hatte bisher nicht einmal geahnt, warum sein hochedler Prinzipal ihm
zürne. Nun sah er es ein und es kam auch zugleich eine solche Reue über
ihn, daß er anfing zu weinen und laut zu schluchzen. Er machte sich
selbst im jämmerlichsten Tone die heftigsten Vorwürfe über seine
unzeitige Schwatzhaftigkeit. Er gerieth nach und nach in eine so
verzweiflungsvolle Stimmung, daß Herr =van Daalen=, der im Grunde ein
sehr gutes Herz besaß, bald sehr gerührt wurde und in der Furcht, der
alte Mann könne sich ein Leid thun, ihn zu trösten begann. Es fruchtete
aber Alles nichts. =Jeremias= gebehrdete sich immer kläglicher, das
mitfühlende Herz seines Patrons wurde immer weicher, er mußte am Ende
auch weinen und als Beiden der Hausknecht die Thüre des =van
Daalenschen= Hauses auf ihr Klopfen öffnete, war dieser nicht wenig
erstaunt, seinen Gebieter und den alten Buchhalter in Thränen auf der
Straße zu finden.
3.
=Clelia van Vlieten= war ein Mädchen von einigem Verstand und einiger
Ueberlegungskraft, aber nur für die gewöhnlichen Fälle ihrer sehr
beschränkten Lebensweise. Wenn Junker =Cornelius= ihr darüber etwas
Schmeichelhaftes sagte, so lag der Grund dazu theils in seiner eigenen,
einem liebenden Herzen entsprossenen Ueberzeugung, theils in dem
allgemeinen Glauben der Rotterdammer, des reichen =van Vlietens Clötje=
müsse, so wie ein Wunder an Schönheit, auch eins an Verstand seyn.
=Clelia= hatte selbst, da man sie sehr oft in dieser Beziehung ins
Gesicht gelobt und niemand in ihrem Hause und in dem Kreise ihrer
Bekanntinnen ihr entgegenstand, den sie übersehen hätte, eine nicht
geringe Meinung von ihren geistigen Fähigkeiten in sich aufgenommen.
Diese reichten auch völlig für die häuslichen Geschäfte, für den Umgang
mit dem Vater und den Freundinnen aus; trug sich aber etwas
Außerordentliches zu, wurde sie von einem unerwarteten Ereignisse
beängstigender oder erschreckender Art überrascht, so war es in einem
Augenblicke vorbei mit ihrer Gedankenfähigkeit, sie war dann willenlos,
Alles wurde ihr zu einem Gegenstande unklarer Besorgniß und sie folgte
dann, ohne nachsinnen, ohne überlegen zu können, jedem Rathe, der ihr
eben gegeben wurde und den sie vielleicht in einer andern ruhigen Stunde
unbedingt verworfen haben würde. Die Ursache dieses Mangels an
Selbstständigkeit war ohne Zweifel ihre beschränkte Erziehung und der
einförmige Gang ihres Lebens, in dem ein Tag wie der andere, ohne die
mindeste Abweichung von der einmal eingeführten Ordnung, verstrich. Der
lebhafte =Cornelius= zeichnete sich durch seine körperlichen Vorzüge und
durch die Gewandtheit seines Betragens zu sehr von den wenigen übrigen
jungen Männern ihrer Bekanntschaft aus, um nicht, da er ihr auch sonst
in Hinsicht auf die Glücksumstände seines Vaters am Nächsten stand, von
ihr mit günstigen Blicken betrachtet zu werden. Die kecke Art und Weise,
mit der er sich ihr näherte, seine heitere Laune und die leichte, aber
doch zarte Anknüpfung eines innigeren Verhältnisses von seiner Seite,
hatten ihr ganz und gar nicht mißfallen. Nur als er nach und nach anfing
sich zu vergessen, als er länger bei ihr auf der Straße und in der
Kirchthüre verweilte, als früher, und sein trauliches Flüstern zu =van
Vlietens Clötje'n= die Aufmerksamkeit der Leute erregte, da begann das
Mädchen nachzudenken und zu überlegen, und kam zu jenem Resultate, das
den leichtgestimmten und auch ziemlich leichtsinnigen =Cornelius= in die
chinesische Stube ihres Vaterhauses, in den Leib des =Schiwa= führte und
sie selbst in eine Bestürzung brachte, die von dem eben beschriebenen
Zustande der Gedankenunfähigkeit begleitet war.
