hat, dat hat er für ~alle~ mal gesagt. Der Kahn liegt längsseits
dem Gebhardt seinen, un nu hat der Kohlenkipper et Wort.«
»Das hat wohl Durst gemacht, Petrus?«
»Herr Vanderwelt, arme Leut haben immer Durst. Durst un Hunger. Auf
en ordentlich Stampglas Schnaps, auf en staatses Frauenzimmer, dat
mit einem et Tanzbein schwingt, un nich zuletzt auf die Harmonika,
auf so 'n richtig Stücksken für die gerührte, unsterbliche Seele.
Wat davon abseits liegt, Herr Vanderwelt, heißt für unsereins Arbeit,
Verantwortung und Kohlenstaub in 'n Hals. Durst haben wir immer.«
»Heda, Matthes, angetreten!«
Der Wirt ›Zu den fünf Erdteilen‹ trottete dem hohen Gast durch Nacht
und Regen entgegen.
»Jammerschad', Herr Vanderwelt. Ich tat Ihnen doch einen
Warnungspfiff, noch nich dat schöne Familienbild zu stören.«
»Pfeifen Sie bei solch einem Krach nächstens mit der Sirene und nicht
mit dem gespitzten Maul.«
»Ganz die meine Meinung,« stimmt der Kahnschiffer zu. »Außerdem war
außer dem Matthes nix mehr zu verprügeln.«
Der Wirt zeigte mit dem Daumen über die Schulter, während er mit der
freien Hand den Schirm nahm und ihn sorgsam über die Häupter seiner
Gäste hielt.
»Gerad' hatten sie die Volksbelustigung auch im ›König von Portugal‹
vernommen. Sehen Sie, meine Herren, da wimmeln sie schon heran und
machen verblüffte Gesichter.«
»Matthes,« sagte Kornelius Vanderwelt, »lassen Sie die Portugiesen
ruhig auf eigene Rechnung spielen. Ich hoffe, es ist gemütlich in
Ihrem Winterpalast. Wo bleibt der Einzugsmarsch der Gladiatoren?«
Der Wirt klappte den triefenden Schirm zu und rief einen Befehl in die
verräucherte Stube. Eine Harmonika setzte ein. Mit einem heulenden Ton
ließ sie die Winde aus den Zügen, sog sich aufs neue voll und rauschte
den feierlich Einziehenden wuchtig den Pariser Einzugsmarsch entgegen.
Die Wirtsstube füllte sich mit Menschen. Auch ein paar Bräute rückten
stolz am Arm ihrer Burschen ein und wurden auf Vorschlag des Reeders
Auffermann, da es an Damen mangele und Taschenmesser nur beim Essen
in Gebrauch genommen werden sollten, für den Weiterverlauf dieses
schönen Abends jeglicher Brautschaft entkleidet.
Hinter dem letzten Nachzügler schloß Matthes zweimal die Tür ab.
»Weshalb so fürsorglich, Herbergsvater?«
»Herr Auffermann, et geschieht erstens wegen der Polizeistunde,
zweitens wegen des geordneteren Bezahlens.«
»Treffliche Geschäftsumsicht. Nur zu loben.«
»Um welche Zeit«, fragte der Reeder Hinrichsen und gähnte leise
und müde, »tritt denn so allgemach für die >Fünf Erdteile< die
Polizeistunde ein?«
»Keine Gefahr,« flüsterte der Wirt vertraulich. »Für drei Abende in
der Woche hab' ich ›Geschlossene Gesellschaft‹ angemeldet. Den Verein
›Schifferkameradschaft‹, den Verein der ›Harmonikafreunde‹ und die
Karnevalsgesellschaft ›Haste nix -- dann kriegste nix!‹ Wat wollen
Sie, Herr Hinrichsen, meine Gäste kommen so selten von Bord an Land,
dat sie mit Begeisterung Mitglieder in allen drei Vereinen geworden
sind. Un über fröhliche Menschen kann die Polizei sich doch nur
freuen.«
Der Reeder Hinrichsen beugte schicksalsergeben das Haupt.
»Ruhe, die verehrten Herrschaften. Die Frauenzimmer sollen dat
Kreischen lassen. Herr Vanderwelt bezweckt, uns mit einer kleinen
Ansprache zu erfreuen.«
Kornelius Vanderwelt stand lässig an seinem Tisch, die Hände in den
Taschen seines Gesellschaftsanzugs vergraben. Aus halbgeschlossenen
Augen blickte er über die gedrängt sitzenden Bruderschaften und
Schwesternschaften dahin.
