»Was ist es denn auch Schlimmes um eine Spazierfahrt mit einer ältern

Freundin und dem Bräutigam, der schon vor aller Welt als solcher genannt

und bekannt ist? Wer weiß, daß die Väter sich entzweit haben am Abend

vor der Abreise? Jetzt nach der Abreise werden die beiden Alten wohl so

gescheut seyn, und Niemanden etwas davon sagen! Und ein Mittelchen gibt

es, das macht Alles wieder gut, Herzenskind. Laß den Brautstand aufhören

und den Hausstand anfangen! Bei der Muhme =Jacobea= ist gut seyn und des

Vaters Schwester kann wohl Vaters Stelle vertreten und an seiner Statt

das Jawort geben, wenn der Domine es verlangt, um Euere Hände segnend in

einander zu fügen!«

»Nimmermehr!« fiel =Clelia= heftig und erröthend ein. »Ohne des Vaters

Einwilligung, ohne seine Verzeihung thue ich nie diesen Schritt, und ich

kann nicht begreifen, wie du, die immer von ihrer mütterlichen Liebe zu

mir spricht, mir dazu rathen kannst?«

»Recht, Kind, ganz Recht!« versetzte einlenkend =Philippintje=, die noch

zur rechten Zeit einsah, daß sie zu weit gegangen war. »Ich wollte dich

nur auf die Probe stellen. Ohne des Vaters Jawort dürfen wir freilich

den Domine nicht kommen lassen. Aber das wird sich Alles zusammenfinden

ohne Anstand und Hinderniß, wenn wir einmal bei der Muhme sind. Jungfrau

=Jacobea= muß dem wohledeln Herrn einen rührenden Brief schreiben,

Junker =Cornelius= einen noch rührendern und du machst auch deinen

kindlichen Schnörkel dran. =Dem= kann der Alte nicht widerstehn und wenn

ihm der =Schiwa= auch noch so heidnische und gottlose Gedanken eingäbe!

Und was kann er denn Besseres verlangen für seine =Clötje=, als den Sohn

des Mannes, der nächst ihm der dickste ist im guten =Rotterdam=? Mein

Himmel, auf zwei Finger breit dicker oder dünner kommt es nicht an vor

dem Auge unseres Herrgottes und wenn er recht drein sieht, so sind wir

Erdenwürmer alle so dick oder so dünn, einer wie der andere. Das sage

ich dir, =Clötje=, unter die Haube mußt du mir, ehe wir wieder nach

=Rotterdam= hineinkommen, als Frau =van Daalen= mußt du in den Haven

einlaufen, oder sonst thue ich =mir= ein Leids an, denn das Gerede, was

außerdem entstünde, brächte mich doch ums Leben in den ersten

vierundzwanzig Stunden. Das Entsetzlichste aber ist dir noch gar nicht

eingefallen: die Kirchenbuße an der Kirchthüre, die der Domine zu deiner

ewigen Schande über dich verhängen wird.«

Dieser Schlag traf. =Clelia= erwiederte nichts. Sie seufzte und stand

auf. Die Besorgnisse, welche ihr =Philippintje's= Bericht von dem

verzweiflungsvollen Zustande ihres Geliebten, beigebracht hatte, ließen

ihr keine Ruhe. Sie stieg die Treppe hinauf, die nach dem Verdecke

führte. Hier wollte sie, wenn =Cornelius= nun als ein rechtes Bild des

Jammers und der Reue vor ihr stünde, durch einen tröstlichen Blick,

durch ein friedliches, wenn auch nicht freundliches Wort ihn erheben.

