»Frau Ausdemwerth ist eine sehr liebenswürdige Dame,« meinte Kornelius

Vanderwelt und spürte ein leises Erröten vor den Kindern, »aber man

muß nicht auf Schmeicheleien hören, sondern die Tatsachen für sich

reden lassen. Und für dich, meine aufmerksame Juliane, sollen sie

jetzt einmal durch die Schulaufgaben reden. Ich wünsche allerseits

eine gesegnete Mahlzeit. Fräulein Bilsenbach, ich habe letzthin in

Amsterdam nicht besser gegessen. Und die Holländer sind stolz auf ihre

Küche.«

Noch einmal hingen sich die Jungen gute Nacht wünschend an Kornelius

Vanderwelts Hals. Dann suchte der Hausherr sein Arbeitszimmer auf, und

Fräulein Bilsenbach nahm das schweigsam gewordene Mädchen bei der Hand

und folgte ihm nach.

»Nun, mein Mädelchen? Da du ~fast~ alles schon gelernt hast,

wird's ja im Handumdrehen getan sein. Um was handelt es sich denn in

der Hauptsache?«

»Um die französischen unregelmäßigen Zeitwörter.«

»Potztausend. Das ist ja eine ganze Menge. Die paukt man doch nicht

mit einem Male in sich hinein?«

»Sie lernen schon seit Wochen daran,« sagte das Fräulein, »aber

Juliane bringt ihnen nicht die nötige Beachtung entgegen.«

»Französisch lerne ich einmal in Lausanne,« erklärte die Kleine

hochmütig. »Und Englisch auf der Insel Wight. Papa gibt mich ja doch

in die allerfeinsten Erziehungsanstalten. Da brauch' ich doch nicht

hier schon mit den dummen unregelmäßigen Zeitwörtern geplagt zu

werden.«

Kornelius Vanderwelt winkte dem aufbegehrenden Fräulein freundlich ab.

Er wandte sich an Juliane.

»Mein liebes Kind, was dein Vater einmal tun wird oder nicht tun

wird, darauf kommt es hier nicht an, sondern was ~du~ tun wirst.

Ein jeder Mensch hat sich nur auf sich selber zu verlassen. Denn die

väterlichen Geldbeutel können über Nacht ein Loch kriegen, und dann

heißt es, nach dem Schulsack greifen und Nachschau halten, ob der gut

gefüllt ist. Ist er's, so bist du für das Leben gesichert und bleibst

Dame in den schwierigsten Verhältnissen. Hast du aber ~nicht~

vorgesorgt, so sinkst du wie Blei auf den Grund, und wenn dein Vater

tausendmal Kornelius Vanderwelt war. Denn ein jeder Mensch steht nur

für sich. Nur!«

Das vom Leben gerüttelte alte Fräulein nickte kurz vor sich hin. Es

ließ sich im Winkel des Arbeitszimmers nieder und zog das Kind an sich

heran. »Ihre Gegenwart dürfte schon genügen,« sagte der Blick, der den

Herrn des Hauses traf, und bald füllte ein leises Gemurmel das Gemach,

einförmig, zuweilen nur ärgerlich sich steigernd. »+Venir, tenir,

vouloir, s'en aller, s'asseoir, prendre, battre, mettre+ ...«

Rauchend saß Kornelius Vanderwelt im Ledersessel und überflog die

Abendzeitungen. Die Börse war leidlich, eher zurückhaltend. Da

hieß es achtgeben, denn man schien zu einem überraschenden Schlag

auszuholen. Von den städtischen Nachrichten fanden nur die neuen

Hafenplanungen seine regere Anteilnahme, und auch diese schienen

seinem Vorwärtsdrängen noch nicht aus dem größten Augenwinkel erfaßt.

Die Politik? Er hatte unter den erwählten Volksboten genügend brave

Seifensieder kennengelernt, von denen er wohl seine Seife, aber nicht

seine politische Weisheit bezogen haben würde. Ah ... Er lehnte sich

bequemer zurück. Hier stand über die Großen im Reiche der Kunst zu

lesen. Klavierabende. Beethovensche Symphonien. Uraufführungen neuer

Opern. Ein Wogen und Wallen war um ihn, ein Kämpfen und Erlösen,

Aufschreie der Menschennatur, Zurruhestreicheln, Jubel oder Untergang.

