»Ruhig, =Beckje=!« erwiederte lachend der Capitän und reichte der

Grollenden treuherzig die Hand. »Es war nicht böse gemeint und was ich

unter dem hübschen Affengesicht verstanden habe, das machte wahrlich der

heidnischen Schönheitsgöttin =Venus= keine Schande. Doch weiter im Text,

sagt der Domine; ich sage: weiter in der Fahrt! Es wurde wieder ruhiger

im Zimmer. Wenige setzten sich auf's Neue nieder. Die meisten legten

sich auf den Bänken und auf den Fußboden vor Anker, um hier nach wenigen

Augenblicken in einen tiefen Schlaf zu fallen. Der Seemann, der vor dem

Tumulte mir gegenüber gesessen, nahm seinen Platz wieder ein. »Sie haben

den wilden =Hann= gekielholt im Canale!« sagte er lachend. »Es war dem

Burschen gesund. Das Wasser machte ihn in einem Augenblicke wieder

nüchtern; er schwamm durch, wie ein Delphin, und schickte uns von der

andern Seite eine volle Lage von Verwünschungen zu. Aber, Blixen!« fuhr

er auf: »wir sitzen wieder fest auf der Sandbank im leeren Glase. Schenk

ein, Wirth! Mir und dem Landsmanne! Ich hoffe, du hast noch ein

tüchtiges Stück Kreide für den =Claas=!« Mit großer Geschäftigkeit war

der Rothkopf bei der Hand und füllte unsere Gläser. Ich ließ es

geschehen, denn der Trunk fing an mir zu munden und ich dachte: morgen,

wenn du dein Papier zu Geld gemacht hast, kannst du es dem lockern

Seehunde zehnfach wiedergeben. Er trank mir zu auf das Wohlergehn aller

Seeleute, und ich that ihm mit so vieler Lust und Fröhlichkeit Bescheid,

daß er mich mit den listigen Augen groß ansah und ich wohl merkte, er

wittere Seeluft. Bald aber schien dieser Gedanke wieder ganz von ihm

gewichen, er behandelte mich als eine Landratte, spottete über das

ewige, langweilige Werkeltagsleben in Städten und Dörfern und fing nun

an, auf eine vertrauliche Weise mir von dem Treiben auf der See zu

sprechen, mir die Lust und das Wohlergehn auf den Schiffen gar herrlich

auszumalen, die Merkwürdigkeiten von Ost- und Westindien zu preisen, mit

solcher Uebertreibung und Unwahrheit, daß ich, der das Alles vielleicht

besser kannte, als er, unwillkührlich vor mich hinlachen mußte. Ich

merkte nun, daß er mich anwerben, daß er einen Rekruten für irgend einen

Ost- oder Westindienfahrer aus mir machen wollte. Jetzt glaubte ich auch

die Warnung des Mädchens zu verstehen. »Damit hat es gute Wege!« dachte

ich: »der =Jansen= weiß auch, wie das Salzwasser in der Bay von

=Batavia= schmeckt und sieht keine Piratenflagge für die Farbe der

Ehrlichkeit an.« Mein lächelndes Gesicht mochte den Burschen glauben

machen, daß mir seine Reden gefielen und ich blindlings in das Netz

segle, das er so lockend vor mir ausgebreitet hatte. Er rückte

zutraulich näher. Seine Zunge wurde noch geschwätziger. Er plapperte,

wie es die Werber zu machen pflegen, gleich einem Papagey in einem fort.

Hundert lustige Seemannsstückchen kamen an den Tag, dazwischen manche

Geschichte von einem und dem andern, der als bloßer Matrose nach den

Indien gegangen und als ein reicher Bewindhebber zurückgekehrt sey. Alle

diese Künste waren mir bekannt und belustigten mich sehr. Er ließ noch

mehreremale einschenken und ich trank mit ihm, denn vor seinem Genever

brauchte ich mich nicht zu fürchten, das wußte ich aus vielfältigen

Erfahrungen, in denen ich auf ganz andere Proben gesetzt worden war und

See gehalten hatte. »Gelt!« sagte endlich, nachdem er eine gar lustige

Geschichte erzählt, über die ich sehr lachen mußte, der Bursche mit

einer verschmitzten Miene zu mir: »Das Leben gefällt Euch und Ihr

möchtet es auch gern so haben? Nun das kann geschehen und an einem

hübschen Handgeld soll es auch nicht fehlen! So ein zwanzig Gulden etwa,

dächte ich, wären Euere Sache?« Jetzt stieg mir der Aerger in den Hals.

