ein großes Glas Genever mit einem Zuge, »denn wir haben einander nichts
vorzuwerfen. Uebrigens,« fuhr er in seiner Erzählung fort, »sind das
nicht die einzigen tollen Streiche, die ich damals gemacht habe. Genug!
Als ich nur noch eine Stunde von Amsterdam entfernt war, hatte ich auch
nur noch einen Gulden in der Tasche, mein Hauptcapital aber in guten
Wechseln auf der Brust eingenäht. Es war gerade Abend. Ich sah durch die
Dämmerung schon die Thurmspitzen der Stadt, auf dem Canale, neben dem
ich doch ein Bischen bedenklich über die Magerkeit meines Geldbeutels
hinschlenderte, waren zahllose Barken und Nachen in lebendiger und
fröhlicher Beweglichkeit. Ich blieb stehen und ergötzte mich an dem
bunten Treiben. So vergaß ich einigermaßen meine üble Lage und gewann
nach und nach, von dem Frohsinne, der unter den Menschen auf dem Canale
herrschte, angesteckt, einen Theil meiner guten Laune wieder. Es war
indessen ziemlich dunkel geworden. Ich sah ein, daß ich dran denken
müsse, das Ziel meiner Reise zu erreichen. Wußte ich doch nicht, wohin
ich in der großen Stadt meine Fahrt richten sollte, da ich nur die
Namen, aber nicht die Wohnung meiner Verwandten kannte, und also, ohne
Lootsen und Compaß, auf gut Glück in den fremden Haven einlaufen mußte!
Ich setzte alle Segel bei und kam rasch vorwärts. Auf dem Canale hatte
das Treiben und Lärmen fast gänzlich aufgehört; nur einzelne Fahrzeuge
schwammen noch manchmal geräuschlos vorüber. Ich überließ mich wieder
ganz meinen Betrachtungen und fing an, mich über mich selbst und meine
begangenen Dummheiten zu erboßen. Ich konnte aus meinen eigenen
Gedanken, so lästig sie mir waren, nicht herauskommen, wie ein
Ostindienfahrer, den in der Straße von =Sumatra= die entsetzliche
Windstille fest legt. Da wurde ich plötzlich durch einen lauten Lärm,
der sich heranwälzte, durch ein wildes tobendes Gelächter und ein
dazwischen tönendes Jammergeschrei aus diesem widerwärtigen
Gemüthszustande gerissen. Ich horchte auf. Ich hörte schelten und
lärmen, dann wieder lachen und einen kläglichen Ruf nach Hülfe. Nun flog
ich über's Land hin, wie eine wilde Gans über's Wasser, der Stelle zu,
wo das Getöse statt fand. Der Mond war aufgegangen und ich konnte Alles
sehen, was nicht in einer allzugroßen Entfernung vor mir lag. Da
gewahrte ich denn bald einen Haufen von etwa einem Dutzend böser Buben
von fünfzehn bis achtzehn Jahren, die einen einzelnen Mann vor sich
hatten und diesem gewaltig zusetzten, indem sie ihn immer nach dem
Canale hindrängten. »Was treibt ihr hier?« rief ich und trat unter sie:
»Wollt ihr Krabben wohl in euere Hangematten und euch nicht zu zwölf
über Einen hermachen! Gelt, da habt ihr Courage, wenn sich einer auf
den andern verlassen kann und wo vierundzwanzig Arme sich gegen zwei
erheben? Aber noch einmal! Macht, daß ihr heimkommt oder es sollen euch
ein Paar Arme heimführen, die wohl so viel werth sind, als euere zwei
Dutzend!« -- Die Buben sahen mich groß an. Einer von ihnen aber trat
bald vor und sagte in einem frechen Tone: »Kümmert euch um euch und
nicht um Händel, die euch nichts angehen! Wir thun ein gutes Werk. Wir
haben einen Juden gefangen, =der= soll getauft werden und dann
Schweinefleisch fressen, damit er ein Christ wird. =Jeremias= hat seiner
Mutter expreß ein Stück Schinken gestohlen für ihn und das darf nicht
umkommen!« Die Cameraden des frechen Menschen stimmten ein höhnisches
Gelächter an. Dabei drängten sich die Rangen hart um mich her, als
gedächten sie auch mir irgend einen schlimmen Streich zu spielen. Aber
der Mann, den noch einige von ihnen hielten, streckte die Arme nach mir
hin und rief, so laut er konnte: »Ach, hochmögender Heer, errettet mich
