=Syrene=, Capitän =Jansen=, die =Maas= hinauffuhr. Der Wind wehete so
günstig, daß die aufgesetzten Segel schon hinreichten, das leichte
Fahrzeug, selbst den Wellen entgegen, rasch fortzubringen und deshalb
der gewöhnliche Vorspann von Pferden entbehrt werden konnte. Die Barke
selbst bot jedem, der solchen Dingen gern seine Aufmerksamkeit schenkt,
besonders den Seemännern und Schiffbauleuten, einen sehr erfreulichen
Anblick. Ihre Seitenwände von starkem Eichenholze waren lichtbraun
lakirt und von den sorglichen Matrosen in einer Sauberkeit erhalten, die
ihnen den Glanz eines Spiegels gab. An dem weißen, mit einer Malerei von
grünem Laube gezierten Vordertheile, prangte in kunstvoller
Bildhauerarbeit die =Syrene=, von der das Fahrzeug den Namen hatte, und
sie glich so einem weiblichen Wesen, das eben im Begriff ist, mit dem
Oberleib aus einem grünenden Gesträuche sich emporzurichten. Die
niedlichen Fenster der Cajüten waren mit grünseidenen Vorhängen geziert.
Der schlanke Mast warf in seiner glänzenden Politur die Strahlen der
Morgensonne tausendfältig zurück, und auf den frisch gebleichten Segeln
war kein Fleckchen zu sehen. Auch für die Sicherheit des Fahrzeuges, die
in diesen kriegerischen Zeiten leicht gefährdet werden konnte, war
gesorgt, denn auf dem Verdecke standen mehrere nicht unansehnliche
Böller und in einigen offenstehenden Kisten waren Schießgewehre und
Säbel aufgeschichtet.
Schon vor einigen Stunden hatte das Schiff die Anker gelichtet, und noch
immer war dem jungen =van Daalen=, der die bald nach ihm und =Clelien=
eintreffende =Philippintje= bei dem ohnmächtigen Mädchen zur Pflege
zurückgelassen, keine Nachricht von dem Zustande der Letzteren geworden.
Er selbst war mehreremale hinabgeschlichen, um sich Kunde zu
verschaffen, aber er hatte die Thüre der Cajüte von Innen verschlossen
gefunden. Er hatte gelauscht, aber nichts vernommen. Er hatte leise
=Philippintje= bei Namen gerufen; Alles war still und stumm geblieben.
Er stand jetzt auf dem Vordertheile des Schiffes, lehnte sich nachlässig
an das Geländer und hatte den Arm um den schlanken Leib der =Syrene=
geschlungen. Aber nicht lange blieb er in dieser Stellung. Die Unruhe
seines Innern trieb ihn fort. Er war besorgt um die Geliebte, dann regte
sich auch wohl von Zeit zu Zeit in ihm das böse Gewissen, mehr aber bei
seinem Leichtsinne die Furcht, wie =Clelia= das Geschehene aufnehmen
werde, wenn sie erst wieder zur völligen Besonnenheit gekommen sey.
Hätte er nur =Philippintje= sprechen können! Sie besaß einen großen
Einfluß auf das Mädchen, und mit ihrer Hülfe durft er hoffen, dem
drohend heranziehenden Unwetter eher zu entgehen.
Er war, solchen beunruhigenden Gedanken hingegeben, bis zu der
Schiffsöffnung fortgeschritten, durch die er jetzt in das Innere der
Küche blicken konnte, in der seines Freundes =Jansen= junge Frau mit
Zubereitung der Mittagsmahlzeit beschäftigt war. Der Glanz des Feuers
röthete das runde Angesicht der artigen Frau auf eine anmuthige Weise,
ihre ganze füllereiche Gestalt, so wie alle Gegenstände in der kleinen,
höchst reinlichen Küche zeigten sich in einer so zauberischen
Beleuchtung, daß =Cornelius= einige Augenblicke lang versucht war zu
glauben, er sehe eins jener Gemälde von =Schalkens= vor sich, die sich
durch eine unübertreffliche Anwendung des Helldunkels auszeichnen. Bald
aber wurde er durch die Stimme der heraufblickenden jungen Frau, die
ihn bemerkte, in diesem Wahne gestört.
