»Gotts Donner, Herr Vanderwelt, wenn sich der Gebhardt keine Flügel am

Hinterteil wachsen läßt, ramm' ich seinem Kahn ein Loch in die Rippen.«

»Beim Matthes ›Zu den fünf Erdteilen‹ soll es noch Bindewasser die

Fülle geben. Auch um Mitternacht. Der nächste!«

Der Schiffer schlug sich die Mütze ins Genick, legte das Steuer um und

nahm Kurs ins Freie. Und schon stand statt seiner der lange Hein vor

dem Herrn aufgepflanzt, die schwarze Locke über der Stirn, um den Hals

das flatternde bunte Seidentuch, den Silberring verwegen im Ohr.

»Zur Stelle, Herr Vanderwelt.«

»Kerl! Hein! Sie werden mit jedem Tag gefährlicher. Man sollte Ihnen

wahrhaftig keinen Kahn nach Mannheim mehr anvertrauen.«

»Oho, Herr.«

»Ich glaub', selbst die schönste Jungfrau Lorelei hängt sich Ihnen ins

Schlepp, geschweige denn die anderen Frauenzimmer.«

»Ah -- ~so~ meinen der Herr Vanderwelt.« Der Bursche lachte

geschmeichelt. »Ja, dafür kann der Hein nix. Der is von Natur so

gewachsen. Aber in seine Schiffergeschäfte läßt sich der nich

'ereinliebeln.«

»Nicht? Und wenn's in Ruhrort nur so um ihn herumwimmelt? Da wär' ich

doch gespannt. Ernsthaft, Hein, mir hat ein Vögelchen gepfiffen, es

würden da verschiedene« -- er rieb den Daumen gegen den Zeigefinger --

»Anforderungen gestellt, und der Hein wär für bestimmte Hafenplätze

nicht mehr zu haben.«

Die Siegermiene geriet ein wenig ins Wanken. Die herausfordernde Geste

wich.

»Ein Wort im Vertrauen, Herr Vanderwelt, wenn Sie gestatten würden.

Bei solchen Geschichten fehlt zwar meistenteils der Beweis. Aber

vorsichtiger wär et immerhin, wenn der Herr Vanderwelt für meinen Kahn

als Eigentümer zeichnen wollt, bevor sie mir den verramschen.«

Seine Augen schielten nach dem Herrn, und die schwarze Locke hing ein

wenig kläglich.

»Mit anderen Worten: Sie möchten mir den Kahn anhängen und auf Löhnung

fahren. Soso. Wenn Sie von der Mannheimfahrt zurückkommen und Ruhrort

anlaufen, wollen wir das Geschäft besprechen. Es ist Ihre Sache, sich

zu beeilen. Sie sind in der Ladefolge der dritte. Sorgen Sie, daß Ihr

Kahn morgen früh pünktlich am Ort liegt.«

»Herr Vanderwelt! Wenn Sie mal im Leben ein paar zärtlich zupackende

Fäuste brauchen -- dat hier, dat wären die Muster!«

»Flott, Hein,« sagte Kornelius Vanderwelt und blickte über ihn hinweg,

»die anderen stehen sich die Beine in den Leib.«

Und einer folgte dem anderen, wurde kurz auf Herz und Nieren geprüft,

bei seiner schwächsten Stelle genommen, erhielt sein Stichwort und

schob sich mit einem vergnüglichen Grinsen zur Türe hinaus.

Im Zimmer blieb ein Schwaden von Teer, Schweiß und Branntwein.

Kornelius Vanderwelt hob den Hörer vom Fernsprecher. »Ich bitte Herrn

Beckenried zu mir.«

Der Geschäftsführer erschien mit der Unterschriftenmappe. Er verzog

krampfhaft das Gesicht und nieste.

»Ja, mein Lieber, das ist der Ozon, der uns zum Leben nötig ist.«

»Die Vanderweltschen Lungen sind nun mal anders geartet als die

üblichen. Sie gestatten wohl, daß ich beide Fensterflügel öffne, oder

ich habe meine Verhandlungsunfähigkeit zu erklären.«

»Nehmen Sie eine Zigarre, Beckenried. Nicht bei der Arbeit? Gerade bei

der Arbeit qualmt der Schornstein am fröhlichsten. Also zur Sache. Die

Verladung ist im Lot. Meine Freunde, die uns eben verlassen haben,

werden schuften wie die schwarzen Teufel. Bis sie fertig sind, werden

auch die Herren Großreeder nachgerückt sein, so daß es eine Lücke

nicht gibt. Keine Stunde Ruh' sollen sie vor dem Fernsprecher haben.