aus der Gewalt der Rotte Korah, und der Gott Abrahams wird Euch
vergelten! Ich bin ruhig meiner Straße gewandelt, da haben mich die
Kinder der Goi's festgepackt und wollen mir's anthun mit verfluchtem
Wasser und Fleisch von dem unreinen Thiere, in das der Teufel gefahren
ist. Ich bin ein armer Jüd, aber ein rechtschaffener Jüd, und habe noch
nie einen Goi betorkelt im Schacher. Ach, hochmögender Heer, nehmet Euch
meiner an, befreiet mich, damit ich in Frieden heimkehre in die gute
Stadt =Amsterdam= und in meine Behausung auf der =Jüdenkracht=
daselbst!« Ich mußte lachen über die Hochmögenschaft, zu der mich die
Angst des Juden mit einemmale erhoben hatte. Während er sprach, hatte
ich Zeit ihn genau zu betrachten. Es war ein alter Mann, der vielleicht
schon seine sechszig Jahre zählte. Er trug einen langen Bart, sein
Angesicht schien durch die Furcht verzerrt und entstellt. Seine Gestalt
war klein und schmächtig. Die wenigen Kräfte, welche ihm vielleicht die
Verzweiflung gab, konnten gegen die vereinigten Bemühungen dieser Heerde
wilder Rangen wenig ausrichten. Er schien der ärmern Classe seiner
Nation anzugehören, denn seine ganze Takellage war erbärmlich und sein
Rücken gekrümmt, als verbeuge er sich zum Betteln um ein Almosen. Mein
unwillkührliches Lachen schien den Krabben ein Signal, daß ich ihre
Corsarenjagd auf den armen Juden billige, und sie machten auf's Neue
Anstalt, den alten Mann zu entern und zu kielholen. »Hinunter mit ihm
zur Taufe!« schrieen sie. »Frisch, Jude! Erst Wasser und dann
Schweinefleisch, hernach mußt du das Glaubensbekenntniß auswendig
lernen.« Mit wildem Toben warfen sie sich alle auf den jammernden
Israeliten, der sich schon fast heiser geschrieen hatte. Da verlor ich
die Geduld. »Bramsegel und Backbord!« rief ich, »nun ist es genug. Ich
will euch einen Lappen aufhißen, der euch in einem Augenblick aus der
offenen See in den Winterhaven führt!« Bei diesen Worten hatte ich die
nächststehenden ergriffen und sie um halbe Kabeltau-Länge
fortgeschleudert. Die Rippen im Leibe mochten ihnen krachen, denn sie
erhoben ein erbärmliches Geheul und hatten nichts Eiligeres zu thun,
als so schnell, wie es gehen mochte, fortzuhinken. Einem Paar Anderen,
welche die größten und kräftigsten waren, und mir trotzig
entgegentraten, ging es nicht besser. Die übrigen flogen auseinander,
wie ein Heer wilder Gänse, das der Sturm zerstreut. Der Jude stand nur
noch allein vor mir und zitterte am ganzen Leibe. Es währte eine gute
Zeit, ehe er sich fassen konnte. Dann warf er sich mir zu Füßen und
sagte, noch zähneklappernd vor Furcht: »Der =Simson= ist wiedergekommen
und hat die Philister geschlagen. Der weise =Salomo= ist aufgelebt und
hat die Ungerechten bestraft. Der gnädige =Ahasverus= hat den armen
=Mardochai= befreiet und der gottlose =Haman= ist geklopft worden, wie's
ihm gehört.« Ich hob den Alten auf. Ich hatte Mühe das Lachen zu
verbeißen, zu dem mich seine Rede antrieb: aber ich bedachte sein Alter
und die Schändlichkeit der Buben, die ihn in die Enge getrieben, und da
wurde mir es ganz ernsthaft zu Muthe. »O, verlaßt mich nicht und gebt
mir das Geleit bis an die Thore der guten Stadt =Amsterdam=, hochedler
Herr!« sprach er weiter: »Ihr seyd die Palme aus dem Lande =Gosen=,
unter deren Schutz ich sicher wandeln kann, geht Ihr aber von mir, so
kehren die Philister zurück und ich bin ein verlorener Mensch.« Ich
sagte ihm, er könne mit mir gehen, er möge aber frisch mit dem Winde
segeln, da ich keine Zeit zu verlieren hätte. Auf dem kurzen Wege, den
wir nun zusammen zurücklegten, erzählte mir der Jude, daß er in
=Amsterdam= wohne, in der Regel aber in der umliegenden Gegend einen
