das Polster der Cajütenbank zurück und betete in unverständlichen Tönen
fort.
»Alle zu Hauf!« erklang in diesem Augenblicke =Jansens= Stentorstimme
auf dem Verdecke. »Zeigt ihnen die Geusenflagge, damit die spanischen
Hunde sehen, mit wem sie es zu thun haben!«
Dieser Ruf bewog =Clelia=, sogleich die Cajüte zu verlassen und auf das
Verdeck zu eilen. =Cornelius= wollte sie unterstützen; sie lehnte es ab
und stieg rasch und ohne alle Hülfe, die Treppe hinauf. Während
=Cornelius= zu seinem Freunde flog, um diesen zu befragen, wie er ihm
auf die beste Weise nützen könne, blieb =Clelia= in der Cajütenthüre
stehen und sah mit ruhigem, unerschrockenem Blicke auf die Umgebungen.
Sie fühlte sich über sich selbst erhoben, es dünkte ihr, sie sey jetzt
edler und besser, als früher. Die Blässe, die auf dem schönen, ruhigen
Antlitz lag, gab ihr etwas Ueberirdisches. Alles um sie herum war in der
lebendigsten Bewegung. Schießbedarf wurde herbeigetragen, Gewehre wurden
ausgetheilt, =Beckje= ging zu jedem Einzelnen der Schiffsbemannung,
schenkte ihm ein Glas Genever ein und ermunterte die Leute. Die Gestalt
des Mädchens, die sich in der Cajütenthüre so ruhig und furchtlos
zeigte, machte einen besondern Eindruck auf die rohen Männer. Sie
betrachteten sie mit Bewunderung, sie machten einander auf die liebliche
Erscheinung aufmerksam und wenn die kühne Todesverachtung noch durch
irgend Etwas hätte erhöht werden können, so wäre es durch den Gedanken
gewesen, daß sie, indem sie für Freiheit und Vaterland kämpften, auch
zugleich eine so wunderbare weibliche Schönheit zu beschützen hatten.
Indessen suchten =Clelia's= Blicke das feindliche Schiff und fanden es.
Still und drohend lag es in einer geringen Entfernung. Es schien sehr
leicht gebaut, die Segel waren eingerefft, die Stückpforten noch
verschlossen. Man mochte auch dort durch die plötzliche Begegnung der
bewaffneten Barke überrascht worden seyn und noch in Zweifeln schweben,
mit wem man es eigentlich zu thun habe. Ein verwirrtes Gedränge war auf
dem Verdecke zu bemerken. Es unterlag keinem Zweifel, daß die Schebecke
an Bemannung und Streitkräften der =Syrene= überlegen sey. Auch war sie
gewiß ein schnellerer Segler, als diese. Die spanische Flagge wehete
lustig am Vordertheile und diese Verwegenheit in einem Binnenwasser der
vereinigten Generalstaaten, erfüllte =Jansens= Leute mit Wuth.
»Das Geusenzeichen auf! Laßt den Besen sehen, der die Meere fegt von den
spanischen Don's!« riefen mehrere ungeduldige Stimmen dem Bootsmanne zu,
der fluchend umherrannte und im Eifer keinen Besen finden konnte.
»Da habt Ihr die Flagge!« schrie =Beckje's= feine Stimme dazwischen,
indem sie aus der Küche einen alten Borstenbesen heraufreichen ließ.
»Laßt sie rasch auffliegen! Wir wollen, denk' ich, diesen
Schebecken-Caper damit hinwegfegen, daß ihm die Lust vergehen soll,
jemals wieder den =Biesbosch= zu befahren.«
Die gefürchtete Geusenflagge, wie spottweise von den Holländern selbst
der Besen genannt wurde, flog klappernd am Maste empor und schwebte nach
wenigen Augenblicken fest an dessen Spitze. In gespannter Erwartung,
welchen Eindruck diese Erscheinung auf dem feindlichen Fahrzeuge
hervorbringen würde, vergingen mehrere Minuten. Mit gedämpfter Stimme
sagte während dieser Zeit =Jansen= zu seinem Freunde:
»Es steht uns ein harter Kampf bevor! Die Schebecke ist stärker, wie
wir, sie hält mehr aus und ihre Mannschaft zählt wohl das Doppelte der
meinigen. Ich mag nicht Reißaus vor ihr nehmen und könnte es nicht, wenn
ich auch wollte. Ihre Segel überholen die unserigen, ihr ganzer Bau ist
auf Geschwindigkeit eingerichtet. Wenn das Schiff, das wir vor dem
Essen, als einen schwarzen Punkt weit hinter uns sahen, noch zeitig
herankommt, so haben wir gewonnen Spiel und der Don muß streichen und
sich ergeben auf Gnade und Ungnade. Aber der Teufel weiß, wo es steckt!
