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Kornelius Vanderwelts Gefährtin
Kornelius Vanderwelts
Gfeährtin
Roman
von
Rudolf Herzog
2.-50. Tausend
[Illustration: MDCXL]
1 · 9 · 2 · 8
J. G. Cotta'sche Buchhandlung Nachfolger
Stuttgart und Berlin
Alle Rechte, insbesondere das Übersetzungsrecht, vorbehalten Für die
Vereinigten Staaten von Amerika: Copyright, 1928, by J. G. Cotta'sche
Buchhandlung Nachfolger, Stuttgart und Berlin
An Emma Elisabeth
1
Das Mädchen stand mitten auf der Landstraße, als Kornelius Vanderwelts
Wagen in weiter Ferne wie eine winzige Staubwolke sichtbar wurde.
Die Hände hielten das im Winde flatternde Mäntelchen in den Taschen
am Körper fest. Der kleine Handkoffer ruhte wohlbehütet vor dem
Straßenschmutz auf den Stiefelspitzen.
Das Mädchen stand mit einem gesammelten Ausdruck des Gesichtes und
sah dem Wölkchen entgegen. Die schmale Gestalt hielt sich, als wäre
es so und nicht anders selbstverständlich, aufrecht in den Schultern.
Aber die kräftig betonte Linie dieser Mädchenschultern und die
kleinen, festen Bogen der Brüste, die der hastige Flußwind in das
Gewand kerbte, zeigten wohl, daß die Schmalheit der Gestalt eher
einer Herbheit der Erdentage als einer Mißgunst des Schöpfungstages
zuzuschreiben sei.
Die Augen, von dem hellen Grau durchtränkt, das dem dämmernden
Tageslicht gleicht, schlossen sich zu einem schmalen Spalt, sammelten
blitzschnell ihr Licht und ließen es frei. Der Ausdruck des Gesichtes
änderte sich keine Sekunde. Nicht verschlossen, unaufgeschlossen
erschienen die merkwürdig ruhigen Züge, von einem Mädchentum
zusammengehalten, das, sich selber unbewußt, nach Art scheuer Tiere
eine Schutzfarbe sucht.
Es war, als ob nur die Augen atmeten, der Körper sprungbereit gehalten
würde.
Das Flußbett der Ruhr zur Linken, herbstroten Buschwald zur Rechten,
kam Kornelius Vanderwelts Wagen näher und näher. Der Fahrer, wohl auf
Geheiß des Herrn, schlug ein langsameres Zeitmaß an, und Kornelius
Vanderwelt saß mit bloßem Kopfe am heruntergesenkten Fenster, ließ
den Wirbelwind in seinem Haar wühlen und trank mit den Augen die
weltabgewandte Flußlandschaft in sich hinein. Keine andere Erfrischung
war ihm lieber zwischen den lauten Stunden der Schifferbörse und der
nachmittäglichen Kontorzeit.
Kornelius Vanderwelt lachte lautlos vor sich hin, als er diesem
Gedanken Raum gab. Sein Gesicht bräunte sich. Fast hätte er als
ehrlicher Mann die heißen Zecherstunden der Nächte vergessen.
»He, Wilm! Was ist los?«
Das Mädchen auf der Landstraße hatte den Arm gehoben. Das
freigewordene Mäntelchen flatterte wie schlagende Flügel hoch in der
Luft, und der Wind preßte das Kleid fest zwischen die überschlanken
Knie.
»Bitte!« rief das Mädchen dem Fahrer zu, ohne sich um den Herrn zu
kümmern.
»Was will sie denn, Wilm?«
»Ob das hier richtig wär, nach Ruhrort!«
Kornelius Vanderwelt beugte sich ein wenig vor. Seine breiten
Schultern füllten das Fenster. Er sagte nichts, aber seine Augen
schossen ein lustiges Licht auf das gestraffte Menschlein, das ihm der
Kuppler Wind in allen Linien preisgab.
»Geht hier der Weg nach Ruhrort?« rief die Stimme des Mädchens den
Fahrer noch einmal an.
»Mein gnädiges Fräulein,« erwiderte Kornelius Vanderwelt, »der Fahrer
ist stumm und auch taub, wenn er den Herrn fährt. Wie es sich gehört.
Sie müssen also schon mit mir fürlieb nehmen.«
Das Mädchen wandte den Kopf und sah den Herrn an. Es sah in den
hellgefärbten Mannesaugen den Spott und mit dem unbeirrbaren
Tastgefühl, das unerweckter Jugend gleich den Schlafwandlern zu eigen
ist, daß der Spott nur ein Übermut sei.
»Geht hier der Weg nach Ruhrort?« rief die Mädchenstimme zum dritten
Male, und keine Schwingung in ihr war anders als zuvor.
»Gewiß, mein stolzes Fräulein. Seit den Tagen der alten Römer geht
hier der Weg.«
»Wie weit noch --?« fragte sie zurück.
»Wenn Sie die Fußwanderung vorziehen: zwei Stunden. Mit dem Wagen:
knapp eine halbe.«
»Danke!« klang es durch den Wind. Und als sie sich bückte, um die
Handtasche von den Stiefelspitzen aufzunehmen, sprang der Wind wie
ein meckernder Kobold sie im Wirbel an, von links und von rechts, von
vorne und im Rücken, wie sie sich auch wenden mochte, um den Mantel zu
haschen, um das aufflatternde Kleid über die Knie niederzuschlagen.
Über der geraden, schmalrückigen Nase grub sich eine Furche steil in
die breitgelagerte Stirn. In den grauen Augen saßen, tief auf dem
Grunde, heiße Lichter.
»Einsteigen!« gebot Kornelius Vanderwelt. Und als das Mädchen nicht
alsogleich im Kampf mit dem Winde nachzulassen vermochte, öffnete er
den Wagenschlag von innen und sprang hinaus.
Sie reckte sich augenblicks hoch und ließ flattern, was wollte. Dicht
voreinander standen sie, und ihr Scheitel, von einer dunklen Wollmütze
bedeckt, reichte dem Vierzigjährigen bis ans Herz.
»Sind Sie so klein?«
»Nein. Sie sind so groß!«
»Richtig. Es kommt immer auf den eigenen Standpunkt an.«
Er nahm sie um die Mitte und hob sie ohne Widerrede in den Wagen. Die
leichte Tasche hielt sie mit beiden Händen an sich gezogen.
»Mit halber Kraft auf Ruhrort. Los, Wilm.«
Der Wagenschlag schnappte zu. Vorwärts ging's. Links schimmerte in
Schlangenlinien der weiße Wasserspiegel der Ruhr. Rechts lohte in
heißer Herbstfeier der Buschwald in Rot und Gold.
Kornelius Vanderwelt streckte die Beine und äugte über die Schulter
hin auf seinen Fahrgast. Der saß schmal und steif in die Ecke gerückt
und hielt die Reisetasche auf den Knien.
»So setzen Sie sie doch hin. Ich stehle keine Reisetaschen. Vielleicht
fresse ich von Zeit zu Zeit junge Mädchen.«
Aus ihrer Kehle stieg ein einzelner Ton. Nie im Leben wurde sich
Kornelius Vanderwelt darüber klar, ob es ein Lachen oder ein Knurren
gewesen sei.
»Zeigen Sie doch mal Ihren Mund. Nein. Nicht die Zähne. Das sind
wahrhaftig alle Zweiunddreißig. Was tun Sie denn mit einem so
herrlichen Gebiß?«
»Beißen,« sagte sie halblaut und zog die Muskeln des Leibes zusammen.