»Hohe Festversammlung. Schon unter den alten Heiden war es schönste
Sitte, daß sich fremdhergewanderte Gäste nicht mit leeren Händen den
Gaststätten nahten, sondern mit wohlerwogenen Gastgeschenken. Diese
Geschenke sollten dazu dienen, den Gastfreunden die ihnen zustehende
tiefe Verehrung zu erweisen und ihnen die Herzen zu öffnen zu
traulichem Verkehr. So seien Sie denn erbötig, auch unsere Geschenke
entgegenzunehmen. Ich bitte Sie, Ihre Augen nach dem Schenkentisch zu
richten.«
»Sie haben sich wohl vertan, Herr Vanderwelt. Da sitzt dem Matthes
seine süße Hausehre.«
»Sehen Sie, wenn ich Ihnen raten darf, über die verehrte Frau Matthes
hinweg. Nicht etwa wegen des eifersüchtigen Gatten --«
»~Der~ Kerl un eifersüchtig!« höhnte die süße Hausehre und duckte
sich vor dem Blick ihres Gebieters zu einem armen Häuflein Leid.
»Aufgebaut sehe ich auf dem Schenkentisch Gläser köstlicher Soleier,
Kistchen mit goldgelben Kieler Sprotten, rotbackene Käse von Holland,
wohlriechende von Mainz, tränenfeuchte aus der Schweiz. Dazu Schinken
und Würste in verlockendem Anschnitt. Mein Freund Hinrichsen macht
sich ein Vergnügen daraus, sie Ihnen anzubieten.«
Ermüdet suchte Hinrichsen Verwahrung einzulegen. Der Reeder Auffermann
überstimmte ihn lärmend.
»Nichts da, Hinrichsen. Bei den alten Heiden war das schon der Brauch.
Und Sie wollen ein -- ein -- vorgeschrittener Christ sein?«
»Mein Freund Auffermann hingegen,« fuhr Vanderwelt fort, »bittet Sie
durch meinen Mund, ein Fäßlein Bier auf seine Gesundheit und Rechnung
zu leeren und auch des Schnapses nicht zu vergessen.«
Der Reeder fuhr auf. Er lehnte mit Bestimmtheit die Bevormundung ab.
Bis Hinrichsens müde Stimme erklang: »Schon bei den alten Heiden ...
sagten Sie nicht soeben so, lieber Auffermann?«
Da setzte sich der beleibte Mann seufzend nieder.
»Und Sie, Vanderwelt? Was stiften Sie?«
Kornelius Vanderwelt öffnete weit die Augen, lachte über die
vorgestreckten Köpfe hinweg, als brächte er ihnen allen eine Huldigung.
»Ich stifte die Musik, den Tanz und alle Freuden der Jugend! Leg' los,
Harmonikamann!«
Und er warf dem Spieler im Schwunge einen Taler zu, den der
Aufmerksame geschickt zwischen den Zügen seiner Harmonika auffing, um
alsbald mit Kraft und Hingabe einen Walzer zu beginnen.
Ein Taumel brach los, der über Ruhrort hinaus nach flämischen
Vorbildern griff. Auf den Schenkentisch stürzte sich die gastfrohe
Menge, kämpfte um den kürzesten Weg, stellte dem Sieger ein Bein,
setzte über Tisch und Bänke, errang eine Kiste Sprotten, einen Edamer
Käse, ein Schinkenbein, und eine schwerbusige Weibsperson barg den
Glasbehälter mit den köstlichen Soleiern so heftig an der Brust, daß
das Glas zerplatzte und die Eier an die Erde rollten.
»Nich ausbrüten! Nich ausbrüten! Man muß dat Mädchen belehren!«
Der Matthes aber ließ den Bierhahn spielen, schwenkte die Gläser in
einem Springbrunnen um und füllte sie mit dem schäumenden Naß. Hurtig
rannte die hagere Frau Matthes von Tisch zu Tisch, setzte ihre Lasten
ab, rannte zurück, um neue Lasten zu holen, sah dem Gebieter nach den
Augen und bot Schnäpse an.
Und durch das Gelärm, das Geklapper der Gläser, die gellenden Zurufe
und das Aufgekreisch der Frauenspersonen rangen sich rauschend und
frech, wehmütig und wimmernd die Klänge der Harmonika hindurch,
gewannen die Oberhand, gingen unter, erkämpften sich aufs neue den
Sieg.
