»Der Nebukadnezar, der Antichrist, der Rebell gegen Gottes Wort! O ich

habe es längst gewußt, daß er den rechten Glauben abgeschworen hat, denn

er zählt Sonntags lieber die Zuckerhüte, die im Gewölbe liegen, als die

Zuckersprüche, die der hochwürdige Domine spendet! Hast Du es je erlebt,

daß er zur Kirche gegangen wäre, meine =Clötje=? Hält er christliche

Betstunde Abends im Hause, wie es sich geziemt für einen rechtgläubigen

Patron und Handelsmann? Aber ich glaubte immer, er sey nur ein Heide,

ein Götzenanbeter, so ein Chinese oder Kamschadale, nun ist er gar das

Allerschlimmste, ein Römischer, ein Belialskind, der Antichrist selbst!

Keinen Augenblick bleibe ich länger in dem verruchten Hause. Und du,

=Clötje=, du bist sein Kind nicht mehr. Er hat sich losgesagt von dir,

als er sich der entsetzlichen Babel hingegeben, er ist dein ärgster

Feind geworden, da er im Sinne trägt, dich zu verderben an deinem

himmlischen Seelenheil. Eine Nonne! Kind, weißt du, was das sagen will?

Nein, du kannst es nicht wissen, aber ich sage dir, die Qualen, welche

die Verdammten in der Hölle leiden, sind köstlich, wie Zucker und

Milchcaffee, gegen das Leben im Kloster.«

Jetzt sprach wieder =Clelia= mit ihrer furchtsamen und weichen Stimme.

=Cornelius= konnte nicht verstehen, was sie sagte, aber es dauerte nicht

lange, so wurde =Philippintje's= Redeton wieder hörbar, und der Lauscher

vernahm Alles so deutlich, als wenn er der ehrbaren Jungfrau

gegenüberstünde:

»Wie, verbrennen will er den Junker =Cornelius=, den schmucken, braven

Menschen, der mir jeden Sonntag in der Kirchthüre den freundlichsten und

höflichsten Gruß bietet, wie ihn ein sittsames Mädchen annehmen darf?

Dafür wollen wir thun. Gewiß trägt der Pontius Pilatus im Sinn, ihn in

das hintere Magazin zu verlocken, wo Pech und Schwefel in Haufen liegt,

dann heimlich die ganze Geschichte in Brand zu setzen und den lieben

Jungen, der an nichts Arges denkt, einzusperren und so seinem

Höllenglauben zum Opfer zu bringen! Ja, mein =Clötje=, du hast an Junker

=Cornelius= einen wahren Freund! Er hat dir gut, er hat dir recht

gerathen. Wir wollen fort, wir wollen zur frommen Muhme in die Fremde!

Besser, daß der sterbliche Leib in Gefahren und Beschwerden komme, als

die unsterbliche Seele! Gehe, mein =Clötje=, mit dem guten Junker! Ich

will indessen das Nothwendigste einpacken: Erbstücke von deiner Mutter

selig und meine geringe Habe. Am Haven finde ich euch wieder. Der Judas

Ischarioth soll dich nicht verrathen, mein Herzenskind, und den

schmucken =Cornelius=! Wir wollen auch nichts mitnehmen von seinem

Eigenthum. Es soll ihm Alles verbleiben -- dem Belial!«

=Cornelius= richtete sich schnell auf aus seiner lauschenden Stellung,

denn in jedem Augenblicke konnte jetzt die ehrbare Jungfrau

=Philippintje= hervortreten. Er hörte weinen. =Clelia= war es, der die

Trennung aus dem väterlichen Hause Thränen erpreßte. Sie hatte ihr

Angesicht an die Brust der treuen Alten gelegt, die sie noch als Kind

gekannt und liebevoll verpflegt. =Philippintje= aber tröstete sie mit

frommen Bibelsprüchen, meinte, es sey einmal nicht anders und sie müsse

nun den lieben Gott als Vater annehmen, da Herr =Tobias= sich dem Bösen

verschrieben habe. Sie trieb dann das geängstigte Mädchen zum Fortgehen

und öffnete selbst rasch die Thüre, vor der, mit einer tiefen Verbeugung

ihr zugewandt, der junge =van Daalen= stand.