Einem Kerl, wie mir, lumpige zwanzig Gulden zu bieten! Ich vergaß meinen

Vorsatz, ich nahm die falsche Flagge ab, ließ lustig das Seemannswimpel

wehen und rief: »Halsen und Schoten, was bildet Ihr Euch ein? Der Sturm

aus dem Brandweinglase hat Euch das Takelwerk verwirrt, daß Ihr einem

Manne, der schon als zwölfjähriger Junge die blauen Berge von =Sumatra=

gesehen und in den Riffen von =Ceilan= Schiffbruch gelitten hat, einen

so niederträchtigen Vorschlag macht. Geht in Euere Hangematte und

schlaft den Rausch aus! Morgen könnt Ihr mit mir trinken zur Revange,

aber bringt gescheidtere Gedanken mit.« Ich stand auf und sah auf meinen

Mann, der auch aufgesprungen war, herab wie der Goliath auf den David.

Er sagte nichts. Seine Blicke flogen aber unruhig über seine Cameraden

hin, als wolle er untersuchen, ob im Falle der Noth ihr Beistand ihn

unterstützen werde. Sie lagen jetzt sämmtlich in einem so tiefen

Brandweinschlafe, daß ich bei der geringsten verdächtigen Bewegung des

Meisters =Claas=, ihn zehnmal hätte kalt machen können, ehe sie einmal

zur Besinnung gekommen wären. Er mochte das selbst einsehen und setzte

sich ruhig wieder an seinen Platz. Ich rief jetzt dem Wirthe, daß er mir

mein Schlafzimmer zeigen solle. »Ey, Ihr wollt allein schlafen?« sagte

er gedehnt. »Nun dann müßt Ihr auch vorlieb nehmen mit dem, was Ihr

bekommt, denn auf Schlafgäste bin ich gerade nicht eingerichtet.« Der

Rothkopf zündete eine Lampe an, ich wünschte dem Meister =Claas= lachend

eine gute Nacht, die er nicht erwiederte, und folgte dann meinem Führer

über einen langen Hof, zu einem düstern Hintergebäude. Auf diesem Wege

bemerkte ich zu meinem Erstaunen, daß ich nicht ganz fest auf den Beinen

sey. Eine wunderliche Müdigkeit, wie ich sie noch nie empfunden, lag

lähmend in allen meinen Gliedern. Wie betäubt stieg ich hinter dem

Wirthe, der sich öfter nach mir umsah, eine schmale Treppe hinauf, die

kein Ende nehmen wollte. »Sind wir bald an Bord?« fragte ich endlich,

als wir unter dem Dache angekommen waren, das, schräg und niedrig

ablaufend, mich am Geradestehn verhinderte. »Hier ist es;« antwortete

der Rothkopf. Er stieß zugleich eine Thüre auf, durch die ich mich

gebückt in eine kleine Kammer hineinbugsierte. Ich konnte nichts mehr

sehen, ich konnte das Gemach nicht untersuchen; meine Augen fielen zu

und ich sank angekleidet, wie ich war, indem das letzte Restchen von

Bewußtseyn schwand und ich noch, wie aus weiter Ferne, das höhnische

Gelächter des Rothkopfs zu vernehmen glaubte, auf die Lagerstatt nieder.

Wie lange ich so, gleichsam in der Windstille des Todes als ein

unbrauchbares Wrak, gelegen, weiß ich nicht. Als ich anfing, wieder zu

mir zu kommen, fühlte ich einen heftigen Schmerz am Munde, an den Händen

und den Füßen. Es war mir noch so wüst im Mastkorbe, daß ich mich mit

Gewalt zusammen nehmen mußte, um einen vernünftigen Gedanken zu fassen.