»Was fürs Herz!« schrie der Schiffer Petrus und schlug vor dem
Harmonikaspieler die Hand auf den Tisch.
Der riß seine Künstlerstimmungen hin und her wie Gäule an den Zügeln.
Die Harmonika schluchzte auf.
»Teure Hei--i--mat, sei gegrüßt!«
Der Schiffer Petrus sang mit. Seine Augen glänzten, seine Hingabe war
hemmungslos. Bässe brummten die Grundmelodie. Frauensoprane schwelgten
in süßen Höhen. Mit den Füßen zog man die Tische heran. Ein Bursche
erhob sich, bewegte den Körper nach dem Takt der Weise und schlurfte
auf gleitenden Füßen in den engen Tanzraum. Schon folgte ihm ein
Mädchen, nachtwandlerisch, mit wiegendem Körper, die Arme mit kraftlos
tastenden Händen ausgestreckt, bis sie die Schultern des Burschen
erreichten, bis die Glieder sich im Tanze verkrampften. Ein zweites
Paar, ein drittes. Die Zechenden wurden an die Wände gedrückt.
Das hochbusige Frauenzimmer hatte sich den Reeder Auffermann erkoren.
Es warb um einen Tanz. Es umschmeichelte ihn. Mit einer Handbewegung
schob es der Reeder zur Seite. Da brach das Ungestüm durch, loderndes
Gassenfeuer. »Komm her! Komm her! Ich will dich! Dich! Dich!«
Und der Reeder kam. Wortlos packte er das ungestüme Weib, wortlos
hob er sie hoch, daß die Röcke rauschten, und setzte sie in den
aufspritzenden Springbrunnen, dessen Becken sie füllte.
Des Festes Höhepunkt war erreicht. Wild wogte der Tanzreigen um das
zeternde, unerlöste Weib. Die Lieder überschlugen sich. Die Harmonika
warf ihre grellsten Feuerfetzen in den Aufruhr der Gemüter.
Und plötzlich war es Kornelius Vanderwelt, als wäre er all diesem
Menschenirrsinn weit entrückt, als führe er, ein Einsamer, durch
eine weltabgewandte Flußlandschaft, zur Linken in schimmernden
Schlangenlinien den weißen Wasserspiegel, zur Rechten in heißer
Herbstfeier den Buschwald in Rot und Gold, und als er sich träumerisch
suchend dem Bilde hingab, war ihm, als hörte er eine Mädchenstimme
rufen, und er horchte ihr grübelnd nach und vernahm sie wieder und
horchte angestrengter.
War das ein Wortwechsel im Haus? Ahnte er ihn nur im alles
verschlingenden Lärm?
Und mit einem Male erhob sich Kornelius Vanderwelt, warf seinen
Tuchumhang über, griff Schirm und Hut und trat ungesehen hinter dem
Schenkentisch ins Haus.
Er preßte sich an die Flurwand. Er glaubte eine Erscheinung zu haben
und schloß für Sekunden die Augen.
Das Mädchen von der Landstraße kam die Treppe herab, blaß, mit
verstörten Augen, die Reisetasche fest an sich gezogen. Und wie ein
Gespenst zappelte die Frau des Matthes vor ihr her, keifend, ihr den
Weg verlegend.
»Sie bleiben hier. Sie haben dat Zimmer nur gekriegt, weil Sie länger
wohnen wollten.«
»Ich habe das Zimmer täglich bezahlt. Ich kann nicht mehr. Wo bin ich
denn nur? Ich will fort!«
Der Wirt tauchte auf. »Marsch, ins Geschäft!« herrschte er seine Frau
an, die wie ein Hauch verschwand. »Entschuldigen Sie, Fräuleinchen,«
sagte er süßlich und legte ihr den Arm um den Leib, »aber Sie sollen
mal sehen, wie schnell man sich an die Musik gewöhnt.«
Und jäh verzerrten sich seine Züge, warf sich sein Kopf nach hinten
herum.