»Ei, Junker,« sagte sie lachend, »wo habt Ihr denn die Topfguckerei
gelernt? Waret Ihr etwa, da Ihr im Felde standet gegen die Franzosen,
mehr bei den Kasserollen und den Bratspießen beschäftigt, als bei den
Kanonen und dem Blutvergießen, mehr bei den Feldhühnern als bei den
Feldstücken, mehr beim Trinken und Kauen, als beim Stoßen und Hauen --«
Frau =Jansens= Zünglein war im guten Zuge; =Cornelius= aber unterbrach
den Strom ihrer Beredsamkeit, indem er mit kläglicher Stimme einfiel:
»Ach, Frau =Beckje=,« -- so wurde die junge Frau gewöhnlich statt
=Rebekka= genannt -- »ich bin nicht zum Scherzen aufgelegt! Ein andermal
stehe ich Eueren Angriffen gern zu Dienst mit billiger Erwiederung. Sagt
mir lieber, wie es meinem Schwesterlein geht? Ich hör' und sehe nichts
von ihr und habe sie doch in einem gar beunruhigenden Zustande
verlassen.«
»Thut der Mensch doch um das Schwesterlein, als wenn es ein Bräutlein
wäre!« versetzte etwas schnippisch die Capitänsfrau. »Unterbricht mich
da in meiner besten Rede, aus der er ohnehin, wenn er nicht seinen
ganzen Verstand in meine Kochtöpfe versenkt hat, schon abnehmen muß, daß
Alles rein und gut steht auf der =Syrene=, daß kein Kranker an Bord ist
und über dem Fahrzeuge das Fähnlein der Gesundheit lustig flattert und
flaggt! Ihr seyd mir ein rechter Kriegsheld, bei dem die Courage theuere
Waare wird, wenn er ein Frauenbild in Ohnmacht fallen sieht! Da müßt Ihr
Euch an ganz andere Dinge gewöhnen, wenn Ihr einmal heirathet.«
»Die Schwäche ist also vorüber und sie befindet sich wohl?« fragte
hastig =Cornelius=. »Sie ist wieder bei Besinnung und hat wohl schon
nach mir gefragt?«
»Keins von Beiden!« antwortete Frau =Jansen=, indem sie sich bückte und
das Feuer anblies. Der junge Mann wurde von heftiger Ungeduld ergriffen,
aber er mußte warten, bis das dringende Geschäft gethan war und die
sorgsame Schiffsherrin fortfuhr. »Aus der Ohnmacht ist ein gesunder
Schlaf geworden und die Jungfrau liegt auf dem Ruhebette mit zwei rothen
Bäcklein, so frisch und gesund, wie Granatäpfel. Sie athmet sanft und
leicht und Alles zeigt an, daß sie bald neu belebt und gestärkt an Leib
und Seele erwachen wird!«
»Nassau und Oranien!« sagte der junge Mann leise zu sich selbst. »Wie
wird's mir dann ergehen, wenn sie wieder bei lichten Sinnen ist und mit
ihrem verzweifelten Nachdenken mein ganzes schönes Luftgebäude von
Autodafé und Klosterzwang über den Haufen stößt? Ade, fein's Liebchen,
Ade, wird's heißen, wie im deutschen Liede, aber man wird mir kein
goldenes Ringlein schenken auf den Weg, sondern manches Scheltwort auf
den Rücken. Frau Beckje,« wandte er sich entschlossen zu der
Capitänsfrau, »ich muß =Philippintje= sprechen, ehe meine Schwester
erwacht. Sucht es einzurichten, wie Ihr wollt, aber verschafft mir
einige Augenblicke ungestörter Unterredung mit der Alten! Mein Glück
hängt davon ab, und Ihr als meine Freundin werdet mir nicht entgegen
seyn in einer wichtigen Sache!«
»Hört, junger Herr!« sagte die Frau und erhob drohend den Zeigefinger
der rechten Hand. »Ich bin sehr geneigt zu glauben, daß es mit der
Schwesterschaft nicht ganz richtig ist und daß allerlei Kriegslisten
dahinter stecken. Bei Nacht und Nebel braucht man keine Schwester an
Bord zu bringen; das kann bei hellem Tage geschehen. Aber ich weiß recht
wohl, daß Jugend nicht Tugend hat und Ihr am allerwenigsten. Ich drücke
=ein= Auge zu, allein das andere bleibt desto weiter offen und siehet um
so schärfer darauf, daß Alles in Ehren zugeht auf der =Syrene=. Das laßt
Euch gesagt seyn ein für allemal. Ihr seyd ein guter Freund zu meinem
Manne, aber Recht geht über Freundschaft. Sonst diene ich Euch gern, und
da bei der verlangten Zusammenkunft mit der holdseligen =Philippintje=,«
fügte sie lachend hinzu, »hoffentlich nur die tugendhaftesten Absichten