Sturm und Wetter! Denkt Euch, was die Hunde gethan hatten? Ein scharfer

Knebel saß mir im Munde, meine Hände waren mit einschneidenden Stricken

auf den Rücken gebunden, meine Füße ebenso an die Pfeiler der

Bettstelle befestigt, meine Brust mit einem ledernen Riemen an diese

festgeschnürt. Ich war keiner Bewegung mächtig. Nur den Kopf konnte ich

mit Mühe etwas heben und ihn vorwärts beugen. Das konnte mir nicht

während eines gewöhnlichen Schlafes, nicht einmal in einem tüchtigen

Rausche geschehen seyn, ohne daß ich erwacht wäre. Man mußte mir etwas

Giftiges, Betäubendes in den Brandwein gethan haben. Durch eine Dachluke

hoch über mir fiel ein Lichtstrahl herein. Indem ich den Kopf mühesam

vordrückte, sah ich bei dem matten Dämmerlichte, das in der Spelunke

herrschte, daß man mir meine guten Kleider ausgezogen und mich mit

Lumpen bedeckt hatte. Mein Kopf that mir wehe. Vergebens strengte ich

mich an, noch mehr über meinen Zustand nachzudenken, über die

Veranlassungen dazu, über den gestrigen Abend, über die Menschen, die

mich in diese Lage versetzt, und über die Absicht, die sie mit mir haben

möchten. Es legte sich wieder, wie Blei, auf meine Glieder, im Kopfe

wurde es mir ganz dumm und ohne einzuschlafen, die offenen Augen immer

nach der Luke im Dache gerichtet, war es mir doch immer, als läge ich in

einem schweren Traume. Da hörte ich plötzlich ein Geräusch, das mit

einemmale, wie ein Blitz, in mein Gehirn fiel und dieses erhellte. Es

war ein heiseres, höhnisches Gelächter aus einem Winkel der Kammer. Es

schien mir nicht unbekannt, ich mußte ein ähnliches schon gehört haben.