»Da habt Ihr sie, hochedler Junker!« redete ihn =Philippintje= an. »Gott

hat Euch wunderbar zu ihrem Schutzengel erwählt. Führet sie aus dem

Hause der Sünde an Bord der Arche Noah, welche die Auserwählten trägt.

In wenigen Augenblicken folge ich Euch nach. Mein Himmel, wer hätte das

gedacht, daß wir einmal bei Nacht und Nebel aus dem väterlichen Hause,

aus der guten Stadt =Rotterdam= entfliehen müßten!«

Nachdem =Philippintje= noch ein Weilchen mit Jammern und Schelten ihr

Herz erleichtert hatte, hüllte sie ihr liebes =Clötje= in einen warmen

Mantel und brachte die beiden jungen Leute vorsichtig und leise an eine

Hinterthüre des Hauses, die sie mit dem Hauptschlüssel öffnete. Hier

wurden die nöthigen Verabredungen genommen, =Philippintje= erfuhr den

Namen des Schiffes und =Cornelius= erklärte ihr auf's Genaueste, wo es

liege.

»Ich will Euch schon finden!« sagte sie. »Hat sich doch Alles so

wunderbar und sichtlich unter der Führung des Himmels gefügt, daß wir in

kleinen Dingen nicht furchtsam seyn dürfen. Wir ziehen aus Egypten in's

Land Gosen. Unser Pharao aber ist mit Blindheit geschlagen und es

bedarf der Zeichen und Wunder nicht, ihn zu bändigen. Sei getrost, mein

=Clötje=! hebe dein Haupt empor, mit dem lieblichen Antlitze, dessen du

dich nicht zu schämen brauchst. Es wird Alles gut gehen. Die wohledle

=Jacobea= ist fromm und gottesfürchtig. Sie ist deine nahe

Blutsverwandte, ihr Haus und ihre Arme stehen dir offen. Weine nicht,

zittre nicht und suche dich zu erheitern. Da, hochverehrter Junker,

leihet Ihr Euern Arm, unterstützt sie hülfreich, damit ihr in ihrer

gegenwärtigen Schwäche der Rettungsgang nicht so schwer falle.«

»Ach, =Philippintje=,« seufzte =Clelia=, »ich vermag jetzt nichts zu

denken und über nichts nachzusinnen! Aber wenn auch meine Religion mich

forttreibt aus der Heimathsstätte und es fest in mir steht, daß ich

meinem Herrgott nicht untreu werden darf in irgend einer Weise, so

schießt oft wie ein Blitz ein Gefühl in mein Herz, als begehe ich ein

großes Unrecht in dieser Stunde!«

»Behüte, behüte!« versicherte, zu des betroffenen =Cornelius= großer

Beruhigung, =Philippintje=. »Tritt in Frieden und Ruhe den Weg zur

Rettung deiner Seele an. Du weißt, Herzenskind, wie gut ich's mit dir

meine. Sind wir erst bei der Muhme, dann wollen wir dem =Baalspriester=

schon die Bedingungen stellen, unter denen wir wieder zurückkehren. Dann

muß der Schiwa aus dem Hause und der Domine muß jeden Mittag mit uns

essen und christliche Gebete halten zur Besserung des alten Heiden.

Fort, nur fort, mein Kind! Die Bösen haben keine Ruhe im Gewissen, Tag

und Nacht. Wer weiß, ob =ihn= nicht der innere Unfriede hertreibt und

dann ist die Nonnenschaft gewiß und das Brandopfer in Pech und

Schwefel.«

=Cornelius= war in seinem Leichtsinne nahe daran, sich durch ein kaum

unterdrücktes Kichern zu verrathen. Fast mit Gewalt von =Philippintje=

fortgedrängt, die sogleich die Hausthüre hinter den Beiden verschloß,

schwankte =Clelia=, auf den Arm des Geliebten gestützt, durch die

einsame, dunkle Straße. Das Glockenspiel vom nahen Thurme zeigte die

Mitternachtsstunde an. Ein Schauer ergriff das Mädchen und sie schloß

sich näher an ihren Begleiter, der so rasch als möglich sie mit sich

fortführte. Vom Himmel leuchteten weder Mond noch Sterne. Ein dichter

Nebel, wie diese in Holland häufig sind, umgab die nächtlichen Wanderer.