Im Biesbosch kann man keine Viertelstunde weit sehen vor lauter Inseln
und Inselchen.«
»Besinne dich, =Jansen=!« versetzte in großer Aufregung =Cornelius=.
»Giebt es nicht irgend eine Kriegslist, ein kühnes Wagstück, wodurch wir
die Uebermacht des Feindes zu Schanden machen könnten? Uebertrag es
mir! Bei der Asche Oraniens! Es soll dich nicht gereuen.«
»Wenn es Abend wäre,« erwiederte nachdenklich der Capitän der =Syrene=,
»dann wäre etwas zu thun, dann wollten wir den Don anbrennen und braten
in seinem eigenen Fette. Ich habe griechisches Feuer, Petarden und
Brandkränze, die kein Wasser löscht -- aber es ist nichts! Am hellen
Tage können sie uns nichts helfen.«
Jetzt blitzte es auf aus einer der Stückpforten der =Schebecke=. Eine
Kanonenkugel tanzte über die Wellen hin und flog dicht am Vordertheile
der Barke vorbei. Der dumpfe Schall des Geschoßes donnerte durch die
Lüfte.
»Der Don ist aus seiner Trägheit erwacht;« rief =Jansen=: »gebt Acht, er
wird uns gleich noch mehr zu hören geben.«
Und so geschah es auch. Mitten aus dem Getümmel, das auf dem feindlichen
Schiffe herrschte, während nun die übrigen Stückpforten sich aufthaten
und blitzende Gewehre sich am Bord zeigten, schallten in gebrochenem
Holländisch, durch das Sprachrohr, die Worte herüber:
»Ergebt Euch, Ihr Lumpen! Streicht Eueren Besen, daß wir ihn zu Ruthen
für Euch gebrauchen oder wir bohren Euch in den Grund, wo Ihr die Fische
aus ihren Schlupfwinkeln fegen könnt!«
»Soll ich antworten?« fragte der Bootsmann, ein kleiner untersetzter
Bursche, mit einer ungeheuren Schmarre im Gesichte, die von der Stirn
dicht neben dem schielenden linken Auge hinweg bis zum Kinne lief,
seinen Capitän. =Jansen= machte nur eine bejahende Bewegung mit der Hand
und sogleich lag der Bootsmann mit halbem Leibe auf dem größten der
Böller, richtete ihn und stand dann rasch auf, um die brennende Lunte
zur Hand zu nehmen.
»Das soll ihm wohl bekommen!« sagte er grimmig in sich hineinlachend.
»Wie die Frage, so die Antwort.«
Er hieb auf, der Böller entladet sich mit einem Getöse, das dem einer
Canone gleich kam. Noch verbarg der aufsteigende Dampf die Wirkung des
Schußes, als er sich aber zerstreut hatte, sah man, daß der wackere
Schütz die Seitenwand des feindlichen Schiffes, gerade auf der Spitze
ihrer Wölbung getroffen hatte. Loßgerißene Planken trieben in den
Wellen, ein verwirrter Menschentumult an einem Punkte, auf dem Verdeck
der Schebecke, ließ vermuthen, daß die Kugel weiter gedrungen sey und
auch unter der Mannschaft Tod und Verwüstung verbreitet habe.
»Backbord und Fockmast!« jubelte =Jansen=. »Noch vier solcher Pillen dem
Don in das Unterdeck geworfen und er muß daran glauben. Aber er kommt
näher, er will sich die heißen Brocken mit den Fingern aus der Suppe
holen, die wir ihm kochen.«
Wirklich hatte der Spanier seine Stellung verlassen und rückte über
Schußweite vor. Dann erfolgte eine volle Lage seines Geschützes, dicker
Rauch umgab beide Fahrzeuge und als dieser von einem Lüftchen, das sich
eben erhob, langsam zur Seite getrieben war, sah man die Schebecke im
Begriffe sich zu wenden, um auch aus den Stücken des anderen Bordes
Verderben auf ihren Gegner zu schleudern.