kleinen Handel mit alten Kleidungsstücken und sonstiger Trödelwaare
treibe. Er sprach dabei soviel und in so übertriebenen Ausdrücken von
seiner großen Armuth und Dürftigkeit, daß er zuletzt den Verdacht in mir
erweckte, er sey im Gegentheile ein ganz wohlhabender Mann und stelle
sich nur arm, um mir nicht etwa eine Belohnung anbieten zu müssen, zu
der er sich vielleicht verpflichtet glaubte. Als wir in die Stadt
eingewandert waren und eben im Begriffe standen uns zu trennen, ergriff
er noch einmal meine Hand und sagte: »Der Gott meiner Väter möge Euch
belohnen, für das, was Ihr an mir gethan, hochmögender Heer! Solltet Ihr
aber jemals den armen Jüden =Abraham Eleazar= in seiner geringen
Behausung aufsuchen wollen, so erinnert Euch, daß diese auf der
=Jüdenkracht= liegt, zunächst der Schule, wo unsere Leute hin beten
gehen.« Er entfernte sich und ich vergaß bald, während ich in den
Straßen der großen Stadt ohne Steuer und Compaß umherirrte, das
Abentheuer, das mich mit ihm zusammengeführt hatte. Ich sah jetzt ein,
daß ich unbesonnen gehandelt hatte, mich in ein unbekanntes Gewässer zu
begeben, ohne vorher über steile Klippen und Sandbänke, durch die ich
meine Fahrt lenken mußte, eine genaue Kenntniß eingezogen zu haben.
Meine Verwandten jetzt noch bei eintretender Nacht aufzufinden, schien
eine Unmöglichkeit. Ich beschloß also, meinen letzten Gulden an baarem
Geld für ein Nachtquartier und ein Abendessen, so gut sich Beides dafür
finden wolle, aufzuopfern. Ich kam an verschiedenen Häusern vorüber, wo
der einladende Strohkranz heraushing, in denen es noch lustig herging
und viel Licht brannte. Sie schienen mir aber alle zu vornehm für meinen
demüthigen Geldbeutel. Um ein geringeres Wirthshaus aufzusuchen, wo ich
kleines Wasser für mein leckes Schiff finden durfte, verließ ich die
großen, breiten Straßen und steuerte auf gutes Glück in enge winklige
Gäßchen, in denen es so dunkel war, daß ich mich oft mit den Händen
weiter fühlen mußte. Da sah ich am Ende eines Winkelgäßchens, das hier
wie ein Sack verschlossen war, hinter einem kleinen Fenster ein düsteres
Licht brennen. Ich hörte rauhe Stimmen, ich vernahm Gläserklirren, ich
erkannte, als ich nahe trat, den bedeutungsvollen Strohwisch über der
niedrigen Hausthüre und glaubte nun den Haven gefunden zu haben, wo ich
sicher vor Anker gehen könnte. Einige kräftige Seemannsworte, die aus
dem niedrigen Hause klangen, ließen mich hoffen, hier Cameraden zu
finden. Ich nahm mir aber vor, mich nicht als einen Mann zu erkennen zu
geben, der schon in den Meeren Ost- und Westindiens seine Flagge
aufgezogen hatte. Ich schämte mich meiner geringen Baarschaft, die mir
nicht erlaubte, bei der Heimkehr auf das feste Land ein Paar Flaschen
Genever zur Bewirthung einiger fröhlichen Wassergesellen springen zu
lassen. Lieber wollte ich für eine Landratte angesehen werden, als für
einen Seehund, der keine Haare auf dem Felle mit heimbrächte. Als ich
die Thüre des Häuschens öffnen wollte, fand ich sie verschlossen. Auf
mein Klopfen aber ward sogleich aufgethan. Wer glaubt Ihr wohl, Jungfer
=Clelia=, sey mir da entgegen getreten, um mich einzulassen und mir in
dem engen, dunkeln Hausgange zu leuchten? Niemand anders als =Beckje=,
die Ihr da seht und die jetzt mit mir auf dem Fahrwasser des Lebens
gemeinschaftlich hinsegelt. Sie schien ordentlich vor mir zu
erschrecken, als sie mich erblickte, sie stieß ein lautes: Ach! aus und
ließ die Lampe fallen, die sie in der Hand trug.«
»Wahrscheinlich warst du damals nicht hübscher, als du jetzt bist?« fiel
in dem neckenden Tone, der zwischen den beiden Freunden gebräuchlich
war, =Cornelius= ein.
