Länger konnte sich der Professor nicht halten. Er fiel zur großen

Befremdung aller Anwesenden dem Jüngling um den Hals und sagte:

»Herzenssöhnlein! Laß Dich küssen. Du mußt dermaleinst meinen Lehrstuhl

besteigen, wenn ich diese hieroglyphische Unterwelt verlassen habe, aber

dann mußt Du mir versprechen, mich einzubalsamiren, nach der Art und

Kunst, die ich in meinem Testamente berichten werde. Aber fahre fort, Du

mein _successor in spe_! Was hast Du Weiteres zu erzählen von unserer

Mumie, die noch in der chaotischen Verwirrung des Lebens der Stunde

ihrer Wiedergeburt, der beglückenden Rückkehr in die egyptische

Vergangenheit harret?«

Der lebhafte =Le Vaillant= rückte ungeduldig auf seinem Sitze hin und

her. =La Paix= aber gab ihm aufs Neue einen Wink, der ihn wiederum zur

Uebung einiger Selbstbeherrschung veranlaßte. Dann befriedigte jener das

Verlangen des Professors, indem er antwortete:

»Euer Gedanke, hochverehrter Lehrer, den dicksten Mann der guten Stadt

Rotterdam für die Nachwelt einzumachen, indem ihr ihn zugleich der

Vorwelt als eines ihrer wunderbarsten Geheimnisse in den Schooß legen

wollt, hatte so viel Reizendes, ich kann sagen, Begeisterungsvolles für

mich, daß ich die ganze Nacht nicht schlafen konnte. Schon in der ersten

Frühe des Tages machte ich mich mit =Le Vaillant= auf den Weg, zog

Erkundigungen über den wohlmögenden Herrn =Tobias van Vlieten= ein und

ließ mir sein Haus zeigen. Dann begaben wir uns zu diesem. Noch war

Alles verschlossen. Wir hatten aber nur wenige Minuten davor gestanden

und das stattliche Gebäude aufmerksam betrachtet, als plötzlich dessen

Thüre aufgerissen wurde und der Gegenstand Euerer Freude, Euerer

Hoffnung und Euerer Sehnsucht darin erschien. Aber -- _Cadédis_ würde

=Le Vaillant= ausrufen: wie war der Mann entstellt! das anmuthige Braun

seines Angesichtes, das Euch so sehr entzückte, als Ihr ihn zum

erstenmale sahet, hatte sich in ein dunkles Roth verwandelt, seine

Blicke schossen Blitze, seine langen Arme fuhren wild in der Luft umher.

Irgend etwas Ungeheures mußte ihm begegnet seyn! Er schrie und tobte mit

dem hintenstehenden Hausgesinde, er that mit einemmale einen gewaltigen

Sprung mitten in die Straße, sah sich nach allen Seiten forschend um,

und fuhr eben so schnell wieder in's Haus zurück. Die entsetzliche

Alteration muß eine unglückliche Folge für ihn haben. Ich wette darauf:

der Schlag rührt ihn noch heute und er fährt hin, ohne ein Testament

gemacht zu haben.«

»Das kann, das darf er nicht!« rief entschlossen =Hazenbrook= und sprang

von seinem Sitze auf. »Ich nehme die Obrigkeit zu Hülfe, ich appellire

im Namen der Universität, er muß, will er nicht im Guten, mit Gewalt

genöthigt werden, seinen schätzbaren Leichnam unserer Musenstätte zu

testiren. Auf, Ihr Jünger der Wissenschaft! Wir wollen hin, wir wollen

in das Innere seines Domicil's dringen. Ich muß ihm noch einmal in's

Gewissen reden. Ist die schöne Hoffnung, daß er bald das Zeitliche mit

dem Ewigen wechselt, keine grausame Täuschung, könnte ein schnell Ruhe

bringender Schlagfluß der von ihm schmählich beleidigten Wissenschaft zu

Hülfe kommen, dann soll und muß er vorher sein Testament machen, wie ich

es wünsche, oder ich -- halt! Was ich sonst im Sinne trage, will ich

nicht verrathen. Erst Frieden, dann Krieg auf List und Gewalt!«

Die beiden jungen Leute hatten keine andere Absicht gehabt, als ihren

Mentor zu einem neuen Versuche auf Herrn =Tobias van Vlieten= zu

bewegen, indem sie hofften bei einem Besuche in dessen Hause, die

gerühmte Schönheit der Tochter bewundern zu können. Während sie dem

Professor auf die Straße folgten, gaben sie sich hinter seinem Rücken

allerlei Zeichen, die ihre Zufriedenheit über die gelungene List

aussprachen.

=Eobanus= ging mit großen Schritten vorwärts. Er trug seine amtliche

Kleidung, die in einem weiten, schwarzen Talar und einem rothen Barette

bestand. Die Bürger, welche ihm begegneten, grüßten ihn ehrerbietig. Es

fiel ihm ein, daß es nicht wohl gethan seyn würde, den Herrn =van

Vlieten= gleich wieder mit dem Verlangen zu bestürmen, das dieser

gestern mit so großem Unwillen zurückgewiesen hatte. Er beschloß, auf

Umwegen sich dem Ziele zu nähern, um so mehr, da dem Gegner in seiner

eigenen Wohnung hinlängliche Mittel zu Gebote standen, die etwa

überlästigen Gäste zu entfernen. Er legte sein Gesicht in die

freundlichsten Falten, er besann sich auf anmuthige und gewinnende

Redensarten, die den Handelsherrn kirren möchten, er rechnete Viel auf

die Wirkung seiner Amtstracht, die ihm, wie er glaubte, ein

ehrwürdigeres Ansehen gab, als das schlichte Reisekleid am gestrigen

Abend. Als seine Begleiter ihm in der Ferne das =van Vlietensche= Haus

zeigten, ermahnte er sie, in aller geziemenden Höflichkeit einzutreten

und während des Besuches sich im Allgemeinen ganz nach seinem Beispiele

zu richten. Je mehr er sich dem Hause näherte, desto heiterer wurde

seine Miene, sein Schritt wurde hüpfend und mit höflich vorgebogenem

Oberleibe stand er endlich vor dem Eingange.

Dieser war gegen die herrschende Sitte weit geöffnet. Man sah im

Hintergrunde des geräumigen Vorplatzes mehrere Leute ängstlich hin- und

herrennen. Die Thüren der Schreibstuben standen offen. Eine große

Verwirrung schien zu herrschen. Aus dem obern Stocke herab vernahmen die

drei Eintretenden eine scharfe belfernde Stimme, in der =Hazenbrook= die

des Gegenstandes seiner Wünsche und seines Sehnens zu erkennen glaubte.

Er schritt kühn die Treppe hinauf, ihm folgte, nach allen Seiten mit

scharfen Blicken die schöne =Clelia= suchend, das Studentenpaar. Sie

hatten ungefähr die Hälfte der Stufen zurückgelegt, als ihnen von oben

herab ein Mann rasch entgegenkam, der eine Art Uniform trug und sich

durch den weißen Stab in seiner Hand als einen Gerichtsdiener der guten

Stadt =Rotterdam= auswies. Er warf argwöhnische Blicke auf die

Besuchenden. Der Trotz aber, mit welchem =Le Vaillant= ihn ansah und ins

Besondere die stattliche Professortracht =Hazenbrooks= flös'ten ihm

Respect ein, so daß er ehrerbietig bei Seite trat und den Hut abzog.

Sie hatten jetzt einen Gang im obern Stocke des Hauses erreicht. Durch

eine offenstehnde Thüre überblickten sie einen Theil des vor ihnen

liegenden Zimmers. Da sahen sie das scheußliche Fratzenbild des Götzen

und die wackelnden Pagoden; aus einem Winkel des Gemaches aber, der

ihren Blicken verborgen lag, ertönte eine klagende Stimme:

»O =Clötje=, =Clötje=, warum hast du mir das gethan? Was hat dich

herausgetrieben aus dem Hause des Ueberflusses in eine Welt der

Entbehrung, wo du jedes Loth Thee unmäßig bezahlen, den Zucker dir

sparsam zumessen, den kleinsten Zimmetstengel mit Gold aufwiegen mußt?

Hattest du denn nicht den Schlüssel zu den Gewölben in jeder Stunde des

Tages, daß du Rosinen und Mandeln naschen konntest nach Belieben? War

dir der Keller, wo der kostbare Muscat- und Canariensect liegt, jemals

verschlossen? O =Clötje=, du brichst mir das Herz und, ich glaube, ich

sterbe noch in diesem Augenblicke!«

»Das wollen wir uns verbeten haben!« sprach =Eobanus= hastig in sich

hinein und schritt mit Eil in das Zimmer. In diesem befand sich niemand

als Herr =Tobias van Vlieten=. Er saß in einer Fenstervertiefung auf

einem niedern Sessel, die Ellenbogen auf die Kniee, den Kopf in die

Hände gestützt. Er schien das Geräusch gar nicht wahrzunehmen, das der

Eintritt des Professors und seiner Begleiter verursachte. Wie diese

gemeldet hatten, war in der That die dem =Eobanus= so wohlgefällige,

braungelbe Farbe seines Angesichtes in ein dunkles Roth übergegangen,

die Adern an der Stirn waren mächtig angeschwollen und sein Kopf war in

einer beständigen zitternden Bewegung.

»Ja!« sagte =Hazenbrook=, als er ihn erblickte, leise für sich hin. »Er

ist ein _Candidatus mortis_. Der Schlagfluß rückt heran. Wir müssen

sanft und freundlich mit ihm zu Werke gehen, um den kritischen Moment

hinzuhalten, bis er testirt hat.«

Erst als der Professor dicht vor ihm stand und durch ein halblautes

Räuspern sich bemerkbar zu machen suchte, blickte =Tobias= auf. Die

Anwesenheit der Fremden schien ihm nicht unangenehm zu seyn. Im

Gegentheile erheiterte sich sein Angesicht und er begrüßte, indem er

sich erhob, den =Eobanus= mit einer ehrerbietigen Verbeugung.

»Wie, hochmögender Herr Bürgermeister,« hob er, von einer Täuschung

befangen, an, die des Professors stattliche und ihn unkenntlich machende

Amtstracht veranlaßte, »Ihr selbst habt die Gewogenheit, Euch zu mir zu

bemühen, um mir Trost und Beruhigung zu bringen in meinem großen Kummer,

um mir Hülfe und Unterstützung zuzusichern für eine Angelegenheit, die

jeden ehrsamen Bürger von Rotterdam, der eine mannbare Tochter im Hause

hat, mit Angst und Besorgniß erfüllen muß? Ja, verehrungswürdiger

Vorstand unserer guten Stadt, meine =Clötje= ist mir geraubt worden

nächtlicher Weile und mit ihr die tugendsame Jungfrau =Philippintje=!

Niemand anders ist der Räuber als der Sohn des verrätherischen =van

Daalen=, der seine Seele den Spaniern verkauft für schnödes Gold, aber

von dem gerechten Schicksal geprellt worden ist um den Sündenlohn.

Hochmögender, ich klage den gewesenen Kriegshauptmann =Cornelius van

Daalen= des Verbrechens einer doppelten Jungfrauenentführung an, ich

verlange, daß die alte Strafe des Säckens wieder erneuert und auf ihn

angewendet werde. Schon hat sich der Polizeimeister in das Haus des

Verbrechers begeben, um Alles genau zu durchsuchen, um das _corpus

delicti_, wie die Gelehrten sagen und welches bei dieser Gelegenheit

leider meine eigene eheleibliche Tochter ist, aufzufinden. Lasset, =Myn=

hochmögender =Heer=, in dieser Sache allein das Recht walten und nicht

die Gnade, lasset das Schwerdt der Strafe niederfallen auf das Haupt des

Verbrechers, wie er es verdient. O, daß mir Dieses nicht in =Batavia=

begegnet ist, als ich noch daselbst im hohen Rathe von Indien saß! Da

hätte ich nach eigenem Urtheilsspruche den Majestätsbeleidiger spießen,

rösten oder von Elephanten zertrampeln lassen können. Hier aber -- ach!

ich fürchte sehr, daß ich es nicht einmal bis zum Säcken bringe.«

Der Professor wußte nicht, wie er sich bei dieser seltsamen Verwechslung

benehmen sollte. Er stand noch immer mit tief gebeugtem Haupte, so daß

dem Herrn =van Vlieten= sein Angesicht verborgen war. Während er darüber

nachsann, wie er der Sache eine andere Wendung geben könne, ohne den

Handelsherrn zu sehr zu alteriren und die tödliche Catastrophe zu

beschleunigen, theilten sich flüsternd die beiden Studenten ihre

Bemerkungen über das Gehörte mit, aus dem sie erkannten, daß der Anblick

der schönen =Clelia= ihnen für diesesmal entzogen bleiben würde. Das

Abentheuerliche ihres Verschwindens erregte die ganze Theilnahme der

jungen Leute. Die Entführung eines Mädchens war in ihren Augen eine

Heldenthat, der sie nur eine vorziehen konnten, nämlich =die=, dem

Entführer die Entführte wieder abzujagen. Sie brannten vor Begierde,

Näheres zu erfahren, sie waren im Drange der Erwartung dicht hinter den

Professor getreten! Dieser hatte indessen einen Plan gemacht, von dem er

sich für seine wissenschaftliche Herzensangelegenheit den günstigsten

Erfolg versprach. Eben wollte er sich demaskiren, eben wollte er die

nöthigen Einleitungen zu seinem Vorschlage, bei dessen Verwirklichung er

viel auf den Unternehmungsgeist seiner zwei jungen Freunde rechnete,

anspinnen, als sich plötzlich die Szene veränderte und aus dem

bisherigen Frieden in einen tumultuarischen Zustand überging.

Es trappelte auf der Treppe, es stürmte herauf in wilder Eile und mit

verwirrtem Getöse. Mehrere Stimmen wurden laut, aber man konnte nicht

unterscheiden, was sie sprachen. Der Professor und die Studenten traten

zur Seite, =Tobias= schritt bebend vor.

»Sie bringen meine =Clötje=,« stammelte er kaum vernehmlich. »Man hat

sie gefunden, man führt sie her: sie und =Philippintje= und den

schändlichen Jungfrauenräuber!«

Aller Blicke waren nach dem Eingange gerichtet; aber nicht die reizende

=Clelia=, nicht die ehrbare =Philippintje=, nicht Junker =Cornelius=,

der kecke Kriegsmann, traten herein, sondern vielmehr Herr =van Daalen=

selbst, von einem ganzen Häuflein Polizeitrabanten begleitet, und in

heftiger zorniger Bewegung. Das fette Antlitz des kleinen Mannes

wetteiferte mit dem hagern des Herrn =Tobias= in dunkelglühender Röthe,

die gläsernen Augen funkelten mächtig und das spanische Rohr war hoch in

der Rechten erhoben, wie zum Angriffe und Ausschlagen.

»Gebt mir meinen =Cornelius= heraus;« brüllte er mit Löwenstimme,

»schafft ihn sogleich herbei, Ihr Menschendieb und Seelenkooper, oder

man wird Euch peinlich befragen, was Ihr mit dem edeln Jungen angefangen

habt?«

Einige Polizeitrabanten hatten sogleich den Eingang besetzt, andere

näherten sich dem Götzenbilde und umzingelten dieses. Herr =van=

=Vlieten= starrte einige Augenblicke lang den frechen Eindringling und

seine Begleiter in verstummendem Erstaunen an. Dann brach er los:

»Ist denn der Bösewicht nicht durchgegangen in dieser Nacht mit meiner

=Clötje= und hat noch die tugendbelobte =Philippintje= als Dreingabe

mitgenommen, wer weiß wohin? Und seyd Ihr nicht der Hehler dieses

Verbrechens, das zu gelinde noch mit einfacher Säckung bestraft werden

wird?«

Da erschallte aus dem Munde des Herrn =van Daalen=, der jetzt den

Zusammenhang des Ganzen einzusehn begann, ein unauslöschliches

Gelächter. Er winkte die Polizeimänner zu sich heran, er ließ den Stock

sinken, er nahm den Hut ab, den er bisher aufbehalten hatte.

»Nun wenn es so ist, so ist Alles gut!« sagte er in einem Tone, den das

fortdauernde Lachen zu ersticken drohete. »Auf und davon also sind die

Kinder, der tolle =Cornelius= und Euer liebliches =Clötje=? Lasset keine

Sorge in Euerm Gemüthe erwachen deshalb: er thut ihr nichts zu Leid und

der ehrbaren Jungfrau =Philippintje= ebenso wenig, wenn ich ihn recht

kenne. Aber, Herzensfreund, nun sind ja plötzlich alle Differenzen

verschwunden! Was wir Jahrelang in süßer Hoffnung auf unsere Kinder

verhandelt, ist mit einemmale geschlichtet: sie sind ein Paar geworden

und es kommt auf die zweimalhunderttausend Dukaten mehr oder weniger

nicht an. Gebt mir die Hand und laßt uns treu zusammenhalten als

freundliche Schwäher!«

Zitternd und mit einer gewaltsamen Bewegung stieß Herr =van Vlieten= die

dargebotene Rechte des Herrn =Jan= zurück.

»Nimmermehr!« rief er aus. »Ihr meint, Ihr habet mich gefangen und

geprellt und ich müsse nun des Schimpfs halber meine Einwilligung geben

zum schmählichen Ehebündniß! Aber, prosit! Noch gibt es Gesetze gegen

Jungfrauenraub und Betrug. Die ungehorsame Tochter werde ich zu

bestrafen wissen und auch Euch, den Mitwisser des schändlichen Frevels,

den Handlanger des verruchten Sohnes, wird das Gericht ereilen.«

»Pah!« erwiederte ruhig der Bedrohete, indem er seinen Hut wieder

aufsetzte. »Ich weiß von der ganzen Sache weiter nichts, als daß mein

=Cornelius= gestern Abend bei Euerer =Clötje= war zum Stelldichein und

daß er dort im =Schiwa= steckte, als der alberne =Hoontschoten= seinen

Unglücksbericht brachte. Ihr hättet das ebenso gut sehen können wie ich,

wenn Euch nicht die abergläubische Furcht verblendet gehalten oder wenn

Ihr den Muth gehabt hättet, die Augen aufzuschlagen. Hat nicht das

Götzenbild ein Paar fenstergroße Glasaugen und flackerte nicht hinter

diesen der orangefarbene Kragen von meines Sohnes Kriegsrocke immer hin

und her, so daß man bei der hellen Beleuchtung, die Nähte daran erkennen

konnte? Und dann Euerer Tochter Verlegenheit bei unserem Eintritte? Bei

dem Degen des Herzogs von =Marlborough=! wie mein =Cornelius= zu sagen

pflegt, es war keine Kunst, die Sache zu entdecken, aber daß der tolle

Bursche einen so klugen Streich machen würde, hätte ich ihm nimmer

zugetraut. Ergebt Euch drein, Myn Heer =van Vlieten=! Denkt, daß es

einmal so ist, und nicht anders. Sucht Euere Seele zum Frieden geneigt

zu machen. Nachmittags komme ich wieder vor und hoffe dann das Geschäft

in aller Eintracht mit Euch abzuschließen.«

Nach diesen Worten entfernte er sich, und die Polizeitrabanten, deren

Anführer er Einiges zuflüsterte, folgten ihm auf dem Fuße. Herr =Tobias=

war nicht im Stande, ihm noch vor seinem Abgange eine Antwort zu geben,

denn die immer mehr im Innern aufkochende Wuth erstickte seine Stimme.

Er mußte sich auf einen Stuhl stützen, der in seiner Nähe stand. Erst

als sein Gegner schon die Hausthüre hinter sich haben mochte, erholte er

sich einigermaßen und gewann die Sprache wieder. Rasch wendete er sich

gegen den Professor, den er noch immer für den Bürgermeister hielt und

sagte:

»Ihr habt es vernommen, hochmögender Heer! Er selbst hat gestanden, daß

er mit im Complott war --«

Da sah =Tobias= plötzlich in das Antlitz =Hazenbrooks=, der sich in

diesem Augenblicke lang aufrichtete, da erkannte er den gefürchteten

Mumien-Professor, da erstarb ihm das Wort auf der Zunge. Aber =Eobanus=

grinsete ihn freundlich an, haschte nach seiner Hand und sprach:

»_Pax vobiscum!_ Wir kommen im Frieden und nicht zum Streite. Die Lage

der Dinge hat sich wunderbarlich verändert und wir könnten uns wohl zu

einem Vergleiche vereinigen, der beiden Partheien, der illustern

Lugdunenser Musenstadt und dem wohlmögenden Handelspatron, Herrn =Tobias

van Vlieten=, zum Nutzen und Frommen gereichte. Ihr sehnt Euch nach

einem Töchterlein, wir sehnen uns nach einer Mumie. Euch ist das

Töchterlein verloren gegangen; denselben Possen hat uns schon manche

Egyptierin aus meiner Fabrik gespielt. Gleiches Leid, gleiche Wünsche!

Erinnert Euch ohne Groll meines Vorschlags vom gestrigen Abende. Jetzt

kann ich Euch einen Tausch bieten. Wir haben viele Bekanntschaften,

weitläufige Verbindungen, allenthalben unsere Commissionare und Agenten.

Wir verschaffen Euch das Töchterlein wieder, Ihr dagegen testiret

Eueren schätzbaren Körper, nachdem solchem das innenwohnende Leben

entflohen, mir zur eigenmächtigen Verfügung. Bedenket, edler =Myn Heer=,

daß der Vortheil ganz auf Euerer Seite ist. Eine reizende, blühende

Jungfrau, voll Geist und Leben, im Schmucke der Jugend, ein Wesen, in

dessen Adern Euer eigenes Blut rinnt -- und was ist der Preis dieses

Meisterstückes der Schöpfung, das jeder fühlenden Seele wünschenswerth

erscheinen muß? Ein Gegenstand, der aus den Wohnungen der Menschen mit

Abscheu hinweggewiesen wird, ein leeres Gefäß, dem der geistige Gehalt

entflohen, ein Ding, das den Würmern zur Speise dient, wenn es

eigensinnig die Wissenschaft zurückweis't, die es auf den Thron der

Pharaonen erheben will. O Myn Heer, wie könnt Ihr nur zaudern, wie könnt

Ihr den glücklichen Moment Euch entgehen lassen? _Eheu fugaces_ --«

Aber schon hatte die Beredsamkeit =Hazenbrooks=, von dem Drange der

Umstände unterstützt, gesiegt.

»Es sey!« sagte der Handelsherr mit entschlossener Stimme. »Ich wage

mich dran, um mein =Clötje= wieder zu haben, um den schändlichen

=Cornelius= seines Frevels überführen zu können, damit ihm die

wohlverdiente Säckung werde im Armensünder-Canale und dem alten

Bösewicht obendrein, der ihn im =Schiwa= gesehen, ohne mir's zu

offenbaren. -- Kommt her, Myn Heer Professor, wir wollen es schriftlich

miteinander machen und die Scheine austauschen, wie es sich unter

rechtlichen Geschäftsmännern geziemt!«

Nichts konnte dem Professor erwünschter seyn, als diese Aufforderung.

Auf dem Fußgestelle des Götzenbildes befand sich Papier und Schreibzeug.

Nach wenigen Augenblicken hatte =Eobanus= die Contracte aufgesetzt, sie

wurden unterzeichnet und ausgewechselt.

=Hazenbrook= betrachtete seinen künftigen Egyptier mit Blicken der

Freude und Liebe. Es fiel ihm schwer, sich von dem Gegenstande seiner

Hoffnungen zu trennen, aber er mußte sich dem Gebote der Nothwendigkeit

unterwerfen.

»Lebt wohl, theuerer Myn Heer!« sagte er, indem er =van Vlietens= Hand

nahm und unbemerkt den Schlag des Pulses untersuchte. »Seyd heiter und

guter Dinge! Lasset Euch nichts abgehn an leiblicher Ergötzlichkeit. Ihr

habt eine gute Natur, die schon ein Gläschen Canariensect mehr vertragen

kann, wie eine andere. Ich wünsche Euch Methusalems Alter, denn Gott

behüte! daß ich selbst um der heiligen Wissenschaft Willen eines

Menschen Tod ersehnen möchte. Solltet Ihr aber dennoch wider Verhoffen

in eine schwere Krankheit verfallen, so bitte ich, mich sogleich davon

zu benachrichtigen. Jetzt geht's der Tochter nach! Finden wir sie, so

wird sie Euch und Ihr werdet mir; finden wir sie nicht, so haben wir

alle beide nichts. _Cura ut valeas, amice dilectissime!_«

Er ließ ihn los, er wandte sich zur Thüre. Ehe er aber diese erreichte,

kam er, von einem glücklichen Gedanken ergriffen, noch einmal zurück.

»Noch Eins, _Amice_!« sagte er. »Zwei oder drei Zeilen an die Tochter,

streng, ermahnend, väterlich! Ein Beglaubigungsschreiben für mich oder

meine Commissarii!«

Der Alte sah sogleich ein, daß dieses Verlangen nicht anders, als billig

und vernünftig sey. Er schrieb und übergab dem Professor den Zettel, in

welchem er der Tochter mit Fluch und Enterbung drohete, wenn sie nicht

sogleich zurückkehre in das väterliche Haus.

Kaum hatte =Hazenbrook= das Papier in Händen, so verließ er in großer

Eile das Gemach, in dem Herr =Tobias=, von Zorn und Betrübniß erfüllt,

zurück blieb. =La Paix= und =Le Vaillant= folgten dem Professor, während

sie über diese Wendung der Angelegenheit, die sie zu Rittern und

Beschützern der schönen =Clelia= zu bestimmen schien, einander ihre

Freude und ihre vorläufig gefaßten Vorsätze mittheilten.

»Kinder!« sagte der Professor, als er mit ihnen unter den Bäumen am

Canal hinstürmte, und jetzt eine der schönen, weißbemalten Zugbrücken

überschritt: »wir müssen uns trennen. Ihr müßt der Jungfrau =Clötje=,

oder wie sie sonst heißt, nachsetzen, sie schleunig inhaftiren und zur

Stelle bringen. Der Alte macht es nicht lange mehr. Sein Puls trommelt

zum Abmarsche und ich muß das Frauenbild beibringen, ehe er abfährt. Im

Nothfall aber habe ich auch dafür Rath, doch darf ich nicht weichen noch

wanken vom Platze und muß ihn bewachen mit Argusaugen. Ihr aber müßt

seyn, wie die heilige =Isis=, als sie den verlorenen Gatten =Osiris=

suchte; klug, wachsam, forschend und muthig. Gehet hin, Kindlein, Ihr

Stützen der Wissenschaft! Wohl sollet Ihr die Musen lieben und ihnen

dienen, aber hütet Euch, alle Weiber für Musen anzusehen. Da ist das

Creditiv von Myn Heer =van Vlieten=! Geld tragt Ihr hinlänglich im Sack,

denn Ihr habt erst gestern die Quartalwechsel erhoben. Fort, Söhne!

Erobert Troja und bringt die Prinzessin Helena nach Griechenland

zurück!«

»_Sandis!_« erwiederte =Le Vaillant=, indem er auf seinen langen

Raufdegen schlug. »Das soll ein Seelengaudium seyn für unser einen und

den Sire =Cornelius= wollen wir schon coramiren.«

»Alles in Höflichkeit und Frieden,« fügte =La Paix= sanft hinzu, »aber

wir bringen Euch das Mädchen oder Ihr sollt uns nicht für würdig

halten, dereinst den Doctorhut der Weltweisheit zu tragen, die ja auch

mit der Weltklugheit nahe verwandt ist.«

Die Jünglinge flogen dem Haven zu. =Hazenbrook= eilte in den Gasthof

=zum Wappen von Rotterdam= zurück, verließ ihn aber, in einen weiten

Mantel verhüllt, nach kurzer Zeit wieder, um still und verborgen eine

neue Wohnung in einer kleinen Matrosenherberge zu beziehen, die dem

Hause des Herrn =van Vlieten= in schräger Richtung gegenüber lag.

5.

Die Mumie von Rotterdam. Erster Theil · 第 5 / 13 段