»Lag auch das Messer, das mich von der Klippe, auf der ich fest saß, los

machen konnte, an meiner Seite, so kostete es doch unsägliche Mühe,

unsägliche Anstrengungen des hart zusammengeschnürten und gebundenen

Körpers, ehe es mir gelang, erst mit der Spitze eines Fingers es näher

zu bringen, dann es mit mehreren zu fassen und endlich mit der ganzen

Hand zu ergreifen. Jetzt fühlte ich erst, daß die Hände von dem starken

Zusammenschnüren, dicht über den Gelenken, wie taub und empfindungslos

geworden waren. Nach und nach wurden sie durch die fortgesetzten

Bewegungen der Finger, die erst matt, dann immer kräftiger an der

Trennung des nächsten Strickes arbeiteten, wieder belebt. Ich kann Euch

sagen, es war die härteste Arbeit meines Lebens. Ich habe in den

wildesten Stürmen der indischen Meere das oberste Segel gehißt und

wieder gelöst, in der größten Noth Raan und Maste gekappt, und wer die

Sache kennt, weiß, daß sie kein Kinderspiel ist, daß in solchen

Augenblicken das Leben nicht einen Deut gilt und der Tod schon den Anker

nach der armen Seele auswirft! Aber ich habe in diesen Stürmen nicht

die quälende Angst empfunden, wie unter dem Sägen an dem Stricke. Wenn

die Worte, welche das Mädchen von oben herab zu mir sprach, mich nicht

ermuntert und gestärkt hätten, ich hätte vielleicht der Abspannung, die

sich meiner zu bemächtigen drohete, erlegen und -- die Bluthunde hätten

zu ihrer eigenen Sicherheit ihr mörderisches Werk zu Ende bringen

müssen. Aber endlich, endlich -- es war, als bräche die Sonne im Sturme

hervor -- endlich sprang das hartgespannte Band mit einem Geräusch, das

selbst das Mädchen vernahm, und ein: »=Gottlob!=« in das ich von Herzen

einstimmte, bebte über ihre Lippen. Nun ich einmal die eine Hand los

hatte, war das Befreiungswerk bald vollendet. Stricke, Riemen und der

schändliche Knebel lagen neben mir am Boden. Ich sprang auf, ich dehnte

die entfesselten Glieder, ein lautes langes: »=Ach!=« in dem sich die

gepreßte Brust Luft machte, war der erste Ton, der aus meinem Munde

drang. Ich empfand Schmerzen und Abspannung in allen Theilen meines

Körpers. Die gepeinigte Lage, in der ich mehrere Stunden lang verweilen

müssen, hatte vielleicht ebenso viel Theil daran, als das betäubende

Getränk, das mich meiner Besinnung beraubt und fühllos hingestreckt

hatte, wie einen Klotz. Ich schritt, so rasch ich konnte, einigemale in

dem kleinen Gemache auf und nieder, um mich in dem Gebrauche meiner

Glieder zu üben. Dann blieb ich stehen, sah zu dem Mädchen hinauf und

sagte: »Ich weiß Euch nicht groß mit Worten zu danken, aber man soll

mich wie einen schäbigen Hund an der Raa-Noke aufhängen, wenn's mir

nicht jetzt in der Seele ist, wie an dem Tage, wo ich meinem Vater selig

die Augen zudrückte und sie ihn dann hinabließen in das weite Grab des

Meeres, aber diesesmal nicht vor innerem Jammer, sondern vor

Dankbarkeit! Jungfer, ich will nicht viel sprechen, aber bin ich

glücklich heraus aus diesem Teufelsloche, so müßt Ihr meine Frau werden

oder ich thue mir ein Leid an.« -- So unbehaglich der Sitz des Mädchens

auf dem schrägablaufenden Dache seyn, so sehr ihr meine noch immer

nicht überstandene Gefahr am Herzen liegen mochte, so mußte sie doch

laut auflachen bei dieser seltsamen Werbung. »Ach, denkt an andere

Dinge!« sagte sie dann wiederum in einem ängstlichen Tone! »Es liegt

noch Viel zwischen diesem Augenblicke und dem, wo Ihr wieder frei in

Gottes freier Luft wandelt und Euere Schritte hinlenken könnt, wohin Ihr

wollt. Auf Nahrungsmittel und eine Stärkung, die Ihr ohne Besorgniß

genießen könnt, habe ich mich vorgesehen. Es ist freilich nichts

Besonderes, aber ich bringe, was ich heimlich bei Seite schaffen

konnte.« Ein Paket fiel von oben herab; ich fing es mit meinen Händen

auf. Meinen Dank glaubte ich der Geberin nicht besser beweisen zu

können, als durch die schleunigste Untersuchung und Verwendung seines

Inhalts. Die guten Nahrungsmittel und vor Allem ein reiner

unverfälschter Genever, gaben mir meine Kräfte zurück. Während ich noch

mit Essen und Trinken beschäftigt war, rief ich wiederum frohen Muthes

zu dem Mädchen hinauf: »Jetzt laß sie kommen! Sie sollen fühlen, daß

der Hochbootsmann der =Medusa= wieder von Stapel gelassen ist und mit

gutem Winde fährt. Ihrer sechs fürchte ich nicht.« -- »Vertraut nicht zu

Viel auf Euere Kraft!« wandte das Mädchen im Tone der Besorgniß ein.

»Gelänge es Euch auch die Treppe hinab, über den Hof und in den Vorplatz

des Hauses zu kommen, so würdet Ihr doch da immer eine Menge

entschlossener und bewaffneter Bösewichter finden, deren vereinten

Anstrengungen Ihr unterliegen müßtet. Nennt mir lieber irgend einen

Bekannten, den Ihr in der Stadt habt und der leicht und gleich zu finden

ist, denn jeder Augenblick Verzugs kann Euch Gefahr bringen. Ich will

Alles thun, Euch zu retten. Ich will -- doch Ihr werdet schon sehen, was

zu Euerer Befreiung geschieht, wenn mir nur irgend Jemand beisteht, der

hier bekannt ist in der Stadt, denn ich selbst bin gänzlich fremd. Aber

zögert nicht: nennt mir Euern Freund!« -- Ich mußte mir gestehen, daß

das Mädchen Recht hatte. Ich besann mich hin und her. Meine Verwandten

konnten mir zu nichts dienen, denn ich wußte ja kaum mehr von ihnen,

als ihre Namen: nicht einmal ihre Wohnung. Da fiel mir der Jude =Abraham

Eleazar=, auf der Jüdenkracht zunächst der Synagoge, ein. Ihn nannte ich

dem Mädchen, sagte ihr zugleich, welchen Dienst ich ihm am gestrigen

Abende geleistet hätte und daß er die einzige Person in der großen Stadt

=Amsterdam= sey, von der ich, wenn auch nur mit weniger

Wahrscheinlichkeit, einen Beistand in diesem Nothfalle erwarten könne.

»Er ist ein Jude,« versetzte das Mädchen, »aber er ist auch ein Mensch.