»Nun,« entgegnete mit einigem Eifer Frau =Beckje=, »er sah wenigstens
ebenso gut aus, als irgend ein Offizier von den Landgeusen, der
hundertmal unter König =Wilhelm= vor dem Marschall von =Luxemburg= davon
gelaufen ist.«
»Ihr seyd gut bewandert in den Kriegshändeln,« erwiederte lächelnd der
junge =van Daalen=: »Euer Zünglein ist in jedem Falle schärfer, als der
Degen Eueres Marschalls und Ihr wißt es gut zu führen, wenn Ihr Euern
Mann zu vertheidigen habt. Aber sagt mir, wie lange ist es schon her,
daß Ihr an seiner Statt kommandirt auf der =Syrene=?«
=Beckje= hob drohend die kleine Hand und wollte etwas Beißendes
erwiedern, aber =Jansen= schnitt ihr die Rede ab, indem er sagte:
»Laßt die Possen und stört mich nicht in meiner Geschichte! Ich weiß
sonst nicht, wie weit ich bin, und stelle Euch ein Schiff hin mit
Vordersteven und Steuerbord, an dem aber das Backbord und Hauptverdeck
fehlt. Meint Ihr, ich wäre =Domine= auf einem Kauffahrer gewesen und
könne die Reden nur aus den Aermeln schütteln? Nein, nein, Ihr müßt mir
Ruhe lassen, wenn ich erzählen soll! Das hübsche Mädchen also, das vor
mir stand,« fuhr er fort, »ließ in einer Anwandlung von Schreck oder
Ueberraschung die Lampe fallen, die sogleich verlosch, so daß wir uns in
eine völlige Dunkelheit versetzt sahen. »Um Gotteswillen, geht« -- bebte
es kaum vernehmlich über ihre Lippen. Da öffnete sich eine Seitenthüre
und bei dem herausdämmernden Lichte erschien in ihr ein ältlicher Mann
in Hemdärmeln, dessen finsteres Gesicht durch einen Wust von rothen
Haaren, der es umgab, noch abschreckender gemacht wurde. »Nicht eine
Lampe könnt Ihr festhalten in den Pfoten!« fuhr er das Mädchen an. »Ihr
seyd das Brod nicht werth, das Ihr eßt. Tretet herein, Herr!« wandte er
sich jetzt zu mir, indem er sein widriges Gesicht zu einem freundlichen
Lächeln zu zwingen suchte, das wie ein höhnisches Grinsen anzusehen war.
»Ihr findet hier den besten Wachholder im ganzen Quartier und eine
Gesellschaft, die nicht schlechter ist.« Unter diesen Worten hatte er
sich zwischen mich und die Hausthüre gedrängt und diese wieder
verschlossen und verriegelt. Ich sah hierin nichts Verdächtiges, ich
ahnete nicht, daß der alte Corsar eine falsche Flagge aufgezogen habe.
Die Worte des Mädchens waren mir kaum verständlich geworden, so leise
und bebend war ihre Stimme gewesen. Sie schlich eingeschüchtert in das
Zimmer zurück, während ich und der Alte ihr folgten. Bei meinem
Eintritte fielen die Blicke von einem Dutzend wilder Bursche auf mich,
die auf langen Wandbänken an einem schmalen Tische saßen, große Gläser
mit Brandwein vor sich stehn hatten und sich am Würfelspiele ergötzten.