=Philippintje= folgte ihr. Auf dem kurzen Wege, den sie zu machen hatte,

stellten sich ihrer einmal aufgeregten Einbildungskraft alle

schrecklichen Entschlüsse in ihrer Ausführung dar, zu denen die

Verzweiflung den beklagenswerthen Jüngling bewegen könne. Sie betrat in

großer Beängstigung das Verdeck. Ihre Blicke flogen nach allen Seiten

hin, um sich zu überzeugen, daß er noch da, daß er noch am Leben sey und

nicht bereits nach dem letzten Hülfsmittel der Verzweiflung gegriffen

habe. Siehe! da stand er frisch und fröhlich an der rauchenden Oeffnung,

die der Küche zum Schornsteine diente und rief eben mit heller, heitrer

Stimme hinab:

»Macht, daß bald angerichtet wird, Frau =Beckje=, denn ich habe ganz

entsetzlichen Hunger!«

Ein bitteres Lächeln zeigte sich in =Clelia's= Antlitz. Sie wandte sich

mit einer Gebehrde des Unwillens ab und schritt nach dem Vordertheile

hin.

»Er redet irre, der arme Mensch!« sagte =Philippintje= in tödlicher

Verlegenheit. =Clelia= fühlte sich tief gekränkt. Sie ließ die herben

Empfindungen, welche ihre Seele ergriffen hatten, nicht laut werden;

aber um Thränen zu verbergen, die in ihr Auge aufstiegen, trat sie

dicht an das Bordgeländer und sah hinab in die treibenden Wellen. Wie

ganz anders hatte sie erwartet den Geliebten zu finden! Er konnte

scherzen, er konnte, was noch weit schlimmer war, einen gewöhnlichen,

gemeinen Hunger empfinden, während sie aus Liebe zu ihm, aus quälender

Angst um sein Wohlergehn, um sein Leben, die Mahnungen der

Kindespflicht, den gerechten Unwillen über seine Täuschung, bekämpft und

zurückgewiesen hatte. Das war zu arg! Einem solchen Leichtsinne konnte

keine wahre Reue zugetraut werden. =Clelia= stand auf dem Punkte, wieder

zu allen Ansichten und Vorsätzen zurückzukehren, die sie vor

=Philippintje's= wirkungsreichen Ermahnungen gehegt hatte.

Da fühlte sie sich leise am Kleide gezupft. Sie sah sich um und

erblickte =Philippintje=, neben dieser mit einem wahren armen

Sündergesichte den Junker =Cornelius=. So wie er jetzt vor ihr dastand,

schien er nichts weniger, als von einem unwiderstehlichen, nagenden

Appetit gequält zu werden, und wirklich hatte er auch, sobald die

Hausjungfer ihn auf die Gegenwart der Geliebten aufmerksam gemacht,

sobald er diese in nachdenklicher Stellung, mit allen ersichtlichen

Zeichen des Unwillens, am Vorsteven erblickt, in einem Augenblicke alle

Sehnsucht nach Backobst und Pökelfleisch verloren, seine ganze

Sündenschuld war ihm schwer auf das Gewissen gefallen und er trat nun

vor =Clelia= mit den Gefühlen eines Delinquenten hin, der vor dem

peinlichen Halsrichter erscheint, um den Ausspruch über Leben oder Tod

zu vernehmen. Er stand in erwartungsvollem Schweigen. Er wagte nicht,

die Blicke zu der schwer Beleidigten zu erheben. Alle Zeichen, die

=Philippintje= gab, er möge die drückende Stille unterbrechen, gingen an

ihm verloren. =Clelia= aber wurde durch den Zustand, in dem sie ihn

jetzt sah, um Vieles besänftigt. Die Nachtwache, die peinigenden Zweifel

über die Art und Weise, wie die Geliebte ihm nach ihrem Erwachen

begegnen würde, hatten seinem Angesichte ihre Spuren eingeprägt, so daß

es eine ungewöhnliche Blässe und Eingefallenheit zeigte. =Clelia=

konnte sich, als sie dieses bemerkte, einer mitleidigen Regung nicht

erwehren. =Philippintje's= Hindeutungen, daß sie doch eigentlich die

Schuld des ganzen seltsamen Verhältnisses trage, indem sie die Hand zu

der heimlichen Zusammenkunft geboten, kamen ihr wieder in den Sinn und

stellten sich ihr als wohlbegründete Vorwürfe dar. Sie wurde jetzt

beinahe ebenso verlegen, wie =Cornelius=. Sie hätte gern das Gespräch

eröffnet, aber sie vermochte, wie sehr sie auch darauf sann, keinen

schicklichen Eingang zu finden. Die ältere Freundin ahnete jetzt, welche

Veränderung in den letzten Augenblicken in ihr vorgegangen sey und

beschloß die günstige Gelegenheit nicht ungenutzt vorbeigehn zu lassen.