Kann ich nur glücklich aus dem Sünderhause entwischen, so bin ich in

einer Viertelstunde bei ihm und ich lasse ihm keine Ruhe, bis er

mitkommt zur Hülfe. Lebt wohl bis dahin, aber unternehmt nichts, als im

dringendsten Falle zu Euerer Vertheidigung!« Ich hörte sie am Dache

hinabklettern. Ich lauschte auf das Geräusch, so lange es zu vernehmen

war und als es nun gänzlich verhallte, kam ich mir vor, wie ein

Ausgesetzter auf einer wüsten Insel. Ich fühlte mich in einer großen

Aufregung, aber ich erkannte auch, daß ich aller meiner Kräfte wieder

mächtig sey und nahm mir vor, sie, wenn es Noth thue, mit Aufsetzung

aller Segel zu gebrauchen. Meine Blicke fielen auf das Messer, das noch

auf dem Bette lag. Ich nahm es in die Hand: es hatte eine gute scharfe

Klinge. »Messer gegen Messer,« dachte ich, »wenn es so kommt!« und

steckte es in den Gürtel, zu dem ich einen der Stricke machte, indem ich

mir ihn um den Leib knüpfte. Die Schändlichkeit des rothköpfigen Wirthes

und des heuchlerischen =Claas= ging mir in einemfort im Kopfe herum und

erfüllte mich mit Ingrimm. Ich war auf ihren Eintritt gefaßt, ich wollte

über sie herfallen, wie der Sturm nach der Windstille, sie unschädlich

machen und mein Heil weiter suchen, wenn nicht schon früher meine

Befreiung durch das Mädchen erfolgen würde. Wie das Alles geschehen

sollte, mußte ich dem Augenblicke überlassen. Ich schritt in unruhiger

Erwartung das kleine Gemach auf und nieder. Ich untersuchte auch die

Thüre und die Seitenwände; jene bestand aus starkem, unerschütterlichem

Eichenholze, diese waren gemauert und hielten das Dach in einer Höhe,

die ich nicht erreichen konnte. Die Bettstelle brach unter meinem

Versuche, sie von der Stelle zu rücken, zusammen. Sie war in dem Boden

befestigt gewesen und mit ihr wurde meine Hoffnung, sie als Werkzeug zu

einer möglichen Flucht durch eine Oeffnung in dem Dache, die ich

freilich erst hätte brechen müssen, zu gebrauchen, vernichtet. Ich blieb

also der Erwartung auf meine Freunde oder meine Feinde überlassen. Die

Spannung, in der ich wiederum einige Stunden hinbrachte, kann ich Euch

nicht beschreiben. Der Abend kam; von dem Mädchen hörte und sah ich

nichts. Kein Signal, kein Geräusch, das Hülfe verkündigte! Jeden

Augenblick konnte ich jetzt die verdammten Seelenkoper eintreten sehen.