Wie ein Tier, das sich zum Sprunge schickt.
Diesmal aber wußte Kornelius Vanderwelt mit Bestimmtheit, daß es ein
drohendes Knurren war.
»Ach so. Das war die Antwort auf den ›Menschenfresser‹.«
Da lachte sie ein kinderhohes, erlöstes Lachen.
»Ja,« fuhr er fort, als hätte er bisher den Erklärer gemacht, »und nun
wundern Sie sich wohl, daß dieses paradiesische Landschaftsbild der
Vorhof zur schwarzen Hölle Ruhrort ist. Aber das muß wohl so sein.
Als ausgleichende Gerechtigkeit. Die in der Hölle braten, haben den
Himmel am nötigsten. Zeigen Sie doch mal Ihre Augen her.«
Starr, die Haltung versteift, sah sie ihm mitten in die Augen.
Er tat, als gewahre er die Abwehr nicht. Er forschte in Ruhe weiter.
»Hm -- grau. Ist das nun grauer Himmel oder -- ist es der Vorhang zum
Himmel?«
»Fragen Sie doch die eigenen Augen! Sie sind so grau wie die meinen!«
»Kind, Kind, das hätten Sie sich nicht wünschen sollen. Auch nicht im
Zorn. Wenn ich danach meine grauen Augen frage -- weiß Gott, Sie haben
recht, im Grunde sind sie grau wie die Ihrigen -- wenn ich danach
meine grauen Augen frage, werden sie blitzblau vor lauter wilder
Freud'. Denn nur sie wissen, was hinter ihrem Vorhang steckt. Bitte --
nehmen Sie doch mal die Mütze ab.«
»Weshalb --?«
»Weshalb? Weil ich glaube, daß wir auch von der gleichen Haarfarbe
sind. Menschen, die durch die höhere Bildung jeden Blick verloren
haben, nennen es Tizianblond. Wir aber wissen, daß es das heiße Blond
unserer Vorfahren gewesen ist, denen Sonne und Seewasser abwechselnd
den Schädel peitschte. Die meinen waren Seeräuber. Fraglos! Und die
Ihren?«
»Vielleicht nicht weit davon.« -- --
Sein Auge, voller Belustigung unter dem erkünstelten Ernst, prüfte
sie genauer. Wen hatte er sich da aufgeladen? Was lief denn zu Fuß
mit einer Reisetasche stundenweit über die Landstraße und ließ sich
zerzausen? Eine kleine Arbeiterin oder eine kleine Abenteurerin?
In Kornelius Vanderwelt kämpfte der scharfe Geschäftsmann, für
den er über das ganze Hafengebiet Ruhrort hinaus bis zu den Zechen
und Hochöfen im weiten Umkreis galt, mit dem noch schärferen, laut
bejubelten und heimlich getadelten Lebensbezwinger einen nur kurzen
Kampf und unterlag in der Freude am Augenblick.
»Seltsam. Da reden sich die Menschen ein, nur die ungleichen Pole
zögen sich an. Die Hellen und die Dunklen. Die Starken und die
Schlappen. Die Glückseligen, die ihr Blut wie Götter verspüren, und
die Armseligen, denen die Angst den Magen verstört. Ewige Eselei. Als
ob der königliche Löwe -- nein, werden wir nicht hochtrabend -- als ob
der starke Wolf mit einer anderen Kumpanin jagen könnte als mit einer
Wölfin. Stimmt meine Rechnung? Wie alt bist du eigentlich, Kind?«
»Das Kind,« wiederholte sie, und durch die Nüstern pfiff der Atem,
»das Kind ist zwanzig Jahre alt.«
In ihrer Mädchenentrüstung schien sie ihm zum jungen Weibe zu wachsen.
Das gefiel ihm.
»Hältst du auch das Fahrgeld bereit?«
»Das -- Fahrgeld?«
»Aber -- aber! Ein jeder Gast muß doch das Fahrgeld im voraus
entrichten. Auf der Eisenbahn und in der Postkutsche. Selbst im
Gasthof, wenn er ein gänzlich Unbekannter ist.«
Ihr Gesicht, das in der Ruhe verharrt hatte, erblaßte vor innerer
Erregung. Noch schmaler schien es. Noch schmaler die gerade Nase, der
dunkle, fest zusammengepreßte Mund. Die Augen aber funkelten aus dem
Blaß in einem noch tieferen und heißeren Grau.
»Was kostet mich die Fahrt?«
Ihre Hände nestelten an der Reisetasche. Sie suchten das Schloß zu
öffnen. Und Kornelius Vanderwelt sah auf diese Hände und sah, daß
sie feingegliedert und in jedem Glied ausdrucksvoll waren, wie ein
erlesen Kunstwerk, oder doch wie erlesenes Werkzeug, der Kunst die
feinsten Quellen zu erschließen. Er nahm die beiden Hände in seine
starken, gut gehaltenen Manneshände und schloß sie darin ein, daß
sie wie Edelmetall im Erzgestein lagerten. In der Landschaft draußen
war der silberhelle Fluß, war das Paradiesgärtlein verschwunden.
Auf schwarzgesprenkelter Halde wuchsen statt lodernder Purpurbäume
rauchende Schlote auf, einzeln erst, dann in Heeresmassen, fernhin von
den Festungstürmen speiender Hochöfen umgrenzt.
»Was die Fahrt kostet?« fragte Kornelius Vanderwelt zurück. »Nein,
nicht in Mark und Pfennigen ausrechnen. Im Märchen geht es immer um
Sternentaler. Und die heilige Zahl ist drei. Zuck' nicht mit den
Fingerlein. Gib dein Mündchen. Einmal -- zweimal -- dreimal -- -- --«
Und er küßte sie kräftig auf die linke Wange und küßte sie kräftig
auf die rechte Wange und küßte sie ganz zart nur, als wär es ein
Streicheln, über die Linie des Mundes.
Ein Ruck -- ihre Hände waren frei, schlugen nach ihm, zu Fäusten
geballt, in entfesseltem Zorn.
»Einmal -- zweimal -- dreimal!«
Er wischte die Fäuste wie Blumenblätter von der Stirn, kämmte die
Fingerlein durch und sagte nur: »Falsch. Beim dritten Mal hab' ich nur
gestreichelt, du aber hast auch zum drittenmal geschlagen. Nun hat das
Märchen einen falschen Ausklang, und wir müssen es wiederholen.«
Da schossen ihr die Zornestränen aus den Augen ...
Schmal und steif saß sie in die Ecke gerückt und hielt die Reisetasche
auf den Knien. Aber die Muskeln des Leibes zogen sich zusammen.
»Bitte!« bat Kornelius Vanderwelt, und er bat wie ein großer,
ungestümer Junge, der sein Ungestüm bereut und doch vor einem kleinen
Mädchen nicht die Segel streichen möchte. »Bitte! Keine Tränen weinen!
Tränen kann ich nicht sehen! Hörst du auch? Oder ich muß sie alle
fortküssen. Alle. Aus deinen Augen. Von deinen Wangen. Und wenn sie
dir zwischen die Brüstlein laufen, dann hilft es nichts: ich muß sie
-- alle -- alle --«
Was war geschehen?
Der Wagen kreuzte in der Vorstadt eine elektrische Straßenbahn.
Er fiel ein paar Sekunden in Schritt. Und schon hatte der Fuß des
Mädchens die Türklinke niedergedrückt, hatte das Knie des Mädchens
den Wagenschlag weit aufgestoßen. Ein geschmeidiges Tier konnte nicht
schneller in der Freiheit sein.