Längst saß er vornübergebeugt, das starke Kinn vorgeschoben, die

Nüstern geweitet. Und mit einem Male knüllte er mit einem Griff die

Zeitung zusammen und warf sie in den Papierkorb.

Sofort erhob sich das Fräulein, nahm das aufstrahlende Kind bei der

Hand und näherte sich ihm.

»Es geht jetzt leidlich, Herr Vanderwelt. Wir können uns zurückziehen.«

Kornelius Vanderwelt hatte sich höflich erhoben. »Gute Nacht,« sagte

er. »Es war sehr lieb von Ihnen, daß Sie mir die unregelmäßigen

Zeitwörter abgenommen haben. Man hat sich im eigenen Leben genug damit

abzuplagen. Gute Nacht, kleine Juliane. Auswendiglernen ist noch das

leichteste.«

Er küßte sie auf die schlafmüden Augen und stand, bis die Tür ins

Schloß gefallen war.

»Allein,« sagte er vor sich hin. »Mutterseelenallein. Man kann doch

nicht auch noch in der Nacht von Kohlenladungen reden ... Herrgott,

ständ' ich doch am Steuer eines Seeschiffes, all das tausendmal

durchgeackerte Philisterland hinter mir, neues Inselland vor mir, mit

nackten Menschen, unverkleideten Leidenschaften, unberührt, unberührt.

O du wilde, du zarte, du zärtliche Schöpferfreude ... Geh in ein

Wirtshaus, Kornelius Vanderwelt.«

Vor einem Bilde verharrte er noch, vor einem strahlend fröhlichen

Frauenbild.

»Ja, ja, Du warst wild, du warst zart, du warst zärtlich und warst

alles in eins bis zur Selbstvernichtung. Mit dir lohnte es noch.« -- --

Er ging und verließ trotz später Stunde das Haus.

2

Wie das Haus eines alten Wikings, der ruhebedürftig nach wilden

Küstenfahrten und doch in ruheloser Sehnsucht nach dem Wasser, das

zum Meere strebt und den Weg zeigt zu den fernsten, wogenumbrandeten

Ländern, seine Ausrast am unteren Stromlauf des Rheines nahm, nahe

den Schlupfwinkeln der Ruhr-, der Emscher- und Lippemündungen, erhebt

sich auf dem Damm zu Ruhrort das Versammlungshaus der Schiffer und der

Schiffahrtsfirmen, der ungezählten Hunderte, die in den Wasserarmen

der Rhein-Ruhr-Häfen laden und löschen, harren und handeln, aus

Schiffsraum und Maschinenkraft, Wetter, Wasser und Wind ihr tägliches

Brot holen, verschwitzte Groschen oder Gold, wie es aus der Präge

kommt. Fachwerkartig strebt das Haus in den mittelalterlichen Giebel,

und das Gerippe des dunklen Eichengebälks gibt ihm Sturmfestigkeit,

Ansehen in den Augen der Strombefahrer und die Gewähr der Dauer.

Von alters her gewöhnt an Luft und Ellbogenfreiheit, blieb das Volk

der Schiffer dem Damm, der Straße vor der Schifferbörse, treu, doch

wenn der Regen peitschte, der Nebel von der See her in Schwaden

über die Niederungen zog oder naßkalter Winterwind die Wolken gen

Holland trieb, stapften sie zufrieden in den Wappen-, Bilder- und

spruchgezierten Börsensaal, äugten in die Seitenkojen, die von den

großen Verfrachtern und Schiffsmaklern gemietet waren, und harrten und

handelten gemächlich und bedächtig, als läge ihnen nichts an Zeit und

Geld, und noch viel weniger an dem drängenden Eifer der Geschäftsleute.

Aus allen Häfen des Rheins und des Rhein-Seeverkehrs, aus allen

Plätzen der Kanalschiffahrt ins deutsche Binnenland, nach Holland,

Belgien und Frankreich hinein, sammelten sich die Schiffer, die bei

Ruhrort vor Anker lagen und neue, günstige Ladeabschlüsse erharrten,

um die elfte Morgenstunde auf dem Damm und erwarteten Begrüßung und

Angebot der Herren aus Ruhrort, aus Duisburg, Homberg und Hochfeld,

der Kohlenzechen, Eisenhütten und Stahlwerke, die nach leerem

Schiffsraum fahndeten. In breitem Schiffergang trotteten sie heran, in

Hosen aus braunem Baumwollsammet und derbgestrickten Westen, in blauen

Leinwandhosen und verfärbten Wetterjacken, in dunklen Tuchanzügen

mit goldenen Ankerknöpfen, den goldenen oder silbernen Ring im Ohr,

Mützen jeder Gattung in den Nacken geschoben. Die Tonpfeife qualmte in

Kräuseln, die zerbissene Zigarre hing im Mundwinkel, der Priemtabak

lagerte unsichtbar hinter den Zähnen verstaut.