Ich befand mich in einer Aufregung meiner Kräfte, wie ich sie noch nie

empfunden hatte, und nur meine innere Wuth konnte ihr gleichen. Ich

wünschte fast, daß jetzt die Bösewichter erschienen, um mit eigener Hand

Rache an ihnen nehmen zu können. Da hörte ich ein Getrappel auf der

Treppe, das immer näher kam, da vernahm ich Stimmen -- ich erkannte die

Sprechenden: es waren die beiden Menschenhändler, der Rothkopf und sein

Geselle =Claas=. Sie lachten und schienen guter Dinge. Ich habe einmal

in =Bengalen= ein Tigerthier gesehen, das auf seine Beute lauerte. So

muß ich damals in dem Winkel neben der Thüre meines Kerkers gestanden

haben, um über den ersten Eintretenden herzustürzen. Dennoch beschloß

ich in dieser ungeheuren Empörung meines ganzen Wesens, kein Blut zu

vergießen, wenn es möglich wäre. Da rasselten die Schlüssel an der

Thüre, da klirrte der Riegel, da nannte =Claas= mit höhnischer Stimme

meinen Namen -- aber zugleich hatten ihn auch meine Fäuste an der Kehle

ergriffen, ich drang, ihn schwebend haltend, hinaus, er würgte vergebens

nach einem Hülferuf, mit einer Kraft, die ich mir selbst nicht zugetraut

hätte, schleuderte ich ihn in einen Winkel, daß er besinnungslos da lag,

keines Wortes, keiner Bewegung mächtig. Heulend flog der Wirth die

Treppe hinab, ich mit Riesenschritten hinter ihm her. So ging es über

den Hof, nach dem Vorplatze. »Der Teufel hat ihm geholfen! Herbei, ihr

Freunde! Er bringt mich um! Er schlägt mich todt!« rief der Schurke im

Fliehen. Auf dem Vorplatze, vor der Thüre des Gastzimmers, in das er

eben stürzen wollte, erwischte ich ihn am Genicke. Aber schon hatte sein

Geheul seine Helfershelfer herbeigerufen. Wohl an zwanzig Kerle, denen

Mord und Todschlag aus den Augen blitzten, drangen aus der Thüre. »Er

hat den =Claas= ermordet! Haltet ihn fest, macht ihn kalt!« stöhnte der

Rothkopf. Ich warf ihn zu Boden. Wohin ich blickte, glänzten mir Messer

entgegen, Mordgebrüll stürmte auf mich ein. Ich drängte mich an die

Wand, entschlossen mein Leben theuer zu verkaufen. Noch trennte mich der

am Boden liegende, ohnmächtige Wirth von dem Gesindel. Da nahmen ihn

einige auf, um ihn bei Seite zu bringen. Ich sah den Augenblick vor mir,

in dem nun Alle über mich herstürzen würden. »Blut um Blut!« dachte ich

und griff nach dem Messer in meinem Gürtel. Ehe ich es noch zog, ehe ich

meinen Gegnern noch zeigen konnte, daß auch ich nicht waffenlos sey,

erklang plötzlich ein heftiger Lärm vor der Thüre des Hauses, der den

im Innern noch übertönte. »Im Namen der Obrigkeit!« riefen viele Stimmen

von Außen. Ein schneidender Pfiff schallte aus der Mitte des mich

umgebenden Haufens. Die Kerle stiebten auseinander, wie Staub vom

Wirbelwinde getroffen. Viele eilten in das Zimmer zurück; andere flohen

über den Hof nach dem Hinterhause. Aber schon war die Thüre des Hauses

unter den Schlägen der Häscher zusammengebrochen. Sie drangen ein, sie

stürmten in das Zimmer, sie fanden hier die Seelenverkäufer im Streite