»Er meint es gut mit uns!« rief der Capitän der =Syrene=. »Aber wendet
auch! Zeigt ihm die Spitze, daß seine Kugeln in die leere Luft fahren!«
Während dieses Mannoeuver rasch und pünktlich vollzogen wurde, warf
=Jansen= einen forschenden Blick auf sein Schiff. Zu seiner Beruhigung
fand er, daß die erste Begrüßung des Feindes diesem durchaus keinen
Schaden zugefügt hatte. Es schien ihm gleich Anfangs, als gingen die
Schüße der Schebecke zu hoch und er wußte aus Erfahrung, daß die Spanier
in der Regel schlecht trafen, weil sie zu bequem waren, genau zu zielen.
Indessen hatte sich ein dunkles Gewölk über den zwei streitenden
Schiffen zusammengezogen. Dem Lüftchen, das eben noch leicht geweht,
folgten einige heftige Windstöße, in gleicher Richtung wurden die
Fahrzeuge von den höher schwellenden Wogen aus der Nähe der Inseln auf
die freie Wasserfläche getrieben.
=Cornelius= flog auf dem Verdecke hin und her, vertheilte Geld unter die
Leute und befeuerte ihre Kampflust. Da fiel sein Auge auf die Thüre,
die zu der Cajüte führte. Noch immer stand hier in ruhiger Haltung
=Clelia= und hatte die Blicke auf die Bewegung des feindlichen Schiffes
gerichtet.
»Ich beschwöre Euch, geht hinab!« sagte er drängend zu der Geliebten.
»Euere Gegenwart lähmt meinen Muth, Euer Anblick macht mich erbeben;
dagegen wird der bloße Gedanke, Euch in der Nähe zu wissen, für Euch zu
kämpfen, mich begeistern und unüberwindlich machen. Noch einmal, geht
hinab! Ihr seyd ein lockendes Ziel für das Geschoß des Feindes, Ihr
könnt ja doch hier nicht nützen, Ihr könnt nur hindern.«
»Gut!« erwiederte =Clelia=, dieses einsehend. »Ich gehe hinab, aber nur
in der Erwartung, daß mir die Verwundeten zur Pflege nachgesendet
werden.«
»Die ganze Affaire hat wahrscheinlich nicht viel zu bedeuten;« sprach
=Cornelius=, mehr um jede etwa erwachende Besorgniß der Geliebten zu
zerstreuen, als weil er selbst daran geglaubt hätte. »Das befreundete
Fahrzeug, das wir in der Ferne uns folgen sahen, kann mit jedem
Augenblicke eintreffen und dann wird der Spanier alle Segel aufsetzen
und so rasch, als möglich das Weite suchen.«
»Das ist zweifelhaft;« antwortete sehr ruhig =Clelia=. »Wir haben nur
auf den Augenblick zu denken und müssen der Gegenwart dienen, jeder nach
seinen Kräften.«
Mit diesen Worten wandte sie sich von dem Junker und stieg langsam die
enge Treppe hinab.
»Herrliches Mädchen!« sagte dieser für sich, indem er ihr entzückt
nachsah. »Wie sehr habe ich dich verkannt! Wie sehr habe ich gegen dich
gesündigt! Mußte denn erst mein Vergehen die tief liegende Stärke deines
Characters, deine Geisteskraft, vor der ich mich gern beuge,
hervorrufen?«
Diese Betrachtungen wurden durch die Kanonenschüße der Schebecke, die
jetzt schnell aufeinanderfolgten, unterbrochen. Sie war durch ihre
wohlausgeführte Wendung der =Syrene= näher gekommen. Als aber die
Spanier bemerkten, daß diese ihnen jetzt nur den Vorsteven zur
Zielscheibe ihrer Geschoße darbot, gaben sie ihr nicht die
beabsichtigte ganze Lage, sondern bestrichen sie mit einzelnen Schüßen,
die aber, wenn sie trafen, unschädlich an den starken eichenholzenen
Seitenwänden hinschwirrten.