Und nun -- Feierabend.«

Ein tiefer, langgezogener Seufzer stieg ihm aus der Brust.

»Wahrhaftig, Beckenried, Sie haben recht. Der Ozon war diesmal ein

bißchen reichlich.«

»Ich geh' trotzdem nicht mit Ihnen, Herr Vanderwelt.«

»Wirklich nicht? Auch nicht, wenn ich Ihnen einen Abend der tiefsten

Sammlung in Aussicht stelle? Ja, was machen Sie denn mit der unendlich

langen Nacht? Man schläft doch nur, wenn man einmal müde ist.«

»Dann lernen Sie es nie, Herr Vanderwelt. Bitte, noch ein Dutzend

Unterschriften.«

Kornelius Vanderwelt setzte sich wieder, überflog die Bogen,

verbesserte ein Wort, eine Wendung, und unterschrieb Blatt um Blatt.

»Beckenried,« sprach er, während die Feder die Namenszüge zog, »es

ist auch das einzige, was ich nicht lernen will. Der Schlaf ist die

törichtste Unterbrechung jeder Lebensfreude und tritt immer ein, wenn

man die Minute für die aller- allerschönste hält. Ach, Beckenried, ich

wollt', Sie könnten für mich mit schlafen.«

»Es sollte mein Geheimnis bleiben, Herr Vanderwelt: ich tu's schon

seit Jahren!«

»Lieber Freund, wenn Sie darauf anspielen wollen, daß Sie mir mit

Ihren täglichen zehn Kontorstunden über sind, dann bewahre Ihnen Gott

Ihren frommen Kinderglauben. Amen.«

Er erhob sich, drückte seinem Mitarbeiter die Briefmappe in den Arm,

klopfte ihm auf die Schulter und nahm Abschied. Draußen empfing ihn

der Regen. Er atmete tief und gierig die Nässe ein, zog den Mantel

näher heran und schlug den Nachhauseweg ein.

»Nun, Fräulein Bilsenbach? Waren Sie mit dem Tag zufrieden?«

»Mit der Juliane war es heute besonders schwer, Herr Vanderwelt. In

ihre Klavierübungen wollte sie sich nicht mehr hineinsprechen lassen.

Sie spielte, wie es ihr paßte, ob es in den Noten stand oder nicht,

und als ich ihr ihre Eigenmächtigkeiten verwies, behauptete sie, der

Papa hätte es ihr so vorgespielt.«

»Wie wir uns verstehen, Fräulein Bilsenbach. Wenn ich nur frage, ob

Sie mit dem Tag zufrieden waren, kommen Sie ohne weiteres auf die

Kinder zu sprechen.«

Das Fräulein stutzte. Die Züge verschärften sich, die Schultern zogen

sich hoch, als hätten sie eine neue Last des Gekränktseins auf sich zu

nehmen.

»Ich habe ja nicht nur die Sorge um das Hauswesen zu tragen, sondern

auch die Sorge um die Kinder.«

Kornelius Vanderwelt zog begütigend ihre Hand an seine Lippen.

»Ich bin Ihnen zu unendlichem Dank verpflichtet. Das weiß keiner

besser als ich. Und nun nicht gleich böse sein. Außer den Kindern gibt

es nämlich auch noch andere Menschen und Dinge, die einer Unterhaltung

wohl wert wären und deren Berechtigung man nicht stets von vornherein

von den kleineren oder größeren Unarten der Kinder abhängig machen

sollte. Fräulein Bilsenbach, ich habe es in allen Häusern, in denen

sich alles und jedes um die Kinder und immer wieder um die Kinder

drehte, am drückendsten und unerträglichsten gefunden, in den Häusern

aber, in denen die Erwachsenen ohne Weiterungen auf ihrem Lebensanteil

bestanden, am frohesten und klarsten.«

»Bitte, Herr Vanderwelt, entlasten Sie mich von dem Klavierunterricht.

Ich bin ihm nicht mehr gewachsen.«

»Er ruht, bis ich eine geeignete Lehrkraft gefunden habe. Gestatten

Sie mir nur den Hinweis, Fräulein Bilsenbach, daß Sie persönlich den

Klavierunterricht als eine Art Entspannung von den Hausgeschäften zu

übernehmen wünschten und ich Sie keineswegs dazu gedrängt habe.«

»Ich bin ihm nicht mehr gewachsen,« wiederholte das Fräulein und

schüttelte ängstlich den Kopf.