mit einer Anzahl ihrer Cameraden, die durch die Fenster eingestiegen

waren. Ich hatte mich ruhig von einigen der Häscher, die sich gleich

Anfangs meiner bemächtigten, ergreifen lassen und wartete den Augenblick

ab, wo ich meine Flagge aufziehen und mich zu erkennen geben konnte.

Indessen ging es wild im Zimmer und im Hinterhause her, wo sich die

verwegenen Schurken gegen die Uebermacht der anstürmenden Häscher zu

vertheidigen suchten. Ein großer Haufen Volks hatte sich vor dem Hause

versammelt und vermehrte, durch seine gegen die Seelenkoper

ausgestoßenen Flüche und Verwünschungen, das Getöse. Den Eingang hielt

ein Polizeibeamter besetzt und verwieß mit seinem Stabe diejenigen, die

sich zu nahe herbeidrängten, zur Ruhe. Ich war bei meiner früheren

Bemühung die Thüre zu erreichen, an eine Stelle gelangt, wo ich, immer

von den Häschern bewacht und gehalten, dem Beamten ganz nahe stand. Ein

Laut, so lieblich, wie das Wort: »=Land!=« nach einer langen und

unglücklichen Seefahrt traf plötzlich durch den gewaltigen Lärm mein

Ohr. »Das ist er! das ist er!« rief eine zarte Stimme in meiner Nähe.

»Wir sind noch zur rechten Zeit gekommen. Sie haben ihn nicht

umgebracht! Er ist gerettet!« Ich blickte auf. Neben dem Polizeibeamten

stand in der Thür das Mädchen, dem ich meine Freiheit und mein Leben

verdankte. Ihr Angesicht strahlte wie die glänzende See bei heiterem

Himmel. Ueber ihre Schulter sah der Jude =Abraham Eleazar= herein. »Der

Gott Abrahams und Jacobs sey gepriesen,« sagte er, »der unser Werk

gelingen ließ! Eine Hand wäscht die andere im Leben und so mir der

Christ nicht hätte geholfen von dem Schmaddern und von der Speise vom

unreinen Thier, so hätte ich ihm nicht können wiederhelfen aus der

egyptischen Gefangenschaft, von dem Verrathe der bösen Rotte =Korah=.«

Ich nickte Beiden zu. Der Polizeibeamte mochte nun einsehen, daß ich

nicht zu den Seelenkopern gehörte, er gab seinen Untergebenen Befehl,

mich frei zu lassen, und rief mich in seine Nähe. Er wußte meinen Stand

und meinen Namen. Er sagte, daß ich es für ein großes Glück halten

könne, lebendig dieser Mordhöle entkommen zu seyn, daß sie schon lange

Nachricht von ihrem Daseyn gehabt, aber immer vergebens ihr nachgespürt,

bis jetzt endlich die Entdeckungen des Mädchens und des Juden sie zur

rechten Zeit an den rechten Ort geführt hätten. Ich berichtete ihm in

wenigen Worten, woher der Wind in den letzten Stunden geblasen habe und

wie es mir gelungen sey, aus meinem Gefängnisse zu brechen. Der Jude und

das Mädchen hörten aufmerksam zu. Es war jetzt stiller geworden im

Zimmer. Die Seelenkoper hatten der Uebermacht unterlegen, man brachte

sie gebunden und geknebelt heraus. Mehrere von ihnen bluteten stark,

auch einige der Häscher waren verwundet. Jene wurden sogleich weiter,

mitten durch die tobende Volksmenge, die nur mit großer Mühe von

Mißhandlungen zurückgehalten werden konnte, ins Gefängniß geschafft.