Wo sie untergetaucht war im Gewühl, vermochte Kornelius Vanderwelt in
den wenigen Augenblicken, die ihm belassen wurden, nicht zu ergründen.
»Wagenschlag schließen! Wollen Sie Kleinholz machen?« donnerte ein
Schutzmann, erkannte Kornelius Vanderwelt, legte die Hand an den Helm
und grüßte mit seinem fröhlichsten Gesicht.
Und Kornelius Vanderwelt grüßte mit seinem fröhlichsten Gesichte
wieder, mit den hellen und übermütigen Augen, die ihm die Liebe alles
Hafenvolkes gewannen und den Neid aller eigenen Kreise, zog den
Wagenschlag ins Schloß und rief den Fahrer an.
»Zum Kontor. Los, Wilm.«
Er saß, die Beine übereinandergeschlagen, das Kinn in der
aufgestützten Hand versenkt, grübelnd im Polster. Aber er grübelte
nicht über das verschwundene Mädchen. Hatte er auf seiner
Entspannungsfahrt überhaupt ein Mädchen zu Gesicht bekommen? Oder gar
ein paar Herzschläge lang im Arm gehalten? Unsinn. Die Wasser des
Rheins stiegen, und die Frachten würden fallen zu Berg und zu Tal,
gen Mannheim und gen Rotterdam. Aber da war die selten so günstige
Arbeitslage auf dem Kohlenmarkt. Jeder Zeche, jedem Großhändler mußte
an der Ausnutzung gelegen sein, und die bedrohten Frachtlöhne würden
sich wieder hochreißen lassen.
Kornelius Vanderwelt saß im Lederpolster seines Wagens und seine
Gedanken fuhren sieghaft rheinauf und rheinab und weit über die
schiffbefahrene See -- --
Träumte er und wachte er zu gleicher Zeit? Konnte er seine Wachheit
in Traumländer hinüberspielen und aus seinen Traumbildern heraus
haarscharf den wachen Tag überblicken? Der Wagen bog in die Straßen
Duisburgs, glitt durch gepflegte Anlagen, wand sich durch das Gewirr
der langen Häuserzeilen, die angefüllt waren mit dem Verkehrstreiben
und der geschäftlichen Anspannung der arbeitschwangeren,
arbeitgebärenden Großstadt. Und Kornelius Vanderwelts Augenlider
öffneten sich, sobald sie sich öffnen mußten, und senkten sich, sobald
die Achtsamkeit nicht verlangt wurde. Jetzt neigte er in höflichem
Ernst den Oberkörper, und der Gruß galt einem vorüberbrausenden
Zechenherrn und schien zu sagen: Hier haben Sie den Mann für die
schnellste Verfrachtung Ihrer Förderungen. Jetzt hob er grüßend
die Hand, und der kurze Wink rief einem eifrig dahintrottenden
Geschäftsfreunde zu: Halbpart, mein Junge, oder du kommst über Bord.
Jetzt zeigte er nur in vertraulichem Lachen die Zähne, und der
Schiffer, der in Strickweste und weiten Manchesterhosen breitbeinig
eine Hafenbrücke überquerte, drehte bei, lüftete grinsend die Mütze
und machte die Gebärde des Schnapsverholens, eine Gebärde, die von
Kornelius Vanderwelt in einem schönen Gleichmaß wiederholt wurde,
gleichsam als füge er ein Prosit hinzu. Und wiederum schlossen sich
träumerisch die Augenlider bis auf einen schmalen Schlitz, durch den
er den wachen Tag einließ.
Enger und rauchiger wurden die Straßen, als der Wagen die letzte
der Hafenbrücken hinter sich gelassen hatte. Ein Gewirr von Gassen
und Wasserzeilen tat sich auf. Geschwärzte Giebel schwammen auf
kohlenschwarzen Wasserspiegeln. Und Schiffsrumpf an Schiffsrumpf.
Plump, riesenstark, mit unersättlich geöffneten Mäulern.
Ruhrort -- das schwarze Venedig.
Und Kornelius Vanderwelt dachte aus Träumen und Wachen, als der
Wagen in eine Toreinfahrt bog und stand: Immer mehr Land muß noch
verschwinden, immer mehr Wasser sich breiten, Rheinwasser und
Ruhrwasser, in Hafenbecken und Kanälen, und die Kanäle sollen die
Kohlen aus den Zechenfeldern saugen, und die Ruhrhäfen sollen sie
aufschlucken und unermüdlich die Beute dem Herrn überantworten, dem
Rhein, und dem Herrn des Rheins -- uns -- uns, uns!
Aufrecht, nur noch die Wachheit des Tages in den Augen, stieg
Kornelius Vanderwelt aus dem Wagen und schritt ins Kontorgebäude.
Die schreibenden und rechnenden Herren an den Pulten grüßten kurz
und fuhren ungestört in ihren Arbeiten fort. Wortlos war Kornelius
Vanderwelts Gegengruß. Ein lautes Wort, und ein überflüssiges zumal,
konnte eine Berechnung über den Haufen werfen.
Aus einer holzvergitterten Nische erhob sich der bevollmächtigte
Geschäftsführer und folgte mit einem Bündel Papiere dem Geschäftsherrn
in das Sonderkontor. Kornelius Vanderwelt reichte ihm die Hand,
hing seinen Hut an den Haken und ließ sich in seinem Drehsessel
nieder. Stumm nahm er das Bündel Papiere entgegen, glättete es auf
dem Schreibtisch und begann es durchzusehen. Kaum daß die Blicke
abglitten, zog die Rechte Bleistift und Papierblock heran, schrieb
kurze Merkworte nieder, Zahlen, Gleichungen. Die Blätter raschelten
und schichteten sich zur Seite.
»Setzen Sie sich doch, Beckenried.«
Der ergraute Mitarbeiter nahm geräuschlos an der gegenüberliegenden
Breite des Tisches Platz. Er sah stumm auf die hin und her gleitende
Schreibhand des Herrn. Nur wenn die Schreibhand innehielt oder die
Fingerknöchel auf den Tischrand trommelten, vergewisserte er sich
des Papieres, das eben vorlag, und mit einem kurzen Aufblick der
Gesichtszüge des Herrn.
»Mehr Schiffsraum heran, mehr Schiffsraum. Bevor die Zechen in ihren
Kohlenhalden ersticken, verschreiben sie sich mit Haut und Haaren dem
Herrn Eisenbahnminister. Und den kann von uns aus der Teufel holen.«
»Dann müßt' sich der Teufel selber holen.«
»Was soll das? Ach so, Sie meinen: Der, dem man sich mit Haut und
Haaren verschreibt, müßt' unbedingt auch ein Teufel sein. Lieber
Beckenried, nur für Ihr mathematisches Hirn. In Wirklichkeit ist die
Sache gottlob oft anders. Weiter im Text. Mit Frachtaufträgen sind die
Herrschaften verdammt freigebig, wenn der Winter vor der Tür steht und
der kleinste Kanonenofen nach Kohlen schreit. Mit den Frachtpreisen
aber zähe wie Hinterleder. Ne, ne, ich schimpfe ja nicht! Wozu wären
~wir~ denn da?«
Er ließ auf dem Papierblock eine Reihe Zahlen aufmarschieren und hielt
sie seinem Mitarbeiter hin.