»Quälen Sie sich doch nicht. Menschen, die alles können, erweisen sich

in keinem Einzelfache als sattelfest. Und die Küche meines verehrten

Fräulein Bilsenbach wäre nicht durch das verlockendste Klavierspiel

desselben Fräulein Bilsenbach zu ersetzen.«

Die Verbitterung löste sich. Ein kleines Lächeln kroch hervor.

»Sie verstehen es, die Menschen aufzurichten. Nun schäme ich mich

fast, daß ich so wenig an Ihre abgearbeiteten Nerven dachte. Es kann

sofort zu Abend gegessen werden, Herr Vanderwelt.«

Und auch an diesem Abend wiederholte sich der laute Begrüßungssturm

der Kinder, das Verhör in den Vorkommnissen des Schultags, die Übungen

in der Kunst des geistigen Florettfechtens in Angriff und Abwehr.

»Vergeßt mir nur nicht, ihr +discipuli+, daß der Geist erst durch

das Gemüt seine Lebensgeltung erhält. Sonst wäre er wie ein tönendes

Erz und eine klingende Schelle. Gute Nacht, ich muß meine Weisheit

noch anderorts ausschenken.«

Eine halbe Stunde später schritt er unter triefendem Schirm, den

ärmellosen Tuchumhang über den Gesellschaftsanzug geworfen, dem

Klubhaus der Ruhrorter Herren, der ›Erholung‹, zu. Breit und

selbstsicher stieß es hinein in die dunklen Gassen des Hafenviertels.

Eine gewichtige Anzahl von Herren saßen bequem um die Tische geschart.

Und daß nicht nur die Zahl eine gewichtige war, zeigten viele und

viele der ausgearbeiteten Köpfe an, der scharfgemeißelten Schädel, der

aufmerksam spähenden Augen. Männer, bei denen tagsüber Spannkraft und

Willenskraft zuhause war und abends ein gelöstes Sichgehenlassen.

Der Wein schwamm in den Römern, die Unterhaltung schwoll an,

tiefgründige Worte wurden in ein derbes Scherzwort abgeleitet, von

dröhnendem Lachen belohnt. An den Spieltischen klappten die Karten.

Als Kornelius Vanderwelt eintrat, schauten nur wenige auf. Aber

die wenigen gaben ihre Erkenntnis durch Blicke weiter, die die

Aufmerksamkeit der Umsitzenden weckten und auf den Eintretenden

hinlenkten.

»Sieh da. Herr Kornelius Vanderwelt in Person. Sagen Sie, lieber

Vanderwelt, leiden Sie unter Anwandlungen von blindlings gesteuerter

Langeweile?«

»Wenn ich wüßte, was ~Sie~ wissen, Herr Kommerzienrat, langweilte

ich mich an keinem Tische der Erde.«

»Verdammter Kerl, der. Nicht schlecht gegeben. Bin nur gespannt, was

ich da wieder mehr wissen soll.«

»Oh, nur einiges. Zum Beispiel, ob die neuen Hafenpläne zur Ausführung

gelangen oder nicht?«

»Das müssen Sie den Herrn Oberbürgermeister fragen. Ich beuge mich der

Allmacht der Behörde.«

Kornelius Vanderwelt zeigte lachend die Zähne.

»Der Herr Oberbürgermeister sitzt ja allabendlich neben Ihnen. Sollte

da nicht eine Befruchtung der Allmacht in aller Stille möglich sein.«

»Hören Sie auf! Das grenzt an Gotteslästerung.«

»Mein verehrter Herr Vanderwelt,« mischte sich die feine Stimme des

Oberbürgermeisters ein, »seitdem die Verschmelzung von Ruhrort und

Meiderich mit Duisburg glücklich vor sich gegangen ist, hat sich auch

die Zahl der Erzengel in meinem Verwaltungshimmel vermehrt, und die

vereinigten Herren Stadtverordneten haben mehr denn je das Wort.«

Kornelius Vanderwelt verneigte sich tief.

»Das Wort! Und Ihr kluges Lächeln sagt: ›Ihrer sei das Wort, mein sei

die Tat!‹«

»Hierher, Vanderwelt! Wir wollen auch unseren Nutzen ziehen! Heda!