Auch die Schurken, die in den obern Raum des Hinterhauses geflüchtet

waren, erschienen jetzt, von den Häschern herbeigeschleppt: unter ihnen,

ächzend und stöhnend, der elende =Claas=. Er warf mir einen grimmigen

Blick zu, aber auch er wurde mit seinen Genossen ohne Aufenthalt den

übrigen nachgetrieben. Ganz zuletzt fand man, unter einem leeren Fasse

versteckt, den rothköpfigen Wirth. Er mußte sich während des Getümmels

erholt haben und dorthin gekrochen seyn. Er konnte oder wollte nicht

gehen. Man warf ihn auf einen Karren, der zufällig in der Nähe hielt.

Der Pöbel begleitete ihn spottend und verwünschend nach dem Stadthause.

Ich will es nun so kurz wie möglich machen und mit vollen Segeln ans

Ziel steuern! =Beckje= rückt schon ungeduldig den Stuhl und möchte gern

den Caffee kochen, der ihr fast ebensosehr am Herzen liegt, wie mir der

Genever. Genug! Das Sündenhaus wurde von dem Polizeibeamten in allen

Räumen und Verdecken durchsucht. -- Er witterte glücklich meine Kleider

und Papiere aus. Ich erhielt sie zurück und zugleich die Weisung, daß

ich nun hingehen könne, wohin ich wolle. Aber ich blieb dennoch. Das

Mädchen, dem ich so Viel schuldig war, sah ängstlich dem Treiben des

Beamten zu, der Alles verschloß und versiegelte. Sie befand sich, allem

Anscheine nach, in großer Verlegenheit. Als endlich der Beamte auch die

Hausthüre sperrte und mit dem obrigkeitlichen Siegel versah, gestand

sie, daß sie nun nicht wisse, wohin sie sich wenden solle, daß ihr

ganzes elterliches Erbe, dessen sich der Rothkopf, als Stiefbruder ihrer

verstorbenen Mutter und ihr Vormund, bemächtigt habe, in dem Hause

befindlich sey und sie niemanden kenne, der in der großen Stadt sich

ihrer annehmen würde. Der Polizeibeamte hörte das gleichgültig an,

meinte, er könne da nicht helfen, aber sie solle am nächsten Tage vor

der Obrigkeit erscheinen und dort ihre Ansprüche geltend machen. »Kommt

mit mir!« sagte der Jude. »Ich will Euch führen in mein Haus, aber ich

kann Euch nicht behalten über Nacht, als das Kind eines Goi. Wir müssen

Rath schaffen, wir müssen eine Schlafstelle für Euch suchen bei Euern

Leuten.« Da fiel mir zum Glücke ein, den Polizeimann, der eben fortgehen

wollte, nach meinen Verwandten zu fragen. Er kannte sie, er wußte ihre

Wohnung. Nun war uns geholfen. Ich dankte dem Juden für Alles, was er zu

meiner Rettung gethan, ich versprach nochmals ihn zu besuchen, ich sagte

ihm unbedachtsam, daß er als ein guter Christ an mir gehandelt habe.

»Als ein guter Jüd!« versetzte er eifrig und mit einem saueren Gesichte:

»denn auch unser Gesetz sagt: du sollst den Nächsten lieben, als dich

selbst.« Er entfernte sich in großer Eile. Während ich nun in der

Dämmerung mit dem Mädchen nach der Gegend hinschritt, wo meine

Verwandten hausen mußten, nannte sie mir ihren Namen und erzählte mir,

daß sie von =Alkmaar= gebürtig sey, vor einigen Wochen ihre Eltern kurz

nach einander verloren habe, dann von dem Wirthe des Werbhauses, ihrem

einzigen noch lebenden Verwandten, von dessen Geschäft und Handthierung

sie nichts geahnt, samt ihrem elterlichen Erbe nach Amsterdam abgeholt

worden und hier nun bald mit Entsetzen wahrgenommen habe, daß der Mann,

der sich Vaterrechte über sie angemaßt, ein verabscheuungswürdiger

Bösewicht, daß Seelenverkäuferei sein Handwerk, daß es seine Absicht

sey, sich ihres Vermögens zu bemächtigen. Sie war auf das Strengste

gehalten, wie eine Magd zu den geringsten Arbeiten genöthigt, selbst

thätlich mißhandelt worden. Was sie sehen und hören mußte in der kurzen

Zeit ihres Aufenthaltes in dem Werbhause, hatte sie mit Abscheu erfüllt.