=Cornelius= hielt sich immer nah an den Häusern, denn auf der andern

Seite befand sich der Canal, der dem Unvorsichtigen gefährlich werden

konnte. Als er vernahm, wie =Clelia= leise weinte und mehreremale das

Wort: »Vater,« in wehmüthigem, bebenden Tone über ihre Lippen ging, da

wollte sich Reue in seiner Seele regen und er mußte sich wieder alle

Bedrängniß der Gegenwart, alle süßen Träume der Zukunft verlebendigen,

um standhaft zu bleiben und nicht in die offenbarenden Worte

auszubrechen: »Es ist Alles nicht wahr, Geliebte, sondern erdichtet und

erlogen. Ich habe eine tolle, unsinnige Geschichte erfunden, um dich in

Furcht zu setzen und aus dem Vaterhause zu locken in meine Gewalt und du

hast sie geglaubt, weil du sehr betreten und deiner Sinne nicht mächtig

warest. Kehre wieder zurück in die alte Wohnung. Dein Vater ist gegen

nichts aufgebracht, als gegen den Manco von zweimalhunderttausend

Dukaten und gegen den Schiwa, an dem er Caffee kochen will, aber nicht

an mir, deinem =Cornelius=, Theuere!« So ungefähr würde der ehemalige

Kriegsheld gesprochen haben, wenn er dem augenblicklichen Sturme der

Empfindungen erlegen wäre. Er wußte sich aber gegen diesen Sturm zu

vertheidigen und als er sich nun am Ausgange des Canals im Haven befand

und das Licht der befreundeten Barke durch den Nebel herüberschimmern

sah, da erwachte sein ganzer Muth und der letzte Versuch, den die

heranstürmenden Gefühle machten, wurde ganz und gar zurückgeschlagen.

Er gab mit leisem, zischendem Pfeifen ein Zeichen nach der Barke hin,

das nach einigen Augenblicken beantwortet wurde. Der Capitän der Barke

war einer seiner Jugendfreunde, der seinen Besuch zu jeder Stunde des

Tages und der Nacht erwarten konnte und mit dem er für einen solchen

Fall ein besonderes Zeichen verabredet hatte. =Clelia= sah in

ängstlicher Erwartung nach dem Lichte, das am Bord des Fahrzeuges

schimmerte. Sie standen hart am Canale, in dessen Mitte die Barke lag.

Jetzt wurde von dieser herüber ein Brett auf das Ufer geschoben und

durch den Nebel bewegte sich rasch eine Mannsgestalt heran, mit einer

Leuchte in der Hand zur Erhellung des schmalen Steges, den die

Nachtwanderer zu betreten hatten.

»Ich werde Euch für meine Schwester ausgeben!« flüsterte =Cornelius= dem

Mädchen zu. »Die Muhme =Jacobea= kann für unsere beiderseitige Verwandte

gelten, zu der wir reisen, um ihrer dringenden Einladung zu genügen. In

der Frau des Capitäns, meines wackern Freundes =Jansen= von Harlem,

werdet Ihr ein gutmüthiges, heiteres Wesen kennen lernen, das Euch

sicherlich gefällt.«

=Clelia= konnte nichts antworten. Sie war zu sehr in den Schmerz

vertieft, den die grausame Täuschung, in der sie sich befand, mit sich

führen mußte. Sie starrte den Geliebten an, ohne ihn zu sehen, sie

machte eine bejahende Bewegung, ohne es zu wissen. Der Mann von der

Barke war indessen näher getreten und erwartete =Cornelius= Befehle. Mit

seiner Hülfe brachte der unbesonnene Jüngling, der jetzt bei der

zunehmenden Schwäche, die sich in =Clelia's= ganzem Wesen an den Tag

legte, von der größten Besorgniß ergriffen wurde, die fast

Besinnungslose an Bord. Sie hatten kaum die abgesonderte Cajüte

erreicht, in der Capitän =Jansens= Frau den unerwarteten Besuch mit

einiger Befremdung empfing, als =Clelia=, von Allem, was ihr am Abende

und in der Nacht begegnet war, im tief Innersten bedrängt und gedrückt,

auf ein Ruhebett niedersank und von einer schweren Ohnmacht ergriffen,

alles Bewußtseyn verlor.

4.