»Ah, Sie sind et, Herr Vanderwelt. Da können Sie von Glück sagen, dat
ich Sie erkannt habe. Nehmen Sie die Daumenschrauben vom Arm.«
»Befehle, Matthes? Finger weg, oder ich dreh' Ihnen die Schulter
ab. Sie kennen mich im Zorn, Matthes. So ist's recht. Und kein Wort
darüber. Nicht das kleinste, oder die Freundschaft ist aus. Gehen Sie
zu Ihren Gästen.«
Das Mädchen stand auf den Treppenstufen, blaß, mit verstörten Augen,
die Reisetasche fest an sich gezogen.
Kornelius Vanderwelt sah dem Wirte nach. Er sah auf das Mädchen und
öffnete die Tür, die ins Freie führte. Die Nacht quoll herein und mit
ihr der peitschende Regen.
Kornelius Vanderwelt stand und sah auf das zusammenschauernde Mädchen,
das ihm entgegenschritt. Er öffnete den Schirm, den er schützend in
die regendurchflutete Nacht hinaushielt, und als er in der engen Tür
ihre frostbebende Schulter spürte, hob er seinen Umhang und nahm sie
mit unter das wärmende Tuch.
»Ich will Ihnen nur auf den rechten Weg helfen,« sagte er leise, und
sie sah nach seinen Augen.
So schritten sie schweigend in Nacht und Regen, der Mann und das
Mädchen.
3
Als der Mann und das Mädchen aus der Gasse heraustraten, packte sie
am Hafendamm der fegende Rheinwind erst mit seiner vollen Gewalt, und
der Mann stemmte seine Schultern an, um des Windes und Wetters Herr zu
werden. Mit der einen Hand streckte er den Schirm vor, mit der anderen
hielt er den Zipfel des Umhangs gepackt, aus dem das Angesicht des
Mädchens starr und regennaß in die Dunkelheit lugte.
»Legen Sie vor allen Dingen einmal die Starrheit ab,« gebot die Stimme
Kornelius Vanderwelts und drang durch das Wetter zu ihrem Ohr. »Was
Sie in der Gastwirtschaft ›Zu den fünf Erdteilen‹ gesucht haben,
werden Sie mir später erzählen, jetzt sagen Sie mir, was Sie in
Ruhrort wollen oder wohin Sie wollen.«
Das Mädchen versuchte zu sprechen. Aber Regen und Wind machten sie
atemlos. Ihr Mund bewegte sich und die Brust bäumte sich auf in der
Anstrengung des Sprechens.
»Langsam, langsam,« beruhigte die Stimme Kornelius Vanderwelts. »Es
ist so spät geworden, daß es auf ein paar Minuten wirklich nicht mehr
ankommt. Verstehe ich recht? Klavierspielerin sind Sie? Und kommen
von der Hochschule für Musik? Unterricht wollen Sie erteilen, um Ihre
Laufbahn fortsetzen zu können? O Sie junge Jüngerin der heiligen
Cäcilie, welcher dunkle Trieb führte Sie denn geradeswegs nach
Ruhrort?«
Wieder sprach die Stimme des Mädchens, und die Worte flatterten
zerfetzt davon.
»Nein,« sagte Kornelius Vanderwelt, »so geht es nicht. Meine Stimme
ist an das Hafenwetter besser gewöhnt. Ich werde sprechen und Sie
werden nicken oder mit dem Kopfe schütteln. Verstanden?«
Das Mädchen schloß nur die Augen zur Bejahung.
»Ich werde es ganz kurz machen,« fuhr Kornelius Vanderwelt fort. »Sie
sind hier. Daran ist nicht zu zweifeln. Sie suchen Arbeit. Arbeit ist
für jeden ernsthaft Suchenden zu beschaffen. Vorher aber suchen Sie
eine Unterkunft. Das ist zu dieser vorgerückten Nachtstunde und in dem
Zustand, in dem Sie sich befinden, schon eine schwierigere Aufgabe.«
Er wartete, und das Mädchen schwieg und mühte sich, das Frösteln zu
unterdrücken.
Kornelius Vanderwelt beugte sich zu ihr nieder. Ganz nahe über ihre
Augen, die ihm entgegenstarrten.
»Nicht diesen Blick. Bitte -- ohne jede Angst und Zurückweisung. Als
wir aus den ›Fünf Erdteilen‹ in die Nacht traten, versprach ich Ihnen
meine Hilfe. Sehen meine Augen aus, wie die Augen eines Wegelagerers?
Ach so, da war gestern oder vorgestern Mittag so eine Geschichte ...