Sie saß wie auf Kohlen ihrem Vater gegenüber im kleinen Gemache, das
fern von dem Zimmer war, in dem sie den Geliebten zurückgelassen hatte.
Ihre Hand zitterte, als sie dem alten Herrn den Thee kredenzte. Sie
hatte den Zucker vergessen und er trank in seiner Aufgeregtheit den Thee
hinunter, ohne das zu bemerken. =Clelia= sah bei aller Betretenheit wohl
ein, daß ihr Vater einen gewaltigen Groll gegen die =van Daalen= im
Herzen berge, aber sie wußte die Ursache nicht und vermochte jetzt auch
nicht darüber nachzusinnen. Einzelne Ausrufungen, die er unter dem
Theetrinken ausstieß, gaben ebensowenig einen weitern Aufschluß. Dieser
Ausrufungen waren ohnehin nur drei, und so kräftig sie sich vernehmen
ließen, so wenig klärten sie die Sache selbst auf. Als Herr =Tobias= die
erste Tasse getrunken hatte, stieß er die chinesische Porzellanschale
klirrend auf den Tisch und sagte im Tone heftiger Erbitterung: »Der
Windmacher!« Bei der zweiten rief er ingrimmig: »Der Schwindelkrämer!«
Die dritte ließ er unberührt stehn, indem er wild schrie: »Der Lump!«
und dann hastig, ohne =Clelia= die gewöhnliche gute Nacht zu wünschen,
in sein Schlafzimmer eilte, das er hinter sich verschloß.
In dumpfer, unklarer Erstarrung sah die Tochter ihm nach. Das hatte sie
noch nie erlebt. Um zweier Tassen Thee willen, hatte es ihr Vater noch
nie der Mühe werth gefunden, sich niederzusetzen; nur wenn er sein
volles Dutzend genossen, bedurfte es einiger Ueberredung, ihn noch zu
etlichen Schalen zu bewegen. Selten aber widerstand er einer solchen
Ueberredung, oft wartete er sie kaum ab. Heute war das nun ganz anders
gewesen, heute hatte Herr =van Vlieten=, zum erstenmale seit der Tochter
Gedenken, das Prinzencollegium versäumt, nur wenigen Thee getrunken und
seiner =Clötje= keine gute Nacht gegeben! Schreckliche Dinge mußten
vorgegangen seyn, die den pünktlichen Mann aus seinem gewöhnlichen
Lebensgleise rissen! Schreckliches erwartete gewiß die Tochter, wenn
=Tobias= erst zur Besonnenheit, zu einem Entschlusse gekommen war!
Sie schlich schwankend aus dem Zimmer, wo die unterbrochene Theepartie
statt gefunden hatte. In den Gängen des Hauses war es still und einsam.
Das Gesinde befand sich in den Gemächern des Erdgeschosses. Wenn Herr
=Tobias= sich einmal in seine Zimmer zurückgezogen hatte, so durften in
der Regel die Diener keine Störung von seiner Seite mehr erwarten.
=Clelia= war in einer Sinnenbetäubung, in der sie nur mit Mühe =einen=
Gedanken, den an den versteckten =Cornelius=, festhalten konnte. Das
Licht, das sie in der Hand trug, erschien ihr wie ein ferner, dämmernder
Schein. Die Schläge ihres Herzens waren so stark, daß sie ihre Brust
beengten und das geängstigte Mädchen einigemale stehen bleiben mußte, um
Odem zu schöpfen. Endlich hatte sie die Thüre des großen Gemaches, das
mit dem =Schiwa= und den chinesischen Wackelköpfen auch den gewesenen
Kriegshauptmann =Cornelius= mit seinem unbesonnenen Feuerkopfe
beherrbergte, erreicht. Ihre Hand fiel mechanisch auf den Griff der
Thüre und diese öffnete sich.