zum Grunde liegen, so will ich Euch das Kind heraufschicken. Ihr müßt
aber, während ich sie rufe, meinen Platz am Heerde einnehmen, das
Backobst fleißig umschütteln, daß es nicht anbrennt, und das Feuer unter
dem Pökelfleisch unterhalten. Kommt herab, daß ich sehe, wie Euch der
Küchenschürz ansteht!«
=Cornelius= ging gern auf einen Scherz ein, der für seine mißliche und
verwickelte Angelegenheit eine günstige Wendung herbeiführen konnte. Mit
einem kühnen Sprunge war er unten bei Frau =Beckje=. Das muntere
Weibchen band ihm lachend und schäkernd eine blendend weiße Schürze vor,
gab ihm den Kochlöffel in die Hand und sagte:
»Da habt ihr Eueren Commandostab! Haltet Ihr gute Ordnung in meinem
Feldlager, so werde ich's zu rühmen wissen, denn das zeigt von guter
Anlage zum Ehemanne und Hausvater. Zerfällt mir aber das Fleisch, wird
das Backobst schwarz und rauchig, so müßt Ihr eben ein Junggeselle
bleiben Euer Lebelang, denn es fehlt Euch an der nothwendigsten Sache
für den Hausstand, an der lieben Ordnung.«
=Beckje= legte rasch ihr Küchencostüm ab und sprang die kleine Treppe
hinauf, um sich nach der Cajüte zu begeben, in der =Clelia= mit
=Philippintje= eingeschlossen war. Indessen wachte der gewesene
Kriegshauptmann =Cornelius= so aufmerksam und sorgfältig bei den
Kochtöpfen, wie er früher als Soldat auf nächtlichen Posten dem Feinde
gegenüber gewacht hatte. Er hielt den Kochlöffel mit militärischem
Anstande in der Rechten, als wäre es der Degen, mit dem er eben das
Zeichen zum Angriffe geben wolle. Sein Auge beobachtete mit ängstlicher
Aufmerksamkeit die Flamme, als aber die Fleischbrühe plötzlich
überkochte und zischend in die Gluth floß, so daß diese zu verlöschen
drohete, da wußte er weder Rath noch Hülfe, sondern brach in den
Schreckensruf: »Frau =Beckje=, Frau =Beckje=!« aus. Wer aber nicht
hörte, war Frau =Beckje=.
»Potz Raa und Backbord!« ließ sich dagegen Capitän =Jansens= Stimme von
oben herab vernehmen. »Was fällt dir ein, =Cornelius=, daß du meine Frau
vorstellen willst am Heerde und die Suppe ins Feuer anrichtest, statt
auf den Tisch? Du solltest dich nur sehen und das arme Sündergesicht,
das du schneidest in diesem Augenblicke und du müßtest laut auflachen
über dich selbst! Komm herauf! Der Schiffsjunge mag so lange die Töpfe
hüten, bis =Beckje= wiederkommt. =Der= versteht das Ding besser, als
du.«
Der muntere Knabe, der auf des Capitäns Wink herbei sprang, war auch
gleich unten und hatte rasch und umsichtig das von =Cornelius=
angestiftete Unglück bald wieder gut gemacht. Dieser warf ihm ein Paar
Stüber zu und erschien nun mit einem verdrießlichen Gesichte auf dem
Verdeck. Das Lachen, in welches Capitän =Jansen=, gleich nachdem er jene
Worte gesprochen, ausgebrochen war, wurde jetzt lautschallend und
unmäßig. Er deutete auf =Cornelius= Antlitz, er wies auf den
Küchenschürz, den dieser noch nicht abgelegt hatte. Den Schürz
schleuderte der junge Mann ärgerlich hinweg, als ihm aber sein Freund
erklärte: Die Kochtöpfe hätten schwarze Spuren seiner Vertraulichkeit
mit ihnen auf Nase und Wange zurückgelassen und diese gäben ihm ein so
furchtbar komisches Ansehen, daß keiner, der ihn sähe, sich des Lachens
erwehren könne, trat er kaltblütig an das Wasserbecken und sagte, indem
er sich reinigte, mit großer Ruhe:
»Das kommt nicht von den Kochtöpfen, lieber =Jansen=! Das kommt von
Deiner lieben Frau, die mich herzend und küssend empfangen, als ich ihr
Besuch abstattete im unterirdischen Reich.«
»Da müßte sie einen schlechten Geschmack haben!« erwiederte
selbstgefällig der Capitän, und dehnte die mächtigen Glieder seiner
riesigen Gestalt. Er war um Kopfshöhe größer, als der Junker =van
Daalen=, und sah in diesem Augenblicke auf ihn herab, wie auf ein Kind.