Auf der Landstraße ... Das war Landstraßenübermut. Das überkam mich
so, wie ich Sie in Ihrer jüngferlichen Abwehr sah. Jetzt stehen Sie
unter meinem Schutz, und dort ist mein Haus, und wir gehen hinein.«
»Nein,« sagte sie nur.
»Ja,« wiederholte er, »wir gehen hinein. Denn im Regen schwimmen wir
fort, und es scheint mir für den in ganz Ruhrort und Umgebung bestens
bekannten Kornelius Vanderwelt -- so ist mein Name, mein Fräulein --
nicht sonderlich passend, vor den Fenstern seiner schlafenden Kinder
mit einer unbekannten jungen Dame durch die schwärzeste Nacht zu
lustwandeln. Sehen Sie das ein?«
Sie machte sich ganz steif unter dem gemeinsamen Umhang.
»Mein liebes Fräulein,« sagte er ernst. »Ich bin nicht abergläubisch,
aber hier scheint mir doch so etwas wie die Stimme des Schicksals
mitzureden. Vielleicht finden Sie bei mir die Arbeit, die Sie suchen.
Meinen Kindern tut eine tüchtige Klavierlehrerin not. Zeigen Sie mir
morgen, was Sie können, und jetzt treten Sie ein.«
Das Mädchen bewegte den Mund, es begann zu sprechen.
»Nein, ich fürchte mich nicht. Ich fürchte mich auch nicht vor der
ungewöhnlichen Stunde. Aber da ist etwas -- nein, nein, es zieht mich
nicht zurück -- und ich bin auch nicht abergläubisch -- es redet mir
zu -- und einer ist dem anderen doch ein Fremder.«
Und die Augen des einen befragten verwundert die Augen des anderen.
Fremde? Sind wir uns Fremde? Was ist es, was den einen für den anderen
sprechen läßt?
»Ich gebe Ihnen mein Manneswort, daß Sie unter meinem Dach so sicher
sind, wie meine Kinder.«
Sie antwortete nicht mehr. Aber sie ging ruhig an seiner Seite durch
den Vorgarten, und die Rosenranken griffen nach ihr mit den Dornen,
und sie griff hinein und spürte nur die sprühende Rose, die sie in der
Hand behielt.
Kornelius Vanderwelt schloß die Türe auf und entzündete im Hausflur
das Licht. Wie eine Nachtwandlerin, die eines jeden Schrittes sicher
ist, folgte sie ihm in den Kleiderablegeraum, ließ sie sich von
seinen Händen Hut und Mantel abnehmen, folgte sie ihm weiter, nur die
Reisetasche in der Hand, und wartete geduldig in der Dunkelheit eines
Raumes, bis ihr Führer auch hier das Licht aufflammen ließ.
Ihre Augen wanderten ringsum. Ernst und ohne Überraschung, als hätte
sie die neue Umwelt so und nicht anders erwartet.
»Sie sind in meinem Arbeitszimmer,« sagte Kornelius Vanderwelt
freundlich. »Setzen Sie sich nieder. Nein, nicht auf den steiflehnigen
Stuhl. Hier in den tiefen Sessel können Sie sich gemütlicher
hineinkuscheln. So ... Ganz Wohlbehagen ... Es wartet kein Zahnarzt
mit der Zange. Aber es ist zwei Uhr nachts, und Sie haben nach dem
Familienabend in den ›Fünf Erdteilen‹ die Berechtigung, müde zu sein.«
»Nein -- ich bin nicht müde. Aber die Hausfrau schläft.«
»Mein liebes Fräulein, die Hausfrau schläft schon seit Jahren den
ewigen Schlaf. Ich lebe mit meinen Kindern allein, zwei Jungen
und einem Mädchen, und eine ältere Hausdame betreut uns. Soll ich
Ihnen das Gastzimmer anweisen, oder wollen Sie mir noch ein wenig
Gesellschaft leisten?«
»Wenn Sie es wünschen -- will ich Ihnen noch -- Gesellschaft leisten.«
»Recht so. Man lernt sich kennen und weiß am nächsten Tage, wer der
andere ist. Das erleichtert die Möglichkeit Ihres Hierbleibens. Und
nun wollen wir plaudern und zum Plaudern einen Tee trinken.«
Die Tiefe des Sessels verschlang die Mädchengestalt. Und aus der
Tiefe heraus verfolgten die ernsten, grauen Augen jede Bewegung des
Mannes, sahen auf seine starken, gutgepflegten Hände, die am Kamin
die Schnur des elektrischen Kochers einschalteten, auf den jugendlich
federnden Gang, der das Zimmer durchmaß, hin und her, her und hin, bis
die dampfenden Teegläser auf dem Tische standen und eine verdeckte
Schüssel. Kornelius Vanderwelt aber ließ ein jedesmal, wenn er den
Schritt wandte, seinen Blick über das Mädchen schweifen, und er
gewahrte den strengen Schnitt ihres Gesichtes, das flimmernde Rotblond
des windverwehten Haares, die eigentümliche Ruhe der Augen, hinter der
die Stürme müde geworden oder noch unerweckt zu schlafen schienen.