Ich setzte mich weitabwärts von ihnen, in einem Winkel nieder. Nicht
weil mir das Spielen durchaus zuwider gewesen wäre, sondern weil meine
Ladung am Baaren so leicht war, daß ich nicht wagen konnte, die Flagge
Fortunens vor den Spielenden, die zu meiner Verwunderung mit Gulden um
sich warfen, als wären es Stüber gewesen, sehen zu lassen. Sie
bekümmerten sich weiter nicht um mich und fuhren im Würfeln fort. Ihre
Flüche und Schwüre, so wie manche grobe Späße bestätigten meine frühere
Vermuthung, daß es Matrosen seyen. Das Glas Genever, den Edammer und das
Brod, welche ich gleich beim Eintritte bestellt hatte, wollte mir das
Mädchen, von dem auch die übrigen Gäste bedient wurden, bringen. Der
Rothkopf aber riß es ihr aus der Hand und ich glaubte zu bemerken, daß
sie mit einem Seufzer und einem theilnehmenden Blick auf mich, sich
abwandte und wieder in ihre Ecke schlich, wo sie am Spinnrade
beschäftigt war.«
»Es ist ganz wahr, wie er's erzählt!« unterbrach, trotz der
vorhergegangenen Mahnung ihres Mannes, =Beckje= diesen, indem sie im
Tone eiferiger Betheuerung zu =Clelia= sprach: »Der Spitzbube hatte
mir's angethan im ersten Augenblicke mit seinem ehrlichen und
treuherzigen Gesichte.«
=Jansen= ließ die Unterbrechung ungerügt hingehn und fuhr fort: »Mit dem
Wunsche, mir es wohl bekommen zu lassen und der Aufforderung, tüchtig
zuzulangen, da noch hinlänglicher Vorrath in Küche und Keller sey,
stellte mir der Wirth das Verlangte vor. Er trat dann hinter die
Spielenden, ging von einem zum andern und flüsterte ihnen Worte zu, die
mir unverständlich blieben. Ich achtete auch in der ersten Zeit wenig
auf ihn und die übrigen Gäste. Das hübsche Mädchen hatte meine
Aufmerksamkeit erregt und es war mir gar nicht recht, daß sie so
entfernt von mir, in einem düstern Winkel ihren Platz genommen hatte, wo
ich sie nur undeutlich sehen konnte. Lange Zeit gab ich mir vergebliche
Mühe, ihre Gesichtszüge aus der Dunkelheit hervorzusuchen. Ich ließ
endlich davon ab und fing an, meinen Appetit zu stillen, der nicht
gering war. Der Genever, den man mir vorgesetzt hatte, schien mir
ungewöhnlich stark. Das war aber eben kein Umstand, der einem Seemanne,
welcher so oft, wie ich, die Linie passirt hatte, vom Trinken
zurückhalten konnte. Das Gelärm am andern Tische ward indessen immer
toller. Flüche, Verwünschungen von der einen Seite, höhnisches, lautes
Gelächter von der andern, vermischten sich zu einem wilden Getöse. Die
Bursche, die es so arg trieben, zogen endlich meine Aufmerksamkeit auf
sich. Es waren lauter Gesichter, auf denen Zügellosigkeit, Verwegenheit
und eine Tücke, die sonst einem ordentlichen Seehunde fremd ist,
eingegraben standen. Sie sind gewiß von irgend einem Kauffahrer, dessen
Capitän ein Lump ohne Verstand und Respect ist: dachte ich bei mir. Sie
hatten alle ihre krummen Messer vor sich auf dem Tische liegen, als
wollten sie gegen einen Angriff, der unerwartet und plötzlich von einem
auf den andern erfolgen könne, bereit seyn. Besonders fiel mir einer
unter ihnen auf, der sehr listig aussah, ruhiger wie die andern sich
verhielt und, er mochte mit günstigem oder ungünstigem Winde fahren,
lustig und guter Dinge blieb. Erfolgte bei einem seiner Cameraden ein
Ausbruch des Unwillens über eine getäuschte Hoffnung, einen erlittenen
Verlust, so brachte er gleich einen Scherz vor, einen lustigen Schwank,
der das drohende Unwetter zerstreuete und statt des Messerkampfs, zu dem
es leicht hätte kommen können, ein allgemeines wildes Lachen, in das
selbst der eben noch Erboste einstimmte, hervorbrachte. Er schien älter
als die übrigen. In seinen gebräunten Zügen lag ein Ausdruck von
Erfahrung und Klugheit, der ihm selbst bei seinen rohen Genossen eine
Art von Ansehn zu Wege brachte. Ich bemerkte, daß sein listiger Blick
oft nach mir hinflog, auf mir forschend ruhete, wenn er aber wahrnahm,
daß ich auf ihn achtete, sogleich sich nach einer andern Seite wandte.