Da zeigte sich ihrem ersten Blicke, der besorgt in das kerzenerhellte
Zimmer fiel, der stillgeliebte Freund ihrer Seele. Er saß in einer sehr
tiefsinnigen Haltung auf dem Postamente des Götzenbildes, mit
untergeschlagenen Armen, mit niedergesenktem Haupte. Bei dem Eintritte
=Clelia's= machte er eine geringe Bewegung, die aber nur andeutete, daß
er sie bemerkt habe. Er ließ die Zitternde auf sich losschreiten, er
sagte kein Wort und verließ seinen Platz nicht. Als sie endlich mit dem
blaßen, zerstörten Antlitze vor ihm stand, sah er die schweigende
Jungfrau ebenfalls schweigend einige Augenblicke lang an, schüttelte
dann mit dem Haupte und ließ aus tiefster Brust einen laut durch das
Gemach klagenden Seufzer vernehmen. Sein Angesicht war dabei in ernste
Falten verzogen, eine Wolke des Unmuths schwebte auf seiner Stirne,
seine Augen, seine ganze Gebehrde, strebten Kummer und Wehmuth
auszusprechen; allein ein anderer, der nicht so befangen und
fassungslos, wie =Clelia=, gewesen wäre, hätte dieses ganze Aeußere als
eine Larve und den Schalk hinter ihr erkannt.
»Um Gott, was fehlt Euch, Junker =Cornelius=?« fragte zitternd und
zagend das Mädchen. »Wenn unsereins seufzt, so geschieht es gar
vielemale nur zum Zeitvertreibe, wenn Ihr aber anfangt, so jämmerlich zu
thun und zu stöhnen, so muß der Welt Untergang nahe seyn!«
»Er ist nahe;« versetzte dumpf und eintönig der junge Mann. »Ist unsere
Liebe nicht unsere Welt? Bei dem Marschallsstabe des Prinzen =Eugenius=!
so ist es und man hat unserer Liebe den Untergang geschworen. Ohne
Liebe kann die Welt nicht bestehen. Sie geht unter: die Sonne erlischt,
die Sterne sind ausgebrannt, die Erde fällt in Stücken.«
Er hatte diese letzten Worte mit einem mächtigen Pathos ausgesprochen
und beobachtete nun die Wirkung, welche sie auf =Clelia= hervorbrachten.
Sie war noch bleicher geworden, sie zitterte noch mehr. =Cornelius= sah
ein, daß sie sich jetzt in jenem Zustand befand, wo sie keiner
Ueberlegung fähig sey und den er zur Ausführung eines unbesonnen und
leichtsinnig von ihm entworfenen Planes gerade geeignet fand.
»Ja, theuere =Clelia=,« fuhr er in einem Tone der Rührung und Weichheit
fort, der ihm sehr schwer fiel, »man will uns trennen. Nicht für Tage,
für Monden, für Jahre, nein! für das ganze Leben. Und um welcher
nichtswürdigen Ursachen willen? Um welches elenden Dinges willen, das
nicht einmal wagt, sich am Lichte des Tages zu zeigen, das mit Gewalt
erst aus seiner dunkeln Verborgenheit hervorgerissen, gewaschen und
geschlagen, zur Ehrlichkeit geprägt und gestempelt werden muß, damit es
in der honetten Welt erscheinen kann? O, Gold, Gold, wie kann doch
deine Macht die edelsten Herzen tirannisch und hart machen, die
trefflichsten Gemüther, wahre Lammesnaturen, in grausame Tigerseelen
verwandeln! Ja, =Clelia=, wir sollen getrennt werden. Als ich verborgen
stand im Leibe des =Schiwa=, als ich durch seine großen Glasaugen, wie
durch Fenster hinabsah in dieses Gemach, als ich unsere Väter hier
erblickte, als der alte würdige =Jeremias Hoontschoten= zu ihnen
getreten war, um ihnen eine Hiobspost zu verkündigen, als da im
Ueberdrange der Leidenschaften ihre Seelen auf ihre Lippen traten -- da,
=Clelia=, liebwertheste Jungfrau -- da habe ich schauderhafte Dinge
gehört!«
Hier machte =Cornelius= wiederum eine Effectpause, die ganz seiner
Absicht entsprach. =Clelia= sank wie erschöpft in einen Sessel. Dumpf
lag es in ihrem Kopfe, ihre Erkenntniß war unklar, sie glaubte jetzt
Alles, womit =Cornelius= drohen konnte, sie empfand nur die Furcht vor
den schrecklichen Eröffnungen, die sie von ihrem Freunde zu erwarten
hatte.