Und wieder schweifte sein Blick über sie hin und gewahrte das billige
Kleid und unter dem Kleid die Magerkeit der Glieder, die dennoch über
den Fesseln eine feingeschwungene Linie zeigten, und die festgerundete
Mädchenbrust, die unhörbar atmete. Und immer wieder schweifte sein
Blick über die Hände, die im Schoße ruhten und ihm in ihrer Gliederung
so ausdrucksvoll schienen, als sprächen sie eine eigene, beseelte
Sprache.
Leise zog er sich seinen Sessel heran und setzte sich ihr gegenüber.
Die Schüssel hatte er abgedeckt.
»Greifen Sie zu,« bat er freundlich. »Die kleinen Imbißbrote werden
jeden Abend für mich zurecht gestellt. Ich bin, wie Sie leider
schon bemerkt haben werden, ein bißchen außenhäusig geworden. Und
trinken Sie tapfer Tee. Er langt für mehrere Gläser und wärmt Ihren
durchfröstelten Lebensmut wieder an.«
Sie beugte sich vor und nahm das Glas aus seinen Händen. »Zucker?«
fragte er und ließ, als ihre Lippen sich bewegten, ein Stück in ihr
Glas gleiten.
Sie trank mit weitgeöffneten Augen. Nicht gierig, aber in langen,
durstigen Zügen, als wär alles in ihr erstarrt gewesen und taute nur
langsam auf unter dem heißen Trank.
»Nicht das Essen vergessen,« ermunterte Kornelius Vanderwelt, und
sie nahm gehorsam eins der schmackhaften Brote und senkte die Augen,
während sie aß.
Kornelius Vanderwelt tat, als leistete er ihr bei Speise und
Trank Gesellschaft. Aber während er sie mit einer geräuschlosen
Ritterlichkeit bediente, kam die Verwunderung über sein Tun in ihm
hoch und wuchs und wuchs, daß er unruhig glaubte, ein Lachen in
sich aufsteigen zu spüren, ein Lachen über Kornelius Vanderwelt,
der von der Straße nächtlichen Besuch hereinnahm und ihm wie einem
Edelfräulein aufwartete.
Und die Verwunderung wurde noch stärker, weil das Lachen ausblieb und
nicht einmal einem Mitleid Platz machte, sondern nur ein grübelndes
Lächeln wurde: wie schön ist es, mit diesem Mädchen zusammenzusitzen,
und weshalb ist sie mir so vertraut?
Da gewahrte er, daß sie ihn anblickte.
»Nichts mehr?« fragte er. »Nicht ein kleines Brötchen mehr? Aber das
Teeglas wird noch einmal gefüllt --«
»Ja, ich danke Ihnen,« sagte sie, und er sah an dem Hauch, der in
feinem Rot ihr Gesicht überzog, daß sie sich erholt hatte.
»Wollen Sie mir jetzt Ihren Namen nennen? Eine Anrede ist die Hälfte
des Bekanntseins.«
»Ich heiße Angela Freydag.«
»Angela? Ah, das bedeutet soviel wie ›Engel‹?«
Ihre Hand tastete nach der Reisetasche, die sie an ihren Sessel
gelehnt hatte. Sie drückte auf das Schloß.
»Mein Gott,« fragte Kornelius Vanderwelt erstaunt, »haben Sie das Ding
da sogar ins Zimmer mitgenommen?«
»Meine Brieftasche ist darin, und in der Brieftasche sind meine
Papiere.«
»Mein liebes Fräulein Freydag, Sie verwechseln den Ort. Sie befinden
sich hier nicht vor einer Behörde, sondern bei einem Ruhrorter Bürger
mit Namen Kornelius Vanderwelt, der Ihnen freiwillig Gastfreundschaft
anbot.«
Sie aber nestelte die Brieftasche hervor und öffnete sie vorsichtig
auf den Knien. Zwischen wenigen kleinen Geldscheinen lagen in sauberem
Umschlag ihre Ausweispapiere.