Die Art, wie er sich gegen die andern benahm, gefiel mir. »Der Bursche
hat mehr gesehn, als jene!« sagte ich zu mir selbst. »Er weiß mit dem
Winde zu segeln, zu laviren und die Lappen einzuziehn, wenn es Zeit
ist.« Seine Späße und Schwänke machten mich selbst einigemale laut
auflachen. Er hörte es und es schien mir, als wenn sich bei dieser
Bemerkung ein gewisses Wohlbehagen auf seinem Angesichte zeigte. Der
Wirth trat jetzt zu meinem Tische und sagte: »Gelt, das sind lustige
Bursche? Ihr müßt Euch an ihren heftigen Manieren nicht stoßen. Die
Seeleute sind einmal nicht anders, wenn sie auf's Land kommen. Da muß
Jubel, Trinken und Spielen sie entschädigen für die Entbehrung und
strenge Observanz auf dem Schiffe. Euch mag das Ding freilich sonderbar
vorkommen. Ihr scheint mir auf dem Lande geboren und erzogen, und habt
wohl niemals andern Theer gerochen, als im Laden des Krämers?« Sein
Gesicht verzog sich hämisch bei diesen Worten. Ich hielt es nicht der
Mühe werth und hatte auch, wie schon gesagt, keine besondere Lust, meine
wahre Farbe zu zeigen. Ich durfte ja nur in die Brusttasche greifen und
meine Bestallung als Hochbootsmann auf dem Linienschiffe =Medusa=
hervorholen, um den Wirth und die Bursche alle, wie sie da waren, in
Respect zu setzen. Ich ließ es aber bleiben und lachte still in mich
hinein über die Tölpelhaftigkeit und Dummheit des Kerls, der einen
Delphin für ein Murmelthier ansah. Er wandte sich wieder von mir ab und
trat jenem Matrosen mit dem listigen Gesichte gerade gegenüber, so daß
er mir den Rücken zukehrte. Der Matrose warf einen fragenden Blick auf
ihn -- erst später sah ich ein, daß dieses ganze Benehmen seine
besondere Bedeutung hatte -- dann stand er plötzlich auf und sagte,
indem er sein Messer einsteckte, zu seiner Gesellschaft: »ich habe genug
gespielt. Seht meine leeren Taschen an. Wer noch einen Gulden an das
wagen will, was drin ist, dem stehe ich zu Dienst, sonst niemand!« Mit
einem wilden Gelächter und einigen groben Späßen wurde das Anerbieten
beantwortet. Der Mann zündete seine Pfeife an dem einzigen Lichte, das
sich in der Stube befand, an und näherte sich dann langsam meinem
Tische. Er forderte noch ein großes Glas Brandwein und setzte sich dann
mir gegenüber. Es war mir ganz angenehm, Gesellschaft zu bekommen, die
mir eine muntere Unterhaltung versprach. Ich beschloß aber nichts
destoweniger auf meinem Vorsatze zu beharren, und mich nicht als Seemann
zu erkennen zu geben. Freilich war das eine schwierige Sache, denn schon
damals hatte ich die Gewohnheit, die gebräuchlichen Schiffsredensarten
in das gewöhnliche Gespräch zu mischen; aber ich dachte, eine rechte
Aufmerksamkeit auf mich selbst könne mich wohl davon abhalten und mich
unerkannt unter fremder Flagge segeln lassen. Meine Mahlzeit war
verzehrt und mein Glas geleert. Ich hätte wohl noch gern getrunken, aber
ich durfte auf meinen Gulden los nicht zu durstig seyn. Der Seemann saß
einige Minuten lang mir gegenüber, ohne Anstalt zu machen, mich zu
entern. Er brummte ein Liedchen vor sich hin, trank dazwischen und ließ
dem bald geleerten Glase ein anderes folgen. »Ihr scheint kein Freund
vom Würfeln, Landsmann!« redete er mich endlich an. »Ich kann's Euch
nicht verdenken. Das verdammte Knöcheln kostet mich schon manchen
schönen Gulden und wenn ich den guten Humor nicht hätte, so hätte ich
mir aus Zorn über mein ewiges Unglück schon einmal ein Leid angethan.