»Sagt mir Alles!« bebte es endlich über ihre Lippen. »Wenn der Vater
sich von mir oder gar gegen mich wendet, so habe ich ja keinen andern
Beistand auf der Welt, als Euch!«
»Leider ist es so;« versetzte mit großem Ernste, zu dem der schalkhafte
Ausdruck der Augen gar nicht einstimmen wollte, der junge =van Daalen=.
»Aber was auch geschehe, was auch Euch Schweres auferlegt werde, verlaßt
Euch auf meine Hülfe, auf meine Liebe! Ja, wenn es selbst Euer grausamer
Vater so weit triebe, seine entsetzliche Drohung wahr zu machen, Euch
von der Gemeinschaft derjenigen zu entfernen, mit denen Ihr einen und
denselben beruhigenden Glauben getheilt, wenn er Euch hinter Mauern,
hinter Riegel, hinter Eisenstäbe verwahrt hielte, selbst dann soll mein
Beistand Euch nicht fern bleiben. Ich werde Eueren Kerker aufzufinden
wissen, und wäre er in der ödesten Einsamkeit, wohin nie eines
Menschenfuß sich verirrt, ich werde die Mauern stürzen, die Riegel
zertrümmern, die Eisenstäbe brechen und Euch als Preis, als
überschwenglichen Lohn meiner thätigen, unerschrocknen Liebe davon
tragen!«
»Aber, mein Gott!« fragte in der höchsten Beängstigung, und die
schreckenvollen Blicke auf =Cornelius= heftend, das Mädchen: »Trägt denn
der Vater wirklich so Arges gegen mich im Sinne? Will er mich einsperren
in ein gräßliches Gefängniß, wo ich verlassen und ganz allein bin mit
meinem Jammer und meiner Verzweiflung? Was habe ich denn verbrochen, das
eine so entsetzliche Strafe verdiente?«
»Fragt danach die Tirannei?« deklamirte pathetisch =Cornelius=. Dann
stieg er von seinem erhabenen Platze herab, setzte sich neben =Clelia=
nieder und fuhr im zärtlichsten Tone fort. »Theure =Clelia=! der einzige
Freund, den Du auf Erden besitzest, spricht jetzt zu Dir und wird Dir
ein Geheimniß entdecken, das Dich geistig und leiblich mit einem
Verderben bedroht, dem Du nur durch =ein= Mittel, auf =einem= Wege
entgehn kannst. Du liebst Deinen Vater, Du achtest ihn, aber --
erschrick nicht -- er ist ein geheimer Catholik.«
»Entsetzlich!« rief =van Vlietens= Tochter, die in diesen Augenblicken
die Leichtgläubigkeit selbst war. »Und davon habe ich nie etwas bemerkt,
nie etwas geahnt.«
»Er wußte es klug zu verbergen;« sagte =Cornelius= mit einiger
Verlegenheit. »Aber oft, meine Geliebte, warest Du doch Zeuge, wenn der
ehrwürdige Domine unserer Gemeinde ihn ermahnte, nicht von der rechten
Lehre abzuweichen, wenn er in leichtverständlichen Andeutungen ihm
Lauheit und Gleichgültigkeit vorwarf. Glaube mir: der Mann hat einen
scharfen Blick und sah durch das Geheimniß. Ich weiß es erst seit diesem
Abende. Während seines Aufenthaltes in Indien muß Dein Vater in irgend
einer portugiesischen Niederlassung, vielleicht in =Goa=, seinen
Uebertritt bewerkstelligt haben. Er verrieth sich, als =Hoontschoten=
die Unglücksnachricht brachte, daß mein Vater ein Paar tausend Dukaten
weniger in seiner Casse zähle, als Heer =Tobias=. Zum größten Unglück
schien er auch mich in meinem Verstecke wahrzunehmen. Da brach er los in
unbändiger Wuth. Er schwur, daß Du nimmer die Meinige werden solltest,
daß er Mittel in Händen habe, unsere Hoffnungen für immer zu vereiteln,
daß er beim heiligen =Franz von Assisi= -- merke wohl auf, Theuerste, er
schwor bei einem katholischen Heiligen -- Dich nach Brabant bringen,
dort Dich zwingen wolle, ebenfalls katholisch zu werden, damit er Dich
in ein Kloster stecken könne, wo Du dann in einem langen, einsamen und
von allen Weltfreuden abgeschlossenen Leben von meinen Zudringlichkeiten
nichts mehr zu befürchten haben würdest. So sprach der Schreckliche!