Viele aber, die keine Ladung zu löschen hatten und nicht an die Stunde

gebunden waren, erschienen schon frühzeitig wiegenden Ganges auf dem

Damm, blinkten in den engen Quergassen nach den Kneipenschildern und

löschten ihren frühzeitigen Durst. Und die Geschäfte, die zwischen

einigen Geneverschnäpsen zustande kamen, erschienen oft beiden

Vertragsteilen als die besseren und bequemeren.

»Döres, noch eine Lage. Verdammt hartleibig heute, der Klaas. Tu ihm

ein Stücksken Zucker 'rein, damit et ihm glatter in den Magen geht.

Also, Klaas: ein Mann un ein Wort. Ist dein Kahn nun frei für mich

oder nicht?«

Dichter und dichter füllte sich der Damm vor der Schifferbörse. Längst

kamen Gefährte nicht mehr durch die Massen hindurch und mußten

einen Bogen schlagen. Weithin vernehmbar gab eine Glocke das Zeichen

zum Beginn der Börsenstunde, und das Gewoge schien lebensgefährlich

anzuschwellen und war doch nur ein gemütliches Vordrängen und ein

ruhiges Hin und Her zwischen dem Börsensaal und der Straße.

»Wat notieren die Kurse?«

»Nach dem Nordpol oder dem Südpol, du Dämel?«

»Nach Amsterdam!«

»Junge, Junge, un wenn du selbs mit deinem Äppelkahn heil da 'runter

kommst, die Amsterdamer Meischen sind dich über.«

»Alles wat rechtens is, Hein: der Pitter spricht aus Erfahrung.«

»Als er wiederkam, hatt' er dich die Hosentaschen leer und den

Hosenboden voll.«

Und in das Gelächter der Umstehenden brachen drängend die Stimmen der

Makler ein und brachten alles Gelächter zum Schweigen: »Zehntausend

Tonnen direkt Rotterdam. Zwanzigtausend Tonnen direkt Mannheim.

Fünfzehntausend Tonnen Zwischenlandungen zu Berg. Wer bietet an? He,

Petrus, frei mit wieviel? Gebhardt, was kann ich von Ihnen bekommen?«

»Wir kriegen steigend Wasser,« sagte der Gebhardt bedächtig, rollte

den Priemtabak in die andere Backe und blickte den Makler abwartend an.

»Vor Abend is Regen da,« stellte der Petrus fest, beleckte den

Zeigefinger und hob ihn prüfend in die Luft.

Der Makler machte sein Angebot. Die Männer schwiegen vor sich hin.

Der Makler drängte: »Schlagt zu, Leute, bevor die großen Reedereien

unterbieten.« -- »Wat fordern denn die großen Klause? Bangemachen gilt

nich.«

Durch alle Reihen, durch alle Gruppen drängten sich die Makler,

anfeuernd, belehrend, lustige Schlagworte tauschend und schon wieder

emsige Geschäftsvermittler. Schiffsbefrachter, die ohne Maklerhilfe

ihr Schäflein ins Trockene zu bringen suchten, spielten ihre eigene

Geige. Sie verkehrten in vertraulicher Rede, nahmen in Herzlichkeit

die Klagen entgegen, um sie mit einem derben Scherze zu zerstreuen

und die Lacher in den Bann ihres guten Einvernehmens zu ziehen.

Angestellte der Großreedereien, vielerorts die Geschäftsherren selbst,

verhandelten mit gesammelten Mienen in der Börsenhalle, in den Kojen.

Ihre geräumigen Schiffsparks waren der Straße entrückt, bildeten

das feste Gerippe des Umschlagegeschäfts, den Zeiger an der Uhr der

Frachtkursnotierungen. Hier und da feilschte ein Börsenbesucher, der

nur eine einzelne Ladung zu vergeben hatte, um eine Beteiligung und

kam nach langwierigen Bemühungen nur mit hohem Aufgeld davon.

Die Schiffsvermieter reckten die Hälse, wandten die Dickschädel.