»Stimmt das mit den Ihren? Vergleichen Sie mal.«
»Es stimmt. Wie immer.«
»Wollen Sie mit diesem ›wie immer‹ ~mir~ eine Schmeichelei sagen
oder Ihrer eigenen Person? Schön, die unbedingt notwendige Tonnenzahl
stände fest. Was ist in Summa an Kahnraum und Schleppdampfern heute
früh angeboten? Sind die Abmachungen, die ich von der Schifferbörse
herübergab, ausreichend? Tonnengehalt! Pferdekräfte! Los, lieber
Beckenried.«
»Mit den nachbörslichen Aufträgen brauchen wir das Doppelte. Das ist
nicht im Handumdrehen zu beschaffen, denn es ist nicht nur die Firma
Kornelius Vanderwelt auf der Jagd nach Schiffsraum.«
»Beckenried! Wie oft soll ich Ihnen diese Wahnvorstellungen noch
ausreden! ~Nur~ die Firma Kornelius Vanderwelt braucht
Frachtkähne und Schlepper. ~Nur~ die Firma Kornelius Vanderwelt
ist auf der Jagd nach Schiffsraum. ~Für uns nur Kornelius
Vanderwelt!~ Alle übrigen können uns -- nun, Beckenried,
befleißigen wir uns im Verkehr mit der Geschäftswelt der
ausgesuchtesten Höflichkeit -- also sie können es auch unterlassen.«
Beckenried verbeugte sich kühl.
»Ich habe übrigens ›sie‹ klein geschrieben,« sagte Kornelius
Vanderwelt sachlich. »Und nun fahren Sie fort.«
»Abgemacht,« erklärte der im Geschäft Ergraute, ohne eine Miene zu
verziehen, »der Schiffsraum ist nur für ~uns~ da. Aber die
verschiedenen Arten von Schiffsraum? An der einen Sorte ist viel und
an der anderen ist wenig zu verdienen, besonders wenn es, wie gerade
jetzt, um scharfe Berechnungen geht.«
»Mein verehrter Freund und Mitarbeiter ist mal wieder unzufrieden mit
mir?«
»Wenn ich ein Feigling wäre, was ich aber ~nicht~ bin, und hätte
Angst vor Ihnen,« sagte Beckenried, hauchte auf die Gläser seines
Kneifers und putzte sie spiegelblank, »so würde ich mir bei jeder
Maßnahme des Oberhauptes denken: der Herr ist klüger als du. Oder
sonst was.«
»Das ›oder sonst was‹ verbitte ich mir. Weiter.«
»Halte ich mich aber in Wirklichkeit für Ihren Freund und Mitarbeiter,
so ergibt sich für mich daraus die unbedingte Geschäftspflicht, aus
allen Unternehmungen die höchsten Gewinne herauszuwirtschaften.«
»Mir ganz aus dem Herzen gesprochen, lieber Beckenried.«
»Ich will Ihnen aber gar nicht aus Ihrem Herzen heraussprechen,
sondern von Hirn zu Hirn.«
Kornelius Vanderwelt hob langsam den Kopf. Es war ein schmaler, fester
Kopf mit weitausladenden Stirnknochen. Das dichte blonde Haar trug
einen schimmernden Glanz, wie der lichte Schnurrbart, den er behutsam
mit den Fingerspitzen strich. Und nun hob er langsam die Augenlider
und lächelte seinen Ratgeber mit dem hellsten Hell seiner grauen Augen
an.
»Von Hirn zu Hirn, Beckenried. Das ist ein Wort. Aber was wäre das
Hirn ohne Herz? Eine Maschine unter Druck bis zum Bersten. Ein Reiter
ohne Buddel. Ein Mädchen ohne Liebe. Was nützte dem Reiter alle
Schenkelkraft und dem Mädchen alle Schönheit, wenn nicht zum Ausgleich
irgendwo eine derbe Erdenfreude winkte. Mein kaufmännisches Hirn
treibt mich zu den Schiffsparks der Großreeder. Dort wickeln sich die
Geschäfte schneller und einträglicher ab. Darum habe ich aber doch
mein Herz, das seine Freude will, für die Kleinschiffer entdeckt, für
die Herren ›Partikuliers‹, wie sie sich so bieder und eigentumsstolz
benennen, und wo für die Krippengäule gedroschen wird, bleiben wohl
auch ein paar Hände voll für das lustige Federvieh.«
»Es ist nicht ~mein~ Geschäft,« sagte der Vertraute, steckte den
Kneifer ein und legte die Papiere zusammen. »Ich habe hier nur Rat zu
erteilen.«
»Gut,« entgegnete Kornelius Vanderwelt. »Sie haben ihn erteilt. Und
nun will ich Ihnen auch einen Rat erteilen. Sie waren einmal ein
fröhlicher Bursche. Bitte, keine erstaunten Augen. Sie haben mit
mir manche Flasche leergetrunken und sich manche Ruhrorter Nacht um
die Ohren geknallt, als Sie noch jünger waren und die Firma noch
unbedeutend. Hüten Sie sich vor dem Verknöchern. Es tritt ein, wenn
wir das Geld nur noch um des Geldes willen einscheffeln und nicht mehr
wegen seiner befreienden Eigenschaften. Ich bin weiß Gott ein scharfer
Rechner und rieche einer Mark an, ob ein Taler darin steckt, wenn die
anderen sie noch mißtrauisch in den Fingern herumdrehen. Aber letzten
Endes doch nur, um auch mehr Spaß im Leben davon zu haben als die
Pfennigfuchser, die ihren Spaß im Geldschrank aufhäufen, bis ihnen jäh
der Sargdeckel auf die Nase fällt. Lieber Freund, nur das Leben erhält
jung, und dazu gehört das Lebenlassen.«
»Sie sind entweder eine Dichternatur oder ein ~ganz~ Gerissener.«
»Also bleiben Sie bei dem Ganzgerissenen, da Ihnen die Künste im
Kaufmannsleben ein Greuel sind.« Er erhob sich, legte dem kleineren
den Arm um die Schulter und wiegte ihn hin und her. »Also denken
Sie, daß ich für meine Liebe zu den Herren Partikuliers nicht nur
poetische, sondern auch sehr eigensüchtige Gründe habe. Daß es mir
nicht nur auf die Saufnächte mit den urwüchsigen Kerls ankommt,
sondern auch -- auf ihre Gegenliebe -- am nüchternen Tag -- auf der
Schifferbörse -- bei den Abstimmungen -- und so weiter! -- Verstanden?
-- Verstanden? -- Und nun stecken Sie sich mal diese Zigarre an und
lassen Sie mich arbeiten.«
Der Arbeitsgefährte kniff die Augen ein. Das Hin- und Hergewiegtwerden
hatte ihn schwindlig gemacht.
»Ich verstehe. Ich verstehe. Und ich verstehe immer: Volkstribun.
Soweit mir aus meiner unerfreulichen Schulzeit her noch bekannt
ist, haben Volkstribunen immer noch den Hals gebrochen. Aus
Verschwendungssucht, um volkstümlich zu bleiben. Oder aus
Herrschersucht, um die Patrizier kleinzukriegen. Den Hals aber hat's
immer gekostet.«
Kornelius Vanderwelt dehnte sich in den breiten Schultern. Und die
Augen des Tadlers freuten sich, ob sie wollten oder nicht, an dem
straffen, muskelharten Körper.