Sie ergriff des Mädchens Hand und sagte in einem Tone, dem sie die

möglichste Feierlichkeit zu geben suchte:

»=Clötje, Clötje!= Blick um dich! Nichts wie Himmel und Wasser und das

letzte Stückchen Landes verschwindet eben dort hinten, wie ein grauer

Flor. Das Wasser unter uns ist der Tod, der uns in jedem Augenblicke

verschlingen kann; im Himmel über uns aber ist Einer, der da gebietet,

daß wir den Zorn nicht in uns aufkommen lassen, den Haß nicht in uns

nähren sollen. Wenn nun jetzt die Wellen, die gierig nach uns

heraufschnappen, plötzlich das Schiff hinunterschlucken mit Mann und

Maus und du im Unfrieden stürbest, mit einem unversöhnlichen Gemüthe

gegen den Junker, der es doch wahrlich nicht böse gemeint? Oder willst

du warten bis zum letzten Augenblicke und meinst du, daß dann noch Zeit

genug übrig wäre, ein Wörtchen der Verzeihung auszusprechen, mit welchem

auf der Lippe man ruhig von hinnen fahren könne aus diesem irdischen

Jammerthale? Glaube Das nicht, =Clötje=! Noth und Todt liegen so nahe

zusammen, daß sie mit einander wechseln können, ehe die Hand sich wendet

und wenn du dann denjenigen, dem du hartnäckig die Versöhnung versagt,

vor dir erblicken müßtest bleich und leblos, mit gebrochenen Augen, die

dich nie mehr liebevoll anschauen, mit blassen Lippen, die nimmer mehr

ein freundliches Wort zu dir sprechen könnten, dann wäre es zu spät,

dann würde sich die Reue vergebens in deinem Herzen erheben, dann

würdest du umsonst den armen Junker =Cornelius= zurückrufen, ihn

trösten, ihm verzeihen wollen --«

Jetzt hatte Jungfrau =Philippintje= den Höhepunkt ihrer Beredsamkeit

erreicht. Weiter konnte sie nicht. Sie fing an sich zu verwirren, zu

stottern; aber sie durfte sich auch bereits des glänzendsten Erfolgs

erfreuen. =Clelia= reichte in Thränen schwimmend dem entzückten

=Cornelius= die Versöhnungshand. Ihre Einbildungskraft hatte ihr Alles

in täuschenden Vorspieglungen gezeigt, was =Philippintje= mit Worten

dargestellt. Sie sah =Cornelius= als eine Leiche im Sarge liegen, mit

dem weißen Todtentalare bekleidet, wie sie bei der Leichenausstellung

des letztverstorbenen hochmögenden Herrn Bürgermeisters von =Rotterdam=

diesen gesehen; auf dem Sarge fand sich eine Inschrift in großen

silbernen Buchstaben, die den Namen, Stand und Alter des Todten besagte.

Ihre Phantasie ging noch weiter, als =Philippintje's= Darstellung. Sie

sah, wie der Todte sich im Sarge aufrichtete, wie die Augenlieder sich

öffneten, die gebrochenen Blicke sie vorwurfsvoll anstarrten, plötzlich

die rechte Hand sich drohend erhob -- da war es um ihren Trotz

geschehen, sie mußte in Thränen zerfließen, sie mußte verzeihend dem

nächsten Augenblicke zuvorkommen, der ja das Entsetzlichste bringen

konnte.

Nach diesem ersten versöhnenden Schritte, hatte die weitere

Verständigung zwischen den Liebenden ihren ungestörten Fortgang.