Kornelius Vanderwelt nahm sie mit kurzer Verbeugung aus ihren Händen.
»Wenn es wirklich Ihr Wunsch ist --« Und er las.
»Angela Freydag, Musikbeflissene. Tochter des verstorbenen
Kapellmeisters Sebastian Freydag und seiner ebenfalls verstorbenen
Ehefrau, der Sängerin Barbara Freydag geborene Brandt.«
Er ließ die Hände in den Schoß sinken und schaute sie an.
»Es folgt die Personalbeschreibung, Fräulein Freydag, die ich aber
schon auswendig weiß. Also beide Eltern -- beide dahin? Und keine
Geschwister? Und Anverwandte? Ebensowenig?« Er legte die Papiere in
ihre Hand zurück und behielt ihre Hand eine kurze Weile still zwischen
der seinen.
»Und obendrein ist sowas noch ein Mädel -- läuft mutterseelenallein
über die Landstraße, um ihre Groschen zu sparen -- jedem Zugriff
ausgesetzt -- nein, nein, ich weiß, es sind Krallen und Zähne
vorhanden -- gerät in die hochansehnliche Gastwirtschaft ›Zu den fünf
Erdteilen‹ -- ja, nun sagen Sie mir nur, weshalb gerade in diese?«
»Es war die billigste,« antwortete sie ruhig.
»Und was trieb Sie nach dem schwarzen Ruhrort?«
»Ich komme von der Musikhochschule in Köln. Meine Mittel sind eher
erschöpft, als meine Ausbildung abgeschlossen sein wird. Da hab' ich
mich auf den Weg gemacht, neue Mittel hinzuzuverdienen. Denn« -- und
ihre Augen sahen ihn mit einem stählernen Glanz an -- »ich kann etwas
und will noch viel mehr können.«
»Bravo. Aber weshalb gerade Ruhrort?«
»In Köln und in Düsseldorf und in den anderen großen Städten wachsen
die Klavierlehrerinnen wie das Gras zwischen den Steinen. Da dachte
ich an das Industriegebiet. Ich kam von der Ruhrstadt Kettwig her, als
ich Ihren Fahrer auf der Landstraße anrief. Ich hatte nichts erreicht.
Aber in Kettwig sprachen die Leute von der großen Entwicklung des
Hafenplatzes Ruhrort. Und irgend etwas stieß mich auf den Weg.«
»Auf meinen Weg,« sagte Kornelius Vanderwelt grüblerisch. Und er
befreite sich aus dem Dunkel der Gedanken und setzte munter hinzu:
»Die erste Begegnung hat Sie wohl sehr erschreckt?«
Zum ersten Male sah er, daß sie lachen konnte. Nicht laut und auch
nicht lautlos. Die Kehle blieb unbewegt. Nur in den Augen sprang ein
Licht auf, tief im Hintergrund der grauen Augen, aber es beschien das
ganze Gesicht mit einem heiteren Schein.
»Nein, die erste nicht, Herr Vanderwelt. Ich wußte wohl, daß ich im
Winde stand wie eine Vogelscheuche, als mir die Kleider wegflogen. Und
daß Sie mich trotzdem und ohne viel Fragens in den Wagen hoben, das
empfand ich gerade darum als die erste Kameradschaft unter Menschen.«
»Das Empfinden hielt nicht lange an, und Ihre Zähne und Fäuste
bedankten sich auf eine eigene Weise.«
»Hätte ich aus dem Wagen springen können, ich hätte es getan, Herr
Vanderwelt.«
»So abscheulich erschien ich Ihnen? Als ein so gemeiner Wegelagerer?«
»Ich schämte mich vor mir selber und -- und -- nun muß ich es doch
sagen -- und für Sie.«
»Für mich, Fräulein Freydag? Hatte ich denn beim ersten Blick einen so
guten Eindruck auf Sie gemacht?«
Sie zog nachsinnend die Stirn zusammen, daß sich über der geraden Nase
steil eine Furche hob.
»Ich fragte mich: greift ein Mann wie dieser Mann so wahllos nach
jeder? Und wenn es ein so fadenscheiniges und abgemagertes Ding ist
wie ich? Das schüttelte mich.«