»Lassen Sie das meine Sorge sein, Beckenried. Ob Sie einmal aus
Altersschwäche, sozusagen stückweise in den Himmel kommen, oder durch
einen wilden Sprung -- doch das gehört nicht ins Kontor. Liegt nichts
Wichtigeres mehr vor, so können wir unsere Besprechung beenden. Bei
den Einzelkähnen der Partikulierschiffer bleibt es.«
»Die Rotterdamer Maatschappij fragte durch den Fernsprecher an, ob sie
dem nächstfälligen Schleppzug Rückfrachten geben könnte. Preise nach
den Ruhrorter Frachtkursen.«
Ein Blitzstrahl schoß aus den grauhellen Augen. Und der Blitzstrahl
verzehrte jählings den Volkstribunen und ließ ebenso jählings den
Geschäftsherrn Kornelius Vanderwelt erscheinen.
»Hält uns die Rotterdamer Maatschappij für Hinterwäldler? Solch
eine Dummpfiffigkeit. Ruhrorter Frachtkurse! ~Rotterdamer~
Frachtkurse, und wenn die Seeschiffe nicht zur Stunde den Rotterdamer
Hafen anlaufen, und die Übernahme der Rückfrachten sich nicht wie ein
Uhrwerk vollzieht, gesalzene Aufschläge!«
»Die holländischen Gesellschaften sind großmächtige Leute, Herr
Vanderwelt. Vor dieser Gefahr kann man nicht die Augen verschließen.
Und bevor wir die Kähne leer nach Hause schleppen lassen, sollte man
den kleinen Gewinn ...«
»Jawohl. Das sollte man. Wenn kein größerer herauszuschlagen wäre.
Und der ~ist~ herauszuschlagen. Hier«, er pochte auf ein paar
Zettel, »in diesen frischen Drahtnachrichten liegen die letzten
Wetter- und Wasseransagen vor. Schneefälle in der Schweiz und im
Schwarzwald. Pegelstand bei Kehl und bei Mainz leicht steigend. Nur
dieser verrückte Wind braucht sich noch zu legen, und Sie sollen mal
was von Regengüssen erleben. Ich sage Ihnen, innerhalb einer Woche
haben wir einen Meter Wasser mehr im Rhein, und das Frachtgeschäft
drängt bis zur Atemlosigkeit zu Berg und zu Tal und reißt den letzten
Kahn mit, der noch zu schwimmen vermag.«
»Was soll ich nach Rotterdam sagen?«
»Ich besorg's schon selbst. Meine Stimme ist zuweilen verständlicher.«
Er nahm den Hörer vom Fernsprecher. »Kontor? Stellen Sie doch eine
dringende Verbindung mit der Rotterdamer Maatschappij her. Danke.« Er
legte den Hörer auf die Gabel. »So, Beckenried, und nun wollen wir
einmal in den Rotterdamer Großherrenschädeln das Wetter aufklaren.
Großmächtige Leute! Holländische Gefahr! Für die Rheinschiffahrt und
das Frachtengeschäft! Alles wahr. Alles unzweifelhaft richtig, wenn
ihr Ruhrorter euch vor jedem holländischen Gulden klein macht, statt,
wenn's darauf ankommt, drauf zu pfeifen.«
»Geschäft ist Geschäft, Herr Vanderwelt.«
»Ach, Beckenried, ich habe Sie höher eingeschätzt. Sie haben doch so
manche Nacht mit mir gesoffen, als Sie noch nicht verledert waren, und
der Wein fördert die Stimme der Natur. Da hätten Sie aus der meinen
lernen können. Geschäft ist Geschäft nur für Schreiberseelen, denen es
Hekuba ist, von wem Sie befehligt werden, wenn nur am Monatsletzten
bei Heller und Pfennig die Löhnung auf dem Tische liegt. Ein jedes
Geschäft ist aber noch lange kein Geschäft für die Kapitänsseelen, die
unter fremder Flagge Schiffsjungendienste verrichten sollen, und wenn
sie noch soviel Geld verdienen und Sonntags sogar den Kapitänsrock
tragen dürfen. Geld ist gut. Aber Herrenrecht im Hause ist besser.
Hallo, der Fernsprecher.«
Mit kühlen Augen nahm er den Hörer von der Gabel.
»Kornelius Vanderwelt. Ja, selbst. Welche Zeche? Ah, guten Tag, Herr
Direktor.«
Seine Hand tastete nach Bleistift und Papierblock, während sein Ohr
dem Sprecher folgte. Jetzt setzte die Hand einige Zahlen aufs Papier.
Der Blick überflog sie.
»Vielen Dank. Ein schöner Auftrag. Fast zu schön, um ihn zu bezwingen.
Wie meinen, Herr Direktor? Ein Hexenmeister wie ich? Sie kennen doch
das Dichterwort: ›Wächst mir ein Schleppzug auf der flachen Hand?‹ Und
für zwanzigtausend Tonnen brauche ich gut und gern drei Schleppzüge,
wenn ich für je fünf große Kähne in der heutigen Bedrängnis drei
starke Schleppdampfer auftreibe. Nun, für Geld ist alles zu haben.«
Er horchte aufs neue in den Hörer hinein. Seine Augen lachten
stillverschwiegen.
»Natürlich gebe ich Ihrem Auftrag den Vorzug vor allen anderen.
Ich bin sogar bereit, ein großes Geschäft mit Rotterdam
Ihretwegen schwimmen zu lassen. Bitte, bitte, das ist eine
Selbstverständlichkeit. Deutsche an die Front! Aber wenn ich Ihnen
behilflich sein kann, daß Sie mit zwanzigtausend Tonnen vor Ihren
Mitbewerbern in Mannheim landen und die höheren Preise hereinholen
können, so müssen Sie mir auch ein paar Pfennige mehr für die
Schiffer bewilligen. Wie meinen? Jaja. Nennen Sie es nur ruhig
Bestechungsgelder. Der Name tut wirklich nichts zur Sache.«
Und als Kornelius Vanderwelt wieder in den Hörer horchte, waren seine
Augen falkenscharf.
»Abgemacht. Versicherung und Verladekosten zu Ihren Lasten. Es wird
ein Beutezug für Sie werden, für den ich gutsage, und ich freue mich
auf die Flasche Hallgartener Nußbrunnen Auslese, zu der Sie mich im
Namen Ihrer Aktiengesellschaft in der ›Erholung‹ einladen werden.
Frohes Wiedersehen!«
Beckenried schrieb den Auftrag nieder, wie Kornelius Vanderwelt ihn
vorsprach. Er schüttelte den Kopf.
»Kein Schiffsbefrachter Ruhrorts wird den Laderaum in so knapper Zeit,
wie hier gewünscht wird, zusammenbekommen. Verlassen Sie sich darauf.«
»Ich werde mich lieber auf den Volkstribunen verlassen,« sagte
Kornelius Vanderwelt und blickte durch das Fenster über den Hafendamm
ins Weite.
Noch einmal schrillte die Glocke des Fernsprechers. Schriller.
Anhaltender. Mit der Erregung, mit der sie eine Auslandsverbindung
anzeigt. Die Rotterdamer Maatschappij meldete sich.