Eine Nonne sollst Du werden, Holdseligste. Eine =Nonne=! Bedenke wohl,
was alles Entsetzliches in der Bedeutung dieses Wortes liegt!«
»Es ist nicht möglich!« stöhnte =Clelia=, starr vor sich hin brütend. »O
mein Kopf, mein armer Kopf! Das ist Alles so wild und verwirrt auf mich
eingestürmt, daß ich ganz betäubt, ganz wüst im Gehirn bin. Ich kann
nicht bedenken, warum diese Dinge so sind, ich höre nur das Entsetzliche
und ich muß es glauben, ich muß es in mich aufnehmen, ich muß es
schrecklich empfinden, ohne es prüfen, ohne ihm einen Widerstand
entgegensetzen zu können. Verlaßt mich nicht, Junker =Cornelius=! Gebt
mir Rath, leistet mir Beistand. Eher den Tod, als von meinem Glauben
lassen! Meinem Vater habe ich Pflichten, aber meinem Schöpfer auch, und,
wo es das bessere himmlische Theil gilt, da muß das irdische nachstehn.«
»Das ist auch meine Meinung;« stimmte der junge Mann in einem unsichern
Tone ein. Er fühlte sich durch =Clelias= Zustand gerührt. Er machte sich
Vorwürfe über den Leichtsinn, mit dem er an ein in der That strafbares
Unternehmen gegangen war, er war nahe daran, sich zu verrathen. Da aber
führte die Einbildungskraft ihm ein lockendes Gemälde der Zukunft vor:
er sah sich als den Gatten des geliebten Mädchens im beglückten
Hausstande, in dem Fluge eines Augenblickes gingen alle Reize, alles
Wünschenswerthe des Gattenlebens mit =Clelia= an seiner Seele vorüber,
und -- jetzt sank mit einemmale dieses schöne Bild, das allein der
wohlausgesonnene Plan verwirklichen konnte, in seine Nichtigkeit zurück,
wie ein grausam täuschender Traum, und er mußte des geldgierigen
=Tobias= gedenken, der dem minder Reichen nimmer die Tochter vergönnen,
sie vielleicht dem ersten besten Bewindhebber aus =Amsterdam= oder einem
nach Indien gehenden =Rathe= hingeboten würde! Alle Zweifel, alle
Bedenklichkeiten verschwanden. Er beschloß, das einmal begonnene
Unternehmen standhaft zu Ende zu bringen und fuhr nun, indem er die
Larve des Mitleidens und der liebevollen Theilnahme fester vornahm, zu
=Clelia= herabgebeugt fort: »Du befindest Dich in einer entsetzlichen
Lage, Theuerste, aber sie ist doch nicht so verzweifelt, daß wir ringsum
forschten und kein Rettungsmittel erspähen könnten. Bei dem Seeruhme
=Ruyter's= und =de Tromp's=! =Cornelius van Daalen= ist der Mann, der
hier zu helfen weiß und helfen wird. Im Hause Deines Vaters darfst Du
nicht bleiben. Er selbst hat Dir Thüre und Thore geöffnet mit seinem
Abfalle vom rechten Glauben, mit seiner mehr als schrecklichen Drohung,
Dich zu einer Nonne zu machen. Deine Pflicht erfordert, daß Du Dein
Seelenheil rettest. Hier ist nichts zu bedenken, nichts zu überlegen.
Nur eins thut noth: Entziehung aus tyrannischer Gewalt. Höre meinen
Plan, Geliebte! Höre was Dein =Cornelius= ersonnen hat, Dir zu helfen!