Ich versuchte zu sprechen, aber ich brachte nur einen kaum hörbaren,

dumpfen Laut hervor. Da wurde das Lachen lauter und derjenige, von dem

es kam, trat so dicht an mich heran, daß ich ihn sehen konnte. Klippen

und Sandbank! Es war kein anderer, als Meister =Claas=, der mit

untergeschlagenen Armen neben mir stand, mit den scharf blickenden Augen

mich von oben bis unten maß und spöttisch grinsend sagte: »Warum habt

Ihr doch die zwanzig Gulden Handgeld nicht genommen? Es wäre immer eine

gute Ladung gewesen für Euere Tasche, die nun leer ist und wenig

Hoffnung hat, bald wieder befrachtet zu werden. Jetzt liegt Ihr hier so

lange fest, bis ich Euch flott mache zur lustigen Fahrt. Oder habt Ihr

Euch vielleicht besonnen, sind Euch bessere Gedanken im Schlafe

gekommen, als im Wachen? Ich will's einmal darauf wagen und Euch das

Zungenband lösen. Aber das sage ich Euch, kommt ein lauter Ruf, ein

Schrei, ein Wort über Euere Lippen, das man auch außerhalb dieser Coje

vernehmen könnte, so ist's um Euer Leben geschehen, und Ihr athmet nie

wieder weder See- noch Landluft!« Bei diesen Worten schwang er drohend

in der einen Hand sein Krummmesser, während die andere den Knebel

lös'te. Ich mußte mit mir geschehen lassen, was er thun wollte, ich lag

da, wie ein Stück Holz. »Nun sprecht, bester Freund und Landsmann! Wollt

Ihr jetzt freiwillig die Flagge streichen und mein lieber Camerad seyn

auf dem Schiffe, zu dem ich Euch führe, so soll's immer noch auf die

zwanzig Gulden nicht ankommen; besteht Ihr aber auf Euerem halsstarrigen

Sinn, so bekommt Ihr keinen rothen Deut und bleibt angeschnürt und

geknebelt, bis wir die Anker lichten und Ihr eingepökelt werdet in den

untern Raum, den Ihr dann erst auf offener See verlaßt.« Meine Zunge

klebte vor innerer Hitze am Gaumen fest und war durch den Zwang, den man

ihr angethan, wie gelähmt. Der Bösewicht bemerkte das. Er langte einen

Krug Wasser herbei, hielt ihn mir an die Lippen und sagte: »Trinkt

einmal! das soll nicht gesagt seyn, daß =Claas= seinen künftigen

Cameraden verdursten lasse. Ich weiß es aus hundert Erfahrungen mit

hundert ähnlichen Thoren, wie Ihr! Das Opiumgebräu macht verdammt

trocken im Halse.« Ich trank in langen, durstigen Zügen. Es war, als

brenne ein höllisches, unauslöschliches Feuer in mir. Endlich gewann ich

die Rede wieder. Die Wuth lag glühend in meiner Brust, wie die Lunte an

einem Vierundzwanzigpfünder, und ich konnte sie kaum zurückhalten vom

heftigsten Ausbruche. Aber ich mäßigte mich, denn ich sah ein, daß ich

in der Gewalt des Schurken und ihm auf Gnade und Ungnade preißgegeben

war. »Ihr mögt Euch freilich einbilden,« sagte ich, »daß Ihr ein rechtes

Kunststück begangen habt mit Euerer gewaltthätigen Werbung; aber es

nutzt Euch nichts, denn Ihr müßt wissen, daß ich schon seit mehreren

Jahren Hochbootsmann bin auf dem Linienschiffe der hochmögenden Herrn

Generalstaaten, auf der =Medusa=. Darum gebt mich nur wieder los und ich

verspreche Euch, von der ganzen Geschichte nichts verlautbaren zu

lassen!« -- »Wir wissen Alles, Freundchen!« erwiederte der Bube und

lächelte noch hämischer, als bisher. »Wir haben ja deine Bestallung und

deine Wechselbriefe gefunden in dem Landratzenfelle, das uns zur guten

Prise geworden. Die Bestallung habe ich ins Feuer geworfen und die

Wechsel werde ich einlösen, wenn du sie unterschrieben haben wirst, wozu

du seiner Zeit schon genöthigt werden sollst. Sieh, Brüderchen, solche

Leute, wie dich, können die Herrn Bewindhebber auf den Kapern gerade

brauchen. Was kümmert es uns, ob du auf der =Medusa= für einen Deserteur

und Schuft gehalten wirst? ob dein Bild am Galgen neben den Landstraßen

mit einer verständlichen Unterschrift den Vorübergehenden sagt: das ist

der entlaufene Hochbootsmann =Jansen=; wer ihn wieder einbringt, erhält

eine gute Belohnung? Die Hauptsache ist: du kennst den Dienst, es fehlt

dir nicht an Kraft und Gewandtheit und, wenn du deine Schuldigkeit thust

gegen die spanischen =Don's= und französischen =Mosje's=, so kannst du

es über Jahr und Tag wieder zum Hochbootsmann auf einem ehrbaren

Kaperschiffe bringen. Gelt, Brüderchen, die Aussicht ist so übel nicht

und wenn wir brav spanische Gallionen aufbringen, so bekommt auch die

Mannschaft ihr gutes Theil davon. Sprich dein freiwilliges =Ja=, bester

Camerad; mache dich los von dem lecken Schiffe, das doch die See nicht

mehr halten kann! Lichte die Anker mit deinem Herzensfreunde =Claas=,

der es am Besten mit dir meint auf der ganzen Welt und dich liebt, wie

einen spanischen Brasilienfahrer, dem er gut Gold abzuzwicken gedenkt,

oder einen vollen Geldbeutel, der immer sein bester Helfer in der Noth

war.« -- Der Hohn und die Niederträchtigkeit des Buben brachten mich

auf's Aeußerste. Ich konnte mich nicht mehr halten. Indem ich vergebens

mit einer heftigen Bewegung mich von meinen Banden loszureißen suchte,

rief ich: »Verdammter Schurke und --« »=Seelenkoper=!« fiel der Kerl mit

der größten Kaltblütigkeit ein, während er mir den scharfen Knebel so

heftig in den Mund zurückstieß, daß mir das Blut aus Lippen und Zunge

drang. »Ich sehe wohl,« fuhr er eben so gelassen fort, »daß noch kein

vernünftiges Wort mit Euch zu sprechen ist. Ich hoffe aber, daß Euch die

Einsamkeit, Euere angenehme Lage, und Hunger und Durst bis heute Abend

geschmeidiger machen werden. Wir haben sonst auch noch andere Mittelchen

im Rückhalte, denen die Halsstarrigsten nicht widerstehen konnten. Was

haltet Ihr von der Peitsche? Ich kann Euch auf Seemannsparole

versichern, daß einer, der sie gut zu führen versteht, in Zeit von einer

Viertelstunde einem Andern die Schreibkunst beibrachte, so daß dieser

schön und deutlich seinen Namen unterzeichnete, wohin man wollte und was

er bisher allen freundlichen Bitten und Ermahnungen verweigert. Merkt

Euch das, Meister =Jansen=! Ich könnte der eine und Ihr könntet der

andere seyn, wenn Ihr nicht heute Abends Euern Trotz in den untern Raum

einsperrt. Bis dahin gehabt Euch wohl!« -- Der Kerl ging und ich hörte,

wie er von Außen einen schweren Riegel vor die Thüre schob. Ich schäumte

vor Wuth. Jetzt erst waren die Reden und Signale des Mädchens mir

verständlich geworden, die ich früher viel zu leichthin gedeutet hatte.