»Hier Kornelius Vanderwelt in Person. Jawohl, danke sehr, Ihre
Anfrage wurde mir übermittelt. Leider, leider ist es so gut wie
eine Unmöglichkeit, die Kähne auch nur vierundzwanzig Stunden über
die Ausladezeit im Rotterdamer Hafen liegen zu lassen. Wir bekommen
großes Wasser, und das Frachtengeschäft hier in Ruhrort hat sich
über Nacht zum Hochbetrieb entwickelt. Die Schifferbörse war noch
von der Plötzlichkeit überrumpelt, aber morgen schon werden wir den
erfreulichen Umschwung an den Frachtkursen verspüren. Wie hoch ich
die allgemeine Steigerung berechne?. Sie wird bis hundert Prozent
gehen. Und Sie werden es uns nicht verargen, daß wir allen Leerraum
von draußen schleunigst zurückpfeifen und an der hohen Welle teilhaben
lassen.«
Kornelius Vanderwelt sprach über den Fernsprecher hinweg. Er richtete
seine Ausführungen unmittelbar an seinen Mitarbeiter Beckenried, der
sie mit einem verlegenen Lächeln entgegennahm.
»Ob ich das Angebot der Maatschappij annehme? Oh, das meinen Sie
nicht ernsthaft. Ich verstehe nicht. Bei unserer alten und bewährten
Geschäftsverbindung? Ja, das ist auch ~mein~ Stolz, daß sich
unsere alte Verbindung bei gutem und bei schlechtem Wetter bewährt
hat, und ich will es, wenn Sie sich umgehend entschließen, auf meine
Gefahr nehmen, Ihnen die Kähne mit nur fünfzig Prozent über heutigen
Ruhrorter Kurs zur Verfügung zu lassen. Wie? Was? Entschuldigung,
ich erhalte gerade eine Nachricht. Eine unserer großen Kohlenzechen
verlangt von mir dringendste Anschaffung von zwanzigtausend Tonnen
Schiffsraum. Das ist schon der Anfang. Alle Mann an Bord und jeder
Kahn heran!«
Und Beckenried jedes Wort auf den Kopf zusagend, wiederholte Kornelius
Vanderwelt den Rotterdamer Zuruf.
»Mit fünfzig Prozent über heutigen Ruhrorter Kurs. Gut, ich schließe
ab, um Ihnen meine Dienstfreundlichkeit zu zeigen. Selbstverständlich
der gleiche erhöhte Satz für Wartezeit und Ladezeit. Nein, nein,
daran ist nicht zu rütteln. Und nun hoffe ich, daß Sie mich und meine
Dienste zu allen Zeiten bevorzugen. Glückauf!«
»Glückauf,« wiederholte er und machte seinem Geschäftsführer eine
tiefe Verbeugung.
»O ja. O ja doch. Wenn man Kornelius Vanderwelt ist und sein eigener
Herr und Meister --«
»Wenn die Beckenrieds nicht mal über das kleine Einmaleins Herr und
Meister werden können, können sie keine Vanderwelts werden, die nur im
großen Einmaleins tief Atem holen. Darum keine Feindschaft und jeder
an seinem Platz. Lassen Sie im Kontor die Berechnungen durchführen
und die Güterversicherungen. Überprüfen Sie sie bis in die letzte
Pore. Ich unterschreibe blindlings. Mann, wenn ich Sie nicht hätte,
Ihr Kornelius Vanderwelt könnte Partikulierschiffer werden auf seinem
Kohlenkahn.«
Ein Lächeln glitt um Beckenrieds gekniffenen Mund. Ein Lächeln stiller
Zustimmung und Selbstbewertung. Er nahm die Hand, die Kornelius
Vanderwelt ihm rasch entgegenstreckte, und empfahl sich.
Bis zum Abend saß Kornelius Vanderwelt über seine Arbeit gebeugt.
Seine Schriftzüge bedeckten Seiten. Seine Zahlenreihen füllten Bogen
an. O nein, es war keine Rede von blindlings erteilten Unterschriften.
Es war nur die Rede gewesen von der Kunst der Menschenbehandlung.
Früh brach die Dunkelheit in das enge Hafenviertel. Gewohnheitsmäßig
suchte die Linke den Lichtschalter der Tischlampe, während die Rechte
unbeirrt weiterschrieb. Flog der Blick durch das Fenster, so sah er
die Lichter aufflammen in allen Geschäftsräumen der Häuser ringsum,
die Bordlichter an den Kähnen, die Fahrt- und Haltlaternen an den
Masten der Schlepper. Die Festbeleuchtung des schwarzen Venedigs.
Kornelius Vanderwelts Atem ging tiefer. Für Sekundenlänge sog er
das Bild in sich hinein, horchte er, als wäre es ein feingesetztes
Musikstück, auf die grellen Pfiffe, die aus der Dunkelheit ins
Licht stießen, auf das Gerassel ferner Ankerketten, das Anrollen
der Eisenbahnwagen, das Aufkreischen der Verladekipper, die mit
unaufhörlichem Hungergestöhn den Inhalt der Wagen schluckten und
ihn lustbrüllend in die Kähne spien. Und in seinen Augen lagerte
der Widerschein des Musikstückes, während er rechnete und schrieb,
während er den Hörer vom Fernsprecher hob und kurze Gespräche mit
diesem und mit jenem unsichtbaren Kapellmeister führte oder mit einem
der Musikanten selbst. Wieder und wieder öffnete sich die Tür zu
seinem Sonderkontor, wurden Stöße von Briefen, Bestätigungsschreiben,
Versicherungsscheinen zur Unterschrift auf seinen Arbeitstisch
geschoben, wartete der Bote, bis der Herr scharfäugig die Zahlen
verglichen, die Briefe durchflogen, unterschrieben oder zur Abänderung
zurückgegeben hatte. Ein Kleines noch, und im Hauptkontor scharrten
Schuhe eilig den Boden, klappten Türen, wurde es kirchenstill.
Das gelbliche Gesicht Beckenrieds blickte durch den Türspalt, sah
fragend auf den arbeitversponnenen Herrn.
»Sie haben wohl Durst, Beckenried? Den verdanken Sie mir.«
»Ich verdanke Ihnen eine Leberanschoppung, Herr Vanderwelt.«
Kornelius Vanderwelt schloß den Schreibtisch. Er reckte die Glieder
wie ein Soldat nach der Schlacht. Und gähnte, bis die Kiefern knackten.
»Ne, Geliebter, die verdanken Sie Ihrer Unmäßigkeit. Meinethalben
der -- der -- falschen Gewichtsverteilung. Da neigt sich der Kahn
zu Wasser. Zum kohlenschwarzen Wasser, Beckenried, statt zum
himmelsgoldenen Wein. Ich will ein Menschenfreund sein und Sie noch
einmal in die Lehre nehmen.«
»Gott soll mich bewahren. Zerrütten Sie Ihre Gesundheit auf eigene
Rechnung. Meine Leber haben Sie doch in früheren Jahren genug
mißhandelt.«
»Gute Nacht, undankbarer Schüler. Und was meine Gesundheit betrifft
--« er spannte die Brust und schlug lachend mit der Faust auf die
Wölbung. »Nun? Hört sich das wie Zerrüttung an?«
»Ich müßte lügen, Herr Vanderwelt. Es hört sich an wie eine
Weinkanne.« Und er ließ den Geschäftsherrn an sich vorüberschreiten,
um hinter ihm die Kontortür zu schließen.
»Gehen Sie schlafen, Beckenried. Ihnen fehlt jede Begabung für die
Musik des Lebens.«
»Gute Nacht, Herr Vanderwelt.«
Kornelius Vanderwelt schritt den Damm entlang, verharrte am Hafenmund
und schnupperte den teerdurchtränkten Herbstwind ein. Südwind, dachte
er, aber es ist schon ein Hauch von Feuchtigkeit darin, und morgen
werden wir Westwind haben. Westwind. Regen. Großes Wasser. Ruhrorter
Frühlingsluft -- --!