»Auf die Leeseite!« erklang jetzt des holländischen Capitäns
Commandoruf. »Wir wollen ihnen eine Anzahl eiserner Erbsen zuschicken,
die ihnen den Appetit verderben soll. =Herrmanneke=,« schrie er nach dem
Bootsmann hin, »richte schnell die Stücke. Dein Auge ist fest und wohin
es sieht, ist's schon so gut, als wenn getroffen wäre!«
Während das finstere Gewölk, das sich vor einigen Minuten erst über den
Häuptern der Streitenden gezeigt hatte, nach und nach den ganzen
Horizont einnahm und die Tageshelle in beginnende Dämmerung verwandelte,
wurde den Befehlen =Jansens= eilige Folge geleistet. =Beckje=, die zwar
diesesmal keinen thätlichen Antheil am Kampfe nahm, trug doch durch ihre
Scherze, durch ihre immerwährend heitere Miene und durch Erquickungen,
welche sie vertheilte, Viel zur Erhaltung und Belebung der allgemeinen
Kampflust bei. Sie begann jetzt mit heller, klingender Stimme, die auf
dem ganzen Verdeck vernommen wurde, das Lied zu singen:
»Die Geusen wollen jagen
auf den hispanschen Don,
doch wo sie nach ihm fragen,
lief er schon längst davon!«
=Jansen= und die Schiffsleute wiederholten die zwei letzten Zeilen im
Chor. Eben als sie die zweite Strophe begonnen hatte:
»Der Spanier kann fischen,
doch fangen kann er nichts,«
lag die =Syrene= mit der Länge ihres Bordes der =Schebecke= gegenüber,
flammende Blitze fuhren aus den donnernden Böllern und über den Dampf
hinweg, den die Dicke der Atmosphäre auf die Wellen niederdrückte, sah
man Spieren und Segelwerk der =Schebecke= zerrißen in den Lüften
flattern. Ein allgemeines Jubelgeschrei erklang auf dem holländischen
Fahrzeuge.
»Zurück!« donnerte =Jansens= Stimme dazwischen. »Wir sind ihnen zu nahe
gekommen. Geben sie uns jetzt eine Lage, so sind wir verloren.«
Als wolle die Natur der =Syrene= zu Hülfe kommen, wälzte sich jetzt eine
große Welle zwischen sie und den Spanier, und warf sie weit von dem
Gegner ab.
»Es gibt Sturm!« sagte =Cornelius=, der neben =Jansen= stand, zu diesem.
»Der Himmel will nicht haben, daß wir den =Don= nehmen oder =er= uns.«
»Nein, nein!« antwortete der Capitän. »Das ist nur vorübergehend. Hier
halten sich die Wetter nicht. Sie eilen der offenen See zu.«
Während =Jansen= sprach, wendeten sich seine Blicke nicht von dem Gegner
ab. Es war ziemlich düster geworden, aber das scharfe Auge eines
Seemanns konnte doch erkennen, daß die feindliche Schebecke bedeutend
gelitten hatte. Zu seinem Erstaunen vergingen einige Minuten, ohne daß
sie aufs Neue anfing zu feuern. Als aber jetzt plötzlich eins, zwei
Segel zwischen ihrem Tauwerk sich entrollten, vom Winde gefaßt wurden
und das leichte Fahrzeug blitzschnell in gerader Richtung auf die
=Syrene= zustürmte, erkannte er mit einemmale ihre drohende Absicht.
»Alle zu Hauf'!« gebot seine gewaltige Stimme. »Die Schurken wollen
entern. Sie sehen, daß sie an unsern Nüssen sich die Zähne ausbeißen,
während wir die ihrigen mit leichter Mühe knacken. Büchsen und Piken
herbei! Alles zum Vorsteven! Das Steuer scharf gehalten, daß sie nur an
der Spitze fassen können! Backbord und Bramsegel!« sagte er mit
gedämpfter Stimme zu =Cornelius=. »Die Geschichte kann arg werden! Ihrer
sind mehr, als wir, und Mann gegen Mann sind die Spagnols bissige
Hunde.«
»Höre =Jansen=!« versetzte, von einem kühnen Gedanken ergriffen,
=Cornelius=. »Jetzt lass' mich ein Stückchen nach meiner Art versuchen.