Unsereins auch!«

Kornelius Vanderwelt schritt weiter, verharrte an einem Tische, ließ

sich zu einem anderen winken. Hinter ihm blieb ein Flüstern.

»Ein Kerl von Geist und Weitsicht,« meinte nachdenklich der

Kommerzienrat. »Zuweilen von einer gefährlichen Weitsicht.«

»Wie reimt sich das zusammen, Herr Kommerzienrat?«

Der überlegene Geschäftsmann schob langsam die buschigen Augenbrauen

hoch.

»Seltsame Frage das. Es braucht kein Kornelius Vanderwelt in die

›Erholung‹ zu kommen, um uns die Erweiterung der Hafenbauten zu

predigen. Etwas anderes ist es, ob wir Nächstbeteiligten mit

unseren Schiffsparks Schritt halten können, ob wir uns in unserem

Wirkungskreis nicht einen neuen, wenig erwünschten Wettbewerb

hereinholen, oder die Kleinschiffer durch die Not an Kahnraum stärker

in den Vordergrund gerückt werden, als es für den reibungslosen

Großbetrieb gut ist. Das nenn' ich ~gefährliche~ Weitsicht.

An der Notwendigkeit der Hafenerweiterungen zweifle ich nicht eine

Sekunde, und der Herr Oberbürgermeister, wie ich seine Tatkraft kenne,

ebensowenig.«

Eine Weile wandte sich das Gespräch mit voller Lebhaftigkeit den

Lebensadern der Stadt, den Hafenbecken und Kanälen zu. Die Finger

zeichneten Entwürfe auf die Tischplatte, die Köpfe schmiedeten Pläne.

Bald schon, und keiner wollte dahinten bleiben, der eine den anderen

überbieten, bis die Trumpfkarte fiel.

»Ich schlage vor, sämtliche Straßen Ruhrorts in schiffbare Kanäle zu

verwandeln, sämtliche Plätze in Hafenbecken.«

»Halt, halt,« rief ein hoher Hafenbeamter in das aufdröhnende

Gelächter hinein, »der Einfall ist nicht von Ihnen!«

»Haben ~Sie~ ihn etwa zutage gefördert, Herr Regierungsrat?«

»Der Vater des Kindes heißt Vanderwelt.«

»Ich muß doch sehr bitten. Zu meinen Kindern bin ich selber Vater.«

»Es ist schon einige Zeit, da fuhr er mit mir auf dem Regierungsboot

durch die Rhein-Ruhr-Häfen. Es war Hochbetrieb, in allen Wasserstraßen

drängten sich die Kähne, die Hochöfen feuerwerkten wie besessen, und

die Häuserreihen standen wie verloren im schwarzen Kohlenschleier.«

»Sie werden ja ganz poetisch, Herr Regierungsrat.«

»Ich nicht, aber der Vanderwelt wurde es. Mit einer Liebe ohnegleichen

starrte er auf das dunkle Städtebild, das sich hier, dort, überall im

dunkelgefärbten Wasser spiegelte, wandte sich zu mir und sagte leise:

›Das schwarze Venedig!‹« -- --

Keiner lachte. Jeder nickte versonnen vor sich hin und spann den

Gedanken weiter.

»Seltsamer Mensch das,« sagte ernst der Kommerzienrat. »Zwei Seelen

wohnen in seiner Brust.«

Und wieder war der Bann gebrochen, und wieder hieß der neue

Gesprächsstoff Kornelius Vanderwelt. Dichtung und Wahrheit stritten

sich um den Mann.