Die Häfen lagen ausgestorben. Der Feierabend hüllte sie in seine
warmen, weichen Schwingen. Nur die Hochöfen gluteten im weiten Rund
wie ruhlos fiebernde, schweratmende Vulkane.
Von einem Holländer Kahn glitten die Klänge einer Harmonika ins
Dunkle. »Wilhelmus von Nassauen« spielte der Schiffer.
Von einem Oberländer Kahn klang die heimatgefärbte Antwort.
»Bald gras' i am Neckar, bald gras' i am Rhein,
Bald hab' i ein Schätzel, bald bin i allein ...«
schluchzte die Harmonika und ging in einen handfesten Gassenhauer
über. Irgendwo auf einem Kahn schlug ein Spitz an. Ein zweiter, ein
dritter, ein Dutzend antworteten. Eine Minute lang beherrschte das
hellgestimmte Gekläff das weite, nächtliche Hafengebiet und brach jäh
ab.
Eine Weile noch horchte Kornelius Vanderwelt in das Schweigen hinein.
Dann sah er im Scheine der Hafenlaternen nach der Taschenuhr, bog
in die gartengeschmückte Rheinallee ein und schritt ausholend der
mächtigen Brücke zu, die den dahinflutenden Strom des Rheines
überspannt und Ufer an Ufer reißt, Menschen zu Menschen, Arbeit zu
Arbeit, Freude zu Freude, und stand vor seinem Hause.
Durch einen Vorgarten ging er hindurch. Rosensträucher, noch einmal
aufjauchzend in heißer Blütenpracht, boten dem Herbstwind Trotz.
Eine hochaufragende Weide, Wacht und Schönheit in eins, warf aus
verkuppelter Krone undurchdringbares Zweigegewirr, silbrig wogende
Schleier über das weiße, schlichte Landhaus, lockend und bergend.
Kornelius Vanderwelt spannte das Gehör, als er den getäfelten Hausflur
betrat. Er verzog den Mund, wie von Schmerzen befallen. Klavierspiel
drang an sein Ohr. Vorschriftsmäßig in der Taktgestaltung, aber hart
im Anschlag, unverstanden im Wesentlichsten, dem Geist. Und zu dem
Kinderspiel gebot eine trockene Frauenstimme unablässig: »Eins, und --
zwei, und -- drei, und --!« und legte der silbern hüpfenden Sonate des
göttlichen Wolfgang Amadeus Mozart ein Zwangsleibchen an.
In wenigen Sätzen war Kornelius Vanderwelt die Treppe hinauf, stand er
im Musikzimmer am Flügel. »Mörder!« schrie er, »Schwerverbrecher! Wen
soll ich zuerst erwürgen?«
»Mich, Papa! Mich!« Die Stimme des zwölfjährigen Mädels überschlug
sich vor Entzücken. »Damit die Quälerei zu Ende geht!«
»Vom Klavierbock herunter, Juliane! Ist der Flügel eine Fleischbank,
auf der Wolfgang Amadeus Mozart zu Wurstfleisch zerhackt wird?«
»Sag's doch Fräulein Bilsenbach! Sag's ihr,« hetzte das Mädel
ausgelassen.
»Ich muß doch sehr bitten, Herr Vanderwelt, vor dem Kinde mein Ansehen
zu wahren.«
»O Fräulein Bilsenbach, nichts für ungut, aber das Ansehen Mozarts
geht vor. Außerdem! Wer so bezaubernd kocht, braucht auf das Ansehen
anderer Künstler wirklich nicht neidisch zu sein. Ja, da lächeln Eure
Gnaden. Wie gut Sie das kleidet -- --«
Und er saß auf dem Klavierbock, legte mit leisem Streicheln die Hände
auf die Tasten und blickte über das Notenblatt. Ein Quellengeplauder
hob an unter seinen Fingerspitzen. Ein blitzendes Bächlein sprang
eigenwillig und doch von der Schönheit eingebettet durch die
Blumenwiesen. Mit einem Seufzer der Liebeslust sprang es dem
aufrauschenden Fluß in die Arme, der bewimpelte Schiffe trug und auf
den Schiffen vor Seligkeit singende Menschen. Und der Fluß ward zum
Strom durch tausend Quellen, die ihm ihr blitzendes Wasser brachten
und die Elfenlieder von den Blumenwiesen, und strömte durch goldene
Mittagssonne und purpurnes Abendgold und strömte aus in einem Meer von
Mondlicht und Sternenreigen.
Das Antlitz des alternden Fräuleins hatte sich gerötet, und diese Röte
war angefacht von Beschämung und zwiefach dazu von aufquellender Lust.
»Herr Vanderwelt, ich will doch lieber, wenn Sie es erlauben, Ihnen
zuhören, als den Kindern meinen nur alltägigen Unterricht erteilen.
Der Haushalt und die Überwachung der Kinder verlangen die ganze Kraft.«
Kornelius Vanderwelt träumte noch ein weniges den Mozartschen Weisen
nach. Jetzt wandte er den Drehstuhl und gewahrte das gerötete Fräulein.
»Friedlich, friedlich, Fräulein Bilsenbach. Nicht gleich die Flinte
ins Korn werfen. Sie sind in der Musik eine so taktsichere Frau, wie
Sie es im Leben sind. Nur daß der Takt oft gerade die seltensten
Melodien in der Blüte verkümmern läßt. Denken Sie sich einmal die
Liebe im Takt. Das muß flüstern, stammeln, pausieren, drauflosgehen
wie der Deibel! Oh -- Entschuldigung.«
»Wenn Sie es wünschen, können wir zu Tisch gehen, Herr Vanderwelt.«
»Darf ich um Ihren Arm bitten, Fräulein Bilsenbach?« Und ritterlich
neben ihr schreitend, fragte er sie nach den Mühen des Tages, nach den
Sorgen um die Kinder.
Im Speisezimmer fanden sie die Kinder vor. Wie es der Vater liebte,
standen sie aufrecht hinter ihren Stühlen. Dann aber war des Haltens
nicht länger.
»Papa! -- Papa!«
Zwei Jungen hielten ihn zu gleicher Zeit umschlungen, vierzehn- und
fünfzehnjährige schlanke Burschen. Und der Kopf des zwölfjährigen
Mädels kuschelte sich unter seinen Arm.
»Guten Abend, Justus. Guten Abend, Thomas. Ob die Juliane schon ihren
Kuß weggekriegt hat, weiß ich wirklich nicht.«
»Nein! Nein! Nein! Gib ihn mit Zinsen!«
»Hüt' dich, Mädel, hüt' dich! Wer als erstes an die Zinsen denkt,
denkt als letztes an den Anlagebetrag.«
»Hier hast du meinen Mund!«
»Ist das nun ein liebender Mädchenmund oder ein rechnender?«
»Ach, so küss' ihn doch nur, wenn ich ihn doch hinhalte ...«
»Wenn du so freigebig bist, hast du meistens eine leere Geldtasche.«
»Geraten! Geraten! Und da ich dich in so gute Laune gebracht habe,
gibst du mir ordentlich. Gelt, du Lieber?« --
»Juliane,« rief der fünfzehnjährige Justus, »du beträgst dich wie ein
Gassenmädel.«
»Sieh mal an, das große Brüderlein. Kennt schon Gassenmädel.«
»Nicht doch,« wehrte sanft und überlegen Thomas, der Vierzehnjährige.