Aber der gute Humor muß immer obenaufschwimmen, wie der Kork an der
Loglinie, und wenn auch einmal der Böse sein Spiel hat und bei dem
letzten Deut im Beutel nach der armen Seele angelt, so muß ihn doch der
gute Humor gleich vertreiben. Der Humor soll leben!« rief er, indem er
sein Glas erhob und nach mir hinhielt. »Aber, Blixen und Mordblei! Ihr
habt ja keinen nassen Tropfen mehr im Glase? Wirth,« schrie er diesem
zu: »noch ein Glas Genever für den Landsmann! Es geht auf meine
Rechnung. Wir müssen zusammen trinken.« Ich wollte seine Einladung
ablehnen, aber er ließ mir keine Ruhe, bis ich mit ihm anstieß und
trank. An dem andern Tische wurde es jetzt sehr laut. »Das sind rechte
Tölpel und einfältige Gierhälse,« sagte mein Mann, »die sich in die
Launen des Spiels gar nicht finden können! Sie meinen, sie müßten Alle
gewinnen und denken nicht daran, wer dann verlieren sollte. Blixen und
Mordblei! Ihr werdet gleich sehen, daß einer von ihnen nach dem
Krummmesser greift, um dem andern Galgen und Rad ins Gesicht zu
zeichnen. Meiner Seel! der tolle =Hann= ist schon dran. Hat dich denn
der Schwarze einmal wieder am Kabeltau --« Mit diesen Worten sprang er
auf und in das Getümmel hinein. Es ging auch wirklich jetzt an dem
Tische drunter und drüber, wie auf einem geenterten Schiffe. Fluchen
und Schreien, Schimpfreden und Drohungen mischten sich durcheinander.
Alle waren aufgesprungen, ihre Messer blitzten bei dem matten
Lampenscheine in den hoch erhobenen Händen und es schien, als ob es auf
Schlimmeres, als auf bloßen Schnittkampf abgesehen sey. Ich überlegte
eben noch, ob ich mich in das tolle Treiben hineinmengen solle, um ein
Unglück zu verhüten und Ruhe und Frieden herzustellen, als mein
Trinkgenosse, ein untersetzter starker Bursche, schon mitten unter ihnen
war, den Unheilsstifter zu Boden geworfen hatte und mit einer wahren
Commandostimme rief: »Hinaus mit dem Stänker! Er mag seine Hitze in der
Gosse abkühlen, oder, wenn ihn seine Besoffenheit in den Canal führt, so
ist's ihm auch gesund und das ungewaschene Maul wird ihm dann einmal
gewaschen!« -- »Richtig!« schrieen die andern. »Er muß hinaus: In den
Canal! Er hat so nichts, als Meuterei und Schlechtigkeit im Kopfe!« In
der Luft schwebend wurde mit Sturmeseile der brüllende =Hann= durch das
Zimmer, nach dem Ausgange getragen. Alle drängten sich nach der
Hausflur, auch der Wirth, der am Aergsten auf den Friedensstörer
schimpfte. Während sie den Rasenden aus dem Hause schafften, blieb ich
einige Augenblicke allein bei dem Mädchen, das bis jetzt seinen düstern
Winkel nicht verlassen hatte. Kaum war der lärmende Haufen draußen, so
kam das Mädchen in rascher und ängstlicher Bewegung aus der Ecke an
meinen Tisch hervor und flüsterte schnell und mit zitternder Stimme:
»Ihr habt meiner Warnung nicht geachtet oder sie überhört! Das
Schlimmste steht Euch bevor, wenn Euch nicht ein besonderer Glücksfall
rettet. Verrathet nichts, zeigt keinen Verdacht! Ihr befindet Euch unter