Bei seiner Größe gab ihm die fleischige Fülle seines Körpers ein
wahrhaft herkulisches Ansehen. Sein wohlgebildetes Antlitz trug den
Ausdruck der Offenheit, der frohen Laune und einer kräftigen Derbheit.
Seine Bewegungen waren langsam und nachlässig, wie man sie oft bei sehr
starken Menschen findet, denen sich in Unternehmungen, welche
Körperkraft erheischen, selten anreizende und zu rascher Thätigkeit
auffordernde Hindernisse in den Weg stellen. »Was sollte sie mit einem
Knäbchen anfangen, wie du bist? Sie ist einmal geboren eines
Schiffcapitäns Frau zu seyn und du magst wohl zur Noth mit dem Messer,
das du an der Seite trägst, handthieren können, wenn es aber darauf
ankommt, ein Schiff lufwärts oder leewärts zu halten, das Raasegel
aufzuhißen, den Anker zur rechten Zeit schießen zu lassen und die tollen
Jungen, die beim Sturm in den Tauen herumtanzen, wieder nach der
Commandopfeife tanzen zu lassen, da bist du ein verlorener Mann, da hat
dein Compaß die Richtung verloren, da steuerst du frisch auf die
Sandbank los, bis du strandest und dein leckes Boot untergeht mit Mann
und Maus. Dort blick hin aufs Backbord! Da steht eine in einer
Takellage, die für dich paßt. Das ist ein Schätzlein für meinen
=Cornelius=, das ihm auch so leicht keiner abspenstig macht.«
Bei diesen Worten ergriff er seinen jungen Freund bei den Schultern und
drehete ihn rasch um, so daß =Cornelius= nun die Aussicht nach dem
vordern Theile des Schiffes hatte. Da fielen seine Blicke sogleich auf
Jungfrau =Philippintje=, die vor der =Syrene= stand und ihn mit heftigen
Bewegungen zu sich heranwinkte. Er gönnte seinem Freunde kein weiteres
Wort, er ließ ihn stehen und war in drei Sprüngen bei der Alten.
=Jansen= schickte ihm ein schallendes Gelächter nach, er aber überhörte
es und sprach mit ungemeiner Freundlichkeit zu der Jungfrau:
»Wie geht es Euerer schönen Schutzbefohlenen? Gewißlich recht gut, denn
unter einer solchen mütterlichen Pflege kann die zarte Pflanze nur
gedeihen und in frischer Gesundheit emporblühen!«
»Ja, mein hochwerther Junker,« versetzte =Philippintje=, die sich sehr
geschmeichelt fühlte, »das muß wahr seyn, ich bin dem Mädchen immer gut
gewesen, wie eine leibliche Mutter und ohne mich, die sie stets auf dem
Wege zum wahren Christenthume gehalten, wäre sie nach dem Beispiele des
sündigen Vaters, eine Heidin geworden und so eine =Schiwa=-Verehrerin,
die ein Stück Holz für den lieben Herrgott ansieht. Aber da habe ich sie
seit ihrem siebenten Jahre täglich zum Domine geführt in die
Glaubenslehre, wenn der Patron in der Schreibstube oder den Gewölben
sein Wesen trieb, da habe ich sie Abends bei mir im still heimlichen
Kämmerlein wiederholen lassen, was sie in Sprüchen und biblischen
Erzählungen bei dem Domine gelernt, und deshalb ist sie fromm und schön
geworden, denn wer dem Herrn mit wahrhaftiger Liebe zugethan, den
schmückt er auch mit lieblicher Gestalt und freundlichem Wesen. Alles,
was sie ist, hat sie mir zu danken, die =Clötje=: das gute Gemüth und
die Schönheit, und das lasse ich mir nicht bestreiten.«
»Wer wollte auch das thun?« fiel =Cornelius= ein, der Mühe hatte seine
Ungeduld zu bewältigen. Die Lust an dem Weihrauche, den =Philippintje=
sich selbst streuete, hatte sie ganz von der Beantwortung seiner Frage
abgeführt. Er wiederholte sie jetzt dringender und fügte hinzu, er
fürchte sehr für =Clelias= Gesundheit, der doch leicht der Schreck, wie
die feuchte Nachtluft, nachtheilig gewesen seyn könne.
»Nichts von allen Dem!« entgegnete kopfschüttelnd die Hausjungfer. »Sie
liegt im besten Schlafe von der Welt und ihre Wänglein blühen, wie die
schönsten Tulipanen in Heern =van Vlietens= Blumengarten, wie der =Duc
van Doll=, oder der Admiral =Enkhuysen=. Wer ein gutes Gewissen hat, dem
kann der Böse nicht so leicht etwas anhaben in Weh und Krankheit! Ich
freue mich nur darauf, wenn sie ausgeschlafen hat und sich nun frei
sieht in der weiten Gotteswelt, der schrecklichen Gefahr, ihrem Glauben
entsagen und eine Nonne werden zu müssen, entgangen.«
Herr =Cornelius van Daalen= konnte diese Freude nicht theilen. Vor
seinen Geist trat in diesem Augenblicke Alles, was er bei =Clelias=
Erwachen zu erwarten, was er von ihrer wiederkehrenden Besinnung und
Erkenntniß zu fürchten hatte. Vorwürfe, einige Kälte und etwas Jammer
nach dem Vater -- auf diese Dinge war er gefaßt. Wenn aber =Clelia= ihm
vielleicht ihre Liebe entziehn, wenn sie seine Unbesonnenheit so
entsetzlich bestrafen wollte, ihn aus ihrem Angesichte zu verbannen,
dann war das Aergste geschehen, dann blieb er ewiger Reue über ein
Unternehmen hingegeben, das statt ihm die Geliebte zu sichern, sie ihm
geraubt hatte. =Philippintje= näher mit sich zu verbinden, schien ihm
durchaus nothwendig. Er nahm einen gehenkelten Doppeldukaten aus seinem
wohlgefüllten Ledergürtel, hielt ihn zwischen zwei Fingern, so daß er
lockend im Sonnenlichte erglänzte, und sagte im schmeichelhaftesten
Tone, den er aufzubringen vermochte:
»Wir Beide sind vom Schicksale erkoren, über die Lebenspfade der lieben
=Clelia= zu wachen. Wir müssen gleich seyn in Gesinnungen und
Handlungen, aber auch sonst im Aeußeren vor den Leuten. Deshalb verlange
ich es als eine Gunst von Euch, daß Ihr dieses Goldstück annehmet und in
Antwerpen, wo Ihr dergleichen leicht haben könnt, Euch mit einem
stattlichen Reiseanzug bekleidet. Nicht wahr, gute =Philippintje=, Ihr
schlagt es mir nicht ab?«
»Behüte Gott!« antwortete =Philippintje=, indem sie mit großer
Gelassenheit den Doppeldukaten annahm und rasch in ihren ansehnlichen
Tragsack gleiten ließ. »Soll ich =Clötje's= Mutter vorstellen und
=Clötje= Euere Schwester, so seyd Ihr ja nichts anders, als mein
leiblicher Sohn, und von =dem= kann ich dergleichen wohl annehmen. Es
ist mir auch daran gelegen, daß ich vor der Muhme =Jacobea= nach Stand
und Würden erscheine: das gibt Euch und der ganzen Sache ein Ansehn.
Aber, junger Herr,« fuhr sie mit einem verschmitzten Blicke fort, »Ihr
habt mir noch ein Räthsel zu lösen, das mir schon lange Nachdenken
macht. Wie kamet Ihr denn in den =Schiwa= und überhaupt, durch welche
Veranstaltung gelang es Euch, Eingang in das verschlossene Haus zu
finden?«
»Ach!« entgegnete =Cornelius= und nahm mit einer schwermüthigen Miene
auch einen sehr schwermüthigen Ton an: »kennt Ihr die Macht der Liebe
nicht, Jungfrau =Philippintje=? =Sie=, welche auf dem Throne herrscht,
wie in der Hütte des Armen, =sie=, die den Bettelstab zum Zauberstabe
=Fortunens= macht, die den Hülflosen auf einmal auf den Gipfel des
Reichthums und der Freuden erhebt, und den Mächtigen und Reichen
niederwirft zu den Füßen der Niedrigkeit und Armuth? Beim Waffenruhme
des Prinzen Eugenius! Ihr hättet mehr als zwanzig Jahre hinter Euch und
die Liebe wäre Euch unbekannt geblieben?«
»Nein, nein!« sagte fast weinend =Philippintje=. »Ich kenne sie nur zu
gut. Sie hat mich glücklich und unglücklich gemacht, sie hat mir Freuden
gegeben, wie sonst nichts mehr, aber auch Leiden, wie sonst nichts mehr!
O mein =Balthasar=, mein =Balthasar=! Es war gerade in der Zeit, wo die
Gebrüder =De Witt= ermordet wurden, als ich ihn zum erstenmale sah, es
mag nun schon ein Paar Jährchen her seyn --«
»Verzeiht, edle Jungfrau,« unterbrach sie mit schonungslosem Muthwillen
=Cornelius=, »seit jener Zeit sind nun schon über dreißig Jahre
vergangen. Aber das thut nichts zur Sache. Ich glaube Euch Alles gern,
was Ihr gesagt habt und noch sagen wollt; aber hört nun auch mich an.
Vernehmt ein Geständniß, das Euch nicht befremden kann, da Euch die
Liebe nicht fremd, sondern im Gegentheile nur zu gut bekannt ist. Ich
liebe Euch, holdselige =Philippintje=.«
»Wie, mich?« rief =Philippintje= im Tone der außerordentlichsten
Verwunderung aus und trat einen Schritt zurück. »Ich hoffe, in allen
Ehren!« fügte sie, als sie keinen Zug des Scherzes oder Spottes in
=Cornelius= Zügen zu entdecken glaubte, hinzu.
»Freilich!« versicherte dieser. »So sehr in allen Ehren, daß ich auch
nicht die mindesten Absichten auf Euch habe. Ueberhaupt werdet Ihr die
Ehrlichkeit meiner Gesinnung schon daraus erkennen, wenn ich Euch
offenbare, daß ich Euch nur als die Erzieherin und Freundin =Clelia's=
liebe, die ich zu meinem eigentlichen Herzensgespons erkoren habe.«
»Ah, =so= meint Ihr es!« erwiederte gedehnt das ältliche Mädchen. »Ihr
müßt nur nicht glauben, daß Ihr mir da etwas Neues sagt,« fuhr sie,
indem die Spur eines Unwillens über getäuschte Erwartung im Tone der
Rede und in ihrem Antlitze zurückblieb, fort: »ich habe Euere
Fensterpromenaden am Canale auf und nieder, die verliebten Blicke, die
Ihr nach =Clötje's= Fenster schicktet, wohl bemerkt. Aber was hat das
mit Euerm Logement im Schiwa gemein, was mit Euerm Eindringen in des
Patrons Haus?«
»Herzliebste =Philippintje=,« lenkte =Cornelius= mit möglichster
Freundlichkeit wieder ein, »Ihr habt ja auch schon der Beispiele erlebt,
daß Frauenzimmer sich in diejenigen wieder verliebt haben, die ihnen
durch Fensterpromenaden und dergleichen Dinge ihre Neigung bezeigt. So
ist es auch der liebenswürdigen =Clelia= mit meiner geringen Person
ergangen.«
Er fuhr nun fort, ziemlich der Wahrheit gemäß, zu berichten, was beide
Väter oft von einer Verbindung der Kinder gesprochen, wie diese dann
erst beim Kirchgang und andern Gelegenheiten sich einander genähert, wie
endlich am gestrigen Abende, auf sein vielfaches Zureden, =Clelia= ihm
den heimlichen Eintritt in das Haus bewilligt und verschafft, wie er,
durch des Herrn =Tobias= unerwartete Rückkehr, nothgedrungen in den Leib
des =Schiwa= kriechen müssen und dort, ohne es zu wollen, Zeuge der
Entzweiung beider Väter geworden und die schrecklichen Anschläge
vernommen, welche der alte =van Vlieten= gegen ihn und die Tochter im
Sinne trage, indem dieser zugleich seines geheimen Uebertrittes zu einem
andern Religionsglauben gedacht. Bei dieser Abweichung von der Wahrheit
zur Lüge mußte =Cornelius= zu seinem großen Erstaunen und zu seinem noch
größern Verdrusse die Bemerkung machen, daß =Philippintje= mit einem
ungläubigen Lächeln zu ihm aufsah, eine sehr listig seyn sollende Miene
annahm und bedenklich den Kopf schüttelte. Das kam ihm durchaus
unerwartet. Der Eifer, den die Hausjungfer bei der ersten Entdeckung an
den Tag gelegt hatte, schien ihm ein hinlänglicher Bürge ihrer
Leichtgläubigkeit zu seyn; aber, wie es jetzt das Ansehn gewann, hatte
er sich getäuscht und wurde von ihr in seinem, freilich nicht allzu fein
angelegten Betruge durchschaut. Er war nun bemüht, sie von weitern
Gedanken und Ueberlegungen, die diesen Punkt betrafen, abzuziehn. Er
sprach von seiner großen Liebe zu =Clelia=, von der gerechten
Verzweiflung, die ihn ergriffen, da er Herrn =Tobias= plötzlich
entstandenen Widerwillen gegen die schon so gut als abgeschlossene
Verbindung erkannt, von dem beispiellosen Glücke, das er =Clelien= als
zärtlicher Gatte zu bereiten gedenke, von seiner Dankbarkeit gegen
=Philippintje=, die ein solches Kleinod gebildet, und von den reichen
Geschenken, von der Hochachtung bis ins späteste Alter, mit denen er
jene Dankbarkeit bethätigen wolle.
»Hochedler Junker,« sagte =Philippintje=, nachdem er geendigt und
zwischen beiden Personen eine erwartungsvolle Stille geherrscht hatte,
bedächtig, »es gibt Dinge, die ich am Tage anders ansehe, als in der
Nacht. So geht es mir mit Euerer Geschichte von des Patrons
Glaubensveränderung, von =Clötjes= Nonnenschaft, von Euerer Verbrennung;
sie kommt mir vor wie ein Traum, und: Träume sind Schäume, sagt ein
altes Sprüchwort. Ich habe schwer und böse geträumt, aber ich bin nun
erwacht. Der alte =Tobias= mag wohl ein schlechter Christ seyn und mehr
am heidnischen Schiwa, als an der christlichen Liebe hängen, aber so arg
treibt er's doch nicht, daß er ein Catholik geworden wäre und den Herzog
von =Alba= wieder aus dem Grabe erwecken möchte, sammt der Inquisition
und ihren Blutgräueln. Davon hat mir mein =Balthasar= selig erzählt, der
die Geschichte auf ein Haar wußte. Nein! der gestrenge Patron
verabscheut vielmehr die Spagnolen, schon des Zuckers und Caffees, der
Muskaten und des Caneels halber, mit denen sie gern allein handeln
wollen. Ihr habt uns diese Nacht in der ersten Bestürzung einen
mächtigen Bären aufgebunden, mir und meiner =Clötje=: so groß, daß sie
ihn gleich erkennen wird, wenn sie nur ihre Aeuglein aufthut!«
»Holland und England!« fuhr =Cornelius= unbedacht heraus. »Das ist ja
mein einziger Kummer. Glaubt Ihr, ich kenne =Clelia= nicht genug, um das
vorauszusehn?«