Einige unterbrachen die angesponnenen Verhandlungen und warteten

den Mann ab, dem die angestauten Haufen mit Bereitwilligkeit Platz

machten, um ihn alsbald in die Mitte zu nehmen.

»Guten Morgen, Herr Vanderwelt.«

»Guten Morgen? Gut Wetter, müßt ihr sagen, Leute. Steigend Wasser und

Regen in Sicht. Gut Herbstgeschäft allwege!«

»Zum Deuwel, Herr Vanderwelt, wenn einer die Wahrheit sagt, sind Sie

et.«

»Sie reden wenigstens nich stundenlang um den Brei herum, als wenn et

keine Fische mehr im Rhein zu fangen gäb.«

»Keine Fische mehr im Rhein?« Kornelius Vanderwelt zeigte seine weißen

Zähne. »Jungens, sie beißen wie nie, und wenn ihr die Nase nur lang

genug ins Wasser haltet, beißt einer an. Ich bin hier, um Geschäfte

zu machen, und ihr seid hier, um Geschäfte zu machen. Darin sind wir

uns wohl einig.«

»Verdammich, Herr Vanderwelt, dat is ein Wort von Mann zu Mann.«

»Kommt nur drauf an, wer dat bessere Geschäft dabei macht. Der

Vanderwelt oder wir.«

»Drickes, wenn Ihr mir nicht traut, schert ruhig mit Eurem Kahn aus

der Reihe.«

»Nix für ungut, Herr Vanderwelt, aber wir kriegen letzthin dat Fell

so oft über die Ohren gezogen, dat et bloße Denken oft lauter zutage

tritt, als man gewollt hat.«

Kornelius Vanderwelt faßte ihn mit beiden Händen bei den Schultern.

»Drickes,« sagte er und sah ihm mit zusammengezogenen Augen in

den queren Blick, »ich müßte doch der größte Schafskopf auf der

Duisburg-Ruhrorter Hammelwiese sein, wenn ich meine Geschäfte nicht

Hand in Hand mit den Euren gehen ließ. Wer Geld verdienen will, muß

Geld springen lassen. Denn das springende Geld, Drickes, schafft

aufgeräumte Laune, schafft Schwung in die Arbeitsleistung und schafft

schnelle Bereitwilligkeit und Vorsprung vor den anderen, die ewig

Frachttreibereien fürchten. Heda, du Blindgänger, sind das aufgedeckte

Karten oder nicht? Ich will nicht nur Geschäfte machen, sondern ich

will so schnell wie möglich Geschäfte machen, und das kann ich nur,

wenn ich Euch ohne lang Hinundher beteilige. Ist das klar?«

»Bieten Sie an, Herr Vanderwelt. Bieten Sie an,« rief es aus dem

Haufen. »Gestern notierten die Frachtkurse nach Mannheim eine Mark

zwanzig die Tonne. Un heut schlägt et Wetter um.«

»Ohne viel Gefackel, Jürgens: zehn Prozent drauf!«

»Ohne viel Gefackel, Herr Vanderwelt: fünfzehn Prozent! Ne.

Abgerundet auf eine Mark vierzig. Dat rechnet sich besser. Wollen Sie

meine vierhundert Tonnen dafür? Meine sechshundert? Meine achthundert?«

Ein Dutzend und mehr riefen ihm zu. Aus anderen Gruppen winkte man ihm

mit den Händen, zeigte man ihm durch die Fingersprache die Tonnenzahl

an. Kornelius Vanderwelt zog sein Notizbuch und rechnete.

»Herrschaften, da muß ich aber den Zechenonkels die Daumenschrauben

anziehen.«

»Dat würden Sie ja auch ohne unsere Mithilfe besorgen.«

Einige lachten, einige kraulten sich in gebändigter Erregung den

Schifferbart und harrten gespannt auf den Zuschlag.

»Also auf meine Gefahr hin,« sagte Kornelius Vanderwelt kurz. »Aber

mit ~einer~ Bedingung.«

»Brauchen Sie uns nich erst zu sagen. Wir spucken in die Hände, dat et

schäumt.«

»Der erste Schleppzug, der herausgeht, ist der von Kornelius

Vanderwelt, Pitter, und wenn et hollandsche Meischen regnet!«

»Dann,« meinte Kornelius Vanderwelt mit seinem übermütigsten Gesicht,

»würd' ich mir an eurer Stelle die Sache noch mal überlegen.