»Er spielt auf dem Klavier wie unsereins an der Börse.«

»Er liest die Dichter wie unsereins die Kurszettel.«

»Was ihn aber nicht hindert, mit aller seiner Kunst unsereins übers

Ohr zu hauen.«

Der aber, von dem die Reden im Schwange waren, saß unbekümmert fernab

an einem Ecktischchen und becherte mit den beiden Reedern Hinrichsen

und Auffermann um die Wette. Seine Augen leuchteten hellauf, sein Mund

sprudelte über von Geschichten aus der weitesten Welt und Gleichnissen

aus der nächsten Nähe. Der schlanke Hinrichsen bog sich in den Hüften,

der beleibte Auffermann legte sich die Arme wie Faßreifen um den

hüpfenden Bauch. »Machen Sie es gnädig, Vanderwelt, machen Sie es

gnädig. Wir glauben Ihnen alles -- alles -- alles --!«

»Das kann mich nicht kümmern, meine Herren. Kommen Sie erst einmal

nach den Südseeinseln. Da gibt es kein verstohlenes Herumdrücken in

den Kaschemmen und Freudenhäusern. Da herrscht Liebe auf den ersten

Blick und der Zauber paradiesischer Umgangsformen.«

»Wachsen denn dort Feigenbäume, Vanderwelt? Feigenbäume in rauhen

Massen?«

»Gott,« sagte Vanderwelt träumerisch, »es war wohl zu schön, zu

überirdisch schön, um an Torheiten zu denken ...«

»Ja, waren Sie denn selber da drunten? Drunten im Unterland, wo's halt

so schön ist? Und am Viktoria Njansa? Und bei den Roten am Orinoko

und den Schlitzäugigen in der Malakkastraße? Mann, wo waren Sie denn

eigentlich ~nicht~?«

Kornelius Vanderwelt spielte mit den Fäden seines Schnurrbartes.

»Wo ich ~nicht~ war? Meinen Sie, ~bevor~ ich endgültig in

Ruhrort vor Anker ging, ~oder~ --«

»Achtung, Hinrichsen, jetzt kommt eine bodenlose Grobheit.«

»Oder -- alsdann? ~Alsdann~ war ich noch nie unter so

hinterhältigen Gentlemen, die mich erzählen lassen, während sie selber

den Wein wegtrinken. Die dritte Flasche, Auffermann, bitte ich in

zweifacher Ausfertigung vorzuführen. Keine Einwendungen, oder wir

nehmen den Mann nicht mit auf hohe Fahrt, Hinrichsen.«

Der Reeder Auffermann rieb sich das spiegelblanke Kinn.

»Hohe Fahrt? Das überredet mich. ›Dein Mund fleußt über alle Zeit von

süßem Sanftmutsöle‹, steht in einem alten Gesangbuchliede zu singen

und zu sagen. Darauf trinken wir die vierte, und Hinrichsen zahlt die

fünfte und die sechste. ~Worüber~ beschweren Sie sich? Sie hätten

schon die erste und die zweite gezahlt? Still, Hinrichsen. Nicht in

Gegenwart unseres Gastes.«

Und Kornelius Vanderwelt dachte, während der Wein die grünen Römer

füllte, es sind landläufige Burschen, aber als Saufkumpane geschaffen

wie weiland Ritter Falstaff für den Junker Heinz. Und er hob sein

Glas, stieß an und trank in langen, durstigen Zügen.

Allmählich leerte sich das Gemach. Eine Zecherrunde nach der anderen

rückte ab, und an den Kartentischen errechnete man Gewinn und Verlust,

beglich die Rechnung und verabredete sich auf morgen.

»Kaum Mitternacht,« stellte Kornelius Vanderwelt fest, »und schon

löschen sie die Kesselfeuer und kriechen in die Hängematten. Ich

krieg' das Frieren bei so viel Kaltblütern.«

»Kaltblütern? Hinrichsen, hat er ›Kaltblüter‹ gesagt? Wollen Sie

meinen Puls fühlen, Vanderwelt? Wollen Sie Hinrichsens Puls fühlen?

Wenn wir auch nicht mit Südseeinsulanerinnen Vielliebchen aßen, wenn

wir auch nicht -- wenn wir auch nicht -- mit Suahelimädchen -- na,

Hinrichsen, nun sagen Sie's doch schon, was wir ~nicht~ mit den

Suahelimädchen ...«

»Mit Kokosnüssen Tennis spielten,« half Hinrichsen aus, »und mit den

Schlitzäugigen: ›Wieviel Finger sind das?‹ ...«

»So haben wir doch Ruhrorter Blut,« fuhr Auffermann fort. »Heißes

Ruhrorter Blut. Verdammt heißes Ruhrorter Blut. Und jetzt gehen wir

auf die Straße, wo's am schönsten ist.«

Hinter ihnen erlosch das Licht im Saale. Die Mäntel über den

Gesellschaftsanzug geworfen, den steifen Hut auf dem Kopf, traten die

Herren in den Hauseingang, mühten sich, in Regen und Wind die Schirme

aufzuspannen, und hielten in fröhlicher Erregung den Schritt an.

Vor ihnen verzwirnten sich die engen Hafengassen, und das Licht der

Laternen kämpfte vergebens mit den grauen Regenfluten der Nacht.