»Sie hat im Religionsunterricht von der Salome gehört und spielt sie
uns ein bißchen vor.«
»Mund gehalten, ihr Drei!« Kornelius Vanderwelt schluckte das Lachen
nieder, das fröhlich mittun wollte, richtete sich auf und zeigte
drohende Augen. »Ich bitte mir drei Muster tadellosester Erziehung
aus.«
Die Kinder huschten hinter ihre Stühle. Sie standen in Reih und Glied,
die Hände auf den Lehnen, die Köpfe nach dem Vater gerichtet.
»Fräulein Bilsenbach, ich bitte. Niedersetzen,« gebot er.
Und die Kinder saßen auf den Stühlen, aufrecht und regungslos, bevor
der Hausherr den Stuhl des Fräuleins angerückt hatte und den eigenen
Sitz einnehmen konnte. Und ein dreifach Gelächter begrüßte den
Nachzügler.
»Rangen, habt ihr nicht mehr Ehrfurcht vor eurem alten,
steifgewordenen Vater?«
»Alt! Steifgeworden! Ach, das arme Väterchen! Schon ganz verhutzelt
sieht er aus.«
»Wenn man einen Stuhl auf den Tisch stellt, kann er kaum noch
drüberspringen.«
»Jeden Abend um acht muß er ins Heiabettchen.«
»Ruhe! Ich bitte mir die vollkommenste Ruhe aus.«
»Heute morgen,« lief das Plappermäulchen des Mädchens weiter, »heute
morgen in der Schule sagte noch Antonie Ausdemwerth zu mir, und alle
Mädchen hörten zu, ihre Mama habe gesagt --«
»Juliane, was Antonie Ausdemwerth sagte und was ihre Mama gesagt hat,
ist sozusagen ausgesagt, wenn ich gesagt habe, es wird nichts mehr
gesagt.«
»Sagte, sagte, sagte,« spotteten die Brüder der Schwester nach.
Die zeigte ihnen blitzschnell die Zungenspitze und wischte sich, als
sie den empörten Blick des Fräuleins gewahrte, seelenruhig mit dem
Zünglein die Lippen. »Ach, einen Hunger hab' ich -- --«
Ein älteres Hausmädchen trug die Speisen auf, bot sie dem Fräulein
zuerst, dann mit einem freundlichen, wie um Entschuldigung bittenden
Lächeln dem Hausherrn, auf dessen Anordnung die Reihenfolge geschah,
und den Kindern der Altersstufe nach. Kornelius Vanderwelt nickte
ihr mit gleicher Freundlichkeit einen ›Guten Abend‹ zu. Alle seine
Hausangestellten waren seit langen Jahren im Dienst, noch aus den
Zeiten der schönen Frau Vanderwelt, die nach der Geburt ihres Mädels
allzu rasch in das gesellschaftliche Treiben zurückverlangt hatte und
an zu stark gesteigertem Leben verschieden war.
»Nun dürft ihr wieder reden,« erlaubte der Hausherr, der die
Kinderstimmen liebte und an den sprunghaften Einfällen der jungen
Gehirne seine Freude hatte. »Aber bitte nicht im Chor. Da weiß man
nie, wer die größte Dummheit vorgebracht hat. Also Justus, wie war's
in der Schule?«
»Ausgezeichnet, Papa. Der Lateinlehrer konnte vor Katzenjammer nicht
unterrichten, und ich habe ihm den nassen Klassenschwamm aufs Pult
gelegt.«
»Edler Samariter. Hat er sich stürmisch bedankt?«
»Das nicht. Aber er hat mich ins Klassenbuch geschrieben.«
»Justus,« tadelte der Vater kopfschüttelnd, »wann wirst du lebensklug
werden? Der Herr Lateinlehrer wird den Schwamm nehmen und sich damit
seine letzte Zuneigung zu dir aus dem Schädel wischen.«
»Pah -- ich stehe in der Klasse prima.«
»Und wenn du primissima ständest wie der liebe Gott: die Rache ist
mein, spricht der Herr Lehrer, und seine Wege sind unerforschlich.«
Die Kinder stießen sich unter dem Tische an. Ihre Augenbrauen waren
hoch hinaufgezogen.
»Thomas, erzähl ~du~ mir einmal von deinem heutigen Schulerleben.
Hoffentlich war es lobenswerter.«
»Wir haben den deutschen Klassenaufsatz zurückbekommen, Papa. Er
lautete: Der Charakter der Jungfrau von Orleans. Der meine erhielt
eine Eins. Aber mit einer Bemerkung in roter Tinte.«
»Was wünschte die rote Tinte, Thomas?«
»Der Verfasser möge sich in Zukunft in der Beurteilung von
Frauencharakteren mehr in acht nehmen.«
»Von Frauencharakteren? Ich denke, es handelt sich um eine Jungfrau?«
Die Kinder hielten den Atem an. Das Fräulein räusperte sich und
nestelte das Schnupftuch hervor.
»Das ist nämlich ein Unterschied. Der Charakter einer Jungfrau ist wie
ein Saitenspiel, das auf den Harfner wartet. Es kann auf Dur und Moll
und klar oder verworren abgestimmt sein, erst in der Hand des Harfners
liegt es, den Ton zu bestimmen und zu gestalten, so er ein rechter
Künstler ist. Und der Charakter einer echten Frau wird, ganz gleich,
wie sie als Jungfrau gedacht und empfunden hat, immer die getreue
Widerspieglung des Mannes sein, in dessen Hände sie sich auf Glück
oder Verderb gegeben hat. Auf die Manneshände kommt es an.«
»Das dürfte wohl für die Kinder zu abwegig sein,« sagte das Fräulein,
um der Verlegenheit Herr zu werden.
»Vielleicht für heute, Fräulein Bilsenbach. Aber im Unterbewußtsein
schwingt es weiter und wird dann eines Tages zur Stelle sein, wenn es
in der Auswirkung gebraucht wird.«
»Was ist das: Unterbewußtsein?« fragte die kleine Juliane in Spannung.
Da lachte Kornelius Vanderwelt erlöst und erheitert auf.
»Hör' einmal, Jungfer Naseweis: wenn du dich gleich in dein Bett
begibst, voll bewußt aller deiner Tugenden und Vorzüge, und irgend
etwas redet dir in deinen Schlaf hinein: ›Juliane, du hast mal wieder
deine Schularbeiten nicht gemacht‹, so ist das das Unterbewußtsein.
War das deutlich, mein Mädchen?«
»Ich hab' sie aber -- fast alle.«
»Das freut mich über die Maßen, Juliane. Und den kleinen Rest wirst du
nachher in meinem Arbeitszimmer erledigen. Ich möchte nun auch gern
von dir einmal etwas über die wichtigsten Schulereignisse hören.«
Das Mädchen wetzte mit der Zunge flink die Lippen. In den Augen jagte
die Ungeduld.
»Heute morgen sagte Antonie Ausdemwerth in der Schule zu mir, und alle
Mädchen hörten zu: ihre Mama habe gesagt --«
»Sagte, sagte, habe gesagt,« spotteten die Brüder ihr nach.
»Papa,« rief die Kleine zornig, »du hast ~mich~ gefragt und nicht
den Justus und den Thomas!«
»Ich habe ~dich~ gefragt. Fahre ruhig fort.«
»-- ihre Mama habe gesagt: es gäbe nur einen Mann in Ruhrort, und die
anderen wären Kohlentrimmer, und der Mann hieße Kornelius Vanderwelt.
So, ihr weisen Jungs, nun sagt, ob ihr was Besseres wißt.«
Die Jungen gaben sich geschlagen. Sie prosteten dem Schwesterchen mit
den Wassergläsern zu.