Gib mir die =Jölle=, die am Steuerbord anhängt, vier kühne Bursche und
dein Brandwerk. Es ist dunkel genug zu einem Handstreiche. Während der
Don anlegt und alle seine Leute auf einem Punkte zum Entern
herbeidrängen, fahre ich unbemerkt auf seine andere Seite und heize ihm
ein, daß er seine Schebecke bald für einen Backofen ansehen soll.«
»Respect!« erwiederte =Jansen=, indem er mit großen Augen auf ihn
herabblickte. »Du verdientest ein Seemann zu seyn! Wenn dir der Streich
gelingt, =Cornelius=, so ziehe ich meine Mütze vor dir und will nie mehr
spotten über die Landkrebse.«
Er rief, während die angeordnete Haltung der =Syrene= mit der größten
Pünktlichkeit bewerkstelligt wurde und sie der herannahenden Schebecke
immer das Vordertheil zukehrte, =Herrmanneke=, den verwegenen Bootsmann,
herbei und noch drei andere Matrosen, die er als die tollkühnsten der
Mannschaft kannte. Piken und scharfgeladene Hakenbüchsen wurden von den
übrigen in wilder Eil herbeigeschleppt. Nur wenige Worte flüsterte
=Jansen= dem Bootsmanne und seinen Cameraden zu. Dann eilten diese, die
gebräunten Gesichter zu einem grimmigen Lächeln verziehend, mit
=Cornelius= an der Spitze nach dem Steuerborde. Niemand, als der Mann am
Ruder bemerkte, wie sie leise an den Borden des Schiffes in die =Jölle=
hinabglitten, wie der letzte von ihnen einen großen Kasten, mit einem
Deckel von Eisenblech verwahrt, hinabschaffte und dann mit einer raschen
Bewegung nachfolgte. Die =Jölle= stieß ab und näherte sich, indem die
flachgehaltenen Ruder kaum hörbar über die Wellen hinschlugen, und ihr
eigenes Schiff sie den Augen der Feinde verbarg, der Schebecke, die nun
in wenigen Augenblicken die Enterhaken nach der =Syrene= auswerfen
konnte. Das schwarze Gewölk am Himmel senkte sich drohender herab, es
ward in diesem Augenblicke düsterer, als bisher, die gespannteste
Erwartung verkündete sich in der allgemeinen Stille auf beiden Schiffen.
=Jansens= scharfes Auge bewachte jede Bewegung der Gegner. Er sah, wie
ihre Absicht einzig und allein darauf gerichtet war, an Bord seines
Fahrzeuges zu gelangen, um hier durch ihre Uebergewalt den Sieg zu
erringen. Er erkannte, daß der entscheidende Augenblick gekommen sey.
»Feuer!« gebot seine Donnerstimme und die wohlbedienten Hakenbüchsen
trafen in dieser Nähe so sicher, daß in der vordern Reihe der Spanier
mehrere todt oder verwundet niederstürzten. Aber dieses Mißgeschick
vermehrte nur die Wuth der andern. Mit fürchterlichem Gebrüll warfen sie
die Enterhaken in den Vordertheil der =Syrene=; die Schiffe hingen
aneinander, ein Haufe grimmiger Gestalten drang mit gehobenen Aexten und
Säbeln von der Schebecke an Bord des holländischen Fahrzeugs. Der
kräftige =Jansen= und seine kühnen Leute setzten ihnen den
entschlossensten Widerstand entgegen.
»Hinab mit den Schurken! In die Wellen mit den Don's!« schrie er und
sein Arm schleuderte jeden, der sich ihm näherte, unwiderstehlich in die
Flut. Aber immer stürmten neue Haufen heran und er sah nun ein, daß er
die Anzahl der Gegner zu gering geschätzt hatte. Schon mußten die
Holländer vor der drängenden Menge weichen, schon waren einige von ihnen
gefallen und =Jansen= erkannte, daß er mit seinen Leuten unmöglich das
Schiff halten könne -- da stieg plötzlich ein weißlicher Dampf von dem
Mittelborde der Schebecke auf und wurde im Fluge weniger Secunden zum
dicken schwarzen Rauche, dem sogleich die ausbrechende Flamme folgte.