Aber das Licht kämpfte nicht allein. Es kämpfte Dunkelheit gegen

Dunkelheit, Menschen der Nacht gegen Menschen der Nacht.

»Wat sagen Sie? Sie hätten dat Mädchen nur angekuckt, Sie Piekfeiner?«

»Bleiben Sie mir vom Leibe. Ich habe mit Ihnen nichts zu schaffen.«

»Aber meiner Braut möchten Sie zu Leibe, was? Mit meiner Braut möchten

Sie sich zu schaffen machen? Jetz wollen wir einmal ›Du‹ zueinander

sagen, du Lauser, un jetz kriegst du meine Visitenkarte --«

Klatsch!

Der Geschlagene taumelte einen Schritt zurück, hob den Spazierstock

und schlug blindlings in die Luft. Das Frauenzimmer kreischte, der

Matrose duckte sich zum Sprung und sprang dem Gegner an die Brust.

Klatsch! Klatsch! Von beiden Seiten.

Schon knäulte sich ein halbes Dutzend, schon ein Dutzend Menschen um

die nächtlichen Kämpfer herum. Kneipentüren öffneten sich, strömten

breite Lichtwellen ins Gassendunkel und mit den Lichtwellen behende

Gäste, die da fürchteten, zu spät zu kommen. »Hau ihn, Hendrik! Du

läßt dir doch woll nich in 'n Kurs segeln von so 'nem Laffen?«

Klatsch! Klatsch! Klatsch! -- Hin und her.

In der Tür der Gastwirtschaft ›Zu den fünf Erdteilen‹, die durch ihre

Ecklage das Gassengewirr beherrschte, stand in Hemdärmeln und blauer

Schürze breitbeinig der Wirt im roten Lichtkegel. Die Hände in den

Schürzenlatz geschoben, die Augen blinkernd vor Vergnügen, feuerte er

Kämpfer und Zuschauer gleichermaßen an.

»Hendrik, der saß bei ~dir~! Blaue Augen sind schön, Hendrik,

aber zumehrst beim anderen! So war's recht, mein Junge! So! Und so!

Junger Herr, Sie werden doch nicht vor einem schlichten Matrosen Leine

ziehen?«

Aber der Piekfeine dachte gar nicht daran, denn der Hendrik hatte

im Eifer des Gefechts einen der Umstehenden vor das Schienbein

getreten und einen Dankesstoß erhalten, der ihn über den Haufen

warf. Und schon lag der Feine über dem Matrosen und bearbeitet ihn

wütend mit den Fäusten. Das aber ging einer Handvoll Schiffersleuten

gegen Strich und Faden. Einer von ihnen krakeelte den Mann an, der

sein Schienbein gerächt hatte, und erhielt stracks eine gesalzene

Maulschelle zur Antwort. Andere stürzten sich auf die am Boden

Liegenden, rissen den Oberen vom Unteren, verloren den Halt, befanden

sich in tobendem Handgemenge, ohne zu wissen, wie und für welche

Sache. Denn auch der Mann, der sein Schienbein gerächt hatte, hatte

eingreifen müssen und den Krakeelenden, der ihn wie ein Stier

anlief, in den Knäuel geschleudert. Ein dumpfer Schmerzensschrei des

Aufschlagenden, und die Zuschauermenge verlor den letzten Rest von

Besinnung, stürmte in atemloser Erregung vor, gurgelte Schimpfworte

und Kampfesrufe, schlug klatschend drein, traf auf den Falschen,

teilte sich in blind ineinander verbissene Einzelgruppen, während

der Mann mit dem mißhandelten Schienbein bald in diese, bald in jene

Gruppe einen Angreifer hineinschleuderte, die Verbindungen zwischen

den Einzelgruppen wieder herstellte und eine allgemeine tobende

Kampfeslage schuf.

»Warte, Bürschken, dich sucht' ich als lang.«

»Komm her, du Großmaul, ich hau' dir ein Pechpflaster drauf.«

Klatsch! Klatsch!

»Du da! Du da! Du hast noch wat vom letzten Mal bei mir im Salz.

Willste wohl nich ausreißen, du Feigling?«

»Vor so wat ausreißen? Hahaha! Nur zu klebrig biste mir.«

Klatsch! Klatsch!