›Meischen‹ fallen unter die ›höhere Gewalt‹. Gesegnete Mahlzeit,

Herrschaften. Heute nachmittag auf dem Kontor die Ladeweisungen

abholen.«

Die angestaute Menge machte ihm Platz. »Mahlzeit, Herr Vanderwelt,

Mahlzeit.« Und Kornelius Vanderwelt schritt hindurch und in die

Börsenhalle. Hier suchte er die Kojen der Großreeder auf.

»Wieviel bieten Sie an?« fragte er, sein Merkbuch in der Hand.

»Ach ne. Lückenbüßerspielen is nich.«

»Machen Sie doch keine Scherze. Selbst der Wüstenlöwe überläßt den

armen Schakalen die Beutereste ohne zu blinzeln.«

»Aber erst, wenn er sich selber den Ranzen zum Platzen vollgeschlagen

hat.«

»Vor diesem Platzen möchte ich Sie ja gerade bewahren. Gegen

Ihre großen Schiffsparks kommt die ganze Gilde der Kleinschiffer

zusammengenommen nur mit einem Halbteil an. Also machen Sie eine

großmütige Geste und gönnen Sie den armen Kerls ihren Beuteanteil im

voraus. Der Löwenanteil bleibt Ihnen ja doch, und Sie erhalten sich

die gute Kameradschaft für schlecht Segelwetter.«

»Vanderwelt, an Ihnen ist ein Sonntagsprediger verloren gegangen. Aber

einer, der Christus sagt und Kohlen meint. Was können wir für Sie tun,

ohne geradezu über den Löffel barbiert zu werden?«

»Wieviel bieten Sie an? Und zu welchen Notierungen?«

»Im Vertrauen, Vanderwelt: die heutigen Kurse werden um zehn Prozent

in die Höhe schnellen. Greifen Sie zu, wenn Sie sich decken müssen.

Eine gewisse Zeche soll schon einem gewissen Schiffsbefrachter

›+plein pouvoir+‹ gegeben haben, wenn er ihre Förderungen als die

ersten auf den Wasserweg bringt.«

»Was Sie nicht sagen,« meinte Kornelius Vanderwelt gelassen. »Solche

Schlauberger gibt's? Da muß ich mich wohl beeilen, beizubleiben,

und Ihre zehn Prozent auf Treu und Glauben bewilligen. Zehntausend

Tonnen? Ach, auf einmal können's zwanzigtausend sein? Gut, ich

will sie übernehmen, wenn Sie mir mit dem Schlepperlohn gründlich

entgegenkommen. Lassen wir das einmal billigst zusammen berechnen.«

Er hockte bei den Herren nieder, und während die Stimmen der Hunderte

in der Halle sie umbrandeten, lösten sie die Fragen wie in der Stille

des Kontors.

»Der erste schöne Tag im Jahr,« sagte aufatmend der Reeder Hinrichsen.

»Heut haben wir das Mittagessen verdient.«

»Bis zum Abend dürfte es vielleicht zu einer besseren Flasche in der

›Erholung‹ langen,« meinte der Reeder Auffermann und rieb sich das

spiegelglatte Kinn. »Ich wäre imstande, die dritte zu bezahlen.«

»Glauben Sie, Auffermann, daß Hinrichsen die beiden ersten übernimmt?«

Die entrüsteten Reeder wandten sich gemeinsam gegen den Sprecher.

»Wie? Was? Und Sie selber? Nur mittrinken möchten Sie? Vanderwelt, Ihr

Schamgefühl muß doch erheblich gelitten haben.«

»Es schämt sich nur der ewig gleichen Langeweile, meine Herren.

Vielleicht nehmen Sie ~nach~ der ›Erholung‹ noch ein Glas Bier

oder einen Brandewein von mir an? Es kommt von Herzen.«

»Ah --! Ah --! Hinterher! Bei einem Wirte wundermild.«

»Auf Wiedersehen, meine Herren, im Festgewand.«

Er suchte die eigene Koje auf, schrieb die Auftragszettel aus und

schickte sie durch einen Boten an Beckenried zur Weiterbearbeitung.

Die vereidigten Kursmakler verließen gerade das Beratungszimmer. Der

ermittelte Frachtenkurs erschien an den Tafeln. Kornelius Vanderwelt

warf einen Blick auf die Tafeln und sah, daß er, Kleinschifferraum und

Großreederraum gegeneinander gerechnet, gut abgekommen war.