Sie wäre so gern entflohen, aber sie wußte nicht wohin. Sie war der

Verzweiflung nahe, als ich die Schwelle des Hauses betrat. Ich habe Euch

gesagt, was der Antheil, den sie an mir nahm, bewirkte. Sie war als ich

ihr den Juden =Eleazar= genannt, sogleich aus dem Hause entwischt und

zu jenem geeilt. Es dauerte lange, ehe sie dem Juden die ganze

Geschichte begreiflich machen konnte. Endlich wurde sie ihm klar und er

nahm nun sogleich Mantel und Schabbesdeckel, um mit =Beckje= zum

Polizeimeister zu gehen. »Soll mir Gott, dem Goi muß geholfen werden!«

Hatte er gesagt: »Der =Eleazar= leidet keine Schulden und will bezahlen

auf den letzten Deut, das Capital samt den Procentje.« Zum Glück war der

Polizeimeister der nahe Verwandte eines ostindischen Compagnieherrn. Er

gerieth, als er die Sache vernahm, in den größten Zorn und schickte

sogleich die Wache ab, die gerade ankam, als ich nicht weit davon war,

wider meinen Willen hinauf in die himmlische Ewigkeit gehißt zu werden.

Bramsegel und Backbord! ich bin wieder so weitläufig geworden, wie ein

altes Weib beim Caffeegeschwätz. Aber nun soll's auch im Sturmwinde ans

Ende gehen! Meine Verwandten nahmen uns freundlich auf, nach vier Wochen

voll Laufereien und Hin- und Her-Geschreib erhielt =Beckje= ihr Vermögen

heraus, ich selbst am Morgen des nämlichen Tages den verlangten,

ehrenvollen Abschied und am Nachmittage gab uns der Domine für die

Lebensfahrt zusammen. Als wir nach einigen Tagen Amsterdam verließen, um

nach Rotterdam zu ziehen, traten uns von der Schanze am Thore, ein Paar

Elende an und bettelten um ein Almosen. Sie waren mit Lumpen bedeckt,

sie schleppten an Ketten schwere eiserne Kugeln nach und wurden von

einem Schergen bewacht. Das wulstige rothe Haar des einen schob sich zur

Seite: wir erkannten den Wirth. Der andere sah auf, es war =Claas=. Ich

warf ihnen, was ich von Silbergeld in der Tasche trug, hin. Sie rafften

es gierig auf, sie wollten danken -- da erkannten sie uns, ein wüstes

Geheul, Flüche und Verwünschungen strömten über ihre Lippen. =Beckje=

drängte mich nach der Barke hin, die im Canale unserer wartete, während

jene sich selbst und ihre Ketten auf die Bastion zurückschleppten.«

=Jansen= schwieg. Niemand hatte seiner Erzählung mit größerer

Aufmerksamkeit zugehört, als =Clelia=. Das vielbewegte Leben, das sich

hier vor ihrer Erkenntniß entrollte, contrastirte zu sehr mit dem,

welches sie bisher geführt hatte, um nicht durch seine Neuheit und

Frische sie zu reizen und über ihren gewöhnlichen Gesichtskreis zu

erheben. Es schien ihr selbst angenehm, dergleichen erfahren zu haben

und in einer späteren, ruhigen Zeit, in einem beglückenden Gefühle der

Gegenwart, die Erinnerungen daran zu verjüngen. Wie wenig

Bemerkenswerthes und Wichtiges hatte doch ihre Vergangenheit

aufzuweisen? Die unerwartete Entfernung aus dem Vaterhause, die

plötzliche Reise, welche sie schon in ein vertrauliches Verhältniß mit

zwei ihr vorher gänzlich unbekannten Personen, =Jansen= und =Beckje=,

gesetzt hatte, der Wechsel der Umgebungen, selbst das Geheimniß der

vorgeblichen Geschwisterschaft mit =Cornelius=, waren die ersten Dinge,

die, wie es ihr jetzt dünkte, ihrem Leben einen Reiz verliehen, dessen

es bisher entbehrt hatte. Ihre, unter dem Drucke der Alltäglichkeit

schlummernde und unthätig gewordene Phantasie war mit einemmale, durch

die Begegnisse eines Tages, durch die Mittheilung der wunderlichen