»Nimm die Hand vom Hals, Hein. Nimm die Hand vom Hals --«

»Tuste Abbitte? Schön Abbitte? Bin ich ein Mädchenhändler, du Lump,

oder ein Ehrenmann wie du --?«

Die drei Herren aus der ›Erholung‹ waren längst unter dem schützenden

Hauseingang hervorgetreten. Dichter und dichter drängten sie an

den Kampfesring heran. Fäuste griffen nach ihnen. Sie hoben die

Regenschirme hoch und zeigten ihre lachenden Gesichter.

»Dat sind Herren von der ›Erholung‹! Seid ihr denn ~ganz~ blind,

ihr wütigen Maulwürfe?«

Und augenblicklich zogen sich die Fäuste zurück, lüfteten die Kerle

grinsend die Kappe. Uralte, schweigende Übereinkunft bewährte sich

zwischen den heimkehrenden Herren der ›Erholung‹, den Reedern und

Frachtverladern, und den rauflustigen Gästen des Hafenviertels. Ein

derbes und herzliches Nachtverhältnis.

»Guten Abend, Herr Auffermann. Guten Abend, Herr Hinrichsen.«

»Guten Abend auch, Herr Vanderwelt. Große Ehre, mit 'ner schlichten

Runde Boxkampf aufwarten zu dürfen.«

Plötzlich hielt das Kampfgetöse den Atem an. Die Griffe lockerten

sich, die Köpfe streckten sich vor.

»Was denn, Jungens,« rief Kornelius Vanderwelt, »ihr werdet doch

nicht aufhören wollen, wenn's am schönsten ist? Wenigstens noch eine

Ehrenrunde! Ich schlage vor: zwischen den beiden Herren, die das

Zauberstück zuerst zur Aufführung gebracht haben.«

Unter dem niederströmenden Nachtregen, vom Licht der Laternen flackrig

beleuchtet, zog man den zerbeulten Matrosen hervor und stellte ihn auf

den Platz. »Wo ist der Piekfeine?« grollte er. »Bringt mir nur den

Piekfeinen noch mal her.«

Aber so viel man auch suchte, der Piekfeine blieb verschwunden. Und

als der Matrose den Namen seiner Braut brüllte, kam auch von dort kein

Echo.

Der Piekfeine hatte die Kampfpause benutzt und sich davongemacht.

Nicht ohne dem strittigen Gegenstand einen vertraulichen Wink zu geben.

Von unbändigem, immer sich erneuerndem Gelächter begleitet, nahm

der Matrose neuen Kurs und stürmte, die Ellbogen angezogen, die

Fäuste geballt, in die Dunkelheit, die ihn im niederströmenden Regen

verschwinden ließ.

Das nächtliche Zauberstück war zu Ende gespielt. Die Mitwirkenden

lüfteten ihre Heldenmasken, erkannten sich als gute Kameraden und

biedere Mitbürger und grinsten sich an.

»Ich glaub' wahrhaftig -- et regent ...« stellte der eine fest.

»Verdammich, weshalb lassen wir uns denn eigentlich hier naß regnen?«

fragte verwundert ein anderer.

Und ein dritter schlug vor: »Wir könnten unsere Abendunterhaltung doch

ebensogut unter Dach und Fach fortsetzen.« Und er fand ungeteilte

Zustimmung.

Kornelius Vanderwelt tauschte Gruß und Handschlag mit dem Mann, der um

sein Schienbein besorgt gewesen war.

»Petrus! Natürlich! Kein anderer zwischen Mannheim und Rotterdam

befördert Stückgut so im Schwunge wie Ihr!«

Der vierschrötige Schiffer machte einen Kratzfuß.

»Ich schmeichle mir, Herr Vanderwelt. Aber bevor ich den Schwung auf

seiner glänzendsten Höhe hatte, war die Stückzahl schon erledigt.

Schade drum.«

Kornelius Vanderwelt schob seinen Arm in den ungeschlachten des

Kraftmenschen und ging im Schritt mit ihm auf die Gastwirtschaft

›Zu den fünf Erdteilen‹ zu. Der Riese setzte nur Fuß neben Fuß.

Er fühlte sich sehr geehrt unter dem gemeinsamen Regenschirm und

schielte backbord und steuerbord, ob auch eine genügend große Zahl von

Kameraden die Bevorzugung gewahr werde.

»Petrus,« fragte Kornelius Vanderwelt, und Wein, Straße, Nacht waren

vergessen, »ist Ihr Kahn verholt?«

Kornelius Vanderwelts Gefährtin · 第 3 / 26 段