An der Straßenecke fand er seinen Wagen.

»Los, Wilm. Irgendwohin ins Freie. Heute müssen wir's kürzer machen.«

--

Zwei Stunden später saß er schon in seinem Sonderkontor, der

Geschäftsführer ihm gegenüber. Verteilungsplan und Reihenfolge

der Kähne lag fertig vor. Die Anweisungen für die Schiffer wurden

ausgefertigt.

Kornelius Vanderwelt klingelte die Zeche an, die ihm den dringlichen

Auftrag erteilt hatte.

»Den Herrn Direktor, bitte. Ah, schon zur Stelle? Ja, ja, wer heute

Geld verdienen will, muß den anderen um ein paar Bootslängen voraus

sein, und ich war so frei, nach derselben Richtschnur zu handeln.

Ihre Kohlen können auf und davon. Die Kähne werden bis morgen Mittag

an Ihrem Kipper verholt. Haben Sie mit Eisenbahnwagen vorgesorgt?

Gottlob! Dann lassen Sie ab morgen Mittag anrollen, was die Achsen

leisten können. Kein Dank notwendig. Freut mich, daß ich Ihnen den

Dienst erweisen konnte. Glückauf.«

»Na, Beckenried? Krieg' ich diesmal ein Patschhändchen? Freund,

nicht die alte Litanei. Ich hätte ~noch~ mehr aus dem Geschäft

herausholen können, ich weiß. Wenn ich nur mit den Großkophtas und

zu zehn Prozent abgeschlossen hätte. Aber dann wär's eben nur ein

Geschäft gewesen und keine Freud'!«

»Seltsame Freud', sein gutes Geld zwecklos wildfremden Menschen in die

Hand drücken.«

»Wildfremd, Beckenried? Das wäre nur ein Schuldbekenntnis, daß wir sie

nicht zutraulich zu machen wußten. Und zwecklos, sagen Sie? Sehen Sie

sich gleich mal die verschmitzten Mienen an, wenn meine Schiffsmannen

hereingetrampt kommen. Kein Gesicht, in dem nicht zu lesen ständ:

›den Kornelius Vanderwelt haben wir aber diesmal hineinfallen lassen.

Wir sind nämlich ~auch~ mit Rheinwasser getauft. Wir!‹ Ach,

Beckenried, fröhliche Mitmenschen schaffen -- wenn das keine Freud'

ist!«

»Draußen im Kontor versammeln sich die fröhlichen Mitmenschen schon,«

sagte Beckenried aufhorchend. »Wünschen Sie sie einzeln oder in der

Gesamtheit zu empfangen?«

»Einzeln. In der Reihenfolge ihrer Kähne. Hier, nehmen Sie die Liste

mit.«

Kornelius Vanderwelt erhob kaum den Kopf von der drängenden

Schreibarbeit, als der erste eintrat. Der Mann scharrte mit den

Stiefelsohlen und bot dem Kaufherrn die Tageszeit.

»Setzen Sie sich, Gebhardt, ich bin gleich so weit. So ...! Ihr habt

gut lachen, wenn Ihr auf dem Rhein schwimmt und habt Ruhrort im

Rücken. Ich kann mir die Finger krumm schreiben.«

Der Schiffer streckte seine borkigen Hände vor.

»Sehen Sie sich ~dat~ mal an. Die sind vom Tauziehen und

Ruderpacken auch nich die feinsten geblieben. Ich mein' als immer, wie

ich auf die Welt gekommen wär', hätten die ganz anders ausgesehen.«

Kornelius Vanderwelt ergriff die Hand und schüttelte sie.

»Aber eingesalbt hab' ~ich~ sie heute mittag.«

»Wenn wir ~Sie~ man bloß nich eingesalbt haben, Herr Vanderwelt,«

grinste der Schiffer. »Ich sag' Ihnen ja nix Neues mehr damit, dat

wir Partikulierschiffer über Tageskurs mit Kornelius Vanderwelt

abgeschlossen haben. Lassen Sie et sich nich gereuen. Der eine oder

andere möcht' sich auch mal einen zweiten Kahn bauen lassen können.«

»Wohin damit, Mann? Die Liegeplätze sind voll, die Häfen dicht

besetzt, alle Kranen und Kipper überbeschäftigt.«

»Herr Vanderwelt, meine Kameraden meinen, gerade der Herr Vanderwelt

wäre der Mann dazu, hier Abhilfe zu schaffen. Durchzusetzen, dat et

Hafennetz gründlichst Erweiterung erfährt, dat mit der Herstellung

von neuen Kanälen begonnen wird, dat -- dat -- in einem Wort gesagt,

dat die Brotfrage für den Schiffersmann leichter wird un seine

Hoffnungsmöglichkeiten. Unsereins möcht' ebensowenig versacken, wie

die Herren auf den Kontoren und möcht' seine Familie in die Höhe

bringen.«

Kornelius Vanderwelt stand am Fenster und blickte nach dem Strome.