Verheirathungsgeschichte eines Paares, das sie vor Augen hatte, zu der

regsamsten Thätigkeit belebt worden. Sie sah ein, daß sie in der Lage,

in die sie gerathen, auf ihre eigene Selbstständigkeit rechnen müsse,

sie fühlte, daß sie diese aufrecht erhalten könne, wenn sie gegen die

Rückkehr ihrer alten Gemüthsträgheit, die man ihr fälschlich für

Gedankentiefe angepriesen hatte, auf der Hut sey, wenn sie sich im

Voraus auf alle noch so abentheuerliche und gefahrvolle Begebenheiten

gefaßt halte. =Clelia= war einer von denjenigen Characteren, die erst

sehr großer, ganz aus dem gewöhnlichen Geleise sie führender

Erschütterungen bedürfen, um ihre innere Kraft und Wahrheit in das

äußere Leben treten zu lassen.

Während der Wechsel der Ansichten und Empfindungen, den wir so eben zu

schildern versucht haben, mit Blitzesschnelle in ihr vorging, hatte

=Jansen= das volle Glas ergriffen, das ihm die wieder freundlich

gewordene =Beckje= hingeschoben, und sagte mit einer Rührung, die man

dem rauhen und jovialen Seemanne nicht zugetraut hätte:

»Ja, ihr Freunde! So ist es gekommen, daß =Beckje= und ich jetzt an

einem Steuerruder sitzen. Was ich dachte und sprach, als ich fest

geschnürt und geknebelt auf dem Marterlager des Rothkopfs ausgestreckt

lag, als mein Schutzgeist, durch die Dachluke zu mir herabsah und mir

Hoffnung und Erquickung spendete, als ich ihn wieder erblickte, Freiheit

und Erlösung aus der Gewalt der verdammten Piraten bringend, das ist nun

Alles wahr geworden und ich habe es in den fünf Jahren, daß wir nun

zusammen segeln, keinen Augenblick bereut. Stoßt an! Sie soll leben.

Vivat mein Affengesicht!« setzte er, rasch in einen fröhlichen Ton

übergehend, hinzu.

Die Gläser waren gehoben, die Männer wollten in Genever, die Frauen in

feinem Muscatwein Bescheid thun, da erhob sich unerwartet ein wilder

Lärm auf dem Verdecke, die Mannschaft lief unruhig hin und her und eine

Alles übertönende Stimme rief hastig und rauh:

»Ein Segel auf der Lufseite! Nur zwanzig Schiffslängen weit! Es tritt

hinter der Insel hervor, es steuert auf uns zu -- Hölle und Teufel! Es

ist ein Spagnol! Eine Schebecke von zehn Canonen!«

=Jansen= stürzte den Inhalt seines Glases hinab und warf dieses zu

Boden, daß es in unzähliche Splitter zertrümmerte.

»Der verdammte =Biesbosch=!«[A] sagte er. »Zwischen seinen tausend

Inseln und Inselchen verkriegen sich die feigen Don's und warten es ab,

bis sie ein Fahrzeug erlauern, das sie unbewaffnet oder dem sie sich

überlegen glauben. Aber Bramsegel und Backbord! Capitän =Jansen= wird

ihnen das Fahrwasser weisen. Meine Böller sollen ihnen auf keine Frage

die Antwort schuldig bleiben!«

[A] So heißt eine Art von See zwischen den Grenzen von Holland und

Brabant, der sich erst im Jahre 1421 durch Ueberschwemmung gebildet

hat.

Er stürmte hinaus und hinauf; =Beckje=, im ganzen Gesichte erglühend,

ihm nach. =Cornelius= war bei dem ersten Rufe aufgesprungen und hatte,

von kriegerischem Ungestüm belebt, nach seinem Degen und seinen Pistolen

gegriffen. Jetzt dachte er an =Clelia=, jetzt fiel ihm bei, wie er durch

seine Unbesonnenheit die Geliebte in eine Gefahr gebracht habe, in der

ihre Freiheit, ihr Leben, ihre ganze Zukunft bedroht erschienen. Ein

Kleinmuth, wie er ihn noch nie empfunden, bemächtigte sich seiner. Er

wagte nicht, das Mädchen anzusehen. Mit niedergeschlagenen Blicken

näherte er sich ihr, die auch ihren Sitz verlassen hatte, und sprach in

ängstlich gepreßtem Tone:

»Bei allen Waffenthaten =Wilhelms von Oranien= schwöre ich Euch,

hochwerthe =Clelia=, daß mich der Gedanke, Euch in diese Lage versetzt

zu haben, trostlos macht. Ich bin außer mir, ich kenne mich selbst nicht

mehr. Sonst jubelte und jauchzte es in mir, wenn ich hörte, der Feind

sey nahe, und noch vor einer Stunde dachte ich es mir als das

Herrlichste und Größte, für Euch zu kämpfen, vielleicht Euer Leben zu

erhalten durch irgend eine kriegerische That. Aber das ist nun mit

einemmale vorbei, da die Wirklichkeit eintritt. Das Gefühl meiner Schuld

liegt mir lastend in der Brust und mein ganzer Muth ist niedergedrückt

unter seiner Schwere.«

»Schämt Euch, Junker =Cornelius=, und ruft nur immer den ersten Gedanken

zurück, der Euch und der Liebe, die Ihr mir so oft gelobtet, Ehre

bringt!« versetzte das Mädchen in einem so festen und aufmunternden

Tone, daß der gewesene Kriegshauptmann ein anderes, fremdes Wesen zu

hören glaubte und überrascht aufblickte. =Clelia= stand in ruhiger

Haltung vor ihm. Sie war sehr blaß, aber ein Feuer der Begeisterung und

der Seelenstärke glänzte aus ihren Augen, das den jungen Mann irre in

seiner eigenen Wahrnehmung machte. »Warum sollte mich entsetzen,« fuhr

sie fast heiter fort, »was Viele meines Geschlechtes schon vor mir

erfahren haben? Kommt, Junker! Zeigt Euch des Ruhmes würdig, den Ihr

schon in Kriegswerken erworben habt. Ein muthiger Mann mehr im Streite

vermag Viel. Kommt! Auch ich will sehen, wie es oben steht. Ich muß den

Feind erkennen, mit dem wir um Freiheit und Leben streiten werden. Habe

ich auch nicht den verwegenen Sinn und die männliche Keckheit von

=Jansens= Frau, die sie treibt, an dem Kampfe Theil zu nehmen, so will

ich doch auch nicht feiern. Schickt mir die Verwundeten herab, an denen

es nicht fehlen wird. Ich will sie verbinden und ihrer pflegen, wie ich

es vermag.«

»=Clelia!=« erwiederte, von Bewunderung erhoben, =Cornelius=. »Ihr habt

Euch in kurzer Zeit wunderbar verändert. Ich stehe beschämt vor Euch,

wie eine Memme vor einem Helden. Jetzt erst fühle ich die ganze

Unwürdigkeit meines Betragens, aber -- beim Schwerdte des großen

=Marlborough=! -- ich will Euerer würdig werden, oder untergehen in

diesem Kampfe, dessen Schrecknissen Ihr mit dem Muthe eines alten

Kriegers entgegen seht.«

Das Mädchen drängte ihn fort. Sie waren im Begriff die Cajüte zu

verlassen, als heulend und schreiend =Philippintje= hereinstürzte und

mit den Gebehrden einer Wahnsinnigen ihre Gebieterin umklammerte.

»Wir sind verloren, wir werden erschossen und erstochen, wir werden, wie

die Schiffsleute sagen, geentert werden!« jammerte sie. »Du, =Clötje=,

und ich, und wenn sie uns geentert haben, die Satanskinder aus Hispania,

so machen sie uns katholisch und wir kommen in das Unglück, vor dem wir,

wie vor einem Höllenspuk davon gelaufen sind. Was helfen mir alle

Dukaten, wenn mich der Spanier hat, mich und meine unsterbliche Seele? O

wäre ich wieder daheim bei Herrn =Tobias= und bei dem Schiwa, bei den

gefüllten Caffeeschachteln, bei den chinesischen Theebüchsen und den

kanarischen Zuckerhüten! Ich wollte ja nimmer wieder, wie ich bisher

gethan, manches Pfund der edeln Waare heimlich mitgehen heißen und es

dem Domine zutragen. Vergieb mir meine Sünden, Herr, und führe mich

glücklich wieder heim zu den Theebüchsen und dem Schiwa!«

Die Mumie von Rotterdam. Erster Theil · 第 11 / 13 段