Die Anzahl der angreifenden Feinde verminderte sich. Viele von ihnen
eilten hin, um das Feuer zu dämpfen. =Jansen= und die seinigen drangen
wieder vor.
»Sieg! Sieg! Oranien hoch! Die Geusen hoch!« jubelte =Beckje=, von der
Höhe des Cajüten-Verdecks, die sie, um das Ganze überblicken zu können,
eingenommen hatte. Die Mannschaft der =Syrene= stimmte ein. Vor ihrem
neubelebten Muthe flohen die Gegner auf ihr brennendes Schiff zurück.
=Jansen= packte mit Riesenkraft den letzten Spanier, der fliehend die
=Syrene= verlassen wollte, und schleuderte ihn hinter sich auf das
Verdeck.
»=Den= behalten wir zum Andenken an diesen Tag!« rief er. »Jetzt die
Enterhaken weg, die Schiffe von einander! Der Spagnol mag allein zur
Hölle fahren!«
Im Fluge des Augenblicks wurden seine Befehle ausgeführt. Alles griff zu
den Rudern. Mit einer Schnelligkeit, als hätte sie Flügel, entfernte
sich die =Syrene= aus der gefahrdrohenden Nähe der aufflammenden
Schebecke. Aller Blicke hingen an dem Schiffe, dessen entsetzliche Lage
das Angstgeschrei der Mannschaft verkündigte. In diesem Momente brachen
sich die Wolken, die Sonne strahlte vom Himmel herab. =Jansen= sah, wie
die Schaluppe der Schebecke ausgesetzt wurde, um wahrscheinlich die
Bemannung aufzunehmen. Das Feuer griff weiter um sich, es wüthete schon
in dem Tauwerk und den Masten. »Möchten sie sich retten!« wünschte
=Jansen=, dessen Mitleidsgefühl größer war, als der Haß, den er auf die
Spanier geworfen hatte. Aber er mußte sehen, wie die Schaluppe, als sie
die Oberfläche des Wassers berührte, umschlug und von den Wellen
fortgerissen wurde. Ein herzzerreißender Schrei der Verzweiflung klang
von dem spanischen Schiffe herüber. Zu gleicher Zeit wurde aber
=Jansens= Aufmerksamkeit von einem andern Gegenstande gefesselt. Hinter
der nächsten Insel bewegte sich mit schwellenden Segeln und die Flagge
der vereinigten General-Staaten entfaltend, ein stattlicher Kutter
hervor.
»Zu spät!« sagte =Jansen= unwillig für sich. »Eine Viertelstunde früher
und Alles wäre anders gekommen!«
Eine zarte Hand faßte die seinige. Er wandte sich um. Zwischen zwei
schwer verwundeten, am Boden liegenden Matrosen, stand =Clelia=. Ihre
Gesichtszüge waren verstört, ihre Blicke irrten unruhig umher, ihre Hand
bebte. Sie holte schwer Odem, sie schien mit Gewalt die Kraft der Rede
aufbieten zu müssen.
»Wo ist =Cornelius=?« stöhnte sie aus tiefer Brust. »Ich suche ihn
allenthalben; ich finde ihn nirgends!«
»Sturm und Windstille!« rief außer sich =Jansen=, der in dem Drange der
Ereignisse seines Freundes vergessen hatte. »Ihm verdanken wir unsere
Rettung. Er hat die Schebecke angezündet. Er war darauf oder -- er ist
noch dort!«
Seine Blicke flogen wild über die Wasserfläche. Nirgends war die Jölle
zu sehen. Einen Augenblick lang trieb der Wind die Rauchwolke zur Seite,
welche die Schebecke umgab. Die Aussicht hinter ihr wurde frei, auch
dort keine Spur des Nachens, der das Verderben zu dem feindlichen
Fahrzeuge getragen hatte! Todtenbleich stand =Clelia=, mit schlaff
herabhängenden Armen, die großen trockenen Augen starr auf das brennende
Schiff geheftet. Ihre Hände und Arme zitterten, sonst schien die ganze
Gestalt starr, regungslos erhalten durch die allgewaltige Spannung, die
sich ihres Innern bemächtigt hatte.