=Cornelius= war außer sich vor Freude. Er bauete tausend Luftschlößer

in die Zukunft hinein, von denen immer eins unhaltbarer war, als das

andere. =Clelia= aber gefiel sich sehr darin, sein Feuer durch altkluge

Ermahnungen zu dämpfen, indem sie ihm auseinandersetzte, auf welche

Weise sie, nachdem sie bei der Muhme glücklich angekommen wären, sich um

die Einwilligung des Vaters bemühen müßten, ohne welche sie durchaus

nicht die seinige werden könne. So machte sie den von =Philippintje=

ausgedachten Plan zu dem ihrigen, während die Hausjungfer

seelenvergnügt über die günstigen Aussichten, die sich ihrer Zukunft

eröffneten, nach dem Steuerbord trippelte, damit die beiden jungen Leute

sich selbst überlassen blieben und auch noch den letzten Groll vom

Herzen kosen möchten. Sie war so froh bewegt, daß sie ein Glas Genever,

welches ihr der Bootsmann zutrank, dankbar annahm und indem sie auf

gutes Gedeihen des begonnenen Werkes nur nippen wollte, zum Erstaunen

des Darbringenden auf einen Zug leerte. Dann setzte sie sich still auf

die Schiffsbank und fiel bald in einen sanften Schlummer.

Die Barke wurde auf dem weiten Wasserspiegel von günstigen Winden so

rasch vorwärts getragen, als schwebe sie auf offener See. Der Himmel

blieb heiter, kein Wölkchen zeigte sich und die Strahlen der

Mittagssonne fielen so erwärmend nieder, daß man darüber die vorgerückte

Jahreszeit vergaß, in der man sich befand. Das Ufer im Hintergrunde war

verschwunden. Dagegen zeigte sich in weiter Ferne vor den Schiffenden

ein schwarzer Punkt, der sich, je näher man kam, vergrößerte. Er wurde

bald für eine Insel von bedeutendem Umfange erkannt. Rechts von einem

aus der Wasserfläche auftauchenden Ufer zeigten sich weiß

herüberglänzend die Gebäude von =Dortrecht=. Links in der Ferne wurden

neben jener großen Insel noch einige kleinere sichtbar.

=Jansen= war selbst zum Steuerruder getreten. Er lenkte weit ab von dem

Dortrechter Ufer. Er wußte, daß dieser Haven mit seinen Umgebungen

besonders von den feindlichen Kreuzern zum Schauplatze ihrer oft sehr

verwegenen Unternehmungen auserkoren war. Der Lauf, den das Fahrzeug

jetzt beschrieb, schien zu seinem Richtpunkte die Durchfahrt zwischen

zwei der kleinern Inseln bestimmt zu haben. Mit großer Aufmerksamkeit

und einiger Unruhe in seinem ganzen Wesen untersuchte der Capitän durch

das Fernrohr den Gesichtskreis, den er überblicken konnte. Er bemerkte

nichts, was ihm hätte Besorgniß erwecken können. Nach dem Gestade von

=Dortrecht= hin war Alles ruhig, zwischen der Stelle, wo sich jetzt die

Barke befand, und den vornliegenden Inseln, waren nur einige

Fischernachen sichtbar und ein in weiter Entfernung hinter der =Syrene=

erscheinendes größeres Fahrzeug, kam, wie seine Laufbahn erkennen ließ,

ebenfalls die =Maas= herauf und mußte demnach von friedlicher Bedeutung

seyn. Des Capitäns Antlitz erheiterte sich bei diesen Wahrnehmungen. Er

hatte eine reiche Ladung von =Utrechter= Sammet und Seide an Bord. Die

Kaufleute, denen die Sendung angehörte, hatten in den gegenwärtigen

kriegerischen Zeitläufen damit gezögert und waren erst dann, als der

kecke =Jansen= sie auf seine eigene Gefahr übernommen, zur Ausführung

geschritten. =Jansen= setzte in dieser Sache sein ganzes bedeutendes

Vermögen auf das Spiel; aber er fand eine eigene Lust, sich an

Wagestücken zu versuchen, von denen andere Schiffsführer sich gern

zurückzogen. Als er noch Bootsmann auf einem Kriegsschiffe der

holländischen Flotte gewesen, hatte er in vielen Gefechten einen Muth

bewiesen, der an Tollkühnheit grenzte und seinen Namen unter den

Seeleuten seiner Nation bekannt und in einem gewissen Grade berühmt

machte. Die Matrosen und Bootsmänner nannten ihn nur den =tollen

Jansen= und nebenbei stand er auch seiner ungeheuern Körperstärke wegen

unter ihnen in großem Ansehn. Später hatte er die muntere =Beckje=

kennen gelernt, die einiges Vermögen besaß. Beide Leutchen gefielen

einander, sie heiratheten sich und von =Beckje's= Geld und =Jansen's=

Ersparnissen wurde nun die Barke angeschafft, der sich der Junker =van

Daalen= mit seiner Herzliebsten anvertraut hatte.