Die =Seelenverkäufer= und unter diesen die schändlichsten und

grausamsten, die Mäkler der Kaperschiffe, hielten mich in ihren Klauen.

Ich wußte, daß die Obrigkeiten bei diesem abscheulichen Menschenhandel

ein Auge zudrückten, wenn er auf Rechnung der ostindischen Compagnie

geführt wurde. Dieser hätte es sonst an Rekruten für ihre Flotten, für

die Besatzungen in =Batavia= und den übrigen Colonieen gefehlt. Der

große Vortheil, den die Compagnie dem Staate brachte, verpflichtete

diesen, sie auf alle Weise zu unterstützen, wenn es auch oft wider Recht

und Billigkeit war. Desto strenger wurde die =Seelenkoperei= der

Privatleute, derjenigen, die sich einen Kaperbrief auf eigenen Gewinn

und Verlust gelös't hatten, bestraft. Am Galgen fanden sie gewöhnlich

den Lohn ihrer Verwegenheit, mit den Werbern der Compagnieherrn nach

derselben Richtung des Compasses steuern zu wollen. Deshalb trieben sie

ihr Geschäft immer in der tiefsten Verborgenheit, in Schenken, die außer

ihren Handlangern niemand besuchte und in denen oft, wie man sich

erzählte, diejenigen, die sich allzustarrköpfig gezeigt, einen

gewaltsamen Tod gefunden hatten, damit sie nie zu Verräthern an ihren

bübischen Bedrängern werden möchten. Das Alles wußte ich. Mit hundert

Geschichten aus solchen Häusern, eine immer schrecklicher, als die

andere, hatten wir uns oft während der Abende auf den Schiffen

unterhalten. Wen einmal sein Unglück in eine solche Mordhöle geführt

hatte, der kam nur als ein Sklav des Kapercapitäns oder als eine Leiche

wieder heraus. Eins dieser zwei Loose erwartete nun auch mich und dabei

die quälende Aussicht, von meinen Vorgesetzten, von meinen Cameraden auf

der =Medusa= für einen Ausreißer gehalten, für ehrlos erklärt zu werden.

-- Mein Kopf brannte mir wie im hitzigen Fieber. Ich wußte mir nicht zu

rathen und zu helfen. So lag ich mehrere Stunden lang in einem dumpfen

Hinbrüten, in dem Zustande eines Schiffes, das zwischen Klippen und

Sandbänke gerathen ist und weder vor noch hinter sich kann. Dennoch

brannte, wie eine Kohle unter der Asche, der Entschluß im tiefsten

Grunde meiner Seele, lieber den Tod zu leiden, als meine Schande zu

überleben und den Schurken zu Willen zu seyn. Hunger und Durst fingen

an, sich zu melden. Bald mußten sie zu peinigenden Gefühlen werden und

ich nahm mir fest vor, diesen zu trotzen, wie allen Drohungen, allen

Grausamkeiten der nichtswürdigen Seelenkoper. Mein einziger Trost war

die Helligkeit, die durch die Dachlucke in meinen Raum fiel. Ich konnte

ein Stückchen blauen Himmel sehen, ich konnte den Zug der Wölkchen

erkennen, die in weißen Nebelflocken drüber hin flogen. Gedankenlos

starrte ich immer nach diesem einen Punkte. Da verdunkelte sich zu

meinem Schrecken plötzlich auch dieser; aber eine Stimme, in der ich den

Laut eines Engels zu vernehmen glaubte, rief mich nun bei Namen und

mein Schreck verwandelte sich mit einemmale in die lebhafteste Freude,

denn wer, meint Ihr, sah aus der Lucke mitleidig und freundlich auf mich

herab, wie ein Sternlein vom Himmel? Wiederum niemand anders, als eben

das Affengesichtchen da!«

»Das ist zu arg!« rief jetzt =Beckje= ernstlich böse werdend, sprang auf

und lief nach der Thüre hin. Aber mit drei mächtigen Schritten hatte sie

=Jansen= wieder eingeholt, drückte ihr einen derben Kuß auf die vollen

Purpurlippen und führte sie zu ihrem Sitze zurück, indem er schmeichelnd

sprach: »Habe ich dich denn nicht einen Engel genannt und ist denn ein

Engel, ernst und wohl gemeint, nicht weit mehr, als ein

Affengesichtchen, das ich dir im Scherz auf deinen lieben Hals lüge? Ich

will dich aber gern auch die Wahrheit hören lassen und da bist du, so

gewiß ein Orlogschiff keine Calebasse ist! mein Schutzengel, meine

Retterin aus Schimpf und Schande und Todesgefahr gewesen.«

Befriedigt nahm die Capitänsfrau ihren Platz am Tische wieder ein und

=Jansen= fuhr, während der Cojenbub Orangen und andere Früchte

aufstellte, folgender Gestalt in seiner Erzählung fort:

»Das liebe Gesichtchen da -- ich will sie durch keinen Beisatz weder

ärgern, noch stolz machen -- trug nicht die Wimpel der Ruhe und Freude

so in seinen Zügen, wie jetzt. Es schien ein ganz anderes =Beckje=, von

Furcht, Angst und Kummer bewegt und entstellt. »Ach, Ihr armer Mann,«

flüsterte sie herab, doch deutlich genug, daß ich es vernehmen konnte,

»warum habt Ihr nicht meiner Warnung geachtet und seyd nicht bei dem

ersten Schritte in dieses Haus des Verbrechens wieder umgewendet und

geflohen, so schnell Euch Euere Füße tragen mochten? Aber das ist nun zu

spät, der Jammer ist unnütz und wir müssen darauf sinnen, ob Hülfe

möglich und wie sie zu bewerkstelligen ist? Ich bin aus meinem

Kämmerlein über das Dach herübergeklettert, denn ich ahnete wohl, daß

sie Euch in diese Mordkammer geschleppt hätten, wo schon manches

Herzblut geflossen seyn mag, denn ich sah den abscheulichen =Claas=

herabsteigen. O, wie haben sie Euch gebunden und geknebelt, die

Schändlichen! Jetzt sehe ich's erst, da mein Auge sich an die Dämmerung

gewöhnt hat. Doch wartet einen Augenblick. Ich komme gleich wieder und,

ist meine Hand nicht ganz ungeschickt, so sollen Euere Bande bald

gelös't seyn.« Sie verschwand und es war mir, als erlösche das Sanct

Elmo's-Feuer auf der Mastspitze meiner Lebensfregatte. Ich sah wieder in

den blauen Himmel. Ich grübelte vergebens darüber nach, wie sie es

anfangen wolle, aus dieser Höhe und Entfernung meinen Mund von dem

Knebel, die Brust von dem pressenden Riemen, Hände und Füße, von den

Stricken zu befreien. Nach einigen Minuten, die mich eine Ewigkeit

dünkten, zeigte sich wieder das liebe Gesicht in der Lucke. Ich athmete

neu, ein Vorgefühl der Freiheit durchströmte mich schon erquickend. Das

herrliche Mädchen streckte einen Arm durch die Oeffnung. Sie hielt in

der Hand ein weißes Papier, das mir in jenem Augenblicke wie eine

Freuden- und Friedensflagge vorkam. »Gebt Acht!« sagte sie. »In dieses

Papier habe ich ein Messer gewickelt. Wenn es mir nur gelingt, es so

auf Euer Lager zu werfen, daß Ihr es mit den Fingern greifen könnt, so

ist Euch vor der Hand geholfen und wir wollen dann das Weitere bereden.«

Sie hob den Arm zum Wurfe. Ich betete so inbrünstig, als wäre ich auf

einem Schiffe, das eben der Sturm in den Abgrund schleudern wolle. Das

Messer entfuhr ihrer Hand und Derjenige, der im Sturm und Wetter die

Schiffe über der Tiefe erhält und die Wogen wieder ebnet, lenkte den

Wurf: es fiel in die Bettstelle, dicht neben meinem Leibe nieder.«

=Jansen= schwieg einige Augenblicke. Man sah, daß diese Erinnerung ihn

mit einem feierlichen Ernste erfüllte. Die Thränen standen ihm in den

Augen. Niemand störte die Stille. =Clelia= war blaß geworden und ihr

ganzes Wesen zeigte, wie sehr sie im Innern bewegt sey. Nach einer Pause

reichte der Capitän seiner Frau treuherzig die Rechte über den Tisch

hinüber, die sie, ihn offen und freudig anblickend, nahm. Dann sprach er

weiter:

Die Mumie von Rotterdam. Erster Theil · 第 10 / 13 段