Schwerfällig segelten graue Wolkenungetüme darüber hin. In Fäden

begann es zu regnen.

»Gebhardt, Sie irren sich. Ich bin nicht der mächtige Mann. Soll meine

Stimme stärkere Geltung bekommen, so muß sie noch recht gekräftigt

werden. Durch Euch, Gebhardt. Durch Euch und die ganze Kameradschaft.

Nicht durch Eure Lungenkraft. Durch Schreien hat noch keiner sein

Recht auf Arbeit bewiesen. Dadurch, Gebhardt, daß Ihr für mich

schafft, wie für keinen anderen! Daß die Machthaber im Ruhrorter

Geschäft merken, mit dem Vanderwelt arbeitet es sich am schnellsten,

und sich an mich heranmachen. Bis meine Stellung unangreifbar ist und

meine Vorschläge Durchschlagskraft gewinnen. Es liegt an Euch.«

Der Schiffer sah ihm scharf in die Augen. Dann plinkte er ihm

vertraulich zu.

»Hab' verstanden, Herr Vanderwelt, un bei den anderen werd' ich et

Verständnis schon wecken. Wat die Firma Kornelius Vanderwelt an

Schiffsbefrachtung un Abwicklung in die Hand nimmt, dat soll fluppen,

als wär der fliegende Holländer von der Partie. Kann ich meine Papiere

haben?«

»Hier, Gebhardt. Ihr Kahn ladet zuerst. Wann kann er verholt sein?«

»Heute abend noch liegt er ladefertig unterm Kipper.«

»Vorwärts denn. Lassen Sie den nächsten eintreten.«

Durch die Türfüllung schob sich vierschrötig der Schiffer Petrus. Sein

wettergebräuntes Gesicht schien mit einem helleren Rot aufgefrischt.

In den Augenwinkeln schwamm es feucht.

»Hallo, Petrus. So angestrengt gefrühstückt?«

»Bei allen vierzehn Nothelfern, Herr Vanderwelt: nich einen Bissen

hab' ich heruntergekriegt.«

»Glaub' ich unbesehen. Es gibt auch flüssige Leckerbissen. Na, wohl

bekomm's. Und Achtung jetzt auf die Papiere.«

»Wat Sie meinen, is nich, Herr Vanderwelt,« beschwor der Schiffer und

schlug sich dreimal auf die Brust. »Un nu können Sie et glauben oder

nich: et is nix als die Rührung. Jawohl.«

»Rührung, altes Rauhleder?«

»Jawohl hab' ich gesagt. Weil et im Ruhrorter Hafen unter all den

verdammt feinen Kerls wenigstens einen so gemeinen Menschen gibt wie

den Kornelius Vanderwelt.«

»Also für einen ganz hundsgemeinen Menschen halten Sie mich? Das ist

ja allerhand.«

»Herr Vanderwelt. Keine Silben stechen. Wenn ich gemein sage, mein'

ich doch ~mit uns~ gemein. Po--Populär. Aber Fremdwörter, da

sehen Sie et, Fremdwörter sind immer Glückssache.«

»Mein lieber Petrus,« sagte Kornelius Vanderwelt zärtlich, »dafür

verlass' ich mich auch auf meine Freunde. Buchstabieren Sie Ihre

Anweisungen. Ich hab' mein Wort verpfändet, daß ihr vollgeladen

habt und schwimmt, bevor die anderen anfangen, und Ihr werdet es

einlösen. Der Gebhardt liegt mit seinem Kahn heut abend schon unterm

Kipper. Sie sind Nummer zwei und werden sich nicht für einen heurigen

Schiffsjungen verschleißen lassen.«

Der Wetterbraune wuchs. Die Papiere klatschte er in seine Brieftasche.

Kornelius Vanderwelts Gefährtin · 第 2 / 26 段