Nahe bei der guten Stadt =Mastricht= wohnt die einzige noch lebende
Verwandte Deines Vaters, Deine Muhme, die ehrenwerthe Jungfrau =Jacobea
van Vlieten=. Ich lag bei ihr im Quartiere in Kriegszeiten. Sie ist ein
vortreffliches Frauenzimmer, von den festesten Religionsbegriffen, und
wie sehr sie Dich liebt, wie sehr sie wünscht, Dich zum Besuche bei sich
zu sehen, das weißt Du am Besten aus ihren Briefen. Zu ihr lasse Dich
führen von mir. Hier droht Dir geistiges und leibliches Verderben, dort
wartet Dein himmlischer und irdischer Friede. Die Barke eines meiner
Freunde liegt gerüstet und segelfertig im Haven. Mit dem ersten Strahle
der Sonne ist sie bestimmt, nach Antwerpen abzugehn. Er nimmt uns
freudig auf, ein günstiger Wind führt uns an ein Ufer, wo Du nichts
mehr von der Grausamkeit eines Mannes zu befürchten hast, der den von
seinen Vätern ererbten heiligen Glauben verleugnen konnte und auch Dir
die Seligkeit rauben will, die er für sich selbst nicht mehr hoffen
darf.«
=Clelia= begriff von Allem, was =Cornelius= sagte, Nichts, als daß die
Reise zu der Muhme sie von dem schrecklichen, gefürchteten Abfalle von
der rechten Lehre erretten, vor dem ihr durch tausend schauderhafte
Erzählungen furchtbar gemachten Klosterzwange schützen solle. Sie dachte
nicht an =Cornelius=, nicht an ihre Liebe. Sie war in der strengsten
Gottesfurcht, in der beschränktesten Ansicht der Religion, wie sie
damals in den Niederlanden nach den schärfsten Grundsätzen der
reformirten Lehre geübt wurde, auferzogen. Ihr Glaube galt ihr mehr, als
ihr Leben, mehr als Vater und Geliebter.
»Ja, ich muß fort, ich muß zu der Muhme!« stammelte sie, indem sie beide
Hände des jungen Mannes, wie ein Schiffbrüchiger das letzte
Rettungswerkzeug, ergriff. »Ich will Euch für meinen guten Engel
ansehen, wenn Ihr mich dorthin führt, Junker =Cornelius=. Aber allein
-- nein! ich darf nicht allein gehn. =Philippintje=, die Hausjungfer,
muß mit. Sie ist eine gute, gottesfürchtige Person und ging mir zu
Liebe, wer weiß, wohin! Kommt, lieber Junker! Wir wollen =Philippintje=
aufsuchen.«
Das war nun freilich eine Aenderung in dem Plane des jungen Mannes, auf
die er nicht gerechnet hatte. Dennoch hoffte er, daß auch die
Verflechtung dieser dritten Person in das unbesonnene Unternehmen
glücklich von statten gehen werde. =Philippintje= war eine alte Jungfer,
die keine Predigt und keine Betstunde versäumte. Jedesmal wenn sie in
das Zimmer trat, wo das Götzenbild stand, gerieth sie in einen heiligen
Eifer. Sie disputirte heftig mit Herrn =Tobias=, sie verlangte, daß das
unchristliche Bild fortgeschafft würde aus dem christlichen Hause, aber
Herr =Tobias= steigerte dann gewöhnlich noch ihren Zorn, indem er sie
auslachte und um, wie es früher seine Lust war, sich recht aufgeklärt zu
zeigen, die Meinung aussprach: alle Religionen seyen gut und der
Anbeter des Brama wie der des Mahomet, käme so gut in seinen Himmel, wie
der Christ in den seinigen, wenn er es anders verdiene. Diese oft
aufgestellte Behauptung hatte zuletzt die starkgläubige Wallonin
erbittert, sie sagte gar nichts mehr über den Schiwa, aber sie lebte nun
in der festen Ueberzeugung, daß, was Religionsangelegenheiten betreffe,
=Herr van Vlieten=, zu Allem fähig sey.
=Clelia= zog den etwas bedenklich gewordenen =Cornelius= mit sich nach
dem Schlafzimmer =Philippintje's= fort. Der Weg führte sie durch das
Gemach, wo früher =Clelia= ihrem Vater den Thee kredenzt hatte, wo noch
dessen dritte Tasse unberührt auf dem Tische stand. Das Mädchen riß sich
mit einem Seufzer von ihrem Führer los. Sie schwankte an die Thüre des
väterlichen Schlafzimmers, sie lauschte, sie vernahm die Odemzüge des
Schlafenden.
»Er kann schlafen und trägt so arge Gedanken im Herzen!« stöhnte
=Clelia=.
