vanderwelt auch der Kopf, und er sah

nichts als die Hände, die feingegliederten, ausdrucksstarken, die wie

Falterfächeln des Einsamen Herzweh sangen, wie Quellenrieseln sein

stilles Sehnen, sich zusammenkrallten vor der Fratze des Schicksals

und sich wie Pantherkatzen in das Dunkel warfen, anspringend,

zerfleischend, um mit steilem Titanentrotz das Siegeslied anzustimmen,

das sich durchrang zum hinreißenden Menschenjubel der Erlösung von

sich selbst.

Noch rangen und riefen die Geister übermenschlichen Liebesrausches,

der Selbstvernichtung um der Liebe willen, in der Luft. Noch saß die

Spielerin in sich zusammengesunken mit schlaff herniederhängenden

Armen und horchte aus totenblassem Gesicht dem verklingenden Leben

nach, das in die Auferstehung langte.

Das Spiel war aus, und keiner rührte sich.

Und dann stand Kornelius Vanderwelt von seinem Sitze auf, trat hinter

der Spielerin Stuhl und schlug ihr wie Pranken die Hände in die

Schultern.

Sie hob langsam den gesenkten Kopf, hob ihn höher und bog ihn langsam

nach hinten, bis sein Gesicht über ihr stand. Und sie wußte nichts von

dem schmerzenden Griff und lachte ihn lautlos an.

»Das war es,« sagte Kornelius Vanderwelt, »das war es.« Und nickte den

anderen zu und verließ Zimmer und Haus.

Eine Weile harrten die Kinder noch aus. Juliane entschlüpfte zuerst,

und Justus, der älteste, folgte ihr nach kurzer Überlegung. »Ich habe

viel für die Schule zu arbeiten,« entschuldigte er sich bei Fräulein

Bilsenbach. »Bleibt mir noch Zeit für den Klavierunterricht, so melde

ich mich.«

Dann saß nur noch Thomas Vanderwelt auf seinem Platz, strich sich mit

einer langsamen Gebärde das helle Haar aus der Stirn zurück, lugte

nach der Fremden und ersah ihre Hände, unbewußt, wie es der Vater

getan hatte.

Und hinter Angela Freydags Rücken sagte eine benommene Knabenstimme:

»Das war schön ... Nein, es war nicht nur anders -- es war die

Schönheit. Ja ...«

Angela Freydag horchte auf die liebenswürdige Stimme. Sie hörte die

Klangfarbe des Vaters heraus, nur weicher und ungefestigt. Und der

Klavierstuhl wandte sich der Stimme zu, und Angela Freydag saß Auge

in Auge mit dem Jungen. Nein, es war doch nicht der Vater. Es war ein

feiner, frühmüder Junge, der seiner Gelangweiltheit den Ausdruck der

Überlegenheit zu geben wußte. Oder war die Überlegenheit das echte

und der Ausdruck der Gelangweiltheit der Schein? Dann stak doch wohl

Kornelius Vanderwelt am meisten in diesem seinem Sohne.

»Freut Sie die Musik, Thomas?«

»Ich kann nicht sagen, ob es die Musik ist. Vielleicht ist es nur das

Verlangen, sich in eine andere Welt hinüberzutäuschen. Hier ist alles

so plump und lächerlich.«

»Wie alt sind Sie, Thomas? Vierzehn? Und Untersekundaner? Da wird

Ihnen als dem Sohne Kornelius Vanderwelts auch diese Welt noch rosiger

aufgehen.«

»Ach, nein, Fräulein Freydag. Die ganze Vanderweltsche Kraft liegt

beim Vater. Für uns bleibt nicht viel übrig.«

Angela Freydag blickte den Frühreifen aus dem Augenspalt an.

»Man kann auch aus eigener Kraft, Thomas. ~Neben~ dem Vater. Nur

irgendwo mit Willenskraft beginnen. Wollen wir es mal bei der Musik

anpacken? Nicht um uns einzulullen -- um uns zu befreien.«

Kornelius Vanderwelts Gefährtin · 第 5 / 26 段