In dem süßen Liebesgespräch, das sich zwischen =Cornelius= und der

verführten =Clelia= entsponnen hatte, wurden sie durch das Läuten der

Mittagsglocke und durch die Anrede =Jansens=, der freundlich lachend zu

ihnen trat, gestört:

»Deine Sehnsucht wird nun gestillt werden, =Cornelius=;« sagte er. »Frau

=Beckje= hat aufgetragen und du, der ihr treulich beigestanden bei den

Kochtöpfen, wirst gewiß die besten Bissen erhalten. Ob aber die Jungfrau

Schwester mit der groben Schiffmannskost zufrieden seyn wird, bezweifle

ich sehr!«

=Clelia= versicherte, sie werde der Tafel alle Ehre anthun, zu der sie

ein langes Fasten und die zehrende Herbstluft fähig mache, und folgte,

von schönen Hoffnungen belebt und erhoben, am Arme des Geliebten dem

voranschreitenden Capitän nach der Cajüte. Vergebens suchten sie im

Vorübergehen =Philippintje= zu erwecken, die noch immer auf der

Schiffsbank im tiefen, todtähnlichen Schlaf lag. Der Nektar, von dem sie

allzureichlich genippt, hielt sie in seinen Zauberbanden gefangen. Sie

blieb taub gegen alle Aufforderungen und das junge Liebespaar mußte sich

entschließen, sie auf dem harten Lager, das sie sich selbst erwählt

hatte, ihren beseligenden Träumen zu überlassen. Daß sie von solchen

heimgesucht werde, verrieth ein lächelnder Zug in ihrem Antlitze und der

Name: =Balthasar=, der im schmachtendsten Tone über ihre Lippen glitt.

Im Innern der sehr reinlich und zierlich gehaltenen Cajüte empfing Frau

=Beckje= ihre Gäste. Sie hatte, um nicht zu sehr in ihrem Aeußeren gegen

die Begleiterin des Junker =Cornelius= abzustechen, ihren besten Staat

angelegt. Das knapp anliegende Kleid von schönem schwarzen Utrechter

Sammet stand ihr recht wohl und das rothbäckige, volle Schelmengesicht

sah unter dem Spitzenhäubchen, so freundlich und anmuthig hervor, daß

=Clelia=, durch den lieblichen Anblick überrascht, für einige Momente

ihre gewöhnliche Gravität ablegte, erst die dargebotene Hand des

lächelnden Weibchens annahm und dann auf die frischen Lippen, die ihr

entgegenkamen, einen herzlichen Kuß drückte.

»Nun ist die Freundschaft gemacht,« sagte =Beckje=, »und« setzte sie

schalkhaft hinzu, »der Junker da kann Euch kein besserer Bruder seyn,

als ich Euch eine Freundin bin!«

=Clelia= erröthete. Nur daß sie eine Unwahrheit behaupten helfen sollte,

trieb das Blut auf ihre Wangen; sie ahnete nicht, daß die Capitänsfrau

auf eine Vermuthung der Wahrheit, ja, daß diese schon zu der

Ueberzeugung ihrer Nicht-Blutverwandtschaft mit =Cornelius= gekommen

sey!