Es war sieben Uhr Morgens. Von allen Kirchthürmen der reichen Havenstadt

=Rotterdam= vereinigten sich die Glockenspiele zu einem musikalischen

Durcheinander, das in der That nur für die Ohren der damit vertrauten

Einwohner nicht beleidigend seyn konnte. Der Nebel, welcher während der

Nacht auf Stadt und Haven gelegen hatte, war verschwunden und die

Morgensonne spiegelte sich freundlich im Fluße, in den Canälen und an

den glänzenden Fensterscheiben der Häuser. Die Reinlichkeit, die

allenthalben herrschte, an den Außenseiten der Gebäude, in den Straßen

und an den Fahrzeugen, welche in den Canälen lagen, machte das

freundliche Bild noch freundlicher und das jetzt sich entspinnende rege

Leben auf den Schiffen, Barken und Booten, auf den Plätzen und Straßen,

gab ihm erst seine Bedeutung, indem es die Handelswichtigkeit des Ortes,

den Reichthum und die Thätigkeit seiner Einwohner an das Licht stellte.

Hier wurden Schiffe, die am vorigen Abende noch spät eingelaufen waren,

ausgeladen, die Matrosen lachten, lärmten und schimpften, während sie

die Fässer und Ballen in die geöffneten Gewölbe schleppten, in deren

Eingang mit hochwichtiger Miene der Handelsherr stand, der den

Gegenstand so vieler Sorgen, die Ursache so mancher schlaflosen Nächte

nun endlich glücklich in seinem Besitze sah. Dort wurden andere Schiffe

zum Auslaufen gerüstet. Die lebendigste Thätigkeit zeigte sich auf den

Verdecken. Ein günstiger Wind erhob sich, das »Halli, halloh!« der

Bootsleute ertönte, in einem Augenblicke waren die Taue mit kletternden

Jungen und Matrosen angefüllt, die Segel wurden aufgehißt, sie schwollen

an und das Schiff zog stolz, wie ein Besieger der Wogen, über die

Wasserfläche hin, seiner unbekannten Bestimmung entgegen. An einem

andern Orte lagen zierliche, offene Barken, in denen reinlich gekleidete

und oft auch recht anmuthig gebildete Landmädchen die Gartenerzeugnisse

des Landes feil hielten, die damals in der reichen Ueppigkeit, wie sie

hier den Augen begegnete, nur von der kunstverständigen Betriebsamkeit

der holländischen Gärtner hervorgebracht werden konnte. Aehnliche

Fahrzeuge schwebten, im bunten Gewühle mit andern, über die

Spiegelfläche der Canäle hin, gelenkt von den gewandten Mädchen, die an

den Hausthüren ihrer täglichen Kunden den bestellten Bedarf absetzten.

Näher am Haven befanden sich die Marktboote der aus der Ferne

zurückkehrenden Schiffe, mit glänzenden Südfrüchten, Orangen und

Sina-Aepfeln, beladen; ihnen gegenüber die flachen Fahrzeuge mit

gedörrten und gesalzenen Fischen.

Auf dieses regsame Treiben sah aus einem Fenster des berühmten Gasthofes

=zum Wappen von Rotterdam=, mit einem sehr ernsthaften Gesichte, der

Professor =Eobanus Hazenbrook= herab. Es hatte ihm vom gestrigen, reich

aufgetragenen und köstlichen Nachtessen kein Bissen munden wollen, die

ganze Nacht hindurch hatte der Schlaf sein Lager gemieden und das

treffliche Frühstück, aus Fleischschnitten, gedörrtem Lachse, Edamer

Käse und dunkelbraunem Thee bestehend, war noch unberührt auf dem Tische

an seiner Seite zu erblicken. Er hatte keinen andern Gedanken, als nur

an den halsstarrigen =Tobias van Vlieten=, der, allen Sinn für die

Erweiterung der Kunst und Wissenschaft, für den Ruhm seines Vaterlandes

verleugnend, sich nicht zur Mumie machen lassen wollte. Immer stand die

hagere, ausgedörrte Gestalt des Handelsherrn, die für ihn alle

ersinnlichen Reize besaß, vor seinen Augen. Je mehr seine Phantasie sich

damit beschäftigte, von um so höherer Sehnsucht nach dem geliebten

Gegenstande wurde er ergriffen. Er hatte mehrere vergebliche Versuche

gemacht, die Sache, die ja doch unerreichbar schien, sich aus dem Sinne

zu schlagen. Er war schon in aller Frühe zu einem Antiquarius gegangen,

um bei diesem durch den Anblick von allerlei Curiositäten zerstreut zu

werden; aber eine elfenbeinerne, zum Stockknopfe sehr zierlich

gearbeitete Sphinx, welche ihm der Mann zum Verkaufe antrug, führte

seine Gedanken sogleich wieder nach =Egypten=, zu den Pyramiden und dem

unseligen Gegenstande seiner hoffnungslosen Liebe, zu der Mumie. Er

entfernte sich seufzend aus dem Laden des kopfschüttelnden Antiquarius,

der da bei sich selbst meinte: der Professor =Eobanus Hazenbrook= sey

nun endlich wirklich übergeschnappt, was man seiner tiefsinnigen Studien

wegen schon längst befürchtet. =Eobanus= schritt indessen trauerig

weiter dem Haven zu. Er mochte sonst wohl sein Auge gern ergötzen an den

füllereichen Gestalten der Obstverkäuferinnen, die in den anliegenden

Nachen aus dem rothwangigen Antlitze mit schalkhaften Blicken die

Vorübergehenden zum Kaufe anlockten. Er stellte sich auch heute in

gespreizter Haltung vor die Reihe der untereinander kichernden Mädchen,

er richtete seine Augen auf sie, aber er sah nicht die apfelrunden

Gesichter, die blitzenden Augen, die wohlgefälligen Gestalten; denn

immer schwebte, von dem sehnsüchtigen Gemüthe hervorgerufen, vor seinen

Blicken das unter den Sonnenstrahlen Indiens zusammengedörrte Antlitz

des Herrn =Tobias van Vlieten= und dessen eckige Knochengestalt, dem

Professor jetzt anlockender und reizender erscheinend, als der

vatikanische Apoll oder die Mediceische Venus, von denen ihm reisende

Künstler so vieles erzählt. An sich und seinem Glückssterne verzweifelnd

floh =Eobanus= in das Gasthaus zurück. Er bestellte das beste Frühstück

von der Welt. Die alten Wunderkräfte aber hatten ihren Zauber auf ihn

verloren. Wir fanden ihn, noch immer grübelnd, noch immer sehnend neben

dem unberührten Frühstücke.

Jetzt tobten seine Begleiter, die zwei jungen Franzosen herein. Sie

hatten kaum den wohlbesetzten Tisch erblickt, als sie sich daran

niederwarfen und mit einem wahren Löwenhunger über die aufgetragenen

Speisen herfielen. Die Fleischschnitten verschwanden bald bis auf

wenige, der Edammer drohete in's Nichts zurückzukehren. Dieser Anblick

brach die harte Rinde der Verzweiflung, die sich um das Herz des

Professors gelegt hatte. Wie ein Strom, der gewaltsam zurückgehalten,

endlich seine Dämme niederstürzt, so schleuderte jetzt der mächtig

erwachende Appetit die Gestalt des Herrn =van Vlieten= aus der

Erinnerung des =Eobanus= hinweg, und nur die Gegenwart behauptete ihr

Recht durch die zauberische Gewalt des Edammer und der Fleischschnitten.

Eine Bärin stürzt zur Vertheidigung ihrer Jungen nicht so wüthend

herbei, wie =Eobanus=, um sich die Ueberbleibsel des Frühmahls zu

sichern. Die jungen Leute sahen ihn erstaunt an. Er aber sprach mit

vollen Backen und arbeitenden Kinnladen:

»Entartete Musenkindlein! Muß das Euer ehrwürdiger Lehrer, der

weltberühmte =Hazenbrook=, an Euch erleben, daß Ihr seinen gerechten

Schmerz mißbraucht, um ihn Hungers sterben zu lassen? Habe ich nicht

Euch ernähret mit dem Honig der Kunst, mit der Kraftbrühe der

Wissenschaft? O, Ihr Undankbaren! Wer erschloß Euch das Mysterium der

Natur, wer ließ Euch in die Tiefen der Schöpfung blicken, wer führte

Euch in das Innere des menschlichen Leibes, daß Ihr Euch dort lustiglich

umschautet, und fröhlicher Dinge die Wunder seines Baues erkanntet? Ist

das nun das Honorarium, welches Ihr mir spendet, daß Ihr mir Alles

wegspeiset vor dem Munde und einen meuchelmörderischen Anschlag

schmiedet auf mein Leben durch die grausamste Todesart?«

Während der Professor auf diese Weise, halb im Scherze, halb im Ernste

zürnte und ganz entsetzlich drauf loskauete, verschwanden unter seiner

Thätigkeit sämtliche Reste von Speisen, die sich noch auf dem Tische

vorgefunden hatten, so wunderbar geschwind, als wenn sie der

geschickteste Taschenspieler hinweggezaubert hätte. Dann nahm er ruhig

einen Platz zwischen den beiden Jünglingen ein und fuhr, indem er nach

der japanischen Theekanne griff, mit milder Stimme fort:

»Wo kommt man her? Wie hat man die Morgenstunden zugebracht? Ist das

Sprüchlein: _aurora musis amica_, nicht gänzlich außer Acht gelassen

worden? Die Pflicht gebeut mir, auf Euere Handlungen und Gänge ein

wachsames Auge zu haben, damit Ihr mir in _moribus_ nicht dahinten

bleibt, während Ihr in _literis_ vorschreitet.«

»Wir suchten Euch bei den schönen Obstverkäuferinnen,« versetzte mit

einem schalkhaften Lächeln der eine der beiden jungen Leute. »Wir

wissen, daß Ihr Euch ein Lieblingsgeschäft daraus macht, an diesen

wohlgebaueten Demoisellen die Muskellehre zu studiren.«

»_Recte dixisti!_« erwiederte der Professor, indem er das rechte Auge

schloß und mit dem linken blinzelnd nach dem Studenten hinsah. »Dem

Reinen ist Alles rein!« fuhr er fort. »Und Euch, mein lieber Monsieur,

wäre zu wünschen, daß Ihr immer auch nur in einer solchen

wissenschaftlichen Absicht das weibliche Geschlecht anschauen möchtet.«

»Ich lege mich stark drauf,« versicherte der junge Mann. »Euer Beispiel

spornt mich an.«

»Das kann ich ihm bezeugen;« fügte der andere hinzu. »_Morgué!_ Er hat

auch hier schon in dieser Beziehung das Terrain recognoscirt, wie es uns

Franzosen im Feindeslande geziemt --«

»Still, still!« unterbrach ihn bedeutungsvoll der Professor, indem er

auf die übrigen, im Hintergrunde des Theezimmers versammelten Gäste

deutete. »In diesen bedenklichen Kriegszeiten werdet Ihr wohlthun, Euch

nicht allzulaut als Feinde der hochmögenden Heern Generalstaaten zu

bekennen. Was Franzosen? Ihr seyd wallonische Musenkindlein und als

solche inscribirt in das große Buch der Academie.«

»Ich bin ein Franzos und sage es laut!« rief jener und schlug, kühn um

sich schauend, mit der geballten Faust auf den Tisch, daß das japanische

Porcellan zusammenklirrte. »Meint Ihr, ich heiße umsonst =Le Vaillant=

und sey aus der herrlichen Gascogne in Euer miserables Land gekommen, um

mein Vaterland und meinen Namen zu verleugnen? _Cadédis!_ Se. Majestät,

der allerchristlichste König, wird dieses Krämervolk nach seiner Pfeife

tanzen lehren, wie es ihm gefällt!«

Er warf einen trotzigen Blick auf die Bürgersleute und Seemänner, die

nur durch das laute Wesen des vorwitzigen Jünglings aufmerksam gemacht

wurden, aber zu seinem Glücke seine Sprache nicht verstanden. Man war

gewohnt, an öffentlichen Orten französisch reden zu hören, ohne gleich

deshalb die Anwesenheit von Franzosen anzunehmen, da ja auch die

befreundeten Flammländer, Brabançons und Wallonen sich meistens dieser

Sprache bedienten.

»Wenn du deinen kriegerischen Namen =Le Vaillant= geltend machen

willst,« nahm jetzt der andere Student das Wort, »so werde ich nicht

minder das Ansehen des meinigen zu behaupten suchen. =La Paix= klingt

wenigstens eben so gut wie =Le Vaillant=, und ist sicher im Allgemeinen

mehr beliebt. Ich bin der Balsam auf die Wunden, die Du schlägst. Du

bist der Dorn und ich die Rose, und wenn ich meine Stimme gebieterisch

erhebe, so müssen deinesgleichen schweigen und vom Schauplatze abtreten.

Doch genug der Scherze! Ich sehe Du willst dich ereifern, mein theuerer

=Le Vaillant=, und aller Eifer ist meiner friedfertigen Natur zuwider.

Wir haben wichtigere Dinge zu machen, als läppische Namenwitze. Wir

haben die wissenschaftlichen Anstrengungen unseres ehrwürdigen Lehrers

zu unterstützen, als Söhne der erlauchten Lugduner Academia müssen wir

der herrlichen Mutter zu Allem behülflich seyn, was ihren Glanz erheben

kann?«

Der Professor war ganz Ohr geworden. Er vernahm nur die lieblich

lautenden Worte, er sah nicht den Schalk, der in dem Auge des

muthwilligen =La Paix= lauerte.

»Was meinst du, Söhnlein?« schmunzelte er über den Tisch herüber. »Hast

Du ein seltsames Thier aufgefunden, ein Curiosum, vielleicht gar irgend

ein liebenswürdiges Monstrum, das noch in unserm _museo rerum

naturalium_ nicht vorhanden?«

»Noch weit mehr, als das;« erwiederte mit großer Ernsthaftigkeit =La

Paix=. »Wir haben den =Dicksten= wiedergesehen, und haben seine Wohnung

ausfindig gemacht.«

»Wie?« rief =Eobanus= in neu erwachender Begeisterung. »Meine Mumie,

meinen =Amenophis=, den grausamen, unbeugsamen Pharao Egyptens --«

»Ihn selbst;« versetzte der junge Mann. »Man hat uns auch allerlei

erzählt von ihm auf unsere Erkundigungen. Seine Tochter =Clelia=, die er

schnöder Weise =Clötje= nennt, soll das schönste Mädchen in =Rotterdam=

seyn. Er selbst mag wunderliche Grillen im Kopfe tragen, denn die Leute

sagen, er spotte des Christenthums und verehrte ein heidnisches

Götzenbild des =Schiwa= oder =Brama=, das in seinem Staatszimmer auf

einem hohen Piedestal stehe.«

»=Brama= und =Schiwa=, =Osiris= und =Serapis=!« jauchzte der Professor,

einer Verzückung nahe. »Welche Verwandtschaft, welche Analogie! O Gott!

Der Mann ist zur Mumie geboren und hat den verbrecherischen Eigensinn,

seine Bestimmung verleugnen zu wollen.«

»_Sandis!_« hob jetzt verdrießlich =Le Vaillant= an, und schlug bei

diesen Worten ein Schnippchen. »Ich gebe nicht so Viel für das

Mumientalent des dünnen Dicken. Aber die schöne Tochter entflammt mich,

und ihr zu Gefallen habe ich Fensterwanderung gemacht vor seinem Hause.«

»_Paix!_« rief =La Paix= sich selbst aus und warf seinem Gefährten einen

bedeutungsvollen, verweisenden Blick zu. »Ich leugne nicht, daß die

Grazien auch für mich ihre Annehmlichkeit haben, allein wo die

Uebermacht der Musen erscheint, da müssen sie billig in's Dunkel treten.

Wie können sich diese eines Zaubers rühmen, wie jene ihn geltend machen?

Es ist keine Kunst schön zu erscheinen, wenn man es ist. Aber die

Wundermacht der Wissenschaft verleiht auch solchen Körpern

unwiderstehliche Reize, die deren gar keine besitzen. Sie kann eine

Kreuzspinne zum Gegenstande inniger Liebe, eine Kröte zu dem der

tiefsten Verehrung machen und in der That, ist denn nicht jene Sage von

der Spinne, die sie nach hundert Jahren zu einem Demant verhärten läßt,

nicht fast gleich mit dem egyptischen Glauben von der Lotosblume, hat

nicht die tausendjährige Kröte, die im Innern eines Steins gefunden wird

--«

Die Mumie von Rotterdam. Erster Theil · 第 4 / 13 段