--« »Was hat die freche Dirne mit den Gästen heimlich zu verkehren?«
unterbrach sie plötzlich die Donnerstimme des rothhaarigen Wirthes, der
unter der Thüre erschien und rasch vortrat. »Deine Unverschämtheit wird
dich noch ins Spinnhaus bringen, alle Ermahnungen sind umsonst und bei
deiner Mutter Bruder hat sich das Unglück ins Haus geladen, als er dich
aufnahm.« Das Mädchen schlich still nach seinem Winkel zurück. »Ihr
verfahrt zu hart mit dem Kinde!« sagte ich, so ruhig ich vermochte. »Sie
war blos für die Wirthschaft bedacht und fragte mich, ob ich nichts
bedürfe?« -- »Ei, was!« entgegnete mürrisch der Rothkopf. »Ich bin des
Mädchens Vormund und muß wissen, was an ihr ist und wie ich mit ihr
umzugehen habe. Hinauf mit dir, auf deine Kammer!« rief er ihr jetzt
heftig und befehlend zu: »Ich kann jetzt meine Gäste schon selbst
versehen und bedarf deiner nicht mehr.« Das Mädchen schritt zögernd nach
einer Hinterthür des Zimmers. »Soll ich der Dirne Beine machen?« schrie
der erboßte Corsar jetzt voll Wuth und warf ein Glas nach ihr, das dicht
neben ihrem Kopfe vorbei an die Wand fuhr und in tausend Stücke
zersplitterte. Sie entfloh so schnell sie konnte, durch die Hinterthüre.
Ich war aufgesprungen und wollte eben dem alten Bösewicht an den Kragen,
als lärmend und lachend die wilde Rotte ins Zimmer zurückstürmte. Ich
bedachte, daß er unter ihnen gewiß Beistand und Hülfe finden würde, daß
ein einzelnes Schiff, wenn es auch noch so gut getakelt und bewaffnet
sey, nichts gegen eine ganze Flotte vermöge, und verbiß meinen Grimm.
Die Worte des Mädchens und ihr wunderlicher Sinn gingen mir im Kopfe
herum. Dennoch dachte ich mehr an das hübsche Ding selbst, als an ihre
Rede. Ich hatte mir aus vielen schlimmen Lagen meines Lebens immer so
glücklich herausgeholfen, und war mir denn doch auch meiner Kraft
hinlänglich bewußt, daß mich die Ahnung einer Gefahr, die ich nicht
einmal einsah und erkannte, nicht so leicht in Schreck versetzen konnte.
Ich nahm mir nur fester vor, meinen Stand und meinen Namen nicht zu
verrathen. Mochte auch irgend ein Bedrängniß für mich entstehen, so,
glaubte ich, müsse am Ende meine Bestallung als Hochbootsmann auf der
Flotte der hochmögenden Heern Generalstaaten mich aus jeder Verlegenheit
reißen können. So vergaß ich bald der Warnung des Mädchens; aber ihr
Bild blieb in meiner Seele und ich konnte nicht müde werden, da das
hübsche Affengesicht zu beschauen.«
»Grober Mann!« rief =Beckje= mit zorniger Miene, indem sie das Glas, das
vor ihm stand, wegnahm. »Zur Strafe dafür sollst du auch keinen Tropfen
Genever mehr bekommen. Ihr werdet schon sehen,« fuhr sie dann, zu
=Clelia= und =Cornelius= gewendet, voll Eifer fort, »wozu das
Affengesicht nütze war. =Er= säße nicht hier vor Euch, als Capitän der
=Syrene= und als ein gemachter Mann, wenn das Affengesicht ihm nicht aus
der Patsche, in die er sich thörigt hineinbegeben, geholfen hätte!«