»Wir machen gerade einen hübschen Tisch voll!« fuhr indessen =Beckje=

fort, indem sie =Clelien= gegenüber, ihren Platz zwischen den beiden

Männern einnahm. »Es ist nur Schade, daß Ihr zwei Schwester und Bruder

und nicht auch Mann und Frau, oder doch wenigstens Bräutigam und Braut

seyd! Es ginge dann noch weit lustiger her, denn es mag mir einer sagen,

was er will, die Liebe ist doch eigentlich =Das=, was dem Leben erst

seine wahre Freude, seine rechte Lust gibt!«

=Cornelius= vermochte kaum seinen Unwillen zu bekämpfen, daß =Beckje

Clelien= gegenüber in ihrem Scherze so weit ging. Er warf ihr einige

sehr ernste und finstere Blicke zu, die den guten Erfolg hatten, daß sie

ihr stets fertiges Zünglein ein wenig im Zaume hielt. Das Gespräch

wandte sich auf andere Gegenstände und =Jansen= trug nun in den

Zwischenräumen, die ihm die Befriedigung seines sehr guten Appetits

ließ, die Kosten der Unterhaltung, indem er mit vieler Laune und

Lebendigkeit manches Abentheuer erzählte, das ihm in seinem vieljährigen

Seeleben begegnet war. Gegen das Ende der Tafel, bei der er mehr dem

Genever, als dem spanischen Weine, dem =Cornelius= den Vorzug gab,

zusprach, wurde er sehr lustig und rief:

»Nun muß ich Euch doch noch die wunderliche Geschichte erzählen, wie ich

zu dem Ballaste da« -- hier wieß er auf =Beckje= -- »in meinem

Lebensschifflein gekommen bin! So wie Ihr mich hier sehet, bin ich ein

Bursche, der schon seine vierzig hinter sich hat, aber die frische

Seeluft hat mich =frisch= erhalten und ich wette drauf, mein =Beckje=

vertauscht mich gegen keinen Hasenfuß von zwanzig Jahren! Ich hatte

schon meine sechs Fahrten nach =Batavia= gemacht, hatte unter =Ruyter=

gedient, ihm zur Seite gestanden, als er siegreich an der Küste von

Sicilien seinen Tod fand, war mit Oraniens Glück nach England

hinübergegangen und kam eben von einem Kreuzzuge unter =Wassenaar=

zurück, als ich mich entschloß, meine armen Verwandten in =Amsterdam=

einmal zu besuchen, ihrer Noth nach Kräften abzuhelfen und nebenbei die

große Stadt zu sehen, von der ich so Vieles gehört hatte und die ich

noch nicht kannte. Die Flotte lag gerade zu der Zeit im Texel und wurde

ausgebessert. Es fiel mir deshalb nicht schwer, einen Urlaub von einigen

Wochen zu erhalten. Ich hatte mir etwas zusammen gespart. Ich kann Euch

sagen, ich trat ans Land, aufgetakelt wie ein Kirmesbaum, und mit dem

besten Willen, meine Jahreslöhnung, die ich eben erhalten, an allerlei

Narrenspossen zu verthun. Mehr aber keinen Stüber, denn das Uebrige war

für die Verwandten und für den Sparpfennig bestimmt, an dem ich seit

meiner frühen Jugend gesammelt. Wenn ich Euch erzählen wollte, wie es

zuging, daß ich schon am ersten Tage in =Harlem= fünfzig Gulden für eine

garstige braune Zwiebel wegwarf, blos aus Respect, weil man sie den

Admiral =Enkhuysen= nannte, wie ich dann die Zwiebel wieder gegen eine

Flasche ächten Genever aus =Schidam= vertauschte, wie ich für andere

fünfzig Gulden fünfzig hübsche Mädchen bei einer Kirmes auf einem Dorfe

in der Nähe von =Harlem= mit bunten Halstüchern beschenkte und mich

hernach mit ihren Liebhabern herumschlagen mußte, -- ja! wenn ich Euch

das Alles genau berichten wollte, so hätte ich viel zu thun und

=Beckje= würde es vielleicht nicht einmal gern hören --«

»Meinethalben magst du reden, was du willst!« fiel schnippisch =Beckje=

ein. »Mir sind auch bunte Halstücher geschenkt worden, ehe ich dich

gekannt habe, und ich bin keinem ein Geschenk schuldig geblieben.«

Die Mumie von Rotterdam. Erster Theil · 第 8 / 13 段