»Wir müssen es wagen, wir müssen ihn retten!« schrie =Jansen= mit einer
Stimme, die Alle ergriff. »Die Ruder bewegt! Noch einmal an die
Schebecke!«
Da flammte von der Oberfläche des Wassers ein ungeheurer Blitz empor zum
heiter gewordenen Himmel. Eine schwarze, breite Rauchwolke stieg rasch
auf von der Stelle, wo man so eben die Schebecke gesehen hatte. Dann
folgte ein entsetzliches Krachen, der Himmel verdunkelte sich, die
Wellen geriethen in Gährung, Todtenstille herrschte auf der Syrene. Als
die finstere Rauchwolke sich vertheilt hatte, waren nur noch einzelne
Trümmer des spanischen Schiffes zu erblicken, mit denen die Wellen
spielten. Das Jammergeschrei derer, die noch vor einer Stunde lebensfroh
und kräftig auf ihr gewaltet, war im Todeskampfe verstummt, des Schiffes
stolzer Bau vernichtet.
In tiefer Ohnmacht lag =Clelia= neben dem erstarrten =Jansen=. Ruhig und
majestätisch zog der Kutter über den bewegten Wellenspiegel heran.
In demselben Verlage sind folgende empfehlenswerthe Bücher erschienen:
=Döring=, Georg, =Sonnenberg=. Eine Novelle in drei Theilen. 12.
Geheftet Rthlr. 4. 20 ggr. oder fl. 8. 24 kr.
Wir dürfen dieses neue Produkt des beliebten Verfassers, mit um so
größerem Rechte der Theilnahme des Publikums empfehlen, da hier das
Interesse der Dichtung selbst und zugleich die Wahl des historischen
Hintergrundes, auf welchem jene erscheint, von hoher Bedeutung für den
=deutschen= Leser sind. Wenn =Walter Scott= mit vorziehender Liebe die
frühere Geschichte seiner Heimath benutzte, um sie mit seinen Dichtungen
zu verschmelzen und in diesen zu verlebendigen, so ist dasselbe in
Hinsicht auf die Geschichte unseres Vaterlandes gewiß mit nicht weniger
Liebe von unserm Verfasser in der gegenwärtigen Novelle geschehen. Uns
scheint das Zeitalter, der Kampf und Untergang Adolphs von Nassau mit
lebendiger Erkenntniß aufgefaßt und dargestellt, die handelnden Personen
scharf und anziehend gezeichnet, die Hauptgeschichte -- der rein
romantische Theil des Werkes -- von außerordentlichem, fortwährend
spannendem Interesse, und die Darstellung des Ganzen so blühend und
ansprechend, wie sie die Lesewelt von dem Verfasser zu erwarten
berechtigt ist. Wir erwähnen nur noch, daß dieses -- nach den seit
Walter Scott angenommenen Bestimmungen -- die erste historische Novelle
seyn dürfte, die, indem die reizendsten Gegenden unseres Vaterlandes ihr
zur Scene dienen, einen allgemein wichtigen Zeitabschnitt umfaßt, da
=Hauffs Lichtenstein= sein Interesse nur aus der würtembergischen
Geschichte schöpft und =Spindlers Jude= überhaupt mehr in den
Sittenzustand, als in die Geschichte Deutschlands selbst eingreift.
=Döring=, Georg, =Phantasiegemälde= für 1829. 8. Gebunden, mit einem
Kupfer von =Fleischmann=. Rthlr. 1. 12 ggr. oder fl. 2. 45 kr.
Dieses Werk erfreut sich schon seit einer Reihe von Jahren einer so
ausgezeichneten Gunst des Publikums, daß es überflüssig scheinen dürfte,
diesen neuesten Jahrgang noch besonders zu empfehlen. Dennoch halten wir
es für unsere Pflicht, darauf aufmerksam zu machen, daß die reiche
Phantasie des Verfassers sich hier in einer Fülle entfaltet, wie noch in
keinem der früheren Jahrgänge, indem sie, bald das Meer, bald England
und Frankreich, bald selbst das üppig herrliche Ostindien zum
Schauplatze ihrer höchstanziehenden Darstellungen macht.
=König=, H., die =Wallfahrt=. Eine Novelle. 12. Geh. Rthlr. 1. 8 ggr.
oder fl. 2. 24 kr.