Da erklang des Vaters Stimme im Nebengemache und er sprach mit dumpfem
Tone im Traume:
»Ja, ja, er soll und muß verbrannt werden, der Störer meines
Hausfriedens! Wie will ich mich ergötzen, wenn ich ihn aufflammen sehe
in lichter Lohe!«
»Im Traume ist Wahrheit;« flüsterte =Cornelius=, der hinter =Clelia=
getreten war, dieser zu. »Er spricht von mir. Mir gilt die Drohung mit
dem entsetzlichen Autodafé. Er möchte gern die Inquisition in unserm
Lande eingeführt wissen. Das muß Euch die Wahrheit meiner Behauptung
verbürgen.«
Der junge Mann hielt für gut die Sprache der Leidenschaft, in der er
bisher die betäubte =Clelia= bestürmt, jetzt, da er sie für seine
Absicht gewonnen, herabzustimmen und zugleich das vertrauliche =Du=
wieder in das ehrerbietigere =Ihr= zu verwandeln. Er fürchtete
=Philippintje's= Scharfblick. Sie hätte leicht entdecken können, daß die
Liebe mehr Theil an seinen Rathschlägen und seinem Verfahren habe, als
Noth thue, und dann wäre sie wohl auch ebenso leicht auf die Vermuthung
gekommen, das Ganze sey nur eine eitle Vorspieglung gewesen, um ihre
jugendliche Gebieterin dem väterlichen Hause zu entführen. Zeigte er
sich aber immer innerhalb den Schranken der Ehrerbietung, brachte er nur
seinen Abscheu vor der schrecklichen Glaubensverläugnung, vor der
beabsichtigten Gewaltthat des Vaters gegen die Tochter in Anschlag; so
konnte er überzeugt seyn, in =Philippintje= eine ebenso treue Helferin
zu finden, als sie ein gutes und strengrechtgläubiges Mitglied der
reformirten Kirche war.
=Philippintje= hatte sich noch nicht zur Ruhe begeben, als ihr liebes
=Clötje=, bleich und mit allen Zeichen großer Beängstigung, zu ihr in
das Schlafgemach trat. Vor der Thüre harrte =Cornelius= mit pochendem
Herzen auf den Erfolg der gewiß überraschenden Mittheilung. Von diesem
Augenblicke hing Alles ab. Sah =Philippintje= hell genug, um sein
dreistes Lügengewebe zu durchdringen, wurde sie nicht gleich Anfangs
durch die Entdeckung, daß sie bisher einem heimlichen Katholiken ihre
Dienste gewidmet, in ihren reizbarsten Empfindungen berührt und mit
Blindheit geschlagen, so war nicht allein Alles vergebens gewesen, so
mußte =Cornelius= selbst fürchten, seiner unbesonnenen Täuschung wegen,
=Clelia's= Gunst für immer verscherzt zu haben und nie wieder auf eine
Hand Anspruch machen zu dürfen, deren Besitz, hätte sie auch nicht einen
Goldschatz von siebenmalhunderttausend Dukaten gehalten, ihm den
höchsten Zweck seines Lebens galt.
»Bei dem letzten Kanonenschusse, der einst in der Welt gethan werden
wird!« sagte er, indem er sein Ohr zum Schlüßelloche neigte. »Ich will
lieber vor einer geöffneten Batterie stehen, als in einer solchen Lage
vor der Schlafkammerthüre einer alten Jungfer. Was ist es doch für eine
schöne Sache um ein gutes Gewissen! Stehe ich nicht hier, wie ein armer
Sünder, der den Beilschlag von Meister Kopfab erwartet auf dem
Hochgerichte? Und woher kommt das ganze Unglück? Vom =Denken=, vom
verwünschten bösartigen =Denken=! Da vergeß ich unglücklicherweise nur
einen Augenblick meiner guten Gewohnheit, auch wenn ich allein bin, mir
nur vorzuschwatzen, und das fatale =Denken= erwischt mich beim Kragen
und flüstert mir tolles Zeug ein und treibt es zur Ausführung, ich mag
wollen oder nicht. Und nun steht mir eben das =Denken= wieder als mein
schlimmster Feind gegenüber, denn wenn die holdselige =Philippintje=
anfängt zu =denken=, so ist's aus mit meinen schönen Entwürfen, und
meine blühenden Hoffnungen sterben ab im Nachtfroste.«
Aber in diesem Augenblicke erhob sich im Innern des Schlafgemachs heftig
und schneidend die Stimme der Hausjungfer: