»Sündenlohn ist der Sünden Schuld!« versetzte das Mädchen, indem sie

mit großer Selbstzufriedenheit über den bewiesenen Scharfsinn den Kopf

mit der langgeöhrten Spitzenhaube hin und herwiegte. »Ihr hättet Euch

auch selbst verrathen, wenn ich Euch nicht errathen hätte. Ihr könnt

dergleichen Streiche im ersten Augenblick wohl unternehmen, aber Ihr

seyd nicht schlimm genug, sie durchzuführen. Ich war eine rechte Thörin,

Euren Spiegelfechtereien Glauben beizumessen; allein es reuet mich

nicht, denn es ist schon seit lange einer meiner innigsten Wünsche,

einmal in der Welt herumzufahren, und allerlei Schicksale und

Begebenheiten zu erleben. Aber =Clötje=? =Die= denkt nicht so, die wird

ein andres Stücklein anstimmen, das Euch widrig in die Ohren gellen und

Euer Müthchen gewaltig herabstimmen dürfte!«

»Unvergleichliches =Philippintje=, da müßt Ihr helfen!« bat dringend

=Cornelius=. »Euch verdankt sie das edle Gemüth, die Schönheit und den

Verstand. Ihr vermögt Alles über sie. Sucht sie bei dem Glauben an Herrn

=Tobias= tyrannische Absicht zu erhalten, malt ihr das Nonnenleben noch

weit entsetzlicher, als Ihr schon gethan habt, stellt ihr die Qual der

Verdammniß vor --«

»Das thue ich nicht!« entgegnete mit einem bösen Gesichte und

entschlossener Stimme =Philippintje=. »Ueberhaupt, wenn Ihr auf dem

Lügenpfade fortschreiten wollt, so dürft Ihr nicht darauf rechnen, mich

zur Reisegefährtin zu besitzen.«

»Nicht böse, Engels-=Philippintje=, nicht böse!« versetzte höchst

kläglich der muthlos werdende Kriegsmann. »Wenn Ihr mich verlaßt, so bin

ich ja von Allem verlassen, selbst von dem letzten Troste des armen

Sünders, von der Hoffnung. Helft mir und rathet mir in dieser Sache und

ich schwöre Euch, wenn Ihr es dahin bringt, daß =Clelia= die meinige

wird, so soll es Euch nie fehlen an irgend Etwas Euer Lebelang, wir

wollen Euch hegen und pflegen, wie eine Mutter und Ihr sollt jährlich

hundert Dukaten blos für Euere Nebenausgaben haben.«

Das war eine starke Versuchung für =Philippintje=. Sie hatte im Hause

des Herrn =Tobias= Gelegenheit gehabt zu bemerken, daß der geizige

Herr, seitdem sie in die Jahre getreten, wo ihr die häuslichen Geschäfte

nicht mehr so flink von der Hand gingen, wie früher, sie mit scheelem

Auge ansah, oft um Geringfügigkeiten Willen Ursache zum Streit mit ihr

suchte und sie in einer Weise ausschalt, aus der sie ersah, daß sie ihm

lästig falle, sie hatte sogar aus seinem Munde hören müssen, daß, wer

nicht arbeite, auch nicht des Brodes werth sey, das er esse. Diese

Hartherzigkeit, diese Undankbarkeit des alten =van Vlieten= erbitterte

sie auf's Aeußerste; sie sah von diesem Augenblicke Alles, was er that,

in einem schwarzen Lichte an. Seine Abgeneigtheit, den Domine zu

bewirthen, galt ihr für Mangel an Christenthum, seine Liebhaberei am

Schiwa war ihr ein Beweis, daß er im Heidenlande, wie sie Ostindien

nannte, auch heidnische Gesinnungen angenommen habe. Sie war in ihrer

durch =Tobias= selbst fortgenährten Erbitterung geneigt geworden, das

Entsetzlichste von ihm zu glauben. Deshalb ging sie so leicht in die von

=Cornelius= gestellte Falle, deshalb wirkte sie übereilt zu einem

Unternehmen mit, dessen Bewegungsgründe ihr, sobald ihr Gemüth Zeit zu

Ruhe und Nachdenken fand, als Täuschungen, als Ausgeburten der

Unbesonnenheit und des Leichtsinnes erscheinen mußten. Sie durfte nicht

hoffen, bei einer etwaigen Rückkehr in =Cleliens= Vaterhaus, von dem

Prinzipal entschuldigt und wieder in Gnaden angenommen zu werden. Im

Gegentheile stand zu erwarten, daß Herr =Tobias= in ihr die Verbündete

des Junkers =Cornelius= sehen, seinem langgenährten Grolle Luft machen

und ihr den oft in unzweideutigen Ausdrücken gedroheten Abschied

ertheilen würde. Nun kam des jungen =van Daalen=, gegen jede Noth des

Alters schützender Antrag und mit ihm eine Gelegenheit, deren

Frauenzimmer in =Philippintje's= Jahren sich so gern bemächtigen,

nämlich =die=, eine Heirath stiften zu können, und dabei noch die

Aussicht, an dem filzigen =Tobias= Rache zu nehmen -- =Philippintje=

widerstand nicht länger, aber sicher wollte sie sich setzen und nicht

einem bloßen Versprechen das Glück ihrer Zukunft, das vielleicht nie

wieder so lockend sich bieten würde anheimstellen.

»Was Ihr mir da sagt, ist wohl recht schön und gut, hochedler Junker!«

hob sie mit angenommener Gleichgültigkeit an, »aber nehmt mir's nicht

übel, wer kann Euch trauen? Habt Ihr Euch kein Gewissen daraus gemacht,

mich und auch gar Euere Herzliebste bei Nacht hinter der Wahrheit

herumzuführen, so werdet Ihr es bei Tage ebensowenig thun. Ich weiß

recht gut, Ihr seyd ein reicher Erbe, Euer Vater ist ein dicker Herr in

der guten Stadt =Rotterdam= und es wird dermaleinst nicht viel für Euch

seyn, jährlich einhundert Dukaten einem armen Mädchen hinzuwerfen, das

sie wohl durch vielfache Sorgen und Nachtwachen bei dem lieben =Clötje=

verdient hat. Aber wer verbürgt mir Euer Wort? Wißt Ihr was, Herr

=Cornelius=, gebt mir's schriftlich und dann will ich sehn, was ich bei

=Clötje= thun kann. Mit einem solchen Papier in der Tasche hat man

gleich mehr Muth, der Verstand schärft sich und man weiß für jeden

Nothfall eine gute Aushülfe!«

»Nassau und Oranien, Ihr traut meinem Worte nicht?« entgegnete mit

einiger Heftigkeit =Cornelius=. Dann aber fuhr er lachend und indem er

sich eines Gefühles von Beschämung nicht ganz erwehren konnte, fort.

»Aber ich kann es Euch nicht verdenken. Ich habe es danach getrieben,

daß Ihr mich mehr für einen Wortmacher, als einen Worthalter ansehn

müßt. Ich will Euere gute Meinung wieder gewinnen. Gleich stelle ich

Euch die Schrift aus, die Ihr verlangt, aber, sowahr ich =Clelia= mehr

als Alles liebe, für diesen Fall hättet Ihr keiner anderen Versicherung

bedurft, als meines Wortes.«

»Besser ist besser!« sagte =Philippintje= mit zweifelhaftem

Kopfschütteln für sich, während =Cornelius= hastig nach dem Tische des

Steuermannes schritt, auf dem sich Papier und Schreibzeug befand. Von

diesem Augenblicke sah die Hausjungfer des jungen Mannes Angelegenheit

für ihre eigene an. Sie überlegte hin und her, auf welchem Wege sie am

besten ihr =Clötje= zu milden Gesinnungen für den unbesonnenen

Kriegsmann aus dem Unwillen überleiten könne, der das liebe Kind

sicherlich beim Erwachen ergreifen würde, wie sie die Besänftigte dann

weiter zur Fortsetzung der Reise, zu dem Besuche bei der Muhme =Jacobea=

bewegen möge, damit der alte =Tobias= nicht, noch etwa vor dem

geschlossenen Bunde, seine scheidende Vaterhand zwischen den Junker und

=Clötje= hinstrecken könne. Eben als =Cornelius= herbeitrat und ihr das

gewünschte Papier überreichte, glaubte sie die rechte Art und Weise

gefunden zu haben.

»Laßt mich nur machen!« sprach sie in dem Tone des nun herrschenden

traulichen Einverständnisses. »Der alte Heide =Tobias= soll Euern

Herzenswünschen nicht entgegentreten und =Clötje= selbst wird gern =ja=

sagen, wenn ich mit ihr geredet habe. Hütet Euch nur vor ihr Angesicht

zu treten, bis ich Euch einen Wink gebe. Beruhigt Euch: Es wird Alles

gut gehn.«

=Philippintje= verbarg die erhaltene Verschreibung im tiefsten Grunde

der großen Ledertasche, die sie unter der Schürze, an ihrem Leibe trug.

Dann trippelte sie fort, die kleine Treppe hinab, welche zu =Cleliens=

Aufenthalte führte.

Die Ufer des Flußes, den die =Syrene=, von schwellenden Segeln rasch

fortbewegt, hinauffuhr, erweiterten sich. Die zierlichen, roth und weiß

gemalten Landhäuser mit den freundlichen, hellgrünen Laden und Thüren,

wurden seltener und sahen nur noch aus der Ferne herüber. Man näherte

sich der Gegend, wo die =Maas=, mit einem Arme der =Schelde= und mehrern

andern Gewässern vereinigt, eine Art von See bildet, in dessen

Mittelpunkt man, wie auf offenem Meere, keine Küste mehr erblickt. Die

Barke kam jetzt, obgleich die Zugpferde ausgespannt wurden, noch

schneller vorwärts, als bisher, da der Richtung ihres Laufes die

eintretenden Strömungen anderer Gewässer Hülfe leisteten. Die

Schiffenden sahen bald den weiten Spiegel vor sich liegen. Viele Segel

waren in der Nähe und Ferne zu erblicken.

Da trat mit einer ernstern Miene, als gewöhnlich, der Capitän zu seinem

Freunde:

»Höre einmal, Landläufer,« sagte er, »du hast oft genug zu thun gehabt

mit den Franzosen auf festem Grunde und Boden, jetzt kann dir

desgleichen mit ihnen oder den Spagnolen auf dem beweglichen Wasser

begegnen. Die welschen Seehunde sind frech und übermüthig geworden. Sie

wagen sich in Schaluppen und selbst in Schoonern in die Flußmündungen

hinein, um im Innern des Landes den Handel zu stören und Beute zu

machen. Ich stehe dir nicht dafür, daß so ein naseweiser Franzose oder

ein hochmüthiger =Don= uns nicht in den Weg kommt und wir einen Strauß

mit ihm auszufechten haben, den man hören wird von =Dortrecht= bis

=Antwerpen=. Dafür ist meine sonst friedfertige =Syrene= mit Böllern

gerüstet, mit Schießgewehr und Pulver wohl versehen. Sie sollen nur

kommen! Capitän =Jansen= hat nicht umsonst unter =Ruyter= und =de Witte=

seine Lehrjahre gemacht.«

»Mein Degen soll an den Galgen gehängt werden, wenn er ihnen nicht die

Wege weist auf gut oranisch!« rief sehr lebhaft =Cornelius=, indem die

Aussicht auf ein kriegerisches Unternehmen ihn einige Augenblicke die

Sorge für =Clelien= vergessen ließ. Gleich darauf setzte er jedoch

bedächtig hinzu, »aber meine Schwester -- wie wird es ihr ergehen,

welche Lage für das Mädchen --«

»Pah!« fiel =Jansen= mit einem rauhen Gelächter ein. »Wenn du besorgt

bist um ihretwillen, so wirst du nur desto besser fechten, und was sie

betrifft, so mag sie's mit meiner Frau halten, die bei solchen Tänzen

nicht auf dem Verdeck fehlt und ihren Böller so schußgerecht abfeuert,

wie ein gelernter Canonier. Potz Bramsegel und Fockmast! Es ist nicht

das erstemal, daß sie dabei ist. Du solltest sie nur sehen, mit welcher

Geschwindigkeit sie ladet, zielt, die Lunte einschlägt und immer dem

Schiff in die Weichen trifft, daß es eine Freude ist. Ja, sie ist

geboren zu eines Seemanns Frau, die =Beckje=! Und wie es auch drunter

und drüber geht, wie die Kugeln über das Schiff schwirren und die

Enterhaken der Feinde durch den Dampf herüberglänzen, so schweigt keinen

Augenblick ihr Spottlied:

»Die Geusen wollen jagen

Auf den hispan'schen Don,

Doch wo sie nach ihm fragen,

Lief er schon längst davon!«

»Das ist ganz vortrefflich von der =Beckje=,« erwiederte gedehnt der

Junker =van Daalen=, »und es würde =mir= allerdings eine große Freude

seyn, sie in ihrer kriegerischen Thätigkeit zu bewundern, aber meiner

Schwester wegen, die keine solche Heldin ist, wäre es mir doch lieber,

du setztest uns in =Dortrecht= oder, wo es sich sonst gut thun läßt,

an's Land!«

»Ich glaube gar, du fürchtest dich?« versetzte mit einem Anfluge von

Spott der Schiffscapitän. »Du mußt aber nun schon aushalten, bis wir in

den Haven von =Antwerpen= einlaufen, denn gerade an den Küsten wimmelt

es von feindlichen Kreuzern in einer Menge, der ich nicht gewachsen bin.

Halte dich nur ruhig im untern Raum, wenn's drauf und dran geht,

=Beckje= wird dich schützen.«

»Hölle und =Marlborough!=« fuhr =Cornelius= wild auf und eine dunkele

Gluth überzog sein Antlitz. »Hätte mir ein anderer, als du das gesagt,

=Jansen=, so müßte er den Schandflecken mit seinem Blute mir abwaschen.

So aber weiß ich, daß du nur scherzest, denn du kennst recht wohl die

Bedeutung dieser goldenen Ehrenkette, die mir der ruhmwürdige König

=Wilhelm= eigenhändig angelegt. Ich habe die Sache nun auch schon besser

überlegt und denke nicht mehr daran, mich mit den Weibern auszuschiffen.

Laß sie nur kommen und du sollst sehen, daß ein Landläufer, wie du mich

zu nennen beliebst, mit Geschoß und Degen so gut umzugehen versteht, wie

eine Wassermaus!«

=Jansen= schüttelte lächelnd seinem Freunde die Hand.

»Nimm's nicht übel, Bruderherz!« sagte er gutmüthig. »Aber, du mußt uns

Seeleuten schon die Eigenheit hingehen lassen, daß wir gern Euch

Landhelden ein Wenig aufziehn. Die Geusen haben Holland frei gemacht und

deshalb steht ihnen auch wohl eher ein Wort frei, als andern. Unsere

=Tromp=, =Ruyter= und =de Witte= beherrschten das weite Weltmeer,

während ihr Mühe hattet, die Grenze zu behaupten.«

»Freilich,« entgegnete =Cornelius= in einem angenommenen Tone eben

solcher Gutmüthigkeit, »haben die =Wilhelme= und =Moritz von Oranien=

nichts gethan, dem alten =Ouwerkerk= ist der Degen in der Scheide

festgefroren und ihr habt den Franzosen =Jean de Baert= allenthalben

geschlagen, wo er euch aufgestoßen.«

Der letzte Scherz war zu beißend, als daß =Jansen= ihn ruhig ertragen

konnte. Er schleuderte die Hand des Freundes, die er ergriffen hatte,

fort und ging, ein Wort des Unwillens in sich hineinmurmelnd, nach dem

hintern Verdeck.

Die Barke schwebte jetzt zwischen zwei der Inseln hin, die da, wo =Maas=

und =Waal= unter dem Namen der =Merwe= vereinigt fließen, sich bilden.

Die Ufer der Inseln bestanden aus hohen Bollwerken von Pfählen und

Zweiggeflechten, die den sandigen Boden gegen den Andrang der Wellen

schützten. Fernher sah aus Wiesen und Gebüschen ein freundliches

Bauernhaus oder eine strohbedeckte Fischerhütte. Noch einmal stieg in

=Cornelius= Seele der Gedanke auf, ob nicht Pflicht und Gewissen von ihm

forderten, die Tochter des Herrn =van Vlieten= zu einem Orte zu führen,

wo sie den Beunruhigungen des Krieges nicht ausgesetzt war, aber auch

nur zu leicht wieder sich aus seiner Nähe entfernen und ins Vaterhaus

zurückkehren konnte. »Nein, nein!« rief da mit Allgewalt die Stimme der

Leidenschaft in der Brust des jungen Abentheurers. »So verliere ich sie

gewiß, und auf dem Wege, der durch Kampf und Gefahren führt, kann ich

sie mir gewinnen. Wenn sie mich als Sieger, als den Retter ihres Lebens

vor sich sieht, wenn sie erkennt, daß niemand sie treuer und muthiger zu

schützen vermag ihr Lebelang, als =Cornelius van Daalen=; dann muß sie

mir die thörigte Uebereilung verzeihen, dann muß sie die Meinige werden,

dann wird sie auch der fürsprechenden =Philippintje= nicht widerstehn!«

Seine ganze Phantasie erfüllte sich jetzt mit Bildern des Kriegs und

blutiger Kämpfe. Er schritt das Verdeck auf und nieder, musterte die

vorhandenen Waffen und den Munitionsvorrath. Die Barke war ungewöhnlich

stark bemannt, wahrscheinlich um den drohenden Kriegsgefahren im

Nothfalle begegnen zu können! =Cornelius= zählte an zwanzig Männer, alle

von kräftigem Körperbau, mit verwegenen Gesichtern, die da sagten, daß

sie nicht allein mit Segel- und Tauwerk, sondern auch, wenn es gelte,

mit Feuergewehr und Säbel, mit Enterbeil und Enterhaken umzugehen

verständen. Viele von ihnen trugen in tiefen, vernarbten Einschnitten

die Bilder von Galgen und Rad auf dem gebräunten Antlitze, Spuren von

Zwistigkeiten, die sie mit ihren Cameraden gehabt hatten und die, nach

der unter dem holländischen gemeinen Volke beliebten Weise mit der

Spitze des Messers ausgemacht worden waren. Dennoch herrschte unter dem

rohen Haufen die größte Ruhe und Ordnung, der strengste Gehorsam.

=Jansens= riesenkräftige Gestalt, die Bestimmtheit und der Ernst, mit

denen er seine Befehle ertheilte, schienen den besten Eindruck zu machen

und jeden Ausbruch roher Heftigkeit in den nöthigen Schranken zu

halten.

Indessen war =Philippintje= voll zweifelhafter Erwartung auf den Ausgang

des Unternehmens, dessen Mitgenossin sie geworden, in das Innere der

Cajüte getreten. Hier saß =Clelia= schon erwacht und aufrecht auf dem

Ruhebette, sie sah still und ernst vor sich hin, sie schien in einer

wichtigen Ueberlegung begriffen.

»=Philippintje=,« redete sie die Eintretende mit größerer Fassung an,

als diese vermuthete, »wir sind beide grausam getäuscht worden. Man hat

meine Unerfahrenheit, man hat eine Schwachheit von mir benutzt, mich zu

einem großen Vergehen gegen meinen Vater zu verleiten. Als ich erwachte,

wußte ich nicht, wo ich mich befand und es war mir Alles wie im Traume.

Jetzt aber ist meine Besinnung zurückgekehrt, ich kenne die Schlingen,

in welche man dich und mich verlockt hat, und die kindliche Pflicht

erfordert von mir, mich ihnen zu entreißen.«

»Gewißlich sind wir übel daran,« erwiederte die Hausjungfer, welche für

diese Anrede schon ihre Antwort in Bereitschaft hatte, »aber was können

wir Anderes, was können wir Besseres thun, als uns vor der Hand in unser

Schicksal ergeben und die Muhme =Jacobea= besuchen, wo wir Rath, Hülfe

und Fürsprache bei dem Vater hoffen dürfen?«

»Nimmermehr!« versetzte eifrig =Clelia=. »Wir müssen umkehren mit der

ersten Gelegenheit, wir müssen in's Vaterhaus zurück, dort Alles

gestehen und die Verzeihung des schwer beleidigten Mannes erflehen.

Oder, =Philippintje=, ahnest du vielleicht noch nicht einmal, welches

ruchlose Spiel man mit uns getrieben hat, muß ich dir erst Alles

erzählen und erklären, meine eigene Thorheit und unglückliche

Geistesschwachheit --«

»Nein, nein!« unterbrach sie im kläglichen Tone =Philippintje=. »Ich

weiß Alles, der unglückliche junge Mann hat mir Alles entdeckt. Ach, es

steht übel mit ihm! Er ist sehr zu beklagen. Ich fürchte für sein Leben,

für sein irdisches und sein himmlisches Heil.«

Diese räthselhaften, auf irgend ein dem Junker =van Daalen=

bevorstehendes Unglück deutenden Worte verfehlten ihre Wirkung nicht.

=Clelia= erblaßte. Die Liebe, die sie für den unbesonnenen Jüngling

empfand, überwog in diesem Augenblicke ihren Unwillen. Sie war in

Verlegenheit, sie wußte nicht, wie sie, ohne ihre gütigeren Gesinnungen

zu verrathen, eine weitere Erkundigung einleiten sollte. Endlich, nach

einer ziemlich langen Pause, die =Philippintje= ruhig abwartete, sagte

sie mit erkünstelter Kälte:

»Von wem sprichst du, =Philippintje=? Wer ist der Unglückliche, für

dessen Leben du fürchtest?«

»Wer anders, als Junker =Cornelius van Daalen=;« antwortete tief

aufseufzend des jungen Mannes Verbündete. »Du kannst dir nicht denken,

Kind,« fuhr sie fort, »in welchem entsetzlichen Zustande er heute

Morgens zu mir kam! >=Philippintje=,< sagte er zu mir, und die Thränen

standen ihm dabei in den schönen blauen Augen, >um mein Glück ist's

geschehen! Die himmlische =Clötje= habe ich zu schwer beleidigt und sie

kann mir nicht verzeihen. Ich war verblendet, ich war außer mir, als ich

ihr Dinge vorschwatzte, die sie, sobald sie erwacht, für thörigte und

strafbare Vorspiegelungen erkennen muß. Sie wird mich einen Betrüger

schelten, sie wird den heftigsten Unwillen auf mich werfen, mir ihre

Liebe entziehen und das überlebe ich nicht.< Bei diesen Worten sah er

mit einem so sonderbaren Ausdruck in seinen Gesichtszügen hinab in die

Wellen, die an die Seitenwand des Schiffes schlugen, daß mir angst und

bange wurde, er wolle sich im Augenblicke ins Wasser stürzen. Ich hielt

ihn mit beiden Händen fest, ich ermahnte ihn sein Seelenheil zu

bedenken, als ein guter wallonischer Christ. >Was hilft mir Alles,<

rief er da mit einer wahrhaft verzweiflungsvollen Stimme aus, >wenn

=Clötje= nicht die Meinige wird, in deren Besitz ich allein mein Heil

suche? Die Liebe zu ihr macht mich unglücklich, denn ich habe sie nicht

aus Bosheit, sondern aus übergroßer Liebe beleidigt. Als ich in dem

=Schiwa= steckte und des alten Herrn =Tobias= Schreckensworte hörte,

mit denen er meinem Vater erklärte, daß ich nun und nimmermehr mir

Rechnung auf die Hand seiner Tochter machen dürfte, da war es, als

ergriff mich ein höllischer Geist und umnebelte meine Sinne. Der Gedanke

sie zu verlieren, erfüllte mich mit Verzweiflung. Ich wußte nicht, was

ich sagte. Nur Eins stand fest vor meiner Seele, daß ich ohne =Clötje=

nicht leben könne, daß ich sie mir erringen müsse auf jeglichem Wege und

um jeglichen Preis. Ach, wie täuschte ich mich, indem ich auch sie

täuschte! Ich dachte nur an den nächsten Augenblick, nicht an die

fernere Zukunft. Erst als der Morgen kam, als die Vaterstadt schon weit

hinter uns lag, als ich ruhiger ward, sah ich mein Vergehen ein,

überzeugte ich mich, daß sie die Täuschung erkennen und mich dann --<

er wurde ganz blaß bei den Worten -- >aus ihrer Nähe verbannen würde.

Das ertrage ich nicht, =Philippintje=! Wo das Wasser am Tiefsten ist, da

ist es nicht zu tief für die verzweifelte Liebe.< Er machte wieder eine

heftige Bewegung nach den unten strömenden Wellen hin. Als ich ihm nun

aber recht freundlich zusprach und ihm die Versicherung gab, daß du,

mein =Clötje=, nicht unversöhnlich seyn, daß du gewiß verzeihen würdest

in einer Sache, von der du selbst die Hauptschuld trügest, da

verminderte sich sein entsetzliches Jammern und er überließ sich nur

noch einem stillen ruhigen Schmerze. Er sitzt da, wie ein blaßes Bild

der Reue und des Kummers. Er spricht nichts und bewegt sich nicht. Sein

Freund, der Capitän, weiß nicht, was er aus ihm machen soll, und selbst

die rohen Matrosen betrachten ihn mit Bedauern. Du solltest ihn nur

sehen, =Clötje=! Sein betrüblicher Anblick würde dir gewiß zu Herzen

gehen, besonders da du die einzige Ursache seines Unglücks bist.«

»Wie kannst du nur so sprechen?« versetzte mit einem Tone, in den sich

Theilnahme und Unwille mischten, =Clelia=. »Habe ich ihn durch irgend

Etwas zu der Meinung berechtigt, ich würde mich aus freien Stücken einer

Betrügerei hingeben, die mich aus dem Vaterhause entfernt? Sage selbst,

=Philippintje=, hat er nicht ganz abscheulich an mir gehandelt, indem er

mich durch eine Unwahrheit dazu brachte, gleich einer verlaufenen Dirne

mit ihm in die Welt zu gehen?«

»Ewiger Herr!« entgegnete die Hausjungfer und verdrehete die kleinen

grauen Augen: »wie kann man nur so scharfsichtig und dabei so ganz

entsetzlich blöd seyn, daß man das Staubsplitterchen im Auge des

Nächsten und den baumlangen Balken im eigenen nicht bemerkt? O,

=Clötje=, meinst du denn, man könne Unkraut säen und Waizen erndten?

Hast du der Lehre des Domine vergessen, die da sagt: thuet Gutes Denen,

die Euch Uebles gethan haben, denn die Rache ist mein, spricht der Herr!

Und =Clötje=, wie kannst du dich nur rein waschen in dieser Sache? Wer

ließ den Junker bei Nacht und Nebel ein durch die Hinterthüre des Hauses

zur heimlichen Zusammenkunft? Hierin liegt der Grund alles Uebels. Ein

Mädchen, das ein Mannsbild und noch dazu einen gewesenen Kriegsmann auf

solche Weise bei sich sieht, ist an Allem schuld, was ihr nachher

begegnen kann, und darf sich über nichts beklagen. Das muß ich besser

wissen, wie du, denn ich bin ein Paar Jahre älter und habe auch meine

Erfahrungen. Durch dich ist der Junker in's Haus gekommen, durch dich in

den =Schiwa=, durch dich ist er Zeuge geworden von dem Streite der

beiden Väter. So warst du die Ursache, daß er in Verzweiflung über

deinen bevorstehenden Verlust gerieth, daß er in seiner entsetzlichen

Lage nach dem einzigen Mittel griff, das ihm sein =Clötje= zu erhalten

schien, daß er in seiner Verblendung blieb bis an den heutigen Morgen,

wo ihn nun die Reue und die Furcht ergriffen haben und er nahe daran

steht, sich ein Leids zu thun. Der arme Mensch! Er wird sicherlich das

Opfer seiner Liebe, wenn du ihm nicht durch einen freundlichen Blick

neue Hoffnung und neue Lust am Leben einflößest.«

Wir sehen, daß =Cornelius= an =Philippintje= eine ebenso treue, als

eifrige Bundesgenossin gewonnen hatte. Je länger das alternde Mädchen

die Aussicht auf die jährliche Pension von einhundert Dukaten

betrachtete, desto gerechter schien ihr des Junkers Sache. Sie fing erst

an, mit allem ihr zu Gebote stehenden Scharfsinne Entschuldigungsgründe

für sein Verfahren aufzusuchen. Kaum hatte sie einige derselben, mochten

sie auch noch so unhaltbar seyn, gefunden, so glaubte sie auch schon

daran und war bereit, ihre Aechtheit und Wahrheit gegen jedermänniglich

in Schutz zu nehmen. In der Weise, von der wir ein Pröbchen gehört

haben, sprach sie noch lange auf =Clötje= ein und es gelang ihr

wirklich, dieser einen Theil ihrer Ansichten aufzudringen. Wie gern

nimmt die Liebe selbst das Unwahrscheinlichste an, was den geliebten

Gegenstand von Vorwürfen zu reinigen vermag, deren Begründetheit sich

trennend zwischen die zwei Herzen stellen müßte!

Als =Philippintje= bemerkte, daß ihr =Clötje= sich immer mehr der

Neigung zum Verzeihen überlasse und nur noch durch die Gedanken an den

Zorn des Vaters und an das Gerede unter den Verwandten und Bekannten

daheim zu =Rotterdam=, hauptsächlich beunruhigt werde, ging sie in

einen andern Ton über und sagte scherzhaft:

Die Mumie von Rotterdam. Erster Theil · 第 7 / 13 段